Mai.40.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 3. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 4. Mai 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Die aus Zeitun und Umgegend verbannten Armenier werden auf wenigstens tausend, vielleicht mehrere tausend geschätzt. Sie sollen durch muhammedanische Flüchtlinge aus Mazedonien ersetzt werden.Die Aktion geht weiter. In Aintab sind neuerdings Verhaftungen, in Aleppo Haussuchungen vorgenommen worden.Rößler.41.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Abgang aus Erzerum, den 4. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 6. Mai 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Die Kämpfe in Wan zwischen den Truppen und Armeniern dauern an. Auf türkischer Seite wurden in den letzten Tagen ungefähr 200 Tote und doppelt so viel Verwundete gezählt. Hier wurden gegen 200 Verhaftungen vorgenommen. Die Furcht vor einem Massaker dauert an. Der Wali glaubt im Besitz von Beweisen für eine Konspiration eines Teiles der hiesigen Armenier zu sein. Die Entscheidung dürfte in den nächsten Tagen fallen. Ich glaube, daß es hier möglich sein wird, Massakres zu vermeiden.Scheubner.42.(Deutsches Waisenhaus.)Mamuret-ul-Aziz, den 5. Mai 1915.Ew. Exzellenz!Da in diesem Wilajet kein deutscher Konsul ist, ersuche ich Ew. Exzellenz um Entschuldigung, wenn ich mir erlaube, über die hiesigen innerpolitischen Verhältnisse kurz zu berichten.Seit einigen Tagen werden in den christlichen Häusern der Stadt und Umgegend strenge Haussuchungen gehalten, der Regierung verdächtig erscheinende Personen verhaftet und die Leute zur Ablieferung ihrer Waffen aufgefordert.Diese Maßnahmen der Regierung scheinen im Zusammenhang mit Vorgängen in Wan und Diarbekr zu stehen und auf Anweisung der Zentralregierung angeordnet worden zu sein.Die gesamte christliche Bevölkerung ist dadurch in große Unruhe versetzt worden und befürchtet das schlimmste.Durch meinen 18 jährigen Aufenthalt an diesem Ort die Verhältnisse genau kennend, möchte ich die Aufmerksamkeit Ew. Exzellenz auf die Tatsache lenken, daß, wenn auch die hiesige Bevölkerung zum Teil sich in Privatgesprächen manchmal unzufrieden über die türkische Regierung geäußert hat, und wenn auch die Sympathien mancher Christen in diesem Krieg auf Seiten des Dreiverbands waren, trotz alledem weitaus die große Masse der Bevölkerung dieses Wilajets der Regierung gehorsam ist und die Christen hier im entferntesten nicht daran denken, sich gegen die Regierung aufzulehnen.Die christliche Mannschaft von 20–45 Jahren hat sich ohne Schwierigkeiten zum Heeresdienst gestellt, und bei Requirierungen von Lebensmitteln wie auch bei der Unterstützung des „Roten Halbmonds“ kam die christliche Bevölkerung soweit als möglich der Regierung entgegen, so daß ich es für meine Pflicht halte, für die Christen hier um Schonung zu bitten.Der wohlgesinnte Generalgouverneur, mit dem ich eben in freundschaftlicher Weise über die Angelegenheit sprach, hofft, daß es hier zu keinen ernsten Ereignissen kommen wird und versichert mich, daß er alles tun wird, um die Angelegenheit in friedlicher Weise zu ordnen. Er ist ebenfalls von dem friedliebenden und regierungstreuen Charakter der hiesigen christlichen Bevölkerung überzeugt. Doch besteht die Gefahr, daß starke armenierfeindliche Elemente die Oberhand bekommen und zum schlimmsten schreiten, so daß ich Ew. Exzellenz im Interesse der Menschlichkeit ersuche, die nötigen Schritte zur Aufklärung der Türkischen Zentralregierung über die hiesigen Verhältnisse tun zu wollen.VerehrungsvollJohannes Ehmann.An Seine Exzellenz, Freiherr von Wangenheim,Botschafter Seiner Majestät des Deutschen Kaisers.43.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 6. Mai 1915.Ankunft den 6. Mai 1915.Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.Laut Telegramm des Konsulats Erzerum vom 4. Mai haben in Wan dieser Tage erneut Kämpfe mit Armeniern stattgefunden. Türkische Truppen verloren dabei 600 Mann an Toten und Verwundeten. In Kaisarié und Diarbekr wurden größere Bombenvorräte entdeckt.[56]Die Regierung hat umfassende Vorsichtsmaßregeln gegen Umsichgreifen der armenischen Bewegung im Innern angeordnet. In Erzerum ist Verhaftung von 200 Personen erfolgt, Deportation der Armenier aus den größeren Ortschaften dauert fort. Sie werden durch muhammedanische Einwanderer ersetzt.Wangenheim.44.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 8. Mai 1915.Trotz der Bemühungen der armenischen Kreise, die Bedeutung der in den letzten Wochen an verschiedenen Stellen ausgebrochenen Unruhen abzuschwächen oder die Schuld den Maßnahmen der türkischen Behörden zuzuschieben, mehren sich doch die Anzeichen dafür, daß diese Bewegung weiter verbreitet ist, als bisher angenommen wurde, und daß sie vom Ausland mit Hilfe der armenischen Revolutionskomitees gefördert wird.Die bereits gemeldeten Kämpfe in Wan, bei denen die Aufständischen zeitweilig sogar die Oberhand gehabt zu haben scheinen, deuten darauf hin, daß die dortige armenische Bevölkerung ausreichend mit Waffen und Sprengstoffen versehen war; unter den Toten wurden nach Mitteilung der türkischen Behörden vielfach Individuen in russischer Kleidung gefunden, und es wird auch von den Armeniern nicht geleugnet, daß einer ihrer Landsleute, ein gewisser Pasdirmadjian, dort in russischem Interesse stark gewühlt hat. Dieser gefährliche Agitator war seinerzeit durch das von ihm geleitete Attentat auf die hiesige Banque Ottomane auch in weiteren Kreisen bekannt geworden, kehrte dann nach Wiedereinführung der Konstitution hierher zurück, ward Abgeordneter und ging später, weil er nicht wieder gewählt wurde, nach Rußland. Nach den letzten Nachrichten (vom 8. d. M.) ist es armenischen Freischärlern mehrfach gelungen, sich von Wan aus mit den Russen zu vereinigen.[56]Über die in Kaisarié gefundenen Bomben gibt das armenische Patriarchat an, daß ein aus Amerika zurückgekehrter Armenier, der sich inEverek bei Kaisarié niedergelassen hatte, sich mit ihrer Herstellung beschäftigte, und nachdem er drei verfertigt hatte, bei der vierten verunglückte; die drei fertigen Bomben wurden von seinen Landsleuten versteckt, aber von der Polizei, die durch Zufall von der Sache erfuhr, entdeckt; bei weiteren Nachforschungen kamen 24 leere, noch nicht geladene Hülsen, unter dem Ziegeldache der dortigen armenischen Kirche, zutage. Dies trug sich Anfang Februar zu. Seitdem scheinen noch weitere Funde von Bomben gemacht worden zu sein; der Minister des Innern gab kürzlich die Zahl der in Kaisarié gefundenen Bomben auf 400 an, außerdem seien solche auch in Diarbekr zutage gefördert und nach Wan geschickt worden, um dort im Kampf mit den Aufständischen verwendet zu werden[57].Daß die armenische Bevölkerung in den östlichen Provinzen über Waffen verfügt, wird von den Armeniern zugegeben; angeblich sollen diese Waffen zur Abwehr gegen die räuberischen Überfälle durch Kurden und anderes Gesindel dienen; es läßt sich vermuten, daß sie in der Hauptsache von den armenischen Revolutionskomitees schon vor längerer Zeit dort angesammelt worden sind[58].Die Behörden nehmen bestimmt an, daß auch die Armenier von Zeitun durch fremde Umtriebe zum bewaffneten Widerstande gegen die Regierung aufgestachelt worden seien[59].Es läßt sich nicht leugnen, daß die armenische Bewegung in den letzten Wochen einen besorgniserregenden Charakter angenommen hat, der die Regierung zu scharfen Repressivmaßregeln veranlaßt hat.Die Massenverhaftungen hier und anderwärts, wie z. B. in Erzerum, wo der Wali Beweise für eine armenische Verschwörung in Händen zu haben glaubt, in Aintab usw. richten sich gegen die Komitees, die auf diese Weise ihrer Führer beraubt werden, in erster Linie gegen die Partei Daschnakzutiun.Hier in der Hauptstadt ist vor einigen Tagen die gesamte Bevölkerung aufgefordert worden, die in ihrem Besitz befindlichen Waffen aller Art abzuliefern.Bei der Erregung, die sich auch der muhammedanischen Bevölkerung bemächtigt hat, werden Bedrückungen der ruhigen Elemente und Ausschreitungen seitens der Unterbehörden nicht zu vermeiden sein. Aber trotz der vielfach herrschenden Besorgnisse ist es bisher zu keinen Massakers gekommen, weder in Zeitun, noch in Marasch, noch in Aintab, noch in Erzerum, und es wird der Regierung auch wohl in Zukunft möglich sein, solche zu verhindern.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.45.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Abgang aus Erzerum, den 9. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 10. Mai 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Unruhen in Wan andauern noch immer. Türken haben bis jetzt rund 1000, Armenier 3000 Tote[60].Hier kürzlich weitere verhaftet, einige 30 sollen verschickt werden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sie unterwegs ermordet werden.Scheubner.46.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 10. Mai 1915.Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.Auf Grund der Mitteilung des Walis von Mossul vom 8. Mai telegraphiert dortiges Konsulat:Christliche Bevölkerung der Provinz Wan befindet sich seit mehreren Tagen im Aufruhr. Armenier überfielen muhammedanische Dörfer bei Wan, angriffen vergeblich Zitadelle Wan. Schwache türkische Garnison verlor 300 Mann bei Abwehr Angriffe. Stadt selber, in der täglich Straßenkämpfe, größtenteils in Händen der Aufrührer. Aufstand besonders heftig im Bezirk Schatakh bei Wan. Nestorianer-Stamm der Tiari im Bezirk Baschkalé erhob sich gleichzeitig, 2000 gut bewaffnete Tiari überfielen muhammedanische Dörfer und verschanzten sich nördlich von Djulamerk. Nach Wan und Baschkalé sollen Truppenverstärkungen unterwegs sein.Wegen Schicksals deutschen Waisenhauses Wan telegraphiert Botschaft direkt an Prediger Spoerri.Wangenheim.47.KaiserlichDeutsches Konsulat.Aleppo, den 10. Mai 1915.Seitdem ich von Marasch zurückgekehrt bin, haben neueren Nachrichten zufolge die Verbannungen aus Zeitun und den umliegenden Dörfern größeren Umfang angenommen. Ferner haben nach einem Telegramm des Missionars Blank vom 9. d. M. die Verschickungen jetzt auch aus Marasch begonnen.Die Liegenschaften der Verbannten werden von einer dazu eingesetzten Kommission abgeschätzt und sollen ihnen vergütet werden. Doch wird abzuwarten sein, ob diese Absicht der Regierung auch ausgeführt werden wird. Die Wiederansiedlung soll im Wilajet Konia und anscheinend in Zor erfolgen. Wird die Behandlung aber so fortgesetzt, wie Blank sie schildert, so werden die Überwandernden, soweit sie nicht ihr Leben einbüßen, elend und krank ankommen, und nicht mehr die Fähigkeit haben, sich wirtschaftlich wieder aufzurichten. An Stelle der Verbannten werden muhammedanische Flüchtlinge aus dem Balkan in Zeitun und Umgegend angesiedelt.Inzwischen habe ich weiter in Erfahrung zu bringen gesucht, worauf sich die Ansicht der Regierung von einer weit verbreiteten armenischen Verschwörung stützt. NureineTatsache aber ist mir bekannt geworden. Nämlich eine mit Armeniern in enger Fühlung stehende und gut über sie unterrichtete neutrale Persönlichkeit hat mir erzählt, es seien im Beginn von Einwohnern von Dörtjol Briefe nach Zeitun abgeschickt worden, daß der Moment zu einer Empörung günstig sei. Verbindung mit den englischen Kriegsschiffen sei hergestellt. Ob die Briefe ihre Bestimmung erreicht haben, ist meinem Gewährsmann nicht bekannt. Bewiesen wäre also damit, wenn überhaupt mein Gewährsmann gut unterrichtet war, eine Aufforderung zur Empörung. Wie sich die Adressaten zu dieser Aufforderung verhalten haben, ist nicht bekannt. Sind von englischer Seite die Adressen von Mitgliedern der Wohltätigkeitsgesellschaft, die ja in Ägypten zu haben waren, zu englischen Zwecken gebraucht worden, so müßte von türkischer Seite gerechterweise vor Bestrafung der Adressaten der Beweis illoyaler Gesinnung oder illoyaler Handlungen derselben erbracht werden. Dieser ist aber offenbar nicht für nötig erachtet worden. Auch im übrigen scheint die Regierung die Verschwörung mit dem Vergrößerungsglase betrachtet zu haben. Ich bin der Überzeugung, daß die ganz überwiegende Mehrheit der Verbannten unschuldig leidet. — Die Mitglieder der Wohltätigkeitsgesellschaft haben stets offen gegenüber der Regierung gehandelt. Dafür müssen sie jetzt büßen. Die Regierung scheint auch auf dem mittelalterlichen Standpunkt zu verharren, daß für die Tat eines einzelnen oder einiger weniger Solidarhaft eines ganzen Volkes besteht. Denn ihre Maßregeln gehen auf Vernichtung der Armenier in ganzen Bezirken hinaus. Alle Armenier von Besitz, Bildung oder Einfluß sollen beseitigt werden, damit nur eine führerlose Herde zurückbleibt. Sie läuft Gefahr, das Vertrauen zu untergraben, daß es für die Armenier in Zukunft möglich sein wird, mit ihr auszukommen, und schafft dadurch selbst den Boden für Verwicklungen.Gleichen Bericht lasse ich dem Herrn Reichskanzler zugehen.Rößler.Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen BotschafterHerrn Freiherrn von Wangenheim.48.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 10. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 11. Mai 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Bisher waren nur Armenier aus Zeitun und umliegenden Dörfern verbannt worden, jetzt werden auch Familien aus Marasch weggeführt.Rößler.49.(KaiserlichesKonsulat Mossul.)Telegramm.Abgang aus Mossul, den 14. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 14. Mai 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Wie Halil Bey gestern dem hiesigen Wali aus Urmia gedrahtet hat, marschiert er mit einem Teil seiner Truppen über Ghever-Baschkalé nach Wan.Lage scheint sich dort verschlimmert zu haben.Verbindung mit Wan von hier seit neun Tagen unterbrochen. Bitte daher gehorsamst telegraphische Nachricht über die Lage in Wan.Holstein.50.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 15. Mai 1915.An Deutsches Konsulat, Mossul.Wie Minister des Innern heute bestätigte, dauert Kampf in Wan fort. Er fügte hinzu, daß sich russische Streitkräfte Wan nähern. Telegraphische Verbindung zwischen hier und Wan soll noch bestehen.Wangenheim.51.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Erzerum, den 15. Mai 1915.Eingetroffen: Konstantinopel, den 27. Mai 1915.Euerer Exzellenzerlaubte ich mir bereits in meinen Telegrammen vom 26. und 30. April, 4. und 9. Mai über die Armenierunruhen in Wan und die Erregung im hiesigen Gebiet zu berichten.Ich halte es für angezeigt, diesen telegraphischen Berichten folgendes hinzuzufügen:Der äußere Anlaß zu den Unruhen in Wan ist, wie ich bereits berichtete, die Verhaftung und Ermordung einiger armenischer Notabeln, insbesondereIschkhansund des armenischen Deputierten von Wan,Wramiangewesen, die sich unter den Armeniern eines großen Ansehens erfreuten.Ob dieses Vorkommnis im Einverständnis mit den dortigen Behörden geschehen ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls mußte sich aber die Regierung darüber klar gewesen sein, daß dadurch der letzte Anstoß gegeben wurde, die schon seit langem, besonders aber seit Kriegsausbruch gärende Erregung, die nur noch von den Führern niedergehalten werden konnte, zum Ausbruch zu bringen.Nicht nur in Wan und dessen Umgebung, also den Grenzgebieten gegen Rußland, und den hiesigen, durch Requisitionen und Truppenansammlungen besonders in Mitleidenschaft gezogenen armenischen Gebieten, sondern auch in den mehr im Innern gelegenen armenischen Orten machte sich eine starke Unzufriedenheit bemerkbar. An vielen Stellen waren seit langem Waffen angesammelt worden, anfänglich wohl nur zu Zwecken der Selbstverteidigung bei einem eventuellen Massakre, später wohl auch für einen bewaffneten Aufstand.Daß von türkischer Seite in der Behandlung der Armenierfrage andauernd Fehler gemacht worden sind, ist Euerer Exzellenz ja zur Genüge bekannt, desgleichen, daß diese Fehler von russischer Seite schon lange vor dem Krieg zu einer planmäßigen Verhetzung ausgenutzt wurden.Besonders Wan und das dortige russische Konsulat war von jeher ein Brennpunkt russischer Wühlarbeit, die um so ungestörter ins Werk gesetzt werden konnte, als eine ein Gegengewicht bildende deutsche Vertretung dort nicht vorhanden war. Das junge Konsulat von Erzerum konnte, schon infolge der Entfernung, seinen Einfluß nicht in genügendem Maße dorthin erstrecken; eine Einflußnahme in der jetzigen Zeit, die hier die vollste Aufmerksamkeit erfordert, erscheint ausgeschlossen. Zurzeit ist zudem auch die Verbindung mit Wan unterbrochen.Während die hiesigen armenischen Kreise infolge der besseren Postverbindung und der Tätigkeit des hiesigen Konsulats (Nachrichtenhalle,Lesesaal, Zeitungsartikel, Anschläge über die Kriegslage) über die allgemeine Weltlage und die Mißerfolge der Russen auf den europäischen Kriegsschauplätzen orientiert sind, dürfte diese Orientierung in Wan gefehlt haben. Die dortigen Armenier, die sich den türkischen Veröffentlichungen gegenüber naturgemäß mißtrauisch verhalten, schöpfen ihre sonstigen Nachrichten nur aus russischen, keineswegs ungetrübten Quellen, und erhalten somit, wie so manches andere Volk der Welt, ein völlig falsches Bild der Lage in Europa. Ein Grund mehr, die schon früher vorhandene Zuneigung zu Rußland in einem Aufstand kund zu tun.Wie Euerer Exzellenz bekannt, sahen die Armenier der Türkei seit jeher in Rußland ihren natürlichen Beschützer, und hat Rußland ja auch stets dieses Schutzrecht für sich in Anspruch genommen und ausgenutzt. Die Tatsache, daß sich die russischen Armenier, abgesehen von der größeren Sicherheit ihres Lebens, auch in besseren wirtschaftlichen Verhältnissen befinden, übt auf die große Masse gleichfalls eine bedeutende Anziehungskraft aus. Demgegenüber blieb die Erwägung, daß eine stärkere Einflußnahme Rußlands die Gefahr der Entnationalisierung mit sich bringen müßte, nur auf die geistigen Führer der Armenier beschränkt. Auch unter den letzteren haben sich zwei Richtungen gebildet: die eine stellt die Bewahrung nationaler Eigenart, die nur in der Türkei möglich, in den Vordergrund, die andere wirtschaftliche Interessen und religiöse Gemeinschaft.Der deutsche Einfluß war bisher unter den Armeniern gering. Von Deutschland und den Deutschen wußten nur wenige gebildete Armenier. Soweit mir bekannt, machen hierin nur die ehemaligen Zöglinge der Sanassarian-Schule — die vor einigen Jahren nach Siwas verlegt wurde, in Befürchtung einer Besitzergreifung von Erzerum durch Rußland! — eine Ausnahme. Und das auch nur soweit, als sie ihre Hochschulstudien in Deutschland betrieben. Der größere Teil der armenischen gebildeten Jugend erhielt seine Ausbildung in französischen Schulen und später in Frankreich und Rußland. Unter dem Volk bestanden bei Ausbruch des Krieges sogar Zweifel darüber, ob die Deutschen Christen seien, da sie sich mit den Türken verbündet hätten. Die Tatsache, daß Deutschland schon Freund der absolutistischen Türkei war, unter deren Herrschaft die Armenier so viel gelitten, erfüllt sie noch jetzt mit Mißtrauen. Die Schuld am Kriege wird gleichfalls dem Einfluß Deutschlands beigemessen, und die durch denselben hervorgerufenen wirtschaftlichen Schäden werden von dem auf Wahrung und Mehrung seines Besitzes stark bedachten Volk besonders unangenehm empfunden.Die allgemeine Stimmung der Armenier den Deutschen gegenüber war somit bei Ausbruch des Krieges wenig freundschaftlich, hat sich aber im Laufe der letzten Monate sichtlich geändert. Dazu mag der deutsche Waffenerfolg auf allen Schlachtfeldern und die Anwesenheit deutscher Offizierein Erzerum ein Teil beigetragen haben. Besonders jedoch machte sich dieser Umschwung bemerkbar, als die hiesigen Armenier gewiß zu sein glaubten, daß — es war etwa Mitte März — der Ausbruch eines Massakres nur durch die Anwesenheit und Tätigkeit des hiesigen Konsulats verhindert worden sei. Der armenische Bischof sprach denn auch wiederholt General Posseldt und mir seinen Dank für den Schutz der Armenier aus.Zur hiesigen Lage, wie sie sich zurzeit darbietet, bemerke ich, daß ein Aufstand der Armenier Erzerums und seiner näheren Umgebung nicht anzunehmen ist, trotz der geringen hier vorhandenen türkischen Streitkräfte. Die weiter zur russischen Grenze hin gelegenen armenischen Ortschaften sind von ihren Bewohnern längst verlassen; letztere sind teils nach Rußland geflohen, wo sie in den Reihen der russischen Truppen — wie auch bei Wan — gegen die Türken kämpfen sollen, teils kamen sie nach Erzerum. Einzelne Vorkommnisse, wie bewaffneter Widerstand bei Requisitionen in entlegenen Dörfern, Ermordung von Türken, die die Auslieferung armenischer Mädchen und Frauen verlangten, Zerschneiden und Störung von Telegraphen- und Telephonlinien, Spionage, sind Erscheinungen, die während des Krieges in einem Grenzgebiet mit gemischter Bevölkerung nichts Außergewöhnliches darstellen.Die ruhige Haltung der hiesigen Armenier ist meiner Meinung nach bedingt durch1. die schon erwähnte bessere Orientierung über die allgemeine Weltlage, die sie auf einen „raschen Sieg“ der Russen nicht mehr hoffen läßt;2. die vernünftige Stellungnahme der hiesigen Regierung, welche krasse Fälle von Bedrückungen bis jetzt vermieden hat.Außer der Ermordung des Pasdirmadjan, Direktors der Banque Ottomane, im Februar, sind Fälle von politischen Morden hier nicht vorgekommen. Der Wali Tahsin Bey hat aus seiner früheren Tätigkeit in Wan in der Behandlung der Armenierfrage große Erfahrungen und vertritt, im Gegensatz zu einigen militärischen Kreisen, die den Augenblick der Abrechnung mit den Armeniern für gekommen halten, einen maßvollen Standpunkt. Die Maßregeln der Regierung haben sich bis jetzt auch nur auf Haussuchungen und Verhaftungen beschränkt. Von den Verhafteten ist die Mehrzahl wieder freigelassen worden, einige sollen ins Innere des Landes verschickt werden. Die Haussuchungen haben, soweit mir bekannt, belastendes Material nicht ergeben. Diese Haltung der Regierung trägt viel zur Beruhigung der Armenier bei. Auch der Ausbruch eines Massakres ist hier kaum anzunehmen, es sei denn, daß Mißerfolge an der Front die türkischen Truppen zu einem Rückzuge nach Erzerum nötigen würden. Ich habe nicht versäumt, dem Gedanken einer „Abrechnung“ überall energisch entgegenzutreten und auf die üblen Folgen innerer Unruhen in der Türkei in der jetzigen Zeit hinzuweisen.Die Anwesenheit und Tätigkeit des Konsulats, verbunden mit dem guten Nachrichtendienst desselben, dürfte somit nicht wenig zu der bisherigen ruhigen Haltung der hiesigen Türken und Armenier beigetragen haben.von Scheubner-Richter.Seiner Exzellenz dem Herrn BotschafterFreiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.52.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Erzerum, den 15. Mai 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Aus den umliegenden Dörfern werden die Armenier ausgewiesen und nach dem Etappengebiet verschickt. Die Bevölkerung ist dadurch sehr beunruhigt.Scheubner.53.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Erzerum, den 16. Mai 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Die Maßnahmen der Verschickung der gesamten armenischen Bevölkerung der hiesigen Umgebung nach Mamachatun etc. sind auf Befehl des Armee-Oberkommandos getroffen und mit militärischen Rücksichten begründet worden.Da die männlichen Armenier zur Dienstleistung in Arbeitsbataillonen eingezogen sind, werden hauptsächlich Frauen und Kinder fortgetrieben, wobei sie ihre Habe zurücklassen müssen. Da ein Aufstand der hiesigen Armenier nicht zu erwarten ist, ist diese Maßnahme grausamer Ausschließung unbegründet and ruft Erbitterung hervor. Die Zivilverwaltung ist unbeteiligt und weist auch jede Verantwortung für die daraus entstehenden Folgen von sich.Scheubner.54.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Abgang aus Erzerum, den 17. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 18. Mai 1915.Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Mit Bezug auf Tel. v. 16. 5.Der armenische Bischof bittet Eure Exzellenz, den Patriarchen über die hiesige Lage informieren lassen zu wollen.Scheubner.55.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)20. Mai 1915.Notiz.Heute dem Patriarchen Mitteilung gemacht; er hatte keine Nachrichten von Erzerum. Stellte ihm anheim, daß, falls er seinerseits Schritte täte, er sich ans Kriegsministerium wenden sollte.Mordtmann.56.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 18. Mai 1915.Ankunft den 19. Mai 1915.An Auswärtiges Amt.Meldung des Konsulats Erzerum vom 17. d. M.Wan ist von Russen besetzt, militärische Situation für Türken ungünstig. Armenier sollen sich Russen angeschlossen und Muhammedaner massakriert haben, 80000 Muhammedaner auf Flucht nach Bitlis sein.Wangenheim.57.(KaiserlichesKonsulat Mossul.)Telegramm.Abgang aus Mossul, den 18. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 20. Mai 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Oberherr der Nestorianer Mar Schimun in Kotschanes teilte mir mit, antichristliche Bewegung im Bezirk Amadia wachse täglich, Muselmanen dort planten allgemeine Christenmassakres und hätten teilweise schon damitbegonnen. Der hiesige Chaldäische Patriarch machte mir heute gleiche Mitteilung.Wali gibt Tatsache zu, und scheint mir diese Bewegung wenn nicht gerade zu schüren, so doch nicht energisch genug zu hemmen, was sehr unklug ist. Wenn er kurdische Scheichs beeinflussen wollte, wäre Hemmung unschwer möglich.Stelle anheim, dahingehende Order an den Wali erwirken zu wollen.Holstein.58.(KaiserlichesKonsulat Adana.)Telegramm.Abgang aus Adana den 18. Mai 1915.Ankunft in Pera den 18. Mai 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Die gesamte armenische Bevölkerung im Wilajet Adana ist durch das Vorgehen der Regierung aufs äußerste geängstigt. Hunderte von Familien sind verbannt worden, die Gefängnisse sind überfüllt. Heute früh haben wieder mehrere Hinrichtungen stattgefunden.Durch ihr barbarisches Vorgehen schädigt die Regierung offensichtlich die Interessen des Landes. Die Deutsche Orientbank, die insbesondere erheblich geschädigt ist, bat mich dafür einzutreten, daß die Verschickung der Armenier eingestellt werde.Büge.59.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Abgang aus Erzerum den 18. Mai 1915.Ankunft in Pera den 18. Mai 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Das Elend unter den vertriebenen Armeniern ist fürchterlich. Frauen und Kinder lagern zu Tausenden ohne Nahrung um die Stadt herum. Die zwecklose Vertreibung ruft die größte Erbitterung hervor.Darf ich deswegen bei dem Oberkommandierenden Schritte unternehmen?Scheubner.60.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Pera, den 19. Mai 1915.Telegramm.An Deutsches Konsulat, Erzerum.Auf das Telegramm vom 18. d. M.Sie sind unter den dargestellten Umständen ermächtigt, beim dortigen Oberkommando wegen der vertriebenen Armenier Vorstellungen zu erheben und auf humane Behandlung der ausgewiesenen Bevölkerung hinzuwirken.Wangenheim.61.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 19. Mai 1915.Euer Hochehrwürden Schreiben vom 5. d. M. und Ihr Telegramm vom 17. sind richtig in meine Hände gelangt.Aus Ihrem Schreiben entnehme ich zu meiner Befriedigung, daß die dortige Lage vorläufig zu keinen begründeten Besorgnissen Anlaß gibt, und ich hoffe, daß es auch in Zukunft den besonnenen Elementen gelingen wird, ernstere Zwischenfälle zu vermeiden. Daß die Regierung mit Rücksicht auf die bedauerlichen Vorgänge in Wan besondere Vorsichtsmaßregeln ergreift, ist verständlich, ebenso, daß hierunter gelegentlich auch die friedliche Bevölkerung zu leiden hat. Immerhin werde ich bei sich bietender Gelegenheit auf Ihre Ausführungen aufmerksam machen, und bitte Sie, auch Ihrerseits Ihre Beziehungen zu den Behörden und zur Bevölkerung zu benutzen, um auf beide in beruhigendem Sinne einzuwirken. In dieser Beziehung möchte ich noch besonders erwähnen, daß trotz der in der jetzigen Zeit erklärlichen Aufregung und trotz mannigfacher Provokationen es bisher nirgends zu Massenausschreitungen, wie Massakres, Plünderungen u. dgl., gegen die Armenier gekommen ist.Weitere Mitteilungen von Ihnen werde ich gerne und mit besonderem Interesse entgegennehmen.von Wangenheim.Herrn Pfarrer Johannes Ehmann, Hochehrwürden, Mamuret ul Aziz.62.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 19. Mai 1915.Aus Anlaß der in Wan ausgebrochenen Unruhen hatte ich, wie bereits telegraphisch gemeldet, dem Pfarrer Spoerri in Wan direkt telegraphiert, um Auskunft über seine Lage zu erhalten. Da die Antwort ausblieb, wandte ich mich zu gleichem Zwecke an das Ministerium des Innern; letzteres teilt nunmehr folgende telegraphische Auskunft des Walis von Wan mit:Die armenischen Aufständischen hätten sich gerade in dem Stadtviertel verschanzt, in dem die Anstalten des Predigers Spoerri und der amerikanischen Mission (Raynolds) liegen. Er, der Wali, habe das für Spoerri bestimmte Telegramm mittels eines Boten mit weißer Flagge an den Adressaten befördern wollen. Die Armenier hätten aber auf den Parlamentär gefeuert[61].Der Wali fügt hinzu, daß er bei der Verfolgung und Unterdrückung des Aufstandes auf die Anwesenheit der Deutschen und Amerikaner Rücksicht nehme.Vom Missionar Johannes Ehmann in Kharput (Mamuret ul Aziz) liegen hier ein ausführlicher Bericht vom 5. d. M. und ein diesen Bericht bestätigendes Telegramm vom 17. d. M. vor; danach dürften vorläufig keine Befürchtungen für ihn und seine Anstalt bestehen.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.63.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Abgang aus Erzerum, den 22. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 25. Mai 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Wegen der Vertreibung der Armenier habe ich mit Armee telephonisch gesprochen und werde mich Montag Hauptquartier Tortum begeben. Muhammedanische Emigranten besetzen die Dörfer vertriebener Armenier.Scheubner.64.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Abgang aus Erzerum, den 24. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 25. Mai 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Ich bitte Mr. Peet, Bibelgesellschaft, im Auftrage der hiesigen amerikanischen Mission zu fragen, ob er die vertriebenen Armenier durch Geldmittel unterstützen wolle. Erbitte direkte Drahtantwort an Konsulat und Mission.Scheubner.65.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Pera, den 26. Mai 1915.Telegramm.An Deutsches Konsulat, Erzerum.Auf das Tel. vom 24. Mai.Mr. Peet hat Unterstützungsfonds für die Armenier bereitgestellt. Wegen Unsicherheit der Übermittelung wird probeweise zunächst ein kleinerer Betrag übersandt werden.von Wangenheim.66.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo den 26. Mai 1915.Ankunft in Pera den 26. Mai 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Aus vollständig zuverlässiger Quelle erfahre ich, daß die Zahl der armenischen Familien, die bisher aus dem Sandschak Marasch und dem östlichen Teil des Wilajets Adana verbannt worden sind, 2000, das sind 10000 Seelen, beträgt. Die Verbannungen werden fortgesetzt. Euerer Exzellenz stelle ich anheim, die Pforte darauf aufmerksam zu machen, daß daraus für die Zukunft Verwickelungen entstehen können. Man sollte nicht Marasch für die Fehler der Armenier im Osten büßen lassen und Unschuldige für die Schuldigen bestrafen. Es ist genug Unglück geschehen, und es wäre an der Zeit, einzuhalten. Wenn man innere Umsiedlung und Kolonisation beabsichtigt, so müßten dafür die nötigen Vorbereitungen getroffen werden.Rößler.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Mit Talaat Bey besprochen 29. 5.; der Minister war über die Deportation der Armenier aus Marasch nicht näher unterrichtet und wird sich erkundigen.Mordtmann.67.Office of W. W. Peet, Treasurer of American Missions in Turkey.Constantinopel.26th May 1915.Mr. Mordtmann, Consul General, German Embassy, Pera.Dear Sir:Referring to your kind offer this morning to inform our people in Erzroom of my despatch of funds for relief of the poor and needy, I find on consulting late communications from our people in Erzroom, that they are able tosecure local money for payment here, I have therefore telegraphed our Dr. Case to draw on me for Lt. 250 of which Lt. 150 is for relief purposes. I enclose herewith a copy of the telegram which I am despatching to-day.If you will kindly confirm this telegram through your Consul it will be deeply appreciated by us all.Thanking you for your kindness in this matter, I am, Sir,Yours faithfully,W. W. PeetTreasurer.Our wire to Erzroom sent this day reads as follows:Draw for relief of poor and needy hundredfifty Liras, for Station expenses hundred Liras.68.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Konstantinopel, 29. Mai 1915.Telegramm.An Deutsches Konsulat, Erzerum.Die dortige amerikanische Mission wird durch Herrn Peet ermächtigt, zweihundertfünfzig türkische Pfund auf ihn zu ziehen, wovon hundertfünfzig für Unterstützung Notleidender und hundert für die Station bestimmt sind.Neurath.69.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)29. Mai 1915.Aufzeichnung.Habe heute bei Talaat Bey angeregt, die Deportationsmaßregeln gegen die Armenier von Erzerum, namentlich gegen Frauen und Kinder, zu mildern. Er zeigte sich abgeneigt, man habe gerade in Erzerum nicht nur belastende Korrespondenzen, sondern auch Waffen, Bomben u. dgl. bei den Armeniern gefunden[62], es hätte der Plan bestanden, beim Vordringen der Russen einen Aufstand zu erregen und den Türken in den Rücken zu fallen[63]. Durch die Deportation sollten die Armenier vor Schlimmerem, nämlich vor Massakres, bewahrt werden. Die Regierung werde den Ausgewiesenen neue Wohnsitze anweisen und sie auch unterstützen.Mordtmann.70.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Pera, den 30. Mai 1915.Telegramm.An Deutsches Konsulat, Erzerum.Auf Bericht vom 15. Mai.Minister des Innern behauptet, Armenier in Erzerum seien durch Funde von Bomben und Schriftstücken stark belastet und hätten bei Vordringen der Russen Aufstand im Rücken der türkischen Truppen zu erregen beabsichtigt[64]. Deportation sei auch im Interesse der Vertriebenen, um Schlimmeres zu verhüten (Massakres).Wangenheim.71.La loi du 14/27 Mai 1915 sur le déplacement des personnes suspectes[65]contient les dispositions suivantes:Article 1. — En temps de guerre, les commandants d’armée, de corps d’armée et de division ou leurs remplaçants, ainsi que les commandants des postes militaires indépendants, qui se verraient en butte de la part de la population à une attaque ou une résistance armée, ou rencontreraient, sous quelque forme que cela soit, une opposition aux ordres du Gouvernement ou aux actes et mesures concernant la défense du pays et la sauvegarde de l’ordre public, ont l’autorisation et l’obligation de les réprimer immédiatement et vigoureusement au moyen de la force armée et de supprimer radicalement l’attaque et la résistance.Article 2. — Les commandants d’armée, de corps d’armée et de division peuvent, si les besoins militaires l’exigent, déplacer et installer dans d’autres localités, séparément ou conjointement, la population des villes et des villages qu’ils soupçonnent coupable de trahison ou d’espionnage.Article 3. — Cette loi entre en vigeur à partir de sa publication.14/27 Mai 1915.72.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 31. Mai 1915.Ankunft 1. Juni 1915.An Auswärtiges Amt.Zur Eindämmung der armenischen Spionage und um neuen armenischen Massenerhebungen vorzubeugen, beabsichtigt Enver Pascha unter Benutzung des Kriegs-(Ausnahme-)zustandes eine große Anzahl armenischer Schulen zu schließen, armenische Postkorrespondenz zu untersagen, armenische Zeitungen zu unterdrücken und aus den jetzt insurgierten armenischen Zentren alle nicht ganz einwandfreien Familien in Mesopotamien anzusiedeln. Er bittet dringend, daß wir ihm hierbei nicht in den Arm fallen.Diese türkischen Maßnahmen werden natürlich in der gesamten uns feindlichen Welt wieder große Aufregung verursachen und auch gegen uns ausgebeutet werden. Die Maßnahmen bedeuten gewiß auch eine große Härte für die armenische Bevölkerung. Doch bin ich der Meinung, daß wir sie wohl in ihrer Form mildern, aber nicht grundsätzlich hindern dürfen. Die von Rußland genährte armenische Wühlarbeit hat Dimensionen angenommen, welche den Bestand der Türkei bedrohen.Bitte Dr. Lepsius und deutsche armenische Komitees entsprechend verständigen, daß erwähnte Maßnahmen bei der politischen und militärischen Lage der Türkei leider nicht zu vermeiden[66].Konsulate Erzerum, Adana, Aleppo, Mossul, Bagdad sind von mir vertraulich informiert worden.Wangenheim.
Mai.
40.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 3. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 4. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die aus Zeitun und Umgegend verbannten Armenier werden auf wenigstens tausend, vielleicht mehrere tausend geschätzt. Sie sollen durch muhammedanische Flüchtlinge aus Mazedonien ersetzt werden.
Die Aktion geht weiter. In Aintab sind neuerdings Verhaftungen, in Aleppo Haussuchungen vorgenommen worden.
Rößler.
41.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 4. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 6. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die Kämpfe in Wan zwischen den Truppen und Armeniern dauern an. Auf türkischer Seite wurden in den letzten Tagen ungefähr 200 Tote und doppelt so viel Verwundete gezählt. Hier wurden gegen 200 Verhaftungen vorgenommen. Die Furcht vor einem Massaker dauert an. Der Wali glaubt im Besitz von Beweisen für eine Konspiration eines Teiles der hiesigen Armenier zu sein. Die Entscheidung dürfte in den nächsten Tagen fallen. Ich glaube, daß es hier möglich sein wird, Massakres zu vermeiden.
Scheubner.
42.
(Deutsches Waisenhaus.)
Mamuret-ul-Aziz, den 5. Mai 1915.
Ew. Exzellenz!
Da in diesem Wilajet kein deutscher Konsul ist, ersuche ich Ew. Exzellenz um Entschuldigung, wenn ich mir erlaube, über die hiesigen innerpolitischen Verhältnisse kurz zu berichten.
Seit einigen Tagen werden in den christlichen Häusern der Stadt und Umgegend strenge Haussuchungen gehalten, der Regierung verdächtig erscheinende Personen verhaftet und die Leute zur Ablieferung ihrer Waffen aufgefordert.
Diese Maßnahmen der Regierung scheinen im Zusammenhang mit Vorgängen in Wan und Diarbekr zu stehen und auf Anweisung der Zentralregierung angeordnet worden zu sein.
Die gesamte christliche Bevölkerung ist dadurch in große Unruhe versetzt worden und befürchtet das schlimmste.
Durch meinen 18 jährigen Aufenthalt an diesem Ort die Verhältnisse genau kennend, möchte ich die Aufmerksamkeit Ew. Exzellenz auf die Tatsache lenken, daß, wenn auch die hiesige Bevölkerung zum Teil sich in Privatgesprächen manchmal unzufrieden über die türkische Regierung geäußert hat, und wenn auch die Sympathien mancher Christen in diesem Krieg auf Seiten des Dreiverbands waren, trotz alledem weitaus die große Masse der Bevölkerung dieses Wilajets der Regierung gehorsam ist und die Christen hier im entferntesten nicht daran denken, sich gegen die Regierung aufzulehnen.
Die christliche Mannschaft von 20–45 Jahren hat sich ohne Schwierigkeiten zum Heeresdienst gestellt, und bei Requirierungen von Lebensmitteln wie auch bei der Unterstützung des „Roten Halbmonds“ kam die christliche Bevölkerung soweit als möglich der Regierung entgegen, so daß ich es für meine Pflicht halte, für die Christen hier um Schonung zu bitten.
Der wohlgesinnte Generalgouverneur, mit dem ich eben in freundschaftlicher Weise über die Angelegenheit sprach, hofft, daß es hier zu keinen ernsten Ereignissen kommen wird und versichert mich, daß er alles tun wird, um die Angelegenheit in friedlicher Weise zu ordnen. Er ist ebenfalls von dem friedliebenden und regierungstreuen Charakter der hiesigen christlichen Bevölkerung überzeugt. Doch besteht die Gefahr, daß starke armenierfeindliche Elemente die Oberhand bekommen und zum schlimmsten schreiten, so daß ich Ew. Exzellenz im Interesse der Menschlichkeit ersuche, die nötigen Schritte zur Aufklärung der Türkischen Zentralregierung über die hiesigen Verhältnisse tun zu wollen.
Verehrungsvoll
Johannes Ehmann.
An Seine Exzellenz, Freiherr von Wangenheim,Botschafter Seiner Majestät des Deutschen Kaisers.
43.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 6. Mai 1915.Ankunft den 6. Mai 1915.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Laut Telegramm des Konsulats Erzerum vom 4. Mai haben in Wan dieser Tage erneut Kämpfe mit Armeniern stattgefunden. Türkische Truppen verloren dabei 600 Mann an Toten und Verwundeten. In Kaisarié und Diarbekr wurden größere Bombenvorräte entdeckt.[56]Die Regierung hat umfassende Vorsichtsmaßregeln gegen Umsichgreifen der armenischen Bewegung im Innern angeordnet. In Erzerum ist Verhaftung von 200 Personen erfolgt, Deportation der Armenier aus den größeren Ortschaften dauert fort. Sie werden durch muhammedanische Einwanderer ersetzt.
Wangenheim.
44.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 8. Mai 1915.
Trotz der Bemühungen der armenischen Kreise, die Bedeutung der in den letzten Wochen an verschiedenen Stellen ausgebrochenen Unruhen abzuschwächen oder die Schuld den Maßnahmen der türkischen Behörden zuzuschieben, mehren sich doch die Anzeichen dafür, daß diese Bewegung weiter verbreitet ist, als bisher angenommen wurde, und daß sie vom Ausland mit Hilfe der armenischen Revolutionskomitees gefördert wird.
Die bereits gemeldeten Kämpfe in Wan, bei denen die Aufständischen zeitweilig sogar die Oberhand gehabt zu haben scheinen, deuten darauf hin, daß die dortige armenische Bevölkerung ausreichend mit Waffen und Sprengstoffen versehen war; unter den Toten wurden nach Mitteilung der türkischen Behörden vielfach Individuen in russischer Kleidung gefunden, und es wird auch von den Armeniern nicht geleugnet, daß einer ihrer Landsleute, ein gewisser Pasdirmadjian, dort in russischem Interesse stark gewühlt hat. Dieser gefährliche Agitator war seinerzeit durch das von ihm geleitete Attentat auf die hiesige Banque Ottomane auch in weiteren Kreisen bekannt geworden, kehrte dann nach Wiedereinführung der Konstitution hierher zurück, ward Abgeordneter und ging später, weil er nicht wieder gewählt wurde, nach Rußland. Nach den letzten Nachrichten (vom 8. d. M.) ist es armenischen Freischärlern mehrfach gelungen, sich von Wan aus mit den Russen zu vereinigen.[56]
Über die in Kaisarié gefundenen Bomben gibt das armenische Patriarchat an, daß ein aus Amerika zurückgekehrter Armenier, der sich inEverek bei Kaisarié niedergelassen hatte, sich mit ihrer Herstellung beschäftigte, und nachdem er drei verfertigt hatte, bei der vierten verunglückte; die drei fertigen Bomben wurden von seinen Landsleuten versteckt, aber von der Polizei, die durch Zufall von der Sache erfuhr, entdeckt; bei weiteren Nachforschungen kamen 24 leere, noch nicht geladene Hülsen, unter dem Ziegeldache der dortigen armenischen Kirche, zutage. Dies trug sich Anfang Februar zu. Seitdem scheinen noch weitere Funde von Bomben gemacht worden zu sein; der Minister des Innern gab kürzlich die Zahl der in Kaisarié gefundenen Bomben auf 400 an, außerdem seien solche auch in Diarbekr zutage gefördert und nach Wan geschickt worden, um dort im Kampf mit den Aufständischen verwendet zu werden[57].
Daß die armenische Bevölkerung in den östlichen Provinzen über Waffen verfügt, wird von den Armeniern zugegeben; angeblich sollen diese Waffen zur Abwehr gegen die räuberischen Überfälle durch Kurden und anderes Gesindel dienen; es läßt sich vermuten, daß sie in der Hauptsache von den armenischen Revolutionskomitees schon vor längerer Zeit dort angesammelt worden sind[58].
Die Behörden nehmen bestimmt an, daß auch die Armenier von Zeitun durch fremde Umtriebe zum bewaffneten Widerstande gegen die Regierung aufgestachelt worden seien[59].
Es läßt sich nicht leugnen, daß die armenische Bewegung in den letzten Wochen einen besorgniserregenden Charakter angenommen hat, der die Regierung zu scharfen Repressivmaßregeln veranlaßt hat.
Die Massenverhaftungen hier und anderwärts, wie z. B. in Erzerum, wo der Wali Beweise für eine armenische Verschwörung in Händen zu haben glaubt, in Aintab usw. richten sich gegen die Komitees, die auf diese Weise ihrer Führer beraubt werden, in erster Linie gegen die Partei Daschnakzutiun.
Hier in der Hauptstadt ist vor einigen Tagen die gesamte Bevölkerung aufgefordert worden, die in ihrem Besitz befindlichen Waffen aller Art abzuliefern.
Bei der Erregung, die sich auch der muhammedanischen Bevölkerung bemächtigt hat, werden Bedrückungen der ruhigen Elemente und Ausschreitungen seitens der Unterbehörden nicht zu vermeiden sein. Aber trotz der vielfach herrschenden Besorgnisse ist es bisher zu keinen Massakers gekommen, weder in Zeitun, noch in Marasch, noch in Aintab, noch in Erzerum, und es wird der Regierung auch wohl in Zukunft möglich sein, solche zu verhindern.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
45.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 9. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 10. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Unruhen in Wan andauern noch immer. Türken haben bis jetzt rund 1000, Armenier 3000 Tote[60].
Hier kürzlich weitere verhaftet, einige 30 sollen verschickt werden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sie unterwegs ermordet werden.
Scheubner.
46.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 10. Mai 1915.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Auf Grund der Mitteilung des Walis von Mossul vom 8. Mai telegraphiert dortiges Konsulat:
Christliche Bevölkerung der Provinz Wan befindet sich seit mehreren Tagen im Aufruhr. Armenier überfielen muhammedanische Dörfer bei Wan, angriffen vergeblich Zitadelle Wan. Schwache türkische Garnison verlor 300 Mann bei Abwehr Angriffe. Stadt selber, in der täglich Straßenkämpfe, größtenteils in Händen der Aufrührer. Aufstand besonders heftig im Bezirk Schatakh bei Wan. Nestorianer-Stamm der Tiari im Bezirk Baschkalé erhob sich gleichzeitig, 2000 gut bewaffnete Tiari überfielen muhammedanische Dörfer und verschanzten sich nördlich von Djulamerk. Nach Wan und Baschkalé sollen Truppenverstärkungen unterwegs sein.
Wegen Schicksals deutschen Waisenhauses Wan telegraphiert Botschaft direkt an Prediger Spoerri.
Wangenheim.
47.
KaiserlichDeutsches Konsulat.
Aleppo, den 10. Mai 1915.
Seitdem ich von Marasch zurückgekehrt bin, haben neueren Nachrichten zufolge die Verbannungen aus Zeitun und den umliegenden Dörfern größeren Umfang angenommen. Ferner haben nach einem Telegramm des Missionars Blank vom 9. d. M. die Verschickungen jetzt auch aus Marasch begonnen.Die Liegenschaften der Verbannten werden von einer dazu eingesetzten Kommission abgeschätzt und sollen ihnen vergütet werden. Doch wird abzuwarten sein, ob diese Absicht der Regierung auch ausgeführt werden wird. Die Wiederansiedlung soll im Wilajet Konia und anscheinend in Zor erfolgen. Wird die Behandlung aber so fortgesetzt, wie Blank sie schildert, so werden die Überwandernden, soweit sie nicht ihr Leben einbüßen, elend und krank ankommen, und nicht mehr die Fähigkeit haben, sich wirtschaftlich wieder aufzurichten. An Stelle der Verbannten werden muhammedanische Flüchtlinge aus dem Balkan in Zeitun und Umgegend angesiedelt.
Inzwischen habe ich weiter in Erfahrung zu bringen gesucht, worauf sich die Ansicht der Regierung von einer weit verbreiteten armenischen Verschwörung stützt. NureineTatsache aber ist mir bekannt geworden. Nämlich eine mit Armeniern in enger Fühlung stehende und gut über sie unterrichtete neutrale Persönlichkeit hat mir erzählt, es seien im Beginn von Einwohnern von Dörtjol Briefe nach Zeitun abgeschickt worden, daß der Moment zu einer Empörung günstig sei. Verbindung mit den englischen Kriegsschiffen sei hergestellt. Ob die Briefe ihre Bestimmung erreicht haben, ist meinem Gewährsmann nicht bekannt. Bewiesen wäre also damit, wenn überhaupt mein Gewährsmann gut unterrichtet war, eine Aufforderung zur Empörung. Wie sich die Adressaten zu dieser Aufforderung verhalten haben, ist nicht bekannt. Sind von englischer Seite die Adressen von Mitgliedern der Wohltätigkeitsgesellschaft, die ja in Ägypten zu haben waren, zu englischen Zwecken gebraucht worden, so müßte von türkischer Seite gerechterweise vor Bestrafung der Adressaten der Beweis illoyaler Gesinnung oder illoyaler Handlungen derselben erbracht werden. Dieser ist aber offenbar nicht für nötig erachtet worden. Auch im übrigen scheint die Regierung die Verschwörung mit dem Vergrößerungsglase betrachtet zu haben. Ich bin der Überzeugung, daß die ganz überwiegende Mehrheit der Verbannten unschuldig leidet. — Die Mitglieder der Wohltätigkeitsgesellschaft haben stets offen gegenüber der Regierung gehandelt. Dafür müssen sie jetzt büßen. Die Regierung scheint auch auf dem mittelalterlichen Standpunkt zu verharren, daß für die Tat eines einzelnen oder einiger weniger Solidarhaft eines ganzen Volkes besteht. Denn ihre Maßregeln gehen auf Vernichtung der Armenier in ganzen Bezirken hinaus. Alle Armenier von Besitz, Bildung oder Einfluß sollen beseitigt werden, damit nur eine führerlose Herde zurückbleibt. Sie läuft Gefahr, das Vertrauen zu untergraben, daß es für die Armenier in Zukunft möglich sein wird, mit ihr auszukommen, und schafft dadurch selbst den Boden für Verwicklungen.
Gleichen Bericht lasse ich dem Herrn Reichskanzler zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen BotschafterHerrn Freiherrn von Wangenheim.
48.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 10. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 11. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Bisher waren nur Armenier aus Zeitun und umliegenden Dörfern verbannt worden, jetzt werden auch Familien aus Marasch weggeführt.
Rößler.
49.
(KaiserlichesKonsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 14. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 14. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wie Halil Bey gestern dem hiesigen Wali aus Urmia gedrahtet hat, marschiert er mit einem Teil seiner Truppen über Ghever-Baschkalé nach Wan.
Lage scheint sich dort verschlimmert zu haben.
Verbindung mit Wan von hier seit neun Tagen unterbrochen. Bitte daher gehorsamst telegraphische Nachricht über die Lage in Wan.
Holstein.
50.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 15. Mai 1915.
An Deutsches Konsulat, Mossul.
Wie Minister des Innern heute bestätigte, dauert Kampf in Wan fort. Er fügte hinzu, daß sich russische Streitkräfte Wan nähern. Telegraphische Verbindung zwischen hier und Wan soll noch bestehen.
Wangenheim.
51.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Erzerum, den 15. Mai 1915.Eingetroffen: Konstantinopel, den 27. Mai 1915.
Euerer Exzellenz
erlaubte ich mir bereits in meinen Telegrammen vom 26. und 30. April, 4. und 9. Mai über die Armenierunruhen in Wan und die Erregung im hiesigen Gebiet zu berichten.
Ich halte es für angezeigt, diesen telegraphischen Berichten folgendes hinzuzufügen:
Der äußere Anlaß zu den Unruhen in Wan ist, wie ich bereits berichtete, die Verhaftung und Ermordung einiger armenischer Notabeln, insbesondereIschkhansund des armenischen Deputierten von Wan,Wramiangewesen, die sich unter den Armeniern eines großen Ansehens erfreuten.
Ob dieses Vorkommnis im Einverständnis mit den dortigen Behörden geschehen ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls mußte sich aber die Regierung darüber klar gewesen sein, daß dadurch der letzte Anstoß gegeben wurde, die schon seit langem, besonders aber seit Kriegsausbruch gärende Erregung, die nur noch von den Führern niedergehalten werden konnte, zum Ausbruch zu bringen.
Nicht nur in Wan und dessen Umgebung, also den Grenzgebieten gegen Rußland, und den hiesigen, durch Requisitionen und Truppenansammlungen besonders in Mitleidenschaft gezogenen armenischen Gebieten, sondern auch in den mehr im Innern gelegenen armenischen Orten machte sich eine starke Unzufriedenheit bemerkbar. An vielen Stellen waren seit langem Waffen angesammelt worden, anfänglich wohl nur zu Zwecken der Selbstverteidigung bei einem eventuellen Massakre, später wohl auch für einen bewaffneten Aufstand.
Daß von türkischer Seite in der Behandlung der Armenierfrage andauernd Fehler gemacht worden sind, ist Euerer Exzellenz ja zur Genüge bekannt, desgleichen, daß diese Fehler von russischer Seite schon lange vor dem Krieg zu einer planmäßigen Verhetzung ausgenutzt wurden.
Besonders Wan und das dortige russische Konsulat war von jeher ein Brennpunkt russischer Wühlarbeit, die um so ungestörter ins Werk gesetzt werden konnte, als eine ein Gegengewicht bildende deutsche Vertretung dort nicht vorhanden war. Das junge Konsulat von Erzerum konnte, schon infolge der Entfernung, seinen Einfluß nicht in genügendem Maße dorthin erstrecken; eine Einflußnahme in der jetzigen Zeit, die hier die vollste Aufmerksamkeit erfordert, erscheint ausgeschlossen. Zurzeit ist zudem auch die Verbindung mit Wan unterbrochen.
Während die hiesigen armenischen Kreise infolge der besseren Postverbindung und der Tätigkeit des hiesigen Konsulats (Nachrichtenhalle,Lesesaal, Zeitungsartikel, Anschläge über die Kriegslage) über die allgemeine Weltlage und die Mißerfolge der Russen auf den europäischen Kriegsschauplätzen orientiert sind, dürfte diese Orientierung in Wan gefehlt haben. Die dortigen Armenier, die sich den türkischen Veröffentlichungen gegenüber naturgemäß mißtrauisch verhalten, schöpfen ihre sonstigen Nachrichten nur aus russischen, keineswegs ungetrübten Quellen, und erhalten somit, wie so manches andere Volk der Welt, ein völlig falsches Bild der Lage in Europa. Ein Grund mehr, die schon früher vorhandene Zuneigung zu Rußland in einem Aufstand kund zu tun.
Wie Euerer Exzellenz bekannt, sahen die Armenier der Türkei seit jeher in Rußland ihren natürlichen Beschützer, und hat Rußland ja auch stets dieses Schutzrecht für sich in Anspruch genommen und ausgenutzt. Die Tatsache, daß sich die russischen Armenier, abgesehen von der größeren Sicherheit ihres Lebens, auch in besseren wirtschaftlichen Verhältnissen befinden, übt auf die große Masse gleichfalls eine bedeutende Anziehungskraft aus. Demgegenüber blieb die Erwägung, daß eine stärkere Einflußnahme Rußlands die Gefahr der Entnationalisierung mit sich bringen müßte, nur auf die geistigen Führer der Armenier beschränkt. Auch unter den letzteren haben sich zwei Richtungen gebildet: die eine stellt die Bewahrung nationaler Eigenart, die nur in der Türkei möglich, in den Vordergrund, die andere wirtschaftliche Interessen und religiöse Gemeinschaft.
Der deutsche Einfluß war bisher unter den Armeniern gering. Von Deutschland und den Deutschen wußten nur wenige gebildete Armenier. Soweit mir bekannt, machen hierin nur die ehemaligen Zöglinge der Sanassarian-Schule — die vor einigen Jahren nach Siwas verlegt wurde, in Befürchtung einer Besitzergreifung von Erzerum durch Rußland! — eine Ausnahme. Und das auch nur soweit, als sie ihre Hochschulstudien in Deutschland betrieben. Der größere Teil der armenischen gebildeten Jugend erhielt seine Ausbildung in französischen Schulen und später in Frankreich und Rußland. Unter dem Volk bestanden bei Ausbruch des Krieges sogar Zweifel darüber, ob die Deutschen Christen seien, da sie sich mit den Türken verbündet hätten. Die Tatsache, daß Deutschland schon Freund der absolutistischen Türkei war, unter deren Herrschaft die Armenier so viel gelitten, erfüllt sie noch jetzt mit Mißtrauen. Die Schuld am Kriege wird gleichfalls dem Einfluß Deutschlands beigemessen, und die durch denselben hervorgerufenen wirtschaftlichen Schäden werden von dem auf Wahrung und Mehrung seines Besitzes stark bedachten Volk besonders unangenehm empfunden.
Die allgemeine Stimmung der Armenier den Deutschen gegenüber war somit bei Ausbruch des Krieges wenig freundschaftlich, hat sich aber im Laufe der letzten Monate sichtlich geändert. Dazu mag der deutsche Waffenerfolg auf allen Schlachtfeldern und die Anwesenheit deutscher Offizierein Erzerum ein Teil beigetragen haben. Besonders jedoch machte sich dieser Umschwung bemerkbar, als die hiesigen Armenier gewiß zu sein glaubten, daß — es war etwa Mitte März — der Ausbruch eines Massakres nur durch die Anwesenheit und Tätigkeit des hiesigen Konsulats verhindert worden sei. Der armenische Bischof sprach denn auch wiederholt General Posseldt und mir seinen Dank für den Schutz der Armenier aus.
Zur hiesigen Lage, wie sie sich zurzeit darbietet, bemerke ich, daß ein Aufstand der Armenier Erzerums und seiner näheren Umgebung nicht anzunehmen ist, trotz der geringen hier vorhandenen türkischen Streitkräfte. Die weiter zur russischen Grenze hin gelegenen armenischen Ortschaften sind von ihren Bewohnern längst verlassen; letztere sind teils nach Rußland geflohen, wo sie in den Reihen der russischen Truppen — wie auch bei Wan — gegen die Türken kämpfen sollen, teils kamen sie nach Erzerum. Einzelne Vorkommnisse, wie bewaffneter Widerstand bei Requisitionen in entlegenen Dörfern, Ermordung von Türken, die die Auslieferung armenischer Mädchen und Frauen verlangten, Zerschneiden und Störung von Telegraphen- und Telephonlinien, Spionage, sind Erscheinungen, die während des Krieges in einem Grenzgebiet mit gemischter Bevölkerung nichts Außergewöhnliches darstellen.
Die ruhige Haltung der hiesigen Armenier ist meiner Meinung nach bedingt durch
1. die schon erwähnte bessere Orientierung über die allgemeine Weltlage, die sie auf einen „raschen Sieg“ der Russen nicht mehr hoffen läßt;
2. die vernünftige Stellungnahme der hiesigen Regierung, welche krasse Fälle von Bedrückungen bis jetzt vermieden hat.
Außer der Ermordung des Pasdirmadjan, Direktors der Banque Ottomane, im Februar, sind Fälle von politischen Morden hier nicht vorgekommen. Der Wali Tahsin Bey hat aus seiner früheren Tätigkeit in Wan in der Behandlung der Armenierfrage große Erfahrungen und vertritt, im Gegensatz zu einigen militärischen Kreisen, die den Augenblick der Abrechnung mit den Armeniern für gekommen halten, einen maßvollen Standpunkt. Die Maßregeln der Regierung haben sich bis jetzt auch nur auf Haussuchungen und Verhaftungen beschränkt. Von den Verhafteten ist die Mehrzahl wieder freigelassen worden, einige sollen ins Innere des Landes verschickt werden. Die Haussuchungen haben, soweit mir bekannt, belastendes Material nicht ergeben. Diese Haltung der Regierung trägt viel zur Beruhigung der Armenier bei. Auch der Ausbruch eines Massakres ist hier kaum anzunehmen, es sei denn, daß Mißerfolge an der Front die türkischen Truppen zu einem Rückzuge nach Erzerum nötigen würden. Ich habe nicht versäumt, dem Gedanken einer „Abrechnung“ überall energisch entgegenzutreten und auf die üblen Folgen innerer Unruhen in der Türkei in der jetzigen Zeit hinzuweisen.
Die Anwesenheit und Tätigkeit des Konsulats, verbunden mit dem guten Nachrichtendienst desselben, dürfte somit nicht wenig zu der bisherigen ruhigen Haltung der hiesigen Türken und Armenier beigetragen haben.
von Scheubner-Richter.
Seiner Exzellenz dem Herrn BotschafterFreiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.
52.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Erzerum, den 15. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Aus den umliegenden Dörfern werden die Armenier ausgewiesen und nach dem Etappengebiet verschickt. Die Bevölkerung ist dadurch sehr beunruhigt.
Scheubner.
53.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Erzerum, den 16. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die Maßnahmen der Verschickung der gesamten armenischen Bevölkerung der hiesigen Umgebung nach Mamachatun etc. sind auf Befehl des Armee-Oberkommandos getroffen und mit militärischen Rücksichten begründet worden.
Da die männlichen Armenier zur Dienstleistung in Arbeitsbataillonen eingezogen sind, werden hauptsächlich Frauen und Kinder fortgetrieben, wobei sie ihre Habe zurücklassen müssen. Da ein Aufstand der hiesigen Armenier nicht zu erwarten ist, ist diese Maßnahme grausamer Ausschließung unbegründet and ruft Erbitterung hervor. Die Zivilverwaltung ist unbeteiligt und weist auch jede Verantwortung für die daraus entstehenden Folgen von sich.
Scheubner.
54.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 17. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 18. Mai 1915.
Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Mit Bezug auf Tel. v. 16. 5.
Der armenische Bischof bittet Eure Exzellenz, den Patriarchen über die hiesige Lage informieren lassen zu wollen.
Scheubner.
55.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
20. Mai 1915.
Notiz.
Heute dem Patriarchen Mitteilung gemacht; er hatte keine Nachrichten von Erzerum. Stellte ihm anheim, daß, falls er seinerseits Schritte täte, er sich ans Kriegsministerium wenden sollte.
Mordtmann.
56.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 18. Mai 1915.Ankunft den 19. Mai 1915.
An Auswärtiges Amt.
Meldung des Konsulats Erzerum vom 17. d. M.
Wan ist von Russen besetzt, militärische Situation für Türken ungünstig. Armenier sollen sich Russen angeschlossen und Muhammedaner massakriert haben, 80000 Muhammedaner auf Flucht nach Bitlis sein.
Wangenheim.
57.
(KaiserlichesKonsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 18. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 20. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Oberherr der Nestorianer Mar Schimun in Kotschanes teilte mir mit, antichristliche Bewegung im Bezirk Amadia wachse täglich, Muselmanen dort planten allgemeine Christenmassakres und hätten teilweise schon damitbegonnen. Der hiesige Chaldäische Patriarch machte mir heute gleiche Mitteilung.
Wali gibt Tatsache zu, und scheint mir diese Bewegung wenn nicht gerade zu schüren, so doch nicht energisch genug zu hemmen, was sehr unklug ist. Wenn er kurdische Scheichs beeinflussen wollte, wäre Hemmung unschwer möglich.
Stelle anheim, dahingehende Order an den Wali erwirken zu wollen.
Holstein.
58.
(KaiserlichesKonsulat Adana.)
Telegramm.
Abgang aus Adana den 18. Mai 1915.Ankunft in Pera den 18. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die gesamte armenische Bevölkerung im Wilajet Adana ist durch das Vorgehen der Regierung aufs äußerste geängstigt. Hunderte von Familien sind verbannt worden, die Gefängnisse sind überfüllt. Heute früh haben wieder mehrere Hinrichtungen stattgefunden.
Durch ihr barbarisches Vorgehen schädigt die Regierung offensichtlich die Interessen des Landes. Die Deutsche Orientbank, die insbesondere erheblich geschädigt ist, bat mich dafür einzutreten, daß die Verschickung der Armenier eingestellt werde.
Büge.
59.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum den 18. Mai 1915.Ankunft in Pera den 18. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Das Elend unter den vertriebenen Armeniern ist fürchterlich. Frauen und Kinder lagern zu Tausenden ohne Nahrung um die Stadt herum. Die zwecklose Vertreibung ruft die größte Erbitterung hervor.
Darf ich deswegen bei dem Oberkommandierenden Schritte unternehmen?
Scheubner.
60.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Pera, den 19. Mai 1915.
Telegramm.
An Deutsches Konsulat, Erzerum.
Auf das Telegramm vom 18. d. M.
Sie sind unter den dargestellten Umständen ermächtigt, beim dortigen Oberkommando wegen der vertriebenen Armenier Vorstellungen zu erheben und auf humane Behandlung der ausgewiesenen Bevölkerung hinzuwirken.
Wangenheim.
61.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 19. Mai 1915.
Euer Hochehrwürden Schreiben vom 5. d. M. und Ihr Telegramm vom 17. sind richtig in meine Hände gelangt.
Aus Ihrem Schreiben entnehme ich zu meiner Befriedigung, daß die dortige Lage vorläufig zu keinen begründeten Besorgnissen Anlaß gibt, und ich hoffe, daß es auch in Zukunft den besonnenen Elementen gelingen wird, ernstere Zwischenfälle zu vermeiden. Daß die Regierung mit Rücksicht auf die bedauerlichen Vorgänge in Wan besondere Vorsichtsmaßregeln ergreift, ist verständlich, ebenso, daß hierunter gelegentlich auch die friedliche Bevölkerung zu leiden hat. Immerhin werde ich bei sich bietender Gelegenheit auf Ihre Ausführungen aufmerksam machen, und bitte Sie, auch Ihrerseits Ihre Beziehungen zu den Behörden und zur Bevölkerung zu benutzen, um auf beide in beruhigendem Sinne einzuwirken. In dieser Beziehung möchte ich noch besonders erwähnen, daß trotz der in der jetzigen Zeit erklärlichen Aufregung und trotz mannigfacher Provokationen es bisher nirgends zu Massenausschreitungen, wie Massakres, Plünderungen u. dgl., gegen die Armenier gekommen ist.
Weitere Mitteilungen von Ihnen werde ich gerne und mit besonderem Interesse entgegennehmen.
von Wangenheim.
Herrn Pfarrer Johannes Ehmann, Hochehrwürden, Mamuret ul Aziz.
62.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 19. Mai 1915.
Aus Anlaß der in Wan ausgebrochenen Unruhen hatte ich, wie bereits telegraphisch gemeldet, dem Pfarrer Spoerri in Wan direkt telegraphiert, um Auskunft über seine Lage zu erhalten. Da die Antwort ausblieb, wandte ich mich zu gleichem Zwecke an das Ministerium des Innern; letzteres teilt nunmehr folgende telegraphische Auskunft des Walis von Wan mit:
Die armenischen Aufständischen hätten sich gerade in dem Stadtviertel verschanzt, in dem die Anstalten des Predigers Spoerri und der amerikanischen Mission (Raynolds) liegen. Er, der Wali, habe das für Spoerri bestimmte Telegramm mittels eines Boten mit weißer Flagge an den Adressaten befördern wollen. Die Armenier hätten aber auf den Parlamentär gefeuert[61].
Der Wali fügt hinzu, daß er bei der Verfolgung und Unterdrückung des Aufstandes auf die Anwesenheit der Deutschen und Amerikaner Rücksicht nehme.
Vom Missionar Johannes Ehmann in Kharput (Mamuret ul Aziz) liegen hier ein ausführlicher Bericht vom 5. d. M. und ein diesen Bericht bestätigendes Telegramm vom 17. d. M. vor; danach dürften vorläufig keine Befürchtungen für ihn und seine Anstalt bestehen.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
63.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 22. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 25. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wegen der Vertreibung der Armenier habe ich mit Armee telephonisch gesprochen und werde mich Montag Hauptquartier Tortum begeben. Muhammedanische Emigranten besetzen die Dörfer vertriebener Armenier.
Scheubner.
64.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 24. Mai 1915.Ankunft in Pera, den 25. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Ich bitte Mr. Peet, Bibelgesellschaft, im Auftrage der hiesigen amerikanischen Mission zu fragen, ob er die vertriebenen Armenier durch Geldmittel unterstützen wolle. Erbitte direkte Drahtantwort an Konsulat und Mission.
Scheubner.
65.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Pera, den 26. Mai 1915.
Telegramm.
An Deutsches Konsulat, Erzerum.
Auf das Tel. vom 24. Mai.
Mr. Peet hat Unterstützungsfonds für die Armenier bereitgestellt. Wegen Unsicherheit der Übermittelung wird probeweise zunächst ein kleinerer Betrag übersandt werden.
von Wangenheim.
66.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo den 26. Mai 1915.Ankunft in Pera den 26. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Aus vollständig zuverlässiger Quelle erfahre ich, daß die Zahl der armenischen Familien, die bisher aus dem Sandschak Marasch und dem östlichen Teil des Wilajets Adana verbannt worden sind, 2000, das sind 10000 Seelen, beträgt. Die Verbannungen werden fortgesetzt. Euerer Exzellenz stelle ich anheim, die Pforte darauf aufmerksam zu machen, daß daraus für die Zukunft Verwickelungen entstehen können. Man sollte nicht Marasch für die Fehler der Armenier im Osten büßen lassen und Unschuldige für die Schuldigen bestrafen. Es ist genug Unglück geschehen, und es wäre an der Zeit, einzuhalten. Wenn man innere Umsiedlung und Kolonisation beabsichtigt, so müßten dafür die nötigen Vorbereitungen getroffen werden.
Rößler.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Mit Talaat Bey besprochen 29. 5.; der Minister war über die Deportation der Armenier aus Marasch nicht näher unterrichtet und wird sich erkundigen.
Mordtmann.
67.
Office of W. W. Peet, Treasurer of American Missions in Turkey.
Constantinopel.
26th May 1915.
Mr. Mordtmann, Consul General, German Embassy, Pera.
Dear Sir:
Referring to your kind offer this morning to inform our people in Erzroom of my despatch of funds for relief of the poor and needy, I find on consulting late communications from our people in Erzroom, that they are able tosecure local money for payment here, I have therefore telegraphed our Dr. Case to draw on me for Lt. 250 of which Lt. 150 is for relief purposes. I enclose herewith a copy of the telegram which I am despatching to-day.
If you will kindly confirm this telegram through your Consul it will be deeply appreciated by us all.
Thanking you for your kindness in this matter, I am, Sir,
Yours faithfully,W. W. PeetTreasurer.
Our wire to Erzroom sent this day reads as follows:
Draw for relief of poor and needy hundredfifty Liras, for Station expenses hundred Liras.
68.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Konstantinopel, 29. Mai 1915.
Telegramm.
An Deutsches Konsulat, Erzerum.
Die dortige amerikanische Mission wird durch Herrn Peet ermächtigt, zweihundertfünfzig türkische Pfund auf ihn zu ziehen, wovon hundertfünfzig für Unterstützung Notleidender und hundert für die Station bestimmt sind.
Neurath.
69.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
29. Mai 1915.
Aufzeichnung.
Habe heute bei Talaat Bey angeregt, die Deportationsmaßregeln gegen die Armenier von Erzerum, namentlich gegen Frauen und Kinder, zu mildern. Er zeigte sich abgeneigt, man habe gerade in Erzerum nicht nur belastende Korrespondenzen, sondern auch Waffen, Bomben u. dgl. bei den Armeniern gefunden[62], es hätte der Plan bestanden, beim Vordringen der Russen einen Aufstand zu erregen und den Türken in den Rücken zu fallen[63]. Durch die Deportation sollten die Armenier vor Schlimmerem, nämlich vor Massakres, bewahrt werden. Die Regierung werde den Ausgewiesenen neue Wohnsitze anweisen und sie auch unterstützen.
Mordtmann.
70.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Pera, den 30. Mai 1915.
Telegramm.
An Deutsches Konsulat, Erzerum.
Auf Bericht vom 15. Mai.
Minister des Innern behauptet, Armenier in Erzerum seien durch Funde von Bomben und Schriftstücken stark belastet und hätten bei Vordringen der Russen Aufstand im Rücken der türkischen Truppen zu erregen beabsichtigt[64]. Deportation sei auch im Interesse der Vertriebenen, um Schlimmeres zu verhüten (Massakres).
Wangenheim.
71.
La loi du 14/27 Mai 1915 sur le déplacement des personnes suspectes[65]contient les dispositions suivantes:
Article 1. — En temps de guerre, les commandants d’armée, de corps d’armée et de division ou leurs remplaçants, ainsi que les commandants des postes militaires indépendants, qui se verraient en butte de la part de la population à une attaque ou une résistance armée, ou rencontreraient, sous quelque forme que cela soit, une opposition aux ordres du Gouvernement ou aux actes et mesures concernant la défense du pays et la sauvegarde de l’ordre public, ont l’autorisation et l’obligation de les réprimer immédiatement et vigoureusement au moyen de la force armée et de supprimer radicalement l’attaque et la résistance.
Article 2. — Les commandants d’armée, de corps d’armée et de division peuvent, si les besoins militaires l’exigent, déplacer et installer dans d’autres localités, séparément ou conjointement, la population des villes et des villages qu’ils soupçonnent coupable de trahison ou d’espionnage.
Article 3. — Cette loi entre en vigeur à partir de sa publication.
14/27 Mai 1915.
72.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 31. Mai 1915.Ankunft 1. Juni 1915.
An Auswärtiges Amt.
Zur Eindämmung der armenischen Spionage und um neuen armenischen Massenerhebungen vorzubeugen, beabsichtigt Enver Pascha unter Benutzung des Kriegs-(Ausnahme-)zustandes eine große Anzahl armenischer Schulen zu schließen, armenische Postkorrespondenz zu untersagen, armenische Zeitungen zu unterdrücken und aus den jetzt insurgierten armenischen Zentren alle nicht ganz einwandfreien Familien in Mesopotamien anzusiedeln. Er bittet dringend, daß wir ihm hierbei nicht in den Arm fallen.
Diese türkischen Maßnahmen werden natürlich in der gesamten uns feindlichen Welt wieder große Aufregung verursachen und auch gegen uns ausgebeutet werden. Die Maßnahmen bedeuten gewiß auch eine große Härte für die armenische Bevölkerung. Doch bin ich der Meinung, daß wir sie wohl in ihrer Form mildern, aber nicht grundsätzlich hindern dürfen. Die von Rußland genährte armenische Wühlarbeit hat Dimensionen angenommen, welche den Bestand der Türkei bedrohen.
Bitte Dr. Lepsius und deutsche armenische Komitees entsprechend verständigen, daß erwähnte Maßnahmen bei der politischen und militärischen Lage der Türkei leider nicht zu vermeiden[66].
Konsulate Erzerum, Adana, Aleppo, Mossul, Bagdad sind von mir vertraulich informiert worden.
Wangenheim.