Chapter 14

Juli.7.KaiserlichDeutsche Botschaft.Therapia, den 24. Juli 1914.Der Kaiserliche Vizekonsul Anders (Erzerum) berichtet auf seiner Informationsreise aus Wan unter dem 4. d. M.:„Nachdem ich vom 1. bis 30. Juni die Hauptstädte der Wilajets Mamuret ul Asis, Bitlis und Wan besucht habe, konnte ich feststellen, daß die Zustände in diesen drei Wilajets denen in Erzerum sehr ähnlich sind. Wenngleich im Wilajet Erzerum die kurdische Frage nicht so akut ist wie in den drei oben genannten, so ist doch in allen vier Wilajets die Reformbedürftigkeit die gleiche. Auf der Informationsreise habe ich in Kharput, Musch, Bitlis und Wan persönliche Beziehungen angeknüpft, sodaß ich nun die Möglichkeit habe, von Erzerum aus die Vorgänge in den drei Nachbarwilajets zu verfolgen.Die Postverbindung läßt allerdings noch viel zu wünschen übrig. Dagegen wird sich, wie mir der hiesige Wali Tahsin Bey versichert, die Verbindung zwischen Wan und Bitlis in allernächster Zeit sehr verbessern. Die Regierung hat außer dem vorhandenen (zurzeit wegen Gasolinmangels außer Betrieb gestellten) Motorboot noch zwei größere Dampfer bestellt. Statt der bisher nötigen drei Marschtage wird nun die Entfernung von Wan nach Bitlis nur noch acht Stunden benötigen, und zwar von Wan nach Tadwan fünf Stunden im Dampfboot und von Tadwan nach Bitlis auf einer recht guten ebenen Straße drei Stunden.Einzig und allein dem Motorboot, welches Prähme mit einigen hundert Soldaten nach Tadwan schleppte, ist es nach Tahsin Beys Meinung zu verdanken, daß am 4. April d. J. rechtzeitig genügend Truppen in Bitlis den aufständischen Kurden gegenübergestellt werden konnten. Überhaupt konnte ich beobachten, daß die beiden Walis von Bitlis und Wan sehr Hand in Hand arbeiten, besonders was die Beobachtung und Bekämpfung russischer Einflüsse unter den Kurden betrifft.“Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.8.KaiserlichDeutsches Konsulat.Trapezunt, den 30. Juli 1914.Euerer Exzellenz beehre ich mich gehorsamst zu berichten, daß in Kurdistan ein neuer Aufstand ausgebrochen ist. Bei der Entfernung und den schlechten Verbindungen sind nicht alle Einzelheiten bekannt. Indessen scheint die Bewegung diesmal in größerem Umfang eingesetzt zu haben. Das Zentrum liegt in Bitlis und der Hochburg des Kurdentums, Dersim. Es verlautet, daß ein türkischer Oberst und einige Gendarmen von den Kurden gefangen genommen und gehängt worden sind. Auch sollen die Aufständischen die Armenier dahin verständigt haben, daß diejenigen, welche flüchtigen Kurden keine Unterkunft gewährten, getötet werden würden.Während der kurdischen Unruhen im Frühling dieses Jahres hatten die Kurden den Armeniern ihr Leben und Eigentum garantiert. Wenn sie jetzt ihnen gegenüber eine abweichende Haltung einnehmen, so deutet das wohl darauf hin, daß der Zweck der Bewegung ein anderer ist. Früher schien es nur darauf abgesehen, der Türkischen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten. Diesmal beabsichtigt man vielleicht eine Intervention Rußlands zu veranlassen. Inwieweit der russische Rubel wieder die Bewegung entfacht hat, läßt sich von hier aus nicht ermitteln.Vor einigen Tagen hat der hiesige russische Konsul sich plötzlich ins Innere begeben. Es verlautet, daß er die griechischen Klöster besucht. Der hiesige Metropolit ist ihm nach zwei Tagen gefolgt. Er wurde begleitet von einem Russen, der hier bereits eine Woche bei ihm wohnt und sich als Gelehrter ausgibt. Daß der russische Kollege in einem Zeitpunkt, wo die europäische Lage von hier aus sehr wenig geklärt erscheint, seinen für Rußland wichtigen Posten verläßt, um sich Tage weit in das Innere zu begeben, erscheint auffallend.Dr. Bergfeld.An Seine Exzellenz den ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.

Juli.

7.

KaiserlichDeutsche Botschaft.

Therapia, den 24. Juli 1914.

Der Kaiserliche Vizekonsul Anders (Erzerum) berichtet auf seiner Informationsreise aus Wan unter dem 4. d. M.:

„Nachdem ich vom 1. bis 30. Juni die Hauptstädte der Wilajets Mamuret ul Asis, Bitlis und Wan besucht habe, konnte ich feststellen, daß die Zustände in diesen drei Wilajets denen in Erzerum sehr ähnlich sind. Wenngleich im Wilajet Erzerum die kurdische Frage nicht so akut ist wie in den drei oben genannten, so ist doch in allen vier Wilajets die Reformbedürftigkeit die gleiche. Auf der Informationsreise habe ich in Kharput, Musch, Bitlis und Wan persönliche Beziehungen angeknüpft, sodaß ich nun die Möglichkeit habe, von Erzerum aus die Vorgänge in den drei Nachbarwilajets zu verfolgen.

Die Postverbindung läßt allerdings noch viel zu wünschen übrig. Dagegen wird sich, wie mir der hiesige Wali Tahsin Bey versichert, die Verbindung zwischen Wan und Bitlis in allernächster Zeit sehr verbessern. Die Regierung hat außer dem vorhandenen (zurzeit wegen Gasolinmangels außer Betrieb gestellten) Motorboot noch zwei größere Dampfer bestellt. Statt der bisher nötigen drei Marschtage wird nun die Entfernung von Wan nach Bitlis nur noch acht Stunden benötigen, und zwar von Wan nach Tadwan fünf Stunden im Dampfboot und von Tadwan nach Bitlis auf einer recht guten ebenen Straße drei Stunden.

Einzig und allein dem Motorboot, welches Prähme mit einigen hundert Soldaten nach Tadwan schleppte, ist es nach Tahsin Beys Meinung zu verdanken, daß am 4. April d. J. rechtzeitig genügend Truppen in Bitlis den aufständischen Kurden gegenübergestellt werden konnten. Überhaupt konnte ich beobachten, daß die beiden Walis von Bitlis und Wan sehr Hand in Hand arbeiten, besonders was die Beobachtung und Bekämpfung russischer Einflüsse unter den Kurden betrifft.“

Wangenheim.

Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.

8.

KaiserlichDeutsches Konsulat.

Trapezunt, den 30. Juli 1914.

Euerer Exzellenz beehre ich mich gehorsamst zu berichten, daß in Kurdistan ein neuer Aufstand ausgebrochen ist. Bei der Entfernung und den schlechten Verbindungen sind nicht alle Einzelheiten bekannt. Indessen scheint die Bewegung diesmal in größerem Umfang eingesetzt zu haben. Das Zentrum liegt in Bitlis und der Hochburg des Kurdentums, Dersim. Es verlautet, daß ein türkischer Oberst und einige Gendarmen von den Kurden gefangen genommen und gehängt worden sind. Auch sollen die Aufständischen die Armenier dahin verständigt haben, daß diejenigen, welche flüchtigen Kurden keine Unterkunft gewährten, getötet werden würden.

Während der kurdischen Unruhen im Frühling dieses Jahres hatten die Kurden den Armeniern ihr Leben und Eigentum garantiert. Wenn sie jetzt ihnen gegenüber eine abweichende Haltung einnehmen, so deutet das wohl darauf hin, daß der Zweck der Bewegung ein anderer ist. Früher schien es nur darauf abgesehen, der Türkischen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten. Diesmal beabsichtigt man vielleicht eine Intervention Rußlands zu veranlassen. Inwieweit der russische Rubel wieder die Bewegung entfacht hat, läßt sich von hier aus nicht ermitteln.

Vor einigen Tagen hat der hiesige russische Konsul sich plötzlich ins Innere begeben. Es verlautet, daß er die griechischen Klöster besucht. Der hiesige Metropolit ist ihm nach zwei Tagen gefolgt. Er wurde begleitet von einem Russen, der hier bereits eine Woche bei ihm wohnt und sich als Gelehrter ausgibt. Daß der russische Kollege in einem Zeitpunkt, wo die europäische Lage von hier aus sehr wenig geklärt erscheint, seinen für Rußland wichtigen Posten verläßt, um sich Tage weit in das Innere zu begeben, erscheint auffallend.

Dr. Bergfeld.

An Seine Exzellenz den ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.


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