5. Der Tod kehrt ein.
Nun begann für Friedel ein neues Leben, anstrengender, härter, aber auch männlicher als bisher. In der Mühle arbeitete er unter Anleitung des Talmüllers, der nicht immer ein bequemer Geselle war. Selbst von gewaltiger Kraft und zäher Ausdauer, verlangte er oft zuviel von dem schnell wachsenden Knaben, ward leicht ungeduldig und konnte sogar, wenn ihn der finstere Geist überfiel, recht hart sein. Aber Friedel gedachte des Furchtbaren, das der Mann erduldet, darum hielt er ihm alles zugut und hütete sich, ihn zu reizen. Desto wohler tat’s ihm, daß der Müller ihm völlig vertraute, ihn sogar nicht selten allein zum Franzl am Stein schickte und ihn tagelang dort verweilen ließ. „Wenn der Bub in die Welt ziehen will, muß er mit Menschen umgehen lernen“, sprach er; „sonst möcht’s ihm übel ergehen.“
Allzuviel von der Welt erfuhr der Knabe freilich nicht im Haus des freien Bauern, denn weder dieser noch seine Söhne waren jemals weiter gekommen als zum Markt der nächsten Stadt, die etwa fünf Stundenweit entfernt lag. In den Hütten der armen Talbewohner aber, denen er ihre Mehlsäcklein brachte, sah die Welt gar nicht herrlich, sondern recht kümmerlich aus. O wie mußten sie sich plagen mit hartem Frondienst auf des Edelmannes Land, ehe sie nur ihr eigen Äckerlein bebauen durften! Wie schnell zog bittere Armut in die Hütte, wenn etwa der Mann krank daniederlag! Und ach, wie groß war die Unwissenheit der armen Leute! Eine Schule gab’s nicht im Tale; der Priester aber, der wohl Zeit gehabt hätte, die Kinder ein wenig zu lehren, schlief lieber im Lehnstuhl oder zechte mit des Edelmannes Beamten.
Ganz anders stand es in Franzls freiem Hof. Nicht nur Genüge, sondern Überfluß herrschte darin, dazu gute, etwas strenge Zucht. Die Buben und Mägdlein lernten alle zu rechter Zeit lesen und beten beim Großvater, der freilich die Haselrute stets dabei hatte und wohl zu gebrauchen wußte. Am meisten Gefallen fand Friedel an Franzls jüngstem Sohn Joseph, etwa zwei Jahre älter als er, aber nicht etwa viel größer und stärker; o bewahre! Dieses munteren Burschen Sinn stand auch hinaus ins Weite. Und da schon zwei verheiratete und zwei ledige Söhne auf dem Hof wirtschafteten, hatte niemand etwas dawider, daß er nächstes Frühjahr zu einem Verwandten nach Bayern ziehen wollte, um dessen Handwerk zu lernen. Er war Silberschmied. So sollten die beiden Freunde miteinander wandern, nur daß Friedels Weg noch ein wenig weiter führte, bis nach Preußen. Von den großen Landstrecken, die dazwischen lagen, von denBeschwerden, Gefahren und Versuchungen, die ihnen drohten, hatten die guten Jungen keine Ahnung, und die Alten auch nicht viel mehr. Sie meinten, viel anders könne es ja in der Welt auch nicht aussehen als hier im Salzburger Ländchen.
Was war das für ein Festtag, als Christoph dem Friedel seinen alten Stutzen schenkte und ihm erlaubte, auf das kleine Wild um die Mühle her Jagd zu machen! Ännchen beklagte es freilich, daß die Häschen, Eichkätzchen und wilden Kaninchen nun so geängstet und verscheucht wurden; doch hatte sie nichts dagegen, daß Friedel den bösen Mardern und Wieseln, die ihren Hühnern so gefährlich waren, eifrig nachstellte. Bald verfehlte er nur selten sein Ziel; und als er einen Geier, der über der Mühle kreiste, herabschoß, erschien er dem Mägdlein als ein rechter Held.
Zwei Jahre größerer Freiheit und strammer Arbeit hatten dem Buben gutgetan; er blickte frisch und mutig ins Leben und wuchs schön und kräftig heran.
„Nur noch ein Jahr“, sagte er oft zu Ännchen, „dann bin ich siebzehn; dann geht’s fort in die weite Welt! So wein’ doch nicht; ich komme ja wieder! Draußen werd’ ich schnell ein Mann, verdiene viel Geld, kauf’ mir eine Mühle und hol’ euch alle zu mir.“
Zu solchen Luftschlössern lächelte Ännchen wehmütig. Sie konnte sich gar nicht dazu aufschwingen, denn eine schwere Sorge lastete auf ihrem Herzen, die Sorge um die liebe Mutter.
Frau Marie war bis zu jenem entsetzlichen Unglückstag immer frisch und blühend gewesen. Aberder furchtbare Schrecken so kurz nach der Geburt des Kindes, der Tod des lieblichen Knaben und der jahrelange Kummer um den gefangenen Mann hatten ihre Gesundheit untergraben. Matt und elend war sie seitdem gewesen, hatte aber in selbstloser Sorge für die andern nur wenig darauf geachtet. Der böse Husten, der sie im kalten Winter oft quälte, ward immer wieder gelindert durch einen Tee aus heilsamen Waldkräutern, und im Sonnenschein meinte sie stets, sie sei nun wieder ganz gesund. In diesem Jahre aber ward es anders. Schon im Winter hatte sie wochenlang das Bett nicht verlassen können; jetzt ging sie zwar umher und griff die Arbeit an, mußte sie aber oft wieder liegen lassen, von unbesiegbarer Schwäche übermannt.
Ännchen rührte ja emsig die kleinen Hände; auch Tobi, der alles verstand, kochte wunderbare Gerichte und stand mit hochaufgestreiften Ärmeln am Waschfaß. Dennoch konnten beide die Mutter nicht ersetzen. Bald legte sich die Sorge um sie schwer auf aller Herzen; Christophs Stimmung aber ward durch diese Sorge wieder finsterer und trüber als je. Es war nicht seine Art, die warme, ja heiße und leidenschaftliche Liebe, die er im Herzen trug, zu zeigen. So wußte auch Frau Marie nicht, wie oft er sie beobachtete, wie weh es ihm tat, sie so matt und bleich und dabei doch geschäftig und treusorgend zu sehen.
Dreizehn Jahre waren vergangen seit jenem Schreckenstag; neun Jahre lebten sie nun schon vor aller Welt verborgen. War es nicht Zeit, sich wieder hinaus zu wagen unter freundliche, mitfühlende Menschen?Die Frau müßte es besser und bequemer haben! Ein Arzt könnte ihr vielleicht helfen! Und das Kind? Ach, es würde bald kein Kind mehr sein! War wohl dies einsame Tal der rechte Ort für ein heranblühendes Mägdlein? Selbst wenn es immer noch gefährlich wäre, sich im Salzburger Land offen sehen zu lassen, so war doch die Grenze nahe und leicht zu erreichen. Ein starker Mann wie er fand wohl überall Arbeit und Brot für sich und die Seinen.
Tag und Nacht bewegte er solche Gedanken in seinem Herzen, und war oft nahe daran, zu sagen: „Kommt, laßt uns in Gottes Namen aufbrechen in dieser schönen, warmen Sommerzeit und wieder unter Menschen gehen.“ Aber plötzlich überfiel ihn die finstere Scheu, die in den vier langen Kerkerjahren in seine Seele gezogen, und er konnte das Wort nicht aussprechen. Ach, er meinte, draußen müsse ihm jeder ansehen, wie man ihn damals niedergeworfen, wie einen Hund gepeitscht und grausam gemartert hatte!
Der Sommer verging, und das entscheidende Wort war nicht ausgesprochen worden. Es fing zeitig an, rauh und kalt zu werden; der Sturmwind schüttelte das Laub von den Bäumen und jagte düstere Wolken über den Himmel. Bleich und fröstelnd saß Frau Marie eines Abends in der Hütte, mit schwacher Hand den feinen Faden spinnend. Ännchen bereitete am Herd die Abendkost, obgleich es noch nicht die gewohnte Zeit war. Ach, Christoph war ja seit dem frühen Morgen fort; wie hungrig würde er heimkehren! Beim Dunkelwerden hatten Tobi und Friedel dieMühle geschlossen; sie wuschen sich den Mehlstaub von Gesicht und Händen und wechselten die Mahlkittel mit den warmen wollenen Jacken.
Da fuhren sie beide erschreckt zusammen; sie hatten ganz nahe im Walde einen Schuß gehört. Der Schall kam von der Schlucht her, in der der Mühlbach strömte. Friedel faßte sich schnell. „Er ist’s wohl selber“, sagte er. „Hat vielleicht dem Iltis aufgelauert, der neulich zwei Hühner totgebissen.“ Als sie aus ihrem Kämmerlein traten, kam ihnen die Frau mit dem Kinde schon entgegen, und nun fing auch der Hund an zu knurren und zu bellen, und rannte endlich in großen Sprüngen die Schlucht hinauf. Unschlüssig standen sie. Sollten sie ihm folgen? Der Talmüller konnte es gar nicht vertragen, wenn man ihn im Jagdvergnügen störte. Aber jetzt kam der Hund wieder, sprang winselnd an Friedel in die Höhe und zerrte Tobi an der Jacke.
„Er will uns holen; es ist ein Unheil geschehen“, flüsterte der kleine Mann dem Knaben zu.
„Geh’ hinein, Mutter“, bat Friedel; „der scharfe Wind tut deiner Brust weh. Gleich bringen wir dir Kunde!“
Eilig folgten sie dem aufgeregten Tier. Ach, sie hatten nicht weit zu gehen, da stand der Hund und stieß ein jämmerliches Geheul aus! Beim Mondenlicht, das eben durch die Wolken brach, sahen sie den Talmüller im hohen, halbverwelkten Waldgras liegen. Er regte sich nicht. Friedel war ganz starr vor Schreck; Tobi aber kniete bei seinem geliebten Herrn nieder und fühlte an sein Herz und seine Hände. „Es ist nochLeben in ihm“, flüsterte er. „Schöpf’ Wasser in die hohle Hand und netz’ ihm die Stirn!“
Wieder und wieder sprang der Knabe zum nahen Bach. Sie netzten ihm auch die dürren, brennenden Lippen; aber ach, als sie versuchten, ihn empor zu richten, merkten sie, daß das Blut aus der rechten Seite rieselte. „Faß an, Bub!“ gebot Tobi. „Wir müssen ihn heimtragen. Esmußgehen!“ Und es ging mit Aufbietung aller Kräfte.
Halbwegs kamen ihnen schon die Frau und das Mägdlein entgegen; sie hatten’s drinnen nimmer ausgehalten. Laut jammerte Ännchen; die Frau aber sprach nur leise: „Es mußte so kommen! O mein Christoph, Gott gebe dir nur ein seliges Ende!“
Schon auf dem kurzen Weg hatte er mehrmals schmerzlich gestöhnt; als sie ihn aufs Bett legten, schlug er die Augen auf, sah wirr um sich, hielt aber die Hand der Frau fest in der seinen.
„Es war kein Hirsch“, sprach er ganz leise und mühsam, „nur ein kleines Reh. – Es sollte das letztemal sein. – Du hast mich so oft gebeten, es zu lassen. – O sag’, hat der Heiland auch diese Sünde getragen?“
„Alle, alle Sünden hat er getragen! O, glaub’ es nur fest! O, halt’ dich nur ganz allein an ihn! Aus Gnaden nimmt er deine müde Seele in den Himmel!“
Er lächelte, und ein Freudenschein flog über das totenbleiche Antlitz; dann sank er wieder in Betäubung. Gern hätten sie ihn ausgezogen und die Wunde verbunden; doch machte ihm jede Bewegung solcheSchmerzen, daß sie davon abstehen mußten. Das Blut hatte aufgehört zu fließen, aber den erstarrenden Gesichtszügen sah man an, daß das Ende ganz nahe war. Er hörte nichts mehr, hatte aber die Hände gefaltet und sprach ganz leise noch einmal den Namen „JEsus“. Dann folgte ein schwerer Kampf der starken Natur, und endlich ward es ganz stille. Betend knieten sie um das Lager her, während sich die oft so schwer gequälte Seele zu Gott emporschwang.
Nun war es vorüber! – Tobi und die Kinder weinten bitterlich; Marie aber küßte die erkaltete Stirn und sprach: „So ruhe, mein Christoph, nach deinem schweren Leben! Ich folge dir bald ins Himmelreich; denn für dich habe ich gelebt, mit dir habe ich gelitten, mit dir möchte ich auch sterben!“
Da fiel ihr das Ännchen jammernd um den Hals und bat sie gar beweglich, noch bei ihr zu bleiben. Sie liebkoste es zärtlich, erwiderte aber nichts auf die kindliche Bitte. Dann zog sie Friedel an sich und sprach: „Du bist Gottes Werkzeug gewesen, daß diese Seele zum Frieden eingehen konnte. Du brachtest uns das göttliche Buch ins Haus. Gott segne dich dafür!“
Am andern Morgen trug der Knabe die Trauerkunde zum Franzl am Stein. Der kam selbst, um den Einsamen mit Rat und Tat beizustehen. Auf der Waldwiese neben Friedels Großvater begruben sie den armen Christoph. Dann saßen sie traurig beisammen in der Hütte.
Wer mochte wohl die tödliche Kugel abgeschossen haben? War’s ein Jäger des Edelmannes gewesenoder ein Späher des Erzbischofs? Es war nutzlos, darüber zu grübeln; wer einen Wilddieb niederschoß, dem konnte man nichts anhaben.
„Mit der Talmühle ist’s nun vorbei“, sagte der Franzl. „Ihr kommt alle auf meinen Hof; ihr braucht euch ja nicht zu verstecken. Der Tobi ist nun ein freier Mann und kann hinziehen, wo er will; einen guten Zehrpfennig geb’ ich ihm gern.“
„Daraus wird nichts, Bauer!“ sprach der treue Knecht fest. „Wenn in Euerm Haus kein Raum für mich ist, leg’ ich mich zum Vieh in den Stall. Bin ja in einem Stall geboren, just wie das Christkindlein. Meine Mutter war ein elend Bettelweib! Aber wo die Frau bleibt und das Kind, da bleib’ auch ich!“
„Und sollst’s gut haben, du treuer Mensch!“ sprach Franzl gerührt. „Euch aber, Talmüllerin, sollen meine Töchter wohl pflegen, daß ihr wieder gesund werdet und neuen Mut fasset.“
Dankbar reichte ihm die Witwe die Hand, sah ihn aber mit einem Blick an, den er nicht mehr vergaß, und der ihm einen schmerzlichen Seufzer auspreßte.
Bald begann der Auszug, der nicht so schnell vonstatten ging. Mutter und Töchterlein nahm Franzl gleich mit, daß sie von ihrem Jammer ausruhen möchten. Tobi und Friedel aber machten den Weg durch den verborgenen Felsengang noch gar oft, ehe alles Vieh, und was sonst des Fortbringens wert war, auf den Steinhof geschafft war. Etliches wertlose Hausgerät ließen sie zurück; denn Tobi sagte, eskönne ihn wohl einmal die Lust anwandeln, eine Weile hier zu hausen, um der alten Zeit zu gedenken.
Auch die Mühle klapperte noch fleißig, bis alles Korn gemahlen war, das die Hüttenleute liegen hatten. Sie sollten erst im nächsten Jahre erfahren, daß der Wandermüller nichts mehr holte. Als der letzte Sack mit weißem Mehl gefüllt war, nahm Tobi eine Axt und schlug das Gangwerk entzwei. Dann sprach er zu Friedel: „Komm, ich will dir was zeigen. Heute geht’s noch; morgen gibt’s vielleicht schon viel Schnee.“
Er führte ihn durch den Wald zum steilen Seeufer und zeigte ihm eine Stelle, wo ein gewandter Kletterer wohl hinabsteigen konnte. „Sieh’“, sagte er, „wer hier heruntersteigt und auf dem schmalen Streif Ufersand hingeht, kann dort drüben am niederen Ufer leicht emporklimmen und zu dem Häuslein gelangen, das du so oft gesehen hast. Es ist das letzte Haus eines großen Dorfes. Oben herum führt kein Weg ans andere Seeufer; die Felsen sind so tief zerklüftet, daß kein Mensch darüber kommt. Oft ist auch der See so hoch, daß er bis an die Felsen spült; da darfst du’s nicht versuchen. Wer weiß, wozu du’s noch brauchen kannst! Ich hätt’ dir’s längst gezeigt, aber der Christoph hat’s nicht gewollt, damit dich die Wanderlust nicht einmal übermanne. Das Dorf heißt Windeck, weil’s dem Sturm arg ausgesetzt ist.“
Nun gingen sie zurück, beteten noch einmal an den Gräbern, packten ihren letzten Kram zusammen und sagten, nicht ohne Abschiedsschmerz, dem einsamen Tal Lebewohl. Zur rechten Zeit war alles vollendetworden, denn der Winter brach nun mit Ernst herein und brachte ungewöhnlich viel Schnee.
Die Familie auf dem Steinhof hatte zur Winterszeit sehr wenig, ja fast gar keinen Verkehr mit den übrigen Talbewohnern, so daß niemand von den Gästen wußte, die dort eingekehrt waren.
Tobi und Friedel fanden sich schnell in der neuen Heimat zurecht. Tobi war, wie immer, jedermanns Knecht, tat alles, was sonst niemand gern mochte, und ward bald der Liebling der Kinder, denen er Märchen erzählte und allerlei Spielzeug schnitzte. Dagegen blieben Frau Marie und ihr Töchterlein recht still und scheu. Ihre tiefe Trauer paßte nicht in das lebhafte Getriebe des großen Haushaltes; Einsamkeit war ihnen ja zur Gewohnheit geworden.
Dazu kam, daß Maries Krankheit zunahm, als strenge Kälte eintrat und wilde Stürme das Haus umtobten. Da räumte man ihr das sogenannte Auszüglerstübel ein, das, entfernt von den großen, belebten Räumen, in einem Winkel des Hauses lag. Es war ein freundlicher, heizbarer Raum, in dessen Fenster die milden Strahlen der Wintersonne fielen. Man stellte ihr den alten Hausrat hinein, den man von der Talmühle herübergeschafft, damit sie sich recht heimisch fühle; bereitete ihr aber ein so gutes Bett, wie sie ihr Lebtag nicht gehabt.
Dort saß sie emsig spinnend, oder mit den schwachen Händen die Kleider der Hausgenossen flickend. Ännchen wäre am liebsten gar nicht von ihrer Seite gewichen, wenn sie es nicht selbst zuweilen fortgeschickt hätte, umin der Küche zu helfen, ein Spiel mit den Kindern zu machen oder ein wenig frische Luft zu schöpfen. Friedel war ein häufiger Gast im Auszüglerstübel. Dann saßen die drei zusammen wie ehemals in der Talmühle, lasen Gottes Wort, sangen die lieblichen Lieder, und redeten von vergangenen Tagen oder von frohen Zukunftsplänen.
Zu den letzteren hatte Marie nur ein stilles Lächeln, denn sie fühlte wohl, daß ihre Zukunft nicht auf Erden lag. Die Kinder aber meinten, die kräftigen Suppen, die gute Milch und der stärkende Wein, den man ihr täglich brachte, würde sie gewiß wieder gesund machen.
Bald aber kam die Zeit, da die fleißigen Hände der Talmüllerin ruhen mußten und sie nur noch selten ihr Lager verlassen konnte. Woche auf Woche verging; der Winter neigte sich zu Ende, und mit ihm schienen auch ihre Kräfte zu schwinden. Franzls erfahrener Blick sah wohl, daß hier kein Arzt helfen könnte; sonst hätte er die Kosten nicht gescheut, einen aus der Stadt holen zu lassen, sobald die Wege wieder gangbar wurden.
Eines Tages trat er ans Bett der Kranken, als sie allein war, und sprach:
„Gute Frau, der hohe Schnee, der das Tal versperrte, ist stark zusammengeschmolzen, aber noch einmal hart gefroren, so daß man wohl bis zum Kirchlein gelangen kann. Wollt Ihr, daß Euch der Priester besuche und das Sakrament reiche? Er mag denken, Ihr seid ein Gast aus dem Niederland, wo ich viel Freundschaft habe.“
„Habt Dank für Eure Sorge“, erwiderte die Frau, „aber ich wünsche es nicht. Er würde es mir doch nicht so reichen, wie es der Heiland befohlen hat.“
„Was sprecht Ihr da? Seid Ihr denn eine Ketzerin?“
„Gewiß nicht; ich bin nur eine Christin. Ich halte mich fest an das, was in diesem Buch geschrieben steht!“ Damit zog sie die Bibel, die, mit einem Tuch bedeckt, auf dem Tisch neben ihrem Bette lag, hervor und reichte sie ihm hin.
Franzl hatte keine Ehrfurcht vor seinem Priester, dessen müßiges, oft anstößiges Leben ihm ärgerlich war. Nur selten besuchte er mit den Seinen die Kirche. Es hatte ihn tief empört, als der Erzbischof eine so große Schar ehrbarer, fleißiger Leute aus dem Lande trieb um ihres Glaubens willen. Er meinte, was einer glaube, sei im Grunde einerlei; wenn er nur brav und ordentlich lebte. Darum war er auch gegen den Talmüller und gegen Friedel freundlich gewesen, obgleich sie den Pfaffen bitter feind waren. Dennoch erschrak er nicht wenig, als man ihm im eigenen Hause das Buch zeigte, das so arg verpönt und streng verboten war in der Kirche, zu der er doch noch gehörte.
„Wißt Ihr, was ich damit tun sollte?“ fragte er die bleiche Frau. „Ins Feuer sollt’ ich’s werfen; denn es stehen gefährliche Dinge darin, die zu lesen bei strenger Buße verboten ist.“
„Ihr werdet es nicht tun!“ erwiderte die Kranke ruhig. „Denn es ist Friedels Eigentum, dessen Kircheihm sogar gebietet, es mit höchstem Fleiß zu lesen. Und wenn Ihr’s tätet, könntet Ihr mir die köstlichen Sprüche, die ich daraus gelernt, und die mir wie Leitsternlein auf meinem Todesgang leuchten, nicht aus dem Herzen reißen. Auch könntet Ihr’s nicht ändern, daß mein Christoph dadurch den Himmel fand, daß schon die beiden jungen Kinder ihren Heiland daraus kennen lernten!“
Wie fest und sicher sprach die sonst so demütige Frau! Nun hätte Franzl, der einen wißbegierigen Sinn hatte, schon längst gerne gewußt, was wohl so Gefährliches in diesem Buche stehen mochte. Und jetzt hielt er’s in der Hand!
Vielgebraucht, abgegriffen, mit allerlei wollenen Faden und kleinen Läppchen als Merkzeichen versehen, war es der größte Schatz einer Sterbenden, die in ihrem leidvollen Leben nichts als Liebe, Treue und stille Geduld bewiesen hatte!
„Nun, ich mag nicht darüber urteilen, ehe ich es kenne“, erwiderte der Alte. „Wollt Ihr mir’s manchmal ein wenig leihen? Die Zeit wird mir lang in den Wintermonaten.“
„Holt es Euch, so oft Ihr wollt; möge Gott Euer Herz öffnen! Aber am Morgen muß ich es haben; da kommt Friedel zu mir und liest mir so herrlich vor. Zum Selbstlesen fehlt mir oft die Kraft.“
Der Franzl am Stein war ein sehr braver Mann, und hatte von Jugend auf ein ehrbares, ja ein tadelloses Leben geführt. Und doch wandte sich sein Herz lange nicht so schnell dem süßen Gotteswortzu, als das von Leidenschaft durchtobte Herz des armen Talmüllers.
Zur Verwunderung der Hausgenossen saß er jetzt oft in dem warmen Winkel hinterm Kachelofen, ins Lesen eines alten Buches vertieft, das noch keiner bei ihm gesehen. Vor neugierigen Fragen war er sicher; sie hätten dem Frager nichts Gutes eingebracht bei der strengen Zucht jener Zeit und dem hohen Ansehen, in dem der Hausherr stand. Das Buch fesselte ihn unendlich, obgleich ihm keineswegs alles darin gefiel. Er war auf die Geschichten Abrahams gekommen, in denen ein großes Merkzeichen lag. Sie behagten ihm ausnehmend. Er kam sich selbst wie ein Erzvater vor, als hochgeehrtes Haupt eines großen Hausstandes, reich an Vieh und allerlei Gut. Aber warum mußte diesem frommen Manne sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet werden? Warum war gerade dieser Spruch mit einem dicken Strich bezeichnet, als sei er etwas Besonderes? War Abraham nicht schon von selbst gerecht? Ei, was war er für ein frommer Mann, Gott gehorsam bis zum Allerschwersten! Bald fand er auch die Evangelien, und las zum erstenmal in seinem langen, langen Leben die süße Botschaft vom Sünderheiland. Sehr, sehr wenig hatte er in seiner Kirche von ihm gehört und nichts so recht im Zusammenhang. Aber er merkte gleich, daß Christus in diesem Buch ganz anders abgemalt war, als ihn der Priester darstellte, wenn er ja einmal von ihm redete. Nicht als schrecklicher Richter, nicht als unnahbarer Himmelskönig trat jetzt der Gottessohn vor seine Seele, sondern als milderFreund der Kranken, Schwachen, Armen und Kleinen, besonders als Freund der Sünder! – Aber dieses so trostreiche Bild, das den wilden Christoph sogleich mächtig angezogen, stieß den tugendhaften, im ganzen Tale hochgeehrten Franzl ab. Ein Sünder war er doch gewißlich nicht! Er hatte von Jugend auf ehrbar, fleißig und gottesfürchtig gelebt; was er etwa versehen, das war ja reichlich gesühnt durch manche Widerwärtigkeit, die ihm begegnet, und gutgemacht durch die vielen Wohltaten, die er nicht nur seinen Glaubensgenossen, sondern allen Armen und Bedrängten erwiesen, die ihm in den Weg kamen. Und doch mußte er immer von neuem lesen und nachdenken; er konnte nicht anders!
Zuweilen setzte er sich ans Bett der kranken Frau, um mit ihr über das Gelesene zu sprechen. Aber er konnte nicht mit ihr fühlen. Sie war ihr Lebtag arm, verachtet, von Trübsal heimgesucht gewesen; er dagegen angesehen und von Wohlstand umgeben. Dennoch bewunderte er die Ruhe, die Freudigkeit, mit der sie ihr Leiden trug und dem Tode ohne alle Furcht entgegensah.
In großer Schwachheit und quälender Atemnot lebte sie bis zum März. Dem strengen Winter war ein zeitiges, schönes Frühjahr gefolgt. Der Schnee war längst geschmolzen. Sonnenschein und warmer Wind hatten das Erdreich getrocknet; schon dufteten die ersten Märzveilchen am Bette der Kranken. Friedel hatte sie ihr gebracht. Sie verlangte, allein mit ihm zu sprechen, und er beugte sich über sie.
„Mein Sohn“, sprach sie mit leiser Stimme, „öffne dort meinen Kasten. Ganz unten wirst du einen Beutel mit Geld finden, der ist dein Eigentum. Wir fanden ihn damals in deines Großvaters Bündel und verwahrten ihn gleich für dich. Nun soll es dein Wanderpfennig sein.“
Mit leichter Mühe fand der Knabe den Beutel. „O Mutter“, sprach er, „wie unendlich viel habt Ihr für mich getan, mich armen Fremdling jahrelang gespeist und getränkt, und gar noch das Geld für mich bewahrt! Wie soll ich Euch danken?“
„Du hast uns reichlich gedankt durch Liebe und Treue und durch das teure Bibelbuch. Und nun bitt’ ich dich: Laß es dem Ännchen, wenn du wanderst! Aber versprich mir, daß du dir ein neues kaufst, sobald du in ein evangelisch Land kommst.“
„Ich verspreche es, Mutter“, erwiderte Friedel mit tiefem Ernst. „Keinem würd’ ich das Buch lassen, aber dem Ännchen laß ich es gern; fürs Ännchen laß ich auch mein Leben!“ Dann kniete er am Bett nieder und bat: „O Mutter, höre mich an und verstehe mich recht! Ich hab’ was auf dem Herzen. Aber erst sag’: Mußt du denn wirklich sterben?“
„Ja, mein Kind! Gott ruft mich, und ich folge mit Freuden, wenn auch mit schwerer Sorge um mein Ännchen.“
„Ach“, seufzte der Knabe, „ich sollte wohl hierbleiben und das Ännchen schützen, und ich kann doch nicht! Ich muß fort; ich muß zu meines Glaubens Genossen! Es zieht mich mit aller Macht zu ihnen. Und sieh, Mutter, zwischen mir und dem Ännchenist’s nicht mehr wie ehedem. Es läßt sich nicht mehr zur Gutenacht küssen wie in der Talmühle; es setzt sich nicht mehr neben mich, wenn wir uns um den Herd sammeln. Und doch fühl’ ich, o Mutter, ich fühl’ es so heiß, daß ich das Ännchen immer, immer liebhaben muß mein Leben lang! Darum will ich dich leise, ganz leise was fragen.“
Er schlang die Arme um ihren Hals und flüsterte, tief errötend, einige Worte in ihr Ohr. Ein mildes Lächeln flog über die abgezehrten Züge. Sie legte die Hand auf das Haupt des Jünglings, der jetzt am Bett kniete, und sprach:
„In Gottes Namen, mein lieber Sohn, wenn es sein Wille ist! Ja, ich sehe es im Geist. Er wird dich sicher zurückführen und alles wohl vollenden!“ –
Noch wenige Tage; dann kam das Ende. Ganz schmerzlos, sanft und stille schlummerte sie ein, mit gefalteten Händen, ohne jeden Kampf. Nur Friedel und Ännchen waren bei ihr; Franzl war leise eingetreten, unbemerkt von den Kindern. Das Mädchen weinte bitterlich; Friedel aber betete mit gedämpfter Stimme:
„In Christi Wunden schlaf’ ich ein,Die machen mich von Sünden rein.Ja, Christi Blut und Gerechtigkeit,Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid;Damit will ich vor Gott bestehn,Wenn ich zum Himmel werd’ eingehn.“
„In Christi Wunden schlaf’ ich ein,Die machen mich von Sünden rein.Ja, Christi Blut und Gerechtigkeit,Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid;Damit will ich vor Gott bestehn,Wenn ich zum Himmel werd’ eingehn.“
„In Christi Wunden schlaf’ ich ein,Die machen mich von Sünden rein.Ja, Christi Blut und Gerechtigkeit,Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid;Damit will ich vor Gott bestehn,Wenn ich zum Himmel werd’ eingehn.“
„In Christi Wunden schlaf’ ich ein,
Die machen mich von Sünden rein.
Ja, Christi Blut und Gerechtigkeit,
Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid;
Damit will ich vor Gott bestehn,
Wenn ich zum Himmel werd’ eingehn.“
Indessen stand der Atem still; und die Seele, die so viel gelitten, schwang sich empor in Christi Arm und Schoß. –
Am Abend rief Franzl den Friedel in seine eigene Kammer, hieß ihn an den Tisch sitzen, wo das Schreibgerät stand, und sprach:
„Schreib’ mir den Vers auf, den du am Sterbebett gebetet.“ –
Wo soll man die selig Entschlafene zur Ruhe bringen? Diese Frage machte dem Franzl viel zu schaffen. Auf den Kirchhof konnte man sie nicht begraben, ohne daß der Priester davon erfuhr, und dann würde allerlei an den Tag kommen, was am besten verschwiegen blieb. Was hinderte es aber, sie neben ihren Christoph zu legen! Waren nicht Männer genug im Hause, die sich beim Tragen der ohnehin nicht schweren Last abwechseln konnten?
So kam es, daß zwei Tage später ein stiller Trauerzug durch den Felsengang schritt und nach mühsamem Abstieg ins verlassene Tal kam, wo die Waldbäume schon anfingen, zarte Blätter zu treiben, das Gras grünte und hier und da ein Vogelstimmlein laut ward. Freundlich schien die Sonne auf die einsamen Gräber, denen nun ein drittes beigesellt ward. Als der Hügel aufgeschüttet war, und Ännchen ein Kränzlein von Frühlingsblumen darauf gelegt hatte, falteten alle die Hände zum stillen Gebet.
Ännchen hatte sich heute auf dem beschwerlichen, traurigen Weg von Friedel führen und stützen lassen wie ehemals, als sie noch Kinder waren. Jetzt stand sie neben ihm, still und gefaßt, den Blick zum Himmel gerichtet. Leise begann sie zu singen, und Friedel stimmte mit klaren Tönen ein:
„O Jerusalem, du Schöne!Ach wie helle glänzest du!Ach wie lieblich LobgetöneHört man da in sanfter Ruh’!O der großen Freud’ und Wonne!Jetzund gehet auf die Sonne,Jetzund gehet an der Tag,Der kein Ende nehmen mag.Ach, ich habe schon erblicketDiese große Herrlichkeit!Jetzund werd’ ich schön geschmücketMit dem weißen Himmelskleid,Mit der goldnen EhrenkroneSteh’ ich da vor Gottes Throne,Schaue solche Freude an,Die kein Ende nehmen kann.“
„O Jerusalem, du Schöne!Ach wie helle glänzest du!Ach wie lieblich LobgetöneHört man da in sanfter Ruh’!O der großen Freud’ und Wonne!Jetzund gehet auf die Sonne,Jetzund gehet an der Tag,Der kein Ende nehmen mag.Ach, ich habe schon erblicketDiese große Herrlichkeit!Jetzund werd’ ich schön geschmücketMit dem weißen Himmelskleid,Mit der goldnen EhrenkroneSteh’ ich da vor Gottes Throne,Schaue solche Freude an,Die kein Ende nehmen kann.“
„O Jerusalem, du Schöne!Ach wie helle glänzest du!Ach wie lieblich LobgetöneHört man da in sanfter Ruh’!O der großen Freud’ und Wonne!Jetzund gehet auf die Sonne,Jetzund gehet an der Tag,Der kein Ende nehmen mag.
„O Jerusalem, du Schöne!
Ach wie helle glänzest du!
Ach wie lieblich Lobgetöne
Hört man da in sanfter Ruh’!
O der großen Freud’ und Wonne!
Jetzund gehet auf die Sonne,
Jetzund gehet an der Tag,
Der kein Ende nehmen mag.
Ach, ich habe schon erblicketDiese große Herrlichkeit!Jetzund werd’ ich schön geschmücketMit dem weißen Himmelskleid,Mit der goldnen EhrenkroneSteh’ ich da vor Gottes Throne,Schaue solche Freude an,Die kein Ende nehmen kann.“
Ach, ich habe schon erblicket
Diese große Herrlichkeit!
Jetzund werd’ ich schön geschmücket
Mit dem weißen Himmelskleid,
Mit der goldnen Ehrenkrone
Steh’ ich da vor Gottes Throne,
Schaue solche Freude an,
Die kein Ende nehmen kann.“