Heinrich von Kleist.

Die Lüfte wehen noch, die Sonne scheint,Die Ströme rauschen und der Werner stirbt! —

Die Lüfte wehen noch, die Sonne scheint,Die Ströme rauschen und der Werner stirbt! —

oder die edle Resignation Friedrichs von Österreich, der sich freut:

Daß ich noch Kronen von mir stoßen, nochDen Kerker kann erwählen statt des Throns.

Daß ich noch Kronen von mir stoßen, nochDen Kerker kann erwählen statt des Throns.

An ähnlichen Zügen hoher lyrischer Schönheit sind die beiden Dramen reich. Sogar die Landschaft spielt mit, nach der Weise der lyrischen Dichtung; sie spiegelt wider oder hebt durch den Kontrast die Leidenschaften der dramatischen Helden. Nicht minder kommt des Dichters episches Talent zur Entfaltung in den zahlreich eingestreuten Erzählungen — kleinen Romanzen, die überall eine große Anmut und Sicherheit der Zeichnung verraten; ja die gesamte Weltanschauung des Dichters ist episch; seinen Kaiser schildert er nach homerischer Weise und mit den Worten des mittelalterlichen Erzählers:

Und seine Schulter ragt’ ob allem Volk.

Und seine Schulter ragt’ ob allem Volk.

Das eigentlich dramatische Talent dagegen hat sich Uhland in edler Bescheidenheit selbst abgesprochen. Nimmermehr wird es blinden Bewunderern gelingen, diesem Bekenntnisse des Dichters sein Gewicht zu nehmen. Uhland deshalb zu den ersten Dramatikern der Deutschen zählen, weil seine Dramen „nationale” Stoffe behandeln, das heißt prosaisch am Stoffe kleben und das Wesen aller Kunst verkennen. Wie im Wettstreit der Rede der ärmere Geist, der die Hörer durch rednerischen Schwung bezaubert, unfehlbar und mit vollem Rechte den helleren Kopf besiegt, welchem die hinreißende Gewalt der Rede fehlt: ebenso und mit gleichem Rechte triumphiert auf den Brettern der bühnenkundige dramatische Handwerker über den echten Dichter, der die Kunst der dramatischen Aufregung nicht versteht. So recht das Gegenteil jenes durchgreifenden, revolutionären Eifers, der den dramatischen Helden macht, ist die zähe Kraft des treuen Beharrens, welche das Pathos der Helden Uhlands bildet. Und wieder so recht das Gegenteil jener ganz bestimmten endlichen Zwecke, welche der dramatische Held verfolgen soll, ist jene gegenstandslose sittliche Begeisterung, die einen guten Plan verwirft, weil nichts darin zu finden sei, „nichts, was begeistern könnt’ ein edles Herz”. Nur selten zeigt Uhlands Dialog das dramatische Platzen der Geister aufeinander; mit vorgefaßten Entschlüssen treten zumeist seine Menschen auf die Bühne,erzählen, sprechen ihre Empfindungen aus und die Szene schließt oft ohne jedes dramatische Ergebnis. Auch widerstrebt es dem warmen Herzen des Dichters, das Böse mit dem unbefangenen Behagen des Dramatikers zu schildern. Die politischen Pläne, die er seinen Helden in die Seele legt, erscheinen als Beiwerk, nicht als ein Pathos, das den ganzen Menschen erfüllt. Auf der Bühne tritt den modernen Hörern das fremdartige Wesen der Kulturformen und der Empfindungen des Mittelalters sehr auffällig entgegen, um so auffälliger, da der Dichter manche Szenen — den Kirchenbann, den Ritterschlag — sichtlich nur deshalb mit Vorliebe behandelt hat, weil der romantische Reiz des fremden Kostüms ihn lockte, nicht weil sie dramatisch notwendig waren.

Dergestalt sind diese Dramen rasch von der Bühne verschwunden. Dem Leser wird ihre lyrische Schönheit immer teuer bleiben, und eben darum wird er mit reinerer Freude vor dem älteren der beiden Werke verweilen. Willig vergißt er den verfehlten Bau des „Ernst von Schwaben”, dessen Handlung mit dem Höhepunkte beginnt, denn gar zu liebenswürdig tritt uns aus dem Bilde der beiden treuen Freunde das warme reine Herz des Dichters entgegen. Das Schauspiel „Ludwig der Bayer” ist, obwohl es Schritt für Schritt den Berichten der alten Chronisten folgt, doch weit kunstgerechter gebaut als das Erstlingsdrama, und ohne Zweifel hat keiner der späteren Bearbeiter dieser undramatischen Fabel den schwäbischen Dichter erreicht. Aber der spröde Stoff gewährte hier Uhlands lyrischem Talente weniger Spielraum. Am reichsten entfaltet sich diese Begabung in dem Fragmente „Konradin”. Keine andere Fabel unserer Geschichte kam allen Idealen dieses Dichters und dieser Zeit so willig entgegen. Noch ein anderes schönes Bruchstück hat er uns hinterlassen, das kleine Epos „Fortunat”. Es ist lehrreich, zu beobachten, wie auch ein so schlichter, aller Paradoxie abgeneigter Dichtergeist durch den Reiz des Kontrastes zum Gesange begeistert werden kann. Diese übermütigen, mutwilligen Verse entstanden dem ernsten, strengen Manne in Tagen schwerer Sorge um Haus und Staat. Aberseltsam, wie er, der in seinen kleinen Gedichten uns durch die gedrungene Kürze der Darstellung in Erstaunen setzt, bei größeren Entwürfen ins Weite zu gehen liebte. Schon der zweite Gesang des Fortunat ist eine Abschweifung nach Ariostischer Weise, und eben deshalb mag auch die Vollendung des anmutigen Gedichts unterblieben sein.

Der Dichtung Uhlands schaut keiner auf den Grund, der nicht Kunde hat von seinem wissenschaftlichen Wirken. Er selber sagte scharf: „wer sich nicht mit meinen Studien befaßt hat, kann auch nicht über mich schreiben.” Die lebensvolle poetische Schilderung unserer Vorwelt erwuchs ihm aus gründlicher gelehrter Kenntnis. Wohl durfte er von seinen alten Büchern rühmen: „Durch ihre Zeilen windet ein grüner Pfad sich weit.” Dank den Romantikern: nicht mehr eine ermüdende Masse gleichgültiger Namen brachten die Gelehrten heim aus der Erforschung unserer Vorzeit. Die Seele unseres Volkes in der Vorwelt erschloß sich den Nachlebenden, und Uhland hat ein Großes mitgeschafft an diesem Werke deutscher Wissenschaft. Ein gutes Wort aus seinen letzten Jahren bezeichnet schlagend, wie er Sinn und Ziel seines wissenschaftlichen Schaffens verstand. „Eine Arbeit dieser stillen Art,” schreibt er einem Freunde, „setzt sich freilich dem Vorwurf aus, daß sie in der jetzigen Lage des Vaterlandes nicht an der Zeit sei. Ich betrachte sie aber nicht lediglich als eine Auswanderung in die Vergangenheit; eher als ein rechtes Einwandern in die tiefere Natur des deutschen Volkslebens, an dessen Gesundheit man irre werden muß, wenn man einzig die Erscheinungen des Tages vor Augen hat, und dessen edlern, reinern Geist geschichtlich darzustellen um so weniger unnütz sein mag, je trüber und verworrener die Gegenwart sich anläßt”. Der Gedanke einer Geschichte der deutschen Dichtung im Zeitalter der Staufer, einer schwäbischen Sagenkunde beschäftigte ihn lange, und wenn von diesen weitaussehenden Plänen nur einiges — dies wenige allerdings meisterhaft — ausgeführt ward, so erraten wir leicht den Grund: für den Lyriker liegt der Reiz des Schaffens im Anlegen und Erfinden. Streng methodisch wie nur seinFreund Immanuel Bekker betrieb er diese germanistischen Studien, aber auch den Dichter erkennen wir wieder in dem Verfasser des schönen Buches „Walther von der Vogelweide”, woraus oben einige bezeichnende Urteile mitgeteilt wurden. Seine einfach edle Prosa ist nicht weniger künstlerisch als der Wohllaut seiner Verse. Wie dem Künstler ziemt, suchte er hier aus der Person des Dichters die Dichtung zu erklären und brachte also in die Literaturgeschichte des deutschen Mittelalters einen neuen notwendigen Gesichtspunkt. Nur die geschichtliche Bedeutung und den ästhetischen Wert der Gedichte unserer Vorzeit hatte man bisher gewürdigt, noch nicht sie betrachtet als Offenbarungen reicher dichterischer Persönlichkeiten.

Nicht minder den Dichter erkennen wir, wenn er in der für die germanische Mythologie Epoche machenden Abhandlung über den Mythus vom Tor nicht nur den allegorischen Sinn der alten Naturmythen enträtselt, sondern auch den Heidengott uns menschlich nahe führt und in dem Bändiger aller tobenden Elemente uns den demokratischen Gott zeigt, den gewaltigen Arbeitsmann, den geliebten Freund des Volkes, den der Bauer neckend am roten Barte zupft. Froh und heimisch fühlt sich der rüstige Mann unter dem starken Volke, das „im Donnerhalle die Nähe seines Freundes erkennt”. Und fröhlich zog er auf weite Wanderfahrten, um aus Fels und See, aus dem Geiste des Ortes selber die Gestalten unserer Sagen greifbar und lebendig hervorsteigen zu sehen. An der Hand der Natur führten dann seine Beiträge zur schwäbischen Sagenkunde den Leser in die fremde Welt halbverschollener Überlieferungen ein. Wir steigen mit ihm auf die Trümmer des alten Schlosses Bodman am Bodensee, wir hören den Schall entfernter Glocken leise über den rauschenden See her klingen und wir verstehen, wie einst hier in karolingischer Zeit den schlafenden Hirten Pipin das wonnevolle Geläute zum fernen Kloster lockte. Wir sehen den Nebel über den Wassern sich ballen, der den Schiffer beirrt und die Reben mit kaltem Reife schädigt, und wir begreifen, wie die Launen des Nebelmännleinsseltsam hineinspielen in das Geschick des alten Geschlechtes der Bodman.

Uhlands erstes gelehrtes Werk war eine Abhandlung über das altfranzösische Epos gewesen, und das feine Verständnis der Volksdichtung, das die Kenner in diesem Aufsatze erfreut, bewährte sich auch in den jahrelangen Forschungen für sein letztes größeres gelehrtes Werk über das deutsche Volkslied. Der Tod hat den bedachtsamen Arbeiter in diesem Unternehmen unterbrochen. Vollendet ist nur der Vorläufer der verheißenen Abhandlung, die köstliche Sammlung deutscher Volkslieder, die in jedem guten deutschen Hause eine Stätte finden sollte, denn sie ist, was der Sammler wollte, „weder eine moralische, noch eine ästhetische Mustersammlung, sondern ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Volkslebens”. Wie „Des Knaben Wunderhorn”, dem Uhlands Jugend so Großes verdankte, verrät auch diese Sammlung, daß schönheitskundige Dichterhände die Auswahl geleitet; aber an der Vergleichung beider Werke ermessen wir zugleich den ungeheuren Fortschritt der germanistischen Wissenschaft von dilettantischer Unfertigkeit zu kritischer Strenge. Schwerlich ist es ein Zufall, daß der Sammler den bedeutenden wirksamen Platz am Schlusse seines Buches den Liedern des streitbaren Protestantismus angewiesen hat. Des Kranzes letzte Blätter sind: „Eine feste Burg ist unser Gott” und jenes herrliche Lied eines sächsischen Mädchens aus den Tagen des Schmalkaldischen Krieges:

Stets soll mein Angesicht sauer sehn,Bis die Spanier untergehn —

Stets soll mein Angesicht sauer sehn,Bis die Spanier untergehn —

der kräftige Ausdruck einer großen politischen Leidenschaft, die seitdem die Seele der mitteldeutschen Stämme leider nie wieder so gewaltig erschüttert hat.

In mannigfachen Formen (schon vielen ist dies aufgefallen) kehrt in Uhlands Gedichten ein Idealbild wieder — der streitbare Sänger: mag der Dichter den Normannen singend und die schweren Schwerter schleudernd vor dem Eroberer reiten lassen, mag er Äschylos und Dante preisen, weil sie für Freiheit und Vaterland gesungenund gestritten, oder Körners Schatten heraufbeschwören zu zorniger Mahnung an die Überlebenden. In friedlichem, aber nicht minder ernstem und aufregendem Kampfe hat er selber sich zu diesen Sängern und Helden gesellt. Die Zeit ist hoffentlich nahe, da wir Deutschen aufhören werden, etwas Auffälliges zu sehen in dieser Verkettung bürgerlichen und künstlerischen Ruhmes. Wie wir neuerdings in Italien der ruhmvollen Erscheinung begegnen, daß unter den namhaften Denkern und Künstlern kaum einer sich findet, der nicht sein Herzblut hingäbe für das freie und einige Italien: so beginnt unter den Deutschen eine ähnliche Wandlung sich zu vollziehen. Das Herz der Nation kehrt sich ab von jenen Künstlern, die neben dem großen politischen Kampfe der Gegenwart kalt zur Seite stehen. Seltener, schüchterner immer tönt das vordem in diesen Kreisen oft gehörte Wort, dem Künstler zieme nicht sich zu kümmern um die Abstraktionen der politischen Debatte, „weil er sich kein Bild davon machen könne”. Der politische Kampf der deutschen Gegenwart ist nicht ein Streit um diese oder jene Staatseinrichtung, wie eine Doktrin, ein Klasseninteresse sie fordert. Es gilt, der Nation das Unterpfand jedes schönen Erfolges, das stolze Selbstgefühl zu retten. Was irgend krankt in unserem Volksleben, in Kunst und Wirtschaft, Glauben und Wissen, nicht eher wird es völlig gesunden, als bis die Deutschen ihren Staat gegründet. Das Geschlecht von Dichtern aber, dem die Kleist, Arndt, Uhland angehören, war das erste in Deutschland, welches diese unmittelbare sittliche Bedeutung der Staatsfragen begriff und solche Erkenntnis in Taten bewährte. Als König Ludwig von Bayern um das Jahr 1841, in der unheilvollsten Zeit seiner Regierung, mit dem Plane umging, einen deutschen Dichterverein zu gründen, und den schwäbischen Dichter zum Beitritt auffordern ließ, da erklärte Uhland dem Minister v. Schenk in einem tapferen Briefe, was er denke über die Pflicht des Dichters gegen das Vaterland. „Bei Deutschlands politischer Zersplitterung,” heißt es da, „kann auch der bestgemeinte Vorschlag zur idealen Einigung eher verletzen als ermutigen; immernur der Stein statt des Brotes! — Wenn die deutsche Dichtkunst wahrhaft national erstarken soll, so können ihre Vertreter nicht auf ein historisches oder idyllisches Deutschland beschränkt sein; jede Frage der Gegenwart, wenn sie das Herz bewegt, muß einer würdigen Behandlung offen stehen.”

Sehr laut, fast überschwenglich ist neuerdings Uhlands politisches Wirken gepriesen worden. Der Kaltsinn gegen die Kunst, diese Krankheit der Gegenwart, offenbarte sich auch darin, daß in vielen Nekrologen der Dichter wie ein patriotischer Landtagsabgeordneter erschien, der nebenbei auch Verse geschrieben. Wohl ist es nicht leicht, diesen verschlossenen Charakter zu durchschauen, der selten in Gesprächen oder Briefen die Beweggründe seines Handelns angab. Nur diese Behauptung dürfen wir zuversichtlich aufrechterhalten: Uhlands dichterisches und gelehrtes Schaffen war nicht bloß fruchtbarer als seine politische Wirksamkeit, es wurzelte auch ungleich tiefer in seinem Gemüte. Uhland war weit weniger als Kleist oder Arndt eine politische Natur; das Unglück des Vaterlandes erfüllte den ruhigen Mann nicht mit jener heißen Leidenschaft, die jeden andern Gedanken übertäubt; gleich den ausschließlich ästhetischen Geistern des älteren Dichtergeschlechts war ihm noch möglich, während der krampfhaften Aufregung des Freiheitskrieges sich die selige Ruhe künstlerischen Wirkens zu bewahren. Nicht in die Wiege gebunden war ihm die Lust am Streite, wie einem Lessing; ihn erfüllte nur das unabweisliche Verlangen, rein und unsträflich vor seinen Augen dazustehen. Wie konnte er also zurückstehen, wenn um die höchsten sittlichen Güter unseres Volkes gestritten ward? Zudem hatte er seinen natürlichen Rechtssinn geschult in den juristischen Studien, die er ohne Freude, aber mit Ernst und Nachdruck trieb, und war früh mit den Ideen des modernen Liberalismus vertraut geworden. Seine schmucklos bürgerliche Art, „dickrindig und schier klotzig”, wie Chamisso sie einmal übermütig nannte, diese keusche Wahrhaftigkeit sah mit bitterem Ekel auf die Leichtfertigkeit der Höfe, auf das vornehme Spielen mit dem Ernste des Lebens. So warder, der seine gelehrte Arbeit und den besten Teil seiner Dichterkraft unserer Vorzeit widmete, im Leben ein Streiter für die modernen Volksrechte. Bestechend, aber verkehrt ist Heinrich Heines Versuch, aus diesem scheinbaren Widerspruche von Leben und Dichtung das frühe Verstummen von Uhlands Gesang zu erklären. Wir wissen längst, daß nicht „das katholisch-feudalistische”, sondern das volkstümliche Element der mittelalterlichen Gesittung seine dichterische Neigung vorwiegend anzog; also haben seine poetischen Arbeiten seinen vaterländischen Sinn vielmehr gekräftigt. Nur einzelne kleine Schwächen seiner Poesie lassen sich allerdings auf dies zwiegeteilte Streben zurückführen. Wenn dann und wann ein Ritter, ein Mönch seiner Balladen uns mit allzu blassen Farben gemalt scheint, so erinnern wir uns: ein durchaus moderner Mensch hat dies Bild geschaffen, der bereits mit hellem Bewußtsein auf das Mittelalter als auf eine versunkene Welt zurückschaut.

Es ist nicht ganz richtig, wenn Uhland kurzweg den Dichtern der Freiheitskriege zugezählt wird. Der Heldenzorn jenes Kampfes tönt uns mit voller Gewalt nur aus den Liedern der Arndt, Körner, Schenkendorf entgegen, die mitteninne standen in dem Schlachtgetümmel. Dem Schwaben war dies schöne Los versagt; darum hören wir aus den Liedern Uhlands in dieser Zeit nur die Stimme des erregten Beobachters, nicht des Kämpfers. Besonders schön hat er die Angst der Guten geschildert, da die letzte Entscheidung sich verzögerte, bis ihm endlich sein heißer Wunsch erfüllt ward:

Das edle Recht, zu singenDes deutschen Volkes Sieg.

Das edle Recht, zu singenDes deutschen Volkes Sieg.

Demutsvoll stand er zur Seite und fragte sein Land:

Nach solchen Opfern heilig großenWas gälten diese Lieder dir!

Nach solchen Opfern heilig großenWas gälten diese Lieder dir!

Erst nach dem Frieden, als Süddeutschland der Brennpunkt unserer staatlichen Kämpfe war, begannen die großen Tage seiner politischen Dichtung, welche nun, dader Norden ermattet schwieg, den Geist jener nordischen streitbaren Sänger getreulich bewahrte.

Der württembergische Verfassungsstreit brach aus. Schon als Arbeiter im Justizministerium hatte der junge Jurist erfahren, was die Willkürherrschaft des geistvollsten und ruchlosesten der Napoleonischen Satrapen bedeute. Jetzt, ein unabhängiger Rechtsanwalt in Stuttgart, ward er der beredte Mund des empörten Rechtsgefühls seines Stammes. Er forderte das alte Recht zurück, verwarf sowohl die neue vom König Friedrich eigenmächtig geschaffene Verfassung als die wohlmeinende Vermittlung des Nachfolgers König Wilhelm und seines alten Gönners, des Ministers Wangenheim, schrieb unermüdlich Adressen, Flugschriften und die „Vaterländischen Gedichte”. Zu ihnen möchte ich alle Verächter der politischen Dichtung führen, damit sie erkennen: ein echter Dichter ist, derweil er singt, immer im Rechte. Auch wer das starre Festhalten der Altwürttemberger an dem alten Rechte politisch verwirft, muß ergriffen werden von dem so männlich-stolzen und so christlich-demütigen Gebete:

Zu unsrem König, deinem Knecht,Kann nicht des Volkes Stimme kommen.

Zu unsrem König, deinem Knecht,Kann nicht des Volkes Stimme kommen.

Und wenn irgendwo, so ist hier Uhland der deutschen Dichterweise treu geblieben und hat die Form seiner Lieder sich schaffen lassen durch den Inhalt. Dichter und Staatsmann hatten schier die Rollen ausgetauscht: der phantastischen, dreist experimentierenden Staatskunst Wangenheims stand der Sänger mit der nüchternen bedachtsamen Mahnung gegenüber, das Altbewährte treu zu hüten. Wirken sollten die Lieder, haften im Gedächtnisse des Volkes. Darum die einfachste Form für den einfachen Inhalt, unermüdliche Wiederholung, schmucklose, allen verständliche, dann und wann fast prosaische Worte:

Schelten euch die Überweisen,Die um eig’ne Sonnen kreisen,Haltet fester nur am Echten,Alterprobten, Einfach-Rechten!

Schelten euch die Überweisen,Die um eig’ne Sonnen kreisen,Haltet fester nur am Echten,Alterprobten, Einfach-Rechten!

Die verschiedensten Beweggründe zugleich trieben den Dichter in die buntscheckigen Reihen der Opposition: die gemütliche Anhänglichkeit an das altheimische Recht so gut wie der noch ungeschulte Liberalismus, der die alte Verfassung pries, weil sie die Macht des Monarchen beschränkte, doch nicht begriff, daß sie den modernen Staat aufhob. Mächtiger als all dies wirkte in ihm der edle sittliche Zorn, der freie Männerstolz, der auch der wohlmeinenden Macht nicht gestatten wollte, das Recht zu beugen. In solchem sittlichen Zorn liegt die Idee, die Berechtigung dieser Opposition. Ihm dankte der Dichter auch seine poetische Überlegenheit, als er jetzt einen neuen heftigeren, politischen Sängerstreit mit Rückert durchfechten mußte. So hatte einst sein Lehrer Walther für den Staufer Philipp kampflustige Lieder gesungen, derweil Wolfram von Eschenbach für den Welfenkaiser Otto in die Schranken trat. Diesmal sprach Uhland zum Herzen der Hörer, während der Gegner, indem er Wangenheims Reformpläne verteidigte, nur an den Verstand des Volkes sich wenden konnte. Und nicht an der Scholle haftete der Blick des Sängers, er sah in dem Ringen seiner Heimat nur eine Schlacht des langen Krieges, der das weite Vaterland erfüllen sollte, und verwundete die Elenden, die nach geheimen Bünden spürten, mitten ins Herz mit den Versen:

Ich kenne, was das Leben euch verbittert,Die arge Pest, die weit vererbte Sünde:Die Sehnsucht, daß ein Deutschland sich begründe,Gesetzlich frei, volkskräftig, unzersplittert.

Ich kenne, was das Leben euch verbittert,Die arge Pest, die weit vererbte Sünde:Die Sehnsucht, daß ein Deutschland sich begründe,Gesetzlich frei, volkskräftig, unzersplittert.

Oftmals in diesen Händeln traf seine noch unfertige politische Bildung mit sicherem Takte das Rechte; so, wenn er wider den Plan einer württembergischen Adelskammer das gute, durch schwere Erfahrungen bestätigte Wort sprach: „Das heißt den Todeskeim in die Verfassung legen.” Auch an den Fehlern der Opposition hatte er seinen Teil, an jener eigensinnigen Hartnäckigkeit, welche die gute Stunde, die freieste Verfassung in Deutschland zu gründen, verscherzte. In späteren Jahren hat er selbst eingesehen, wie sehr ihm die Freiheit des Urteilsfehlte, als er die wohldurchdachten Entwürfe der Regierung kurzab als Machwerke verdammte. Doch von allen Irrtümern dieses Mannes gilt sein eigenes Wort:

Wohl uns, wenn das getäuschte HerzNicht müde wird, von neuem zu erglüh’n:Das Echte doch ist eben diese Glut.

Wohl uns, wenn das getäuschte HerzNicht müde wird, von neuem zu erglüh’n:Das Echte doch ist eben diese Glut.

Jawohl, das Feuer einer reinen Begeisterung flammt in diesen württembergischen Liedern; darum werden sie auch dann noch in unserem Volke leben, wenn das Königreich Württemberg längst aufgehört haben wird zu bestehen. Die Lieder zogen als Flugblätter durch das Land. Einzelne nichtschwäbische Zeitungen wagten sie in ihren Spalten aufzunehmen. So brachte ein norddeutsches Blatt das an den wackeren Stuttgarter Bürgermeister Klüpfel gerichtete Gedicht „Die Schlacht der Völker war geschlagen” unter der für den Geist der Presse jener Tage bezeichnenden Überschrift: „An den Repräsentanten einer angesehenen Stadt bei einer bekannten Ständeversammlung, gesungen bei einem festlichen Mahle, das dem würdigen Manne am 18. Oktober 1815 von seinen Kommittenten gegeben wurde.” Diese Gedichte gründeten dem Sänger zuerst einen geehrten Namen in der Literatur, und das schwäbische Volk sah mit begreiflichem Stolze auf den Mann, der also mit Ehren die Stammesart vertrat. Alsbald nachdem er das gesetzliche Alter erreicht, 1817, ward er in die Kammer gewählt, und mit Unwillen mußte er jetzt den Umschlag der Volksmeinung wahrnehmen. Dem zähen Eigensinne folgte übereilte Nachgiebigkeit, nur das eine ward erreicht:

Daß bei dem biedren Volk in SchwabenDas Recht besteht und der Vertrag.

Daß bei dem biedren Volk in SchwabenDas Recht besteht und der Vertrag.

Nicht durch königlichen Befehl, durch Vertrag zwischen Land und Krone kam die neue Verfassung zustande, doch fehlte viel, daß ihr Buchstabe zur Wahrheit ward. Bald befestigte sich unter König Wilhelm die gefährlichste Form des scheinkonstitutionellen Regiments, welche Deutschland vor der Revolution gesehen hat: ein aufgeklärter Despotismus,den Großmächten gegenüber liberal, nach innen tätig für das materielle Wohl, eifersüchtig gegen jede selbständige Haltung des Landtags, von gewandten klugen Männern geleitet, eifrig bestrebt, alle Talente des Landes in den Dienst der Minister zu ziehen. Ohne Freude hielt Uhland unter den Landständen aus. „Nur als Freiwilliger,” sagt er selbst, „als Bürger, als einer aus dem Volke trat ich mit an.” Persönliche Würde, Pflichttreue und die Gewalt seiner Feder verschafften ihm trotzdem eine Stelle unter den Führern der Opposition. Während des Kampfes um die Verfassung hatte er Staatsämter, die man ihm anbot, ausgeschlagen. Jetzt mußte er für seine Festigkeit büßen; erst im Jahre 1829 berief ihn die Regierung zu der Stelle, die ihm gebührte und seinen liebsten Wünschen entsprach: auf den Lehrstuhl der deutschen Literatur in Tübingen.

Dort ist fortan sein Wohnsitz geblieben, und es war ein echtdeutscher Zug, daß er an einem Stilleben sich genügen lassen konnte, welches einen Franzosen von seiner Bedeutung zur Verzweiflung gebracht hätte. Nahe an der Neckarbrücke stand sein freundliches Haus mitten im Rebgarten am Abhange des Österberges, dessen schöngeschwungene Formen der aus Italien heimkehrende Tübinger Philolog mit dem Vesuv zu vergleichen liebt. Dort sah er Jahr für Jahr jene denkwürdigen Ereignisse an sich vorübergehen, welche die Ruhe dieses akademischen Flachsenfingen unterbrechen. Immer wieder zogen der Pauperpräfekt und die Armenschüler in ihren hohen Hüten singend durch die winkligen rinnsalreichen Gassen, das Vieh ward in den Neckar zur Schwemme getrieben, die Stadtzinkenisten bliesen ihren Choral vom Turme, und — das wichtigste von allem — die berufenen Flößer, die Jockeles, führten das Holz des Schwarzwaldes talwärts und wechselten mit den alten Erbfeinden, den Studenten, homerische Schimpfreden. Es liegt ein eigener stiller Reiz über dieser kleinstädtischen Welt, wo an jedem Hause ein uralter derber Burschenwitz oder eine gute Erinnerung an einen tüchtigen Mann haftet. Im Verkehr mit vortrefflichen Männern fühlte Uhland sich bald wieder heimisch in der Vaterstadt,und durch seine kurze akademische Wirksamkeit erweckte er in den Schwaben zuerst den Sinn für die germanistische Wissenschaft. Noch ein anderes rühmen seine Landsleute ihm nach: der angesehene Professor vernichtete durch persönliche Würde und gediegene Gelehrsamkeit jene kleinlichen Vorurteile gegen den Beruf des Dichters, die seit Schubarts und Hölderlins Tagen von dem schwäbischen Bürger gehegt wurden.

Nach wenigen Jahren rief ihn eine abermalige Wahl in die Kammer von seinem gelehrten Wirken ab. In den zwanziger Jahren hatte sich die Opposition in Württemberg vorwiegend auf örtliche Zwecke beschränkt. Ein fleißiger Arbeiter in den Kommissionen, ein karger, ungewandter Redner, aber wenn er sprach, schlagend, gedankenreich, entschieden, war damals Uhland für den von der Regierung mißhandelten Friedrich List in die Schranken getreten, hatte gewirkt für die Neuordnung der Rechtspflege, namentlich die Unabhängigkeit des Richterstandes, und für die Minderung der Militärlast. Höhere Ziele steckte sich die Opposition nach der Juli-Revolution. Noch immer freilich blieb unter den deutschen Liberalen die alte weltbürgerliche Neigung lebendig; diese Gesinnung hatte Uhland vordem zum Eintritt in die Philhellenenvereine bewogen, ihr verdanken wir auch eines seiner besten Gedichte, die Ballade „Die Bidassoabrücke” zum Preise des Verwegensten der Spanier, Mina. Jedoch unter den Besseren wenigstens „prägte sich jetzt — nach Uhlands Worten — ein deutscher Liberalismus aus, der die freisinnige Idee mit der Vaterlands-Ehre zu verbinden trachtete”. Als Süddeutschland fürchten mußte, durch die absolutistische Tendenzpolitik Österreichs in einen Krieg gegen das liberale Frankreich hineingerissen zu werden, und die nicht minder verblendete Parteiwut vieler Liberalen freudig den Augenblick ersehnte, der den Südwesten zum Verrat an Deutschland, unter die „liberale” Trikolore der Fremden führen würde — in diesen angstvollen Tagen wandte sich das Auge der Besseren über die roten Grenzpfähle hinaus den deutschen Bruderstämmen zu. Man empfand bitter den Mangel einer Volksvertretungin Österreich und Preußen und „die Unnatur der deutschen Zustände, daß die schwächeren Schultern die Träger der größeren Volksrechte sein sollen”. Aber unverzagt mahnte Uhland die Freunde, „unsere ehrenvolle Bürde, das zukünftige Eigentum des gesamten Deutschlands, einer helleren Zukunft entgegenzutragen”.

Mit dem stolzen Bewußtsein eines ernsten nationalen Berufs betrat die Opposition den Ständesaal. Der Landtag des Jahres 1833 ward einer der wichtigsten in Deutschland vor der deutschen Revolution. Nicht nur eine große Zahl von Talenten füllte das Haus: hier ward auch zum ersten Male grundsätzlich eine Lebensfrage der Politik des deutschen Bundes erörtert. Die sittliche ebenso sehr als die politische Pflicht gebot, daß einem großen politischen Lügensysteme ein Ende gemacht werde, daß die konstitutionellen Regierungen nicht mehr durch Bundesbeschlüsse im Geiste des Absolutismus sich ihres Verfassungseides entheben ließen. Darum stellte Paul Pfizer seine berühmte Motion, daß der Verfassung widersprechende Bundesbeschlüsse in Württemberg keine Geltung haben sollten. Umsonst zeigten befreundete Landsleute in der Ferne, wie Wurm, die Unausführbarkeit des Antrags. Es war und ist ein Widersinn, daß ein Bund konstitutioneller Staaten von einer absolutistischen Körperschaft geleitet wird; der Unwille darob ward unter den Liberalen so übermächtig, daß sie, die Verfechter des Einheitsgedankens, den Teil grundsätzlich über das Ganze stellten — ein denkwürdiges Symptom der Verwirrung und Verbildung deutscher Politik. Das Verlangen der Minister, die Kammer solle die Motion mit verdientem Unwillen zurückweisen, ward mit einer scharfen Adresse aus Uhlands Feder beantwortet. Hierauf erfolgte die Auflösung und eine Reihe von Ereignissen, welche in jener Zeit der politischen Unschuld ungeheures Aufsehen erregten, während die Gegenwart bereits an einen weit roheren Mißbrauch der Regierungsgewalt gewöhnt ist. Schon von dem aufgelösten „vergeblichen Landtage” hatten die Minister ihre Gegner durch gesuchte Gesetzesauslegungen auszuschließen getrachtet; Uhland war damals für dieGültigkeit der Wahl seines alten Gegners Wangenheim aufgetreten in einer Rede, die seinem Herzen Ehre macht. Jetzt wurden diese alten Künste der Regierung weiter ausgebildet. Uhland, abermals gewählt, erhielt den Urlaub nicht und legte rasch entschlossen seine Professur nieder.

Von neuem entspann sich der Streit wider die verfassungswidrigen Bundesbeschlüsse. In diesen Debatten verkündete Uhland in schwungvoller Rede den nationalen Beruf der süddeutschen Opposition und sprach das kühne Wort: „Diese Rechte und Freiheiten werden einst von einer deutschen Nationalvertretung zur vollen und segensreichen Entfaltung gebracht werden.” Was er schon während des alten Verfassungsstreites dunkel geahnt, sah er jetzt klar vor Augen: daß alle Sünden der Einzelstaaten ihre Wurzel haben in dem Mangel einer volkstümlichen einheitlichen Verfassung Deutschlands. Darum deckte er bei der Beratung des Militärbudgets schonungslos das große Übel auf, das alle Militärdebatten in den Kleinstaaten noch heute verbittert und vergiftet. Er fragte: „Hat sich die Einigung im Bunde selbst schon als eine in der Nation begründete erwiesen? Kann bei solchem Stande der Dinge Württemberg wissen, unter welcher größeren Fahne und zu welchen Zwecken seine Truppen zunächst ausziehen werden?” Nicht zufrieden mit der unfruchtbaren abwehrenden Haltung dem Bunde gegenüber, sprach er jetzt ein altes wohlberechtigtes Verlangen der Liberalen aus: er forderte, daß die Minister wegen der Instruktionen an die Bundestagsgesandten den Kammern Rede stehen sollten.

Heftiger von Jahr zu Jahr wurde die Erbitterung. In ihrem allerdings wohlbegründeten Mißtrauen gegen die Minister stimmte die Opposition einmal sogar für die Verwerfung des gesamten Budgets, ja, befangen in kleinstädtischen volkswirtschaftlichen Begriffen und voll Widerwillens gegen Preußen, erklärte sich Uhland sogar gegen den Beitritt Württembergs zum deutschen Zollvereine. Auch er litt an jener Verblendung, womit die meisten Liberalen des Südwestens in jenen Tagen behaftet waren: stolz auf sein schwäbisches „konstitutionelles Leben”, dasdoch in Wahrheit die Willkür der Krone nicht wesentlich beschränkte, handelte er unwillkürlich als Partikularist. Aus Liebe zu Deutschland ward er mitschuldig an der unseligsten politischen Sünde des alten Liberalismus: er widerstrebte dem großartigsten und wirksamsten Versuche einer praktischen Einigung des Vaterlandes, der seit Jahrhunderten gewagt worden! Dies Verfahren ist um so befremdlicher, da Uhland selbst bald nachher die Unfruchtbarkeit der kleinen Landtage für das große Vaterland scharf erkannte: „Wir stehen an der Grenze einer lebendigen Wirksamkeit auf diesem Wege,” schrieb er 1840, „der Bündel ist nicht zustande gekommen, das Beil hat kein Heft und die Stäbe liegen zerknickt umher.” Endlich, im Jahre 1839, beging die Opposition einen letzten verhängnisvollen Fehler. Wie oftmals in reichen, warmen Gemütern, liegt auch in dem tüchtigen Charakter der Schwaben ein Zug von unberechenbarem Eigensinn, von pessimistischem Trotz. Häufig in ihrer Geschichte, und immer zum Unheile des Landes, war er zutage gekommen; so während des Verfassungsstreites, so jetzt wieder in anderer Weise, als die Uhland, Schott, Pfizer, Römer, vereinsamt unter dem gleichgültigen Volke, auf die Wiederwahl verzichteten. Dergestalt war der Landtag seiner besten Kräfte beraubt, und dem schwäbischen Staatsleben, das in seinem abgeschlossenen Sonderdasein dringender als die meisten anderen Staaten der fortwährenden Mahnung an die nationalen Pflichten bedarf — ihm fehlten fortan gerade jene liberalen Talente, welche freieren Blicks über die Landesgrenze hinausschauten.

Das zurückgezogene Leben, das der Dichter nun in Tübingen begann, fiel gerade in die Tage, da von seiner Heimat jene kühne theologische Bewegung ausging, welche durch das Auftreten von David Strauß veranlaßt war. Abermals bewährte sich der alte Romantiker als ein moderner Mensch. Den vorurteilsfreien Forscher erschreckte es nicht, daß die Grundsätze der wissenschaftlichen Kritik, die ihm selber das Verständnis der heidnischen Götterlehre erschlossen hatten, jetzt auf die christliche Mythologie angewendet wurden. Der theologische Streit lag seinemSinne fern, doch verteidigte er die Verketzerten und ihr Recht der freien Forschung. Einen anderen modernen Gedanken dagegen, der gleichfalls in seiner Umgebung gehegt ward, hat er nie verstanden. Jenen zukunftreichen politischen Plan, der einst als unbestimmte ferne Hoffnung vor Fichtes Seele geschwebt und dann in Friedrich Gagerns lichtem Haupte sich zu greifbarer Gestalt verdichtet hatte — den Plan des deutschen Bundesstaates unter Preußens Führung verkündete Paul Pfizer, fast noch ein Jüngling, zuerst als ein politisches Programm dem Volke und eroberte sich damit einen Ehrenplatz in der Geschichte der deutschen nationalen Bewegung. Dem Dichter, der den alten Ruhm der Hohenzollern oftmals freudig besungen hatte und den Widerwillen der Schwaben gegen Norddeutschland nicht teilte, blieb dieser Gedanke immer ein Greuel. Sein Herz war erfüllt von der gemütlichen Vorliebe seines Stammes für die österreichischen Nachbarn; ihm blieb unvergessen, wie oft er einst im Knabenspiele Partei genommen hatte für die Kaiserlichen und in das nahe Rottenburg hinübergewandert war, um das wildfremde Kriegsvolk der Magyaren und Kroaten zu schauen. Wie einst in dem württembergischen Verfassungsstreite, so wirkten auch jetzt zwei grundverschiedene politische Beweggründe in seiner Seele nach einem Ziele zusammen. Die Freude an der althistorischen Herrlichkeit des Wahlkaisertums und das Bekenntnis der Volkssouveränität — romantische und demokratische Neigungen zugleich führten ihn zu dem Ideale des Wahlreichs. Auch eine köstliche, dem deutschen Staatsmanne leider sehr notwendige Tugend brachte Uhland in die Kämpfe der Revolution hinüber — das wachsame Mißtrauen gegen den guten Willen der Höfe. Er hatte unter König Friedrich das frevelhafte Mißachten jedes Rechtes, unter seinem Nachfolger — was seinem schlichten Sinne noch tieferen Ekel erregen mußte — das unwahre Buhlen mit dem Liberalismus gesehen, und nur so schmerzliche Erfahrungen konnten seinem warmen wohlwollenden Herzen diesen harten Zug einprägen.

Die Revolution brach aus, und dem greisen Dichtervor allen galt der Jubel des aus langer Gleichgültigkeit erwachenden schwäbischen Stammes. Der beispiellosen Mißregierung folgte eine beispiellose Demütigung: der Bundestag gestand, daß ihm das Vertrauen des Volkes fehle, und umgab sich mit „Männern des Vertrauens”. Auch Uhland ward unter die Siebzehner gesendet, doch das Vertrauen seines Königs folgte ihm nicht nach Frankfurt; ihm ward keine Antwort, als er sich die persönliche Ansicht des Fürsten über die Aufgabe der Vertrauensmänner erbat. Als nun in dem Ausschusse Dahlmann mit dem Programme des Bundesstaates hervortrat, da schraken anfangs — ich folge hier der mündlichen Erzählung eines der Siebzehn — die meisten zurück vor der Verwegenheit des Gedankens, und Uhland stimmte eifrig gegen das preußische Erbkaisertum, „als es noch in den Windeln lag”. Diese großdeutsche Gesinnung trennte ihn auch im Parlamente von Dahlmann, Grimm, Arndt und vielen anderen, die ihm durch Bildung und Begabung nahestanden. Er hielt sich zu der Linken, und wie sehr auch die demagogischen Ausschweifungen seinen maßvollen Künstlersinn anwiderten: die demokratische Richtung konnte sich einiger Tugenden rühmen, die Uhlands Herz an die Partei fesseln mußten, obwohl sie in der Demokratie der Paulskirche sich oftmals verzerrt und entstellt offenbarten. Ihn erfreute die menschliche Teilnahme der besseren Demokratie für die Armen und Leidenden und der willige Opfermut, welcher sie vor den Mittelparteien auszeichnete. Freilich, der schlichte demokratische Bürgerstolz des ehrwürdigen Mannes hatte im Grunde sehr wenig gemein mit jenen gellenden Lobpreisungen des Konvents, welche von den Bänken seiner Parteigenossen erklangen. Ich glaube nicht als ein Parteimann zu reden, wenn ich sage, Uhlands Verhalten in der Paulskirche hinterlasse den Eindruck, als sei er dort nicht an seiner Stelle gewesen. Er stand als ein „Wilder” zwischen den Parteien und blieb doch in einer moralischen Verbindung mit der Linken; schon diese seltsame Mittelstellung läßt ihn wie einen Halbfremden in der Versammlung erscheinen.

Von allen Plänen der Mittelparteien forderte der Gedankedes preußischen Kaisertums Uhlands heftigsten Widerspruch heraus. Dieser Widerspruch bewog ihn zu den beiden einzigen größeren Reden, welche von dem Schweigsamen in der Paulskirche gehalten wurden und nach meinem Ermessen das Allerbeste sind, was je für die „großdeutsche” Richtung gesprochen worden. Nicht in Verstandesgründen, sondern in gemütlichen Sympathien liegt die Stärke dieser Partei, und wie mächtig wußte Uhland diese Saite in der Brust seiner Hörer anzuschlagen, als er am 26. Oktober 1848 tiefbewegt in schwungvollen Worten das Parlament ermahnte zu sorgen, „daß die blanke, unverstümmelte, hochwüchsige Germania aus der Grube steige!” Noch kräftiger wirkte seine Rede vom 22. Januar 1849. Die Kapuzinerspäße Beda Webers waren kaum verklungen, da hob Uhland die Debatte wieder auf die Höhe ihres Gegenstandes. Die alte Herrlichkeit des deutschen Wahlkaisertums führte er gegen die preußische Partei ins Feld: „Es waren in langer Reihe Männer von Fleisch und Bein, kernhafte Gestalten mit leuchtenden Augen, tatkräftig im Guten und Schlimmen.” Als dann die berühmten Worte folgten, bei jeder Rede eines Österreichers in der Paulskirche sei ihm zumute gewesen, „als ob ich eine Stimme von den Tyroler Bergen vernähme oder das Adriatische Meer rauschen hörte”, da freilich war der nüchterne Verstand schnell bei der Hand, über die „Phrase” selbstgefällig zu lächeln. Wer aber den Worten in die Tiefe sah, erkannte ihren ernsten Sinn. Allerdings war es ein schrecklicher Widerspruch, in Wahrheit eine Unmöglichkeit, die in unserer Geschichte nicht wiederkehren darf, daß ein Parlament, worin Österreichs Abgeordnete stimmberechtigt tagten, über die Trennung Deutschlands von Österreich beraten konnte. Ein schönes Seherwort des Dichters beschloß die Rede, das allbekannte: „Es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem reichlichen Tropfen demokratischen Öles gesalbt ist.” Damit hatte er der deutschen Bewegung sein „in diesem Zeichen wirst du siegen” zugerufen, und uns, den Gegnern, vornehmlich geziemt es, das gute Wort in treuem Herzen zu tragen. Die Welt ist heute liberal, undnur im Bunde mit dieser unhemmbaren liberalen Bewegung des Jahrhunderts wird es uns gelingen, die Einheit Deutschlands zu gründen. Das bewährte sich damals schrecklich, als das Herrscherhaus der Hohenzollern den rückhaltlosen Bund mit dem Liberalismus verschmähte und dem Rufe der Nation sich schwach versagte. Furchtlos und treu, ein echter Schwabe, hielt Uhland auch jetzt noch aus bei seiner Partei,

So wie ein Fähndrich wund und blutigDie Fahne rettet im Gefecht,

So wie ein Fähndrich wund und blutigDie Fahne rettet im Gefecht,

und sogar die Worte dieses vaterländischen Gedichts aus seiner Jugend kehrten wieder in dem Manifeste vom 25. Mai, das er im Namen des Rumpfparlaments an die Nation richtete: „Wir gedenken, wenn auch in kleiner Zahl und großer Mühsal, die Vollmacht, die wir von dem Volke empfangen, die zerfetzte Fahne, treu gewahrt in die Hände des Reichstags niederzulegen, der am 15. August zusammentreten soll.”

Freilich, unklar, romantisch verschwommen wie der Wortlaut war auch der Gedankengehalt dieses Aufrufes. Dem Idealisten galt es nur, die Idee des Parlamentes zu retten: er folgte der Linken nach Stuttgart, „darum daß nicht das letzte Band der deutschen Volkseinheit reiße”. Unhaltbarer immer ward die Stellung des maßvollen Mannes unter der wüsten Leidenschaft des Rumpfparlaments. Schon wurde der Klang seiner Rede von dem zornigen Lärm des Pöbels übertäubt, als er vor der Einsetzung der Reichsregentschaft, vor dem Bürgerkriege warnte und den Verblendeten zurief: „Württemberg ist nicht beschaffen wie jetzt diese Versammlung; es stellt nicht wie diese nur eine der Parteiungen dar, in welche das deutsche Volk zerklüftet ist.” Nur sehr wenige Gesinnungsgenossen zählte er noch in der Versammlung. Der Austritt aber aus einer unterliegenden Partei war seinem Stolze, seiner Treue unmöglich. So ist er geblieben bis zu dem jammervollen Ende des deutschen Parlaments, dem Straßenkampfe in Stuttgart.

Seine Briefe aus diesen Jahren verkünden männlichenSchmerz über den Zusammenbruch der Hoffnungen des Vaterlandes. Weniger tief mag er, der mit all seinem Sinnen in der schwäbischen Heimat wurzelte, das eine empfunden haben, was den meisten heimkehrenden Reichstagsmännern nach den großen Kämpfen des Parlaments überwältigend, demütigend auf die Seele fiel: die bettelhafte Armseligkeit der Kleinstaaterei. Seine demokratische Gesinnung blieb in alter Schroffheit aufrecht: sogar den OrdenPour le méritewollte er nicht annehmen, den einzigen noch unentweihten in Deutschland, den selbst der strenge Republikaner Arago getragen hatte. Die letzten Jahre sind ihm in der Stille wissenschaftlicher Arbeit vergangen. Daß er aber noch lebte in dem Herzen seines Volkes, davon haben ihm alljährlich tausend Zeichen der Teilnahme von fern und nah Kunde gebracht. Sie wurden dem schlichten Manne oft lästig, dem Schwab einst sagte: „Du liebtest nicht das laute Lieben.”

An dem Grabe des Dichters hat das gesamte Volk empfunden, was einst sein Walther dem süßen Liedermunde Reinmars von Hagenau in die Gruft nachrief:

Deine Seele möge wohl nun fahren,Deine Zunge habe Dank.

Deine Seele möge wohl nun fahren,Deine Zunge habe Dank.

Und wie sein Lied nur mit unserer Sprache selber sterben wird, so wird auch fortleben in unserem Volke das Bild des Mannes Uhland, der, menschlich irrend, doch in hohen Ehren, manchen wuchtigen Stein hinzugetragen hat zu dem Neubau des deutschen Staates. Auch im Tode — er selber hat es uns verkündet — wollte er nicht lassen von seinem Volke:

Wohl werd’ ich’s nicht erleben,Doch an der Sehnsucht HandAls Schatten noch durchschwebenMein freies Vaterland.

Wohl werd’ ich’s nicht erleben,Doch an der Sehnsucht HandAls Schatten noch durchschwebenMein freies Vaterland.

Uns aber, die ihn betrauern, bleibt die schöne Pflicht, mit streitbarem Worte und fester Tat zu sorgen, daß die Sehnsucht des Dichters sich erfülle, daß er die Stätte bereitet finde, wenn er kommt — als Schatten zu durchschweben sein freies Vaterland.

Heinrich von Kleist

Wer unter den Hellenen nicht verstand, eine feste Stelle zu gewinnen in der gegebenen Ordnung des Staates und der Sitte, der ging zugrunde, verachtet und vergessen. Der strenge Bürgergeist der Alten verdammte den Einzelwillen, der sich erdreistete etwas zu gelten neben dem Willen des Ganzen; ihr auf das Große gerichteter Sinn blickte gelassen hinweg über die geheimsten Schmerzen der ringenden Menschenseele; ihre Schamhaftigkeit scheute sich den Schleier zu heben, der diese Abgründe des Herzens verhüllt. Erst die moderne Welt zeigt ein liebevoll mitleidiges Verständnis für die Fülle des Elends, die in dem Worte liegt: ein verfehltes Leben! Und sie hat guten Grund zu solchem Mitleid. Sie läßt den einzelnen aufwachsen in fast schrankenloser Ungebundenheit: mag er nachher selber zusehen, wie dies junge trotzige Ich nach hartem Kampfe sich einfüge in die handelnde Gemeinschaft der Menschen. Nicht in den brausenden Jünglingsjahren, deren glückselige Torheit allein den philisterhaften Sittenprediger erschreckt — erst später, um die Mitte der zwanziger Jahre, wenn die Zeit des Schaffens anhebt, pflegen dem modernen Menschen die schwersten, die gefährlichsten Stunden zu kommen. Welcher Mann von halbwegs reicher Erfahrung hätte nicht an dieser Markscheide des Lebens einen geliebten Genossen seiner Jugend zugrunde gehen sehen und schmerzvoll mit Heinrich von Kleist gerufen:


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