April.23.(Kaiserliches KonsulatAleppo.)Telegramm.Abgang aus Marasch, den 1. April 1915.Ankunft in Pera, den 1. April 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Djemal Pascha hat Mittwoch Befehl bekannt geben lassen, niemand solle sich in Regierungsangelegenheiten mischen. Ein Muhammedaner, der einen Armenier angreife, werde vor das Kriegsgericht gestellt.Rößler.24.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 3. April 1915.Über die Kämpfe bei Zeitun meldet Konsul Rößler unter dem 31. v. Mts., daß es sich dabei um ein isoliertes Kloster handelte, in dem armenische Fahnenflüchtige sich aufhielten. Das Kloster wurde umzingelt, die Armenier aber brachen durch und flüchteten, etwa 150 Mann stark, in die Berge. Einige von ihnen fielen, andere wurden verwundet oder gefangen genommen. Das Kloster wurde mit Artillerie zusammengeschossen.Kämpfe gegen die Stadt Zeitun selber scheinen nicht bevorzustehen.Auf die von den Behörden erlassene Aufforderung haben sich in Zeitun 125 und in Marasch 450 Dienstpflichtige gestellt, die sich bisher der Dienstpflicht entzogen hatten.In Marasch selber ist ein Kriegsgericht eingesetzt und der Belagerungszustand verhängt worden. Es haben Haussuchungen nach Waffen stattgefunden, namentlich bei den Christen, und das Verlassen der Häuser nach Sonnenuntergang ist verboten. Doch hat sich die Aufregung gelegt.In einem weiteren Telegramm vom 1. d. Mts. fügt Konsul Rößler hinzu, daß Djemal Pascha habe bekannt machen lassen: jeder Muhammedaner, der einen Armenier angreife, werde vor das Kriegsgericht gestellt werden; niemand habe sich in die Regierungsangelegenheiten zu mischen.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.25.KaiserlichDeutsches Konsulat.Aleppo, den 12. April 1915.Die Unruhen, welche in Zeitun ausgebrochen sind, haben die Frage nahegelegt, ob sie von auswärts angezettelt seien. Keinerlei derartige Spuren aber habe ich während meiner Dienstreise nach Marasch vom 28. März bis 10. April entdecken können. Der Vorsitzende des Kriegsgerichts hat allerdings behauptet, fremder Einfluß sei vorhanden, hat mir aber keine Angaben darüber gemacht. Die an Ort und Stelle vorhandenen, aus den inneren Leiden der Türkei stammenden Keime genügen vielmehr vollkommen, die Unruhen zu erklären.In der Nähe von Zeitun hatte sich ein Räuberunwesen unter den Armeniern unter einem gewissen Nazareth Tschausch entwickelt[41]. Im Oktober v. Js. ist der Mutessarrif Haidar Pascha von Marasch dagegen vorgegangen. Er versprach den Bewohnern von Zeitun auf sein Wort, daß er denen, die ihm die Räuber auslieferten, nichts tun würde und erreichte damit tatsächlich die Auslieferung. Anstatt aber ein Gerichtsverfahren zu eröffnen und die Schuldigen hinzurichten, ließ er Nazareth Tschausch im Gefängnis zu Tode prügeln (vgl. Bericht vom 16. Oktober v. Js). 30 der mit ihm Gefangenen ließ er nach Osmaniyé ins Gefängnis bringen, wo sie noch heute ohne Urteil sitzen, andere hat er laufen lassen, um nicht gleichzeitig gefangene muhammedanische Räuber strafen zu müssen. Dagegen hat er entgegen seiner feierlichen Zusage diejenigen Leute verhaften lassen, die ihm zur Ergreifung der Räuber führende Angaben gemacht hatten.Mit Kriegsausbruch wurde von General Fakhri Pascha entgegen dem Rat des Wali Djelal Bey von Aleppo die in Zeitun liegende Kompagnie Soldaten fortgenommen und durch Gendarmen ersetzt und zwar durch muhammedanische Gendarmen aus Marasch, die zum Teil die persönlichen Feinde der Bewohner von Zeitun waren. Ihnen waren die letzteren ausgeliefert.Zeitun ist eine ausschließlich christliche Stadt. Mehrfach wurden die Männer mißhandelt und die Frauen belästigt unter stillschweigender Duldung und Begünstigung durch den Gendarmeriehauptmann und den Kaimakam. Die gedrückte Bevölkerung von Zeitun wandte sich an den Mutessarrif von Marasch mit der Bitte, die beiden Beamten abzurufen. Haidar Pascha war im November auf Vorschlag des Wali durch den Mutessarrif Mumtaz Bey ersetzt worden, der als unparteiisch und besonnen gilt und bestrebt war, sich ein richtiges Bild von der Lage zu machen. Er verlangte Beweise für die Schuld der beiden Beamten. Beweise aber können die Bewohner nicht wagen gegen einen Beamten vorzubringen. Jeder Zeuge müßte früher oderspäter unnachsichtlich dafür büßen. So haben denn die Gendarmen weiter gehaust und eine erbitterte Stimmung geschaffen.Noch aus einer anderen Quelle wurde die Unruhe gespeist. Von den armenischen Soldaten in Marasch, die schlecht genährt und, soweit sie Zeitunlis waren, gequält und schlecht behandelt wurden, war ein Teil desertiert. Aus Gründen, die mit dem hiesigen Bezirk nichts zu tun haben, nahm die Regierung etwa Anfang März den christlichen Soldaten Uniform und Waffen. Da dies von den unwissenden Mannschaften als Vorspiel zu weiteren, schwereren Maßnahmen gegen die Christen betrachtet wurde, so desertierten weitere christliche Soldaten und vereinigten sich mit den in der Nähe von Zeitun hausenden Räubern. Als Gendarmen ausgesandt wurden, sie zu fangen, setzten sie sich zur Wehr und erschossen 6 von ihnen etwa am 9. März. Auch einen muhammedanischen Maultiertreiber, der nach Zeitun ging, haben sie ermordet. Die Bevölkerung von Zeitun, fürchtend, daß die Räuber auch Überfälle auf die Stadt ausführen könnten, baten um Schutz, der auch gewährt wurde. Als in den verschiedenen Stadtvierteln Gendarmeriepatrouillen gingen, wurde in dem Stadtviertel Yeni Dunya, in welchem Nazareth Tschausch seinerzeit seine Wohnung gehabt hatte, aus einem Hause heraus auf eine Patrouille geschossen. Anstatt aber dieses Haus zu umstellen und die Schuldigen zu fassen, zog es der Gendarmeriehauptmann, der vorher die Bevölkerung bedrückt hatte, vor, sich nicht mehr in die Stadt zu begeben, sondern in der Kaserne oberhalb der Stadt zu bleiben. Hierauf breitete sich die Bewegung aus. Die Räuber und Deserteure verschanzten sich in einem außerhalb der Stadt gelegenen als Wallfahrtsort dienenden ehemaligen Kloster (Tekke). Versuche, ihre Auslieferung durch die Stadtbewohner zu verlangen, scheiterten, weil die Leute kein Vertrauen mehr zu Regierungsversprechungen hatten. Hier rächte sich, daß Haidar Pascha im Oktober sein Wort gebrochen und die Ausliefernden bestraft hatte. Das Anerbieten des Missionars Blank vom Deutschen Hülfsbund in Marasch, sich nach Zeitun zu begeben und einen Versuch zur gütlichen Übergabe zu machen, wurde vom Mutessarrif Mumtaz Bey verständigerweise angenommen. Blank ging am 23. März nach Zeitun, doch scheiterten seine Bemühungen daran, daß die Verschanzten niemanden mehr an das Kloster heranließen, sondern den von Blank abgeschickten Eingeborenen mit der Waffe bedrohten, sobald von Auslieferung die Rede war. Sie erklärten, sterben müßten sie doch. Sie wollten es lieber mit der Waffe in der Hand, als sich der Regierung ausliefern. Daraufhin ließ der Platzkommandant von Zeitun das Kloster umstellen, aber mit ungenügender Truppenzahl. Wäre er militärisch richtig vorgegangen, so hätte er die ganze Räubergesellschaft gehabt. Er hätte nur Ankunft von Artillerie abzuwarten oder die Räuber auszuhungern brauchen. Statt dessen aber ließ er einen Angriff machen, wobei der Gendarmeriemajor aus Marasch auf das Haupttor des Klosters losrittund nebst einigen Soldaten erschossen wurde. Die Räuber, deren Zahl vielleicht 150 gewesen sein mag, brachen unter Verlust einer Anzahl Toter und Verwundeter, die den Truppen in die Hände fielen, durch, gewannen die Stadt und von dort aus die Berge. Erwähnenswert ist, daß sie zweien ihrer Toten die Köpfe abgeschnitten haben, offenbar um ihre Identifizierung durch die Türken unmöglich zu machen. Das Kloster wurde nachträglich mit Artillerie zusammengeschossen. Die Ergreifung der Räuber in den Bergen wird schwierig sein. Mumtaz Bey, der inzwischen nach Zeitun geeilt war, setzte nunmehr den Gendarmeriehauptmann ab, weil er nach Beschießung der Patrouille nicht die richtigen Maßregeln ergriffen hatte und den Kaimakam, weil er sich noch nach Ankunft des Mutessarrif weigerte, von der Kaserne herab zur Erfüllung seiner Pflichten in die Stadt zu gehen.Die Ereignisse von Zeitun gewinnen stets dadurch eine größere Bedeutung, daß sie eine Rückwirkung auf Marasch als die nächstgelegene größere Stadt ausüben. Diese zählt schätzungsweise 50–60000 Einwohner, von denen 36000 Moslims und 24000 Christen sein mögen. Sie leben zum Teil von Industrie und Handel, zum großen Teil aber von landwirtschaftlicher Tätigkeit, Weinbau (Gewinnung von Rosinen und Bereitung von Traubenhonig), Reisbau, Baumwolle, Seidenzucht u. a. Obwohl der Boden fruchtbar ist und reichlich Wasser vorhanden, so daß vielfach auch das Getreide bewässert werden kann, ist die Bevölkerung doch arm und gegenwärtig großenteils dem äußersten Elend nahe, teils infolge der dauernden politischen Unruhen, teils infolge der überaus mangelhaften Verkehrsverhältnisse. Die Bevölkerung ist friedlich und denkt nicht an Auflehnung gegen die Regierung. Die Wirkung der Mobilmachung, weitgehende Requisitionen haben stark auf sie gedrückt und u. a. die Beförderungsmittel äußerst knapp gemacht. Der Wagen, mit dem ich aus Aleppo ankam, war der einzige in der ganzen Stadt. Im ganzen sind bis Ende März 2000 Pferde und Maultiere requiriert worden. Am 5. April wurden 500 Esel verlangt. Christliche Maultiertreiber sind gezwungen worden, 4 Wochen lang hintereinander für militärische Zwecke unentgeltlich zu arbeiten, ohne Lohn und ohne Requisitionsschein (während man muhammedanische nach ein paar Tagen laufen ließ). Waren sie dann mit einem Schein entlassen, daß sie ihrer Pflicht genügt hätten, so wurden sie in manchen Fällen trotzdem an anderer Stelle wieder aufgegriffen. — Die Lage war bereits sehr gedrückt, als die Zeitunereignisse kamen. Jetzt wurden auch der armenischen Zivilbevölkerung die Waffen weggenommen, und zwar mit Vorliebe durch nächtliche Haussuchungen. Soldaten schlugen die Christen, Frauen wurden unter dem Vorwande, daß sie nach Waffen durchsucht werden müßten, belästigt, Kinder wurden mit Steinen geworfen. Das Gerücht wurde ausgestreut, die christlichen Soldaten hätten ihren muhammedanischen Kameraden das Brot vergiftet; muhammedanische Frauen drohten offen, es würden wiederMetzeleien vorkommen: ein Muhammedaner bot einem christlichen Freunde sein Haus zum Schutz an. Einflußreiche Muslims beschlossen, ein Telegramm an die Zentralregierung zu schicken, daß die Armenier die Moscheen besetzt hätten. So töricht diese aufreizende Beschuldigung ist, so entspricht sie doch dem niedrigen Bildungsstande der dortigen Muhammedaner. Das Telegramm wurde erst dem Mutessarrif nach Zeitun mitgeteilt, der die Absendung verhinderte und dem Kriegsgericht Anzeige erstattete, das aber gegen die Urheber nichts getan hat. — Während den Armeniern die Waffen abgenommen wurden, hatten die Muslims Gelegenheit, sich Pulver und Schrot zu kaufen. Die Bewohner des Dorfes Tekerek in der Nähe von Marasch schickten Nachricht dorthin, entweder sie müßten zum Islam übertreten, oder sie würden ihr Leben verlieren. Kurzum die ganze Sachlage erschien der deutschen Mission in Marasch derart, daß bei einer weiteren Zuspitzung der Verhältnisse, insbesondere wenn die Kämpfe in Zeitun angedauert hätten und noch weiteres Blut muhammedanischer Soldaten geflossen wäre, zweifelhaft war, ob es der Regierung gelingen würde, das Volk in Marasch im Zaum zu halten, auch zweifelhaft, welche Strömung bei den Ortsbehörden die Oberhand behalten würde, die besonnene des Mutessarrifs oder eine schärfere, der einige Notable zugehören. Da brieflicher Verkehr starker Zensur unterworfen war, nicht nur auf der Post, sondern auch der durch Boten vermittelte, und ein vor 4–5 Wochen an mich abgeschickter Brief der Mission nicht angekommen war, so entschloß sich der Hülfsbund, eine der Schwestern von Marasch nach Aleppo abzusenden, um mich um einen Besuch zu bitten. Diese überbrachte auch einen Brief der Schulleiterin Helene Stockmann, aus dem hervorgehoben zu werden verdient, in welcher unmenschlichen Weise die Prügelstrafe gehandhabt wird. Die amerikanische Mission sprach ihrem Konsul in Aleppo gleichfalls die Bitte um einen Besuch aus. Einen Brief des Dr. Shepard in Aintab darüber beehre ich mich in Abschrift beizufügen. — Allgemein wurde von dem Besuch eines Konsuls sehr viel erwartet, von der Bevölkerung wie von der Mission. In den abgelegenen Gegenden des Innern, zu denen auch Marasch gezählt werden muß, macht ein solcher noch besonderen Eindruck, auch auf die Behörden. Bereits seine Ankündigung, die ich in einem alsbald bekannt gewordenen türkischen Telegramm vom 27. März an den Mutessarrif vorgenommen hatte, hatte beruhigend und mäßigend gewirkt. Offenbar hat er auch weiter zur Beruhigung der Bevölkerung beigetragen und wohl auch Eindruck auf das Militär gemacht. Seit meiner Ankunft sind nicht mehr Leute auf der Straße geschlagen worden. Ich beehre mich, über die Wirkung einen Brief der amerikanischen Mission vom 31. v. Mts. beizulegen. Die gesamte armenische Bevölkerung von Marasch ist für den Besuch sehr dankbar gewesen und hat ihn allgemein als Erleichterung der Lage empfunden. — Erst am 31. März wurde der in der Anlage gehorsamstbeigefügte Befehl von Djemal Pascha, der die Bevölkerung zur Ruhe ermahnt, bekannt gegeben. Er hat übrigens nicht zu verhindern vermocht, daß noch am 3. April ein vereinzelt in einem muhammedanischen Stadtviertel lebender Armenier zwangsweise zum Islam bekehrt worden ist, nachdem ihm eine Patrouille mit dem Kolben die Tür eingeschlagen hatte.Inzwischen nimmt die Entwicklung der Zeitunangelegenheit ihren weiteren Verlauf, ohne bisher beendet zu sein. — Die Regierung hat verlangt, daß sich alle Deserteure stellen. — 450 aus Marasch und 125 aus Zeitun hatten sich bis Ende März gestellt und werden zum Teil in Strafkompagnien zu Arbeiten verwendet, zum Teil sehen sie noch ihrer Aburteilung durch das Kriegsgericht entgegen. — Übrigens richtet sich die Untersuchung durch das Kriegsgericht gegen alle angesehenen und wohlhabenden Armenier von Marasch, von denen viele ganz offenbar mit der Zeitunangelegenheit nicht das geringste zu tun gehabt haben, und obwohl diese nichts sehnlicher wünschen, als daß mit den Räubern ein Ende gemacht werde, damit Marasch endlich einmal Ruhe habe. Man hat den Sohn des armenischen Abgeordneten für Marasch, Hosep Effendi Kirlakian in Haft genommen, erst unter der Beschuldigung, er habe Waffen geschmuggelt, dann, als dafür keinerlei Beweise vorhanden waren, unter der Beschuldigung, er habe einen Mann bestochen, eine Waffe auf der Straße abzufeuern, um auf diese Weise Unruhen hervorzurufen. Schließlich hat man ihn freilassen müssen. — Man hat Haussuchungen vorgenommen bei den armenisch-protestantischen Pfarrern, den katholisch-armenischen Geistlichen, dem armenischen Direktor der deutschen Knabenschule, dem armenischen Arzt des deutschen Krankenhauses. Alles dies angeblich auf die Tatsache hin, daß die bezeichneten Mitglieder des armenischen Wohltätigkeitsvereins (türkisch: ermeni djemiyet kheriye umumiyesi, armenisch: parekorzagan) seien, deren Liste man in Zeitun gefunden habe. Der Verein, der in Ägypten seinen Sitz hat, besteht und ist von der Regierung anerkannt, erst von Abdulhamid, 1910 auch von der konstitutionellen Regierung. Er beschäftigt sich mit der Unterstützung armenischer Schulen und Einrichtung von landwirtschaftlichen Musteranstalten. Um seine Mitglieder festzustellen, hätte man nicht erst eine Liste in Zeitun zu finden brauchen, sondern hätte sich den Vorsitzenden aus Marasch kommen lassen können. Wird die Tatsache als verdächtig angesehen, daß der Verein seinen Sitz in Ägypten hat, und wird geargwöhnt, daß seine Organisation jetzt im Kriege vom Auslande her zu politischem Zweck mißbraucht wird, so wäre das ein Grund, der sich hören ließe. Gegen eine unparteiische Untersuchung auf dieser Grundlage wäre nichts einzuwenden. Die Aussicht aber, daß die Untersuchung durch das Kriegsgericht unparteiisch geführt wird, halte ich für gering. Sein ganzes Vorgehen erweckt den Eindruck, als ob es mangels einer zweckmäßigen Tätigkeit nur eine Scheintätigkeit ausübtund als ob es, weil es die wirklich Schuldigen nicht erreichen kann, die ganze armenische Bevölkerung als verdächtig ansieht und sich aus ihr zu Bereicherungszwecken die führenden aussucht.Die Gefahr von Metzeleien ist vorläufig vorübergegangen, wenn auch die muslimischen Anstifter ihre Hand noch nicht vom Werke lassen. Sie haben am 31. März ein Telegramm an die Zentralregierung aufgesetzt, die Bewohner Zeituns (etwa 10000 Seelen) sollten verpflanzt und die Stadt dem Erdboden gleich gemacht werden. Es ist klar, daß die Ausführung eines solchen Planes auf lange Zeit hinaus Unruhe schaffen würde. Die Urheber haben auf die wohlhabenden Armenier in Marasch einen Druck ausgeübt, um sie zur Unterzeichnung dieses Schriftstückes zu veranlassen. Diese haben es damit abgewehrt, daß sie verlangten, es solle zunächst dem Mutessarrif vorgelegt werden. Letzterer hat es mißbilligt, wie übrigens auch der Mufti von Marasch. Bei den gleichen Armeniern wurden dann am 3. April die Haussuchungen vorgenommen.Seit dem 5. April scheint eine Spaltung unter den leitenden muhammedanischen Kreisen in Marasch eingetreten zu sein. Die einen raten zum Frieden, die anderen wollen weiter hetzen.Da eine unmittelbare Gefahr für die Deutschen in Marasch nicht bestand, und da ich die weitere Entwicklung nicht mehr an Ort und Stelle abwarten konnte, habe ich nach einem Aufenthalt von neun Tagen Marasch wieder verlassen. Es ist mir gelungen, mit den Behörden in freundschaftlicher Weise auszukommen. Der Mutessarrif befindet sich noch in Zeitun.Ich habe von Anfang an nicht die Absicht gehabt, nach Zeitun zu gehen, weil dort keine deutschen Interessen zu schützen sind, die Militärbehörden haben aber offenbar vermutet, daß ich zu gehen wünschte und haben alles mögliche in Bewegung gesetzt, um es zu verhindern. Nach Ansicht des Missionars Blank würden sich die in die Berge geflüchteten Räuber und Deserteure noch heute ergeben, wenn eine Amtsperson zu ihnen käme, zu der sie das Zutrauen hätten, daß die Bedingungen der Übergabe auch gehalten würden. Die Behörden wünschen aber nicht, daß einem Fremden gelinge, was ihnen nicht gelingt, abgesehen von der verständlichen allgemeinen Abneigung gegen fremde Einmischung in innere türkische Verhältnisse.Die Unschädlichmachung der Räuber ist bisher nicht geglückt. Anfang April war der etwa halbwegs zwischen Marasch und Zeitun gelegene Bergkegel Ala Kaia, der wie überhaupt die ganze Gegend wild zerrissen und schwer zugänglich ist, die Zufluchtsstätte der Räuber geworden. Hier sollte wieder gegen sie vorgegangen werden. In Marasch verlautete, daß die Bewohner eines Dorfes beim Anrücken der Truppen aus Furcht vor ihnen ihr Dorf verlassen und zu den Räubern übergegangen wären. Sollte diese Nachricht wahr sein, so würde sie ein bedenkliches Zeichen dafür sein, daß die Bewegung auf diese Weise sich doch noch ausbreiten könnte.Nach meiner Rückkehr hat mir Djelal Bey, Wali von Aleppo, mitgeteilt, daß an der russischen Grenze auf türkischem Gebiet einige von den Russen besetzte armenische Ortschaften russische Sympathien bekundet hätten, daß die Einwohner einiger armenischer Dörfer auf türkischem Gebiet von Muhammedanern niedergemacht worden seien und daß bei der türkischen Regierung eine Strömung die Oberhand gewonnen zu haben scheine, welche die Armenier im ganzen als verdächtig oder gar als feindlich anzusehen geneigt sei. Er betrachtet diese Wendung als ein Unglück für sein Vaterland und hat mich gebeten, Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter anheimzustellen, dieser Richtung entgegenzuarbeiten.Rößler.Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.Gelesen.Pera, 24. April 1915.Wangenheim.Anlage 1.Aintab, March 24. 1915.Dear Mr. Jackson,I was in Marash for 48 hours from noon of Tuesday till noon of Thursday 18. March last week.There had no doubt been a plan to stir up a massacre at Marash over the Zeitoon disturbances. It had gone so far as to send out messengers to call in the Koords from the mountains; but the Government had frowned upon it and it seemed to me to be definitely defeated, especially as I understood that the attitude of the leaders and a large majority of the people in Zeitoon was correct. Now Miss Rohner comes with the statement, that hostilities are imminent as between that place and the Govt. In which case it will be somewhat difficult to control the Moslim mob at Marash. I sincerely wish that a representative from the German or American Consulate or better still from each might be sent to Marash (not to meddle in the least with the Zeitoon matters, but to look after the large German and American interests in Marash).Miss Rohner will be able to tell about the state of feeling among the Germans and Americans of that place.Everything is very quiet here in Aintab.Dr. Shepard.Jesse B. Jackson, American Consul, Aleppo.Anlage 2.March, 31st 1915.Let me congratulate your Consul through you on the success thus far since coming to Marash. There is a distinct improvement in the general condition which we are very ready to attribute to his influence. We hope he will be able to remain here long enough to secure that any pledges given to him will be faithfully carried out. Kindly express our gratitude to him.With kind regardsYours cordiallyE. C. Woodley.Blank, Marash.Anlage 3.Contenu de l’avisCirculaire1. Il est arrivé à Zeitoun une révolte à la suite de laquelle il a fallu une action militaire qui se poursuit jusqu’à maintenant.2. Il est le devoir du gouvernement ottoman de défendre la prospérité, la vie et l’honneur de la population docile, soit arménienne, soit muselmane. Par conséquent celle-ci doit être sûre qu’elle ne sera pas l’objet d’une attaque et qu’elle pourra s’occuper tranquillement du travail.3. Celui qui des muselmans, pour n’importe quelle raison, attaque un arménien sera regardé comme un émeutrier et sera remis sur-le-champ à la cour martiale. Personne donc ne doit se mêler ni directement ni indirectement des affaires du gouvernement même pour la moindre petite chose.4. Je récommande à la population docile et innocente de se conformer très vite aux instructions de l’autorité militaire, pour qu’aucun de ses membres ne soit pas victime d’un soupçon, ou d’une punition imméritée parsuite de la poursuite acharnée des brigands.Le commandant du IV. corps d’armée.Djemal Pascha.16. mart 1330 = 29 mars 1915.(publié) 18. mart 1330 = 31 mars 1915.26.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 15. April 1915.Die Nachrichten aus dem östlichen Anatolien lassen erkennen, daß die schon vorher gespannten Beziehungen zwischen der türkisch-muhammedanischen Bevölkerung und den Armeniern sich im Laufe der letzten Monatenoch weiter verschlechtert haben. Das gegenseitige Mißtrauen ist im Wachsen begriffen und beherrscht die Bevölkerung und die amtlichen Kreise, im Innern sowohl wie in der Hauptstadt.Die Klagen über angebliche und wirkliche Verfolgungen, denen die Armenier infolge des Krieges ausgesetzt sind, werden immer zahlreicher und lauter; umgekehrt werden diese beschuldigt, daß sie mit den Reichsfeinden sympathisieren, mit ihnen hochverräterische Verbindungen unterhalten und an einzelnen Orten sich offen gegen die Landesbehörden aufgelehnt haben. Die Verstimmung gegen die Armenier wird vermehrt durch die Nachrichten über die Haltung der Armenier im Auslande; nicht nur aus dem Kaukasus, sondern auch aus Amerika, Bulgarien und anderen Ländern sollen tausende von ihnen freiwillig in die russische Armee eingetreten sein[42], und es wird behauptet, daß die russische Sektion der Partei Daschnakzutiun für den Fall eines für die Türkei ungünstigen Ausganges des Krieges die Vernichtung der muhammedanischen Bevölkerung in den von der Türkei abzutretenden Gebietsteilen fordere[43]. Besonders gravierend lauten endlich die Berichte über die Aufführung der armenischen Mannschaften in der türkischen Armee während des Feldzuges im Kaukasus: sie sollen wiederholt ihre Waffen gegen die Türken gekehrt haben[44].Von jeder Seite werden die Anschuldigungen der anderen Seite als grundlos zurückgewiesen, bzw. die Schuld an den Ereignissen dem anderen Teile zugeschoben. Nur in einem Punkte dürfte Übereinstimmung herrschen: daß die Armenier seit Einführung der Konstitution den Gedanken an eine Revolution aufgegeben haben, und daß keine Organisation für eine solche besteht.Zweifellos haben nun in Ostanatolien Ausschreitungen und Gewaltakte gegen die Armenier stattgefunden, und im allgemeinen dürften die Vorgänge von armenischer Seite richtig geschildert, wenn auch übertrieben sein. Vielfach handelt es sich um die Drangsale und Leiden, die jeder Krieg, auch in Kulturländern, im Gefolge hat; in anderen Fällen lag aber die Schuld auch auf seiten der Armenier, und die Behörden trifft höchstens der Vorwurf, daß sie nicht rechtzeitig Vorsichtsmaßregeln getroffen haben und hinterher mit unnötiger Strenge eingeschritten sind.Das mir aus armenischer Quelle (Patriarchat und Mitteilungen des aus Deutschland gekommenen Vertrauensmannes der deutsch-armenischen Gesellschaft Dr. Liparit Nasariantz) vorliegende Material bezieht sich in der Hauptsache auf das eigentliche Kriegsgebiet (Wilajet Erzerum) und die unmittelbar daran grenzenden Bezirke (Wilajete Wan und Bitlis).Für die Vorkommnisse in diesen Gegenden werden von armenischer Seite verantwortlich gemacht:die unter der Bezeichnung Miliz militärisch organisierten türkischen Irregulären und Banden von Marodeuren; ihnen werden zahlreiche Plünderungen, Raubmorde und sonstige Ausschreitungen gegen die armenische Landbevölkerung zur Last gelegt;die dem Komitee Union et Progrès affiliierten Klubs, in denen viel unlautere Elemente vertreten sein sollen. Es wird behauptet, daß diese Klubs, speziell der von Erzerum, förmliche Proskriptionslisten aufgestellt haben, und eine Reihe politischer Morde, die seit Dezember v. Js. an verschiedenen angesehenen Armeniern verübt worden sind, werden auf ihre Tätigkeit zurückgeführt. Es wird hinzugefügt, daß das Ministerium des Innern bereits vor einiger Zeit von den Armeniern vor dem Treiben dieser Klubs gewarnt worden sei, die schon einmal — bei den Vorfällen in Adana im Jahre 1909 — eine verhängnisvolle Rolle gespielt haben;verschiedene Zivilbeamte, speziell der Gouverneur von Musch (Wilajet Bitlis) und der Wali von Wan. Es wird u. a. angeführt, daß einige 2000 muhammedanische Familien aus dem von den Russen okkupierten Distrikt von Alaschgerd in den armenischen Dörfern von Musch untergebracht worden sind, die kaum imstande sind, ihren eigenen Unterhalt aufzubringen; die armenischen Bauern würden wie Zugvieh zum Transport von Munition und Proviant verwendet, viele von ihnen erlägen der unmenschlichen Behandlung, und die wenigsten, angeblich kaum ein Viertel, kehrten in ihre Dörfer zurück. In zwei Bezirken von Wan sollen unter Konnivenz der Kaimakame förmliche Metzeleien vorgekommen sein.In den vom Kriegsschauplatz entfernteren Provinzen scheint die Lage der armenischen Bevölkerung soweit erträglich zu sein, obwohl auch von dort vereinzelte Klagen eingegangen sind: doch handelt es sich im ganzen um Vorfälle von geringerer Bedeutung, wie Haussuchungen nach verbotenen Waffen und Deserteuren, wobei es gelegentlich zu Ausschreitungen gekommen sein soll, und dergleichen mehr.Mehr Beachtung verdienen zwei Vorfälle im Wilajet Adana, über welche die Kaiserliche Botschaft auch durch Konsularberichte eingehend informiert ist.Anfang März haben sich in der armenischen Ortschaft Dörtjol, nachdem schon vorher wiederholt Engländer von der Flotte gelandet waren und ungestört Einkäufe besorgt hatten, zwei aus jener Gegend stammende Armenier aufgehalten, die dort im englischen Interesse agitierten. Einer dieser Emissäre fiel den türkischen Behörden in die Hände und ist in Adana hingerichtet worden. Die weitere Folge war, daß die gesamte männliche Bevölkerung von Dörtjol ausgehoben und nach dem Wilajet Aleppo geschafftwurde, wo sie zum Wegebau verwendet wird; drei Individuen wurden, weil sie zu fliehen versuchten, niedergeschossen. Es kam hinzu, daß zur Zeit dieser Vorfälle zahlreiche Fahnenflüchtige sich in Dörtjol versteckt hielten, auch hatte man nicht vergessen, daß die Bewohner während des Massakres im Jahre 1909 sich mit den Waffen in der Hand gegen die Türken verteidigt hatten.Über die Ereignisse in Zeitun, die durch den Widerstand der Armenier gegen die Rekrutierung hervorgerufen worden sind, ist bereits berichtet worden; auch in diesem Falle dürfte die Behörden der Vorwurf treffen, daß sie nicht rechtzeitig eingegriffen haben.Mit Bezug auf die vorstehend geschilderten Verhältnisse ist von armenischer Seite die Bitte geäußert worden, daß die Kaiserliche Botschaft und unsere Konsulate ihren Einfluß bei den türkischen Regierungsorganen geltend machen möchten, um den weiteren Verfolgungen der Armenier in den in Betracht kommenden Landesteilen Einhalt zu tun. Als besonders wichtig wird die Bestellung von erfahrenen, mit den armenischen Angelegenheiten vertrauten Walis und Mutessarrifs für die betreffenden Provinzen bezeichnet; auch glaubt man, daß die Anwesenheit deutscher Konsuln in Wan, Bitlis usw. hinreichen würde, um die ärgsten Ausschreitungen zu verhindern.Hier wie auch im Innern wird von den Armeniern eine solche Verwendung unseres Einflusses zu ihren Gunsten als ein nobile officium für uns als christliche europäische Großmacht angesehen und als eine natürliche Folge unseres Bundesverhältnisses zur Türkei erwartet, weil es im eigensten Interesse der Türkei, also auch in unserem, liege, das armenische Element zu schützen und seine Sympathien sich zu bewahren; es wird hervorgehoben — was, wie bemerkt, von den Türken bestritten wird —, daß die Armenier trotz aller Leiden, denen sie ausgesetzt seien, sich loyal und korrekt, mindestens aber passiv verhalten; bei einer fortgesetzten, systematischen Verfolgung wäre aber zu befürchten, daß diese friedliche Gesinnung ins Gegenteil umschlüge; die regierungsfreundlichen Parteien, wie die Daschnakzutiun, würden die Massen nicht mehr zurückhalten können, und es entstünde die Gefahr, daß bei einem Vordringen der Russen nicht nur die Armenier in dem Invasionsgebiete zum Feinde übergehen, sondern auch eventuell im Rücken der türkischen Armee Insurrektionsherde sich bilden.Der Appell an das nobile officium der deutschen Vertretung in der Türkei ist aus der Entwicklung der armenischen Frage verständlich, besonders aber jetzt, wo infolge des Krieges die Dreiverbandmächte hier ausgeschaltet sind und als Schutzmächte nicht in Frage kommen. Aber ein Versuch, diesem Appell Folge zu geben und die Rolle zu übernehmen, die England nach dem Berliner Kongreß und neuerdings Rußland als Beschützer der Armenier gespielt haben, würde von der Pforte als eine unberechtigte und lästige Einmischung in ihre innerpolitischen Angelegenheiten empfunden werden.Der Moment ist um so weniger dazu geeignet, als die Pforte gerade jetzt daran gegangen ist, die Schutzrechte, die andere fremde Mächte über türkische Untertanen ausgeübt haben, zu beseitigen. Auch hat sie auf das durch die Ereignisse der letzten Jahre stark gehobene Nationalbewußtsein der türkischen Elemente Rücksicht zu nehmen.Was die sonst von armenischer Seite vorgebrachten Erwägungen anbetrifft, so dürften sie ernste Beachtung verdienen, und ich habe daher schon vorher wiederholt Anlaß genommen, sowohl auf der Pforte wie beim Patriarchat auf eine versöhnliche Politik und auf die Erhaltung guter Beziehungen zueinander zu dringen. Aber die den Armeniern jetzt so ungünstige Stimmung in den Regierungskreisen zieht unserer Verwendung für die Armenier noch engere Schranken. Ich glaube daher auch, daß die in diesem Zusammenhange angeregte Verwendung der deutschen Konsulate in den sogenannten armenischen Provinzen ihren Zweck nicht erfüllen würde. Voraussichtlich würde die Pforte darin den Versuch einer Überwachung ihrer eigenen Behörden durch uns erblicken, ähnlich wie seinerzeit England und in jüngster Zeit Rußland durch Entsendung konsularischer Vertreter die Durchführung der armenischen Reformen in jenen Landesteilen zu kontrollieren versucht haben; eine solche Maßregel wäre geeignet, die Behörden erst recht gegen die Armenier aufzubringen und so den entgegengesetzten Erfolg herbeizuführen.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.27.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.[45]Aleppo, den 20. April 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Wie aus neuen zuverlässigen Berichten des Vorstehers des amerikanischen Kollegs in Aintab, Dr. Merril, hervorgeht, wird in Marasch und Zeitun und allen Dörfern bis herunter nach Hassanbeili die armenische Bevölkerung, soweit sie Geld oder Bildung oder Einfluß hat, von der Regierung deportiert. Mit der Ausführung ist begonnen. 35 Familien aus Zeitun sind fort, eine zweite und dritte Abteilung sind unterwegs. Die Männer werden von den Frauen getrennt. Letztere werden in besonderen Trupps von Soldaten geleitet.Alle christlichen Soldaten vom 32. bis zum 45. Lebensjahre haben ihre Einberufung erhalten, sicher zum Zweck der Deportierung. Die muselmanischen sind nicht einberufen. Offenbar beruhen diese Maßregeln der Zentralregierung auf falschen Berichten aus Marasch. Sie sind ein Unglück für das Land und auf den systematischen Ruin eines wichtigen Bevölkerungsteiles berechnet. Sie gehen von einer falschen Grundauffassung aus, welche die ganze armenische Bevölkerung als verdächtig oder gar feindlich ansieht. Ich stelle gehorsamst anheim, diesem Verfahren entgegenzuwirken.Mein amerikanischer Kollege bittet, die amerikanische Botschaft, und Dr. Merril bittet im Auftrage der Armenier, das armenische Patriarchat zu benachrichtigen. Der hiesige stellvertretende armenische Bischof ist zum Katholikos nach Sis abgereist.Rößler.Inhalt ist am 24. April der amerikanischen Botschaft und dem armenischen Patriarchat mitgeteilt.25. 4.Mordtmann.28.(KaiserlichesKonsulat Adana.)Telegramm.Adana, den 24. April 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Der armenische Katholikos von Sis wünscht einen Bericht über die Vorgänge in Zeitun durch Vermittlung von Konsulat und Botschaft an das Patriarchat in Konstantinopel zu befördern. Deutsche Übersetzung würde mitgesandt werden.[46]Drahtweisung erbeten.Büge.Telegramm. Pera, 25./4.An Konsulat Adana.Antwort auf Tel. v. 24./4. Einverstanden.Wangenheim.29.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 24. April 1915.Ankunft, den 25. April 1915.Der K. Botschafter an Auswärtiges Amt.Wie Konsulat Erzerum vom 22. drahtet, sind in Wan und Umgebung Armenierunruhen (vermutlich infolge russischer Umtriebe) ausgebrochen.Straßenkampf, Telegraphenlinien sind zerstört. Verbindung mit Persien unterbrochen. Ministerium des Innern hat Richtigkeit bestätigt, bittet aber um vorläufige Geheimhaltung.Wangenheim.30.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 24. April 1915.Auf dem Ministerium des Innern wurde mir — mit der Bitte um vorläufige Geheimhaltung — die Richtigkeit der Meldung aus Erzerum betreffend Armenierunruhen in Wan bestätigt.Die unliebsamen Vorfälle, wie Angriffe auf Gendarmen etc., hätten sich in der letzten Zeit stark vermehrt und eine schlimme Wendung voraussehen lassen. Zu bewaffneten Zusammenstößen sei es anfangs in den Orten Schatakh und Wostan südlich von Wan gekommen, dann sei in Wan selbst der Aufstand ausgebrochen. Die Armenier hätten auch mit Bomben gearbeitet, und die Gebäude der Dette Publique und der Post seien infolgedessen vernichtet.[47]Bei den Straßenkämpfen hätten die Truppen 20 Tote gehabt. Der Wali Djevdet Bey, der in Anbetracht der Gärung vor kurzem nach Wan zurückgekehrt war (er war vorher in Persien), gehe energisch vor und hoffe, bald Ruhe zu stiften.Auf die Bemerkung, daß es vor allem darauf ankomme, die Disziplin unter den Truppen aufrecht zu erhalten, um Vorgängen vorzubeugen, die wie Christenmassakres aussehen könnten, meinte mein Gewährsmann ziemlich kleinlaut, daß die in Wan stehenden Truppen aus neu eingezogenen, nicht gut disziplinierten Leuten bestehen und daher Ausschreitungen vorkommen könnten.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.31.KaiserlichDeutsche Botschaft.Aufzeichnung.Unterredung mit Herrn GeneralPosseldtam 26.4.1915.1. Glaubt, daß die Armenier sich ruhig verhalten würden, wenn sie nicht von den Türken bedrückt und gereizt wären, vielfach sei auch Konkurrenzneid im Spiele. Die Aufführung der Armenier sei tadellos gewesen.Richtig sei, daß türkische Armenier den Russen bei deren Vordringen gegen Erzerum wiederholt Führerdienste geleistet, auch hätte man solche unter den den Russen abgenommenen Gefangenen gefunden. Dagegen hält er es für ausgeschlossen, daß armenische Mannschaften auf ihre türkischen Kameraden geschossen; man hätte die Armenier stets hinter der Front verwendet.2. Bestätigt das Treiben des Klubs in Erzerum; die Proskriptionsliste umfaßt 22 Namen von Armeniern. Tahsin Bey, der Wali, hat nach Möglichkeit die Ausführung von Metzeleien verhindert.Pasdirmadjan wurde umgebracht, weil sein Bruder, früherer Deputierter, im Wilajet Wan, in russischem Interesse gewühlt hatte; er wurde von zwei Soldaten erschossen; die Namen der Mörder wurden anonym den Behörden mitgeteilt, aber trotzdem er, Posseldt, sich für die Sache interessierte, wurden sie nicht ergriffen.26.4.Mordtmann.32.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Erzerum, den 26. April 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Der Armenische Bischof bittet, den dortigen Patriarchen über die Vorgänge in Wan zu informieren.Scheubner.KaiserlichDeutsche Botschaft.Dem Armenischen Patriarchen am 28.4. vertraulich mitgeteilt.28./4.Mordtmann.33.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Erzerum, den 26. April 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Im Anschluß an Telegramm vom 24. April.Soeben aus Wan eingetroffene Privatnachrichten vom 19. April besagen, daß die Regierung vor Ausbruch der Unruhen angesehene Armenier verhaftet hat, von denen der armenische Notabele Ischkhan mit drei anderen auf dem Transport unter polizeilicher Bewachung ermordet worden ist. Armenischer Stadtteil wurde umzingelt; 250 armenische Häuser sindvernichtet worden. Die Banque Ottomane ist angeblich von Armeniern in die Luft gesprengt worden.[48]Hier herrscht Ruhe; die armenische Bevölkerung ist jedoch sehr beunruhigt und befürchtet Massakre. Der Bischof hat um den Schutz des Konsulats gebeten.Scheubner.34.KaiserlichDeutsches Konsulat.Adana, den 26. April 1915.Anliegender Bericht des armenischen Katholikos nebst deutscher Übersetzung wird gemäß Telegramm der Botschaft vom 25. d. M. der Kaiserlichen Botschaftskanzlei ergebenst übersandt.(Stempel.)(In deutscher Übersetzung.)Adana, den 8./21. April 1915.[49]An den Hochwürdigen ErzbischofZaven, armenischen Patriarchen in Konstantinopel.Mit meinem Schreiben vom 7./20. d. M. habe ich Ihnen über die Vorgänge in Zeitun schon kurze Mitteilung gemacht und will hiermit ausführlich darüber berichten mit der Gewißheit, daß dies Schreiben in Ihre Hände gelangen wird.Zu seiner Zeit habe ich Ihnen schon über die Grausamkeiten und die unmenschlichen Taten des Mutessarrifs von Marasch berichtet. Es dürfte Ihnen schon bekannt sein, wie er, anstatt die Schuldigen zu strafen, die Unschuldigen, ja sogar die Frauen und Kinder mißhandelt und manche davon Repressalien und Schändungen unterworfen hat. Manche Frauen haben infolge der Mißhandlungen Fehlgeburten und einige Gefangene ganze Körperteile verloren gehabt. Regierungsbeamte verhöhnen unseren Glauben und beschimpfen unsere Ehre. Es soll auch Ihnen schon bekannt sein, wie der Mutessarrif nicht nur die ausgelieferten 25 Deserteure, sondern auch mehrere Unschuldige aus dem friedliebenden Volke nach Marasch bringen ließ und alle Mißhandlungen unterwarf. Dies alles ertrug damals das von der Regierung als aufständisch verrufene Volk, um seine Treue gegen das Reich nicht aufzugeben.Die unerhörten Greueltaten und Mißhandlungen des Kaimakams von Zeitun, Hüssein Hüssni, des Feldwebels Suleiman Bey, des Müfti und der Regierungsbeamten, die nur das Ansehen der Regierung in Mißkredit brachten, hatten nur den Zweck, das friedliche Volk zum Äußersten zu treiben, um derRegierung Anlaß zur Vernichtung zu bieten. Trotz alledem erträgt das Volk alles und versucht hie und da Klagerufe vernehmen zu lassen. Es bittet umsonst um die Entsendung von loyalen unparteiischen Inspektoren. Niemand schenkt dem armen Volk Gehör, und dieser Zustand dauert fort.Die Frauen versuchten ihre herzzerreißende Lage durch ein Telegramm der Walidé Sultan (der Kaiserin-Mutter) zu schildern, um Gnade zu erhalten. Weil dies ihnen seitens der Regierung verweigert wurde, glaubten sie, daß der Gemeindevorsteher die Schuld daran trüge und demonstrierten.Einige Deserteure, die sich ins Gebirge geflüchtet hatten, versuchten die Bevölkerung zum gemeinsamen Widerstände zu bewegen. Es wurde ihnen aber von dem friedlichen Volke keine Folge geleistet.Im Februar beabsichtigte die Regierung die in der Stadt Zeitun lagernden Waffen und Munition nach Marasch zu transportieren. Die Deserteure vernahmen dies Vorhaben und wollten alles in Besitz nehmen. Aber durch das mißbilligende Auftreten der armenischen Notabeln gelang es ihnen nicht, und ihr Vorhaben scheiterte. Am 15./28. Februar wurde diese Absicht der Deserteure festgestellt und am nächsten Tag nach einer einstimmigen Beschlußfassung der Regierung durch den Gemeindevorsteher und den Bürgermeister amtlich mitgeteilt. Die Regierung hatte schon durch die Geheimpolizei von allen Vorgängen Kenntnis gewonnen.Inzwischen flüchteten sich einige ins Weite, die den barbarischen Greueltaten Haidar Beys ausgesetzt und Augenzeuge des gräßlichen Todes des gefangen genommenen Nazareth Nor Aschkharian gewesen waren. Sechzehn Gendarmen, die für die Festnahme der Deserteure geschickt waren, kehrten zurück, die dann in den umliegenden Ortschaftenneue Greueltatenverübten. Die Gendarmen begegneten während der Rückfahrt den Deserteuren. Nach dem Zusammenstoße flüchteten sich die Gendarmen nach Verlust von 6–8 Mann nach Zeitun zurück.Die Regierung und die Gendarmerie, erzürnt über den Mißerfolg, verlangten von den Vorgesetzten der Gemeinde die Auslieferung der Deserteure. Die Vorstehenden gaben zu verstehen, daß die Forderung nicht durchführbar sei, nachdem die Bevölkerung ihre Waffen der Regierung abgeliefert habe und machtlos sei gegen die bewaffneten Deserteure.Am 5./18. März versammelten sich die Notabeln, um die verheerenden Folgen dieser Spannung zu vermeiden. Die Deserteure drangen in die Stadt ein, um der Gendarmerie und der Regierung Herr zu werden. Während dieses Zusammenstoßes, wo die Armenier der Regierung Beistand leisteten, haben die Deserteure einen Verwundeten, aber die Bürger und die Gendarmen 9 Tote gehabt.Der Mutessarrif von Marasch und der Gendarmeriekommandant eilten mit zwei Kompagnien nach Zeitun und forderten von der Stadt die Auslieferung der von den getöteten Gendarmen eroberten Gewehre. Nach einerBeratung begaben sich der katholische Gemeindevorsteher und der Stadtarzt nach dem Kloster, wohin die Deserteure sich geflüchtet hatten, um sie zur Ablieferung der Gewehre zu überreden, mit dem Versprechen des Kaimakams, ihre Begnadigung zu erwirken.Anstatt dieses Versprechen zu halten und Friede herbeizuführen, machte der Kaimakam die folgende Deklaration: „Dies ist das 35. Mal, daß die Bewohner von Zeitun sich empören. Die bisherigen Unruhen waren nicht so gefährlich wie jetzt. Die früheren waren wie Familienstreitigkeiten. Jetzt ist das Land von allen Seiten bedroht und jeder muß der Regierung beistehen.“ Diese Forderung ist an und für sich gerecht, aber sie gilt nicht für die Bewohner von Zeitun, weil diese sichniemals empörthaben. Möglich ist, daß sie sich gegen die Irregulären gewehrt und die Überfälle derselben abgewiesen haben. Auch damals hat die Regierung, unter dem Vorwand, den Aufstand niederzuringen, Truppen entsandt. Auch diesmal hat die ungerechte Handlung der böswilligen Regierungsbeamten die jetzige traurige Situation herbeigeführt.Der Mutessarrif von Marasch und der Kaimakam von Zeitun haben nicht einmal ihr Ehrenwort gehalten, welches sie für die Schonung des Volkes gegeben hatten. In 8–10 Tagen hat man mit einer militärischen Kraft von 4000 Mann und einem rücksichtslosen Kommandanten die Bewohner einschüchtern wollen. An demselben Tage begaben sich auch einige Notabeln aus Marasch nach Zeitun, um die Deserteure zur Ergebenheit zu überreden. Nach einer gemeinsamen Beratung wandten sich die Armenier an den Kommandanten mit dem Ersuchen, die Deserteure, weil sie sich nicht ergeben wollten, durch Gewalt niederzuringen. Der Kommandant verlangte wieder von dem Volke die bedingungslose Auslieferung und Übergabe der Deserteure.Die Notabeln aus Marasch kehrten heim. Die Regierung ließ dann die Vorräte aus der Stadt in die Kaserne schaffen. Sobald die Nachricht von der Wegschaffung von Regierungspapieren und Büchern in der Stadt zirkulierte, schloß man die Schulen, und die Panik wurde größer. Inzwischen flüchteten die Deserteure in das naheliegende Kloster, wo sie vom Militär belagert wurden. Am 12./25. März beginnt das Bombardement mittels 2 Kanonen. Trotz zahlreicher Schüsse hat man auf diese Weise dem Kloster keinen Schaden zufügen können. Nachdem die Regierung sich überzeugt hatte, daß das Volk sich ruhig verhalte, verengte sie den Umzingelungsgürtel. Die Deserteure erwiderten dann das Feuer und die Zahl der gefallenen Soldaten war beträchtlich. Der Oberst (Bimbaschi) näherte sich dem Klostertor, und in dem Moment, wo die Soldaten das Kloster niederbrennen wollten, fiel der Oberst nebst einigen Soldaten. Bis Abend dauerte der Kampf.An demselben Tage ersuchten die Stadtbewohner die Regierung, daß sie, um den Deserteuren keine Möglichkeit zur Flucht zu geben, die Umzingelungnicht aufgeben solle, sonst würden sie wieder den Bürgern und dem Militär lästig werden. Trotz des gegebenen Versprechens hob die Regierung die Belagerung des Klosters auf und gab den Deserteuren die Gelegenheit, zu entfliehen. Es ist uns nicht begreiflich, wie es 15–20 Deserteuren gelang, den Belagerungsgürtel von 4000 zu durchbrechen. Wir haben den Verdacht, daß die Regierung absichtlich einige Deserteure frei laufen läßt, damit sie die friedliche Bevölkerung als Mitschuldige der Deserteure angeben und die Verbannungsaktion (expatriation) durchführen könne.Nach der Flucht der Deserteure setzte man die Regierung davon in Kenntnis mit dem Ersuchen, das Kloster zu schonen, welches Eigentum des ganzen armenischen Volkes sei und wo viele Kostbarkeiten und Heiligtümer aufbewahrt seien. Der Kaimakam, der Müfti und andere Beamte versprachen es, aber das Militär beachtete es nicht und setzte das Kloster in Brand. Trotz der Bitte des Gemeindevorstehers wurden sogar die naheliegenden Wohnstätten der Bauern nicht geschont und wurden niedergebrannt. Angesichts dieser Vernichtung weinte und klagte das Volk um sein Schicksal, und sogar die Steine gaben dem Widerhall.Am nächsten Tag kam ein Hauptmann aus der Kaserne in die Stadt und begann die Untersuchung, um die verwundeten Deserteure und Waffen zu finden. Er fand einige wertlose Waffen und beim Tschakrian Betros, dessen Sohn ebenfalls desertiert war, ein blutiges Hemd. Er nahm Betros und andere Personen als verdächtig fest und führte sie ins Gefängnis.Am 25./28. März wurden etwa 30 Notable nach der Kaserne gerufen und dort vom Kaimakam Churschid Pascha zurückbehalten. Ohne ihnen Zeit zu geben, um die allernotwendigsten Reisevorbereitungen zu treffen, schickte man sie samt Frauen und Kindern zunächst nach Marasch. Dort wurden sie in einen Chan interniert, wo die herzzerreißenden Klagerufe der Weiber und der Kinder zum Himmel stiegen.Auf dem Weitertransport kamen die Armen nach dreitägiger Fahrt in Osmaniyé an, von wo aus sie mit vielen anderen Gefangenen nach Adana transportiert wurden. Man hat sie von hier sofort nach Tarsus geschickt.Alle diese Verbannten sind treue Untertanen und haben der Regierung in jeder Hinsicht Beistand geleistet. Die Regierung sollte eigentlich diese treuen Untertanen auszeichnen, anstatt dessen gab sie ihnen die härteste Strafe, die Verbannung. Wohin werden diese verschickt? Wovon sollen sie leben? Was wird aus dem Hab und Gut der Verbannten? Was wird aus den Daheimgebliebenen? Wird man auch diese so herdenweise in alle Richtungen der Erde verschicken?Auch ich habe als Katholikos den Bewohnern von Zeitun immer den Rat gegeben, dem osmanischen Reich treu zu bleiben und den staatsbürgerlichen Pflichten nachzukommen. Sie haben mir Gehorsam gezeigt, und jetzt müssen sie mittellos und nackt herumirren! Das ist der Lohn meiner aufrichtigenBemühungen, und meine Strafe ist noch schwerer. Ich bekomme immer neue Gewissensbisse. Gern möchte ich sterben, weil ich nur im Tode so viele Schmerzen vergessen kann.Ich kann mich teilweise nur dadurch trösten, daß Dschemal Pascha, an welchen ich telegraphiert hatte, sein Wort gehalten hat und keine Metzelei stattfand.Nach dem Brand des Klosters ergaben sich ohne Widerstand 190 Deserteure. Diese wurden greulichen Mißhandlungen ausgesetzt, gebunden wie Tiere und unter Knutenhieben nach Damaskus geschickt. Einer von ihnen fand unterwegs den Tod. Was aus den anderen werden wird, weiß ich nicht.Soviel habe ich bis jetzt erfahren und Ihnen berichten können. Gott soll uns vor den kommenden Übeln schützen! Ich bin jetzt moralisch und physisch ganz machtlos.Meine 12 jährige Dienstzeit ist mir eine ewige Zeit des Kummers und der Trauer geworden. Wäre ich kein Christ, würde ich dem Tag fluchen, wo ich zur Welt kam, oder vielmehr dem, da ich zu diesem schweren, verantwortungsvollen Amt berufen wurde!Sahak,Katholikos von Cilicien.35.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 27. April 1915.An Auswärtiges Amt, Berlin.Wie das Konsulat Erzerum unter dem 24. April telegraphiert, ist der Aufruhr in Wan nach amtlicher Mitteilung unterdrückt[50]. Hierbei seien ungefähr 400 Armenier getötet worden, die übrigen seien nach Rußland entflohen.[51]Angeblich hätten sich auch Kurden am Aufstande beteiligt, um sich für die Hinrichtung ihrer Scheiche in Bitlis 1914 und die Bedrückung durch die Regierung zu rächen.[52]Wangenheim.36.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 28. April 1915.An Deutsches Konsulat, Erzerum.Eine Verwendung Ihrerseits für die Armenier wird darauf auszugehen haben, Ausschreitungen des Pöbels wie Massakres und Plünderungen zu verhindern und auf ein regelrechtes Verfahren gegen die politisch verdächtigen Personen hinzuwirken. Hierbei wäre der Schein, ab ob wir ein Schutzrecht über die Armenier ausüben und in die Tätigkeit der Behörden eingreifen wollen, zu vermeiden und dies eventuell auch den Behörden gegenüber zu betonen. Vertraulich: Die hiesigen Behörden haben dieser Tage mehrere Hundert armenische Notabeln verhaftet und nach Anatolien verschickt, angeblich weil sich Anzeichen für eine revolutionäre Bewegung gezeigt haben.Wangenheim.37.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 30. April 1915.Über die Vorgänge in Wan meldet der Kaiserliche Konsul in Erzerum nachträglich auf Grund von Nachrichten aus Wan vom 19. April, daß die dortigen Behörden vor Ausbruch der Unruhen eine Anzahl Armenier verhaften ließen, von denen drei während des Transportes unter polizeilicher Bedeckung ermordet wurden; unter diesen befand sich auch ein gewisser Ischkhan, der sich früher ab Freischärler hervorgetan hat. Während des Kampfes wurde das Armenierviertel umzingelt; 250 Häuser wurden zerstört, darunter das Gebäude der Zweigniederlassung der Banque Ottomane, das von den Armeniern in die Luft gesprengt worden sein soll.[53]Der Minister des Innern teilte am 28. d. M. dem ersten Dragoman mit: „In Wan sei das Schlimmste überstanden; es sei dort zu einem regelrechten Kampfe gekommen, und die Verluste auf beiden Seiten seien beträchtlich gewesen; über 400 Armenier seien umgekommen, aber auch die Truppen hätten mehrere Hundert Mann verloren. Die Disziplin sei jedoch aufrecht erhalten worden, so daß man nicht von Massakres reden könne. Daß zwischen den Armeniern und Russen enge Beziehungen bestanden, könne als einwandfrei festgestellt gelten.[54]Gleichzeitig mit der Bewegung dort hätte auch eine verstärkte militärische Aktion im Kaukasus eingesetzt.“Wan, mit einer armenischen Bevölkerung von etwa 20000 Seelen, war schon seit Jahren ein Hauptzentrum der Partei Daschnakzutiun. In dem Bericht, den sie im Jahre 1910 dem internationalen Sozialistenkongreß in Kopenhagen erstattet hat, wird ihre Tätigkeit in den Provinzen Bitlis und Wan geschildert. „In diesen“, heißt es in dem Bericht, „hatten wir bis 1908 die ganze waffenfähige Landbevölkerung, welche in politische Gruppen organisiert war, unter unserer Fahne... Diese Tätigkeit war wesentlich eine politische und revolutionäre. Sie dauert heute fort, aber schon in offener Weise. In allen Zentren des türkischen Armeniens hat unsere Partei ihre Scharen von Fidais, deren Zweck ist, darüber zu wachen, daß die Reaktion nicht wieder den Kopf erhebe.“ An einer anderen Stelle wird erwähnt, daß im Jahre 1908 in Wan mehr als 1000 Gewehre, eine Million Patronen und Massen von Explosivstoffen angesammelt waren, die damals von der Regierung beschlagnahmt wurden.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.38.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 30. April 1915.In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag den 25. d. M. und von Sonntag auf Montag den 26. d. M. haben hier zahlreiche Verhaftungen von Armeniern stattgefunden. Im ganzen sollen an 500 Personen aus allen Gesellschaftsklassen festgenommen sein, namentlich Ärzte, Journalisten, Schriftsteller, Geistliche, auch einige Deputierte. Das Lokal der Zeitung Azadamart, Organ der Partei Daschnakzutiun, der viele von den Verhafteten angehörten, wurde behördlich gesperrt. Die meisten wurden in den folgenden Tagen nach dem Innern von Klein-Asien verschickt.Über die Ursachen dieser Maßregeln waren im Publikum allerlei unkontrollierbare Gerüchte verbreitet. Unter anderem hieß es, daß man in armenischen Häusern und Kirchen Explosivstoffe, Bomben und Waffen entdeckt habe, und daß die Armenier für den Tag des Thronbesteigungsfestes (27. d. M.) Anschläge auf die Pforte und andere öffentliche Gebäude geplant hätten.Als der Armenische Patriarch beim Großwesir und beim Minister des Innern nach den Gründen dieser Massenverhaftungen fragte, wurde ihm erwidert, daß die Organisation der armenischen Bevölkerung zu politischen Parteien im gegenwärtigen Augenblick von einzelnen einflußreichen Persönlichkeiten ausgenützt werden könnte, um die öffentliche Ruhe zu stören, und daß es im Interesse des Staatswohls geboten erscheine, solchen Eventualitäten durch Entfernung der leitenden Persönlichkeiten aus der Hauptstadt vorzubeugen.Der Minister des Innern äußerte gegenüber dem ersten Dragoman folgendes:Die Regierung sei jetzt entschlossen, dem bisherigen Zustand ein Ende zu bereiten, wonach jede Religionsgemeinschaft ihre besondere „Politik“ mache und hierzu besondere politische Vereinigungen gründen und unterhalten könne.[55]In der Türkei solle künftig nur „osmanische Politik“ gemacht werden.Unter den hiesigen Armeniern befänden sich eine Reihe von politisch nicht ganz sicheren Persönlichkeiten; sie seien natürlich gerade unter den tätigen Mitgliedern der Klubs und Redaktionen zu suchen. Die Besorgnis sei nicht von der Hand zu weisen, daß im Falle einer ungünstigen Wendung des Krieges diese Elemente die Gelegenheit zu Unruhestiftungen ergreifen könnten. Der Augenblick schien günstig, alle diese Verdächtigen aus der Hauptstadt zu entfernen. Unter den Verschickten gebe es sicher viele, die in keiner Weise schuldig seien. Dies leugne die Regierung nicht, und er — Talaat — werde aus eigenem Antrieb und ohne daß es hierzu einer Intervention bedürfe, diesen die Erlaubnis zur Rückkehr erteilen.Die Behauptung, es lägen Beweise vor, daß für den Tag des Thronbesteigungsfestes ein Putsch beabsichtigt gewesen sei, erklärte Talaat Bey für unzutreffend.Die Vorgänge in Wan und die in diesen Tagen erfolgten Angriffe der Russen auf den Bosporus und der vereinigten Franzosen und Engländer auf die Dardanellen dürften nicht ohne Einfluß auf die Entschließungen der Regierung gewesen sein.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.39.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Abgang aus Erzerum den 30. April 1915.Ankunft in Pera den 1. Mai 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Wie aus Erzingian berichtet wird, verübten der dortige Mutessarrif und die Gendarmerie Ausschreitungen und schwere Bedrückungen gegen die armenischen Bewohner.Hier herrscht Ruhe. Die vorgenommenen Verhaftungen erschweren es, Nachrichten aus Wan zu erhalten.Scheubner.
April.
23.
(Kaiserliches KonsulatAleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Marasch, den 1. April 1915.Ankunft in Pera, den 1. April 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Djemal Pascha hat Mittwoch Befehl bekannt geben lassen, niemand solle sich in Regierungsangelegenheiten mischen. Ein Muhammedaner, der einen Armenier angreife, werde vor das Kriegsgericht gestellt.
Rößler.
24.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 3. April 1915.
Über die Kämpfe bei Zeitun meldet Konsul Rößler unter dem 31. v. Mts., daß es sich dabei um ein isoliertes Kloster handelte, in dem armenische Fahnenflüchtige sich aufhielten. Das Kloster wurde umzingelt, die Armenier aber brachen durch und flüchteten, etwa 150 Mann stark, in die Berge. Einige von ihnen fielen, andere wurden verwundet oder gefangen genommen. Das Kloster wurde mit Artillerie zusammengeschossen.
Kämpfe gegen die Stadt Zeitun selber scheinen nicht bevorzustehen.
Auf die von den Behörden erlassene Aufforderung haben sich in Zeitun 125 und in Marasch 450 Dienstpflichtige gestellt, die sich bisher der Dienstpflicht entzogen hatten.
In Marasch selber ist ein Kriegsgericht eingesetzt und der Belagerungszustand verhängt worden. Es haben Haussuchungen nach Waffen stattgefunden, namentlich bei den Christen, und das Verlassen der Häuser nach Sonnenuntergang ist verboten. Doch hat sich die Aufregung gelegt.
In einem weiteren Telegramm vom 1. d. Mts. fügt Konsul Rößler hinzu, daß Djemal Pascha habe bekannt machen lassen: jeder Muhammedaner, der einen Armenier angreife, werde vor das Kriegsgericht gestellt werden; niemand habe sich in die Regierungsangelegenheiten zu mischen.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
25.
KaiserlichDeutsches Konsulat.
Aleppo, den 12. April 1915.
Die Unruhen, welche in Zeitun ausgebrochen sind, haben die Frage nahegelegt, ob sie von auswärts angezettelt seien. Keinerlei derartige Spuren aber habe ich während meiner Dienstreise nach Marasch vom 28. März bis 10. April entdecken können. Der Vorsitzende des Kriegsgerichts hat allerdings behauptet, fremder Einfluß sei vorhanden, hat mir aber keine Angaben darüber gemacht. Die an Ort und Stelle vorhandenen, aus den inneren Leiden der Türkei stammenden Keime genügen vielmehr vollkommen, die Unruhen zu erklären.
In der Nähe von Zeitun hatte sich ein Räuberunwesen unter den Armeniern unter einem gewissen Nazareth Tschausch entwickelt[41]. Im Oktober v. Js. ist der Mutessarrif Haidar Pascha von Marasch dagegen vorgegangen. Er versprach den Bewohnern von Zeitun auf sein Wort, daß er denen, die ihm die Räuber auslieferten, nichts tun würde und erreichte damit tatsächlich die Auslieferung. Anstatt aber ein Gerichtsverfahren zu eröffnen und die Schuldigen hinzurichten, ließ er Nazareth Tschausch im Gefängnis zu Tode prügeln (vgl. Bericht vom 16. Oktober v. Js). 30 der mit ihm Gefangenen ließ er nach Osmaniyé ins Gefängnis bringen, wo sie noch heute ohne Urteil sitzen, andere hat er laufen lassen, um nicht gleichzeitig gefangene muhammedanische Räuber strafen zu müssen. Dagegen hat er entgegen seiner feierlichen Zusage diejenigen Leute verhaften lassen, die ihm zur Ergreifung der Räuber führende Angaben gemacht hatten.
Mit Kriegsausbruch wurde von General Fakhri Pascha entgegen dem Rat des Wali Djelal Bey von Aleppo die in Zeitun liegende Kompagnie Soldaten fortgenommen und durch Gendarmen ersetzt und zwar durch muhammedanische Gendarmen aus Marasch, die zum Teil die persönlichen Feinde der Bewohner von Zeitun waren. Ihnen waren die letzteren ausgeliefert.
Zeitun ist eine ausschließlich christliche Stadt. Mehrfach wurden die Männer mißhandelt und die Frauen belästigt unter stillschweigender Duldung und Begünstigung durch den Gendarmeriehauptmann und den Kaimakam. Die gedrückte Bevölkerung von Zeitun wandte sich an den Mutessarrif von Marasch mit der Bitte, die beiden Beamten abzurufen. Haidar Pascha war im November auf Vorschlag des Wali durch den Mutessarrif Mumtaz Bey ersetzt worden, der als unparteiisch und besonnen gilt und bestrebt war, sich ein richtiges Bild von der Lage zu machen. Er verlangte Beweise für die Schuld der beiden Beamten. Beweise aber können die Bewohner nicht wagen gegen einen Beamten vorzubringen. Jeder Zeuge müßte früher oderspäter unnachsichtlich dafür büßen. So haben denn die Gendarmen weiter gehaust und eine erbitterte Stimmung geschaffen.
Noch aus einer anderen Quelle wurde die Unruhe gespeist. Von den armenischen Soldaten in Marasch, die schlecht genährt und, soweit sie Zeitunlis waren, gequält und schlecht behandelt wurden, war ein Teil desertiert. Aus Gründen, die mit dem hiesigen Bezirk nichts zu tun haben, nahm die Regierung etwa Anfang März den christlichen Soldaten Uniform und Waffen. Da dies von den unwissenden Mannschaften als Vorspiel zu weiteren, schwereren Maßnahmen gegen die Christen betrachtet wurde, so desertierten weitere christliche Soldaten und vereinigten sich mit den in der Nähe von Zeitun hausenden Räubern. Als Gendarmen ausgesandt wurden, sie zu fangen, setzten sie sich zur Wehr und erschossen 6 von ihnen etwa am 9. März. Auch einen muhammedanischen Maultiertreiber, der nach Zeitun ging, haben sie ermordet. Die Bevölkerung von Zeitun, fürchtend, daß die Räuber auch Überfälle auf die Stadt ausführen könnten, baten um Schutz, der auch gewährt wurde. Als in den verschiedenen Stadtvierteln Gendarmeriepatrouillen gingen, wurde in dem Stadtviertel Yeni Dunya, in welchem Nazareth Tschausch seinerzeit seine Wohnung gehabt hatte, aus einem Hause heraus auf eine Patrouille geschossen. Anstatt aber dieses Haus zu umstellen und die Schuldigen zu fassen, zog es der Gendarmeriehauptmann, der vorher die Bevölkerung bedrückt hatte, vor, sich nicht mehr in die Stadt zu begeben, sondern in der Kaserne oberhalb der Stadt zu bleiben. Hierauf breitete sich die Bewegung aus. Die Räuber und Deserteure verschanzten sich in einem außerhalb der Stadt gelegenen als Wallfahrtsort dienenden ehemaligen Kloster (Tekke). Versuche, ihre Auslieferung durch die Stadtbewohner zu verlangen, scheiterten, weil die Leute kein Vertrauen mehr zu Regierungsversprechungen hatten. Hier rächte sich, daß Haidar Pascha im Oktober sein Wort gebrochen und die Ausliefernden bestraft hatte. Das Anerbieten des Missionars Blank vom Deutschen Hülfsbund in Marasch, sich nach Zeitun zu begeben und einen Versuch zur gütlichen Übergabe zu machen, wurde vom Mutessarrif Mumtaz Bey verständigerweise angenommen. Blank ging am 23. März nach Zeitun, doch scheiterten seine Bemühungen daran, daß die Verschanzten niemanden mehr an das Kloster heranließen, sondern den von Blank abgeschickten Eingeborenen mit der Waffe bedrohten, sobald von Auslieferung die Rede war. Sie erklärten, sterben müßten sie doch. Sie wollten es lieber mit der Waffe in der Hand, als sich der Regierung ausliefern. Daraufhin ließ der Platzkommandant von Zeitun das Kloster umstellen, aber mit ungenügender Truppenzahl. Wäre er militärisch richtig vorgegangen, so hätte er die ganze Räubergesellschaft gehabt. Er hätte nur Ankunft von Artillerie abzuwarten oder die Räuber auszuhungern brauchen. Statt dessen aber ließ er einen Angriff machen, wobei der Gendarmeriemajor aus Marasch auf das Haupttor des Klosters losrittund nebst einigen Soldaten erschossen wurde. Die Räuber, deren Zahl vielleicht 150 gewesen sein mag, brachen unter Verlust einer Anzahl Toter und Verwundeter, die den Truppen in die Hände fielen, durch, gewannen die Stadt und von dort aus die Berge. Erwähnenswert ist, daß sie zweien ihrer Toten die Köpfe abgeschnitten haben, offenbar um ihre Identifizierung durch die Türken unmöglich zu machen. Das Kloster wurde nachträglich mit Artillerie zusammengeschossen. Die Ergreifung der Räuber in den Bergen wird schwierig sein. Mumtaz Bey, der inzwischen nach Zeitun geeilt war, setzte nunmehr den Gendarmeriehauptmann ab, weil er nach Beschießung der Patrouille nicht die richtigen Maßregeln ergriffen hatte und den Kaimakam, weil er sich noch nach Ankunft des Mutessarrif weigerte, von der Kaserne herab zur Erfüllung seiner Pflichten in die Stadt zu gehen.
Die Ereignisse von Zeitun gewinnen stets dadurch eine größere Bedeutung, daß sie eine Rückwirkung auf Marasch als die nächstgelegene größere Stadt ausüben. Diese zählt schätzungsweise 50–60000 Einwohner, von denen 36000 Moslims und 24000 Christen sein mögen. Sie leben zum Teil von Industrie und Handel, zum großen Teil aber von landwirtschaftlicher Tätigkeit, Weinbau (Gewinnung von Rosinen und Bereitung von Traubenhonig), Reisbau, Baumwolle, Seidenzucht u. a. Obwohl der Boden fruchtbar ist und reichlich Wasser vorhanden, so daß vielfach auch das Getreide bewässert werden kann, ist die Bevölkerung doch arm und gegenwärtig großenteils dem äußersten Elend nahe, teils infolge der dauernden politischen Unruhen, teils infolge der überaus mangelhaften Verkehrsverhältnisse. Die Bevölkerung ist friedlich und denkt nicht an Auflehnung gegen die Regierung. Die Wirkung der Mobilmachung, weitgehende Requisitionen haben stark auf sie gedrückt und u. a. die Beförderungsmittel äußerst knapp gemacht. Der Wagen, mit dem ich aus Aleppo ankam, war der einzige in der ganzen Stadt. Im ganzen sind bis Ende März 2000 Pferde und Maultiere requiriert worden. Am 5. April wurden 500 Esel verlangt. Christliche Maultiertreiber sind gezwungen worden, 4 Wochen lang hintereinander für militärische Zwecke unentgeltlich zu arbeiten, ohne Lohn und ohne Requisitionsschein (während man muhammedanische nach ein paar Tagen laufen ließ). Waren sie dann mit einem Schein entlassen, daß sie ihrer Pflicht genügt hätten, so wurden sie in manchen Fällen trotzdem an anderer Stelle wieder aufgegriffen. — Die Lage war bereits sehr gedrückt, als die Zeitunereignisse kamen. Jetzt wurden auch der armenischen Zivilbevölkerung die Waffen weggenommen, und zwar mit Vorliebe durch nächtliche Haussuchungen. Soldaten schlugen die Christen, Frauen wurden unter dem Vorwande, daß sie nach Waffen durchsucht werden müßten, belästigt, Kinder wurden mit Steinen geworfen. Das Gerücht wurde ausgestreut, die christlichen Soldaten hätten ihren muhammedanischen Kameraden das Brot vergiftet; muhammedanische Frauen drohten offen, es würden wiederMetzeleien vorkommen: ein Muhammedaner bot einem christlichen Freunde sein Haus zum Schutz an. Einflußreiche Muslims beschlossen, ein Telegramm an die Zentralregierung zu schicken, daß die Armenier die Moscheen besetzt hätten. So töricht diese aufreizende Beschuldigung ist, so entspricht sie doch dem niedrigen Bildungsstande der dortigen Muhammedaner. Das Telegramm wurde erst dem Mutessarrif nach Zeitun mitgeteilt, der die Absendung verhinderte und dem Kriegsgericht Anzeige erstattete, das aber gegen die Urheber nichts getan hat. — Während den Armeniern die Waffen abgenommen wurden, hatten die Muslims Gelegenheit, sich Pulver und Schrot zu kaufen. Die Bewohner des Dorfes Tekerek in der Nähe von Marasch schickten Nachricht dorthin, entweder sie müßten zum Islam übertreten, oder sie würden ihr Leben verlieren. Kurzum die ganze Sachlage erschien der deutschen Mission in Marasch derart, daß bei einer weiteren Zuspitzung der Verhältnisse, insbesondere wenn die Kämpfe in Zeitun angedauert hätten und noch weiteres Blut muhammedanischer Soldaten geflossen wäre, zweifelhaft war, ob es der Regierung gelingen würde, das Volk in Marasch im Zaum zu halten, auch zweifelhaft, welche Strömung bei den Ortsbehörden die Oberhand behalten würde, die besonnene des Mutessarrifs oder eine schärfere, der einige Notable zugehören. Da brieflicher Verkehr starker Zensur unterworfen war, nicht nur auf der Post, sondern auch der durch Boten vermittelte, und ein vor 4–5 Wochen an mich abgeschickter Brief der Mission nicht angekommen war, so entschloß sich der Hülfsbund, eine der Schwestern von Marasch nach Aleppo abzusenden, um mich um einen Besuch zu bitten. Diese überbrachte auch einen Brief der Schulleiterin Helene Stockmann, aus dem hervorgehoben zu werden verdient, in welcher unmenschlichen Weise die Prügelstrafe gehandhabt wird. Die amerikanische Mission sprach ihrem Konsul in Aleppo gleichfalls die Bitte um einen Besuch aus. Einen Brief des Dr. Shepard in Aintab darüber beehre ich mich in Abschrift beizufügen. — Allgemein wurde von dem Besuch eines Konsuls sehr viel erwartet, von der Bevölkerung wie von der Mission. In den abgelegenen Gegenden des Innern, zu denen auch Marasch gezählt werden muß, macht ein solcher noch besonderen Eindruck, auch auf die Behörden. Bereits seine Ankündigung, die ich in einem alsbald bekannt gewordenen türkischen Telegramm vom 27. März an den Mutessarrif vorgenommen hatte, hatte beruhigend und mäßigend gewirkt. Offenbar hat er auch weiter zur Beruhigung der Bevölkerung beigetragen und wohl auch Eindruck auf das Militär gemacht. Seit meiner Ankunft sind nicht mehr Leute auf der Straße geschlagen worden. Ich beehre mich, über die Wirkung einen Brief der amerikanischen Mission vom 31. v. Mts. beizulegen. Die gesamte armenische Bevölkerung von Marasch ist für den Besuch sehr dankbar gewesen und hat ihn allgemein als Erleichterung der Lage empfunden. — Erst am 31. März wurde der in der Anlage gehorsamstbeigefügte Befehl von Djemal Pascha, der die Bevölkerung zur Ruhe ermahnt, bekannt gegeben. Er hat übrigens nicht zu verhindern vermocht, daß noch am 3. April ein vereinzelt in einem muhammedanischen Stadtviertel lebender Armenier zwangsweise zum Islam bekehrt worden ist, nachdem ihm eine Patrouille mit dem Kolben die Tür eingeschlagen hatte.
Inzwischen nimmt die Entwicklung der Zeitunangelegenheit ihren weiteren Verlauf, ohne bisher beendet zu sein. — Die Regierung hat verlangt, daß sich alle Deserteure stellen. — 450 aus Marasch und 125 aus Zeitun hatten sich bis Ende März gestellt und werden zum Teil in Strafkompagnien zu Arbeiten verwendet, zum Teil sehen sie noch ihrer Aburteilung durch das Kriegsgericht entgegen. — Übrigens richtet sich die Untersuchung durch das Kriegsgericht gegen alle angesehenen und wohlhabenden Armenier von Marasch, von denen viele ganz offenbar mit der Zeitunangelegenheit nicht das geringste zu tun gehabt haben, und obwohl diese nichts sehnlicher wünschen, als daß mit den Räubern ein Ende gemacht werde, damit Marasch endlich einmal Ruhe habe. Man hat den Sohn des armenischen Abgeordneten für Marasch, Hosep Effendi Kirlakian in Haft genommen, erst unter der Beschuldigung, er habe Waffen geschmuggelt, dann, als dafür keinerlei Beweise vorhanden waren, unter der Beschuldigung, er habe einen Mann bestochen, eine Waffe auf der Straße abzufeuern, um auf diese Weise Unruhen hervorzurufen. Schließlich hat man ihn freilassen müssen. — Man hat Haussuchungen vorgenommen bei den armenisch-protestantischen Pfarrern, den katholisch-armenischen Geistlichen, dem armenischen Direktor der deutschen Knabenschule, dem armenischen Arzt des deutschen Krankenhauses. Alles dies angeblich auf die Tatsache hin, daß die bezeichneten Mitglieder des armenischen Wohltätigkeitsvereins (türkisch: ermeni djemiyet kheriye umumiyesi, armenisch: parekorzagan) seien, deren Liste man in Zeitun gefunden habe. Der Verein, der in Ägypten seinen Sitz hat, besteht und ist von der Regierung anerkannt, erst von Abdulhamid, 1910 auch von der konstitutionellen Regierung. Er beschäftigt sich mit der Unterstützung armenischer Schulen und Einrichtung von landwirtschaftlichen Musteranstalten. Um seine Mitglieder festzustellen, hätte man nicht erst eine Liste in Zeitun zu finden brauchen, sondern hätte sich den Vorsitzenden aus Marasch kommen lassen können. Wird die Tatsache als verdächtig angesehen, daß der Verein seinen Sitz in Ägypten hat, und wird geargwöhnt, daß seine Organisation jetzt im Kriege vom Auslande her zu politischem Zweck mißbraucht wird, so wäre das ein Grund, der sich hören ließe. Gegen eine unparteiische Untersuchung auf dieser Grundlage wäre nichts einzuwenden. Die Aussicht aber, daß die Untersuchung durch das Kriegsgericht unparteiisch geführt wird, halte ich für gering. Sein ganzes Vorgehen erweckt den Eindruck, als ob es mangels einer zweckmäßigen Tätigkeit nur eine Scheintätigkeit ausübtund als ob es, weil es die wirklich Schuldigen nicht erreichen kann, die ganze armenische Bevölkerung als verdächtig ansieht und sich aus ihr zu Bereicherungszwecken die führenden aussucht.
Die Gefahr von Metzeleien ist vorläufig vorübergegangen, wenn auch die muslimischen Anstifter ihre Hand noch nicht vom Werke lassen. Sie haben am 31. März ein Telegramm an die Zentralregierung aufgesetzt, die Bewohner Zeituns (etwa 10000 Seelen) sollten verpflanzt und die Stadt dem Erdboden gleich gemacht werden. Es ist klar, daß die Ausführung eines solchen Planes auf lange Zeit hinaus Unruhe schaffen würde. Die Urheber haben auf die wohlhabenden Armenier in Marasch einen Druck ausgeübt, um sie zur Unterzeichnung dieses Schriftstückes zu veranlassen. Diese haben es damit abgewehrt, daß sie verlangten, es solle zunächst dem Mutessarrif vorgelegt werden. Letzterer hat es mißbilligt, wie übrigens auch der Mufti von Marasch. Bei den gleichen Armeniern wurden dann am 3. April die Haussuchungen vorgenommen.
Seit dem 5. April scheint eine Spaltung unter den leitenden muhammedanischen Kreisen in Marasch eingetreten zu sein. Die einen raten zum Frieden, die anderen wollen weiter hetzen.
Da eine unmittelbare Gefahr für die Deutschen in Marasch nicht bestand, und da ich die weitere Entwicklung nicht mehr an Ort und Stelle abwarten konnte, habe ich nach einem Aufenthalt von neun Tagen Marasch wieder verlassen. Es ist mir gelungen, mit den Behörden in freundschaftlicher Weise auszukommen. Der Mutessarrif befindet sich noch in Zeitun.
Ich habe von Anfang an nicht die Absicht gehabt, nach Zeitun zu gehen, weil dort keine deutschen Interessen zu schützen sind, die Militärbehörden haben aber offenbar vermutet, daß ich zu gehen wünschte und haben alles mögliche in Bewegung gesetzt, um es zu verhindern. Nach Ansicht des Missionars Blank würden sich die in die Berge geflüchteten Räuber und Deserteure noch heute ergeben, wenn eine Amtsperson zu ihnen käme, zu der sie das Zutrauen hätten, daß die Bedingungen der Übergabe auch gehalten würden. Die Behörden wünschen aber nicht, daß einem Fremden gelinge, was ihnen nicht gelingt, abgesehen von der verständlichen allgemeinen Abneigung gegen fremde Einmischung in innere türkische Verhältnisse.
Die Unschädlichmachung der Räuber ist bisher nicht geglückt. Anfang April war der etwa halbwegs zwischen Marasch und Zeitun gelegene Bergkegel Ala Kaia, der wie überhaupt die ganze Gegend wild zerrissen und schwer zugänglich ist, die Zufluchtsstätte der Räuber geworden. Hier sollte wieder gegen sie vorgegangen werden. In Marasch verlautete, daß die Bewohner eines Dorfes beim Anrücken der Truppen aus Furcht vor ihnen ihr Dorf verlassen und zu den Räubern übergegangen wären. Sollte diese Nachricht wahr sein, so würde sie ein bedenkliches Zeichen dafür sein, daß die Bewegung auf diese Weise sich doch noch ausbreiten könnte.
Nach meiner Rückkehr hat mir Djelal Bey, Wali von Aleppo, mitgeteilt, daß an der russischen Grenze auf türkischem Gebiet einige von den Russen besetzte armenische Ortschaften russische Sympathien bekundet hätten, daß die Einwohner einiger armenischer Dörfer auf türkischem Gebiet von Muhammedanern niedergemacht worden seien und daß bei der türkischen Regierung eine Strömung die Oberhand gewonnen zu haben scheine, welche die Armenier im ganzen als verdächtig oder gar als feindlich anzusehen geneigt sei. Er betrachtet diese Wendung als ein Unglück für sein Vaterland und hat mich gebeten, Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter anheimzustellen, dieser Richtung entgegenzuarbeiten.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
Gelesen.
Pera, 24. April 1915.
Wangenheim.
Anlage 1.
Aintab, March 24. 1915.
Dear Mr. Jackson,
I was in Marash for 48 hours from noon of Tuesday till noon of Thursday 18. March last week.
There had no doubt been a plan to stir up a massacre at Marash over the Zeitoon disturbances. It had gone so far as to send out messengers to call in the Koords from the mountains; but the Government had frowned upon it and it seemed to me to be definitely defeated, especially as I understood that the attitude of the leaders and a large majority of the people in Zeitoon was correct. Now Miss Rohner comes with the statement, that hostilities are imminent as between that place and the Govt. In which case it will be somewhat difficult to control the Moslim mob at Marash. I sincerely wish that a representative from the German or American Consulate or better still from each might be sent to Marash (not to meddle in the least with the Zeitoon matters, but to look after the large German and American interests in Marash).
Miss Rohner will be able to tell about the state of feeling among the Germans and Americans of that place.
Everything is very quiet here in Aintab.
Dr. Shepard.
Jesse B. Jackson, American Consul, Aleppo.
Anlage 2.
March, 31st 1915.
Let me congratulate your Consul through you on the success thus far since coming to Marash. There is a distinct improvement in the general condition which we are very ready to attribute to his influence. We hope he will be able to remain here long enough to secure that any pledges given to him will be faithfully carried out. Kindly express our gratitude to him.
With kind regards
Yours cordially
E. C. Woodley.
Blank, Marash.
Anlage 3.
Contenu de l’avisCirculaire
1. Il est arrivé à Zeitoun une révolte à la suite de laquelle il a fallu une action militaire qui se poursuit jusqu’à maintenant.
2. Il est le devoir du gouvernement ottoman de défendre la prospérité, la vie et l’honneur de la population docile, soit arménienne, soit muselmane. Par conséquent celle-ci doit être sûre qu’elle ne sera pas l’objet d’une attaque et qu’elle pourra s’occuper tranquillement du travail.
3. Celui qui des muselmans, pour n’importe quelle raison, attaque un arménien sera regardé comme un émeutrier et sera remis sur-le-champ à la cour martiale. Personne donc ne doit se mêler ni directement ni indirectement des affaires du gouvernement même pour la moindre petite chose.
4. Je récommande à la population docile et innocente de se conformer très vite aux instructions de l’autorité militaire, pour qu’aucun de ses membres ne soit pas victime d’un soupçon, ou d’une punition imméritée parsuite de la poursuite acharnée des brigands.
Le commandant du IV. corps d’armée.Djemal Pascha.
16. mart 1330 = 29 mars 1915.(publié) 18. mart 1330 = 31 mars 1915.
26.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 15. April 1915.
Die Nachrichten aus dem östlichen Anatolien lassen erkennen, daß die schon vorher gespannten Beziehungen zwischen der türkisch-muhammedanischen Bevölkerung und den Armeniern sich im Laufe der letzten Monatenoch weiter verschlechtert haben. Das gegenseitige Mißtrauen ist im Wachsen begriffen und beherrscht die Bevölkerung und die amtlichen Kreise, im Innern sowohl wie in der Hauptstadt.
Die Klagen über angebliche und wirkliche Verfolgungen, denen die Armenier infolge des Krieges ausgesetzt sind, werden immer zahlreicher und lauter; umgekehrt werden diese beschuldigt, daß sie mit den Reichsfeinden sympathisieren, mit ihnen hochverräterische Verbindungen unterhalten und an einzelnen Orten sich offen gegen die Landesbehörden aufgelehnt haben. Die Verstimmung gegen die Armenier wird vermehrt durch die Nachrichten über die Haltung der Armenier im Auslande; nicht nur aus dem Kaukasus, sondern auch aus Amerika, Bulgarien und anderen Ländern sollen tausende von ihnen freiwillig in die russische Armee eingetreten sein[42], und es wird behauptet, daß die russische Sektion der Partei Daschnakzutiun für den Fall eines für die Türkei ungünstigen Ausganges des Krieges die Vernichtung der muhammedanischen Bevölkerung in den von der Türkei abzutretenden Gebietsteilen fordere[43]. Besonders gravierend lauten endlich die Berichte über die Aufführung der armenischen Mannschaften in der türkischen Armee während des Feldzuges im Kaukasus: sie sollen wiederholt ihre Waffen gegen die Türken gekehrt haben[44].
Von jeder Seite werden die Anschuldigungen der anderen Seite als grundlos zurückgewiesen, bzw. die Schuld an den Ereignissen dem anderen Teile zugeschoben. Nur in einem Punkte dürfte Übereinstimmung herrschen: daß die Armenier seit Einführung der Konstitution den Gedanken an eine Revolution aufgegeben haben, und daß keine Organisation für eine solche besteht.
Zweifellos haben nun in Ostanatolien Ausschreitungen und Gewaltakte gegen die Armenier stattgefunden, und im allgemeinen dürften die Vorgänge von armenischer Seite richtig geschildert, wenn auch übertrieben sein. Vielfach handelt es sich um die Drangsale und Leiden, die jeder Krieg, auch in Kulturländern, im Gefolge hat; in anderen Fällen lag aber die Schuld auch auf seiten der Armenier, und die Behörden trifft höchstens der Vorwurf, daß sie nicht rechtzeitig Vorsichtsmaßregeln getroffen haben und hinterher mit unnötiger Strenge eingeschritten sind.
Das mir aus armenischer Quelle (Patriarchat und Mitteilungen des aus Deutschland gekommenen Vertrauensmannes der deutsch-armenischen Gesellschaft Dr. Liparit Nasariantz) vorliegende Material bezieht sich in der Hauptsache auf das eigentliche Kriegsgebiet (Wilajet Erzerum) und die unmittelbar daran grenzenden Bezirke (Wilajete Wan und Bitlis).
Für die Vorkommnisse in diesen Gegenden werden von armenischer Seite verantwortlich gemacht:
In den vom Kriegsschauplatz entfernteren Provinzen scheint die Lage der armenischen Bevölkerung soweit erträglich zu sein, obwohl auch von dort vereinzelte Klagen eingegangen sind: doch handelt es sich im ganzen um Vorfälle von geringerer Bedeutung, wie Haussuchungen nach verbotenen Waffen und Deserteuren, wobei es gelegentlich zu Ausschreitungen gekommen sein soll, und dergleichen mehr.
Mehr Beachtung verdienen zwei Vorfälle im Wilajet Adana, über welche die Kaiserliche Botschaft auch durch Konsularberichte eingehend informiert ist.
Anfang März haben sich in der armenischen Ortschaft Dörtjol, nachdem schon vorher wiederholt Engländer von der Flotte gelandet waren und ungestört Einkäufe besorgt hatten, zwei aus jener Gegend stammende Armenier aufgehalten, die dort im englischen Interesse agitierten. Einer dieser Emissäre fiel den türkischen Behörden in die Hände und ist in Adana hingerichtet worden. Die weitere Folge war, daß die gesamte männliche Bevölkerung von Dörtjol ausgehoben und nach dem Wilajet Aleppo geschafftwurde, wo sie zum Wegebau verwendet wird; drei Individuen wurden, weil sie zu fliehen versuchten, niedergeschossen. Es kam hinzu, daß zur Zeit dieser Vorfälle zahlreiche Fahnenflüchtige sich in Dörtjol versteckt hielten, auch hatte man nicht vergessen, daß die Bewohner während des Massakres im Jahre 1909 sich mit den Waffen in der Hand gegen die Türken verteidigt hatten.
Über die Ereignisse in Zeitun, die durch den Widerstand der Armenier gegen die Rekrutierung hervorgerufen worden sind, ist bereits berichtet worden; auch in diesem Falle dürfte die Behörden der Vorwurf treffen, daß sie nicht rechtzeitig eingegriffen haben.
Mit Bezug auf die vorstehend geschilderten Verhältnisse ist von armenischer Seite die Bitte geäußert worden, daß die Kaiserliche Botschaft und unsere Konsulate ihren Einfluß bei den türkischen Regierungsorganen geltend machen möchten, um den weiteren Verfolgungen der Armenier in den in Betracht kommenden Landesteilen Einhalt zu tun. Als besonders wichtig wird die Bestellung von erfahrenen, mit den armenischen Angelegenheiten vertrauten Walis und Mutessarrifs für die betreffenden Provinzen bezeichnet; auch glaubt man, daß die Anwesenheit deutscher Konsuln in Wan, Bitlis usw. hinreichen würde, um die ärgsten Ausschreitungen zu verhindern.
Hier wie auch im Innern wird von den Armeniern eine solche Verwendung unseres Einflusses zu ihren Gunsten als ein nobile officium für uns als christliche europäische Großmacht angesehen und als eine natürliche Folge unseres Bundesverhältnisses zur Türkei erwartet, weil es im eigensten Interesse der Türkei, also auch in unserem, liege, das armenische Element zu schützen und seine Sympathien sich zu bewahren; es wird hervorgehoben — was, wie bemerkt, von den Türken bestritten wird —, daß die Armenier trotz aller Leiden, denen sie ausgesetzt seien, sich loyal und korrekt, mindestens aber passiv verhalten; bei einer fortgesetzten, systematischen Verfolgung wäre aber zu befürchten, daß diese friedliche Gesinnung ins Gegenteil umschlüge; die regierungsfreundlichen Parteien, wie die Daschnakzutiun, würden die Massen nicht mehr zurückhalten können, und es entstünde die Gefahr, daß bei einem Vordringen der Russen nicht nur die Armenier in dem Invasionsgebiete zum Feinde übergehen, sondern auch eventuell im Rücken der türkischen Armee Insurrektionsherde sich bilden.
Der Appell an das nobile officium der deutschen Vertretung in der Türkei ist aus der Entwicklung der armenischen Frage verständlich, besonders aber jetzt, wo infolge des Krieges die Dreiverbandmächte hier ausgeschaltet sind und als Schutzmächte nicht in Frage kommen. Aber ein Versuch, diesem Appell Folge zu geben und die Rolle zu übernehmen, die England nach dem Berliner Kongreß und neuerdings Rußland als Beschützer der Armenier gespielt haben, würde von der Pforte als eine unberechtigte und lästige Einmischung in ihre innerpolitischen Angelegenheiten empfunden werden.Der Moment ist um so weniger dazu geeignet, als die Pforte gerade jetzt daran gegangen ist, die Schutzrechte, die andere fremde Mächte über türkische Untertanen ausgeübt haben, zu beseitigen. Auch hat sie auf das durch die Ereignisse der letzten Jahre stark gehobene Nationalbewußtsein der türkischen Elemente Rücksicht zu nehmen.
Was die sonst von armenischer Seite vorgebrachten Erwägungen anbetrifft, so dürften sie ernste Beachtung verdienen, und ich habe daher schon vorher wiederholt Anlaß genommen, sowohl auf der Pforte wie beim Patriarchat auf eine versöhnliche Politik und auf die Erhaltung guter Beziehungen zueinander zu dringen. Aber die den Armeniern jetzt so ungünstige Stimmung in den Regierungskreisen zieht unserer Verwendung für die Armenier noch engere Schranken. Ich glaube daher auch, daß die in diesem Zusammenhange angeregte Verwendung der deutschen Konsulate in den sogenannten armenischen Provinzen ihren Zweck nicht erfüllen würde. Voraussichtlich würde die Pforte darin den Versuch einer Überwachung ihrer eigenen Behörden durch uns erblicken, ähnlich wie seinerzeit England und in jüngster Zeit Rußland durch Entsendung konsularischer Vertreter die Durchführung der armenischen Reformen in jenen Landesteilen zu kontrollieren versucht haben; eine solche Maßregel wäre geeignet, die Behörden erst recht gegen die Armenier aufzubringen und so den entgegengesetzten Erfolg herbeizuführen.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
27.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.[45]
Aleppo, den 20. April 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wie aus neuen zuverlässigen Berichten des Vorstehers des amerikanischen Kollegs in Aintab, Dr. Merril, hervorgeht, wird in Marasch und Zeitun und allen Dörfern bis herunter nach Hassanbeili die armenische Bevölkerung, soweit sie Geld oder Bildung oder Einfluß hat, von der Regierung deportiert. Mit der Ausführung ist begonnen. 35 Familien aus Zeitun sind fort, eine zweite und dritte Abteilung sind unterwegs. Die Männer werden von den Frauen getrennt. Letztere werden in besonderen Trupps von Soldaten geleitet.
Alle christlichen Soldaten vom 32. bis zum 45. Lebensjahre haben ihre Einberufung erhalten, sicher zum Zweck der Deportierung. Die muselmanischen sind nicht einberufen. Offenbar beruhen diese Maßregeln der Zentralregierung auf falschen Berichten aus Marasch. Sie sind ein Unglück für das Land und auf den systematischen Ruin eines wichtigen Bevölkerungsteiles berechnet. Sie gehen von einer falschen Grundauffassung aus, welche die ganze armenische Bevölkerung als verdächtig oder gar feindlich ansieht. Ich stelle gehorsamst anheim, diesem Verfahren entgegenzuwirken.
Mein amerikanischer Kollege bittet, die amerikanische Botschaft, und Dr. Merril bittet im Auftrage der Armenier, das armenische Patriarchat zu benachrichtigen. Der hiesige stellvertretende armenische Bischof ist zum Katholikos nach Sis abgereist.
Rößler.
Inhalt ist am 24. April der amerikanischen Botschaft und dem armenischen Patriarchat mitgeteilt.
25. 4.
Mordtmann.
28.
(KaiserlichesKonsulat Adana.)
Telegramm.
Adana, den 24. April 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Der armenische Katholikos von Sis wünscht einen Bericht über die Vorgänge in Zeitun durch Vermittlung von Konsulat und Botschaft an das Patriarchat in Konstantinopel zu befördern. Deutsche Übersetzung würde mitgesandt werden.[46]Drahtweisung erbeten.
Büge.
Telegramm. Pera, 25./4.An Konsulat Adana.
Antwort auf Tel. v. 24./4. Einverstanden.
Wangenheim.
29.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 24. April 1915.Ankunft, den 25. April 1915.
Der K. Botschafter an Auswärtiges Amt.
Wie Konsulat Erzerum vom 22. drahtet, sind in Wan und Umgebung Armenierunruhen (vermutlich infolge russischer Umtriebe) ausgebrochen.Straßenkampf, Telegraphenlinien sind zerstört. Verbindung mit Persien unterbrochen. Ministerium des Innern hat Richtigkeit bestätigt, bittet aber um vorläufige Geheimhaltung.
Wangenheim.
30.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 24. April 1915.
Auf dem Ministerium des Innern wurde mir — mit der Bitte um vorläufige Geheimhaltung — die Richtigkeit der Meldung aus Erzerum betreffend Armenierunruhen in Wan bestätigt.
Die unliebsamen Vorfälle, wie Angriffe auf Gendarmen etc., hätten sich in der letzten Zeit stark vermehrt und eine schlimme Wendung voraussehen lassen. Zu bewaffneten Zusammenstößen sei es anfangs in den Orten Schatakh und Wostan südlich von Wan gekommen, dann sei in Wan selbst der Aufstand ausgebrochen. Die Armenier hätten auch mit Bomben gearbeitet, und die Gebäude der Dette Publique und der Post seien infolgedessen vernichtet.[47]Bei den Straßenkämpfen hätten die Truppen 20 Tote gehabt. Der Wali Djevdet Bey, der in Anbetracht der Gärung vor kurzem nach Wan zurückgekehrt war (er war vorher in Persien), gehe energisch vor und hoffe, bald Ruhe zu stiften.
Auf die Bemerkung, daß es vor allem darauf ankomme, die Disziplin unter den Truppen aufrecht zu erhalten, um Vorgängen vorzubeugen, die wie Christenmassakres aussehen könnten, meinte mein Gewährsmann ziemlich kleinlaut, daß die in Wan stehenden Truppen aus neu eingezogenen, nicht gut disziplinierten Leuten bestehen und daher Ausschreitungen vorkommen könnten.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
31.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Aufzeichnung.
Unterredung mit Herrn GeneralPosseldtam 26.4.1915.
1. Glaubt, daß die Armenier sich ruhig verhalten würden, wenn sie nicht von den Türken bedrückt und gereizt wären, vielfach sei auch Konkurrenzneid im Spiele. Die Aufführung der Armenier sei tadellos gewesen.
Richtig sei, daß türkische Armenier den Russen bei deren Vordringen gegen Erzerum wiederholt Führerdienste geleistet, auch hätte man solche unter den den Russen abgenommenen Gefangenen gefunden. Dagegen hält er es für ausgeschlossen, daß armenische Mannschaften auf ihre türkischen Kameraden geschossen; man hätte die Armenier stets hinter der Front verwendet.
2. Bestätigt das Treiben des Klubs in Erzerum; die Proskriptionsliste umfaßt 22 Namen von Armeniern. Tahsin Bey, der Wali, hat nach Möglichkeit die Ausführung von Metzeleien verhindert.
Pasdirmadjan wurde umgebracht, weil sein Bruder, früherer Deputierter, im Wilajet Wan, in russischem Interesse gewühlt hatte; er wurde von zwei Soldaten erschossen; die Namen der Mörder wurden anonym den Behörden mitgeteilt, aber trotzdem er, Posseldt, sich für die Sache interessierte, wurden sie nicht ergriffen.
26.4.
Mordtmann.
32.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Erzerum, den 26. April 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Der Armenische Bischof bittet, den dortigen Patriarchen über die Vorgänge in Wan zu informieren.
Scheubner.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Dem Armenischen Patriarchen am 28.4. vertraulich mitgeteilt.
28./4.
Mordtmann.
33.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Erzerum, den 26. April 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Im Anschluß an Telegramm vom 24. April.
Soeben aus Wan eingetroffene Privatnachrichten vom 19. April besagen, daß die Regierung vor Ausbruch der Unruhen angesehene Armenier verhaftet hat, von denen der armenische Notabele Ischkhan mit drei anderen auf dem Transport unter polizeilicher Bewachung ermordet worden ist. Armenischer Stadtteil wurde umzingelt; 250 armenische Häuser sindvernichtet worden. Die Banque Ottomane ist angeblich von Armeniern in die Luft gesprengt worden.[48]
Hier herrscht Ruhe; die armenische Bevölkerung ist jedoch sehr beunruhigt und befürchtet Massakre. Der Bischof hat um den Schutz des Konsulats gebeten.
Scheubner.
34.
KaiserlichDeutsches Konsulat.
Adana, den 26. April 1915.
Anliegender Bericht des armenischen Katholikos nebst deutscher Übersetzung wird gemäß Telegramm der Botschaft vom 25. d. M. der Kaiserlichen Botschaftskanzlei ergebenst übersandt.
(Stempel.)
(In deutscher Übersetzung.)
Adana, den 8./21. April 1915.[49]
An den Hochwürdigen ErzbischofZaven, armenischen Patriarchen in Konstantinopel.
Mit meinem Schreiben vom 7./20. d. M. habe ich Ihnen über die Vorgänge in Zeitun schon kurze Mitteilung gemacht und will hiermit ausführlich darüber berichten mit der Gewißheit, daß dies Schreiben in Ihre Hände gelangen wird.
Zu seiner Zeit habe ich Ihnen schon über die Grausamkeiten und die unmenschlichen Taten des Mutessarrifs von Marasch berichtet. Es dürfte Ihnen schon bekannt sein, wie er, anstatt die Schuldigen zu strafen, die Unschuldigen, ja sogar die Frauen und Kinder mißhandelt und manche davon Repressalien und Schändungen unterworfen hat. Manche Frauen haben infolge der Mißhandlungen Fehlgeburten und einige Gefangene ganze Körperteile verloren gehabt. Regierungsbeamte verhöhnen unseren Glauben und beschimpfen unsere Ehre. Es soll auch Ihnen schon bekannt sein, wie der Mutessarrif nicht nur die ausgelieferten 25 Deserteure, sondern auch mehrere Unschuldige aus dem friedliebenden Volke nach Marasch bringen ließ und alle Mißhandlungen unterwarf. Dies alles ertrug damals das von der Regierung als aufständisch verrufene Volk, um seine Treue gegen das Reich nicht aufzugeben.
Die unerhörten Greueltaten und Mißhandlungen des Kaimakams von Zeitun, Hüssein Hüssni, des Feldwebels Suleiman Bey, des Müfti und der Regierungsbeamten, die nur das Ansehen der Regierung in Mißkredit brachten, hatten nur den Zweck, das friedliche Volk zum Äußersten zu treiben, um derRegierung Anlaß zur Vernichtung zu bieten. Trotz alledem erträgt das Volk alles und versucht hie und da Klagerufe vernehmen zu lassen. Es bittet umsonst um die Entsendung von loyalen unparteiischen Inspektoren. Niemand schenkt dem armen Volk Gehör, und dieser Zustand dauert fort.
Die Frauen versuchten ihre herzzerreißende Lage durch ein Telegramm der Walidé Sultan (der Kaiserin-Mutter) zu schildern, um Gnade zu erhalten. Weil dies ihnen seitens der Regierung verweigert wurde, glaubten sie, daß der Gemeindevorsteher die Schuld daran trüge und demonstrierten.
Einige Deserteure, die sich ins Gebirge geflüchtet hatten, versuchten die Bevölkerung zum gemeinsamen Widerstände zu bewegen. Es wurde ihnen aber von dem friedlichen Volke keine Folge geleistet.
Im Februar beabsichtigte die Regierung die in der Stadt Zeitun lagernden Waffen und Munition nach Marasch zu transportieren. Die Deserteure vernahmen dies Vorhaben und wollten alles in Besitz nehmen. Aber durch das mißbilligende Auftreten der armenischen Notabeln gelang es ihnen nicht, und ihr Vorhaben scheiterte. Am 15./28. Februar wurde diese Absicht der Deserteure festgestellt und am nächsten Tag nach einer einstimmigen Beschlußfassung der Regierung durch den Gemeindevorsteher und den Bürgermeister amtlich mitgeteilt. Die Regierung hatte schon durch die Geheimpolizei von allen Vorgängen Kenntnis gewonnen.
Inzwischen flüchteten sich einige ins Weite, die den barbarischen Greueltaten Haidar Beys ausgesetzt und Augenzeuge des gräßlichen Todes des gefangen genommenen Nazareth Nor Aschkharian gewesen waren. Sechzehn Gendarmen, die für die Festnahme der Deserteure geschickt waren, kehrten zurück, die dann in den umliegenden Ortschaftenneue Greueltatenverübten. Die Gendarmen begegneten während der Rückfahrt den Deserteuren. Nach dem Zusammenstoße flüchteten sich die Gendarmen nach Verlust von 6–8 Mann nach Zeitun zurück.
Die Regierung und die Gendarmerie, erzürnt über den Mißerfolg, verlangten von den Vorgesetzten der Gemeinde die Auslieferung der Deserteure. Die Vorstehenden gaben zu verstehen, daß die Forderung nicht durchführbar sei, nachdem die Bevölkerung ihre Waffen der Regierung abgeliefert habe und machtlos sei gegen die bewaffneten Deserteure.
Am 5./18. März versammelten sich die Notabeln, um die verheerenden Folgen dieser Spannung zu vermeiden. Die Deserteure drangen in die Stadt ein, um der Gendarmerie und der Regierung Herr zu werden. Während dieses Zusammenstoßes, wo die Armenier der Regierung Beistand leisteten, haben die Deserteure einen Verwundeten, aber die Bürger und die Gendarmen 9 Tote gehabt.
Der Mutessarrif von Marasch und der Gendarmeriekommandant eilten mit zwei Kompagnien nach Zeitun und forderten von der Stadt die Auslieferung der von den getöteten Gendarmen eroberten Gewehre. Nach einerBeratung begaben sich der katholische Gemeindevorsteher und der Stadtarzt nach dem Kloster, wohin die Deserteure sich geflüchtet hatten, um sie zur Ablieferung der Gewehre zu überreden, mit dem Versprechen des Kaimakams, ihre Begnadigung zu erwirken.
Anstatt dieses Versprechen zu halten und Friede herbeizuführen, machte der Kaimakam die folgende Deklaration: „Dies ist das 35. Mal, daß die Bewohner von Zeitun sich empören. Die bisherigen Unruhen waren nicht so gefährlich wie jetzt. Die früheren waren wie Familienstreitigkeiten. Jetzt ist das Land von allen Seiten bedroht und jeder muß der Regierung beistehen.“ Diese Forderung ist an und für sich gerecht, aber sie gilt nicht für die Bewohner von Zeitun, weil diese sichniemals empörthaben. Möglich ist, daß sie sich gegen die Irregulären gewehrt und die Überfälle derselben abgewiesen haben. Auch damals hat die Regierung, unter dem Vorwand, den Aufstand niederzuringen, Truppen entsandt. Auch diesmal hat die ungerechte Handlung der böswilligen Regierungsbeamten die jetzige traurige Situation herbeigeführt.
Der Mutessarrif von Marasch und der Kaimakam von Zeitun haben nicht einmal ihr Ehrenwort gehalten, welches sie für die Schonung des Volkes gegeben hatten. In 8–10 Tagen hat man mit einer militärischen Kraft von 4000 Mann und einem rücksichtslosen Kommandanten die Bewohner einschüchtern wollen. An demselben Tage begaben sich auch einige Notabeln aus Marasch nach Zeitun, um die Deserteure zur Ergebenheit zu überreden. Nach einer gemeinsamen Beratung wandten sich die Armenier an den Kommandanten mit dem Ersuchen, die Deserteure, weil sie sich nicht ergeben wollten, durch Gewalt niederzuringen. Der Kommandant verlangte wieder von dem Volke die bedingungslose Auslieferung und Übergabe der Deserteure.
Die Notabeln aus Marasch kehrten heim. Die Regierung ließ dann die Vorräte aus der Stadt in die Kaserne schaffen. Sobald die Nachricht von der Wegschaffung von Regierungspapieren und Büchern in der Stadt zirkulierte, schloß man die Schulen, und die Panik wurde größer. Inzwischen flüchteten die Deserteure in das naheliegende Kloster, wo sie vom Militär belagert wurden. Am 12./25. März beginnt das Bombardement mittels 2 Kanonen. Trotz zahlreicher Schüsse hat man auf diese Weise dem Kloster keinen Schaden zufügen können. Nachdem die Regierung sich überzeugt hatte, daß das Volk sich ruhig verhalte, verengte sie den Umzingelungsgürtel. Die Deserteure erwiderten dann das Feuer und die Zahl der gefallenen Soldaten war beträchtlich. Der Oberst (Bimbaschi) näherte sich dem Klostertor, und in dem Moment, wo die Soldaten das Kloster niederbrennen wollten, fiel der Oberst nebst einigen Soldaten. Bis Abend dauerte der Kampf.
An demselben Tage ersuchten die Stadtbewohner die Regierung, daß sie, um den Deserteuren keine Möglichkeit zur Flucht zu geben, die Umzingelungnicht aufgeben solle, sonst würden sie wieder den Bürgern und dem Militär lästig werden. Trotz des gegebenen Versprechens hob die Regierung die Belagerung des Klosters auf und gab den Deserteuren die Gelegenheit, zu entfliehen. Es ist uns nicht begreiflich, wie es 15–20 Deserteuren gelang, den Belagerungsgürtel von 4000 zu durchbrechen. Wir haben den Verdacht, daß die Regierung absichtlich einige Deserteure frei laufen läßt, damit sie die friedliche Bevölkerung als Mitschuldige der Deserteure angeben und die Verbannungsaktion (expatriation) durchführen könne.
Nach der Flucht der Deserteure setzte man die Regierung davon in Kenntnis mit dem Ersuchen, das Kloster zu schonen, welches Eigentum des ganzen armenischen Volkes sei und wo viele Kostbarkeiten und Heiligtümer aufbewahrt seien. Der Kaimakam, der Müfti und andere Beamte versprachen es, aber das Militär beachtete es nicht und setzte das Kloster in Brand. Trotz der Bitte des Gemeindevorstehers wurden sogar die naheliegenden Wohnstätten der Bauern nicht geschont und wurden niedergebrannt. Angesichts dieser Vernichtung weinte und klagte das Volk um sein Schicksal, und sogar die Steine gaben dem Widerhall.
Am nächsten Tag kam ein Hauptmann aus der Kaserne in die Stadt und begann die Untersuchung, um die verwundeten Deserteure und Waffen zu finden. Er fand einige wertlose Waffen und beim Tschakrian Betros, dessen Sohn ebenfalls desertiert war, ein blutiges Hemd. Er nahm Betros und andere Personen als verdächtig fest und führte sie ins Gefängnis.
Am 25./28. März wurden etwa 30 Notable nach der Kaserne gerufen und dort vom Kaimakam Churschid Pascha zurückbehalten. Ohne ihnen Zeit zu geben, um die allernotwendigsten Reisevorbereitungen zu treffen, schickte man sie samt Frauen und Kindern zunächst nach Marasch. Dort wurden sie in einen Chan interniert, wo die herzzerreißenden Klagerufe der Weiber und der Kinder zum Himmel stiegen.
Auf dem Weitertransport kamen die Armen nach dreitägiger Fahrt in Osmaniyé an, von wo aus sie mit vielen anderen Gefangenen nach Adana transportiert wurden. Man hat sie von hier sofort nach Tarsus geschickt.
Alle diese Verbannten sind treue Untertanen und haben der Regierung in jeder Hinsicht Beistand geleistet. Die Regierung sollte eigentlich diese treuen Untertanen auszeichnen, anstatt dessen gab sie ihnen die härteste Strafe, die Verbannung. Wohin werden diese verschickt? Wovon sollen sie leben? Was wird aus dem Hab und Gut der Verbannten? Was wird aus den Daheimgebliebenen? Wird man auch diese so herdenweise in alle Richtungen der Erde verschicken?
Auch ich habe als Katholikos den Bewohnern von Zeitun immer den Rat gegeben, dem osmanischen Reich treu zu bleiben und den staatsbürgerlichen Pflichten nachzukommen. Sie haben mir Gehorsam gezeigt, und jetzt müssen sie mittellos und nackt herumirren! Das ist der Lohn meiner aufrichtigenBemühungen, und meine Strafe ist noch schwerer. Ich bekomme immer neue Gewissensbisse. Gern möchte ich sterben, weil ich nur im Tode so viele Schmerzen vergessen kann.
Ich kann mich teilweise nur dadurch trösten, daß Dschemal Pascha, an welchen ich telegraphiert hatte, sein Wort gehalten hat und keine Metzelei stattfand.
Nach dem Brand des Klosters ergaben sich ohne Widerstand 190 Deserteure. Diese wurden greulichen Mißhandlungen ausgesetzt, gebunden wie Tiere und unter Knutenhieben nach Damaskus geschickt. Einer von ihnen fand unterwegs den Tod. Was aus den anderen werden wird, weiß ich nicht.
Soviel habe ich bis jetzt erfahren und Ihnen berichten können. Gott soll uns vor den kommenden Übeln schützen! Ich bin jetzt moralisch und physisch ganz machtlos.
Meine 12 jährige Dienstzeit ist mir eine ewige Zeit des Kummers und der Trauer geworden. Wäre ich kein Christ, würde ich dem Tag fluchen, wo ich zur Welt kam, oder vielmehr dem, da ich zu diesem schweren, verantwortungsvollen Amt berufen wurde!
Sahak,Katholikos von Cilicien.
35.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 27. April 1915.
An Auswärtiges Amt, Berlin.
Wie das Konsulat Erzerum unter dem 24. April telegraphiert, ist der Aufruhr in Wan nach amtlicher Mitteilung unterdrückt[50]. Hierbei seien ungefähr 400 Armenier getötet worden, die übrigen seien nach Rußland entflohen.[51]Angeblich hätten sich auch Kurden am Aufstande beteiligt, um sich für die Hinrichtung ihrer Scheiche in Bitlis 1914 und die Bedrückung durch die Regierung zu rächen.[52]
Wangenheim.
36.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 28. April 1915.
An Deutsches Konsulat, Erzerum.
Eine Verwendung Ihrerseits für die Armenier wird darauf auszugehen haben, Ausschreitungen des Pöbels wie Massakres und Plünderungen zu verhindern und auf ein regelrechtes Verfahren gegen die politisch verdächtigen Personen hinzuwirken. Hierbei wäre der Schein, ab ob wir ein Schutzrecht über die Armenier ausüben und in die Tätigkeit der Behörden eingreifen wollen, zu vermeiden und dies eventuell auch den Behörden gegenüber zu betonen. Vertraulich: Die hiesigen Behörden haben dieser Tage mehrere Hundert armenische Notabeln verhaftet und nach Anatolien verschickt, angeblich weil sich Anzeichen für eine revolutionäre Bewegung gezeigt haben.
Wangenheim.
37.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 30. April 1915.
Über die Vorgänge in Wan meldet der Kaiserliche Konsul in Erzerum nachträglich auf Grund von Nachrichten aus Wan vom 19. April, daß die dortigen Behörden vor Ausbruch der Unruhen eine Anzahl Armenier verhaften ließen, von denen drei während des Transportes unter polizeilicher Bedeckung ermordet wurden; unter diesen befand sich auch ein gewisser Ischkhan, der sich früher ab Freischärler hervorgetan hat. Während des Kampfes wurde das Armenierviertel umzingelt; 250 Häuser wurden zerstört, darunter das Gebäude der Zweigniederlassung der Banque Ottomane, das von den Armeniern in die Luft gesprengt worden sein soll.[53]
Der Minister des Innern teilte am 28. d. M. dem ersten Dragoman mit: „In Wan sei das Schlimmste überstanden; es sei dort zu einem regelrechten Kampfe gekommen, und die Verluste auf beiden Seiten seien beträchtlich gewesen; über 400 Armenier seien umgekommen, aber auch die Truppen hätten mehrere Hundert Mann verloren. Die Disziplin sei jedoch aufrecht erhalten worden, so daß man nicht von Massakres reden könne. Daß zwischen den Armeniern und Russen enge Beziehungen bestanden, könne als einwandfrei festgestellt gelten.[54]Gleichzeitig mit der Bewegung dort hätte auch eine verstärkte militärische Aktion im Kaukasus eingesetzt.“
Wan, mit einer armenischen Bevölkerung von etwa 20000 Seelen, war schon seit Jahren ein Hauptzentrum der Partei Daschnakzutiun. In dem Bericht, den sie im Jahre 1910 dem internationalen Sozialistenkongreß in Kopenhagen erstattet hat, wird ihre Tätigkeit in den Provinzen Bitlis und Wan geschildert. „In diesen“, heißt es in dem Bericht, „hatten wir bis 1908 die ganze waffenfähige Landbevölkerung, welche in politische Gruppen organisiert war, unter unserer Fahne... Diese Tätigkeit war wesentlich eine politische und revolutionäre. Sie dauert heute fort, aber schon in offener Weise. In allen Zentren des türkischen Armeniens hat unsere Partei ihre Scharen von Fidais, deren Zweck ist, darüber zu wachen, daß die Reaktion nicht wieder den Kopf erhebe.“ An einer anderen Stelle wird erwähnt, daß im Jahre 1908 in Wan mehr als 1000 Gewehre, eine Million Patronen und Massen von Explosivstoffen angesammelt waren, die damals von der Regierung beschlagnahmt wurden.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
38.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 30. April 1915.
In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag den 25. d. M. und von Sonntag auf Montag den 26. d. M. haben hier zahlreiche Verhaftungen von Armeniern stattgefunden. Im ganzen sollen an 500 Personen aus allen Gesellschaftsklassen festgenommen sein, namentlich Ärzte, Journalisten, Schriftsteller, Geistliche, auch einige Deputierte. Das Lokal der Zeitung Azadamart, Organ der Partei Daschnakzutiun, der viele von den Verhafteten angehörten, wurde behördlich gesperrt. Die meisten wurden in den folgenden Tagen nach dem Innern von Klein-Asien verschickt.
Über die Ursachen dieser Maßregeln waren im Publikum allerlei unkontrollierbare Gerüchte verbreitet. Unter anderem hieß es, daß man in armenischen Häusern und Kirchen Explosivstoffe, Bomben und Waffen entdeckt habe, und daß die Armenier für den Tag des Thronbesteigungsfestes (27. d. M.) Anschläge auf die Pforte und andere öffentliche Gebäude geplant hätten.
Als der Armenische Patriarch beim Großwesir und beim Minister des Innern nach den Gründen dieser Massenverhaftungen fragte, wurde ihm erwidert, daß die Organisation der armenischen Bevölkerung zu politischen Parteien im gegenwärtigen Augenblick von einzelnen einflußreichen Persönlichkeiten ausgenützt werden könnte, um die öffentliche Ruhe zu stören, und daß es im Interesse des Staatswohls geboten erscheine, solchen Eventualitäten durch Entfernung der leitenden Persönlichkeiten aus der Hauptstadt vorzubeugen.
Der Minister des Innern äußerte gegenüber dem ersten Dragoman folgendes:
Die Regierung sei jetzt entschlossen, dem bisherigen Zustand ein Ende zu bereiten, wonach jede Religionsgemeinschaft ihre besondere „Politik“ mache und hierzu besondere politische Vereinigungen gründen und unterhalten könne.[55]In der Türkei solle künftig nur „osmanische Politik“ gemacht werden.
Unter den hiesigen Armeniern befänden sich eine Reihe von politisch nicht ganz sicheren Persönlichkeiten; sie seien natürlich gerade unter den tätigen Mitgliedern der Klubs und Redaktionen zu suchen. Die Besorgnis sei nicht von der Hand zu weisen, daß im Falle einer ungünstigen Wendung des Krieges diese Elemente die Gelegenheit zu Unruhestiftungen ergreifen könnten. Der Augenblick schien günstig, alle diese Verdächtigen aus der Hauptstadt zu entfernen. Unter den Verschickten gebe es sicher viele, die in keiner Weise schuldig seien. Dies leugne die Regierung nicht, und er — Talaat — werde aus eigenem Antrieb und ohne daß es hierzu einer Intervention bedürfe, diesen die Erlaubnis zur Rückkehr erteilen.
Die Behauptung, es lägen Beweise vor, daß für den Tag des Thronbesteigungsfestes ein Putsch beabsichtigt gewesen sei, erklärte Talaat Bey für unzutreffend.
Die Vorgänge in Wan und die in diesen Tagen erfolgten Angriffe der Russen auf den Bosporus und der vereinigten Franzosen und Engländer auf die Dardanellen dürften nicht ohne Einfluß auf die Entschließungen der Regierung gewesen sein.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
39.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum den 30. April 1915.Ankunft in Pera den 1. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wie aus Erzingian berichtet wird, verübten der dortige Mutessarrif und die Gendarmerie Ausschreitungen und schwere Bedrückungen gegen die armenischen Bewohner.
Hier herrscht Ruhe. Die vorgenommenen Verhaftungen erschweren es, Nachrichten aus Wan zu erhalten.
Scheubner.