Juni.73.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Abgang aus Erzerum, den 2. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 3. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Meine Rücksprache mit dem Oberkommandierenden über die Aussiedelung der Armenier führte zu keinem positiven Resultat. Die armenischen Bewohner aller Ebenen, wahrscheinlich auch Erzerums, sollen bis Der es Zor geschickt werden. Diese Aussiedelung großen Maßstabes ist gleichbedeutend mit Massakres, da mangels jeglicher Transportmittel kaum die Hälfte ihren Bestimmungsort lebend erreichen wird, und dürfte nicht nur den Ruin der Armenier, sondern ganzen Landes nach sich ziehen. Militärische Gründe können für Maßnahmen nicht angeführt werden, da Aufstand der hiesigen Armenier nicht anzunehmen ist und die Ausgewiesenen alte Männer, Frauen und Kinder sind. Armenier, die zum Islam übertreten, werden nicht ausgewiesen. Von mir besichtigte verlassene armenische Dörfer fand ich ausgeplündert, desgleichen das Kloster Kizilwang, dessen Kirche verwüstet war.Scheubner.74.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Abgang aus Erzerum, den 2. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 3. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Unter Bezugnahme auf das Telegramm vom 30. Mai. In Erzerum und Umgebung wurden Bomben und dergleichen nicht gefunden, was auch vom Wali bestätigt werden kann[67]. — Ich kann von hier aus nicht kontrollieren, ob wo anders derartige Funde gemacht wurden.Scheubner.75.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 3. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 3. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Auf das Telegramm vom 31. Mai.Es ist Befehl ergangen, die aus dem Wilajet Adana hier eingetroffenen Armenier auf muhammedanische Dörfer des Wilajet Aleppo zu verteilen. Dort müssen sie umkommen, was nicht die Absicht Enver Paschas sein kann. Ich stelle gehorsamst anheim, dahin wirken zu wollen, daß diese Armenier in der Stadt Aleppo, wo sie unschädlich sind, bleiben dürfen. Zur Durchführung der Regierungspolitik gegen die Armenier ist ein besonderer Beamter, Eyub Bey, nach Aleppo entsandt und direkt Fachri Pascha unterstellt worden. Der Wali Djelal Bey, von dem die Regierung weiß, daß er für eine mildere Politik eintritt, ist damit ausgeschaltet.Rößler.76.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 6. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 6. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.In aller Ehrerbietung bitte ich nochmals vorstellig werden zu dürfen. Unter den armenischen Verbannten befinden sich ganz überwiegend Frauen. Auf dem Transport und in den Dörfern wären sie wehrlos der Schande preisgegeben. Wäre es nicht möglich, daß nur die Männer zerstreut werden und daß Frauen und Kinder in Aleppo bleiben? Bisher sind schon zahlreiche Kinder den Transporten zum Opfer gefallen.Rößler.77.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.An Deutsches Konsulat, Aleppo.Antwort auf Telegramm vom 6. Juni.Vom Minister des Innern wurde zugesagt, daß er wegen der Verhältnisse der dort ausgewiesenen Armenier beim Wali in Aleppo anfragen werde.Wangenheim.78.(KaiserlichesKonsulat Mossul.)Telegramm.Abgang aus Mossul, den 10. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 11. Juni 1915.Deutsche Botschaft, Konstantinopel.614 aus Diarbekr hierher verbannte armenische Männer, Frauen und Kinder sind auf der Floßreise sämtlich abgeschlachtet worden; die Keleks sind gestern hier leer angekommen; seit einigen Tagen treiben Leichen und menschliche Glieder im Fluß vorbei. Weitere Transporte armenischer „Ansiedler“ sind hierher unterwegs, ihnen dürfte dasselbe Los bevorstehen.Ich habe der hiesigen Regierung meinen tiefsten Abscheu über diese Verbrechen zum Ausdruck gebracht; der Wali sprach sein Bedauern darüber aus mit dem Bemerken, daß allein der Wali von Diarbekr dafür verantwortlich sei.Holstein.79.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 12. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 13. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Von dem hier weilenden Katholikos von Sis wird die Seelenzahl der bisher verbannten Armenier auf über 30000 angegeben. Zeitun und Umgegend, ferner Alabasch, Albistan, Dörtjol, Hassan-Beyli sind vollständig geräumt. Es sind nicht nur die Familien, die „nicht ganz einwandfrei“ schienen, verbannt worden, sondern die ganze Bevölkerung, sogar die Familien der im Heeresdienst stehenden Soldaten. Könnte nicht wenigstens für diese eine Ausnahme gemacht werden? Der Transport von Frauen und Kindern auf das Land wird fortgesetzt. Selbst in kleinen Provinzorten wie Bab, Membidj, Idlib läßt man sie nicht bleiben, sondern zerstreut sie zu 3–4 Familien auf die muhammedanischen Dörfer, wo sie, von aller Hilfe abgeschnitten, zugrunde gehen müssen.Damit geht die Regierung weit über den Zweck notwendiger Vorbeugungsmaßregeln hinaus. Bedenkt sie nicht, daß beim Friedensschluß, ehe ihr die hauptsächlich von Armeniern bewohnte, augenblicklich verlorene Provinz Wan wieder zugesprochen wird, möglicherweise in Betracht gezogen werden wird, wie sie in Cilicien, statt sich auf notwendige Vorbeugungsmaßregeln zu beschränken, einen wichtigen Teil der Bevölkerung vernichtet hat?Rößler.80.(KaiserlichesKonsulat Mossul.)Telegramm.Abgang aus Mossul, den 13. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 14. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Im Anschluß an mein Telegramm vom 10. Juni.Die Niedermetzelung der Armenier im Wilajet Diarbekr wird hier von Tag zu Tag mehr bekannt und erzeugt zunehmende Unruhe unter der Bevölkerung, die bei der unverständigen Gewissenlosigkeit und der Schwäche der hiesigen Regierung leicht unabsehbare Folgen haben kann. In den Bezirken von Mardin und Amadia haben sich die Zustände zu einer wahren Christenverfolgung ausgewachsen.Wir werden bald überall den hellsten Aufruhr haben, wenn die Zentralregierung ihr Programm der Christenverfolgung nicht ändert. Die Armeniermassakres müssen unbedingt aufhören.Holstein.81.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 17. Juni 1915.Die Austreibung der armenischen Bevölkerung aus ihren Wohnsitzen in den ostanatolischen Provinzen und ihre Ansiedelung in anderen Gegenden wird schonungslos durchgeführt.Nach den glaubwürdigen Angaben des Katholikos von Sis sind allein aus seiner Diözese bisher 30000 Armenier deportiert worden. Zeitun und Umgegend, Albistan, Dörtjol, Alabasch, Hassan-Beyli und selbst kleinere Ortschaften sind vollständig geräumt. Hier wie anderwärts werden die Bewohner über das Innere zerstreut und unter Muhammedanern angesiedelt, zum Teil in weit voneinander entfernten Gegenden, wie z. B. die Bewohner von Zeitun, die teils nach der Umgegend von Konia, teils nach Der es Zor am Euphrat verpflanzt wurden. Die Armenier von Erzerum sind nach Terdjan (Mamahatun) geschafft worden.Die Ausgesiedelten werden gezwungen, sofort oder in wenigen Tagen ihre Wohnsitze zu verlassen, so daß sie ihre Häuser und den größten Teil ihrer beweglichen Habe im Stiche lassen müssen und sich nicht einmal mit den notwendigsten Subsistenzmitteln für den Transport versehen können. Bei der Ankunft an ihrem Bestimmungsort stehen sie hilf- und wehrlos inmitten einer ihnen feindselig gesinnten Bevölkerung da. An einzelnen Stellen ist es schon während ihrer Überführung zu Ausschreitungen gekommen; die von Diarbekr nach Mossul abgeschobenen Armenier sollen unterwegs sämtlich abgeschlachtet worden sein. Daß die Regierung die Ausgetriebenen mit Geld, Nahrungsmitteln oder sonst unterstützt, ist ausgeschlossen; in Erzerum haben der Kaiserliche Konsul und die amerikanischen Missionare helfend eingegriffen, anderwärts das hiesige armenische Patriarchat.Daß die Verbannung der Armenier nicht allein durch militärische Rücksichten motiviert ist, liegt zutage. Der Minister des Innern, Talaat Bey, hat sich hierüber kürzlich gegenüber dem zurzeit bei der Kaiserlichen Botschaft beschäftigten Dr. Mordtmann ohne Rückhalt dahin ausgesprochen, „daß die Pforte den Weltkrieg dazu benutzen wollte, um mit ihren inneren Feinden (den einheimischen Christen) gründlich aufzuräumen, ohne dabei durch die diplomatische Intervention des Auslandes gestört zu werden“.Der armenische Patriarch äußerte einige Tage später zu demselben Beamten, daß die Maßregeln der Pforte nicht nur die zeitweilige Unschädlichmachung der armenischen Bevölkerung, sondern ihre Austreibung aus der Türkei, oder vielmehr ihre Ausrottung bezweckten. Die Deportierung sei ebenso schlimm wie ein Massakre, und es würde nicht zu verwundern sein, wenn die Armenier sich schließlich zur Wehr setzten, selbst ohne Aussicht auf Erfolg „wie ein gequältes Tier, das gegen seine Peiniger ausschlägt“. Er scheint die Hoffnung aufgegeben zu haben, durch Schritte bei der türkischen Regierung eine Wendung zum Besseren herbeiführen zu können. Er ist nach wie vor — und wie wohl alle Armenier, soweit sie Kenntnis von den Vorgängen haben — der Überzeugung, daß die von der Regierung den Armeniern vorgeworfenen Ausschreitungen durch das Vorgehen der Behörden hervorgerufen worden sind.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.82.Deutsch-ArmenischeGesellschaft.Potsdam, den 18. Juni 1915.Aus Sofia erhielt ich die folgenden Telegramme:Sofia, aufgegeben den 14.6.Potsdam, aufgenommen den 16.6.„Von verbannten Armeniern sind vorläufig Aknuni, Hajak, Zarterian, Minassian nach Angora vor Kriegsgericht geschickt. Man räumt Armenien von Armeniern. Aus Ersindjian, Marasch, Hadjin, Aintab ist armenische Bevölkerung ins Innere Mesopotamiens verschickt. In ganz Cilicien massenhafte Verbannung aller Armenier. Auch aus Konstantinopel. Allgemeine Verzweiflung. Über unternommene Schritte bitten uns zu informieren.“Sofia, aufgegeben den 17.6.Potsdam, aufgenommen den 18.6.„Konstantinopel sind 20 Hentschakisten hingerichtet. Dasselbe Schicksal droht nach Angora verbannten Daschnakisten. Wir bitten alles Mögliche zu tun, um diesem Unglück vorzubeugen.“Dr. Johannes Lepsius.An das Auswärtige Amt.83.(Auswärtiges Amt.)Telegramm.Berlin, den 18. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Pera.Die Deutsch-armenische Gesellschaft hat Nachricht erhalten, daß 20 Hentschakisten hingerichtet sind und daß den nach Angora verbannten dort vor Kriegsgericht gestellten Daschnakisten, darunter angesehensten Führern der loyalen Armenier wie Aknuni, Zarterian u. a. gleiches Schicksal droht. Falls die Nachricht zutreffend, ist zu befürchten, daß bisher loyale Armenier ins Ententelager getrieben werden und Empörung sich in Attentaten und Putschen gegen dortige Machthaber Luft macht. Anheimstelle die Pforte dringend vor übereilten Schritten zu warnen und zu befürworten, daß etwaige Todesurteile gegen Daschnakistenführer aufgehoben werden.Zimmermann.84.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Abgang aus Erzerum, den 18. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 19. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Die aus der Ebene von Erzerum ausgewiesenen Armenier sind auf dem Wege über Ersindjan nach Kharput von Kurden und ähnlichem Gesindel überfallen worden. Die Männer und Kinder sind größtenteils ermordet, die Frauen geraubt worden. Die Regierung kann oder will nichts zum Schutz Ausgewiesener tun. Welche Schritte soll ich in dieser Angelegenheit und zur Verhinderung weiterer Abschlachtungen unternehmen?Scheubner.85.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Abgang aus Erzerum, den 18. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 19. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Sind Gerüchte über Armenieraufstand in Adana zutreffend? Erbitte Drahtmitteilung.Scheubner.86.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 19. Juni 1915.An Pfarrer Ehmann,Deutsche Missionsstation Mamuret ul Aziz.Auf Telegramm vom 18. Juni.Nach Auskunft Ministerium des Innern ist Ausweisung dortiger armenischer Bevölkerung nicht beabsichtigt.Wangenheim.87.(KaiserlichDeutsches Konsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 21. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 22. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Der hiesige Wali Djelal Bey hat den Befehl erhalten, mit dem Wali von Angora zu tauschen. Abberufung ist auf seine Haltung in der armenischen Frage zurückzuführen. Djelal Bey hatte bisher aus dem Wilajet Aleppo keine Armenier verbannt und sich dafür verbürgt, daß sie ruhig bleiben. Offenbar will die Regierung auch hier freie Hand haben.Die Abberufung ist im türkischen Interesse bedauerlich.Rößler.88.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 21. Juni 1915.An Deutsches Konsulat, Erzerum.Antwort auf das Telegramm vom 18. Juni.Ich bitte dem Wali eindringlich vorzustellen, daß solche schmachvollen Vorfälle das Ansehen der Regierung bei den Freunden der Türkei und im neutralen Auslande schädigen und die Autorität der Behörden im Innern untergraben. Repressalien und Racheakte von Seiten der Russen und Armenier in den von ihnen besetzten Gebieten sind die unausbleibliche Folge. Auch wird dadurch die Stellung der Türkei bei den künftigen Friedensverhandlungen erschwert und erneut Grund zur Einmischung der Mächte in die armenischen Angelegenheiten gegeben. Wenn wir auch gegen Maßregeln, soweit sie durch die Kriegslage gerechtfertigt sind, keine Einwendungen erheben können, so müssen wir doch um so energischer, auch in unserem Interesse, darauf dringen, daß Niedermetzelungen der wehrlosen Bevölkerung unterbleiben. Pflicht der Ortsbehörden ist es, solche Vorkommnisse mit allen Mitteln zu verhindern, wenn sie nicht eine schwere Verantwortung auf sich laden wollen.Zu Ihrer persönlichen Information bemerke ich, daß ich in gleichem Sinne Vorstellungen bei der Pforte erheben werde.Wangenheim.89.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 22. Juni 1915.An Deutsches Konsulat, Adana.Gerücht meldet Armenieraufstand Adana. Erbitte Drahtbericht.Wangenheim.90.(KaiserlichesKonsulat Adana.)Telegramm.Abgang aus Adana, den 23. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 23. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Im Wilajet Adana kein Armenieraufstand. Hier herrscht überall Ruhe und Ordnung.Büge.91.(KaiserlichDeutsches Konsulat Erzerum.)Telegramm.Abgang aus Erzerum, den 21. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 23. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Am 19. und 20. Juni ist die zweite Gruppe ausgewiesener Armenier — ca. 300 Familien — von hier abgegangen. Auf meine Vorstellung und infolge der im Telegramm vom 18. berichteten Vorfälle hat der Wali 100 Gendarmen mitgegeben.Scheubner.92.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Abgang aus Erzerum, den 22. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 23. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Ich habe dem Wali instruktionsgemäß Vorstellungen gemacht. Er gab Schmachvolles der Vorgänge zu, bedauerte es und versprach sein möglichsteszu tun, damit Wiederholung solcher Vorfälle vermieden werde. Habe Wali ersucht, Armeeoberkommando von meinen Vorstellungen Kenntnis zu geben.Scheubner.93.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Abgang aus Pera, den 23. Juni 1915.Ankunft Berlin, den 24. Juni 1915.An Auswärtiges Amt.Armenischer Patriarch wird Reise des Dr. Lepsius hierher mit Freude begrüßen. Auch dürfte sie wohl dazu beitragen, auf die uns mißgestimmten armenischen Kreise günstig hinzuwirken. Der Minister des Innern verspricht sich allerdings keinen Erfolg davon und bedauert, Dr. Lepsius das Reisen im Innern nicht gestatten zu können, erklärt aber im übrigen, daß es ihm freistände, hierher zu kommen.Wangenheim.94.(KaiserlichesKonsulat Trapezunt.)Telegramm.Abgang aus Trapezunt, den 24. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 25. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.In Karahissar ist es zu Ausschreitungen gegen die Armenier gekommen. Hier hat heute die Verhaftung der Armenier zwecks Abtransports begonnen. Vom Wali wurden mir die bestimmtesten Versicherungen gegeben, daß die Durchführung der Ausweisung auch im Falle des Widerstands der Armenier unter Ausschaltung des jungtürkischen Komitees oder sonstiger Privatpersonen lediglich den Behörden überlassen sei. Damit dürfte der Gefahr von Ausschreitungen gegen die Armenier hier nach Möglichkeit vorgebeugt sein.Bergfeld.95.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 25. Juni.An Deutsches Konsulat, Trapezunt.Antwort auf Telegramm vom 24. Juni.Letzthin sind in Erzerum, Diarbekr und anderwärts deportierte Armenier wiederholt von Wegelagerern, angeblich sogar von den Begleitmannschaften überfallen und niedergemacht worden. Ich bitte daher dem Wali eindringlich anzuempfehlen, für den Schutz der Deportierten während des Transports Sorge zu tragen.Wangenheim.96.(Deutscher HilfsbundMamuret ul Aziz.)Telegramm.Mamuret ul Aziz, den 26. Juni 1915.Ankunft den 27. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Nach all den Nöten der letzten Zeit jetzt Ausweisung der gesamten christlichen Bevölkerung von Stadt und Land unterschiedslos befohlen. Bitte im Namen der Menschlichkeit um Fürsprache, daß den Unschuldigen, den Schwachen und Greisen Gnade erwiesen werde. Ferner ersuche ich Euer Exzellenz um Schutz für unsere Anstalten und alle unsere Angestellten.Ehmann.97.(KaiserlichesKonsulat Trapezunt.)Telegramm.Abgang aus Trapezunt, den 26. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 27. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Heute erschien Bekanntmachung: Armenier, auch Frauen und Kinder, haben binnen fünf Tagen abzureisen.Bergfeld.98.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Abgang aus Erzerum, den 26. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 27. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Neuerdings hat der Oberkommandierende angeordnet, alle Armenier aus Erzerum auszuweisen. Dieser militärisch unbegründete und meines Erachtens nur auf Rassenhaß zurückzuführende Befehl dürfte, falls er wirklich zur Ausführung kommt, auch für die Armee bedenklich sein, da alle Militärhandwerker, Chauffeure etc. Armenier sind.Scheubner.99.(KaiserlichesKonsulat Samsun.)Telegramm.Samsun, den 27. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Regierung verhängte Ausweisung des gesamten armenischen Volkes nach Mesopotamien mit fünftägiger Frist zur Regelung ihrer Ortsangelegenheiten.Kuckhoff.100.(KaiserlichesKonsulat Trapezunt.)Telegramm.Abgang aus Trapezunt, den 27. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 28. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Im Anschluß an mein Telegramm vom 26. Juni.Die Deportation trifft allein im Wilajet Trapezunt rund dreißigtausend Personen. Ein Transport derartiger Massen über hunderte von Kilometern auf Wegen, wo es an Unterkommen und Verpflegung mangelt und die 300 Kilometer weit durch Flecktyphus verseucht sind, würde besonders unter den Frauen und Kindern ungeheure Opfer fordern; hierdurch würde nicht nur das moralische Ansehen der Türkei, sondern auch das ihrer Verbündeten leiden. Ich halte mich verpflichtet, Euere Exzellenz auf die Gefahren der Massendeportation vom Standpunkt der Menschlichkeit und des Prestigehinzuweisen. Der hiesige Wali beruft sich auf Weisungen aus Konstantinopel.Mein österreichischer Kollege berichtet seiner Botschaft im gleichen Sinne. Vielleicht verzichtet die türkische Regierung auf die Verschickung der Frauen und Kinder oder begnügt sich mit ihrer Unterbringung in der Nähe, soweit sie ihren Männern nicht freiwillig folgen.Bergfeld.101.(Auswärtiges Amt.)Berlin, den 28. Juni 1915.Telegramm.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Wramian, Abgeordneter von Wan und Führer der Daschnakzagan, soll, wie Dr. Lepsius erfährt, vermutlich zur Hinrichtung nach Konstantinopel gebracht werden. Lepsius bittet zu intervenieren.Zimmermann.Notiz.In armenischen Kreisen ist über die Sache nichts Näheres bekannt. Der Patriarch sagte mir heute: Wramian (alias Onik Tertzakian) sei schon vor 1½ Monaten, als Wan noch in türkischen Händen war, verhaftet und von Wan fortgeschafft, und dann auf dem Transport in Bitlis umgebracht worden.5./7. Mordtmann.102.(KaiserlichesKonsulat Trapezunt.)Telegramm.Abgang aus Trapezunt, den 29. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 1. Juli 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Die armenischen Familien haben Befehl erhalten, sich morgen Abend zur Abreise bereit zu halten. Mit meinen sämtlichen Kollegen bin ich der Ansicht, daß der Transport der Frauen und Kinder unter den im Telegramm vom 27. Juni geschilderten Verhältnissen an Massenmord grenzt. Ich setze meine Bemühungen fort, beim hiesigen Wali eine Erweiterung der Ausnahmen zu erzielen. Ein genereller Ausschluß der Frauen und Kinder von dieser Deportation kann aber nur durch eine Anordnung der Pforte erreicht werden.Bergfeld.103.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 29. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 29. Juni 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Zohrab und Wartkes Effendi, die beiden bekannten armenischen Abgeordneten, befinden sich gegenwärtig hier auf dem Transport nach Diarbekr.Nach allem, was von dort bekannt, ist anzunehmen, daß dies ihren sicheren Tod bedeutet. Zohrab ist herzleidend, Frau von Wartkes hat eben geboren.Ich stelle gehorsamst anheim, ein Wort einzulegen, daß sie in Aleppo bleiben dürfen.Ich schreibe dieses Telegramm auf Verwendung eines hochstehenden Muhammedaners.Rößler.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)12. Juli 1915.Notiz.Nach dem Bericht des Katholikos von Sis aus Aleppo vom 18. v. M. befanden sich dort außer Zohrab und Wartkes noch Dr. Dagavarian, Aknuni, Zarterian (Chefredakteur des Azadamart) und Hajak (Mitarbeiter des Azadamart). Wie mir der Patriarch neulich erzählte, geht es in Diarbekr schlimm zu: ein Dutzend Armenier sind in der Voruntersuchung zu Tode geprügelt worden, der dortige armenische Bischof hat aus Verzweiflung Selbstmord begangen. Wartkes Ef. hatte seinerzeit während der Gegenrevolution den bekannten Halil Bey mehrere Wochen bei sich versteckt.Mordtmann.104.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Abgang aus Erzerum, den 30. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 2. Juli 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Unter Bezugnahme auf Telegramm vom 18. Juni.Zahl der Armenier, die unterwegs ermordet wurden, dreitausend.Scheubner.
Juni.
73.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 2. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 3. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Meine Rücksprache mit dem Oberkommandierenden über die Aussiedelung der Armenier führte zu keinem positiven Resultat. Die armenischen Bewohner aller Ebenen, wahrscheinlich auch Erzerums, sollen bis Der es Zor geschickt werden. Diese Aussiedelung großen Maßstabes ist gleichbedeutend mit Massakres, da mangels jeglicher Transportmittel kaum die Hälfte ihren Bestimmungsort lebend erreichen wird, und dürfte nicht nur den Ruin der Armenier, sondern ganzen Landes nach sich ziehen. Militärische Gründe können für Maßnahmen nicht angeführt werden, da Aufstand der hiesigen Armenier nicht anzunehmen ist und die Ausgewiesenen alte Männer, Frauen und Kinder sind. Armenier, die zum Islam übertreten, werden nicht ausgewiesen. Von mir besichtigte verlassene armenische Dörfer fand ich ausgeplündert, desgleichen das Kloster Kizilwang, dessen Kirche verwüstet war.
Scheubner.
74.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 2. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 3. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Unter Bezugnahme auf das Telegramm vom 30. Mai. In Erzerum und Umgebung wurden Bomben und dergleichen nicht gefunden, was auch vom Wali bestätigt werden kann[67]. — Ich kann von hier aus nicht kontrollieren, ob wo anders derartige Funde gemacht wurden.
Scheubner.
75.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 3. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 3. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Auf das Telegramm vom 31. Mai.
Es ist Befehl ergangen, die aus dem Wilajet Adana hier eingetroffenen Armenier auf muhammedanische Dörfer des Wilajet Aleppo zu verteilen. Dort müssen sie umkommen, was nicht die Absicht Enver Paschas sein kann. Ich stelle gehorsamst anheim, dahin wirken zu wollen, daß diese Armenier in der Stadt Aleppo, wo sie unschädlich sind, bleiben dürfen. Zur Durchführung der Regierungspolitik gegen die Armenier ist ein besonderer Beamter, Eyub Bey, nach Aleppo entsandt und direkt Fachri Pascha unterstellt worden. Der Wali Djelal Bey, von dem die Regierung weiß, daß er für eine mildere Politik eintritt, ist damit ausgeschaltet.
Rößler.
76.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 6. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 6. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
In aller Ehrerbietung bitte ich nochmals vorstellig werden zu dürfen. Unter den armenischen Verbannten befinden sich ganz überwiegend Frauen. Auf dem Transport und in den Dörfern wären sie wehrlos der Schande preisgegeben. Wäre es nicht möglich, daß nur die Männer zerstreut werden und daß Frauen und Kinder in Aleppo bleiben? Bisher sind schon zahlreiche Kinder den Transporten zum Opfer gefallen.
Rößler.
77.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Antwort auf Telegramm vom 6. Juni.
Vom Minister des Innern wurde zugesagt, daß er wegen der Verhältnisse der dort ausgewiesenen Armenier beim Wali in Aleppo anfragen werde.
Wangenheim.
78.
(KaiserlichesKonsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 10. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 11. Juni 1915.
Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
614 aus Diarbekr hierher verbannte armenische Männer, Frauen und Kinder sind auf der Floßreise sämtlich abgeschlachtet worden; die Keleks sind gestern hier leer angekommen; seit einigen Tagen treiben Leichen und menschliche Glieder im Fluß vorbei. Weitere Transporte armenischer „Ansiedler“ sind hierher unterwegs, ihnen dürfte dasselbe Los bevorstehen.
Ich habe der hiesigen Regierung meinen tiefsten Abscheu über diese Verbrechen zum Ausdruck gebracht; der Wali sprach sein Bedauern darüber aus mit dem Bemerken, daß allein der Wali von Diarbekr dafür verantwortlich sei.
Holstein.
79.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 12. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 13. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Von dem hier weilenden Katholikos von Sis wird die Seelenzahl der bisher verbannten Armenier auf über 30000 angegeben. Zeitun und Umgegend, ferner Alabasch, Albistan, Dörtjol, Hassan-Beyli sind vollständig geräumt. Es sind nicht nur die Familien, die „nicht ganz einwandfrei“ schienen, verbannt worden, sondern die ganze Bevölkerung, sogar die Familien der im Heeresdienst stehenden Soldaten. Könnte nicht wenigstens für diese eine Ausnahme gemacht werden? Der Transport von Frauen und Kindern auf das Land wird fortgesetzt. Selbst in kleinen Provinzorten wie Bab, Membidj, Idlib läßt man sie nicht bleiben, sondern zerstreut sie zu 3–4 Familien auf die muhammedanischen Dörfer, wo sie, von aller Hilfe abgeschnitten, zugrunde gehen müssen.
Damit geht die Regierung weit über den Zweck notwendiger Vorbeugungsmaßregeln hinaus. Bedenkt sie nicht, daß beim Friedensschluß, ehe ihr die hauptsächlich von Armeniern bewohnte, augenblicklich verlorene Provinz Wan wieder zugesprochen wird, möglicherweise in Betracht gezogen werden wird, wie sie in Cilicien, statt sich auf notwendige Vorbeugungsmaßregeln zu beschränken, einen wichtigen Teil der Bevölkerung vernichtet hat?
Rößler.
80.
(KaiserlichesKonsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 13. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 14. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Im Anschluß an mein Telegramm vom 10. Juni.
Die Niedermetzelung der Armenier im Wilajet Diarbekr wird hier von Tag zu Tag mehr bekannt und erzeugt zunehmende Unruhe unter der Bevölkerung, die bei der unverständigen Gewissenlosigkeit und der Schwäche der hiesigen Regierung leicht unabsehbare Folgen haben kann. In den Bezirken von Mardin und Amadia haben sich die Zustände zu einer wahren Christenverfolgung ausgewachsen.
Wir werden bald überall den hellsten Aufruhr haben, wenn die Zentralregierung ihr Programm der Christenverfolgung nicht ändert. Die Armeniermassakres müssen unbedingt aufhören.
Holstein.
81.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 17. Juni 1915.
Die Austreibung der armenischen Bevölkerung aus ihren Wohnsitzen in den ostanatolischen Provinzen und ihre Ansiedelung in anderen Gegenden wird schonungslos durchgeführt.
Nach den glaubwürdigen Angaben des Katholikos von Sis sind allein aus seiner Diözese bisher 30000 Armenier deportiert worden. Zeitun und Umgegend, Albistan, Dörtjol, Alabasch, Hassan-Beyli und selbst kleinere Ortschaften sind vollständig geräumt. Hier wie anderwärts werden die Bewohner über das Innere zerstreut und unter Muhammedanern angesiedelt, zum Teil in weit voneinander entfernten Gegenden, wie z. B. die Bewohner von Zeitun, die teils nach der Umgegend von Konia, teils nach Der es Zor am Euphrat verpflanzt wurden. Die Armenier von Erzerum sind nach Terdjan (Mamahatun) geschafft worden.
Die Ausgesiedelten werden gezwungen, sofort oder in wenigen Tagen ihre Wohnsitze zu verlassen, so daß sie ihre Häuser und den größten Teil ihrer beweglichen Habe im Stiche lassen müssen und sich nicht einmal mit den notwendigsten Subsistenzmitteln für den Transport versehen können. Bei der Ankunft an ihrem Bestimmungsort stehen sie hilf- und wehrlos inmitten einer ihnen feindselig gesinnten Bevölkerung da. An einzelnen Stellen ist es schon während ihrer Überführung zu Ausschreitungen gekommen; die von Diarbekr nach Mossul abgeschobenen Armenier sollen unterwegs sämtlich abgeschlachtet worden sein. Daß die Regierung die Ausgetriebenen mit Geld, Nahrungsmitteln oder sonst unterstützt, ist ausgeschlossen; in Erzerum haben der Kaiserliche Konsul und die amerikanischen Missionare helfend eingegriffen, anderwärts das hiesige armenische Patriarchat.
Daß die Verbannung der Armenier nicht allein durch militärische Rücksichten motiviert ist, liegt zutage. Der Minister des Innern, Talaat Bey, hat sich hierüber kürzlich gegenüber dem zurzeit bei der Kaiserlichen Botschaft beschäftigten Dr. Mordtmann ohne Rückhalt dahin ausgesprochen, „daß die Pforte den Weltkrieg dazu benutzen wollte, um mit ihren inneren Feinden (den einheimischen Christen) gründlich aufzuräumen, ohne dabei durch die diplomatische Intervention des Auslandes gestört zu werden“.
Der armenische Patriarch äußerte einige Tage später zu demselben Beamten, daß die Maßregeln der Pforte nicht nur die zeitweilige Unschädlichmachung der armenischen Bevölkerung, sondern ihre Austreibung aus der Türkei, oder vielmehr ihre Ausrottung bezweckten. Die Deportierung sei ebenso schlimm wie ein Massakre, und es würde nicht zu verwundern sein, wenn die Armenier sich schließlich zur Wehr setzten, selbst ohne Aussicht auf Erfolg „wie ein gequältes Tier, das gegen seine Peiniger ausschlägt“. Er scheint die Hoffnung aufgegeben zu haben, durch Schritte bei der türkischen Regierung eine Wendung zum Besseren herbeiführen zu können. Er ist nach wie vor — und wie wohl alle Armenier, soweit sie Kenntnis von den Vorgängen haben — der Überzeugung, daß die von der Regierung den Armeniern vorgeworfenen Ausschreitungen durch das Vorgehen der Behörden hervorgerufen worden sind.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
82.
Deutsch-ArmenischeGesellschaft.
Potsdam, den 18. Juni 1915.
Aus Sofia erhielt ich die folgenden Telegramme:
Sofia, aufgegeben den 14.6.Potsdam, aufgenommen den 16.6.
„Von verbannten Armeniern sind vorläufig Aknuni, Hajak, Zarterian, Minassian nach Angora vor Kriegsgericht geschickt. Man räumt Armenien von Armeniern. Aus Ersindjian, Marasch, Hadjin, Aintab ist armenische Bevölkerung ins Innere Mesopotamiens verschickt. In ganz Cilicien massenhafte Verbannung aller Armenier. Auch aus Konstantinopel. Allgemeine Verzweiflung. Über unternommene Schritte bitten uns zu informieren.“
Sofia, aufgegeben den 17.6.Potsdam, aufgenommen den 18.6.
„Konstantinopel sind 20 Hentschakisten hingerichtet. Dasselbe Schicksal droht nach Angora verbannten Daschnakisten. Wir bitten alles Mögliche zu tun, um diesem Unglück vorzubeugen.“
Dr. Johannes Lepsius.
An das Auswärtige Amt.
83.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 18. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Die Deutsch-armenische Gesellschaft hat Nachricht erhalten, daß 20 Hentschakisten hingerichtet sind und daß den nach Angora verbannten dort vor Kriegsgericht gestellten Daschnakisten, darunter angesehensten Führern der loyalen Armenier wie Aknuni, Zarterian u. a. gleiches Schicksal droht. Falls die Nachricht zutreffend, ist zu befürchten, daß bisher loyale Armenier ins Ententelager getrieben werden und Empörung sich in Attentaten und Putschen gegen dortige Machthaber Luft macht. Anheimstelle die Pforte dringend vor übereilten Schritten zu warnen und zu befürworten, daß etwaige Todesurteile gegen Daschnakistenführer aufgehoben werden.
Zimmermann.
84.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 18. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 19. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die aus der Ebene von Erzerum ausgewiesenen Armenier sind auf dem Wege über Ersindjan nach Kharput von Kurden und ähnlichem Gesindel überfallen worden. Die Männer und Kinder sind größtenteils ermordet, die Frauen geraubt worden. Die Regierung kann oder will nichts zum Schutz Ausgewiesener tun. Welche Schritte soll ich in dieser Angelegenheit und zur Verhinderung weiterer Abschlachtungen unternehmen?
Scheubner.
85.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 18. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 19. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Sind Gerüchte über Armenieraufstand in Adana zutreffend? Erbitte Drahtmitteilung.
Scheubner.
86.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 19. Juni 1915.
An Pfarrer Ehmann,
Deutsche Missionsstation Mamuret ul Aziz.
Auf Telegramm vom 18. Juni.
Nach Auskunft Ministerium des Innern ist Ausweisung dortiger armenischer Bevölkerung nicht beabsichtigt.
Wangenheim.
87.
(KaiserlichDeutsches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 21. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 22. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Der hiesige Wali Djelal Bey hat den Befehl erhalten, mit dem Wali von Angora zu tauschen. Abberufung ist auf seine Haltung in der armenischen Frage zurückzuführen. Djelal Bey hatte bisher aus dem Wilajet Aleppo keine Armenier verbannt und sich dafür verbürgt, daß sie ruhig bleiben. Offenbar will die Regierung auch hier freie Hand haben.
Die Abberufung ist im türkischen Interesse bedauerlich.
Rößler.
88.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 21. Juni 1915.
An Deutsches Konsulat, Erzerum.
Antwort auf das Telegramm vom 18. Juni.
Ich bitte dem Wali eindringlich vorzustellen, daß solche schmachvollen Vorfälle das Ansehen der Regierung bei den Freunden der Türkei und im neutralen Auslande schädigen und die Autorität der Behörden im Innern untergraben. Repressalien und Racheakte von Seiten der Russen und Armenier in den von ihnen besetzten Gebieten sind die unausbleibliche Folge. Auch wird dadurch die Stellung der Türkei bei den künftigen Friedensverhandlungen erschwert und erneut Grund zur Einmischung der Mächte in die armenischen Angelegenheiten gegeben. Wenn wir auch gegen Maßregeln, soweit sie durch die Kriegslage gerechtfertigt sind, keine Einwendungen erheben können, so müssen wir doch um so energischer, auch in unserem Interesse, darauf dringen, daß Niedermetzelungen der wehrlosen Bevölkerung unterbleiben. Pflicht der Ortsbehörden ist es, solche Vorkommnisse mit allen Mitteln zu verhindern, wenn sie nicht eine schwere Verantwortung auf sich laden wollen.
Zu Ihrer persönlichen Information bemerke ich, daß ich in gleichem Sinne Vorstellungen bei der Pforte erheben werde.
Wangenheim.
89.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 22. Juni 1915.
An Deutsches Konsulat, Adana.
Gerücht meldet Armenieraufstand Adana. Erbitte Drahtbericht.
Wangenheim.
90.
(KaiserlichesKonsulat Adana.)
Telegramm.
Abgang aus Adana, den 23. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 23. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Im Wilajet Adana kein Armenieraufstand. Hier herrscht überall Ruhe und Ordnung.
Büge.
91.
(KaiserlichDeutsches Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 21. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 23. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Am 19. und 20. Juni ist die zweite Gruppe ausgewiesener Armenier — ca. 300 Familien — von hier abgegangen. Auf meine Vorstellung und infolge der im Telegramm vom 18. berichteten Vorfälle hat der Wali 100 Gendarmen mitgegeben.
Scheubner.
92.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 22. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 23. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Ich habe dem Wali instruktionsgemäß Vorstellungen gemacht. Er gab Schmachvolles der Vorgänge zu, bedauerte es und versprach sein möglichsteszu tun, damit Wiederholung solcher Vorfälle vermieden werde. Habe Wali ersucht, Armeeoberkommando von meinen Vorstellungen Kenntnis zu geben.
Scheubner.
93.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Pera, den 23. Juni 1915.Ankunft Berlin, den 24. Juni 1915.
An Auswärtiges Amt.
Armenischer Patriarch wird Reise des Dr. Lepsius hierher mit Freude begrüßen. Auch dürfte sie wohl dazu beitragen, auf die uns mißgestimmten armenischen Kreise günstig hinzuwirken. Der Minister des Innern verspricht sich allerdings keinen Erfolg davon und bedauert, Dr. Lepsius das Reisen im Innern nicht gestatten zu können, erklärt aber im übrigen, daß es ihm freistände, hierher zu kommen.
Wangenheim.
94.
(KaiserlichesKonsulat Trapezunt.)
Telegramm.
Abgang aus Trapezunt, den 24. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 25. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
In Karahissar ist es zu Ausschreitungen gegen die Armenier gekommen. Hier hat heute die Verhaftung der Armenier zwecks Abtransports begonnen. Vom Wali wurden mir die bestimmtesten Versicherungen gegeben, daß die Durchführung der Ausweisung auch im Falle des Widerstands der Armenier unter Ausschaltung des jungtürkischen Komitees oder sonstiger Privatpersonen lediglich den Behörden überlassen sei. Damit dürfte der Gefahr von Ausschreitungen gegen die Armenier hier nach Möglichkeit vorgebeugt sein.
Bergfeld.
95.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 25. Juni.
An Deutsches Konsulat, Trapezunt.
Antwort auf Telegramm vom 24. Juni.
Letzthin sind in Erzerum, Diarbekr und anderwärts deportierte Armenier wiederholt von Wegelagerern, angeblich sogar von den Begleitmannschaften überfallen und niedergemacht worden. Ich bitte daher dem Wali eindringlich anzuempfehlen, für den Schutz der Deportierten während des Transports Sorge zu tragen.
Wangenheim.
96.
(Deutscher HilfsbundMamuret ul Aziz.)
Telegramm.
Mamuret ul Aziz, den 26. Juni 1915.Ankunft den 27. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Nach all den Nöten der letzten Zeit jetzt Ausweisung der gesamten christlichen Bevölkerung von Stadt und Land unterschiedslos befohlen. Bitte im Namen der Menschlichkeit um Fürsprache, daß den Unschuldigen, den Schwachen und Greisen Gnade erwiesen werde. Ferner ersuche ich Euer Exzellenz um Schutz für unsere Anstalten und alle unsere Angestellten.
Ehmann.
97.
(KaiserlichesKonsulat Trapezunt.)
Telegramm.
Abgang aus Trapezunt, den 26. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 27. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Heute erschien Bekanntmachung: Armenier, auch Frauen und Kinder, haben binnen fünf Tagen abzureisen.
Bergfeld.
98.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 26. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 27. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Neuerdings hat der Oberkommandierende angeordnet, alle Armenier aus Erzerum auszuweisen. Dieser militärisch unbegründete und meines Erachtens nur auf Rassenhaß zurückzuführende Befehl dürfte, falls er wirklich zur Ausführung kommt, auch für die Armee bedenklich sein, da alle Militärhandwerker, Chauffeure etc. Armenier sind.
Scheubner.
99.
(KaiserlichesKonsulat Samsun.)
Telegramm.
Samsun, den 27. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Regierung verhängte Ausweisung des gesamten armenischen Volkes nach Mesopotamien mit fünftägiger Frist zur Regelung ihrer Ortsangelegenheiten.
Kuckhoff.
100.
(KaiserlichesKonsulat Trapezunt.)
Telegramm.
Abgang aus Trapezunt, den 27. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 28. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Im Anschluß an mein Telegramm vom 26. Juni.
Die Deportation trifft allein im Wilajet Trapezunt rund dreißigtausend Personen. Ein Transport derartiger Massen über hunderte von Kilometern auf Wegen, wo es an Unterkommen und Verpflegung mangelt und die 300 Kilometer weit durch Flecktyphus verseucht sind, würde besonders unter den Frauen und Kindern ungeheure Opfer fordern; hierdurch würde nicht nur das moralische Ansehen der Türkei, sondern auch das ihrer Verbündeten leiden. Ich halte mich verpflichtet, Euere Exzellenz auf die Gefahren der Massendeportation vom Standpunkt der Menschlichkeit und des Prestigehinzuweisen. Der hiesige Wali beruft sich auf Weisungen aus Konstantinopel.
Mein österreichischer Kollege berichtet seiner Botschaft im gleichen Sinne. Vielleicht verzichtet die türkische Regierung auf die Verschickung der Frauen und Kinder oder begnügt sich mit ihrer Unterbringung in der Nähe, soweit sie ihren Männern nicht freiwillig folgen.
Bergfeld.
101.
(Auswärtiges Amt.)
Berlin, den 28. Juni 1915.
Telegramm.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wramian, Abgeordneter von Wan und Führer der Daschnakzagan, soll, wie Dr. Lepsius erfährt, vermutlich zur Hinrichtung nach Konstantinopel gebracht werden. Lepsius bittet zu intervenieren.
Zimmermann.
Notiz.
In armenischen Kreisen ist über die Sache nichts Näheres bekannt. Der Patriarch sagte mir heute: Wramian (alias Onik Tertzakian) sei schon vor 1½ Monaten, als Wan noch in türkischen Händen war, verhaftet und von Wan fortgeschafft, und dann auf dem Transport in Bitlis umgebracht worden.
5./7. Mordtmann.
102.
(KaiserlichesKonsulat Trapezunt.)
Telegramm.
Abgang aus Trapezunt, den 29. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 1. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die armenischen Familien haben Befehl erhalten, sich morgen Abend zur Abreise bereit zu halten. Mit meinen sämtlichen Kollegen bin ich der Ansicht, daß der Transport der Frauen und Kinder unter den im Telegramm vom 27. Juni geschilderten Verhältnissen an Massenmord grenzt. Ich setze meine Bemühungen fort, beim hiesigen Wali eine Erweiterung der Ausnahmen zu erzielen. Ein genereller Ausschluß der Frauen und Kinder von dieser Deportation kann aber nur durch eine Anordnung der Pforte erreicht werden.
Bergfeld.
103.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 29. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 29. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Zohrab und Wartkes Effendi, die beiden bekannten armenischen Abgeordneten, befinden sich gegenwärtig hier auf dem Transport nach Diarbekr.
Nach allem, was von dort bekannt, ist anzunehmen, daß dies ihren sicheren Tod bedeutet. Zohrab ist herzleidend, Frau von Wartkes hat eben geboren.
Ich stelle gehorsamst anheim, ein Wort einzulegen, daß sie in Aleppo bleiben dürfen.
Ich schreibe dieses Telegramm auf Verwendung eines hochstehenden Muhammedaners.
Rößler.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
12. Juli 1915.
Notiz.
Nach dem Bericht des Katholikos von Sis aus Aleppo vom 18. v. M. befanden sich dort außer Zohrab und Wartkes noch Dr. Dagavarian, Aknuni, Zarterian (Chefredakteur des Azadamart) und Hajak (Mitarbeiter des Azadamart). Wie mir der Patriarch neulich erzählte, geht es in Diarbekr schlimm zu: ein Dutzend Armenier sind in der Voruntersuchung zu Tode geprügelt worden, der dortige armenische Bischof hat aus Verzweiflung Selbstmord begangen. Wartkes Ef. hatte seinerzeit während der Gegenrevolution den bekannten Halil Bey mehrere Wochen bei sich versteckt.
Mordtmann.
104.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 30. Juni 1915.Ankunft in Pera, den 2. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Unter Bezugnahme auf Telegramm vom 18. Juni.
Zahl der Armenier, die unterwegs ermordet wurden, dreitausend.
Scheubner.