Chapter 13

Juni.5.Marschquartier Musch, den 21. Juni 1914.Der Mutessarrif von Musch war bei meinem Eintreffen hier am 20. d. M. auf Inspektionsreise abwesend. Sein Vertreter, der Oberstaatsanwalt, bereitete mir einen sehr freundlichen Empfang.Obwohl mir derselbe die allgemeine Lage im Sandjak Musch als derzeitig ruhig darstellte, so gewann ich bald eine andere Meinung, als ich den Besuch des armenischen Erzbischofs Nerses Garakian und den des Führers der Daschnakisten Ruben Effendi erhalten hatte. Beide halten die jetzige Ruhe nur für eine Stille vor dem Sturm und äußerten sich sehr pessimistisch. Nach ihrer Ansicht seien die Kurdenchefs nur momentan durch das rigorose Vorgehen des Kriegsgerichts in Bitlis eingeschüchtert, aber das Reformprojekt widerspreche viel zu sehr ihren Interessen, als daß sie nicht versuchen würden, den neuen Bestimmungen äußersten Widerstand entgegen zu setzen.Sehr eingehend schilderte mir der Erzbischof die Lage der armenischen Bauern im Kasa Modikan. Das Hörigkeitsverhältnis wird von den Derebeys dermaßen ausgedehnt, daß sie, so wie es Gogol zur Zeit der Leibeigenschaft in Rußland schildert, sich gegenseitig ganze Dörfer mitsamt den Hörigen verkaufen, wobei für eine Seele durchschnittlich 5–15 Ltq. gezahlt werden. So haben die Schegoli, ein Zweigstamm der Ballikli, denen 30 Dörfer gehören, kürzlich von einem Derebey das armenische Dorf Pischenk käuflich erworben.Bei dem Aufstand der Armenier in Sassun 1894 hatten die armenischen Bauern der Dörfer Taworik und Chiankichub im Bezirk Schatakh ihre kurdischen Frohnvögte vertrieben. Ebenso haben sich unter Beihilfe der konstitutionellen Regierung im Jahre 1908 im Bezirk Pzank 25 Dörfer freigemacht. Dagegen herrschen im Kasa Modikan noch die alten patriarchalischen Zustände. Die Bauern müssen den Beys bestimmte Lieferungen machen. Dabei soll die Armut der armenischen und kurdischen Hörigen schrecklich sein. Im ganzen Kasa Modikan besteht nur in dem Dorfe Chisek eine armenische Schule. In Chinist sollte mit Mitteln von Boghos Nubar Pascha eine Schule eröffnet werden, die Lehrer ergriffen jedoch schon nach wenigen Tagen vor kurdischen Drohungen die Flucht.Sehr aktuell ist eine Beschwerde der Dorfbewohner von Chinist, Paschawank und Lordenzor, von denen der Balliklistamm je 2300, 1500 und800 Ltq. fordert für eine vor 60 Jahren von den Vorfahren der jetzigen Bauern aufgenommene minimale Schuld. Der hiesige Bischof hat an das Patriarchat berichtet, die Regierung leugnet jedoch den Tatbestand ab und auch das Preßbüro hat die Meldungen des Bischofs dementiert. Gleichwohl hat der Wali von Bitlis Geld von der Zentralregierung erbeten, um die Angelegenheit gütlich zu ordnen.Eigenartig ist der Modus der Eintreibung der Hammelsteuer. Kurz vor dem Erscheinen des Tahsildars (Steuerbeamten) trieben die Balliklikurden 300 Hammel in das armenische Dorf Chuit, die dort trotz des Protestes der Bewohner mitgezählt wurden. Da sich die Bauern weigern, den Mehrbetrag von etwa 20 Ltq. Schafsteuer zu zahlen, werden jetzt ihre Kühe und Ochsen zwangsweise verkauft.Wenn so Hammeldiebstahl und Grundstücksstreite zu Erbitterung zwischen Kurden und Armeniern führen, so gab der Bischof doch zu, daß in den letzten Monaten Klagen wegen Unsicherheit von Leben und Familienehre seltener seien. Kürzlich sind nur 4 bis 5 Armenier von den Bedrikurden (Stamm Mussi) in Sassun ermordet worden. Bei einigen Fällen von Mädchenraub war nicht festzustellen, ob nicht die Mädchen freiwillig den Entführern gefolgt seien. — Der Daschnakistenführer Ruben befürchtet baldige Unruhen, da bisher jedesmal, wenn die Großmächte ein Reformprogramm aufstellten, Massakres erfolgt seien. Die Kurden seien höchst unzufrieden mit der Regierung, die sie nicht als rein islamische anerkennen, da sie ihren religiösen Führer Scheich Seyid, den sie wie einen Propheten verehrten, hingerichtet hat. Nach Rubens Ansicht werden die Derebeys ihre gefährdete Prärogative energisch verteidigen.Ruben klagte ferner über große Parteilichkeit der Gerichte und darüber, daß die Gendarmen Befehle der Regierung, wenn sie sich gegen Kurden zugunsten von Armeniern richten, nicht ausführen. Auch hätten die Kurden keinen Respekt vor den Gendarmen, nur vor aktiven Soldaten.Wie mir der Kommandant der 34. Division, Ihsan Pascha, der von hier aus den Belagerungszustand leitet, mitteilt, ist es seinen Truppen gelungen, im Bezirk der Aufständischen (4 Rayons: Simek, Chizan, Guzeldere und Schatakh) nicht nur die Rädelsführer der letzten Bewegung, sondern 50 Prozent aller früher gesuchter Verbrecher sowie 2500 Kurden, die sich der Dienstpflicht entzogen hatten, gefangen zu nehmen.Ihsan Pascha sieht die Lage als ernst, aber nicht kritisch an. Ich reite morgen nach Bitlis weiter.Anders.Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen BotschafterFreiherrn von Wangenheim.6.Marschquartier Bitlis, den 25. Juni 1914.Auf dem Ritt von Musch nach Bitlis (85 km) begleitete mich der Generalstabshauptmann der 34. Division, Ruhi Bey, der mit einem Sonderauftrage Ihsan Paschas nach Bitlis ging. Wir verließen Musch am 23. d. M. um 5 Uhr vormittags und trafen abends um 9 Uhr in Bitlis ein. In der fruchtbaren Ebene des Kara Su reiht sich Dorf an Dorf. Die Sicherheit in der Ebene ist vollkommen, nur im Dorfe Gebian sitzt ein Kurdenhäuptling Musa Bey, der früher als Gendarmeriekommandant im Jemen sich große Verdienste erworben hat und jetzt als Raubritter zeitweise Karawanen plündert. An der Quelle des Kara Su ist ein sehr schönes, im Verfall begriffenes Denkmal aus der Zeit des Sultans Yaus Selim, der hier in einer Entscheidungsschlacht die Perser besiegte.Am 24. d. M. vormittags stattete ich dem Wali von Bitlis, Mustapha Abdul Khalik Bey, der bis zum März d. J. Mutessarrif von Soert war, einen Besuch ab. Ich gratulierte ihm zu dem ihm kürzlich verliehenen Medjidieorden I. Klasse und brachte ihn so von selbst auf die Ereignisse am Anfang April d. J. zu sprechen. Wäre es den Aufständischen am 4. April gelungen, die Burg in Bitlis mit dem Regierungskonak einzunehmen, so wären die Folgen unübersehbar gewesen. Ein Aufstand in ganz Kurdistan und ein russischer Einmarsch wären wohl unausbleiblich gewesen. Die kurdischen Rebellen hatten bereits den Stadtteil, in dem das russische Konsulat liegt, besetzt. Der russische Konsul Schilkow sandte dem Wali, als die Sachlage, zu ungunsten der Kurden umschlug, eine Aufforderung, das Feuer einzustellen und hat sich nach Ansicht der hiesigen Türken dadurch erheblich kompromittiert. Schilkow, dem ich ebenfalls einen Besuch abstattete und der mich für morgen einlud, erklärte mir, ihm sei der nun beinahe drei Monate währende Besuch des Mullah Selim und seiner Spießgesellen im Konsulat äußerst peinlich. Das Konsulat ist von allen Seiten Tag und Nacht durch starke Abteilungen von Militär und Gendarmerie bewacht, so daß ein Entkommen Mullah Selims ausgeschlossen erscheint. Man nimmt jedoch an, daß die russische Regierung mit Rücksicht auf ihr Prestige gegenüber den Muselmanen in Buchara und Samarkand den Übeltäter nicht ausliefern, sondern darauf bestehen wird, daß er mit sicherem Geleit über die Grenze geschafft wird. Der Wali hat vor 2 Tagen die Nachricht erhalten, daß der von ihm aus Soert mitgebrachte tapfere Gendarmeriehauptmann Kjasim Bey am 22. d. M. im Gebiet der Karsankurden (Soert) überfallen, verwundet und weggeschleppt worden ist. Heute, am 25. d. M., verläßt eine Strafexpedition (2 Kompagnien) unter Führung des Platzkommandanten Majors Hilmi Bey und des Generalstabshauptmanns Ruchi Bey die Stadt, um die Karsankurden zu züchtigen und den gefangenen Offizier zu befreien. KjasimBey hatte sich bei dem Gefecht am 4. April besonders ausgezeichnet, trotzdem bezeichnete mir der Wali den Überfall nicht als politischer Natur, sondern als einfachen Raubanfall, welcher ihm erwünschte Gelegenheit gäbe, erneut ein Exempel zu statuieren.Es verbleiben somit zurzeit in Bitlis von dem hier garnisonierenden Bataillon nur 2 Kompagnien. Das Gros und der Stab der 34. Division sind deshalb in Musch disloziert, weil die dortigen Geländeverhältnisse eine bessere Ausbildung der Truppen gestatten. Bitlis ist zu sehr in einem Talkessel eingeklemmt. Sowohl in Musch wie in Bitlis sah ich den Anfang neuer Kasernenbauten. Die Regierung ist jetzt eifrig bemüht, nicht nur die bei dem letzten Putsch beteiligten Kurden, sondern auch die seit Jahren verfolgten Übeltäter und Deserteure zu verhaften. In den Dörfern in der Muschebene las ich an Maueranschlägen Veröffentlichungen, daß jeder, der einem Aufrührer Unterschlupf gewährt, vor das Kriegsgericht gestellt werden wird.Die Hinrichtung der 14 Rebellen, besonders die des allgemein verehrten Seyid Ali, hat einen starken Eindruck gemacht. Ob derselbe jedoch nachhaltig auf die den Reformen feindlich gesinnten Kurdenchefs einwirken wird, werden erst die nächsten Monate zeigen.Anders.Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen BotschafterFreiherrn von Wangenheim.

Juni.

5.

Marschquartier Musch, den 21. Juni 1914.

Der Mutessarrif von Musch war bei meinem Eintreffen hier am 20. d. M. auf Inspektionsreise abwesend. Sein Vertreter, der Oberstaatsanwalt, bereitete mir einen sehr freundlichen Empfang.

Obwohl mir derselbe die allgemeine Lage im Sandjak Musch als derzeitig ruhig darstellte, so gewann ich bald eine andere Meinung, als ich den Besuch des armenischen Erzbischofs Nerses Garakian und den des Führers der Daschnakisten Ruben Effendi erhalten hatte. Beide halten die jetzige Ruhe nur für eine Stille vor dem Sturm und äußerten sich sehr pessimistisch. Nach ihrer Ansicht seien die Kurdenchefs nur momentan durch das rigorose Vorgehen des Kriegsgerichts in Bitlis eingeschüchtert, aber das Reformprojekt widerspreche viel zu sehr ihren Interessen, als daß sie nicht versuchen würden, den neuen Bestimmungen äußersten Widerstand entgegen zu setzen.

Sehr eingehend schilderte mir der Erzbischof die Lage der armenischen Bauern im Kasa Modikan. Das Hörigkeitsverhältnis wird von den Derebeys dermaßen ausgedehnt, daß sie, so wie es Gogol zur Zeit der Leibeigenschaft in Rußland schildert, sich gegenseitig ganze Dörfer mitsamt den Hörigen verkaufen, wobei für eine Seele durchschnittlich 5–15 Ltq. gezahlt werden. So haben die Schegoli, ein Zweigstamm der Ballikli, denen 30 Dörfer gehören, kürzlich von einem Derebey das armenische Dorf Pischenk käuflich erworben.

Bei dem Aufstand der Armenier in Sassun 1894 hatten die armenischen Bauern der Dörfer Taworik und Chiankichub im Bezirk Schatakh ihre kurdischen Frohnvögte vertrieben. Ebenso haben sich unter Beihilfe der konstitutionellen Regierung im Jahre 1908 im Bezirk Pzank 25 Dörfer freigemacht. Dagegen herrschen im Kasa Modikan noch die alten patriarchalischen Zustände. Die Bauern müssen den Beys bestimmte Lieferungen machen. Dabei soll die Armut der armenischen und kurdischen Hörigen schrecklich sein. Im ganzen Kasa Modikan besteht nur in dem Dorfe Chisek eine armenische Schule. In Chinist sollte mit Mitteln von Boghos Nubar Pascha eine Schule eröffnet werden, die Lehrer ergriffen jedoch schon nach wenigen Tagen vor kurdischen Drohungen die Flucht.

Sehr aktuell ist eine Beschwerde der Dorfbewohner von Chinist, Paschawank und Lordenzor, von denen der Balliklistamm je 2300, 1500 und800 Ltq. fordert für eine vor 60 Jahren von den Vorfahren der jetzigen Bauern aufgenommene minimale Schuld. Der hiesige Bischof hat an das Patriarchat berichtet, die Regierung leugnet jedoch den Tatbestand ab und auch das Preßbüro hat die Meldungen des Bischofs dementiert. Gleichwohl hat der Wali von Bitlis Geld von der Zentralregierung erbeten, um die Angelegenheit gütlich zu ordnen.

Eigenartig ist der Modus der Eintreibung der Hammelsteuer. Kurz vor dem Erscheinen des Tahsildars (Steuerbeamten) trieben die Balliklikurden 300 Hammel in das armenische Dorf Chuit, die dort trotz des Protestes der Bewohner mitgezählt wurden. Da sich die Bauern weigern, den Mehrbetrag von etwa 20 Ltq. Schafsteuer zu zahlen, werden jetzt ihre Kühe und Ochsen zwangsweise verkauft.

Wenn so Hammeldiebstahl und Grundstücksstreite zu Erbitterung zwischen Kurden und Armeniern führen, so gab der Bischof doch zu, daß in den letzten Monaten Klagen wegen Unsicherheit von Leben und Familienehre seltener seien. Kürzlich sind nur 4 bis 5 Armenier von den Bedrikurden (Stamm Mussi) in Sassun ermordet worden. Bei einigen Fällen von Mädchenraub war nicht festzustellen, ob nicht die Mädchen freiwillig den Entführern gefolgt seien. — Der Daschnakistenführer Ruben befürchtet baldige Unruhen, da bisher jedesmal, wenn die Großmächte ein Reformprogramm aufstellten, Massakres erfolgt seien. Die Kurden seien höchst unzufrieden mit der Regierung, die sie nicht als rein islamische anerkennen, da sie ihren religiösen Führer Scheich Seyid, den sie wie einen Propheten verehrten, hingerichtet hat. Nach Rubens Ansicht werden die Derebeys ihre gefährdete Prärogative energisch verteidigen.

Ruben klagte ferner über große Parteilichkeit der Gerichte und darüber, daß die Gendarmen Befehle der Regierung, wenn sie sich gegen Kurden zugunsten von Armeniern richten, nicht ausführen. Auch hätten die Kurden keinen Respekt vor den Gendarmen, nur vor aktiven Soldaten.

Wie mir der Kommandant der 34. Division, Ihsan Pascha, der von hier aus den Belagerungszustand leitet, mitteilt, ist es seinen Truppen gelungen, im Bezirk der Aufständischen (4 Rayons: Simek, Chizan, Guzeldere und Schatakh) nicht nur die Rädelsführer der letzten Bewegung, sondern 50 Prozent aller früher gesuchter Verbrecher sowie 2500 Kurden, die sich der Dienstpflicht entzogen hatten, gefangen zu nehmen.

Ihsan Pascha sieht die Lage als ernst, aber nicht kritisch an. Ich reite morgen nach Bitlis weiter.

Anders.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen BotschafterFreiherrn von Wangenheim.

6.

Marschquartier Bitlis, den 25. Juni 1914.

Auf dem Ritt von Musch nach Bitlis (85 km) begleitete mich der Generalstabshauptmann der 34. Division, Ruhi Bey, der mit einem Sonderauftrage Ihsan Paschas nach Bitlis ging. Wir verließen Musch am 23. d. M. um 5 Uhr vormittags und trafen abends um 9 Uhr in Bitlis ein. In der fruchtbaren Ebene des Kara Su reiht sich Dorf an Dorf. Die Sicherheit in der Ebene ist vollkommen, nur im Dorfe Gebian sitzt ein Kurdenhäuptling Musa Bey, der früher als Gendarmeriekommandant im Jemen sich große Verdienste erworben hat und jetzt als Raubritter zeitweise Karawanen plündert. An der Quelle des Kara Su ist ein sehr schönes, im Verfall begriffenes Denkmal aus der Zeit des Sultans Yaus Selim, der hier in einer Entscheidungsschlacht die Perser besiegte.

Am 24. d. M. vormittags stattete ich dem Wali von Bitlis, Mustapha Abdul Khalik Bey, der bis zum März d. J. Mutessarrif von Soert war, einen Besuch ab. Ich gratulierte ihm zu dem ihm kürzlich verliehenen Medjidieorden I. Klasse und brachte ihn so von selbst auf die Ereignisse am Anfang April d. J. zu sprechen. Wäre es den Aufständischen am 4. April gelungen, die Burg in Bitlis mit dem Regierungskonak einzunehmen, so wären die Folgen unübersehbar gewesen. Ein Aufstand in ganz Kurdistan und ein russischer Einmarsch wären wohl unausbleiblich gewesen. Die kurdischen Rebellen hatten bereits den Stadtteil, in dem das russische Konsulat liegt, besetzt. Der russische Konsul Schilkow sandte dem Wali, als die Sachlage, zu ungunsten der Kurden umschlug, eine Aufforderung, das Feuer einzustellen und hat sich nach Ansicht der hiesigen Türken dadurch erheblich kompromittiert. Schilkow, dem ich ebenfalls einen Besuch abstattete und der mich für morgen einlud, erklärte mir, ihm sei der nun beinahe drei Monate währende Besuch des Mullah Selim und seiner Spießgesellen im Konsulat äußerst peinlich. Das Konsulat ist von allen Seiten Tag und Nacht durch starke Abteilungen von Militär und Gendarmerie bewacht, so daß ein Entkommen Mullah Selims ausgeschlossen erscheint. Man nimmt jedoch an, daß die russische Regierung mit Rücksicht auf ihr Prestige gegenüber den Muselmanen in Buchara und Samarkand den Übeltäter nicht ausliefern, sondern darauf bestehen wird, daß er mit sicherem Geleit über die Grenze geschafft wird. Der Wali hat vor 2 Tagen die Nachricht erhalten, daß der von ihm aus Soert mitgebrachte tapfere Gendarmeriehauptmann Kjasim Bey am 22. d. M. im Gebiet der Karsankurden (Soert) überfallen, verwundet und weggeschleppt worden ist. Heute, am 25. d. M., verläßt eine Strafexpedition (2 Kompagnien) unter Führung des Platzkommandanten Majors Hilmi Bey und des Generalstabshauptmanns Ruchi Bey die Stadt, um die Karsankurden zu züchtigen und den gefangenen Offizier zu befreien. KjasimBey hatte sich bei dem Gefecht am 4. April besonders ausgezeichnet, trotzdem bezeichnete mir der Wali den Überfall nicht als politischer Natur, sondern als einfachen Raubanfall, welcher ihm erwünschte Gelegenheit gäbe, erneut ein Exempel zu statuieren.

Es verbleiben somit zurzeit in Bitlis von dem hier garnisonierenden Bataillon nur 2 Kompagnien. Das Gros und der Stab der 34. Division sind deshalb in Musch disloziert, weil die dortigen Geländeverhältnisse eine bessere Ausbildung der Truppen gestatten. Bitlis ist zu sehr in einem Talkessel eingeklemmt. Sowohl in Musch wie in Bitlis sah ich den Anfang neuer Kasernenbauten. Die Regierung ist jetzt eifrig bemüht, nicht nur die bei dem letzten Putsch beteiligten Kurden, sondern auch die seit Jahren verfolgten Übeltäter und Deserteure zu verhaften. In den Dörfern in der Muschebene las ich an Maueranschlägen Veröffentlichungen, daß jeder, der einem Aufrührer Unterschlupf gewährt, vor das Kriegsgericht gestellt werden wird.

Die Hinrichtung der 14 Rebellen, besonders die des allgemein verehrten Seyid Ali, hat einen starken Eindruck gemacht. Ob derselbe jedoch nachhaltig auf die den Reformen feindlich gesinnten Kurdenchefs einwirken wird, werden erst die nächsten Monate zeigen.

Anders.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen BotschafterFreiherrn von Wangenheim.


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