Zwei köstliche Geschenke findet der Schweizer in seiner Wiege, welche das Reifen echt-menschlicher Bildung und darum auch das Gedeihen der Kunst mächtig fördern müssen. Von Kindesbeinen an umfängt ihn der Zauber einer wunderbar reichen und vielgestaltigen Natur, zugleich einer mächtigen Natur, welche nicht duldet, daß der Mensch sich ihr entfremde und das fromme Bewußtsein seiner Abhängigkeit verliere; und sein Leben sodann verbringt er unter den Segnungen einer uralten politischen Freiheit. Dennoch hat der rüstige Stamm, welcher die Sehnsucht des großen Mutterlandes, die Einheit, bereits in beglückender Erfüllung besitzt, zu dem königlichen Reichtum deutscher Kunst kaum ein ärmliches Scherflein beigetragen. Nur zweimal mit bedeutendem Erfolge wußten die Schweizer die Vorteile ihrer Lage für die Literatur zu benutzen.
Als die Eroberungsgelüste der Nachbarfürsten an dem Todesmute der Schweizerbauern gescheitert, da schollen die Sempacher Lieder und die Burgundischen Kriegsgesänge von den Alpen nieder, und die hochgemute Weise „Der Stier von Uri hat scharpffi Horn, kein Herr ward ihm nie zhoch geborn” fand frohen Widerhall unter den Marschenbauern, die im Norden zu gleichem Kampfe sich scharten, und unzählige Nachahmer in den sangeslustigen Haufen der Landsknechte. Die Reformation zog in der Schweiz so wenig wie in Deutschland einen Aufschwung der Dichtung nach sich. Seltsam genug: trug doch jene Bewegung in der deutschen Schweiz einen freieren, weltlicheren Charakter als bei uns; ist doch „unser Landskraft Zwingli” und sein staatsmännisches Wirken, sein kühner Reitertod ein ganz anders lohnender Stoff für die Kunst als Luthers gewaltigere aber mehr innerliche Größe. Erst lange nachher, zur Zeit der Wehen, welche dem Glanzeunserer Dichtung vorausgingen, sprachen die Schweizer wieder ein entscheidendes und gutes Wort, als ihr natürlicher Sinn, ihr treu bewahrtes germanisches Wesen sich auflehnte gegen den Zwang französischer und Gottschedischer Regeln. An jener Blütezeit selbst haben die Schweizer nur insofern einen bedeutenden Anteil, als ihre Geschichte ein Gegenstand unserer Dichtkunst ward, und vielleicht mehr als irgendein anderes neueres Ereignis hat Schillers Tell das Gefühl der Gemeinsamkeit des Zweiges mit dem großen Stamme unter ihnen wieder angefacht. Auch neuerdings, während ihr Staatswesen so frisch und rüstig fortschreitet und der Aufschwung des Verkehrs den beschränkten Gesichtskreis der abgeschiedenen Alpengaue täglich mehr erweitert, ist das Land von den Bewegungen auf dem Gebiete der Kunst ziemlich unberührt geblieben. Zwar die französischen Schweizer haben durch die Farbenpracht ihrer unvergleichlichen Landschaftsmalerei bewiesen, daß der Hochländer ein offenes Auge, ein empfängliches Herz hat für die Herrlichkeit seiner Berge. In der schönen Literatur jedoch war es um so stiller. Die naturwüchsige Kraft des wackeren Berner Pfarrherrn in Ehren: wir verargen es doch keinem seiner Landsleute, wenn er sich ernstlich verwahrt gegen die Unterstellung, daß die Erzählungen Jeremias Gotthelfs ein getreues Bild vom Schweizerleben böten. Nur eine Seite der Schweizer Art weiß er zu schildern: die Härte, den Trotz, die örtliche Beschränktheit, das zähe Beharren der Bauern; aber statt des unbefangenen, allem Guten hell entgegenblickenden Auges, das wir von dem Bürger eines tüchtigen Freistaates erwarten, finden wir kleinlichen Sinn, einen unerträglich engherzigen Haß gegen alles, was unser Jahrhundert groß macht; und statt der lieblichen Bilder, die ihm ein Gang ins Freie zeigen konnte, führt er uns nur zu oft eine kümmerliche, häßlich-enge Welt vor die Augen.
Unter den Lebenden ist docheinSchweizer Poet, der sein Land mit Ehren vertritt. Das Glück ist dem Erfolge von Gottfried Kellers Schriften wenig günstig gewesen, und auch während des Schaffens hat ihm nicht immer die gleiche freundliche Sonne gelächelt. Wenn wir trotzdemauch seine halbvergessenen Jugendschriften in den Kreis unserer Betrachtung ziehen, so geschieht es, weil eine lebendige Kritik nur dem möglich ist, der den Entwicklungsgang des Künstlers übersieht. Die Überfülle seichten poetischen Schaffens hat allmählich in den Reihen der Kritik einen unwürdigen Ton handwerksmäßiger Roheit eingeführt: Kritik und Kunst leiden gleich sehr, wenn ein begabter Dichter sein Fleisch und Blut als Nummer 59 unter „Fünf Dutzend neuer Romane” besprochen findet. Was der Kritik gegenwärtig vor allem nottut, ist ein wenig Pietät vor der individuellen Eigentümlichkeit der Künstler. Wer nicht einzusehen vermag, daß in jedem Kunstwerke außer seinem absoluten ästhetischen Werte und seiner historischen Bedeutung noch ein höchst persönliches Element liegt, das gebieterisch Verständnis fordert, der ist für Kunstbetrachtungen verdorben. Von Schiller kennen wir das bezeichnende Wort: „Den Schriftsteller überhüpfe die Nachwelt, der nicht größer war als seine Werke.” Lassen wir dies Eingeständnis uns einen Fingerzeig sein; suchen wir hinter jeder Dichtung, die uns erquickt, den freien und wohlgeordneten Dichtergeist zu entdecken, dem wir sie verdanken. Das Suchen wird selten unbelohnt bleiben, am wenigsten wenn es sich um einen deutschen Dichter handelt. Denn das Bewußtsein unserer Volkseinheit ist bei den meisten von uns nicht ein Werk der Reflexion und gelehrter Forschung, sondern ein Ergebnis persönlicher Erfahrung, der Erinnerung an so viele starke Männer, aus allen Ländern deutscher Zunge, die wir aus ihren Werken oder von Angesicht zu Angesicht kennen und in denen allen wir die SpureneinesVolksgeistes wiederfinden. Darum ist uns jeder ganze und tüchtige Mann, in dem wir eine gute Seite deutschen Wesens erkennen, eine Freude: er ist uns ein Unterpfand mehr für die Erfüllung unserer heiligsten Hoffnungen.
Sie bildeten eine sehr gemischte Gesellschaft, die „Gedichte”, mit denen Gottfried Keller im Jahre 1846 hervortrat. Immer wieder, wenn eine solche bunte Sammlung von Gutem und Verfehltem erscheint, ertönt dieKlage über den Mangel an Selbstkritik, und immer wieder vergißt man, wie tief diese kritiklose Redseligkeit in der Natur des Alters, das zur lyrischen Dichtung besonders neigt, und wohl auch in der Natur der Lyrik selbst begründet ist. Es waren damals die Tage, wo die langen und erbitterten Parteikämpfe, welche die Neugestaltung des Schweizer Gemeinwesens ankündigten, ihrem letzten gewaltsamen Ausbruche sich nahten, es schien die Schweiz „der Freiheit Werkstatt, wo zornig ihre Essen sprühn und rauchen”. Zugleich erfüllten Heinescher Weltschmerz, ausschweifende Lehren von der Emanzipation des Fleisches und der fanatische Christenhaß des Daumerschen Hafis die Köpfe unserer Jugend. Unser Schweizer Poet stürzt sich mit Leidenschaft in das berauschende Treiben der Zeit, und so stehen in dem seltsamen Büchlein schwungvoll phrasenhafte Freiheitslieder im Herweghschen Stile und bitterböse Angriffe gegen die Glatzen der Christenpfaffen friedlich neben Gedichten, deren wohllautende Verse in heiliger Andacht die Größe der Natur feiern, oder in denen der Dichter mit rührender Offenherzigkeit über den Sünden seiner Jugend zu Gericht sitzt. Das ist das Eigene an solchen Sammlungen: je mehr lyrisch die Gedichte sind, je mehr sie nur die Stimmung des Augenblicks wiedergeben, desto verwirrter der Eindruck, den das Ganze dem Leser hinterläßt. Die meisten sind befriedigt, wenn sie nur das Gefühl mit hinwegnehmen, daß der Poet ein jedem Hauche der Zeit geöffnetes Herz und die Gabe besitze, seine Empfindungen stark und schön auszusprechen. Aus diesen Gedichten war es doch nicht schwer, ein Mehreres herauszulesen, — eine tüchtige durchaus eigenartige Natur. Leicht ließ sich erkennen, daß der Zorn dieses Dichters Muse nicht ist: seine tendenziösen Lieder sind selten tief empfunden, und je überzeugender die einfache Plastik seiner Bilder uns vor die Seele tritt, desto tiefer verletzt uns der Zynismus in dem „Apostatenmarsch”, dem „Pietistenwalzer” oder wie sonst diese weder singbaren noch witzigen Spottgedichte heißen. Der junge Republikaner ist sehr wohl fähig, seine gute Sache poetisch zu vertreten; aber nicht der Kampf ist es, der seinemWesen zusagt: „Voran, voran, ihr Bittern in fegenden Gewittern! wir ziehen heilend, segnend nach mit klar gestimmten Zithern” — so singt er in Augenblicken, wo er ganz er selber ist. Das Ziel nur hat einen Reiz für ihn, das glückliche Gleichmaß eines freien mit Recht und Wohlwollen geleiteten Gemeinwesens; und in diesem Sinne weiß er das Glück seiner Heimat mit einem Vollgefühle der Zufriedenheit zu preisen, um das wir ihn beneiden. Nicht eine politische Doktrin führt ihn in das demokratische Lager, sondern jene Tugend, deren sich die echte Demokratie mit größerem Rechte rühmen darf als irgendeine andere politische Richtung, die vorurteilsfreie, alles Menschliche achtende Humanität:
Hernieder laßt uns dringen,Demütigen Herzens bringenLicht in der engsten Hütte Nacht!
Hernieder laßt uns dringen,Demütigen Herzens bringenLicht in der engsten Hütte Nacht!
Noch mehr gefällt uns der Dichter, wenn er mit wenigen, klaren und sicheren Strichen ein einfaches Bild der Natur nachzeichnet, wenn er den Knaben besingt, der im Walde liegt, durch die Zweige gen Himmel blickend, und gern und ruhig duldet, daß eine Eidechse über seinen Hals schlüpft — oder das Mädchen, wie sie eine Rose in den Brunnen wirft und das Wasser schlau in Wellen schlägt, bis der Knabe den Blumengruß gewonnen hat. Diese Einkehr in die Natur bleibt bei Keller frei von aller Sentimentalität; es ist die kerngesunde Lust am Einfachschönen, nicht eine mürrisch-trübe Flucht vor den Stürmen der Welt. Recht derb vielmehr weiß er die „Goethephilister” abzufertigen: — wer spricht von Anmut, wenn die Berge wanken? Und dann gerade erklingt sein Lied am schönsten, wenn er die rein menschliche Lebenslust und seine Liebe zu seiner großen rastlos vorwärtsstrebenden Zeit zugleich ausspricht. Allbekannt ist sein Gedicht an Justinus Kerner. Als der alte Herr einmal einen poetischen Stoßseufzer ausstieß ob der dampfestollen Welt, die er nicht mehr verstand, da wußte ihm der frohmutige Schweizer so stolz, so jugendfrisch zu antworten, daß der greise Sänger gewiß seinen Trost davon gehabt hat:
Und wenn vielleicht, nach fünfzig Jahren,Ein Luftschiff voller GriechenweinDurchs Morgenrot käm’ hergefahren —Wer möchte da nicht Fährmann sein?Dann bög’ ich mich, ein sel’ger Zecher,Wohl über Bord von Kränzen schwerUnd gösse langsam meinen BecherHinab in das verlaßne Meer!
Und wenn vielleicht, nach fünfzig Jahren,Ein Luftschiff voller GriechenweinDurchs Morgenrot käm’ hergefahren —Wer möchte da nicht Fährmann sein?Dann bög’ ich mich, ein sel’ger Zecher,Wohl über Bord von Kränzen schwerUnd gösse langsam meinen BecherHinab in das verlaßne Meer!
Ein Dichter von so jugendlicher Frische, so einfachem Natursinn mußte die zeitgemäße Tendenz bald als unnützen Ballast über Bord werfen. Reifende Einsicht mußte ihn abbringen von der Neigung zum Seltsamen, Barocken, welcher er in den „Gedanken eines Lebendigbegrabenen” und ähnlichen Gedichten, die sich schon durch ihre Aufschrift verurteilen, gefrönt hatte, mußte ihn zurückführen zu dem Sinne für das Schlichte, Wahre, der in seinem Wesen lag und aus seinen gelungenen Liedern sprach.
In der Tat zeigen Kellers „Neuere Gedichte” eine reifere Gestaltungskraft. Die Stürme des Jahres 1848 waren gekommen, und in den deutschen Parteikämpfen steht der Schweizer natürlich auf demokratischer Seite. Aber wie anders weiß er jetzt seine politischen Ideen dichterisch zu verkörpern! Kurz entschlossen tritt der übermütige junge Plebejer vor das Fenster des Fürstenhauses und singt sein „Ständchen an eine Prinzessin”:
In die Tiefe tauche kühn,Jugend und Liebe zu werben,Wo die Bäume des Lebens blühnUnd die Augen wie Sterne glühn!Droben bei dir ist Sterben,Liebliche Bürgerin Klara!
In die Tiefe tauche kühn,Jugend und Liebe zu werben,Wo die Bäume des Lebens blühnUnd die Augen wie Sterne glühn!Droben bei dir ist Sterben,Liebliche Bürgerin Klara!
Das heißt doch die Idee der Brüderlichkeit praktisch und als Künstler verstehen! Wer heute die Schriften liest, woraus damals unsere Jugend ihre Staatsideale schöpfte, der erschrickt nicht bloß vor der Ideenarmut, sondern mehr noch vor der trostlos langweiligen Nüchternheit, die sich, bei aller phantastischen Überschwenglichkeit, in ihnen brüstet, vor jener dürren Prosa, welchesich allemal einstellt, wenn die Phantasie sich auf Gebiete wagt, die ihr verschlossen sein sollten. Wahrlich, kein geringes Maß von Kraft und Gesundheit gehörte dazu, diese abstrakten Träume des sozialen Radikalismus in individuelle Gestalten umzubilden:
Und wo flimmernd Schwan und LeierUnd das Bild des Kreuzes sprühn,Wird dereinst in schönem FeuerKaroli Magni Krone glühn.Aber dann in tausend Wiegen,Hier in Gold und dort in Holz,Wird der junge Kaiser liegen,Freier Mütter Ruhm und Stolz,Wird als Hirt in Blumen weilen,Im Gebirg’ als Jäger gehn,Auf des Meerschiffs schwanken SeilenAls ein braver Seemann stehn.
Und wo flimmernd Schwan und LeierUnd das Bild des Kreuzes sprühn,Wird dereinst in schönem FeuerKaroli Magni Krone glühn.Aber dann in tausend Wiegen,Hier in Gold und dort in Holz,Wird der junge Kaiser liegen,Freier Mütter Ruhm und Stolz,Wird als Hirt in Blumen weilen,Im Gebirg’ als Jäger gehn,Auf des Meerschiffs schwanken SeilenAls ein braver Seemann stehn.
Sicher, das Bild einer schönen, menschlich-reinen Zukunft. Und wer wollte mit dem lyrischen Dichter über politische Fragen rechten, wenn er getan hat was er nicht lassen konnte, wenn er einen glücklichen Traum, der sein Herz bewegt, in tief empfundenen Worten wiedergibt? Die Frühlingsmonde der deutschen Revolution, die berauschende Hoffnung, die wie ein Lauffeuer von Land zu Land eilte, das erste mächtige Aufatmen nach einer langen Zeit dumpfen unnatürlichen Schweigens — dies, bei all seiner Verkehrtheit doch wunderbar großartige Schauspiel lebt vielleicht nur denen ganz klar und schön in der Erinnerung, welche damals zu jung waren, um an dem Kampfe selbst teilzunehmen und die Sorgen und Gefahren des Augenblicks zu würdigen. Die furchtbare Enttäuschung, welche dem Rausche folgte, hat es begreiflich jedem Künstler unmöglich gemacht, den überreichen Stoff zu benutzen, den jene Tage ihm bieten. Kaum daß wir einmal in einer Gemäldesammlung ein Genrebild treffen, wie den lustigen „Einzug des Reichsverwesers” von Oppenheim, das uns die Stimmung des bewegten Frühlings zurückruft. Unter all den Gedichten, welche mit dem Sturme kamen und verschwanden, ist keines so ganzerfüllt von dem Pulsschlage jener Zeit, der fraglosen Hoffnungsseligkeit, wie diese politischen Gedichte von Keller. Freilich, nicht alle tragen diesen Charakter reiner Empfindung. Es sind manche darunter, welche in parteiischer Verschrobenheit Betteljungen und Taugenichtse als das eigentliche Volk verherrlichen. Doch aus den meisten redet ein echt humaner Freisinn, ein liebevolles Mitgefühl mit den Armen und Leidenden.
Auch in dieser Sammlung geben wir den einfachen Naturbildern den Preis, welche, frei von aller Wortmalerei, oft mit glücklicher Wahrheit die Seele einer Landschaft widerspiegeln oder als echte Idyllen den Menschen in einfach-frohem Dasein schildern. Natürlich stößt dies offene Auge auch oft auf Häßliches, und der Dichter hat nicht immer die Kraft, es zu verklären; solche Gedichte erscheinen, da seinem ehrlichen Wesen die kleinen Künste, das Widrige zu bemänteln, gänzlich fehlen, doppelt grell und abstoßend. Seine Weinlieder sind zwar keineswegs frei von jenen renommistischen Klängen, welche bei solchen Stoffen zum Handwerk zu gehören scheinen; aber der Grundton ist auch in ihnen ein gesunder: die einfache herzliche Dankbarkeit für die reichen Geschenke der Natur.
Mit dieser schönen Künstlertugend Gottfried Kellers hängt indes eine wunderliche Grille zusammen, — ein grimmiger Haß gegen die Idee der Unsterblichkeit. Er wähnt, dieser Gedanke sei unverträglich mit dem Gefühle der Daseinsfülle, welches das Glück seines Daseins ausmacht, und er verfolgt ihn wieder und wieder mit dem bittersten Spotte. Wer unberührt ist von der Gehässigkeit, womit diese Idee seit alter Zeit und neuerdings wieder bald verteidigt, bald angegriffen wird, der erstaunt billig darüber, wie grundverschiedene Dinge unter diesem Namen begriffen werden. Daß, wie wir das Schaffen großer Männer und großer Völker handgreiflich fortwirken sehen von Geschlecht zu Geschlecht, so auch der schwächste Sterbliche ein notwendiges Glied ist in der großen Kette der Geschichte — daß darum keine unserer Taten ganz verloren geht, keine wieder zu vertilgen ist durch äußerliche Buße — dieser Gedanke ist allerdings die Grundlagejeder streng gewissenhaften Sittlichkeit. Diese Unsterblichkeit soll der Mensch — nicht glauben, denn wer darf beim Glauben von einem Sollen reden? — sondern ernst und klar erkennen. Und auch der Dichter mag zu Felde ziehen gegen die Leichtfertigkeit oder die äußerliche Religiosität, welche diese Erkenntnis leugnet. Wie anders der Glaube an ein bewußtes Dasein nach dem Tode! Wenn jetzt schon jeder unbefangene Denker gesteht, daß unser Wissen über diese Frage nichtig ist, so wird einst eine Zeit reinerer Menschlichkeit kommen, wo alle Welt über die heute so arg verketzerte Wahrheit einig ist, daß der Glaube an ein Jenseits mit unserem Glücke, unserer Tugend an sich nicht das mindeste zu tun hat. Für schwache oder gemeine Naturen kann der Glaube an eine Fortdauer nach dem Tode ebensowohl eine Quelle der Unsittlichkeit werden wie das Leugnen derselben; wenn es asketische Toren gibt, welche sich „die köstliche Neige der Zeit mit dem Gedanken der Ewigkeit verdünnen”, so leben noch weit mehr Menschen, welche zugleich mit dem Glauben an ein Jenseits jedes Lebensglück, jeden sittlichen Halt verlieren würden. Freilich, wenn der ungeheure Gedanke der Ewigkeit von unreinen Lippen gepredigt oder durch triviale Vorstellungen getrübt wird, dann soll der Dichter dagegen, wie gegen alles Kleinliche und Unwahre, sein lauteres Wort erheben. In dem glücklichen Gedichte „Wochenpredigt” schildert Keller, wie am heißen Erntetage die lebensmüden Alten in der Kirche sitzen und der Priester ihnen verkündigt, daß wir im ewigen Leben „von einem Stern zum andern hupfen und endlich in den Urquell schlupfen”. Dann geht das Pfäfflein heim, und, um die Zeit bis zu einem abendlichen Feste totzuschlagen, verschläft es den Nachmittag.
O Pfäfflein, liebes Pfäfflein sag’:Ist dir zu lang der eine Tag,Was willst du mit all den Siebensachen,Den Millionen Sternen und Jahren machen?
O Pfäfflein, liebes Pfäfflein sag’:Ist dir zu lang der eine Tag,Was willst du mit all den Siebensachen,Den Millionen Sternen und Jahren machen?
Gewiß, das muß ein arger Pedant sein, dem dieser lustige Einfall keinen Beifall entlockt. An sich aber ist der Glaube an ein Jenseits weder sittlich noch unsittlich,weder schön noch unschön; er mag von Dichtern mit gleichem Glücke verherrlicht oder verworfen werden. Wer darf dem wie Sphärengesang tönenden Schwunge der von diesem Glauben durchaus getränkten Oden Klopstocks oder Hölderlins sein poetisches Recht bestreiten? Und wieder, wer darf das echt künstlerische Gefühl verkennen, welches Keller treibt, die Blumen und die irdische Herrlichkeit ringsumher also anzureden: „Ich wende mich vom Schrankenlosen zu eurer Anmut froh zurück?” Nur sollte es kaum der Bemerkung bedürfen, wie wenig eine dauernde Beschäftigung mit so formlosen abstrakten Stoffen der Dichtkunst frommen kann. Wir lächeln, lesen wir heute, wie Klopstocks seraphische Überschwenglichkeit sich sogar die Freude an einem Johanniswürmchen durch die Frage verbittert: „Du bist vielleicht, ach! nicht unsterblich?” Aber nicht bloß lächeln müssen wir über den Luftkampf, welchen die materialistischen Poeten von heute führen; auch die ernste Frage können wir ihnen nicht schenken, wie es sich mit dem Wesen der heilenden und versöhnenden Kunst verträgt, einen Glauben zu verspotten, der für Unzählige den Inbegriff alles Heiligen bildet? Lesen wir vollends Zynismen wie das Lied: „Ich hab’ so manchen Narren gekannt, der wollte ewig leben” oder manche der „Gaselen”, so gestehen wir, daß dieser materialistische Fanatismus der Verketzerungssucht der „Christenpfaffen” völlig ebenbürtig ist. —
Inzwischen hatte Keller seine Kraft zu einem größeren Werke gesammelt, zu dem Romane „Der grüne Heinrich”. Es bedarf keines Tiefblicks, um zu erkennen, daß gar manches in diesem Buche von dem Poeten selbst erlebt ist, daß er in langer und liebevoller Arbeit die Früchte einer mannigfach bewegten Jugend zusammengetragen hat. Aber hier ist nichts von jener Schönseligkeit, jener Selbstvergötterung, die seit Rousseaus Tagen solchen Konfessionen anhaftet. Das Gedicht ist entstanden aus dem natürlichen Bedürfnisse, mit einer erfahrungsreichen Zeit, die der Dichter überwunden hat, völlig abzuschließen. Freilich verliert so das Werk an Einfachheit und Abrundung der Komposition, was es an Wahrheit und Lebhaftigkeitgewinnt. Keller hat das naturgemäßeste Thema des Romans gewählt: er schildert den Werdegang eines Charakters; und wir wüßten aus den letzten Jahren kaum eine Dichtung, welche einen jungen Mann in dem Alter, wo man zuerst beginnt, auf sein Leben zurückzuschauen, so tief und dauernd fesseln könnte. Aber nicht bloß der stoffliche Reiz zieht uns zu dem Buche: auch der Kunstwert der ersten Bände ist hoch anzuschlagen. Die gleichmäßige Heiterkeit seiner Natur, sein für alle, auch die kleinsten Schönheiten der Außenwelt geöffnetes Auge, seine frohe zuversichtliche Weltanschauung, der die Geschichte als ein großes Lustspiel erscheint, worin die überlegene, unbedingte Einsicht schließlich alles versöhnt: — das alles mußte Keller von selbst zur epischen Dichtung führen. Wie wahr weiß er die verborgensten Falten in dem Charakter seines Helden aufzudecken, und doch sind diese Schilderungen nicht peinlich-genau, nach Art englischermatter-of-fact-Novellen, sondern poetisch wahr. Zu den gelungenen Teilen dieses Romans möchten wir die kritischen Klopffechter des Idealismus und Realismus führen: hier, wie an jedem Kunstwerke, könnten sie lernen, daß lebendiger Schönheitssinn zum charakteristischen Stile so notwendig gehört wie der Anker zum Schiff. Keller besitzt nicht jenen leeren abstrakten Formensinn, den ästhetische Feinschmecker an Paul Heyse und Geibel bewundern, sondern ein kräftiges, angeborenes, aber durch Bildung geadeltes Schönheitsgefühl. Auch wenn die Fabel des Romans das Geheimnis nicht verriete, würde uns die Darstellungsweise auf die Vermutung bringen, daß ein Stück von Maler in ihm liegen muß. Könnte der arme Mann von Toggenburg diese lachenden Schilderungen vom Schweizerlande lesen, wie herzlich würde der Gute seine Landsleute um Verzeihung bitten, daß er ihnen das Verständnis der Naturschönheit abgesprochen. So recht an seiner Stelle ist Kellers Talent, wenn er die echt epischen, durch ihre Einfachheit großen Empfindungen ausdrückt: wenn er schildert, wie der Jüngling mit befangenem Staunen zum ersten Male seiner Großmutter begegnet und das seinem Dasein Vorangegangene großund unvermittelt ihm gegenübertritt — oder wenn er uns einführt in das heilige Schweigen der Nacht, wo das Glück der Erde seinen Rundgang zu halten scheint über die schlafende Welt. Kellers Sprache ist von jener anschaulichen Kraft, die dem Sohne des Volkes zu erwerben leicht wird, und sie wird mit der Freiheit gehandhabt, welche nur die Frucht gewissenhafter Arbeit ist. Keller hat sich das schöne Vorrecht des Epikers, daß er scheinbar absichtslos und ohne Rücksicht auf den Leser schreiben darf, nicht entgehen lassen: er erregt von Hause aus unsere Teilnahme für den Helden, aber nirgends reizt er uns durch jene prickelnde Neugierde, die den Kunstgenuß zerstört. Sein Buch ist, wie die Weisheit des Brahmanen verlangt, „ein Ganzes, das besteht aus tausend kleinen Ganzen”.
Die Mängel des Romans lassen sich meist darauf zurückführen, daß der Poet seinem Stoffe nicht frei genug gegenübersteht. Bezeichnend dafür ist, daß die Kindheitsgeschichte des Helden weit unbefangener und klarer dargestellt wird als seine späteren Erlebnisse, von denen manche des Dichters persönliches Interesse noch allzu nahe berühren mochten. Wir lernen den grünen Heinrich kennen, wie er von seiner Mutter und seiner Schweizer Heimat sich trennt, um in München Landschaftsmaler zu werden. Aber schon nach den ersten Reiseabenteuern wird die Erzählung abgebrochen, und wir erhalten die Jugendgeschichte des Helden in der Darstellung, die er, um sich selber Rechenschaft zu geben, aufgesetzt hat. Stört diese Zerspaltung der Fabel ohnehin den harmonischen Eindruck, so führt sie noch schwerere Nachteile mit sich. Die Form des Tagebuchs gibt dem Dichter Gelegenheit, sich in behaglicher Weitschweifigkeit zu ergehen und seiner Neigung für das Absonderliche, die er trotz aller ästhetischen Bildung doch nicht hat ablegen können, die Zügel schießen zu lassen. In der Absicht, uns mit dem Charakter des Helden vertraut zu machen, gibt er uns dessen Betrachtung über alles Erdenkliche, Herzensergießungen, so derb ehrlich, so verzweifelt naiv (denn der grüne Heinrich verdient seinen Namen nicht bloß umder Farbe seines Rockes willen), daß ein gesetzter Leser sich bekreuzen möchte. Schlimmer ist, daß diese Betrachtungen oft die Wahrheit der Erzählung zerstören. Das langsame Erwachen des Menschen aus kindischem Traumleben zu hellem Bewußtsein ist vielleicht der zarteste Gegenstand, den ein Dichter berühren kann: nur die allerruhigste, unbefangenste Erzählung kann uns hier überzeugen. Eine Reihe kleiner kindischer Sünden, die uns, einfach erzählt, ganz natürlich erscheinen würden, erregen unser Befremden, weil der zwanzigjährige Tagebuchschreiber sich die Motive seiner alten Missetaten nachträglich zu erklären sucht. Jedoch solche Mißgriffe sind nicht häufig. Im ganzen ist es eine Lust, diese Kindheitsgeschichte zu lesen. Selbst das unbefangen Tierische im Menschen wird uns gezeigt, seine natürliche Grausamkeit, seine schamlose Selbstsucht; wir sehen, wie die erste Wurzel der Unwahrheit, die falsche Scham, sich bildet, wir werden an jene haarscharfe Grenze geführt, welche das naturgemäße Erwachen einer lebendigen Einbildungskraft von der bewußten Lüge scheidet: und doch geht über dieser Fülle des Charakteristischen nicht der wehmütige Zauber verloren, der über dem Dämmerleben des Kindes schwebt. Durchaus bewährt sich des Dichters sittlicher Takt: er hütet sich wohl, den gedankenlosen Diebereien des Kindes mit dem Strafgesetzbuch in der Hand entgegenzutreten: aber sein Künstlerzorn erwacht, wenn er den Helden bei einem kleinlichen, engherzigen Gebaren findet. Die ersten bewußten Jahre verlebt der Held in engen Verhältnissen unter der liebevollen Zucht einer ernsten, genauen Mutter. Dann beginnt der unreife Spieltrieb allmählich umzuschlagen in die Lust an wirklicher Tätigkeit. Heinrich beschließt, sich zum Künstler zu bilden. Da sehen wir mit Rührung, wie hilflos die arme Witwe dem fremdartigen Treiben des Sohnes gegenübersteht: kann sie doch den Liebling ihres Herzens kaum anders unterstützen, als indem sie Strümpfe für ihn strickt. Und wie ergreifend erscheint das unselige Streben des Autodidakten, der, bald führerlos, bald mißleitet von unfähigen Lehrern, haltlos seiner unfertigen Empfindungslust, seiner knabenhaftenNeigung für das Sonderbare preisgegeben ist. Ein Landaufenthalt seines Helden gibt Keller Anlaß zu Schilderungen des Volkslebens von so viel Schönheit und Farbenpracht, daß wir uns erstaunt fragen, ob dies dieselben Menschen sind, welche in Bitzius’ Erzählungen unser ästhetisches Gefühl so oft schwer beleidigen. Diese Bauern sind weder malerisch noch großartig, sie sind schroff und engherzig, soweit in jenem harten materiellen Leben der Mann es sein muß, um auf eigenen Füßen zu stehen; es sind starke aufrechte Männer, sondertümliche, eigenartige Charaktere, wie sie in freier Unabhängigkeit sich bilden. Aber wie ehrwürdig erscheinen uns hier die köstlichen Güter des Landmanns, das frische Brot und der junge Wein; und wie tüchtig und beneidenswert das Volksfest der Tellfeier mit all seiner Derbheit, seinem naiven Ungeschick; denn über all dem bunten Treiben sehen wir ein naturwüchsiges, freies Gesamtleben, dem der Staat noch nicht als eine dem Volk entfremdete mechanische Amtsordnung gilt. Dort auf dem Dorfe empfängt des Helden Charakter die ersten dauernden Eindrücke der Leidenschaft. Seine romantische Neigung, seine unklare Schwärmerei wird durch ein zartes junges Mädchen gefesselt, aber sein Künstlerfeuer, seine lebendige Sinnlichkeit liegen in den Banden eines gereiften Weibes. Die schöne Judith ist eine jener sicheren, naturfrischen Frauen, die auch in unseren frommen Tagen nimmer aussterben werden: schön und stark, heißblütig und mit heidnischer Unbefangenheit jeder Leidenschaft folgend, aber durchaus wahr und eine harmonische Natur, der man nicht grollen kann. Dies Doppelleben des Helden ist mit ergreifender Wahrheit geschildert, aber auch mit einer naiven Offenherzigkeit, wie wir sie nur dem grünen Heinrich verzeihen können. Wir sind die letzten, die verbildete Prüderie unserer Frauen, welche ihnen die edelsten Kunstgenüsse verdirbt, zu verteidigen, und wir wissen sehr wohl Kellers kräftige Sinnlichkeit von der faunischen Lüsternheit der Franzosen zu unterscheiden: dennoch bedauern wir, daß manche schöne Hand den Roman aus der Hand legen wird, erschreckt durch diese Darstellung des Nackten, für welche ein künstlerischerZweck nicht zu finden ist. Das zarte Mädchen stirbt, von Judith reißt Heinrich sich los in einem gewaltsamen Ausbruche unreifen Tugendstolzes. Endlich zieht der zuversichtliche junge Held in die Fremde, um — alles zu vergeuden, was er besitzt, sein und seiner Mutter Leben.
Von hier hebt die eigentliche Erzählung wieder an, und sie sticht auch dadurch von dem Tagebuch in sehr störender Weise ab, daß von den vielen in diesem angeknüpften Fäden kaum einer von der Erzählung wieder aufgenommen wird. Mit des Helden Eintritt in das Münchener Kunstleben beginnt auch der Dichter sich eingehender mit der Kunst zu beschäftigen. Sein Buch ist das herbste, unbarmherzigste Verdammungsurteil über den Dilettantismus. Nur der Meister, nur wer seinen Beruf gründlich versteht, ist glücklich, mag er auch einen Stiefel zurechthämmern — dies der Kern der Kunstanschauung Gottfried Kellers. Eine goldene Wahrheit, die dem Sohne eines starken und regsamen Volksstammes wohl ansteht; ein Kind mag sie fassen, aber Tausende unserer Gebildeten gehen zugrunde, weil ihnen der sittliche Mut, ihr zu folgen, mangelt! Die Standrede, welche der Maler Erikson seinem Freunde, dem grünen Heinrich, hält, über die mächtige Gesellschaft der „Wollenden” in der Kunst, über die nahe schöne Zukunft, wo die Städtebewohner sich an dem Gruße: Dichter? Dichter! Künstler? Künstler! erkennen werden, und ein Senat geprüfter Buchbinder und Rahmenvergolder zu Gericht sitzen wird über den Werken des reinen Fleißes — dieser Scherz ist eine meisterhafte Satire, die jeder junge Künstler einmal lesen sollte. In solchem Geiste frischen vollkräftigen Künstlertums bekennt sich Keller auch zu jener Auffassung des geistigen Eigentums, die zu Recht bestehen wird, solange es rüstige Künstler gibt: der ohnmächtige Schwächling, dem eine gute Idee über Nacht gekommen, hat nicht das mindeste Recht zur Klage, wenn ein schöpferischer Kopf sie seiner unfähigen Hand entreißt und lebendig gestaltet. Wiederum eine sehr einfache, selbstverständliche Wahrheit; aber haben uns nicht die tragikomischen Erlebnisse des Schulmeisters von Possenhofen gezeigt, wie wenig unseretonangebenden Schriftsteller diesen braven Künstlersatz begreifen? — So gern der Dichter über künstlerische Dinge redet, so wenig wird die Schrift dadurch zum Kunstroman. Weder stellt sich hier die Kunst eitel vor den Spiegel, noch treten wir in jene Kreise der Aristokratie des Geistes, welche mit ihrem vorherrschend innerlichen Leben der Dichtung einen noch weit minder dankbaren Stoff bieten als der Adel. Das Buch bleibt ein einfacher bürgerlicher Roman; der Dichter hat es verstanden, diese besonderen Erlebnisse zu einem Bilde des Allgemeinen zu erweitern. Seine Verachtung des künstlerischen Dilettantismus ist lediglich der Haß des tüchtigen Menschen gegen alles Halbe und Schwächliche. Der Held bleibt ein epischer Charakter, er läßt die ganze Fülle der Welt der Erfahrung bildend auf sich wirken. Der Maler Ferdinand Lys schließt sich an ihn an, einer jener unselig begabten Menschen, an denen die Gegenwart reich ist: durchaus geistreich, fähig, von allem die höchsten und kühnsten Begriffe zu fassen, auch nicht gerade unproduktiv, aber mit einem Überwiegen des kritischen Denkens über die schöpferische Begabung, welches ihn am dauernden, beglückten Schaffen hindert. Oft genug gerät der gescheite Skeptiker mit dem unreifen jungen Freunde in Streit, bis einmal der Junge, stolz auf den willkürlichen Gottesglauben, den er sich aus den Trümmern der Dogmatik allein noch gerettet, ihm mit schwer beleidigenden Worten seinen Atheismus vorwirft. Da folgt eine Katastrophe, wie sie im Jugendleben nicht selten ist, lächerlich und tief traurig zugleich: seinem Herrgott zu Ehren verwundet der verblendete junge Mensch den Freund im Zweikampfe, und Ferdinand stirbt einige Jahre darauf an den Folgen der Wunde. Heinrich erkennt endlich, daß er zum Maler verdorben ist, er zeigt sich gänzlich ungeschickt zum Erwerben, er gerät in bittere Not. Eine ehrenwerte und doch falsche Scham entfremdet ihn gänzlich seiner Mutter, und die unglückliche Frau stirbt vor Sehnsucht und Gram um den verlorenen Sohn.
Hier nun muß es sich entscheiden, ob Heinrich ein wahrer Romanheld ist, ab er fähig ist, seine inhaltlose, gutmütige Jugendbegeisterung mit einer kräftigen, durchgeistigen Schwung geadelten Lebenstätigkeit zu vertauschen. Aber hier erfahren wir, wie selten jene behagliche Heiterkeit des Gemüts, die Keller befähigte, seiner Erzählung einen ruhigen epischen Fluß zu geben, sich verbunden zeigt mit der dramatischen Energie, welche zum Abschlusse jedes Kunstwerks unerläßlich bleibt. Und noch klarer zeigen sich die schlimmen Folgen davon, daß der Held zu viel von des Dichters Fleisch und Blut hat. Heinrich faßt zwar den männlichen Entschluß, der Malerei zu entsagen, aber er meint sich berufen, im lebendigen Menschenstoffe zu schaffen. Nein, junger Freund, wenn du, so derb geschüttelt durch schwere Erfahrungen, noch nicht helleren Auges in dein Inneres blicken kannst, so bist du noch immer der „grüne” Heinrich. Zum Maler taugt dieser Mensch freilich nicht, denn er ist unfähig, nur mit einem Sinne die Welt zu erfassen, er hat seine Lust an der sprossenden Frühlingssaat, während seine Malergenossen den giftigen Ton der Farbe beklagen; aber zum handelnden Leben taugt er darum noch minder. Ein ästhetischer Widerwille war es ja, der schon den Knaben von dem Mysterium des Abendmahls zurückstieß, dichterisch ist die üppige Erfindungslust, welche sein Malerwirken so bitter störte — mit einem Worte, in Heinrich steckt ein Poet. Aber Keller hat nicht den Mut, diesen Entwicklungsgang aufzudecken, er vernachlässigt darum das fruchtbare Motiv, das in Heinrichs ästhetischer Lebensanschauung — diesem Urgrunde seines Glücks und seiner Schuld zugleich — enthalten ist. Er weiß sich schließlich nur so zu helfen, daß er Heinrich, während wir noch auf dem vorletzten Blatte das Beste hoffen, auf der letzten Seite sterben läßt. Diese Ratlosigkeit über den Ausgang des Helden verdirbt den letzten Band durchaus; er ist gewandter geschrieben als der Anfang, aber in der Komposition und der dichterischen Wärme steht er weit zurück. Er ermüdet uns durch lange, völlig zwecklose Schilderungen und Betrachtungen. Ja, es gelingt dem Dichter sogar einmal, unsere Teilnahme dem Helden gänzlich zu entfremden, da Heinrich im Elend in eine unerträglich weinerliche Gramseligkeit verfällt. Am Schlusseindes erhebt sich die Erzählung noch einmal zu regerem Leben. Heinrich schüttelt die letzten Spuren seines Jammers von sich, er erstarkt zu neuem Selbstgefühle, und zum ersten Male kommt die Macht einer tiefen Liebe gewaltig über ihn. Aber sein Tod zerreißt des Lesers kaum wieder erwachte Hoffnungen. Es bleibt ein Mißgriff, der nicht wieder gesühnt werden kann, daß der Dichter Heinrichs Freund und Mutter zum Teil durch seine Schuld sterben ließ. Solche Verschuldungen, die mehr dem Ungeschick des Kopfes als der Schlechtigkeit des Herzens entspringen, bilden immer einen gefährlichen Stoff für die ernste Dichtung. Es ist hart, daß Heinrich um dieser Sünden willen, welche ja nicht das Werk seines freien Willens waren, zu den Verdorbenen und Gestorbenen gehören soll. Und doch würden wir es noch minder ertragen, wenn Heinrich auf dem Grabe seiner Mutter lustig Hochzeit hielte. Im Leben freilich ist es nicht nur möglich, ja wir dürfen sogar verlangen, daß ein Mensch mit so unseliger Vergangenheit noch ein wackerer und glücklicher Mann werde. Aber so Großes bewirkt im Leben nur jene Macht, welche selbst für die freieste und gewaltigste der Künste kaum darstellbar ist — die Macht der Zeit! So ist denn die Achillesferse aller Romane, der Schluß hier besonders schwach. Das Buch endet mit einem grellen Mißlaute.
Wir durften wohl erwarten, daß ein so stark gärender Most endlich zu einem reinen und edlen Wein werde. Nicht gänzlich haben die Erzählungen von den „Leuten von Seldwyla” diese Hoffnungen erfüllt. Wie in jenem Romane breite, ermüdende Reflexionen sich neben den schönsten Bildern bewegten Menschenlebens ausdehnten, so stehen in dieser Schrift einige gänzlich verfehlte Erzählungen neben Novellen, die aus dem Schatz unserer Dichtkunst, will’s Gott, nie wieder verschwinden werden. Die Leute von Seldwyla sind, was schlechte Künstler „ein poetisches Völkchen” nennen. Gegen dieses selige Lumpentum, das die Gemütlichkeit für seine besondere Kunst hält, wendet sich der Dichter mit der lustigsten und doch bittersten Ironie. Keller hat sehr richtig gefühlt, daß solche flache Lustigkeit, die schließlich ins Elend versinkt, zu gehaltlosist, um der Kunst einen Stoff zu bieten. Das verkommene Volk gibt ihm nur den Hintergrund, von dem sich die Schilderungen einiger origineller Menschen abheben.
Freilich, wie ganz hat den Dichter sein guter Genius verlassen, als er seinen „Pankraz, den Schmoller” schrieb. Uns ist, als müßte der lange Erikson hervortreten, dem Poeten auf die Schulter klopfen und ihn fragen, ob auch er nach so mannhaftem Kampf gegen das Dilettantenwesen für die mächtige Genossenschaft der Wollenden sich habe werben lassen. Es scheint des Dichters Absicht, zu schildern, wie oft gerade seine kleinen Eigenschaften des Menschen Schicksal bestimmen, ihn fast wider Wissen und Willen in ein schweres Schuldverhältnis zu seiner Umgebung bringen. Und wieder scheint es, er wolle in dem nichtig-eitlen Charakter der Lydia das unheimliche Geheimnis der Schönheit, das schon Vater Homer geahnt, enthüllen. Aber er versucht nicht einmal, diese Motive auszuführen. Kurz und gut, die Geschichte entbehrt jeder Pointe — so sehr, daß wir nicht einmal sicher sind, ob die Vermutungen, welche wir vorhin über des Dichters Plan äußerten, in Wahrheit zutreffen.
Kaum anders steht es mit dem Märchen „Spiegel das Kätzchen”. Hier ersteht der ideenlose Humor der alten Romantik aus dem Grabe, jener leere Humor, der sich nicht begnügt, die Poesie von falschen moralischen Zwecken zu säubern, sondern auch die künstlerischen Zwecke aus der Kunst verbannen möchte, jener Scherz, dem der Halt eines gedankenvollen Ernstes fehlt. Der Dichter weiß den altertümlichen Ton der Märe vortrefflich anzuschlagen, und einige Stellen der Erzählung erinnern an die schönheitssatte Einfachheit der alten italienischen Novellen; auch die Hexengeschichten sind phantastisch und lustig genug — aber wir ahnen nicht einmal, wo hinaus der Poet mit dem Ganzen will. Wir sehen hier zwar nicht den in vollkommener Tendenzfreiheit, im reinen Dasein sich ergehenden Fleiß des Dilettanten, aber eine sehr verwandte Verirrung: den Übermut des Künstlers, der sich bewußt ist, schön zu erzählen und nun meint, jede grundlose, willkürliche Erfindung tue es auch. Dabei geht die Eintrachtzwischen der Phantasie und dem schlichten Verstande verloren, welche doch in einem rechten Künstlerkopfe fein brüderlich zusammen hausen sollten.
In dem Schwanke von den „Drei gerechten Kammachern” hat Keller durch die Tat gezeigt, was wahrer Humor ist: drollig genug ist die Erzählung, recht, was man bei uns daheim eine pudelnärrische Geschichte nennt; aber hinter den mutwilligsten Einfällen schaut ein ernstes und starkes Gefühl hervor, eine rüstige Verachtung jener Laster, welche dem Künstler die hassenswürdigsten der Sünden sein müssen, der Engherzigkeit und Heuchelei. Nach dem verlumpten Neste Seldwyla kommen drei gerechte Gesellen in ein Kammachergeschäft. Ein jeder in der Absicht, des Meisters Nachfolger zu werden, machen sie sich durch ihren wütenden Fleiß, ihre makellose Gerechtigkeit das Leben zur Hölle. Das Ende ist, daß die Gerechten um den Preis des Meisterrechts und der Hand einer alten Jungfer unter dem Jubel der Narren und Lumpe der Stadt einen aberwitzigen Wettlauf halten. Der Scherz ist lustig genug, das elende Dasein dieser Menschen mit einer Wahrheit geschildert, welche freilich oft bis zu den Grenzen des Erträglichen, ja dann und wann darüber hinaus schreitet. Leider siegt zuletzt des Dichters warmes Herz über seinen Kunstverstand. Wir verargen ihm nicht, daß er dieser widerwärtigen Rotte eine derbe Züchtigung zudachte; wir finden es ganz in der Ordnung, daß er den Dietrich unter den Pantoffel jener schrecklich tugendhaften Schönen bringt; aber wenn er seinen Jobst am ersten besten Baum aufhängt und Fridolin ins Elend stürzt, so hat einfach der Spaß ein Ende.
Gar eigen hebt sich von diesem tollen Treiben die tiefernste Erzählung von „Frau Regel Amrain” ab. Die allereinfachste Geschichte: eine herrliche junge Frau, die ihren jüngsten Sohn erzieht, um es kurz zu sagen — ein solches Weib, wie wir unsere Mütter uns vorstellen. Keller betritt hier ein Gebiet, wo er besonders heimisch, besonders reich ist an feinen Beobachtungen — das Kinderleben; und niemand wird ungerührt bleiben von der schlichten Einfalt dieser Erzählung. Freilich, eine reineNovelle ist sie nicht. Denn nicht nur führt sie — was der Novelle nicht zusteht — den ganzen Entwicklungsgang eines Charakters an uns vorüber; sondern sie ist auch — befremdlich genug bei diesem freisinnigen Dichter — nicht ohne einen gewissen moralisch erbaulichen Beigeschmack. Die Versicherung mindestens, daß seine Geschichte authentisch sei, hätten wir ihm, im Interesse der Kunst und des Dichters, gern geschenkt: Frau Amrain lebt sicherer und leibhaftiger in dieser Novelle als in einem „wirklichen” Schweizerstädtchen.
Aber einen glücklichen Dichtersonntag hat Gottfried Keller gefeiert, als er die Novelle schrieb: „Romeo und Julia auf dem Dorfe.” Um den Tadel, der uns drückt, nur gleich vom Herzen zu nehmen: Welcher böse Geist trieb den Dichter, uns am Schlusse dieser wunderschönen Novelle durch ein tendenziöses Nachwort aus allen Himmeln der Poesie in die bare Prosa herabzustürzen? Er schreibt alles Ernstes eine Apologie seiner Fabel, als müßte der Leser nicht von selbst empfinden, daß alles gar nicht anders kommen konnte. Nun gar die Behauptung, solche gewaltige Leidenschaften seien nur noch unter dem „eigentlichen Volke” möglich — eine Parteiverirrung, welche Keller in Goethes Schule hätte verlernen sollen — dreifach unbegreiflich am Ende einer Erzählung, welche ausgesprochenermaßen nur ein Gegenbild ist zu einer Geschichte aus der vornehmen Welt! Dieser Vorwurf ist jedoch der einzige Tadel, den wir gegen das schöne Gedicht zu erheben wissen. Etwa einige Dichtungen Groths und Hebels abgerechnet, hat uns keine der modernen Dorfgeschichten so schlagend gezeigt, wie schön das arme Volk ist, wenn sich das offene Auge findet, es zu schauen. Der Vergleich mit Shakespeares Tragödie, zu dem der Titel herausfordert, schadet der Novelle nicht allzusehr, denn die bescheidene Form der Erzählung und die kleine Welt, wohin sie uns führt, stimmen unsere Ansprüche von Anfang an herab. Um zu schweigen von dem unendlich vielen, das den großen Briten über alle modernen Poeten hoch emporhebt — schon um der Form der Darstellung willen muß die glühende Sinnlichkeit der Fabel in derNovelle mehr stofflich, mehr unmittelbar auf uns wirken, als in der idealen durchgeistigten Atmosphäre des Dramas. Aber wie schreckhaft auch diese starke Leidenschaft verwöhnte Nerven berühren mag, sie bleibt doch lauter, sie bleibt die welterhaltende Macht der Liebe. Echt tragisch ist das Los der Liebenden; denn was sie heraushebt aus der Gemeinheit ihrer Umgebung, die Tiefe ihres, reinem Ehrgefühle und wahrer Leidenschaft zugänglichen Wesens — das begründet zugleich ihre Schuld. —
Es bleibt ein mißlich Ding mit den heitren harmonischen Menschen, denen es wohl ist in ihrer eigenen Haut, zu rechten: sind sie doch imstande, auf jeden Vorwurf die unwiderlegliche Antwort ihres großen Altmeisters zu geben: „Ich habe mich nicht selbst gemacht.” Wir wollen es darauf wagen. Wie wacker er auch das Seldwyler Völkchen an den Pranger gestellt hat: es fließen doch ein paar ansehnliche Tropfen Seldwyler Blutes durch Kellers eigene Adern. Nur so ist es zu erklären, daß sein schönes Talent so ganz Verfehltes schaffen konnte, wie jene beiden Novellen. Versteht er es, solche Schwachheit mit der Kraft eines rechten Künstlerwillens zu bändigen, so dürfen wir noch schöne Gaben von ihm hoffen. Eine lange Reihe von Jahren liegt noch vor ihm, und wir preisen ihn in seiner Schweizer Heimat glücklich, daß die Bitterkeit des deutschen politischen Elends nicht unmittelbar verstimmend auf seinen künstlerischen Gleichmut wirken kann. Vergessen hat er Deutschland darum nicht; davon hat er noch jüngst Zeugnis abgelegt, als er auf dem Züricher Festschießen die nordischen Gäste mit dem Liede begrüßte:
Erzwungen ist der Haß und Groll,Ein sündlich Narrenspiel — — —— Es gibt ein stolzes Fürstenwort,Das heißt: von Fels zum Meer.Doch wird es einst der Völker Hort,Wiegt’s noch einmal so schwer.Dann eint ein glücklicher GeschlechtVom FirnenrandZum MeeresstrandEinDenken undeinRecht.
Erzwungen ist der Haß und Groll,Ein sündlich Narrenspiel — — —— Es gibt ein stolzes Fürstenwort,Das heißt: von Fels zum Meer.Doch wird es einst der Völker Hort,Wiegt’s noch einmal so schwer.Dann eint ein glücklicher GeschlechtVom FirnenrandZum MeeresstrandEinDenken undeinRecht.
Heinrich von Treitschke, geboren in Dresden am 15. September 1834 und gestorben in Berlin am 28. April 1896, zählt zu den besten Männern des Zeitalters Bismarcks. Was uns als der stärkste Ton in dem großartigen Zusammenklange der Persönlichkeit Bismarcks erscheint, der tatfrohe, praktische Idealismus einer rücksichtslosen deutschen Gesinnung, das klingt auch aus jedem Worte dieses Geschichtsschreibers, der zugleich ein leidenschaftlicher Mensch und ein Dichter war. Zwar bedeuten seine Verse und Dramen als Kunstwerke nicht viel; aber als Schilderer großer Menschen, als Darsteller vergangener Zeiten hat er jenes Dichtertum bewiesen, das August Wilhelm Schlegel meinte, wenn er den Historiker einen rückwärts gewandten Propheten nannte. Und dazu gesellte sich bei Treitschke das leidenschaftliche, in den Glaubenskämpfen der Hussiten bewährte Temperament seiner tschechischen Vorfahren. Der Vater stieg vom Husarenleutnant zum sächsischen General auf, die Mutter war die Tochter eines Kavalleriemajors, und etwas vom kühnen Soldatentum hat Treitschke sein Leben lang behalten, trotzdem ihm seit der Jugend ein Gehörleiden, das sich bis zu völliger Taubheit steigerte, das frische fröhliche Dasein verkümmerte.
Früh erwachte die Teilnahme an Geschichte und Politik, die liberale Gesinnung und die Begeisterung für Deutschlands Freiheit und Einheit. Der Schüler Dahlmanns in Bonn wurde bereits zum überzeugten Preußen und geriet damit in Widerspruch zu dem kleinlichen Sondergeist seiner sächsischen Heimat. In unablässiger Arbeit eignete er sich die Grundlagen geschichtlicher, volkswirtschaftlicher und literarhistorischer Kenntnisse an und wurde 1859 Privatdozent in Leipzig. Damals entstandbereits der ausgezeichnete Aufsatz „Heinrich von Kleist”, die erste jener Dichter-Charakteristiken, die unser Band sämtlich vereinigt. Mögen sie in Tatsachen und Urteilen jetzt zu einem kleinen Teil überholt erscheinen — die edle Form, die große Gesinnung, die Schärfe und Feinheit der Charakteristik gesellen diese durchkomponierten Bilder bedeutender deutscher Schriftsteller und Dichter zu dem Besten, was unsre spärliche Essayliteratur aufweist.
Der temperamentvolle akademische Lehrer errang sogleich die größten Erfolge. Die Hörer spürten, daß hier eine große Gesinnung mit reichem Wissen sich einte, mehr aber noch war es jene fortreißende, bis zum Schluß des Lebens wachsende Beredsamkeit, die alle in den Bann Treitschkes zwang. Schon damals keimte auch der Gedanke, die Entwicklung der neuesten Zeit zu schildern, aus dem später das Hauptwerk die „Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert” erwachsen ist.
In Leipzig scharte sich um Treitschke ein Freundeskreis von bedeutenden Menschen, darunter Gustav Freytag, Franz Overbeck, Salomon Hirzel, Friedrich Zarncke. Von hier kam die Anregung der Rede am hundertsten Geburtstage Fichtes, die zu dem Aufsatz „Fichte und die nationale Idee” umgebildet wurde und in dem großen Vorgänger fast das eigene Bild zeichnete. Größeres noch bedeutete die kurz zuvor entstandene mächtige Schrift „Die Freiheit”, ein begeistertes Bekenntnis zum politischen und theologischen Liberalismus, und so manche andere größere und kleinere Aufsätze, darunter der über den geistesverwandten Lessing.
Als in Preußen der Verfassungskonflikt entstand, war Treitschke unter den Gegnern Bismarcks, auch in dem damaligen Sachsen konnte er, der Liberale, nicht auf eine Professur rechnen. So ging er nach Freiburg. Vorher hatte er noch bei dem großen deutschen Turnerfest am 5. August 1863 auf dem Leipziger Marktplatz eine alles begeisternde Rede gehalten, jene echte Demokratie preisend, welcher die Zukunft Europas gehöre. Das führte zum Bruche mit dem Vater, zum endgültigen Bruche mitdem Sachsentum und wurde besiegelt in der bedeutendsten politischen Schrift Treitschkes „Bundesstaat und Einheitsstaat”, der Kriegserklärung gegen die verlogene Bundesverfassung Deutschlands, gegen das ebenso verlogene Legitimitätsprinzip, gegen die Weiterexistenz der Kleinstaaten. Mit Recht behauptet der Biograph Treitschkes: „Wenn von irgendeiner Schrift gesagt werden kann, sie habe Bismarck den Weg zur Begründung des Reiches geebnet, so war es diese.”
In dem katholischen Freiburg fühlte Treitschke sich im Exil, und so bedeutete es für ihn die glücklichste Fügung, als jene Beziehungen zu Berlin sich anknüpften, die durch sein tapferes Eintreten für Preußen im Jahre 1866 und die leidenschaftliche Broschüre „Die Zukunft der norddeutschen Mittelstaaten” gefestigt wurden. Er erhielt eine Professur in Kiel, kehrte aber schon nach einem Jahre nach Baden, nach Heidelberg, zurück. Dort verlebte er die sieben glücklichsten Jahre seines Lebens, trotzdem nun sein Gehör völlig erlosch. Seine großen Führereigenschaften traten in der begeisterten Gefolgschaft der akademischen Jugend immer sichtbarer vor Augen. Von der frischen Kraft dieser Jahre zeugen auch die damals entstandenen Geschichtswerke: „Frankreichs Staatsleben und der Bonapartismus”, „Cavour”, und „Die Republik der vereinigten Niederlande”.
Vor der Begründung des Deutschen Reiches erhob Treitschke, ein wahrhafter Prophet, seine Stimme gegen die selbstsüchtigen, der deutschen Einheit schädlichen Ansprüche Bayerns, ebenso wie gegen den partikularistischen Liberalismus, mit dem er jetzt noch äußerlich zusammenging. Er ließ sich in den Reichstag wählen und gehörte ihm bis 1884 an, trotzdem seine Taubheit ihm die Teilnahme an den Verhandlungen sehr erschwerte. Die Beschäftigung mit den öffentlichen Fragen, mit der geistigen und sittlichen Entwicklung brachte Treitschke zu der Überzeugung, daß man namentlich gegen die neue in Berlin entstehende Großstadtkultur ankämpfen müsse. Dies war ein Hauptgrund, daß er dem Rufe als Professor der Geschichte an die Berliner Universität folgte. Seit demSommer 1874 hat er dort auf dem Katheder gewirkt wie in seiner Zeit kein anderer akademischer Lehrer, vor allem durch das in jedem Winter gelesene Kolleg über Politik, ein wahres Stahlbad für die Hörer.
Was er hier im gesprochenen Wort verkündete, das bot er einem weit größeren Kreise durch sein Hauptwerk, die „Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert”. In fünf Bänden schilderte sie, von 1879–1894 erscheinend, die Entwicklung des deutschen Staats- und Geisteslebens bis zur Revolution 1848. Aber hier wie in dem Streite mit den Kathedersozialisten zeigte es sich deutlich, daß Treitschkes Denken, seine Vorstellung von der Gesellschaftsordnung und von den eigentlich ausschlaggebenden Kräften immer mehr erstarrte und den Forderungen einer neuen Zeit nicht gewachsen war. Seine wachsende Verbitterung suchte im Judentum einen Prügeljungen, an dem er allen Groll gegen die neuen Zeiterscheinungen auslassen konnte, und das mächtige Temperament ließ sich zu ungerechten demagogischen Äußerungen hinreißen. Auch kam sein einseitiges Preußentum immer mehr zum Ausdruck, namentlich im zweiten Band der Deutschen Geschichte.
So wurden die letzten Jahrzehnte Treitschkes von unaufhörlichen Kämpfen erfüllt, bei denen häufig das Recht nicht auf seiner Seite lag. Freilich konnte er noch bei großen Anlässen, wie den Hundertjahrfeiern der Königin Luise und Luthers, das Wort mit der alten reinen Kraft ertönen lassen. Aber immer mehr wurde er zu einem Werkzeug der Reaktion, immer mehr verengte sich der Kreis seiner geistig hochstehenden Freunde, immer ungerechter wurde das Urteil.
Inzwischen waren alle Ehren, die dem großen Gelehrten damals zuteil werden konnten, auf Treitschkes Haupt vereinigt worden. Er erbte von Ranke, dem überlegenen Vorgänger, den Titel eines Historiographen des preußischen Staates, er empfing nach den kleineren Ehrenzeichen den OrdenPour le mérite, er genoß die Gunst des jungen Kaisers WilhelmII.So blind war freilich die monarchisch-konservative Gesinnung des alten Treitschke nicht, daß sie die ungeheuren Mängel der Persönlichkeit desneuen Kaisers und die verhängnisvollen Folgen seines Waltens hätte übersehen können, und gelegentlich erhob auch er seine warnende Stimme.
Als Treitschke sich den sechziger Jahren näherte, befiel ihn ein schweres Augenleiden. Nachdem er es überwunden hatte, ging er mit neuer Kraft an die Fortsetzung der „Deutschen Geschichte” und schuf sein Bestes, den fünften Band, die Schilderung der ersten Regierungsjahre Friedrich WilhelmsIV.Es war der Abschluß seines Schaffens. Wenn auch noch einzelnes nachfolgte, sollte er das Bild der Revolution von 1848, mit dem er sein Lebenswerk krönen wollte, nicht mehr malen. Er erlag einer tückischen Krankheit, in der Fülle seiner geistigen Kraft, dieser Kraft, die überall dort groß und segensreich waltete, wo nicht angeborene und anerzogene Eigenschaften zum Nachteil der unabhängigen erworbenen Gesinnung die Oberhand gewannen.