6. In die weite, weite Welt.
Obgleich Friedels Trauer um die freundliche Talmüllerin, die wie eine Mutter an ihm gehandelt, tief und aufrichtig war, ward doch die Sehnsucht nach einem freien Wanderleben täglich stärker in seiner Seele. Noch wenige Wochen, dann sollte es fortgehen in die weite Welt! Nur eine Sorge lastete noch auf seinem treuen Herzen. Ännchen paßte nicht recht zu dem jungen Volk auf dem Steinhof, das so lustig und leichtsinnig ins Leben schaute und mit dem schüchternen, ernsten Mägdlein nichts anzufangen wußte. Es tat ihm weh, es so einsam in einem Winkel sitzen zu sehen, emsig spinnend oder nähend, während die andern amFeierabend allerlei Kurzweil trieben, lustige Liedlein sangen und einander neckten und hänselten. Wenn er sich zu ihr setzte, ward sie ja hold und freundlich, lächelte aber doch wehmutsvoll über seine goldenen Zukunftspläne. Ach, wenn er fort war, würde sie nur Tobi zum Freund und Beschützer haben, der doch als Knecht gehalten ward und nur zum Essen ins Haus kam! Auch war’s dem Friedel nicht entgangen, daß Peter, der zweite verheiratete Sohn des Hauses, ein etwas mürrischer Mensch mit stechenden, dunklen Augen, ihn und das Mägdlein von Anfang an mißgünstig angesehen hatte.
Da war’s ihm ein großer Trost, daß dem Kinde recht bald nach dem Tode der Mutter ein starker Beschützer auftauchte, nämlich der alte Hausherr selbst. Bisher hatte er das Mädchen wenig beachtet; jetzt strich er ihm oft mit der Hand übers Goldhaar, sprach ihm freundlich zu und fragte, ob man es auch ordentlich versorge mit Speise, Trank und Kleidung. Endlich kam es so weit, daß Ännchen ihm allerlei kleine Dienste leisten durfte, und er sie gerne bei sich behielt, wenn die andern zur Feldarbeit auszogen, an der er, seines Alters wegen, nicht mehr teilnahm. Aber in dem schönen Garten hinterm Hause, wo man Obstbäume, Blumen und allerlei Küchenkräuter zog, arbeitete er noch rüstig, und wer ihm dabei helfen mußte, ward von niemand beneidet, da man’s ihm schwer zu Dank machen konnte. Darum waren’s alle zufrieden, daß er sich dies Jahr das stille fremde Mädchen zur Gehilfin wählte. Ännchen bewies sich so emsig, gehorsamund geschickt, daß sie nur immer Lob von dem Alten erntete. Ruhten sie dann auf der Bank unterm Apfelbaum, um das Vesperbrot zu essen, so führten sie gar ernstes Gespräch miteinander. Nicht selten brachte der Mann auch das Buch heraus, das er vor den Söhnen verborgen hielt, und das Kind mußte ihm vorlesen. Es tat es mit süßer Stimme und tiefem Verständnis.
So standen die Dinge, als im wunderschönen Monat Mai Joseph und Friedel ihre Ranzen schnürten, die Wanderstäbe ergriffen und dem Steinhof Lebewohl sagten.
Joseph schied leichtherzig; sein Ziel war eine Stadt an der Donau, wo sein Oheim wohnte, in dessen Hause er ein lustig Leben zu finden hoffte. Friedel aber wanderte ins Ungewisse, denn ein gut Stück weiter mochte das Preußenland wohl sein. Ach, und wie wollte ihm das Herz zerspringen beim Abschied von Ännchen! Bleich und still reichte sie ihm die Hand, litt es auch, daß er ihre Stirn küßte, was er lange nicht mehr gewagt. Dann schlug sie die Hände vors Gesicht und lief eilend davon. „Sei getrost, braver Bub“, sprach Franzl zu ihm, „ich bewahre sie dir!“
Als sie nun, von dem jungen Volk geleitet, zum Hof hinauszogen und zwischen grünenden Feldern hinwanderten, blickte Friedel noch einmal zurück. Da stand oben auf der schmalen Felsplatte, von wo er einst zum erstenmal das Tal überblickt, eine feine Mädchengestalt. Ein Sonnenstrahl fiel auf ihr Goldhaar, denn sie hatte das Kopftüchlein abgenommen und winkte ihm damit den Abschiedsgruß zu.
Als die Wanderburschen das schöne Tal hinter sich gelassen hatten, durchzogen sie stundenlang recht öde Gegend, sahen verfallene Hütten, brachliegende, mit Gestrüpp bewachsene Felder und ganz verwilderte Gärten.
Es waren verlassene Wohnstätten der vertriebenen Lutheraner; und das frevelhafte Wort des Erzbischofs: „Lieber sollen in meinem Lande nur Dornen und Disteln wachsen, ehe ich einen Ketzer drin dulde“, war hier schon in Erfüllung gegangen.
Am nächsten Tage überschritten sie die Grenze und kamen nach Bayern. Allmählich ward das Land weniger gebirgig und wäre wohl ungemein fruchtbar gewesen, wenn nur das Landvolk Zeit und Mut gehabt hätte, es recht ordentlich zu bebauen. Aber ach, es war damals in ganz Deutschland böse Zeit für das Volk, besonders für die Bauern! Nur wenige saßen im Wohlstand auf eigenem Grund und Boden, die meisten hatten ihr bißchen Land von einem Edelmann gepachtet. Da nun zu jener Zeit die Fürsten meist in Saus und Braus, ja sogar in Wollust und unsinniger Verschwendung lebten, machten’s die Edelleute ihnen nach, und plagten und drückten die armen Bauern nach Herzenslust, so daß keiner zu einigem Wohlstand gelangen konnte. Der damalige Kurfürst von Bayern fütterte seine zahllosen Jagdhunde mit viel besseren Speisen, als die Landleute auf ihrem Tische hatten.
So trafen auch die beiden Wanderburschen fast überall Mutlosigkeit, Armut und dazu die größte Unwissenheit an. Allzu freundlich waren die Leute auch nicht; besonders Friedel ward oft scheel angesehen, weil er sich nicht vor dem Kruzifix oder Heiligenbild bekreuzte, und die Stirn nicht netzte aus dem kleinen Weihwasserbecken, das in keiner Herberge fehlte. Dennoch gab’s manch lustige Wanderung durch grünen Wald und blumige Wiesen, und viel Schönes zu sehen in den Städten, die sie durchzogen. In einer derselben ward eben Jahrmarkt gehalten. Da konnte sich’s Friedel nicht versagen, ein seidenes Tüchlein und ein Silberkettchen für Ännchen zu kaufen, so sehr auch Joseph darüber lachte. Wohleingewickelt barg er’s in seinen Ranzen. Würde er ihr es wohl jemals umhängen?
Zuweilen trafen sie auch einen Fuhrmann, der mit hochbeladenem Frachtwagen die rauhe, holprige Landstraße entlang zog, und ihnen gern erlaubte, für ein paar Groschen ein gut Stück mitzufahren.
Endlich ward das Land so eben und flach, wie es Friedel gar nicht für möglich gehalten hatte, und eines Abends sahen sie von weitem die Türme der Stadt P. Sie wanderten am Ufer eines großen Flusses, der hieß der Inn, und meinten, einen größeren könnte es auf der ganzen Welt nicht geben. Aber die Donau, an deren Strand sie endlich staunend standen, war noch viel breiter, und die großen und kleinen Schiffe, die so lustig einherschwammen, entzückten Friedel so sehr, daß er sich fest vornahm, ein Stück auf dem Wasser zu fahren, sobald er allein sei.
Mit einbrechender Nacht erreichten sie das Haus des Silberschmieds, in dem behaglicher Wohlstand herrschte. In dem Briefe des Vaters, den Joseph demHausherrn überreichte, mochte wohl auch Friedel der Huld des stattlichen, selbstbewußten Mannes empfohlen sein, denn er ward recht freundlich aufgenommen. Als sich’s aber zeigte, daß er ein blutarmer Bursch, dazu auch ein Ketzer war, behandelte man ihn kühler, und nach zwei sehr nötigen Rasttagen nahm er seinen Abschied.
Recht frei und leicht war ihm zumute, daß er nun ganz sein eigener Herr war, aber doch auch ein wenig beklommen. Über seinen Plan, nach Preußen zu ziehen, hatte der Silberschmied nur gelächelt und die hohe, stattliche Gestalt des Burschen mit so eigenem Blick betrachtet. „Sei gescheit!“ hatte er gesagt. „Nimm Arbeit in deinem Handwerk, sobald du sie findest, und verdiene dir ein gut Stück Geld; das ist die Hauptsache.“ Ja, alle Leute taten, als ob das Geld das höchste Gut sei; der Großvater und die Talmüllerin hatten ganz anders gesprochen!
Behaglich schlenderte er noch ein wenig in der Stadt umher, die zwar schöne Kirchen, aber enge, düstere Straßen hatte. O wie trübselig mußte es sein, zwischen diesen altersgeschwärzten Mauern zu wohnen! Es zog ihn mit Gewalt wieder hinaus in Freie. Schade, daß hier alles katholisch war! Wie gern hätte er einmal wieder in einer Kirche gebetet und gesungen, wie vor vielen Jahren als kleiner Knabe! Schon war er dem Flußufer wieder nahe, da sah er ein bescheidenes Kirchlein auf einem kleinen freien Platze. Die Tür war offen, und drinnen ward gesungen. Horchend blieb er stehen. O, klang es nicht wie süßer Ton aus der friedlichen Kindheit? DasLied war ihm so bekannt, daß er hereintrat, sich auf die hinterste Bank setzte und gleich aus Herzensgrund mit einstimmte. Nun erschien ein alter, freundlicher Pfarrer auf der Kanzel und sprach ganz in der Weise wie der gute Herr, bei dem er zur Kinderlehre gegangen. Es wurde dem Jungen ganz heimisch in dem einfachen, fast dürftigen Raum. Als der kurze Wochengottesdienst aus war, faßte er sich ein Herz, wartete draußen auf den Pfarrer, trat mit abgezogenem Hute bescheiden auf ihn zu und fragte:
„Ich bitt’ schön, ehrwürdiger Herr, wo führt denn hier der Weg ins Preußenland? Ist’s nimmer weit dahin?“
Verwundert und fast unwillig blickte der Mann dem Burschen ins Gesicht. Nein, der sah so kindlich, so treuherzig aus, der konnte keinen albernen Scherz mit ihm treiben!
„Mein Sohn“, erwiderte er, die lange Perücke schüttelnd, die er nach damaliger Sitte trug, „da hast du einen weiten, gefährlichen Weg vor dir! Sage, was treibt dich in solche Ferne?“
„Ach, ich bin ein Salzburger und vor vielen Jahren zurückgeblieben, als der Erzbischof Firmian meine Leut’ aus dem Lande trieb. Nun bin ich groß und stark und möcht’ ihnen nachziehen.“
„Hast du denn Zehrgeld?“
„O ja; der Beutel ist noch recht dick!“ entgegnete der Bursche, ihn aus der Tasche ziehend.
„Laß ihn nur stecken“, sprach der Pfarrer lächelnd. „Und zeig’ ihn keinem ohne Not; hörst du? In unserm armen geplagten Bayernland wimmelt’s von Landstreichern und Wegelagerern. Jetzt komm mit und iß eine Suppe bei mir; dann wollen wir weiter reden.“
Friedel und der Pfarrer.
Nachdem sich Friedel in dem sehr bescheidenen Wohnstübchen des guten alten Herrn gesättigt, und ihm die ebenso freundliche Frau Pfarrerin einen Riß im Kittel zugenäht hatte, nahm ihn der Pfarrer in die Studierstube, wo so viele Bücher an den Wänden standen, als der Junge kaum in der ganzen Welt vermutet. Freimütig und kurz erzählte er dem altenHerrn, wie’s ihm von klein auf ergangen, und wie ihn nun eine mächtige Sehnsucht zu seinen Volks- und Glaubensgenossen treibe. Daß er aber wieder zurückgehen wolle, wenn er eine gute Heimat gefunden habe, um Tobi und Ännchen nachzuholen, das brachte er nicht über die Lippen.
„Mein Sohn“, sprach der Pfarrer nach einigem Nachdenken, „deine Schicksale sind wundersamer Art! Erzähle sie nicht so leicht einem jeden; man würde dir schwerlich glauben. Bei mir ist dein Vertrauen gut angebracht; ich weiß, daß Gott die Seinen oft verschlungene Wege führt. Die Vertriebenen sind vom König von Preußen, der ein rauher, strenger, aber frommer Mann ist, wohl aufgenommen und kräftig unterstützt worden. Viele sind in Berlin und andern preußischen Städten geblieben; der größte Teil aber ist weit, weit nach Osten gezogen, wo man ihnen Land angewiesen hat. Der König hat große Summen Geldes zu ihrer Ansiedlung gestiftet.“
„Dann will ich zum König nach Berlin gehen,“ sprach Friedel entschlossen, „und ihn um den Weg fragen; vielleicht weiß er auch, wo mein Pate Rudi geblieben ist.“
„Du bist ein rechtes Kind“, sagte der Pfarrer lachend, „und ganz und gar weltfremd! Ein Bursch, wie du, kommt nicht so ohne weiteres zum König. Dazu ist er alt und kränklich, wie man hört. Und doch möchte ich dir helfen. Deine Treue und dein fester Sinn gefällt mir.“ Er dachte eine Weile nach, setzte sich dann an den Tisch und begann zu schreiben,ließ aber sogleich wieder davon ab und fragte: „Kannst du lesen?“
„Freilich!“
„Auch Geschriebenes?“
„Sicher! Ich kann auch selber schreiben; hab’s nur seit Jahren wenig geübt.“
„Sei froh! Hier im Bayernland hätten die meisten deiner Art mit Nein geantwortet.“
Nun schrieb er ziemlich lange, faltete und siegelte einen Brief und gab ihn dem Burschen. „Dieser Brief ist an einen Pfarrer in Berlin, der mir wohlbekannt ist. Wenn dich Gott sicher so weit geführt hat, wirst du leicht seine Wohnung erfahren, und er wird dir raten, was du tun sollst. Auf diesen Zettel aber habe ich dir die Städte geschrieben, durch die deine kühne Reise führt. Sieh, diese ersten liegen in Bayern, diese nächsten in Sachsen; das ist ein lutherisch Land, da wird dir’s gefallen! Bist du aber erst in Preußen, so kommen diese Orte dran und zuletzt Berlin. Aber, aber, mein Junge! Denke nicht, daß dein Beutelchen so weit reicht! Suche Arbeit und Verdienst, wo du’s findest, nicht nur in deinem Handwerk. Glaub’ mir’s: Es kann ein Jahr vergehen, ehe du dein Ziel erreichst; denn im Winter hört alles Wandern auf bei den schlechten Straßen.“
„Das tut nichts“, erwiderte Friedel herzhaft; „wenn ich nur zuletzt hinkomm!“
„Ja, wenn!“ sagte der Pfarrer nachdenklich und ging unruhig im Stübchen auf und ab, als hätt’ er noch was auf dem Herzen. Endlich blieb er vor seinemGast stehen und sprach: „Junge, du bist gewachsen wie eine Tanne, stark und geschmeidig dazu; nimm dich in acht, daß sie dich nicht zum Soldaten machen!“
„Ei, das sollen sie fein bleiben lassen; ich bin ja ein Müller!“
„Das schützt dich nicht! Ich sage dir’s, hüte dich! Sitze nicht lang in den Herbergen, trinke keinen Branntwein, und nimm ja von keinem Geld an, es sei denn, daß du’s mit redlicher Arbeit verdient hast.“
Und nun erzählte er dem erstaunten Burschen, wie listig es die Werber oft anfingen, einen zum Soldaten zu machen, und wie ihm kein Mensch mehr helfen könne, wenn er einmal das Handgeld angenommen.
Friedel hörte aufmerksam zu, verstand aber die Sache nicht ganz; sie war ihm allzu fremd. Hingegen schien ihm hier der rechte Ort, eine Bibel zu kaufen. Er erhielt sie aber sogar geschenkt und bedankte sich recht aus Herzensgrund. Sie war kleiner und leichter als die des Großvaters und beschwerte den Ranzen nicht sehr.
Ein wenig nachdenklich, aber doch frohen Mutes schied Friedel von dem guten Pfarrer, ging auf seinen Rat ans Flußufer und fand freie Fahrt bis Regensburg auf einem mit allerlei Kaufmannsgut beladenen Schiffe. Tüchtig rudern und manch andern Dienst tun mußte er freilich für sein bißchen Essen und Trinken; doch tat er’s gern, denn er sehnte sich danach, wieder was zu schaffen. Von Regensburg wanderte er wacker nach Norden zu, und des Pfarrers Zettel war ein guter Wegweiser. Aber recht einsam war’s doch, immer soallein seine Straße zu ziehen; darum freute er sich, als sich einst ein ganz prächtiger Bursche zu ihm gesellte, der just nach derselben Stadt wollte. Was wußte er für lustige Lieder, und wie konnte er erzählen! Ein Landstreicher war’s sicher nicht! Er hatte ja eine Feder auf dem Hut und silberne Schnallen an den Kniehosen. Ganz vornehm mußte er sein, hatte schon mit Grafen und Edelleuten zu Tisch gesessen! Aber der Sommertag war heiß, und das weiche Gras am Waldesrand lud zur Ruhe ein. Sie streckten sich im kühlen Schatten nieder und schliefen bald sanft und fest. Ja, Friedel mochte wohl recht fest geschlafen haben, denn als er endlich erwachte, die Augen rieb und sich nach dem schmucken Kumpan umsah, war er weg und kam auf kein Rufen wieder. Aber der Schweiß rann dem Friedel von der Stirn; die Sonne hatte den Weg zu ihm gefunden. Er fuhr in die Tasche, um sein Tüchlein herauszuheben. Das war sicher drin; aber der Geldbeutel, der dabei gesteckt, der war weg! O weh, o weh! Wer hätte gedacht, daß ein Landstreicher so wacker plaudern könne und samtene Hosen trüge! Ein Viertelstündchen saß der arme Bursch weinend am Waldesrand, dann aber raffte er sich auf. „’s war ja nur schnödes Geld“, sprach er; „bald kann ich’s wieder verdienen! Gut, daß ich den Ranzen unterm Kopf hatte, sonst wär’ der wohl auch weg! Nun muß ich arbeiten, und freue mich darauf; ’s Wandern kriegt einer auch satt! Schadet nichts, wenn ein paar gute Jahre hingehen, ehe ich wieder heimkomme. Ich und’s Ännchen sind ja noch viel zu jung zum – –“ Weiterkam er nicht, schnallte den Ranzen auf und marschierte wacker vorwärts.
Ein paar Tage später schaffte er schon in einer großen Mühle, wo es noch viel für ihn zu lernen gab. Der Meister gewann ihn lieb und ließ ihn den ganzen Winter nicht fort, da es im reißenden Flüßchen wenig Eis gab und das Mühlwerk nur selten stillstand. Hier schrieb er einen Brief an den Franzl und übergab ihn zaghaft der wundersamen Anstalt, die man Post nannte. Freilich war alles ringsum katholisch; aber er hielt sich still, las fleißig in seiner Bibel, mied das Wirtshaus, und in der Arbeit tat es ihm keiner zuvor.
Gern wäre er im zeitigen Frühjahr weiter gezogen, aber er mußte lange warten, ehe die aufgetauten, bodenlosen Landstraßen wieder gangbar waren. Dann setzte er seinen Stab weiter und kam glücklich bis ins Sachsenland. Einen großen Schatz trug er in der Brusttasche, einen Brief vom Franzl am Stein, unter den das Ännchen mit mühsam gemalten Buchstaben einen kurzen Gruß gesetzt hatte. Er wickelte ihn mit dem Tüchlein und der Kette zusammen, die er für Ännchen gekauft, und labte sich an dem Anblick dieser Schätze, wenn ihm der Mut sinken wollte. Denn ach, auch in Sachsen fand er das nicht, was er erwartet! Da es ein lutherisches Land war, meinte er, es müsse so fein friedlich und christlich zugehen, wie ehemals unter den frommen Salzburgern. O wie anders fand er es!
In Sachsen regierte damals August III., ein träger charakterloser Mensch, der, wie sein Vater August derStarke, seinen Glauben verleugnet hatte und katholisch geworden war. Während er nur seinem Vergnügen lebte, trieb sein Minister, Graf Brühl, die sinnloseste Verschwendung, so daß das arme Volk die schwere Last der Steuern und Abgaben kaum ertragen konnte. Die Reichen aber machten’s meist ihrem Fürsten nach, drückten und plagten die Armen und lebten dabei in Wollust. Hart und streng hielten auch die Herren ihre Knechte, die Meister ihre Gesellen. Trotzdem ging’s dem Friedel nicht allzu schlecht. An Gehorsam war er von klein auf gewöhnt; Arbeit war seine Lust, und ein hartes Wort nahm er nicht so leicht übel. Daß er jeden Sonntag zur Kirche gehen und sich dort Trost und Mut holen konnte, war ja ein unbezahlbarer Schatz. Ach, oft kam er auch mit beschwertem Gewissen! Denn nicht immer widerstand er der Versuchung, ein wenig teilzunehmen an der wilden Lustigkeit in den Herbergen. Sein Blut war heiß und wallte leicht auf, wenn man ihn neckte um seines stillen Wesens willen; schon das verwickelte ihn in manchen Streit. Auch kam’s wohl vor, daß er einmal ein Tröpflein über den Durst trank.
Nur in einem Ding blieb er unerschütterlich fest. An dem Scherz und leichtfertigem Geschwätz, das die Burschen in der Herberge mit hübschen Wirtstöchterlein oder stattlichen Mädchen trieben, nahm er nie teil, nein, nicht mit einem Wort! Sie gingen ihn alle nichts an! Nicht einen Augenblick vergaß er, was er damals am Bett kniend, zu Frau Marie gesagt, und was sie ihm geantwortet hatte. Hell und klar wollteer seine Augen zu Ännchen aufschlagen, wenn Gott ihn wieder zu ihr führte!
Plauderei in der Mühle.
Zwischen all dem Jammer, all der wilden Lust und dem harten Wesen gab es doch noch eine große Anzahl ernster, frommer Christen, die, unbekümmert um die tolle Welt, ihres Glaubens lebten. Zu solchen führte Gott endlich auch den jungen Wandersmann. Ein ganzes Jahr arbeitete er bei einem braven Müller, der zu diesen „Stillen im Lande“ gehörte, befand sich dort gar wohl und ward gehalten wie ein Sohn des Hauses. Gern hätte ihn der Meisternoch länger behalten, doch zog es ihn nun mächtig nach Preußen. Er hatte sparsam gelebt; sein Beutel war so gut gefüllt, daß er hoffte, damit endlich bis nach Berlin zu kommen.
In der Mühle sammelten sich oft verständige Männer aus der Stadt, um am Feierabend ein wenig zu plaudern. Bescheiden zuhörend vernahm Friedel dann allerlei vom Lauf der Welt. Er wußte, daß der strenge, gefürchtete König von Preußen, der doch unendlich viel für sein Volk getan, gestorben war, und sein Sohn Friedrich II. den Thron bestiegen hatte. Von diesem erzählte man seltsame Dinge. Klein und mager von Person, sei er doch eine gar königliche Erscheinung, und der Blick seiner Augen sei so klar und durchdringend, als wolle er jedem ins Herz hineinsehen. Sein ganzes Streben gehe dahin, sein Volk glücklich zu machen; doch gehe er dabei viel milder und freundlicher zu Werke als sein harter Vater. Das machte dem Friedel Mut und Hoffnung; wer weiß, ob’s ihm nicht gelingen würde, diesen leutseligen König selbst nach den Salzburgern zu fragen!
Von vielen Segenswünschen begleitet, zog er aus und überschritt endlich gutes Mutes die preußische Grenze. Bald merkte er, daß hier unterm Volk wirklich ein besserer Geist herrschte. Wie fleißig schafften sie alle, auch die es nicht fürs tägliche Brot bedurften! Größerer Wohlstand und bessere Ordnung war in Dorf und Stadt zu finden; freilich auch das strenge, herbe Wesen, das die Not der Zeit mit sich gebracht hatte. Bald fiel’s ihm auf, daß viele der jungen Burschen,die auf den Feldern arbeiteten, grellrote Halsbinden trugen. Auf die Frage, was das bedeute, sagte man ihm, es seien Kantonisten, d. h. Leute, die von Jugend auf für den Soldatenstand bestimmt wären. Jede Stadt und jedes Dorf müsse eine bestimmte Anzahl stellen. „Ei“, dachte Friedel, „das ist also die Sache, vor der mich der gute Pfarrer warnte. Nun, ich laß mir sicher nicht so ein rotes Ding um den Hals zwängen! Bin auch weder in Stadt noch Dorf zu Hause.“ Wenn nur die Welt, und besonders das Preußenland, nicht gar so groß gewesen wäre! Er ließ sich gewiß das Gras nicht unter den Füßen wachsen und vertat keinen Groschen unnütz, dennoch ging das Geld zu Ende, und Berlin war noch weit weg.
Eines Tages saß er mutlos in einem einsamen Wirtshaus an der Landstraße; von bösem Unwetter überrascht, hatte er das nächste Dorf nicht mehr erreichen können. Außer ihm war nur noch ein einziger Gast in der großen Stube, ein stattlicher Herr in feiner Tuchkleidung und mit einem gewaltigen Zopf, der ihm fast bis an die Hüften herabhing. Er schrieb emsig in eine große Brieftasche, trat zuweilen ans Fenster, um nach dem Wetter zu sehen, beachtete aber den Müllerburschen gar nicht. Endlich brachte der Wirt das Abendessen; für Friedel eine dicke Suppe und ein Stück Schwarzbrot, für den Herrn aber ein gebratenes Huhn und einen Krug Wein. Der hungrige Bursche vertiefte sich in seine Suppenschüssel, ohne zu merken, daß die beiden Männer leise miteinander sprachen und nach ihm hinüberblickten. Endlich begann der Herr laut zu reden:
„Es ist ein fatales Ding, daß mir der Bursch eben jetzt davonlaufen mußte um der einzigen Kopfnuß willen! Wenn’s heimwärts ginge, machte ich mir wenig draus, den Dummkopf los zu sein; aber nach Berlin ganz ohne Bedienung zu reisen, paßt mir nicht.“
„Ei, wenn’s nur das ist“, erwiderte der Wirt, „so wird sich wohl jemand finden, der den gestrengen Herrn dahin begleitet. Heda, junger Mehlsack, will Er nicht nach Berlin?“
„Meint Ihr mich?“ fuhr Friedel auf. „Ein Mehlsack bin ich nicht!“
„Hast aber schon manch einen auf dem Buckel getragen, he? Hier gäb’s was für ihn!“
„Was denn?“
„Ei, wenn Er nicht gar so unmanierlich ist, könnt’ Er den gnädigen Herrn hier nach Berlin begleiten als sein Diener.“
„Das geht nimmer! Ich bin ein freier Mann; gedient hab’ ich noch nie.“
Der Herr war aufgestanden und trat an Friedels Tischchen. „Ei, mein Bursch, überlege dir die Sache. Freie Fahrt nach Berlin im Postwagen, gut Essen und ein schön Stück Geld. Weiter nichts zu tun, als mein Gepäck zu tragen, Kleider und Schuhe zu bürsten und dergleichen kleine Dienste zu leisten, die du bald begreifen wirst. Ein Dummkopf bist du nicht; das steht dir auf der Stirn geschrieben. Ein paar Wochen, dann ist alles vorüber; es ist nur für diese unangenehme Reise.“
„Kann ich dann in Berlin bleiben?“
„Ei gewiß! Ich nehm’ dich nicht wieder mit.“
„Ob ich dort auch den König zu sehen bekomme?“
„Nicht einmal, zehnmal sollst du ihn sehen, wenn du mit mir gehst.“
„Dann will ich in Gottes Namen!“
Am andern Tag mußte er sich sauber waschen und kämmen, seine Sonntagsjacke anziehen und den Wanderkittel im Ranzen tragen. Kaum war’s geschehen, so erklang auch schon ein Posthorn, und der schwerfällige Wagen, auf den der gnädige Herr gewartet, hielt vor dem Hause. Friedel mußte in einem kleinen Kasten, der hinten angebracht war, Platz nehmen, und fort ging’s, dem langersehnten Ziele zu. Nicht allzu geschwind! Die damaligen Postwagen waren gar ungeschickte, meist federlose Dinger, und das Fahren darin keineswegs ein Vergnügen. Das spürte auch Friedel in seinem engen Käfig gar bald, war aber dennoch guter Dinge. Nach ein paar Tagen erreichte man die letzte Station vor Berlin. Ehe der Herr, dem der Wein heute besonders gut geschmeckt hatte, wieder in den Wagen stieg, warf er dem Friedel ein blankes Silberstück hin und rief:
„Hier, Bursch, hast du derweil ein Handgeld.“
„Laßt’s doch sein, Herr“, sprach der Diener, „bis meine Zeit aus ist.“
„Unsinn! Das tät zu lang dauern.“
„Na“, dachte Friedel, „wenn ich den König sehen will, möcht’ ich mir neue Schuhe kaufen; der Herr hat wohl gesehen, daß meine nicht viel mehr taugen.“
Bald war’s zu merken, daß man sich der für damalige Begriffe schon großen Stadt immer mehr näherte. Es war ein herrlicher Herbsttag; kein Wölkchen am Himmel. Die Felder waren schon fast abgeleert, aber die Obstgärten prangten im Schmuck der rotwangigen Äpfel und goldgelben Birnen; die Wiesen im letzten frischen Grün. Viele Menschen spazierten draußen herum, sich an der milden Luft zu erquicken. Vergnügt blickte Friedel in das fröhliche Leben; sein Herz klopfte in freudiger Erwartung. Nun mußte er ja bald sichere Kunde erhalten, wo sich seine Volksgenossen hingewendet. Jetzt rumpelte der Postwagen langsam an einem weiten Platz vorüber, auf dem Soldaten exerzierten. So oft der Wandersmann früher so etwas gesehen, hatte er so schnell als möglich Reißaus genommen; heute durfte er’s wohl gemütlich betrachten.
Aber, o Schrecken, wie ging’s da her! Wenn einer beim Franzl am Stein das Vieh so angebrüllt, mit Füßen getreten und mit Fäusten geschlagen hätte, wie hier die Korporale die armen Soldaten, wär’s ihm schlecht ergangen. „O wie gut ist’s, daß ich keinem Werber begegnet bin!“ dachte Friedel und war froh, als sie vorüber waren.
Nun ging’s zum Tor herein in die Stadt, und bald hielt der Wagen vor einem Posthause. Da standen zwei Männer, die schon auf den Herrn gewartet hatten. „Bringt Ihr ein paar?“ hörte er sie fragen. „Nur einen, aber einen Prachtkerl!“ war die halblaute Antwort.
Friedel sah sich vergebens nach dem Prachtkerl um und wollte das Gepäck auf seine Schultern nehmen, wie er’s gewöhnt war. Aber die Männer ließen’s nicht zu; nur seinen eigenen Ranzen durfte er aufsacken.
„Geh’ einstweilen mit diesen beiden“, gebot der Herr Amtmann lachend, „da wirst du bald den König sehen.“ Mit diesen Worten verschwand er in der Haustür; die beiden nahmen Friedel in die Mitte und führten ihn durch enge, winklige Straßen vor ein großes unsauberes Haus mit kleinen vergitterten Fenstern. Hier konnte doch der König unmöglich wohnen!
„Was soll ich da drin? Was habt ihr mit mir vor?“ fragte der Jüngling, plötzlich von banger Ahnung befallen.
„Dummer Kerl! Hier gehörst du ’rein; ’s ist eine Kaserne. Du bist ja ein Rekrut!“
„Das ist nicht wahr“, schrie Friedel entsetzt; „ich bin des gnädigen Herrn Diener!“
„Schöner gnädiger Herr! Ein Werbeoffizier ist’s! Du dummes Schaf bist ihm ins Garn gegangen. Marsch, ’nein mit dir!“
Aber der junge Salzburger ließ sich die Freiheit nicht so leicht rauben. Gewandt und kräftig, wie er war, riß er sich mit aller Macht los, schleuderte das entsetzliche Handgeld in den Straßenschmutz und rannte in großen Sprüngen davon. Aber ach, auf das Geschrei seiner beiden Verfolger: „Haltet ihn; ’s ist ein Rekrut!“ ward er im nächsten Augenblick festgehalten, seinen Führern wieder übergeben und von ihnen in die Kaserne geschleppt. Den Unglückstaler steckten sieihm wieder in die Tasche. O wie hatte er ihn nur annehmen können! Wie konnte er die Warnung des guten Pfarrers vergessen!
„Sieh“, sagte einer der Männer nun freundlicher, „an dieser Haustür steht ein Wachtposten mit geladenem Gewehr; darum sei vernünftig und denke nicht an Flucht. Hier ist deine Stube; nun sei gescheit und mach’ dir’s bequem. Heute und morgen hast du noch frei.“