Was braucht die Nachwelt, wen sie tritt, zu wissen,Weiß ich nur, wer ich bin.
Was braucht die Nachwelt, wen sie tritt, zu wissen,Weiß ich nur, wer ich bin.
Ludwig Uhland
Ist es vorteilhaft, den Genius bewirten, — wie neidenswert ist dann das Haus, das eines edlen Sängers Lied preisend gegrüßt hat! Noch leben manche, denen Ludwig Uhlands Muse ein herzliches Wort in ihr Heimwesen gesendet, aber kein Haus in Deutschland hat sie so reich beschenkt wie das königliche Haus von Württemberg. Als die schweren Hungerjahre kaum vorübergegangen, lag eine tiefe und gerechte Trauer auf dem schwäbischen Stamme um den Tod der Königin Katharina. Ihr Volk hatte von ihr das gute Wort gehört: „Helfen ist der hohe Beruf der Frau in der menschlichen Gesellschaft,” und hatte sie von Hütte zu Hütte ziehen sehen in der harten Zeit, Arbeit bringend den feiernden Händen. Vor solcher menschlichen Größe beugte sich die Muse des bürgerlichen Sängers, die sich rühmte: „Sie hat nicht Anteil an des Hofes Festen.” Fast zaghaft, unwillig, auch nur den Schein der Schmeichelei auf sich zu nehmen, trat sie unter die Trauernden und legte auf den Sarg der Königin den „Kranz von Ähren” mit einem der schönsten Gedichte deutscher Sprache:
Und hat sie nicht die Lebenden erhoben,Die Toten, die nicht hören, darf sie loben.
Und hat sie nicht die Lebenden erhoben,Die Toten, die nicht hören, darf sie loben.
Ein Menschenalter ging darüber hin, und im November 1862 eilten von nah und fern Leidtragende zu der Bahre des Sängers. Wer aber im Lande Württemberg seine Empfindung nach dem Winke des Hofes zu stimmen wußte, hütete sich sorglich, dem Toten, der nicht hörte, ein letztes Zeichen menschlichen Mitgefühls zu erweisen.
Gern begönne ich diese Schilderung mit einem minder bitteren Worte — wäre nur diese häßliche Tatsache einevereinzelte Erscheinung! Doch leider, wenn wir der zahlreichen nationalen Erinnerungsfeste der jüngsten Jahre gedenken: wie gehässig hob sich da die Gleichgültigkeit, das schlecht verhehlte Mißtrauen der Höfe ab von der warmen Teilnahme der Menge! Der politische Parteikampf wirkt bereits verwirrend und verfälschend auf jene Gefühle, die unser Volk als einen gemeinsamen Schatz hegen sollte, er läßt den einen als fremde, unheimliche Gestalten jene Männer erscheinen, zu denen die große Mehrheit des Volkes mit herzlicher Liebe emporblickt. Nicht selten zwar haben solche Feste der Erinnerung den Ränken der Parteien, der eitlen Selbstbespiegelung als willkommener Vorwand gedient, und sehr verletzend tritt bei solchem Anlaß dem ernsten Beobachter eine traurige Schwäche unserer Gesittung entgegen: Wir modernen Menschen sind allzu bereit, auf gegebenen Anstoß gleich einer Herde alle das gleiche zu tun, das gleiche zu empfinden. Dennoch ist die Gesinnung, welche heute eine Rede, eine Schrift über Uhland nach der andern hervortreibt, in ihrem Grunde echt und tüchtig. Denn eben weil die Höfe mit anderen Augen als das Bürgertum auf unsere Geschichte blicken, eben darum sollen wir laut bezeugen: nicht wir haben es vergessen, wie rein und schön der Dichter von unserem Hause, von deutschem Land und Volk gesungen und wie wacker er für uns gefochten hat.
Wieviel heiterer und menschlicher war doch die Sitte des deutschen Hauses in den Tagen der Kindheit unseres Dichters, als vordem, da Schiller sich aufbäumte wider die Unfreiheit des schwäbischen Wesens! Ein Stilleben freilich war es, schlicht und schmucklos, das in der Enge des ehrenfesten wohlhäbigen Bürgerhauses zu Tübingen sich abspann: doch keinen gesunden Trieb des Kindes verkümmerte die verständige Zucht, und diesem Knaben am wenigsten wäre es ein Segen gewesen, hätte er ankämpfen müssen gegen erdrückenden Zwang. Denn wohl die erste Empfindung, die jedem sich aufdrängt beim Rückschauen auf dies schöne Dasein, ist das Erstaunen, wie leidenschaftslos dieser reizbaren empfänglichen Künstlerseele das Leben verlief. Selbst jene tiefe männliche Liebe, dieUhlands Herz erfüllte, der er so oft im Liede Worte geliehen, die Liebe zu seiner Kunst, wie gehalten und ruhig tritt sie zutage! Jahrelang konnte er harren, schmerzlos harren, bis der Gott ihn rief, und seine Dichterkraft, die man erstorben wähnte, uns mit neuen edlen Gaben beschenkte. Noch ist es nicht unnütz, diese Tatsache laut zu betonen. Denn wenigstens den Nachwehen jener Zeit der falschen Geniesucht, die auch einen Uhland unter die prosaischen Menschen verwies, begegnen wir noch heute. Immer wieder hören wir die Unterscheidung von poetischen Naturen und poetischen Talenten, und allzuoft vergißt man die triviale Wahrheit, daß schon der Name einer poetischen Natur die schöpferische Kraft bezeichnet. Wir Deutschen vornehmlich sind es uns schuldig, solche Vorurteile einer schwächlichen Epoche entschlossen abzuschütteln. Wir müßten ja, wären sie begründet, das Ungeheuerliche tun und uns selber unseren polnischen Nachbarn, die Engländer den Iren als prosaische Naturen unterordnen! Die Erscheinung freilich ist auch unter deutschen und englischen Künstlern selten, daß zu großer Kraft und Wärme der Phantasie ein gehaltenes Gleichmaß der Stimmung, nüchterner Ernst und trockene Schroffheit des Auftretens sich gesellen. Diese Verbindung des Widerstrebenden in Uhlands Bilde hat oftmals auch jene befremdet, welche bescheiden verstehen, daß in den feinsten Naturen die Charakterzüge sich am seltsamsten mischen.
Und doch verdankt der schwäbische Dichter seinem nüchternen altbürgerlichen Sinne einen guten Teil seines Ruhmes. Keine glücklichere Mitgift konnte der Sänger sich wünschen in jenen verworrenen Tagen der Romantik, die Uhlands Bildung bestimmten. Nach volkstümlichen Stoffen verlangte die junge Dichterschule; sie empfand, daß das Ideal der klassischen Dichtung unserem Volke ein fremdes sei, und das Bild der Göttin mit den Rosenwangen heute nur das Herz weniger Hochgebildeter ergreifen könne. Sehr lebhaft fühlte auch Uhland den Gegensatz der antiken und der germanischen Gesittung. Ein Aufsatz aus seiner Jugend „Über das Romantische” sagt darüber: „Die Griechen, in einem schönen genußreichen Erdstrichewohnend, von Natur heiter, umdrängt von einem glänzenden, tatenvollen Leben, mehr äußerlich als innerlich lebend, überall nach Begrenzung und Befriedigung trachtend, kannten und nährten nicht jene dämmernde Sehnsucht nach dem Unendlichen. Der Sohn des Nordens, den seine minder glänzenden Umgebungen nicht so ganz hinreißen mochten, stieg in sich hinab. Wenn er tiefer in sein Inneres schaute als der Grieche, so sah er eben darum nicht so klar. Er verehrte seine Götter in unscheinbaren Steinen, in wilden Eichenhainen: aber um diese Steine bewegte sich der Kreis des Unsichtbaren, durch diese Eichen wehte der Odem des Himmlischen.” — Glückliche Tage, da eine hochbegeisterte Dichterjugend auszog nach dem Wunderlande der germanischen Vorwelt und aus den lange verschütteten Schächten der mittelalterlichen Gesittung ungeahnte Schätze zutage förderte! Während heute Politik, Volkswirtschaft, Wissenschaft im Vordergrunde unseres nationalen Wirkens stehen, gab damals die Dichtung dem gesamten geistigen Leben Anstoß und Richtung.
Das vielgerühmte Weltbürgertum der Deutschen ward damals erst zur Wahrheit, seit uns das Verständnis aufging für das Gemütsleben unserer eigenen Vorzeit, seit der historische Sinn unter den Deutschen reifte. Wir lernten den Volksgeist in seinem Werden belauschen, den Glauben, die Kunst, die Sitte verschollener Tage in ihrer Notwendigkeit verstehen. Die religiöse Innigkeit der Romantik machte mit einem Schlage dem selbstgefälligen Rationalismus ein Ende, der so lange über „die Nacht des Mittelalters” vornehm gelächelt hatte. Die Hellenen der modernen Welt erbauten sich wieder an dem überschwenglichen Reichtume des Gemüts, der in den Bildwerken des Mittelalters so rührend hervorbricht aus der Gebundenheit unfertiger Formen. Das Auge der Menschen erschloß sich wieder für die feierliche Großheit der gotischen Kunst, die vordem nur von einer stillen Gemeinde hellblickender Verehrer verstanden ward. Lange hatte sich der politische Idealismus der Deutschen — wo er bestand — an den Bildern der Reformationszeit und des großen Friedrich begeistert; nur dann und wann war ein Lied von Arminiuserklungen; jetzt umfaßte die Sehnsucht der Patrioten mit leidenschaftlicher Bewunderung die Heldengestalten der Stauferkaiser. Wir wurden wieder Herren im eigenen Hause und begriffen eben darum jetzt erst die innige Verwandtschaft der Völkerfamilie des Abendlandes. Eine neue Welt voll gemütlicher Innigkeit und Sehnsucht, voll phantastischen Zaubers und malerischer Schönheit ging den Romantikern auf: „Das Dunkelklare”, gesteht Uhland, „ist mir überall die bedeutendste Färbung, im menschlichen Auge, im Gemälde, in der Poesie, wie bei Novalis.” Auch das landschaftliche Auge des Volkes ward ein anderes. Solange Menschen leben, wird der Streit nicht enden, ob die heitere Pracht eines ionischen Tempels herrlicher sei als das ahnungsvolle Dunkel eines gotischen Domes, der zürnende Achilleus erhabener als die rächende Kriemhild. Nur in einem, in dem Verständnis der Seele der Landschaft, war die Romantik der klassischen Kunst ebenso gewiß überlegen, als ein schwellender duftiger Kranz deutscher Waldblumen tausendmal schöner ist denn jene straff gewundenen Lorbeergirlanden, welche die Bildwerke der Alten schmücken. Herzlicher, sinniger denn je ward nun von den Dichtern besungen der feierliche Ernst der Waldeinsamkeit, da die Geister des Waldes über den schweigenden Blättern weben, und der wollüstige Zauber jener Sommernächte, da der berauschende Duft der Lindenblüten dem Träumenden den Sinn verwirrt und das Mondlicht auf den bemoosten Schalen klarer Brunnen spielt, und die erhabene Pracht des Hochgebirges, wo weltbauende Mächte in den gewaltigen Formen jäh abstürzender Felsen sich offenbaren. Niemals, sicherlich auch nicht in den prosaischen ersten Jahrzehnten des achtzehnten Jahrhunderts, waren unter den Germanen gänzlich ausgestorben jene träumerischen Gemüter, die vor solchen Szenen ursprünglicher Naturschönheit von den Schauern des Weltgeheimnisses sich durchzittern ließen; aber jetzt erst ward weithin im Volke die Freude lebendig an diesen „romantischen” Reizen der Natur. Kaum ein Städtchen heute in Deutschland, das nicht irgendwo einen lauschigen Platz dem Freunde der Natur wohlumfriedigt zu stillemGenusse böte; die romantische Dichtung hat an dieser weiten Verbreitung des Natursinnes im Volke ein reiches Verdienst.
Vergebliche Mühe, in wenigen Worten die vielseitigen Anregungen zu schildern, die von dieser geistvollen Dichterschule ausgingen. Sie begnügte sich nicht, unserem Volke für seine Vorzeit, seine wunderreiche Sagenwelt und die Schönheit seines Landes den Sinn zu eröffnen; bald schweifte sie hinweg zu den Schätzen der Kunst aller Zeiten und aller Völker. Das Volkstümliche in der Gesittung aller Nationen begann sie zu verstehen und zu übertragen. Ihr danken wir eine unermeßliche Erweiterung unseres Gesichtskreises. Unsere harte männliche Sprache erwies sich zum Staunen der Welt zugleich als die empfänglichste, schmiegsamste, spiegelte getreulich die Schönheit jeder fremden Dichtung wider, sie nahm in ihrem Tempel gastlich die Götter aller Völker auf. Doch nach so weiten Entdeckungsfahrten war die romantische Schule unversehens zur gelehrten, dem Volke entfremdeten Dichtung geworden in einem anderen, ärgeren Sinne, als die klassische Poesie es je gewesen. Den weiblichen Naturen der Tieck und Schlegel war es eine Freude, sich zu versenken in die Träume einer untergegangenen Welt, und bald erschien ihnen nur das Fremdartige poetisch, und aus der Lust an den glücklich bewältigten künstlichen Formen der romanischen und orientalischen Dichter erwuchs unserer Dichtung, was der Sprache und dem Gemüte der Germanen am meisten zuwider ist: das virtuose Spielen mit der Form. Mehr feine, empfängliche Kunstkenner als schöpferische Künstler, wandten sich die Häupter der Schule hinweg von der sprödesten und geistigsten Gattung der Poesie, dem Drama, das vor allem einen reichen Inhalt verlangt. Als hätte nie ein Lessing gelebt, wurden die Grenzen von Poesie und Prosa wiederum verwischt, und die Überfülle der aus der Dichtung aller Völker aufgesammelten poetischen Bilder hinübergetragen in die neue Wissenschaft, die nicht mehr nach Beweisen, nur nach „Anschauungen” suchte, und in die neue Religion, die nicht mehr das Gemüt erbauen, nur den Schönheitssinn erfreuen wollte.
Vor solchen Verirrungen der Verfeinerung und Überbildung ist Uhland bewahrt worden durch seine köstliche schlichte Einfalt. Er war aufgewachsen in einer Umgebung, wie sie dem Reifen des Künstlersinnes nicht günstiger sein konnte, in einem schönen, reichen, sagenberühmten Lande, wo doch nirgends eine übermächtige Pracht der Natur den freien Sinn des Menschen erdrückt. Er ist immerdar ein Schwabe geblieben und hat der kindlichen Liebe zu seiner Heimat oftmals Worte geliehen, am rührendsten wohl in jenen Versen, die ein Tal seiner Heimat also anreden:
Und sink’ ich dann ermattet nieder,So öffne leise deinen GrundUnd nimm mich auf und schließ ihn wiederUnd grüne fröhlich und gesund.
Und sink’ ich dann ermattet nieder,So öffne leise deinen GrundUnd nimm mich auf und schließ ihn wiederUnd grüne fröhlich und gesund.
Wer je südwärts geschaut hat von Hohentübingen, wo der Blick die ganze Kette der Alb vom Hohenzollern bis zum Hohenstaufen beherrscht, dem wird dies edle Landschaftsbild aus Uhlands schönsten Liedern immer wieder entgegentreten. Weil seine Dichtung also natürlich emporwuchs aus dem mütterlichen Boden des schwäbischen Landes und Volkes, so bewahrte sie sich jene derbe Naturwahrheit, die den meisten Kunstwerken der Romantik sehr fern liegt: auch wo sie zarte, sanfte Stimmungen ausspricht, wird sie nur selten verschwommen. Vor langen Jahren schon ging unter den Schwaben die Rede: jedes Wort, das der Uhland gesprochen, ist uns gerecht gewesen. Die Stammgenossen erhoben den Dichter auf den Schild, über die Schultern gewöhnlicher Menschen empor; wer ihn verkleinert, kränkt den gesamten Stamm. Eben diese volkstümliche Tüchtigkeit gibt seinem Wesen eine harmonische Ruhe, eine geschlossene Festigkeit, die nur wenigen Sängern der Romantik eignet. Nicht leicht konnten die Dichter einer Schule, die so ganz in der Sehnsucht nach längst entschwundenen Tagen lebte, jene olympische Ruhe, jene selige Heiterkeit der Seele erwerben, welche dem Klassiker Goethe das Recht gab, Tadlern und Lobrednern lächelnd zu sagen: „Ich habe mich nicht selbst gemacht.”Wahrhaft harmonische Charaktere sind unter den Heroen der Romantik fast allein die Männer der Wissenschaft, so Savigny, die Grimms und der liebenswürdigste der Menschen, Sulpiz Boisserée; unter den Dichtern der Romantik stehen neben Uhland nur sehr wenige, deren Seele nicht getrübt ward durch einen unklaren, unfreien, friedlosen Zug.
Auch er schaute mit der inbrünstigen Sehnsucht der Menschen des Mittelalters zu dem Überirdischen empor; so recht den Herzschlag des Dichters hören wir in dem frommen Gedichte „Die verlorene Kirche”:
Ich sah hinaus in eine WeltVon heil’gen Frauen, Gottesstreitern.
Ich sah hinaus in eine WeltVon heil’gen Frauen, Gottesstreitern.
Aber suchte Friedrich Schlegel in jener Vorzeit den phantastischen Reiz des Alten und Fremden, einer unfreien Gesittung, so liebte Uhland das Mittelalter, weil er in ihm die ungebändigte Kraft eines ursprünglichen, farbenreichen Volkslebens und vor allem die Herrlichkeit des vaterländischen Wesens bewunderte. So wurde jener durch seine ästhetische Neigung dem freien Leben der Gegenwart entfremdet und, obwohl er am lautesten den Ruf nach volkstümlicher Dichtung erhoben, in eine undeutsche, katholische Richtung getrieben. Uhland aber ward der vornehmste Dichter jener jüngeren, kräftigeren Richtung der Romantik, welche der ursprünglichen Absicht der Meister getreuer blieb als diese selber, und in unserer Vorzeit nur das noch heute Lebendige, die deutsche Weise, bewunderte. Darum schöpfte er, gleich den Brüdern Grimm, aus der liebevollen Erforschung des deutschen Altertums Mut und Kraft zum Kampfe der deutschen Gegenwart; darum verwarf er jeden Versuch, die Formen mittelalterlicher Gesittung in unseren Tagen wieder zu erwecken, und sprach herbe Worte wider die „erzwungene Begeisterung”, als es wieder lebendig ward um den alten Krahn in Köln und der schönste aller Dome aus Schutt und Trümmern zu neuer Pracht emporstieg. — Nicht unsere klassischen Dichter, deren Werke ihn nur teilweise tiefer berührten: die Dichtungen des Mittelalters, dieVolkslieder vornehmlich sind seine Lehrer gewesen, und mit diesen Worten ist auch sein Platz in der Geschichte unserer Dichtung bezeichnet. Es ist wahr, schon Goethes lyrische Muse hatte viele ihrer herrlichsten Klänge dem deutschen Volksliede abgelauscht. Aber für Goethes geniale Vielseitigkeit war diese Anregung nur eine unter vielen anderen, ja im Alter stellte er sich zornig dem romantischen Nachwuchs als einen „Plastiker” gegenüber; Uhland dagegen hat das Eigenste seiner Kraft an den Gedichten des Mittelalters gebildet. Sie wirkten auf den Mann kaum minder mächtig als auf den Knaben an jenem Tage, da er zuerst das Nibelungenlied vortragen hörte und, so sagt man, in tiefer Bewegung aus dem Zimmer eilte. An dem Liede von Walther und Hildegunde fand er als Student zuerst eine Poesie, die sein innerstes Wesen ergriff. „Das hat in mich eingeschlagen,” bekennt er. „Was die klassischen Dichtwerke trotz meines eifrigen Lesens mir nicht geben konnten, weil sie mir zu klar, zu fertig dastunden, was ich an der neueren Poesie mit all ihrem rhetorischen Schmucke vermißte, das fand ich hier: frische Bilder und Gestalten mit einem tiefen Hintergrunde, der die Phantasie beschäftigte und ansprach!”
So ward ihm das hohe Glück, inmitten einer überbildeten, nach den fremdesten und fernsten Reizen jagenden Kunst einen festen Kreis edler Stoffe zu beherrschen, welche darum unfehlbar wirken mußten, weil ein ganzes Volk sie durch Jahrhunderte gehegt und gebildet hatte. Und noch schärfer sogar schied er sich ab von den älteren Romantikern durch seine Weise, die Form der Kunst zu handhaben. Sein feines Ohr empfand, daß eine Sprache voll Härten des musikalischen Wohlklangs der romanischen Rede nur bis zu einem gewissen Grade fähig sei. Auch er hat Sonette und Glossen gedichtet und die Assonanz statt des Reimes gewagt; aber ungleich maßvoller als die Tieck und Schlegel brauchte er diese fremden Formen, und nach uralter, deutscher Weise war ihm in der Kunst der Inhalt das Bestimmende. Wäre ihm in seinem „Sängerstreite” mit Rückert statt der guten Sache: „Falschheitkränket mehr denn Tod”, die schlechte Meinung: „Eh’r falsch als tot”, zur Verteidigung zugeteilt worden: er hätte sicherlich nicht jene kunstvollen, feinen Wendungen gefunden, wodurch sein Gegner sich zu decken wußte; ein Scherz vielmehr hätte ihm aus der Not helfen müssen. Schon im Jahre 1812 lobte er sich die „ursprünglich deutsche Art”, die Innigkeit der Empfindung, im Gegensatz zu der formen- und bilderreichen Dichtung des Südens. Der alte Spruch: „Schlicht Wort und gut Gemüt ist das echte deutsche Lied”, war ihm fortan der Wahlspruch seiner Kunst. Die einfacheren Formen aber, die er dem Genius unserer Sprache gemäß fand, hat er mit vollendeter Kunst beherrscht, während Tieck mitten in der gesuchten Formkünstelei oftmals sogar die Korrektheit vermissen läßt. Und gelang es der älteren Romantik, weil nur ein ästhetisches Wohlgefallen sie zu dem deutschen Altertume führte, sehr selten die naive Weise des Mittelalters zu treffen, so wußte Uhland, weil er mit ganzer Seele in jene Vorzeit sich versenkte, seine Mären so glücklich in treuherzig altertümlichem Tone vorzutragen, daß wir heute kaum noch begreifen, wie solche Stoffe jemals anders dargestellt werden konnten. Sein natürliches, wissenschaftlich geschultes Sprachtalent hat unserer modernen Dichtung eine Fülle schöner altertümlicher Wendungen und Wörter neu geschenkt, davon die junge Welt kaum weiß, daß sie uns einst verloren waren. Seinem strengen Formensinne war ein Greuel jenes phantastische Verzerren der Natur, jenes Spielen mit „duftenden Farben” und „tönenden Blumen”, das die Romantik liebte. Feste, starke Umrisse gab er, wo es not tat, seinen Gestalten, also daß wir aus manchen seiner Gedichte den tüchtigen Zeichner erkennen, der in der Ausübung der bildenden Kunst sein Formgefühl schulte. Mit Recht hat man ihn darum einen Klassiker unter den Romantikern geheißen.
Dieser ernste Künstlersinn offenbarte sich vornehmlich in Uhlands weiser Selbstbeschränkung, einer antiken Tugend, die uns Modernen nicht leicht fällt. Ein Künstler von Grund aus und ein denkender Künstler, wie jedeZeile seiner Gedichte zeigt, hat er vielleicht weniger als irgendeiner unserer namhaften Dichter die Neigung zur Kritik und literarischen Fehde verspürt. Auf das Können, das ganze und rechte Können ging er aus; er am wenigsten wollte das Schlagwort der romantischen Dilettanten gelten lassen, daß man ein Dichter sein könne, ohne je einen Vers geschrieben zu haben. „Größeren Gedichts Entfaltungen” hatte er einst in jugendlicher Zuversicht seinen Lesern versprochen; doch als ihn die ersten Versuche belehrten, daß ihm die dramatische Kraft versagt sei, zog er sich zurück auf die Lyrik und das lyrische Epos. Er begnügte sich, auf diesem engen Gebiete Mustergültiges zu leisten, derweil die Chorführer der Romantik nach allen höchsten Kränzen der Kunst zugleich die Hand ausstreckten, ja in Plänen ganz neuer Kunstformen sich verloren und, im Grenzenlosen schweifend, nur wenig in sich Vollendetes schufen.
Den letzten Grund aber dieses tiefgreifenden Unterschieds zwischen Uhland und der Schlegel-Tieckschen Richtung verstehen wir erst, wenn wir erkennen: in Uhland lebte ein tief sittlicher, tatkräftiger Ernst, der die tatlose, ironische Weltanschauung der Romantik schlechthin verwarf. Solchem sittlichen Pathos hatte einst Schiller die Liebe des Volkes verdankt, obwohl er sehr selten volkstümliche Stoffe besang. Denn mit unfehlbarer Sicherheit empfindet das Volk — unter den Germanen mindestens —, ob ein Künstler mit seinen Bildern bloß geistreich spielt oder ob er sein Herzblut ausströmen läßt in seine Gedichte, und noch hat niemand durch ein feines Spiel sich des Volkes Herz erobert. In der Form allerdings hat Schillers hochpathetische Weise nicht das mindeste gemein mit dem naiven, einfachen Wesen der Uhlandschen Dichtung, das der Weise Bürgers und Goethes weit näher steht. Schillers Geist aber, sein sittlicher Ernst, seine kühne Richtung auf die Gegenwart und ihr öffentliches Leben, ward in Uhland und den Sängern der Freiheitskriege aufs neue lebendig. Darum ward Uhland durch seine romantischen Neigungen nicht gehindert, in der Wissenschaft ein nüchterner methodischer Forscher, im Leben einVerfechter des modernen Staatsgedankens zu sein. Mit sicherem Takte wußte er Leben und Dichtung auseinanderzuhalten, und jeder mystischen Liebhaberei der romantischen Genossen stellte er seinen derben protestantischen Unglauben gegenüber. Wenn Justinus Kerner von dem „Geiste der Mitternacht” erzählte, dann lachte Uhland, dann war er selber „der Zechgesell, der keinem glaubt”. Und wurde er ja einmal durch eine Erzählung von geheimnisvollen Naturwundern zum Liede begeistert, wie schön wußte er dann seinen Stoff aus dem trüben dumpfen Traumleben in eine freiere durchgeistigte Luft zu erheben! Als ihm berichtet ward von dem Mädchen, das im Mohnfelde schlief und, erwacht, mitten im lauten Leben weiter träumte, so ward ihm dies ein Anlaß, das Schlafwandeln des Dichters zu schildern, dem das Leben zum Bilde, das Wirkliche zum Traume wird:
O Mohn der Dichtung, weheUms Haupt mir immerdar!
O Mohn der Dichtung, weheUms Haupt mir immerdar!
In unseren nüchternen Tagen vermag auch ein flacher Kopf die Schwächen der Romantik leicht zu durchschauen, und oft vergessen wir, wie tief wir in ihrer Schuld stehen. Jene geistig hoch erregten Tage durften sich, nach Immermanns wahrem Geständnis, einer Dichtigkeit des Daseins rühmen, die unserem schnell lebenden, unruhig nach außen wirkenden Geschlechte verloren ist. Noch war die Welt von Schönheit trunken, noch galt ein edles Gedicht als ein Ereignis, das tausend Herzen froh bewegte, und auch die Häupter der romantischen Schule umstrahlt noch etwas von dem Glanze der glückseligen Zeit von Weimar, „wo der bekränzte Liebling der Kamönen der innern Welt geweihte Glut ergoß”. Aber eine Dichterschule kann durch eine Fülle neuer Gedanken und Anschauungen, die sie in das Volk warf, die Nation zum bleibenden Danke verpflichten und dennoch an echten Kunstwerken sehr arm sein. Stellte nun einer die Frage: Welche Kunstwerke der romantischen Epoche sind nicht bloß historisch wichtig durch die Anregung, die sie unserem Volksgeiste gaben, sondern in sich vollendet und unsterblich?— so würde ein ganz schonungsloses Urteil doch nur die Antwort finden: einige meisterhafte Übertragungen und Nachbildungen fremdländischer Dichtung und — die lyrischen Gedichte Uhlands und einiger ihm verwandter Sänger.
Als Chamisso in Paris im Jahre 1810 den dreiundzwanzigjährigen Uhland kennen lernte, schrieb er mit seiner liebenswürdigen Laune einem Freunde: „Es gibt vortreffliche Gedichte, die jeder schreibt und keiner liest; doch hier ist einer, der macht Gedichte, die keiner schreibt und jeder liest.” Und langsam, aber einmütiger von Jahr zu Jahr, begann die Nation in das Lob einzustimmen, als fünf Jahre später die „Gedichte” erschienen waren. Den Weg zum Herzen seines Volkes hat der Dichter zuerst gefunden durch jene Lieder, welche der Weise des alten Volksliedes so treu, so naiv nachgebildet waren, wie es vordem nur Goethe verstanden. Er hat zuerst in weiteren Kreisen das Verständnis wieder erweckt für diese volkstümlichen Klänge, und wenn Eichendorff und Wilhelm Müller selbständig, unabhängig von Uhland ihr lyrisches Talent bildeten, so danken sie ihm doch, daß das Volk ihren Liedern froh bewegt lauschte. Schien es doch, als wäre die unselige Kluft wieder überbrückt, die heute die Gebildeten und die Ungebildeten unseres Volkes scheidet, als tönte der Gesang, von namenlosen fahrenden Schülern erfunden, unmittelbar aus der Seele des Volkes heraus. Unwillkürlich fragte der Hörer, ob nicht am Schlusse des Sanges ein Vers hinweggefallen sei, das alte treuherzige:
Der uns dies neue Liedlein sang,Gar schön hat er gesungen;Er trinkt viel lieber den kühlen WeinAls Wasser aus dem Brunnen.
Der uns dies neue Liedlein sang,Gar schön hat er gesungen;Er trinkt viel lieber den kühlen WeinAls Wasser aus dem Brunnen.
Der Gesang ist heute, wie zur Zeit der italienischen Renaissance die Redekunst, die geselligste der Künste. Das arme Volk liest wenig, am wenigsten Gedichte; fast allein durch den Gesang wird ihm das Tor geöffnet zu der Schatzkammer deutscher Poesie. An Kunstwert stehen Uhlandserzählende Gedichte seinen Liedern ohne Zweifel gleich; aber die Bedeutung des Mannes für die Gesittung unseres Volkes beruht vornehmlich auf den Liedern. Sie haben dem Sänger den schönsten Nachruhm gebracht, der dem lyrischen Dichter beschieden ist. Sie leben in ihrer leichten sangbaren Form im Munde von Tausenden, die seinen Namen nie gehört, sie klingen wider, wo immer Deutsche fröhlich in die Weite ziehen oder zum heiteren Gelage sich scharen. Es war eine Stunde seliger Genugtuung, als er einmal auf der Wanderung durch die Hardt in den Klostertrümmern von Limburg unerkannt rastete und seine eignen Lieder, von jugendlichen Stimmen gesungen, durch das Gewölbe schallten. Alle die hoffnungsvollen Anfänge freier, volkstümlicher Geselligkeit, welche heute das Nahen einer menschlicheren Gesittung verkünden, alle die fröhlichen Fahrten und Feste unserer Sänger und Turner und Schützen danken einen guten Teil ihres poetischen Reizes dem schwäbischen Sänger; kein Wunder, daß er selber sich an solcher Volksfreude nicht satt sehen konnte. Fast deucht uns ein Märchen, daß es einst eine Zeit gegeben, wo am Beiwachtfeuer deutscher Soldaten das Lied noch nicht erklang: „Ich hatt’ einen Kameraden”, daß einst deutsche Handwerksburschen über den Rhein gezogen sind, die noch nicht sangen von den „drei Burschen”.
Doch sehen wir näher zu, so finden wir auch in dem einfachsten dieser Lieder einen entscheidenden Zug — eine kunstvolle Steigerung, einen schlagenden Abschluß —, der das Gedicht alsbald auf die Höhe der Kunstpoesie erhebt und mit so großer Innigkeit und Frische den durchgebildeten Verstand des Künstlers gepaart zeigt. Demselben Lehrer, dem deutschen Volksliede, hat Uhland auch die Kunst der gemütlich bewegten Erzählung abgesehen. Er vermag es, einen kleinen anekdotenhaften Zug mit so viel schalkhafter Anmut zu einer Ballade zu erweitern, wie vor ihm wieder nur Goethe. Sein Eigenstes und Schönstes schuf er in der erzählenden Dichtung dann, wenn er sich ein Herz faßte und die trotzige, reckenhafte Kraft der deutschen Heldenzeit derb und mit Laune darstellte,wie in den Rolandsliedern, wohl seinen besten Balladen. Und wie das Volkslied nicht in die Grenzen eines Landes gebannt bleibt, sondern der Sang von Liebeslust und -leid, von Heldenzorn und Heldentod durch alle Völker wandert und in der Fremde sich umbildet, so hat auch Uhland sein deutsches Wesen nicht verleugnet, wenn er fremdländische Sagenstoffe besang. Sein Gesichtskreis umfaßte das gesamte Altertum der christlich-germanischen Völker; nur sehr selten hat ihn ein Bild der antiken Gesittung zum Liede begeistert, und gänzlich fern lag seinem deutschen Gemüte die Sagenwelt des Orientes, wie sehr sie auch den Meister der Form verlocken mochte. Sehr tief hatte er sich eingelebt in den Geist der südländischen Sänger des Mittelalters: durch das liebliche Gedicht „Ritter Paris” weht ein Hauch schalkhafter Grazie, darum ihn jeder Troubadour beneiden könnte. Fast scheint es, wenn Uhland die Mären der liederfreudigen Provence nachdichtet, als singe hier wirklich ein alter Südfranzose, als erfülle sich die wehmütige Verheißung des modernen provençalischen Dichters:O moun pais, bello Prouvenço, toun dous parla pou pas mouri.Und doch ist dies nur ein Schein: aus Uhlands südländischen Gedichten so gut wie aus seinen angelsächsischen und nordfranzösischen Balladen weht uns heimatliche Luft entgegen, er behandelt diese fremden Stoffe mit der gemütlichen Innigkeit und in der tief bewegten Weise der Germanen, nicht mit der feierlichen Grandezza und dem rhetorischen Pathos südlicher Romanzen.
Nicht immer freilich ist ihm dies gelungen. Oft nahm er aus den romanischen Stoffen auch legendenhafte Wundergeschichten mit herüber, die den modernen Hörer kalt lassen, oder häßlich phantastische Züge: — so steht in dem schönen Zyklus „Sängerliebe” fremd und verletzend die Romanze von dem Kastellan von Couci, dessen Herz von seiner Geliebten verspeist wird. Manchmal — was uns noch mehr abstößt — schleichen sich mit den fremden Bildern auch fremde Empfindungen in seine Seele. Vor dem Bilde des „Wallers” oder der trauernden Nonne, die entsagt und betet „bis ihre Augenlider imTode fielen zu”, steht der gesunde Sinn der modernen Deutschen befremdet still: was gilt sie uns, diese zugleich schwächliche und überschwengliche Empfindung der Vorzeit der Romanen? Ja sogar unter den Balladen, die auf deutschem Boden spielen, finden sich neben vielen ursprünglichen Schilderungen deutscher Kraft und deutscher Laune doch auch einige sentimentale Gedichte von sehnsüchtigen Mädchen und trauernden Königen, die uns kein festes Bild hinterlassen. Desgleichen, wenn wir an seinen Liedern das innige Naturgefühl und die tief bewegte Stimmung bewundern, so scheinen uns doch einzelne inhaltslos, wir wünschten, der Dichter hätte nicht bloß sein bewegtes Herz, sondern sein reiches Herz gezeigt. Solche Mängel mochte Goethe im Auge haben, wenn er in Augenblicken übler Laune sehr hart und bitter von der Uhlandschen Dichtung sprach. Doch all diesen Schwächen hat der Dichter selber die beste Verteidigung geschrieben:
Scheint euch dennoch Manches kleinlich,Nehmt’s als Zeichen jener Zeit,Die so drückend und so peinlichAlles Leben eingeschneit.
Scheint euch dennoch Manches kleinlich,Nehmt’s als Zeichen jener Zeit,Die so drückend und so peinlichAlles Leben eingeschneit.
Uns freilich, unserem derben historischen Realismus fällt es leicht zu erkennen, wann Uhland die harten, barocken Züge unserer Vorzeit verwischt hat. Wir lächeln, wenn uns in Erzählungen aus dem Mittelalter, dieser treulosesten aller Zeiten, von deutscher Treue überschwenglich geredet wird, und seit die fortschreitende Kultur das Haar unserer Mädchen gebräunt hat, fällt uns die ausschließliche Begeisterung für blondes Haar und blaue Augen so schwer, wie die übermäßige Freude an den Rosen und Gelbveigelein. Aber frage sich jeder, ob auch das Unsterbliche in Uhlands Gedichten geschaffen werden konnte von einem Dichter, der minder treuherzig für das biderbe Mittelalter schwärmte, der weniger unbefangen sich begeisterte für „Jugend, Frühling, Festpokal, Mädchen in der holden Blüte”? In unseren rauheren Tagen geht auch der Jugend diese naive Schwärmerei sehr rasch verloren, doch darum mangelt auch unserenneuen Lyrikern die Jugendfrische, die herzbewegende Innigkeit des alten Sängers. Und wie verschwindend gering ist doch die Zahl jener Gedichte, welche auch Uhland angekränkelt zeigen von der unklaren Gefühlsseligkeit seiner Zeit! Nur Heinrich Heines Gehässigkeit konnte aus dem Liede: „Ade, du Schäfer mein” den Grundton der Uhlandschen Dichtung heraushören. Neben dies eine Lied — beiläufig eines seiner allerfrühesten Jugendgedichte — stellen sich hundert andere voll mannhafter Kraft und unverwüstlicher Lebenslust.
Gern verstummt die Kritik vor diesen Gedichten; über ihnen liegt der Zauber einer völlig abgeschlossenen Bildung. Sie sind das getreue Spiegelbild der edelsten Empfindungen einer reichen Zeit, die wir mit allen ihren Verirrungen aus unserer Geschichte nicht missen können, nicht streichen wollen: die alte Burschenschaft vornehmlich lebt nur noch in den Liedern Uhlands und seiner Genossen. Ist auch jene Gesittung in unserem Volke längst einer anderen, härteren gewichen: tot ist sie darum nicht. In allen neueren Völkern sehen wir eine seltsame Erscheinung, welche dem modernen Menschen gar sehr erschwert, sich auf seine eigenen Füße zu stellen. Gedanken und Anschauungen, die das Volk längst überwunden, kehren in dem Leben des einzelnen wieder als Momente seiner persönlichen Entwicklung. Längst vorüber sind unserer Nation die Tage der Romantik und des jungdeutschen Weltschmerzes; aber noch heute kommt kein geistreicher Deutscher zu seinen Jahren, der nicht einmal, wehmütig wie ein Uhlandscher Bursch, dem scheidenden Freunde das Geleite gegeben und später mit Byronschem Übermute sich aufgelehnt hätte wider die Unnatur der „alternden Welt”. Dem Manne ziemt, die Gedanken seiner Jugend zu überwinden, nicht, wie man heute liebt, sie zu schelten; denn ihnen dankt er, daß er ein Mann geworden. Wir wären die Deutschen nicht mehr, die wir sind, wenn je an der lauten Tafelrunde unserer Burschen die stürmische Weise nicht mehr erklänge: „Wir sind nicht mehr beim ersten Glas.” Und mir graut, wenn ich mir vorstelle, es könnte je die Zeit kommen, da der deutscheJüngling zu verständig wäre, um in der heißen Sehnsucht herzlicher Liebe zu singen:
Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein,Eh’ ich mag bei der Liebsten sein!
Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein,Eh’ ich mag bei der Liebsten sein!
Was die klugen Leute die unbestimmte nebelhafte Weise von Uhlands Lyrik nennen, ist oftmals nichts anderes als das Wesen aller lyrischen Dichtung selber: jene hocherregte Stimmung die den Leser geheimnisvoll ergreift und ihm einen Ausblick gewährt in das Unendliche. Oder wäre es nötig, auch nur ein Wort zu verlieren gegen jene Barbarei, die Uhland darum getadelt hat, daß seine Lieder sich der Musik so willig fügen? In dem Gedichte „Traum”, das man auch oft allzu weichlich gescholten hat, liegt doch nichts anderes als der überaus glückliche Ausdruck einer Stimmung, die unserem Volke von Anbeginn im Blute liegt. Die Klage um die Vergänglichkeit irdischer Lust wird von unserer gesamten Dichtung, dem Volksliede insbesondere, in tausend Formen wiederholt und ist selten rührender ausgesprochen worden als in dieser Vision von der Abfahrt der „Wonnen und Freuden”:
Sie fuhren mit frischen Winden,Fern, ferne sah ich schwindenDer Erde Lust und Heil.
Sie fuhren mit frischen Winden,Fern, ferne sah ich schwindenDer Erde Lust und Heil.
Und wieder, wie köstlich heben sich ab von diesen weichen Tönen der Sehnsucht die Klänge neckischer Lebenslust! Nicht nur die Weise des derben Spottes weiß der Dichter anzuschlagen, auch das harmlose, sozusagen gegenstandslose Spielen der Laune hat er den „Lügenliedern” unseres Volkes abgelauscht, und aus manchen seiner Gesänge klingt uns die alte lustige Weise entgegen: „Ich will anheben und will nicht lügen: ich sah drei gebratene Tauben fliegen.” —
„Niemand taugt ohne Freude!” Wie sollte Uhland nicht zu dem guten Worte sich bekennen! Kein Geringerer hat es ja gesprochen als Walther von der Vogelweide, den erals seinen liebsten Lehrer verehrte. Daß Uhland mit anderem, moderneren Sinn als die Tieck und Schlegel auf das geliebte Mittelalter zurücksah, das erkennen wir am leichtesten an dieser Vorliebe für Walther, den vielleicht freiesten Geist des deutschen Mittelalters, der mit seiner hellen bewußten Empfindung uns Neueren näher steht als irgendeiner seiner Zeitgenossen. Und mannigfach, offenbar, war die Verwandtschaft der beiden. Ein Meister der Form in der Dichtkunst, aber „mehr gestaltend als bilderreich”, hat Walther gleich seinem späteren Schüler seine Herrschaft über die Form nie mißbraucht zu leerem Spiele mit dem Wohllaut der Sprache. Die Form ward ihm geschaffen durch den Inhalt, seine prächtigen volltönenden Weisen versparte er, bis es galt Könige zu preisen oder die auserwählten schönsten der Frauen. Uhland, der so warm und traulich die behagliche Enge des häuslichen Lebens besang, spottete doch bitterlich des Dichters, der in einer Welt des Kampfes nur „sein groß, zerrissen Herz” zu betrachten wußte. Auch hierin war ihm der alte Sänger ein Lehrer gewesen: — der politische Dichter, der „in seinem besonderen Leben das öffentliche spiegelte” und aus voller Kehle seines Landes Ruhm sang: „Deutsche Mann sind wohlerzogen, gleich den Engeln sind die Weib getan.” Sehr ungleich freilich waren den beiden die Gaben des Glücks zugeteilt, und wir freuen uns der freieren Gesittung der Gegenwart, wenn wir den stolzen, seßhaften, mit seinem Könige kämpfenden Bürger unserer Tage mit dem fahrenden Ritter vergleichen, der Herberg und Gaben heischend von Burg zu Burg zieht und, als ihm endlich eines Fürsten Gnade eine kleine Hofstatt geschenkt, jubelnd in die Weite ruft: „Ich hab’ ein Lehen, all’ die Welt, ich hab’ ein Lehen.” Auch darin waren die beiden verschieden geartet, daß Walthers höchste Kraft in dem Spruche, dem Sinngedichte sich bewährte. Dem modernen Dichter dagegen ist zwar auch manches glückliche Sinngedicht gelungen, so jenes liebliche „Verspätete Hochzeitslied”, das wirklich aus der Not eine Tugend zu machen weiß und die Säumnis des Sängers also entschuldigt:
Des schönsten Glückes SchimmerUmschwebt euch eben dann,Wenn man euch jetzt und immerEin Brautlied singen kann;
Des schönsten Glückes SchimmerUmschwebt euch eben dann,Wenn man euch jetzt und immerEin Brautlied singen kann;
doch niemand wird in Uhlands Sinngedichten, denen oftmals die rechte lakonische Kraft fehlt, das Eigenste seines Talentes suchen.
Es war ein Liederfrühling kurz und reich. Ein edles Bild der Jugend war Uhlands Dichtung gewesen, und als mit den Jahren diese jugendlichen Gefühle ihm seltener das Herz schwellten, hörte er auf zu singen. Nach seinem dreißigsten Jahre sind nur wenige seiner Gedichte entstanden. Darunter allerdings einige seiner schönsten Romanzen, und auch die rührenden Naturlaute zarter inniger Empfindung entflossen noch dann und wann dem Munde des gereiften Mannes, so damals, da ihm in einem Sommer beide Eltern starben und er beim Anblick eines fallenden Blattes die wie im Winde verwehende Klage schrieb:
O wie vergänglich ist ein Laub,Des Frühlings Kind, des Herbstes Raub!Doch hat dies Laub, das niederbebt,Mir so viel Liebes überlebt.
O wie vergänglich ist ein Laub,Des Frühlings Kind, des Herbstes Raub!Doch hat dies Laub, das niederbebt,Mir so viel Liebes überlebt.
Es ist müßig, ihn darum zu preisen, daß seine Formgewandtheit ihn nicht verführt hat zu Schöpfungen, die das Gepräge der Notwendigkeit nicht mehr getragen hätten. Wir müssen sagen, er konnte nicht anders als schweigen, wenn der Gott ihn nicht rief. Schon der junge Mann gesteht: „Zu jeder ästhetischen, wenn auch nicht produktiven Arbeit ist eine Stimmung erforderlich, welche die launische Stunde nach Willkür gibt oder versagt.” Einmal erregt pflegte seine dichterische Kraft lange anzuhalten, es war, als ob ein Lied das andere weckte. Sein Wesen läßt sich nur mit dem französischenentierbezeichnen. Jeder Gedanke, jede Beschäftigung nahm ihn ganz und auf die Dauer dahin, selbst die politischen Arbeiten raubten ihm, einmal begonnen, die Lust zu anderem Tun.
Doch wenn seine Dichtung allmählich verstummte, umso lauter erhob der Chor seiner Nachfolger die Stimme, und da ein literarhistorisches Zeitalter jeden Künstler säuberlich in einer Schublade unterbringen muß, so mußte auch er, der dem Unwesen der literarischen Kameradschaft immer gram war, als das Haupt der „schwäbischen Dichterschule” gelten und — manche Sünden seiner Nachfahren entgelten. Wohl waren diese Sänger alle getränkt von dem warmen Naturgefühle ihrer Heimat, und mit gerechtem Stolze konnte Justinus Kerner rufen:
Wo der Winzer, wo der Schnitter singt ein Lied durch Berg und Flur,Da ist Schwabens Dichterschule, und ihr Meister heißt Natur.
Wo der Winzer, wo der Schnitter singt ein Lied durch Berg und Flur,Da ist Schwabens Dichterschule, und ihr Meister heißt Natur.
Wie sie einst mit gesundem schwäbischen Sinne gegenüber der Phantasterei der Schlegelschen Richtung ihre protestantische Nüchternheit bewahrt, so haben sie später die reinen Formen der lyrischen Dichtung gerettet, als der Feuilletonstil des jungen Deutschlands alle Kunstformen zu verwischen drohte; sie haben deutsches Wesen und züchtige Sitte getreu behauptet, während der weltbürgerliche Radikalismus und die französischen Emanzipationslehren über uns hereinbrachen. Aber mit der unermüdlichen Fertigkeit der Meistersänger wurde jetzt der so leicht nachzuahmende, so schwer zu erreichende Balladenstil Uhlands nachgebildet. Die poetische Stimmung, jenes „Dunkelklare”, geht manchen gereimten Geschichtserzählungen der Schüler verloren. Die geringe Empfänglichkeit für die Schönheit der Antike war Uhlands natürlicher plastischer Kraft ungefährlich gewesen, bei den Nachfolgern bestraft sie sich durch die unklare verschwommene Zeichnung. Schon dem Meister war das hinreißende Pathos großer Leidenschaft versagt, ihm fehlte der Trieb, das Geheimnis der Weltenleitung in schweren Seelenkämpfen zu ergründen; bei vielen der Späteren erscheinen diese Schwächen geradezu als platte Gemütlichkeit und Gedankenarmut, wofür Frische und Natürlichkeit der Darstellung keinen Ersatz gewähren. Wie überhaupt dieKunst, mit Halbwahrheiten virtuos zu spielen, den boshaften Satiren Heinrich Heines ihren gefährlichen Reiz verleiht, so ist auch eine halbe Wahrheit sicherlich enthalten in jener Schmähschrift, welche den Spott des Übermütigen über die Geistesarmut der schwäbischen Schule ergoß. Als endlich in Schwaben jeder Fels, wo ein Ritter den andern erschlug, seinen Sänger gefunden hatte, und die Düsseldorfer Maler unsere Galerien immer wieder mit sehnsüchtigen blonden Mädchen und trauernden letzten Rittern ihres Stammes bevölkerten, da entstand — wesentlich gefördert durch die Überproduktion der schwäbischen Schule — in unseren tüchtigsten Männern der weit verbreitete, beklagenswerte Widerwille gegen alle lyrische Dichtung. Bei solchem Sinne der Männer ist Uhland heute allerdings vornehmlich ein Liebling unserer Jugend, während Béranger, der oft mit ihm Verglichene, auch dem älteren Geschlechte unter seinen Landsleuten noch jetzt aus der Seele redet. Aber, ein leichtsinniges Pariser Kind, huldigt dieser gleich willig den edlen wie den unwürdigen Leidenschaften seines Volkes: des deutschen Dichters lauterer Sinn hat nur der reinen Begeisterung der Jugend Worte geliehen. —
„Augen wie ein Kind hat der Alte” hören wir oft die Jüngeren erstaunt sagen, wenn sie die verwitterten Züge eines Soldaten der Freiheitskriege erblicken. In der Tat, eine seltene Frische und jugendliche Reinheit der Empfindung, die so nicht wiedergekehrt ist, bildet den entscheidenden Charakterzug jenes Geschlechtes, und sie ist auch der schönste Reiz von Uhlands Dramen. Fremd zugleich und liebenswürdig klingt unserem kurz angebundenen Wesen der zärtliche Erguß der Freundschaft Ernsts von Schwaben an der Leiche seines Werners: