Chapter 18

Dezember.13.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, am 29. Dezember 1914.Aus Anlaß eines Berichtes des Kaiserlichen Konsuls in Adana über die der deutschen Sache ungünstige Stimmung unter der armenischen Bevölkerung jener Landesteile habe ich den hiesigen Patriarchen der gregorianischen Armenier über seine Auffassung der einschlägigen Verhältnisse sondieren lassen.Wie aus den Mitteilungen des Herrn Dr. Büge hervorgeht, herrscht unter den Armeniern seines Amtsbezirkes allgemein die Befürchtung, daß im Falle eines deutschen Sieges die Existenz des armenischen Volkes auf türkischem Boden vernichtet sei; wenn aber die Türkei in die Hände der Engländer und Franzosen fiele, dann würden endlich die so schwer heimgesuchten Armenier Ruhe finden. Ich habe daher dem Patriarchen versichern lassen, daß die vor Beginn des Krieges eingeleitete Reformaktion für die ostanatolischen Landesteile zwar aufgeschoben, aber nicht aufgehoben sei, und daß ich nach Wiederherstellung des Friedens für die Wiederaufnahme des Reformwerkes eintreten würde, so wie seinerzeit die dahin zielenden Schritte der russischen Regierung von uns unterstützt worden seien.Der Patriarch fand es selbstverständlich, daß infolge des herrschenden Kriegszustandes diese Angelegenheit zurückgestellt sei und vor Beendigung des Krieges nicht wieder in Fluß gebracht werden könne. Für den Augenblick beklagte er das Mißtrauen der türkischen Behörden gegenüber den Armeniern und speziell das Los der armenischen Distrikte in der Nähe des Kriegsschauplatzes, namentlich in der Umgegend von Erzerum. Die waffenfähigen Männer im Alter von 20–45 Jahren seien eingezogen, die übrigen würden zu Transporten und dergleichen Diensten verwendet, so daß die Dörfer den Übergriffen und Ausschreitungen marodierender Soldaten schutzlos preisgegeben seien. In den übrigen Provinzen mit armenischer Bevölkerung scheine Ruhe zu herrschen, doch lägen infolge der Unterbrechung der Korrespondenzen keine sicheren Nachrichten vor.Im allgemeinen bemerkte der Patriarch, daß jeder einsichtige Armenier das Verbleiben der Armenier unter türkischer Herrschaft wünsche und den Gedanken eines Anschlusses der betreffenden Landesteile an einen fremdenStaat zurückweise; allerdings sei es unbedingt notwendig, daß im Sinne der geplanten Reformen den Armeniern in Ostanatolien die Gleichheit vor dem Gesetze und Schutz von Leben und Eigentum gewährleistet werde.Auf die Sympathien der Armenier für die eine oder die andere der mit uns im Kriege befindlichen Mächte übergehend, meinte der Patriarch, es sei begreiflich, daß im Grenzverkehr mit dem russischen Gebiete vielfach russische Sympathien eingeschleppt würden. Alljährlich im Frühling zögen Tausende von Armeniern nach Rußland, um dort zu arbeiten, und kehrten im Herbste mit ihren Ersparnissen in ihre türkische Heimat zurück; da würden dann wohl Vergleiche zwischen der Behandlung, die sie in der Fremde erfahren haben, und ihrer Lage in der Türkei gezogen; wie aber ihr Los sich gestalten würde, wenn sie unter russische Herrschaft geraten sollten, davon hätten sie keine richtige Vorstellung. Während der Armeniermassakres in Erzerum (im Jahre 1898) habe der russische Konsul Maximow nicht nur diejenigen Armenier, die im Konsulate Zuflucht suchten, abgewiesen, sondern auch den fanatischen Pöbel durch laute Zurufe zur Fortsetzung der Ausschreitungen angetrieben. Der Patriarch führte noch andere Einzelheiten an und fügte hinzu, daß das Eintreten Rußlands für Reformen in Türkisch-Armenien durch die Rücksichtnahme auf die armenische Bevölkerung im Kaukasus begründet gewesen sei.Wenn Sympathien für Frankreich vorhanden seien, so sei das die Folge davon, daß in den armenischen Schulen von fremden Sprachen hauptsächlich Französisch gelehrt werde; die Kenntnis dieser Sprache bilde das Medium zur Einführung französischer Ideen und französischer Sympathien. Das Deutsche sei aus Mangel an geeigneten Lehrkräften bisher nur an wenigen Schulen in den Unterricht aufgenommen. Für Amerika seien ausgesprochene Sympathien vorhanden, obwohl die Proselytenmacherei der amerikanischen Missionare vielfach Anstoß errege. — Die ausgebreitete und segensreiche Tätigkeit der Kaiserswerther Diakonissen und anderer deutscher Vereine für die Armenier in der Türkei werden vom Patriarchen richtig gewürdigt.Die vorstehenden Ausführungen des Patriarchen dürften im allgemeinen als zutreffend und auch als aufrichtig gemeint zu erachten sein. Soweit mir bekannt, gehört er selber, ebenso wie die Majorität des derzeitigen „Großen Conseils“ der armenischen Gemeinde, der gemäßigten Partei („Ramgavar“) an.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.14.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 30. Dezember 1914.Der beifolgende Bericht über türkische Ausschreitungen gegen die armenische Bevölkerung in der Umgegend von Erzerum bestätigt die Mitteilungen, die mir hierüber vom Armenischen Patriarchen zugegangen waren, und hat mich veranlaßt, die Zustände auf der Hohen Pforte zur Sprache zu bringen und dringend zu raten, für die Abstellung solcher Vorkommnisse Sorge zu tragen. Allerdings meinte der Großwesir, daß diese Vorfälle nicht ganz ohne armenische Provokation entstanden seien; als Beleg hierfür führte er an, daß die Armenier in dem Kriege offen gegen die türkische Sache Partei nehmen, und erwähnte u. a., daß die bulgarischen Armenier Rußland eine Freiwilligentruppe zur Verfügung gestellt hätten[33].Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.Anlage.KaiserlichDeutsches Konsulat.Erzerum, den 5. Dezember 1914.Die armenische Bevölkerung des Wilajets Erzerum, insbesondere die Landbevölkerung, ist durch einige Vorgänge sehr beunruhigt, die von ihr als Vorboten neuer Massakres aufgefaßt werden.In dem Dorfe Osni der Erzerumer Hochebene haben am 1. d. Mts. drei türkische Freischärler (Irreguläre) einen bei den Armeniern sehr angesehenen Priester besucht, bei demselben gegessen und geschlafen und ihn am nächsten Morgen gezwungen, sie bis an das Ende des Dorfes zu begleiten, wo sie ihn durch Flintenschüsse töteten.In dem Dorfe Tewnik, ebenfalls in der Erzerumer Hochebene, hat eine Gruppe von 12 Freischärlern sämtliche Männer des Dorfes herausgetrieben, gefesselt und ein Lösegeld von 100 türkischen Pfund gefordert. Diese Summe konnte von dem Dorfe nicht aufgetrieben werden. Die Männer blieben gefangen. Einige Frauen dieses Dorfes sind weinend zum armenischen Bischof nach Erzerum gekommen und haben um Hilfe gebeten.Auch von anderen Dörfern kommen ähnliche Berichte.Der armenische Bischof von Erzerum hat sich an den Wali gewendet, der die Säuberung der Erzerumer Ebene von den Freischärlern versprach.Diese Mitteilungen stammen von angesehener armenischer Seite.Die armenische Bevölkerung behauptet, daß es sich um eine von der türkischen Partei „Ittihad“[34]angezettelte Bewegung handle.Tatsache ist, daß die türkischen Offiziere auf die Armenier nicht gut zu sprechen sind und ihnen vorwerfen, sie wären russenfreundlich und hätten das Eindringen russischer Truppen in türkisches Gebiet erleichtert. Auch bei der türkischen Bevölkerung scheint, wie aus mancherlei Symptomen zu ersehen, der alte Haß gegen die Armenier neu aufzulodern.Schwarz.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerDr. von Bethmann Hollweg, Berlin.

Dezember.

13.

KaiserlichDeutsche Botschaft.

Pera, am 29. Dezember 1914.

Aus Anlaß eines Berichtes des Kaiserlichen Konsuls in Adana über die der deutschen Sache ungünstige Stimmung unter der armenischen Bevölkerung jener Landesteile habe ich den hiesigen Patriarchen der gregorianischen Armenier über seine Auffassung der einschlägigen Verhältnisse sondieren lassen.

Wie aus den Mitteilungen des Herrn Dr. Büge hervorgeht, herrscht unter den Armeniern seines Amtsbezirkes allgemein die Befürchtung, daß im Falle eines deutschen Sieges die Existenz des armenischen Volkes auf türkischem Boden vernichtet sei; wenn aber die Türkei in die Hände der Engländer und Franzosen fiele, dann würden endlich die so schwer heimgesuchten Armenier Ruhe finden. Ich habe daher dem Patriarchen versichern lassen, daß die vor Beginn des Krieges eingeleitete Reformaktion für die ostanatolischen Landesteile zwar aufgeschoben, aber nicht aufgehoben sei, und daß ich nach Wiederherstellung des Friedens für die Wiederaufnahme des Reformwerkes eintreten würde, so wie seinerzeit die dahin zielenden Schritte der russischen Regierung von uns unterstützt worden seien.

Der Patriarch fand es selbstverständlich, daß infolge des herrschenden Kriegszustandes diese Angelegenheit zurückgestellt sei und vor Beendigung des Krieges nicht wieder in Fluß gebracht werden könne. Für den Augenblick beklagte er das Mißtrauen der türkischen Behörden gegenüber den Armeniern und speziell das Los der armenischen Distrikte in der Nähe des Kriegsschauplatzes, namentlich in der Umgegend von Erzerum. Die waffenfähigen Männer im Alter von 20–45 Jahren seien eingezogen, die übrigen würden zu Transporten und dergleichen Diensten verwendet, so daß die Dörfer den Übergriffen und Ausschreitungen marodierender Soldaten schutzlos preisgegeben seien. In den übrigen Provinzen mit armenischer Bevölkerung scheine Ruhe zu herrschen, doch lägen infolge der Unterbrechung der Korrespondenzen keine sicheren Nachrichten vor.

Im allgemeinen bemerkte der Patriarch, daß jeder einsichtige Armenier das Verbleiben der Armenier unter türkischer Herrschaft wünsche und den Gedanken eines Anschlusses der betreffenden Landesteile an einen fremdenStaat zurückweise; allerdings sei es unbedingt notwendig, daß im Sinne der geplanten Reformen den Armeniern in Ostanatolien die Gleichheit vor dem Gesetze und Schutz von Leben und Eigentum gewährleistet werde.

Auf die Sympathien der Armenier für die eine oder die andere der mit uns im Kriege befindlichen Mächte übergehend, meinte der Patriarch, es sei begreiflich, daß im Grenzverkehr mit dem russischen Gebiete vielfach russische Sympathien eingeschleppt würden. Alljährlich im Frühling zögen Tausende von Armeniern nach Rußland, um dort zu arbeiten, und kehrten im Herbste mit ihren Ersparnissen in ihre türkische Heimat zurück; da würden dann wohl Vergleiche zwischen der Behandlung, die sie in der Fremde erfahren haben, und ihrer Lage in der Türkei gezogen; wie aber ihr Los sich gestalten würde, wenn sie unter russische Herrschaft geraten sollten, davon hätten sie keine richtige Vorstellung. Während der Armeniermassakres in Erzerum (im Jahre 1898) habe der russische Konsul Maximow nicht nur diejenigen Armenier, die im Konsulate Zuflucht suchten, abgewiesen, sondern auch den fanatischen Pöbel durch laute Zurufe zur Fortsetzung der Ausschreitungen angetrieben. Der Patriarch führte noch andere Einzelheiten an und fügte hinzu, daß das Eintreten Rußlands für Reformen in Türkisch-Armenien durch die Rücksichtnahme auf die armenische Bevölkerung im Kaukasus begründet gewesen sei.

Wenn Sympathien für Frankreich vorhanden seien, so sei das die Folge davon, daß in den armenischen Schulen von fremden Sprachen hauptsächlich Französisch gelehrt werde; die Kenntnis dieser Sprache bilde das Medium zur Einführung französischer Ideen und französischer Sympathien. Das Deutsche sei aus Mangel an geeigneten Lehrkräften bisher nur an wenigen Schulen in den Unterricht aufgenommen. Für Amerika seien ausgesprochene Sympathien vorhanden, obwohl die Proselytenmacherei der amerikanischen Missionare vielfach Anstoß errege. — Die ausgebreitete und segensreiche Tätigkeit der Kaiserswerther Diakonissen und anderer deutscher Vereine für die Armenier in der Türkei werden vom Patriarchen richtig gewürdigt.

Die vorstehenden Ausführungen des Patriarchen dürften im allgemeinen als zutreffend und auch als aufrichtig gemeint zu erachten sein. Soweit mir bekannt, gehört er selber, ebenso wie die Majorität des derzeitigen „Großen Conseils“ der armenischen Gemeinde, der gemäßigten Partei („Ramgavar“) an.

Wangenheim.

Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.

14.

KaiserlichDeutsche Botschaft.

Pera, den 30. Dezember 1914.

Der beifolgende Bericht über türkische Ausschreitungen gegen die armenische Bevölkerung in der Umgegend von Erzerum bestätigt die Mitteilungen, die mir hierüber vom Armenischen Patriarchen zugegangen waren, und hat mich veranlaßt, die Zustände auf der Hohen Pforte zur Sprache zu bringen und dringend zu raten, für die Abstellung solcher Vorkommnisse Sorge zu tragen. Allerdings meinte der Großwesir, daß diese Vorfälle nicht ganz ohne armenische Provokation entstanden seien; als Beleg hierfür führte er an, daß die Armenier in dem Kriege offen gegen die türkische Sache Partei nehmen, und erwähnte u. a., daß die bulgarischen Armenier Rußland eine Freiwilligentruppe zur Verfügung gestellt hätten[33].

Wangenheim.

Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.

Anlage.

KaiserlichDeutsches Konsulat.

Erzerum, den 5. Dezember 1914.

Die armenische Bevölkerung des Wilajets Erzerum, insbesondere die Landbevölkerung, ist durch einige Vorgänge sehr beunruhigt, die von ihr als Vorboten neuer Massakres aufgefaßt werden.

In dem Dorfe Osni der Erzerumer Hochebene haben am 1. d. Mts. drei türkische Freischärler (Irreguläre) einen bei den Armeniern sehr angesehenen Priester besucht, bei demselben gegessen und geschlafen und ihn am nächsten Morgen gezwungen, sie bis an das Ende des Dorfes zu begleiten, wo sie ihn durch Flintenschüsse töteten.

In dem Dorfe Tewnik, ebenfalls in der Erzerumer Hochebene, hat eine Gruppe von 12 Freischärlern sämtliche Männer des Dorfes herausgetrieben, gefesselt und ein Lösegeld von 100 türkischen Pfund gefordert. Diese Summe konnte von dem Dorfe nicht aufgetrieben werden. Die Männer blieben gefangen. Einige Frauen dieses Dorfes sind weinend zum armenischen Bischof nach Erzerum gekommen und haben um Hilfe gebeten.

Auch von anderen Dörfern kommen ähnliche Berichte.

Der armenische Bischof von Erzerum hat sich an den Wali gewendet, der die Säuberung der Erzerumer Ebene von den Freischärlern versprach.

Diese Mitteilungen stammen von angesehener armenischer Seite.

Die armenische Bevölkerung behauptet, daß es sich um eine von der türkischen Partei „Ittihad“[34]angezettelte Bewegung handle.

Tatsache ist, daß die türkischen Offiziere auf die Armenier nicht gut zu sprechen sind und ihnen vorwerfen, sie wären russenfreundlich und hätten das Eindringen russischer Truppen in türkisches Gebiet erleichtert. Auch bei der türkischen Bevölkerung scheint, wie aus mancherlei Symptomen zu ersehen, der alte Haß gegen die Armenier neu aufzulodern.

Schwarz.

Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerDr. von Bethmann Hollweg, Berlin.


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