Juli.105.(KaiserlichesKonsulat Trapezunt.)Telegramm.Abgang aus Trapezunt, den 2. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 2. Juli 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Wali hat die Ausnahme auf Kinder unter 10 Jahren ausgedehnt.Der aus Erzerum über Ersindjan hier eingetroffene Unteroffizier Schlimme berichtet: Zwischen Mamachatun und Ersindjan habe er eine etwa 400 Mann starke Bande unter französisch sprechenden Führern[68]getroffen, die anscheinend auf Armenier aus Erzerum wartete. Zwischen Ersindjan und Sipikor sei er armenischen Frauen begegnet, welche aus Hunger Gras aßen. Schließlich habe er aus sicherer Quelle erfahren, daß die aus Ersindjan deportierten Armenier in den Bergen hinter Ersindjan von Soldaten niedergemacht worden sind.Bergfeld.106.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 7. Juli 1915.Die Austreibung und Umsiedlung der armenischen Bevölkerung beschränkte sich bis vor etwa 14 Tagen auf die dem östlichen Kriegsschauplatze benachbarten Provinzen und auf einige Bezirke der Provinz Adana. Seitdem hat die Pforte beschlossen, diese Maßregel auch auf die Provinzen Trapezunt, Mamuret ul Aziz und Siwas auszudehnen, und mit der Ausführung begonnen, obwohl diese Landesteile vorläufig von keiner feindlichen Invasion bedroht sind.Dieser Umstand und die Art, wie die Umsiedelung durchgeführt wird, zeigen, daß die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten.In dieser Beziehung darf ich meinen früheren Berichten noch folgendes hinzufügen:Am 26. Juni wurden, wie der Kaiserliche Konsul in Trapezunt meldet, die dortigen Armenier angewiesen, binnen fünf Tagen abzureisen; ihr Hab und Gut sollte unter der Obhut der Behörden zurückbleiben. Nur Kranke waren ausgenommen; hinterher wurde noch eine Ausnahme für Witwen, Waisen, Greise und Kinder unter fünf Jahren, ferner für Kranke und für die katholischen Armenier zugelassen. Nach neuerer Meldung sind aber die meisten Ausnahmen wieder aufgehoben, und es bleiben nur Kinder und Transportunfähige zurück, welch letztere in Hospitäler gebracht werden.Im ganzen werden allein im Wilajet Trapezunt rund 30000 Personen betroffen, die über Erzindjan nach Mesopotamien abgeschoben werden sollen. Ein solcher Massentransport nach einem viele hunderte Kilometer entfernten Bestimmungsorte ohne genügende Transportmittel durch Gegenden, die weder Unterkunft noch Nahrung bieten und von epidemischen Krankheiten, namentlich vom Flecktyphus verseucht sind, dürfte besonders unter Frauen und Kindern zahlreiche Opfer fordern. Außerdem führt der Weg der Umgesiedelten durch die kurdischen Distrikte von Dersim, und der Wali von Trapezunt erklärte offen dem Konsul, der ihm auf diesseitige Weisung hin darüber Vorstellungen machte, daß er nur bis Erzindjan für die Sicherheit des Transportes garantieren könnte. Von da ab läßt man die Auswanderer durch die Banden der Kurden und anderer Wegelagerer förmlich Spießruten laufen. So sind z. B. die aus der Ebene von Erzerum ausgetriebenen Armenier auf dem Wege nach Kharput angefallen worden, wobei die Männer und Kinder niedergemacht und die Frauen geraubt wurden. Der Kaiserliche Konsul in Erzerum gibt die Zahl der bei dieser Gelegenheit umgekommenen Armenier auf 3000 an.In Trapezunt sind die Armenier massenhaft zum Islam übergetreten, um sich der drohenden Deportation zu entziehen und Leben wie Hab und Gut zu retten.Abgesehen von dem materiellen Schaden, der dem türkischen Staate durch die Depossedierung und Vernichtung eines arbeitsamen und intelligenten Bevölkerungselementes erwächst — für das die an seine Stelle tretenden Kurden und Türken vorläufig keinen nennenswerten Ersatz bieten —, werden auch unsere Handelsinteressen und die Interessen der in jenen Landesteilen bestehenden deutschen Wohltätigkeitsanstalten empfindlich geschädigt.Ferner verkennt die Pforte die Wirkung, welche diese und andere Gewaltmaßregeln wie z. B. die Massenhinrichtungen hier und im Innern auf die öffentliche Meinung des Auslandes ausüben, und die weiteren Folgen für die Behandlung der armenischen Frage bei den zukünftigen Friedensverhandlungen.Ich habe es daher für geboten erachtet, die Pforte darauf aufmerksam zu machen, daß wir Deportationen der Bevölkerung nur insofern billigen, als sie durch militärische Rücksichten geboten ist und zur Sicherung gegen Aufstände dient, daß aber bei Ausführung dieser Maßregel die Deportierten vor Plünderung und Metzeleien zu schützen seien. Um diesen Vorstellungen den nötigen Nachdruck zu geben, habe ich sie schriftlich in Form eines Memorandums zusammengefaßt, das ich am 4. d. M. dem Großwesir persönlich überreicht habe; Abschriften dieses Memorandums habe ich nachträglich den Ministerien des Äußern und des Innern übergeben lassen.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.Anlage.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Memorandum der Deutschen Botschaft in Pera,am 4./7. 1915 dem Großwesir überreicht.Les mesures de répression décrétées par le Gouvernement Impérial contre la population arménienne des provinces de l’Anatolie Orientale ayant été dictées par des raisons militaires et constituant un moyen de défense légitime, le Gouvernement Allemand est loin de s’opposer à leur mise en exécution, tant que ces mesures ont le but de fortifier la situation intérieure de la Turquie et de la mettre à l’abri de tentatives d’insurrections.A ce sujet, les vues du Gouvernement Allemand s’accordent tout à fait avec les explications données par la Sublime Porte en réponse aux menaces que les puissances de l’entente lui avaient adressées dernièrement à la suite des prétendues atrocités commises sur les Arméniens en Turquie.De l’autre côté, le Gouvernement Allemand ne peut pas dissimuler les dangers créés par ces mesures de rigueur et notamment par les expatriations en masse qui comprennent indistinctement les coupables et les innocents, surtout quand ces mesures sont accompagnées d’actes de violence, tels que massacres et pillages.Malheureusement, d’après les informations parvenues à l’Ambassade, les autorités locales n’ont pas été en état d’empêcher des incidents de ce genre, qui sont regrettables sous tous les rapports.Les puissances ennemies en profiteront pour fomenter l’agitation parmi les Arméniens et les nouvelles qu’on en répandra à l’étranger, ne manqueront pas de causer une vive émotion dans les pays neutres, surtout dans les Etats-Unis d’Amérique, dont les représentants ont depuis quelque temps commencé a s’intéresser au sort des Arméniens en Turquie.Le Gouvernement Allemand croit de son devoir, comme puissance amie et alliée de la Turquie, d’attirer l’attention de la Sublime Porte sur les conséquences qui en pourraient résulter au détriment de leurs intérêts communs tant pendant la guerre actuelle qu’à l’avenir; il est à prévoir que lors de la conclusion de la paix la question arménienne servira de nouveau de prétexte aux puissances étrangères pour s’ingérer dans les affaires internes de la Turquie.L’Ambassade pense qu’il serait d’urgence de donner des ordres péremptoires aux autorités provinciales afin qu’elles prennent des mesures efficaces pour sauvegarder la vie et la propriété des Arméniens expatriés, aussi bien pendant leur transport que dans leurs nouveaux domiciles.Elle pense également qu’il serait prudent de surseoir, pour le moment, à l’éxecution des arrêts de mort déjà rendus ou à rendre contre des Arméniens par les cours martiales de la capitale ou dans les provinces, surtout à Diarbékir et à Adana.Enfin l’Ambassade d’Allemagne prie le Gouvernement Ottoman, de prendre en considération les nombreux intérêts du commerce allemand et des établissements de bienfaisance allemands dans les provinces où on procède actuellement à l’expulsion des Arméniens. Le départ précipité de ces derniers portant un grave préjudice à ces intérêts, l’Ambassade verrait avec reconnaissance, si la Sublime Porte voulait bien, dans certains cas, prolonger les délais de départ accordés aux expulsés et permettre à ceux qui font partie du personnel des établissements de bienfaisance en question, ainsi qu’aux élèves, orphelins et autres personnes qui y sont entretenus, de continuer à habiter dans leurs anciens domiciles sauf, bien entendu, le cas où ils auraient été reconnus coupables d’actes qui nécessiteraient leur éloignement.107.(Kaiserliches KonsulatAleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 8. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 9. Juli 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Neuerdings sind wieder strenge Befehle von Djemal Pascha gegeben, welche die Verhütung von Armeniermetzeleien bezwecken. Er hat der Regierung vorgeschlagen, auch für den Bereich der 3. Armee gleiche Befehle zu geben. Sein Befehlsbereich schließt nach Osten mit Urfa ab, während Diarbekr zur 3. Armee gehört. Anheimstelle in gleichem Sinne wie Djemal auf Regierung einzuwirken.Rößler.108.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 9. Juli 1915.Der Kaiserliche Konsul in Aleppo meldet unter dem 8. d. M. folgendes:„Der von Mossul zurückgekehrte Major von Mikusch berichtet folgendes:Vor etwa einer Woche haben Kurden in Tell Ermen und einem benachbarten armenischen Dorf Armeniermetzeleien veranstaltet. Die großen Kirchen sind zerstört; Herr von Mikusch hat selbst 200 Leichen gesehen. Miliz und Gendarmerie hat Metzelei mindestens geduldet, wahrscheinlich sich daran beteiligt.Zwischen Nisibin und Tell Ermen haben Ersatztruppen (entlassene Sträflinge) ein niedergemetzeltes armenisches Dorf vollständig ausgeraubt und einschließlich ihres Offiziers freudestrahlend von Massakres erzählt.In Djerabulus sind vielfach zusammengebundene Leichen Euphrat abwärts getrieben.“In einem weiteren Telegramm von demselben Tage berichtet Herr Rößler, daß Djemal Pascha neuerdings strenge Befehle erteilt, um die Niedermetzelung von Armeniern in seinem Befehlsbereiche zu verhüten, und hier beantragt habe, gleiche Befehle für den Bereich der dritten Armee zu erlassen.Zu letzterer gehört u. a. auch Wilajet Diarbekr, in dem die Armenier besonders grausam verfolgt werden sollen. Das Kriegsgericht von Diarbekr führt augenblicklich eine Untersuchung gegen eine Anzahl Führer des Daschnakistenbundes wegen hochverräterischer Umtriebe; man nimmt an, daß sämtliche Angeschuldigte, darunter auch solche, die früher in engen Beziehungen zum jungtürkischen Komitee „Einheit und Fortschritt“ standen, zum Tode verurteilt werden. Über die sonstigen Vorgänge dort ist hier nichts Näheres in Erfahrung zu bringen. Der armenische Bischof (Murachas) von Diarbekr soll aus Verzweiflung Selbstmord begangen haben.Aus Erzerum telegraphiert Herr von Scheubner unter dem 8. d. M., daß nach neueren Nachrichten aus Baiburt, Erzindjan und Terdjan die Armeniermassakres dort wieder begonnen haben. Er ist der Ansicht, daß diese Greuel durch das Komitee, dessen Mitglieder dort als Nebenregierung eine verhängnisvolle Rolle spielen, unter Konnivenz der Behörden gefördert werden.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.109.KaiserlichDeutsches Konsulat.Trapezunt, den 9. Juli 1915.Nach dem Eintritt der Türkei in den Krieg machten sich unter den hiesigen Armeniern ernste Befürchtungen für ihre persönliche Sicherheit bemerkbar. Obwohl keinerlei Anzeichen auf bevorstehende Ausschreitungen hindeuteten, habe ich dennoch den Schutz der Christen in Trapezunt und Umgegend bei dem hiesigen Wali in freundschaftlicher Form zur Sprache gebracht. Er gab mir die bestimmtesten Versicherungen, daß gegen sie nichts unternommen werden würde, solange sie selber sich ruhig verhielten, und zeigte mir ein Telegramm des Ministeriums des Innern, in welchem Talaat Bey die Armenier dem besonderen Schutz der Behörden empfahl.[69]Tatsächlich haben sich die Christen hier auch zunächst der größten Sicherheit erfreut, und einige bei Armeniern notwendige Haussuchungen wurden, wie mir von den Armeniern selber versichert worden ist, mit der größten Rücksicht durchgeführt. Dies bedarf um so mehr der Anerkennung, als an der Küste russische armenische Freischaaren in Banden nicht nur gegen die Türken kämpfen, sondern auch gegen die russischen Muhammedaner die schwersten Ausschreitungen begangen haben[70]. Tausende vor ihnen flüchtende Muhammedaner sind hier eingetroffen und zum größten Teil in das Innere weiter transportiert worden.Die hiesigen Christen machten aus ihrer Abneigung gegen die Türkei und ihren Sympathien für den Dreiverband, insonderheit für Rußland, kein Hehl, und die hier umgehenden Gerüchte unsinnigster Art, wie Fall der Dardanellen, Konstantinopels, Erzerums, russische Landung bei Midia, oder gar Flucht des Sultans nach Brußa sind auf sie zurückzuführen. Es kam dann die Aufdeckung der Verschwörung gegen das jungtürkische System und seine Führer[69], der Aufstand der Armenier in der Provinz Wan[71]und Unruhen von ihrer Seite an anderen Orten der Türkei. Dies veranlaßte wohl die Hohe Pforte, gegen die Armenier Ausnahmemaßregeln zu ergreifen.Am 24. Juni wurden die hiesigen Führer der armenischen Komitees verhaftet und über Samsun in das Innere abgeschoben. Am gleichen Tage erfuhr ich, daß die Deportierung sämtlicher Armenier erwogen werde und daß sich eine Strömung geltend mache, diesen Anlaß zu Ausschreitungen gegen die hiesigen Armenier zu benützen. Ich habe den Wali hierauf hingewiesen und von ihm die bündigsten Erklärungen erhalten, daß eine etwaige Ausweisung der Armenier, selbst bei bewaffnetem Widerstand, lediglich von den Zivil- und Militärbehörden, unter Ausschaltung irgendwelcher unverantwortlicher Privatpersonen, durchgeführt werden würde. Am 26. Juniwurden dann die Armenier aufgefordert, sich zur Abschiebung ins Innere nach Ablauf von 5 Tagen bereit zu halten. Nur den Kranken wurde erlaubt, zu bleiben, und ihre Unterbringung in Krankenhäuser vorgesehen. Der Verkauf irgend welcher Sachen war ihnen verboten. Die Läden und Magazine sollten versiegelt, alle Gegenstände aus den Wohnungen an bestimmte Orte gebracht und dort der Obhut der Regierung unterstellt, Geld zur etappenweisen Nachsendung auf dem Postamt abgeliefert werden.Von der Deportierung wurden in der Provinz Trapezunt etwa 30000 Personen betroffen. Ein solcher Massentransport auf Straßen, wo es an genügend Nahrung und Unterkommen mangelt und welche in ihren ersten 300 km als völlig verseucht mit Flecktyphus angesprochen werden müssen, mußte unter den Armeniern, besonders unter Frauen und Kindern, ungeheure Opfer fordern, die im Ausland und auch in Deutschland eine berechtigte Kritik einer derartig weitgehenden Maßregel herausgefordert hätten. Ich habe daher der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel von der Sachlage Kenntnis gegeben und mich gleichzeitig bemüht, bei dem hiesigen Wali eine Milderung der Ausweisung zu erreichen. Er zeigte meinen Vorstellungen ein williges Gehör und Entgegenkommen. So wurden von der Deportierung zunächst ausgenommen: Alle Kinder unter 10 Jahren, Witwen und Waisen, sowie alle weiblichen Personen, welche zurzeit ohne männlichen Schutz sind, worunter auch die Familien der unter den Waffen Stehenden fielen, Kranke und Schwangere, sowie die katholischen Armenier. Den Kranken und Schwangeren wurde überdies erlaubt, in ihrer Wohnung zu bleiben und eine weibliche Familienangehörige zu ihrer Pflege bei sich zu behalten; Kinder konnten bei Bekannten untergebracht werden. Schließlich wurde den Ausgewiesenen auch gestattet, Wertgegenstände, sowie ihren Hausrat nach einer Einholung einer Genehmigung des Polizeidirektors zu verkaufen. Nach diesen Grundsätzen wurden an den ersten beiden Tagen des Abtransportes verfahren, wobei in bezug auf das Alter der Kinder und auf Krankheiten der Frauen Nachsicht geübt wurde. Bedauerlicherweise wurden am dritten Tage, anscheinend auf Weisungen aus Konstantinopel, alle hier erreichten Ausnahmen, abgesehen von der Erlaubnis des Bleibens für die Kinder, wieder aufgehoben.Der Abtransport aus der Stadt Trapezunt und der nächsten Umgegend ist beendet.Für die Sicherheit der Deportierten während des Transports hat der Wali mir beruhigende Versicherungen gegeben. Ich vertraue auch seiner Energie und seinem guten Willen, daß innerhalb seines Machtbereiches den Armeniern nichts zustoßen wird. Indessen deuten Anzeichen darauf hin, daß an anderen Orten an eine Ausrottung der Armenier gedacht wird. So sind zwischen Erzindjan und Diarbekr Armenier auf der Bergstraße, angeblich von Kurden, niedergemetzelt worden, und größere Banden vonWegelagerern unter französisch sprechenden Führern haben sich bei Erzerum und Baiburt gezeigt. Es ist immerhin auffallend, daß in jener Gegend, welche bisher unbedingt sicher war, sich größere Banden bilden können. Ohne für meine Meinung Beweise bringen zu können, vermag ich mich des Eindrucks nicht zu erwehren, daß das jungtürkische Komitee als treibende Kraft für das Vorgehen gegen die Armenier anzusehen ist. Das Zentralkomitee scheint auf diese Weise der armenischen Frage endgültig ein Ende machen zu wollen. Denn diejenigen Armenier, welche ihren Bestimmungsort wirklich erreichen, werden nur ausnahmsweise später in ihre alten Wohnsitze zurückkehren. Den Meisten unter ihnen wird es schon an den nötigen Mitteln fehlen. Damit wird es künftig keine Provinzen mit einem starken Prozentsatz armenischer Bevölkerung mehr geben. Die Lokalkomitees der Jungtürken hoffen bei der Deportierung der Armenier aus der Aneignung von deren Gütern reichen Privatgewinn zu finden, und bei der Abhängigkeit der meisten Verwaltungsbehörden vom Komitee werden sie sicher in ihrer Berechnung sich nicht getäuscht haben.Meine hiesigen Kollegen haben ihren Botschaften in Konstantinopel von dem Ausweisungsbefehl telegraphisch Kenntnis gegeben. Die Vertreter von Italien und Amerika, denen ein chiffrierter Verkehr mit ihren Botschaften nicht gestattet ist, haben sich auf eine kurze Mitteilung der Tatsache beschränken müssen. Der Konsul von Österreich-Ungarn hat seine vorgesetzte Behörde auf die großen Gefahren, welche die Massendeportierung für Frauen und Kinder bietet, hingewiesen. Bei dem hiesigen Wali hat der österreichische Kollege für einige Kinder, der amerikanische Konsul für die seinem Schutze unterstellten persischen Armenier interveniert, beide erfolglos.In den kritischen Tagen wurde die in nächster Nähe des Kaiserlichen Konsulats gelegene Polizeiwache militärisch verstärkt und meine Privatwohnung unauffällig von Militär bewacht. Einen Schutz meiner Person, auch für meine Ritte in die Stadt und zurück, habe ich abgelehnt.Dr. Bergfeld.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.110.(KaiserlichesKonsulat Mossul.)Telegramm.Abgang aus Mossul, den 10. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 11. Juli 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Von dem zurzeit hier anwesenden früheren Mutessarrif von Mardin wird mir folgendes mitgeteilt:Der Wali von Diarbekr, Reschid Bey, wüte wie ein toller Bluthund unter der Christenheit seines Wilajets; vor kurzem habe er auch in Mardin 700 Christen (meistens Armenier), darunter den armenischen Bischof, in einer Nacht durch Gendarmerie, die dazu aus Diarbekr entsandt wurde, sammeln und in der Nähe der Stadt wie Hammel abschlachten lassen. Reschid Bey fahre fort in seiner Blutarbeit unter den Unschuldigen, deren Zahl heute über zweitausend betrage.Ergreift die Regierung nicht sofort ganz energische Maßnahmen gegen Reschid Bey, so wird die muselmanische niedere Bevölkerung des hiesigen Wilajets gleichfalls Christenmetzeleien beginnen. Die Lage wird hier von Tag zu Tag drohender.Die Regierung sollte Reschid Bey sofort abberufen und damit dokumentieren, daß sie seine Schandtaten nicht billigt, das würde die allgemeine Erregung hier beschwichtigen[72].Holstein.111.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 11. Juli 1915.An Deutsches Konsulat Mossul.Inhalt Ihres Telegramms vom 10. Juli werde ich der Pforte mitteilen.Wangenheim.112.KaiserlichDeutsche Botschaft.Le 12 Juillet 1915.Dem Minister des Innern Talaat Bey übergeben:L’Ambassade d’Allemagne vient d’apprendre d’une source digne de foi ce qui suit:Le Wali de Diarbekir, Réchid Bey a dans les derniers temps organisé des massacres en règle parmi la population chrétienne de sa circonscription sans distinguer les Arméniens des chrétiens appartenant à d’autres confessions, et sans se soucier s’il s’agit de coupables ou d’innocents.A ce propos on rapporte le fait suivant, qui s’est passé tout dernièrement:Sur les ordres de Réchid Bey des gendarmes de Diarbekir se rendirent à Mardine et y arrêtèrent l’évêque Arménien avec un grand nombre d’Arméniens et d’autres chrétiens, en tout sept cent personnes; tout ce monde futconduit pendant la nuit à un endroit hors de la ville et égorgé comme des moutons.Le nombre total des victimes de ces massacres est évalué à 2000 âmes.Si le Gouvernement Impérial ne prend pas de mesures contre Réchid Bey il est à craindre que les basses classes de la population musulmane des Vilayets environnants ne se lèvent à leur tour pour se livrer à un massacre général de tous les habitants chrétiens.113.(KaiserlichesKonsulat Mossul.)Telegramm.Abgang aus Mossul, den 15. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 16. Juli 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Das chaldäische Dorf Feihschahbur bei Djesireh (Wilajet Diarbekr) ist vorigen Sonntag von muselmanischen Kurden überfallen und seine ausschließlich aus chaldäischen Christen bestehende Bevölkerung massakriert worden.Solange die Regierung nichts gegen den Wali von Diarbekr unternimmt, kann mit dem Aufhören der Massakres nicht gerechnet werden.Holstein.114.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 16. Juli 1915.Die von Herrn Lepsius mitgeteilten Tatsachen[73]werden durch die der Kaiserlichen Botschaft vorliegenden Nachrichten aus anderen Quellen, namentlich durch die konsularischen Berichte, bestätigt; ebenso dürften die daran geknüpften Betrachtungen zutreffen.Die Pforte fährt trotz der wiederholten eindringlichen Vorstellungen, die wir dagegen erhoben haben, fort, die Armenier zu deportieren und durch die Ansiedlung in unwirtlichen Gegenden der Vernichtung preiszugeben. Wir können sie nicht daran hindern und müssen ihr die Verantwortung für die wirtschaftlichen und politischen Folgen dieser Maßregel überlassen.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.115.(KaiserlichesKonsulat Mossul.)Telegramm.Abgang aus Mossul, den 16. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 17. Juli 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Der gestern hierher zurückgekehrte hiesige Wali teilte mir mit:1. Der Kaimakam von Midiat (Muselman) wurde kürzlich auf Befehl des Wali von Diarbekr ermordet, da er sich geweigert hatte, die Christen seines Bezirks massakrieren zu lassen.2. Von den aus dem Wilajet Diarbekr hierher verbannten Armeniern sind nur Frauen und Kinder angekommen, und von den letzteren auch nur etwa ein Drittel der ursprünglichen Anzahl; die Männer wurden sämtlich unterwegs ermordet; von den Frauen wurden die jungen unter die muselmanischen Kurden verteilt.Der hiesige Wali hat Maßnahmen getroffen, um im Wilajet Mossul Christenmassakres zu verhindern; ich fürchte jedoch, daß diese Maßnahmen schon zu spät kommen.Holstein.116.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 16. Juli 1915.Euere Exzellenz beehre ich mich anbei Abschrift eines Berichts des Kaiserlichen Vizekonsuls in Samsun vom 4. d. M. über Armenieraustreibungen zu überreichen. Ich habe Herrn Kuckhoff mitgeteilt, daß ich mit seiner Haltung und seinen Ausführungen einverstanden sei, ihn auch mit Weisungen wegen Sicherstellung der deutschen Interessen zu versehen. Meine Einwirkungen bei der Pforte versprechen leider nur geringen Erfolg.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.Anlage.KaiserlichDeutsches Vizekonsulat.Samsun, den 4. Juli 1915.Die Maßregel der Deportation — anscheinend für alle anatolischen Wilajets gültig, ist von einer Härte und dem Menschlichkeitsgefühl so widerstrebend, daß sie nicht gleichgültig hingenommen werden kann. Eshandelt sich um nichts weniger als um die Vernichtung oder gewaltsame Islamisierung eines ganzen Volkes, dessen Angehörige an der revolutionären Bewegung keinen direkten Anteil hatten, also unschuldige Opfer sind. Die Art der Ausführung des Verbannungsbefehls droht Formen anzunehmen, die nur in der Judenverfolgung Spaniens und Portugals ein Gleichnis finden. Die Regierung entsandte fanatische, strenggläubige muhammedanische Männer und Frauen in alle armenischen Häuser behufs Propaganda für den Übertritt zum Islam, selbstverständlich unter Androhung der schwersten Folgen für diejenigen, die ihrem Glauben treu bleiben. Soviel mir bekannt, sind bis heute hier schon viele Familien übergetreten und täglich vermehrt sich deren Zahl. Die Mehrheit der Unglücklichen widerstand bis jetzt den Lockungen und wurde täglich gruppenweise ins Innere getrieben. Fast keinem verblieb Zeit zur Regelung seiner Angelegenheiten. Nur mit dem Notdürftigsten versehen, mußten sie ihr Heim und Hab und Gut im Stiche lassen. Wie ich erfahre, werden sie an nicht entfernten Punkten jetzt zurückgehalten, um dort noch gründlicher für den Islam bearbeitet zu werden; einige von ihnen kehrten zu diesem Zwecke auch nach hier zurück. In der Umgebung von Samsun sind alle armenischen Dörfer muhammedanisiert worden, ebenso in Unieh. Vergünstigungen wurden, außer den Renegaten, niemandem zuteil. Alle Armenier ohne Ausnahme: Männer, Frauen, Greise, Kinder bis zum Säugling, Altgläubige, Protestanten und Katholiken — welch letztere sich nie einer nationalen revolutionären Bewegung anschlossen und auch von Abdul Hamid verschont wurden — mußten fort. Kein christlicher Armenier darf hier bleiben; selbst nicht solche ausländischer Staatsangehörigkeit; letztere sollen ausgewiesen werden. Der Bestimmungsort der Samsuner Verbannten ist nach Aussage des Mutessarrifs Urfa.Es ist selbstverständlich, daß kein christlicher Armenier dieses Ziel erreicht. Nachrichten aus dem Innern melden bereits das Verschwinden der abgeführten Bevölkerung ganzer Städte.Ich habe mit allen Mitteln auf den Gouverneur dahin einzuwirken versucht, daß die Maßregel der Regierung sich auf die einstweilige Verbannung der männlichen Bevölkerung im Alter von 17–60 Jahren beschränken möge, und erst die wirklich Schuldigen zu ermitteln. Auch machte ich ihn auf den sehr peinlichen Eindruck, den seine Maßnahme bei der christlichen Bevölkerung in Deutschland und Österreich-Ungarn hervorrufen müsse, aufmerksam. Alles umsonst: Fanatiker sind Vernunftgründen unzugänglich! Was sind die Folgen? Durch Ausrottung des armenischen Elements wird aller Handel und Wandel in Anatolien zerstört und jegliche wirtschaftliche Entwicklung des Landes auf Jahre hinaus unmöglich, denn alle Kaufleute, Industrielle und Handwerker sind fast ausschließlich Armenier. Auch diesen Punkt erklärte ich dem Gouverneur; leider ohne Erfolg.Es ist vorauszusehen, welche Folgen bei Bekanntwerden der Greuel die Armenierfrage zeitigen muß. Ein Entrüstungsschrei der ganzen christlichen Welt ist unausbleiblich. Alle Arbeit der protestantischen und katholischen Missionen in Anatolien ist vernichtet. Unsere Feinde werden davon vorzüglich Kapital schlagen, und auch bei unseren Landsleuten dürfte das Gefühl tiefster Empörung nicht ausbleiben.Und das Schlimmste an der Sache ist, daß die ganze Welt die Schuld dafür auf Deutschland abwälzen wird, da Freund und Feind glaubt, die Macht bei der Hohen Pforte liege ganz in unseren Händen und daß eine so tiefgehende Maßregel nur mit deutscher Zustimmung ausgeführt werden konnte.Der aufgepeitschte Fanatismus der Muhammedaner und unsere eigentümliche Stellung in der Türkei bei der heutigen Weltlage, sowie die Geistesverfassung der leitenden politischen Kreise am goldenen Horn lassen die Schwierigkeiten vorausahnen, die einer zufriedenstellenden Lösung der Armenierfrage von Menschlichkeits- und praktischen Vernunftsstandpunkt aus entgegenstehen.Trotzdem erlaube ich mir zu hoffen, daß es Euerer Exzellenz gelingen wird, der gänzlichen Vernichtung des größten Teils eines der ältesten und unglücklichsten Völker des Erdballs Einhalt zu gebieten.Kuckhoff.117.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 16. Juli 1915.Ich bestätige ergebenst Ihren gefälligen Bericht vom 4. d. M., von dessen Inhalt ich mit lebhaftem Interesse Kenntnis genommen habe. Mit Ihrer Haltung und Ihren Ausführungen erkläre ich mich einverstanden.Meine wiederholten Bestrebungen, das Schicksal derjenigen Ausgewiesenen zu mildern, welchen keine strafbaren Handlungen zur Last gelegt werden, versprechen zu meinem Bedauern nur geringe Aussicht auf Erfolg.Ihrer weiteren Berichterstattung darf ich entgegensehen.von Neurath.An den Kaiserlichen Vizekonsul Samsun.118.(KaiserlichesKonsulat Mossul.)Telegramm.Abgang aus Mossul, den 21. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 23. Juli 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Hier sind bisher rund sechshundert Frauen und Kinder (armenische, chaldäische, syrische) eingetroffen, deren männliche Verwandte in Soert, Mardin und Feihschahbur massakriert worden sind; ebenso viele werden in den nächsten Tagen erwartet.Das Elend dieser Menschen ist nicht zu beschreiben, ihre Kleider verfaulen ihnen am Leibe; täglich sterben Frauen und Kinder Hungers.Mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln kann die hiesige Regierung kaum Brot für diese Elenden kaufen.Um weitere Menschenleben zu retten, war sofortige Hilfe nötig, namentlich Anschaffung von Kleidung.Überzeugt, im Sinne der Kaiserlichen Regierung zu handeln, und da sofortige Hilfe ein Gebot der Menschlichkeit war, habe ich namens der Kaiserlichen Regierung gestern der hiesigen Regierung 300 Ltq. zur Verfügung gestellt; hiervon wird Brot, Kleidung und Schuhe für den dringendsten Bedarf angeschafft.Holstein.119.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 21. Juli 1915.Notiz[74].Meines unmaßgeblichen Erachtens sind nach den Erfahrungen, die wir in letzter Zeit mit der Pforte gemacht haben (vgl. unsere Verwendung für die Angestellten des Herrn von Scheubner in Erzerum, für das armenische Personal des Hilfsbundes in Marasch, für die Arbeiter von Zimmer in Amasia[75], für Parsighian und Balakian in Tschangri), alle Schritte unsererseits erfolglos bzw. haben den gegenteiligen Erfolg. In der Zimmer’schen Sache hat Talaat Bey angeblich entschieden: „Man könne des bösen Beispiels wegen keine Ausnahme zulassen.“ Im Falle Zohrab und Wartkes handle es sich außerdem noch um eine Ingerenz in ein schwebendes Gerichtsverfahren.Höchstens könnte noch ein Versuch im Kriegsministerium gemacht werden.Mordtmann.120.KaiserlichesKonsulat Aleppo.Aleppo, den 27. Juli 1915.Über die Verschickung der Armenier und die Art ihrer Durchführung ist mir seit Abgang meines letzten Berichtes noch das folgende bekannt geworden:1. Wie nach Absetzung des hiesigen Wali Djelal Bey zu erwarten, wird die Verschickung jetzt auf den Küstenstrich des Wilajets Aleppo ausgedehnt. Befehl zur Räumung von Alexandrette, Antiochien, Haram, Beilan, Soukluk, Kessab und anderen Ortschaften ist Nachrichten aus armenischer Quelle zufolge gegeben, doch wird eine kurze Frist in der Ausführung gewährt. — Das Kaiserliche Vizekonsulat Alexandrette hatte bis zum 17. d. M. keine Kenntnis[76].2. Nachrichten zufolge, welche der Katholikos von Sis erhalten hat, sind 800–1000 Männer, die von Diarbekr nach Süden geschickt waren, nirgends angelangt. Man nimmt an, daß sie sämtlich umgebracht worden sind. Es muß sich hierbei um ein Geschehnis handeln, das schon wochenlang zurückliegt.3. Das berichtete Vorbeitreiben von Leichen auf dem Euphrat, das in Rumkaleh, Biredjik und Djerabulus beobachtet worden ist, hatte, wie mir am 17. d. M. mitgeteilt wurde, 25 Tage lang gedauert. Die Leichen waren alle in der gleichen Weise, zwei und zwei Rücken auf Rücken, gebunden. Diese Gleichmäßigkeit deutet darauf hin, daß es sich nicht um Metzeleien, sondern um Tötung durch die Behörden handelt. Es heißt und ist wahrscheinlich, daß die Leichen durch Soldaten in Adiaman in den Fluß geworfen worden sind. Wie weiter unten zu berichten sein wird, hat das Vorbeitreiben nach einer Pause von mehreren Tagen von neuem begonnen und zwar in verstärktem Maße. Dieses Mal handelt es sich hauptsächlich um Frauen und Kinder.4. Armenier in Tell Abiad haben, wie ich von einem unbedingt glaubwürdigen älteren, bisher in Tell Abiad ansässigen Schweizer Ehepaar erfahre, ihre Mädchen im Alter von 8–12 Jahren verkauft, zunächst für 2 Medjidi (eine Medjidi etwa 3,50 Mk.), später für 1 Medjidi und weniger oder haben sie umsonst weggegeben. Offenbar wollten sie ihnen das in der Wüste vom Klima und von den Beduinen ihrer harrende Geschick ersparen. Immer wieder haben die herbeigeeilten Türken im Dorfe Tell Abiad mit den Verbannten um die Kinder gefeilscht. Mein Gewährsmann hat mir Namen von Käufern genannt. Die in Tell Abiad Durchziehenden, deren erste Trupps aus Zeitun kamen — vorläufig nach Rakka bestimmt —, waren durch ihrGeschick stumpfsinnig geworden und ließen stillschweigend alles über sich ergehen. Nahrungsmittel waren ihnen in genügender Menge gegeben worden, aber zu unregelmäßig. Südlich von Tell Abiad müssen, wo das Wasser sehr knapp, die jüngeren Kinder sterben. Auch sonst müssen viele den Strapazen erliegen. Ein ganzer Trupp ist bereits vollständig an Wassermangel zugrunde gegangen. Landwirtschaftliche Geräte haben sie nicht mitnehmen können. Was sollen die Überlebenden am Bestimmungsort anfangen?5. Bei der Härte der Befehle der Regierung hängt die Behandlung der Wandernden mehr oder minder von dem guten Willen der einzelnen Beamten und Gendarmen ab, deren Bezirk sie gerade durchziehen. Teilweise werden sie daher ernährt, teilweise nicht.In Aleppo, wo die Ernährung durch die Regierung zeitweise ungenügend war, wird zurzeit auf Befehl Djemal Paschas nach Verwendung des Katholikos für den Erwachsenen 5 Metalik (20 Pf.), für das Kind 4 Metalik (16 Pf.) gezahlt. Die Zahl der hier auf der Durchwanderung Befindlichen wird gegenwärtig auf durchschnittlich mehrere Tausende geschätzt. Sie dürfen sich hier etwas ausruhen.6. Es mehren sich die Anzeichen, daß die Regierung sich die Durchführung ihrer Maßregeln absichtlich oder unabsichtlich aus der Hand gleiten und in Armeniermetzeleien durch Tscherkessen und Kurden übergehen läßt.7. Über Ras ul Ain (die gegenwärtige Endstation der Bagdadbahn) kommen neuerdings Armenier aus Kharput, Erzerum und Bitlis. Von den Armeniern aus Kharput wird berichtet, daß in einem Dorf, einige Stunden südlich der Stadt, die Männer von den Frauen getrennt wurden. Die Männer sind niedergemacht worden und haben rechts und links vom Wege gelegen, an dem die Frauen dann vorbeikamen. Ein Trupp Frauen und Mädchen ist zwischen Mardin und Ras ul Ain von Beduinen vollständig ausgeplündert worden. Solche, die den Beduinen gefielen, wurden mitgeschleppt. Was soll aus den Unglücklichen werden, wenn sie noch tiefer in das Beduinengebiet hineinkommen?8. Ein hiesiger Armenier hat mir von einer ihm verwandten Familie aus Kharput erzählt, die aus 17 Köpfen bestand. 7 Männer sind abgeführt worden, ihr Geschick ist unbekannt, 2 Frauen sind den Strapazen des Weges erlegen, 8 Köpfe sind in Ras ul Ain angekommen. Dabei fängt der schlimmere Teil des Weges in Ras ul Ain erst an.9. Die bekannten armenischen Abgeordneten Zohrab und Wartkes hielten sich, aus Konstantinopel verbannt, kürzlich einige Zeit in Aleppo auf. Sie wußten, daß sie den Tod erleiden würden, wenn der Befehl der Regierung, sie nach Diarbekr zu verbannen, ausgeführt würde. Auch hatte ich Anlaß, die Kaiserliche Botschaft hiervon zu unterrichten. Nach den Erzählungen der sie begleitenden jetzt hierher zurückgekehrten Gendarmen, wonach sie Räubern begegnet wären, welche zufällig gerade die beiden Abgeordnetenerschossen hätten, kann kein Zweifel mehr daran bestehen, daß die Regierung sie auf dem Wege zwischen Urfa und Diarbekr hat ermorden lassen.Die geschilderte Behandlung des armenischen Volkes verdient meines gehorsamen Erachtens außer aus anderen Erwägungen auch aus dem Grunde besondere Aufmerksamkeit von deutscher Seite, als sie von weiten Kreisen der Bevölkerung, auch der muhammedanischen, auf deutsche Einwirkung bei der türkischen Regierung zurückgeführt wird. Es heißt, Deutschland sei der Anlaß zu dem Entschluß der türkischen Regierung, das armenische Volk bis zur völligen Bedeutungslosigkeit zu zerschmettern. Die türkische Regierung wird vermutlich alles tun, dieser Ansicht Vorschub zu leisten. Sie wird froh sein, das Odium ihrer Maßregeln auf uns abwälzen zu können.Meine bisherige telegraphische und schriftliche Berichterstattung dürfte dargetan haben, daß die türkische Regierung über den Rahmen berechtigter Abwehrmaßregeln gegen tatsächliche und mögliche armenische Umtriebe weit hinausgegangen ist, vielmehr durch die Ausdehnung ihrer Anordnungen, deren Durchführung sie in der härtesten und schroffsten Weise den Behörden zur Pflicht gemacht hat, auch gegen Frauen und Kinder, bewußt den Untergang möglichst großer Teile des armenischen Volkes mit Mitteln herbeiführen bestrebt ist, welche dem Altertum entlehnt sind, einer Regierung aber, die mit Deutschland verbündet sein will, unwürdig sind. — Sie hat, wie wohl kein Zweifel sein kann, die Gelegenheit, da sie sich im Kriege mit dem Vierverband befindet, dazu benutzen wollen, um sich der armenischen Frage für die Zukunft zu entledigen, dadurch, daß sie möglichst wenige geschlossene armenische Gemeinden übrig läßt. Hekatomben Unschuldiger hat sie mit den wenigen Schuldigen geopfert.Wäre es nicht möglich, noch jetzt weiteren Greueln Einhalt zu tun und wenigstens die Armenier aus dem Küstenstrich des Wilajets Aleppo noch zu retten, deren Verschickung erst noch bevorsteht? Sollte aus militärischen Gründen ihre Verschickung unumgänglich notwendig sein, könnte nicht wenigstens ihr Transport um ein bis zwei Monate hinausgeschoben und sorgfältig vorbereitet werden durch Bereitstellung der nötigen Tragtiere und Lebensmittel? Könnten sie nicht in den Städten Aleppo oder Urfa bleiben, mit dem schon jetzt auszusprechenden Recht späterer Rückkehr? Die türkische Regierung hat in einer in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 9. Juni veröffentlichten Denkschrift, „Die Ottomanische Regierung gegen feindliche Beschuldigungen“, behauptet, daß die Verschickungen zeitweilig seien. Sie hat erklärt: „Wenn gewisse Armenier zeitweilig auf andere Reichsgebiete übersiedeln mußten, so geschah das, weil sie im Kriegsgebiet wohnten...“ Könnte sie hier beim Wort genommen werden? Sind Beilan, Soukluk, Kessab u. a. wirklich Kriegsgebiet? Ist die Anwesenheit von Frauen und Kindern dort gefährlich, da doch die Männer so gut wie alle eingezogen sind?Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung veröffentlicht am 13. Juli in Nr. 192, erste Ausgabe, eine Erklärung der offiziösen osmanischen Depeschenagentur „Agence Milli“, welche gegen die Behauptung der „Gazette de Lausanne“ protestiert, die osmanische Regierung leihe den gegen die in der Türkei lebenden Armenier begangenen Ausschreitungen ihren Schutz und diese Ausschreitungen beständen häufig in Metzeleien.Leider wird sich vieles für diese Behauptung der „Gazette de Lausanne“ sagen lassen.Mein telegraphischer Bericht über die ungewöhnlich gut bezeugten Metzeleien in Teil Ermen lag bei Veröffentlichung des Dementis bereits vor. Diese von Kurden vorgenommenen Metzeleien sind nachgewiesenermaßen im Beisein der bewaffneten Macht der türkischen Regierung, wahrscheinlich aber unter deren aktiver Teilnahme vor sich gegangen.Die türkische Regierung hat ihre armenischen Untertanen, wohlgemerkt unschuldige, unter dem Vorwande, sie aus dem Kriegsgebiet entfernen zu müssen, zu Tausenden und Abertausenden[77]in die Wüste getrieben, weder Kranke noch Schwangere noch die Familien der zu den Waffen einberufenen Soldaten ausgenommen, hat sie ungenügend und unregelmäßig ernährt und mit Wasser versorgt, hat nichts gegen die unter ihnen ausgebrochenen Epidemien getan, hat die Frauen in Not und Verzweiflung getrieben, daß sie ihre Säuglinge und ihre Neugeborenen am Wege ausgesetzt, ihre dem mannbaren Alter entgegengehenden Mädchen verkauft, daß sie sich selbst mit ihren kleinen Kindern in den Fluß gestürzt haben, sie hat sie der Willkür der Begleitmannschaft und damit der Schande preisgegeben, einer Begleitmannschaft, die Mädchen an sich genommen und verkauft hat, sie hat sie den Beduinen in die Hände gejagt, die sie ausgeplündert und entführt haben, sie hat die Männer in einsamen Gegenden ungesetzlich niederschießen lassen und läßt die Leichen ihrer Opfer den Hunden und den Raubvögeln zum Fraß, sie hat angeblich in die Verbannung geschickte Abgeordnete ermorden lassen; sie hat Sträflinge aus den Gefängnissen entlassen, in Soldatenkleider gesteckt und in die Gegenden geschickt, wo die Verbannten durchziehen mußten, sie hat tscherkessische Freiwillige angeworben und sie auf die Armenier hingelenkt. Was aber behauptet sie in ihrer halbamtlichen Erklärung „Die Osmanische Regierung... erstreckt ihren wohlwollenden Schutz auf alle ehrlichen und friedlichen in der Türkei lebenden Christen...“Fürwahr, ich habe meinen Augen nicht getraut, als ich diese Erklärung gesehen habe, und ich finde keinen Ausdruck, um den Abgrund ihrer Unwahrheit zu kennzeichnen. Denn die türkische Regierung wird die Verantwortung für alles, was geschehen ist, auch soweit es aus mangelnder Fürsorge und Voraussicht, aus der Verderbtheit der ausführenden Organe und aus den anAnarchie grenzenden Zuständen der östlichen Teile ihres Gebietes hervorgeht, nicht ablehnen können, hat sie doch die Verbannten mit Vorbedacht in dieses Chaos hineingetrieben. Die Verantwortung wird auch dann auf ihr lasten, wenn sie die Herrschaft über die von ihr gerufenen Elemente verlieren sollte, wie es besonders im Wilajet Diarbekr leicht sich ereignen könnte. Wie hierzulande die Vernichtung der Armenier auf deutsche Anregung zurückgeführt wird, so versucht die türkische Regierung vor der europäischen Öffentlichkeit ihre Handlungsweise durch unsere Autorität zu decken.Euerer Exzellenz aber darf ich gehorsamst anheimstellen, in Erwägung ziehen zu wollen, ob türkische Erklärungen zur Armenierfrage noch ferner zur Veröffentlichung in der deutschen Presse geeignet sind und ob nicht Gefahr besteht, daß wir durch unseren Verbündeten kompromittiert werden.Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.Rößler.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.121.(Kaiserliches KonsulatAleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 27. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 27. Juli 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Über die Ausrottung der Armenier im Osten hier eintreffende zuverlässige Nachrichten sind grauenerregend. Den Euphrat treiben von neuem und in verstärktem Maße Leichen herunter, diesmal hauptsächlich Frauen und Kinder. Ist keine Möglichkeit, dem Greuel Einhalt zu tun? Bitte gehorsamst Auswärtiges Amt benachrichtigen, damit nicht türkische Dementis Aufnahme in deutsche Presse finden, wodurch Anschein deutscher Billigung erweckt wird.Rößler.122.Kaiserliche Botschaft.Telegramm.Pera, den 28. Juli 1915.An Konsulat, Aleppo.Antwort auf Telegramm vom 27. Juli.Von hier aus ist bereits alles mögliche geschehen. Auswärtiges Amt wurde dauernd auf dem laufenden gehalten.Hohenlohe.123.KaiserlichDeutsches Konsulat.Erzerum, den 28. Juli 1915.Wie ich Euerer Exzellenz bereits in meinem Bericht vom 9. ds. zu unterbreiten die Ehre hatte, machte sich hier bedauerlicherweise in letzter Zeit der Einfluß einer Nebenregierung bemerkbar.Abgesehen davon, hat nun auch der Oberkommandierende der III. Armee, Mahmud Kamil Pascha, der sein Hauptquartier hierher verlegt hat, in scharfer Weise in die Regierung des Wilajets eingegriffen.Bisher ist in Erzerum, im Gegensatz zu den anderen Städten, einigermaßen mild gegen die Ausgewiesenen vorgegangen worden. So stellte z. B. die Regierung vielen mittellosen Familien Ochsenkarren bis Erzindjan und Siwas zur Verfügung. Der Wali erlaubte ferner, daß Kranke, Familien ohne männliche Mitglieder, alleinstehende Frauen in Erzerum bleiben dürfen.Diesem humanen Vorgehen, für das auch ich eingetreten bin, wurde plötzlich durch irgendwelche Komitee-Einflüsse ein Ende bereitet. Nunmehr hat auch noch Mahmud Kamil Pascha die sofortige und rücksichtslose Ausweisung aller Armenier angeordnet.Den noch in der Stadt gebliebenen Frauen und Kranken wurden die bereits erteilten Aufenthaltsscheine wieder abgenommen und sie auf die Landstraße getrieben — einem sicheren Tode entgegen.Es geschah das, während der Wali und ich in Erzindjan waren.Mir scheint hierbei, daß der hiesige Wali, Tahsin Bey, der in der Behandlung der Armenierfrage eine etwas humanere Auffassung wie die andern haben dürfte, gegen die schroffe Richtung machtlos ist.Von den Anhängern letzterer wird übrigens unumwunden zugegeben, daß das Endziel ihres Vorgehens gegen die Armenier die gänzliche Ausrottung derselben in der Türkei ist. Nach dem Kriege werden wir „keine Armenier mehr in der Türkei haben“ ist der wörtliche Ausspruch einer maßgebenden Persönlichkeit.Soweit sich dieses Ziel nicht durch die verschiedenen Massakres erreichen läßt, hofft man, daß Entbehrungen auf der langen Wanderung bis Mesopotamien und das ungewohnte Klima dort ein übriges tun werden. Diese „Lösung“ der Armenierfrage scheint den Anhängern der schroffen Richtung, zu der fast alle Militär- und Regierungsbeamte gehören, eine ideale zu sein. Das türkische Volk selbst ist mit dieser Lösung der Armenierfrage keineswegs einverstanden und empfindet schon jetzt schwer die infolge der Vertreibung der Armenier über das Land hier hereinbrechende wirtschaftliche Not.v. Scheubner-Richter.Seiner Exzellenz dem Herrn BotschafterFreiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.124.(KaiserlichesKonsulat Mossul.)Telegramm.Abgang aus Mossul, den 28. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 28. Juli 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.1. Der Aufstand christlicher (sowohl chaldäischer als syrischer) Bevölkerung zwischen Mardin und Midiat dauert an. Telegraphenlinie nach Diarbekr ist zerstört.Dieser Aufstand ist unmittelbar durch das extreme Vorgehen des Wali von Diarbekr gegen Christen im allgemeinen hervorgerufen. Sie wehren sich ihrer Haut.2. Abd-ur-Rezak Bedr Han marschiert von Bajazid aus über Boghr nach Soert; Kurden unterwegs schließen sich an. Familien von Soert sind auf der Flucht.3. Verkehr auf Post- und Reiseweg Mossul-Ras ul Ain unterbrochen, da Gegend Nisibin durch aufständische Schammar besetzt.4. Die Jesidi vom Djebel Sindschar (westlich Mossul) sind gleichfalls seit einigen Tagen revolutioniert.Holstein.125.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 30. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 30. Juli 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Die Regierung hat jetzt den Befehl gegeben, daß sowohl das Küstengebiet des Wilajete Aleppo als auch Aintab und Killis und wahrscheinlich auch Marasch von Armeniern geräumt werden, Orte, die weder im Kriegsgebiet noch an der Etappenstraße gelegen sind. Aintab hat 32000, Killis 6000 armenische Einwohner. Euerer Exzellenz stelle ich gehorsamst anheim, der Regierung dringend anzuraten, diesen Befehl zu widerrufen oder wenigstens seine Ausführung hinauszuschieben. Ihre Organisation ist für die auf einmal erfolgenden Massenverschiebungen in keiner Weise ausreichend. Schon jetzt liegen 10000 Armenier hier. In Der-Zor liegen 15000, deren Ernährung durch die Regierung völlig ungenügend ist.Die zahlreichen gebildeten Städter wären den Strapazen des Weges noch weniger gewachsen als die Dorfbewohner. Die Armenier regen an und bitten, sofern Maßregeln gegen sie unabwendbar sind, ihnen statt der Verschickung die Erlaubnis zur Auswanderung zu verschaffen.Rößler.126.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 31. Juli 1915.Seit Anfang dieses Monats hat der Wali von Diarbekr, Reschid Bey, mit der systematischen Ausrottung der christlichen Bevölkerung seines Amtsbezirks, ohne Unterschied der Rasse und der Konfession, begonnen. Hiervon sind u. a. besonders die katholischen Armenier von Mardin und Tell Ermen und die chaldäischen Christen und nicht-unierten Syrer der Bezirke Midiat, Djeziret ibn Omar und Nisibin betroffen worden.Infolgedessen hat sich nach Meldungen des Konsulats Mossul die christliche Bevölkerung zwischen Mardin und Midiat gegen die Regierung erhoben und die Telegraphenlinie zerstört.Hohenlohe.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
Juli.
105.
(KaiserlichesKonsulat Trapezunt.)
Telegramm.
Abgang aus Trapezunt, den 2. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 2. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wali hat die Ausnahme auf Kinder unter 10 Jahren ausgedehnt.
Der aus Erzerum über Ersindjan hier eingetroffene Unteroffizier Schlimme berichtet: Zwischen Mamachatun und Ersindjan habe er eine etwa 400 Mann starke Bande unter französisch sprechenden Führern[68]getroffen, die anscheinend auf Armenier aus Erzerum wartete. Zwischen Ersindjan und Sipikor sei er armenischen Frauen begegnet, welche aus Hunger Gras aßen. Schließlich habe er aus sicherer Quelle erfahren, daß die aus Ersindjan deportierten Armenier in den Bergen hinter Ersindjan von Soldaten niedergemacht worden sind.
Bergfeld.
106.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 7. Juli 1915.
Die Austreibung und Umsiedlung der armenischen Bevölkerung beschränkte sich bis vor etwa 14 Tagen auf die dem östlichen Kriegsschauplatze benachbarten Provinzen und auf einige Bezirke der Provinz Adana. Seitdem hat die Pforte beschlossen, diese Maßregel auch auf die Provinzen Trapezunt, Mamuret ul Aziz und Siwas auszudehnen, und mit der Ausführung begonnen, obwohl diese Landesteile vorläufig von keiner feindlichen Invasion bedroht sind.
Dieser Umstand und die Art, wie die Umsiedelung durchgeführt wird, zeigen, daß die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten.
In dieser Beziehung darf ich meinen früheren Berichten noch folgendes hinzufügen:
Am 26. Juni wurden, wie der Kaiserliche Konsul in Trapezunt meldet, die dortigen Armenier angewiesen, binnen fünf Tagen abzureisen; ihr Hab und Gut sollte unter der Obhut der Behörden zurückbleiben. Nur Kranke waren ausgenommen; hinterher wurde noch eine Ausnahme für Witwen, Waisen, Greise und Kinder unter fünf Jahren, ferner für Kranke und für die katholischen Armenier zugelassen. Nach neuerer Meldung sind aber die meisten Ausnahmen wieder aufgehoben, und es bleiben nur Kinder und Transportunfähige zurück, welch letztere in Hospitäler gebracht werden.
Im ganzen werden allein im Wilajet Trapezunt rund 30000 Personen betroffen, die über Erzindjan nach Mesopotamien abgeschoben werden sollen. Ein solcher Massentransport nach einem viele hunderte Kilometer entfernten Bestimmungsorte ohne genügende Transportmittel durch Gegenden, die weder Unterkunft noch Nahrung bieten und von epidemischen Krankheiten, namentlich vom Flecktyphus verseucht sind, dürfte besonders unter Frauen und Kindern zahlreiche Opfer fordern. Außerdem führt der Weg der Umgesiedelten durch die kurdischen Distrikte von Dersim, und der Wali von Trapezunt erklärte offen dem Konsul, der ihm auf diesseitige Weisung hin darüber Vorstellungen machte, daß er nur bis Erzindjan für die Sicherheit des Transportes garantieren könnte. Von da ab läßt man die Auswanderer durch die Banden der Kurden und anderer Wegelagerer förmlich Spießruten laufen. So sind z. B. die aus der Ebene von Erzerum ausgetriebenen Armenier auf dem Wege nach Kharput angefallen worden, wobei die Männer und Kinder niedergemacht und die Frauen geraubt wurden. Der Kaiserliche Konsul in Erzerum gibt die Zahl der bei dieser Gelegenheit umgekommenen Armenier auf 3000 an.
In Trapezunt sind die Armenier massenhaft zum Islam übergetreten, um sich der drohenden Deportation zu entziehen und Leben wie Hab und Gut zu retten.
Abgesehen von dem materiellen Schaden, der dem türkischen Staate durch die Depossedierung und Vernichtung eines arbeitsamen und intelligenten Bevölkerungselementes erwächst — für das die an seine Stelle tretenden Kurden und Türken vorläufig keinen nennenswerten Ersatz bieten —, werden auch unsere Handelsinteressen und die Interessen der in jenen Landesteilen bestehenden deutschen Wohltätigkeitsanstalten empfindlich geschädigt.
Ferner verkennt die Pforte die Wirkung, welche diese und andere Gewaltmaßregeln wie z. B. die Massenhinrichtungen hier und im Innern auf die öffentliche Meinung des Auslandes ausüben, und die weiteren Folgen für die Behandlung der armenischen Frage bei den zukünftigen Friedensverhandlungen.
Ich habe es daher für geboten erachtet, die Pforte darauf aufmerksam zu machen, daß wir Deportationen der Bevölkerung nur insofern billigen, als sie durch militärische Rücksichten geboten ist und zur Sicherung gegen Aufstände dient, daß aber bei Ausführung dieser Maßregel die Deportierten vor Plünderung und Metzeleien zu schützen seien. Um diesen Vorstellungen den nötigen Nachdruck zu geben, habe ich sie schriftlich in Form eines Memorandums zusammengefaßt, das ich am 4. d. M. dem Großwesir persönlich überreicht habe; Abschriften dieses Memorandums habe ich nachträglich den Ministerien des Äußern und des Innern übergeben lassen.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
Anlage.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Memorandum der Deutschen Botschaft in Pera,am 4./7. 1915 dem Großwesir überreicht.
Les mesures de répression décrétées par le Gouvernement Impérial contre la population arménienne des provinces de l’Anatolie Orientale ayant été dictées par des raisons militaires et constituant un moyen de défense légitime, le Gouvernement Allemand est loin de s’opposer à leur mise en exécution, tant que ces mesures ont le but de fortifier la situation intérieure de la Turquie et de la mettre à l’abri de tentatives d’insurrections.
A ce sujet, les vues du Gouvernement Allemand s’accordent tout à fait avec les explications données par la Sublime Porte en réponse aux menaces que les puissances de l’entente lui avaient adressées dernièrement à la suite des prétendues atrocités commises sur les Arméniens en Turquie.
De l’autre côté, le Gouvernement Allemand ne peut pas dissimuler les dangers créés par ces mesures de rigueur et notamment par les expatriations en masse qui comprennent indistinctement les coupables et les innocents, surtout quand ces mesures sont accompagnées d’actes de violence, tels que massacres et pillages.
Malheureusement, d’après les informations parvenues à l’Ambassade, les autorités locales n’ont pas été en état d’empêcher des incidents de ce genre, qui sont regrettables sous tous les rapports.
Les puissances ennemies en profiteront pour fomenter l’agitation parmi les Arméniens et les nouvelles qu’on en répandra à l’étranger, ne manqueront pas de causer une vive émotion dans les pays neutres, surtout dans les Etats-Unis d’Amérique, dont les représentants ont depuis quelque temps commencé a s’intéresser au sort des Arméniens en Turquie.
Le Gouvernement Allemand croit de son devoir, comme puissance amie et alliée de la Turquie, d’attirer l’attention de la Sublime Porte sur les conséquences qui en pourraient résulter au détriment de leurs intérêts communs tant pendant la guerre actuelle qu’à l’avenir; il est à prévoir que lors de la conclusion de la paix la question arménienne servira de nouveau de prétexte aux puissances étrangères pour s’ingérer dans les affaires internes de la Turquie.
L’Ambassade pense qu’il serait d’urgence de donner des ordres péremptoires aux autorités provinciales afin qu’elles prennent des mesures efficaces pour sauvegarder la vie et la propriété des Arméniens expatriés, aussi bien pendant leur transport que dans leurs nouveaux domiciles.
Elle pense également qu’il serait prudent de surseoir, pour le moment, à l’éxecution des arrêts de mort déjà rendus ou à rendre contre des Arméniens par les cours martiales de la capitale ou dans les provinces, surtout à Diarbékir et à Adana.
Enfin l’Ambassade d’Allemagne prie le Gouvernement Ottoman, de prendre en considération les nombreux intérêts du commerce allemand et des établissements de bienfaisance allemands dans les provinces où on procède actuellement à l’expulsion des Arméniens. Le départ précipité de ces derniers portant un grave préjudice à ces intérêts, l’Ambassade verrait avec reconnaissance, si la Sublime Porte voulait bien, dans certains cas, prolonger les délais de départ accordés aux expulsés et permettre à ceux qui font partie du personnel des établissements de bienfaisance en question, ainsi qu’aux élèves, orphelins et autres personnes qui y sont entretenus, de continuer à habiter dans leurs anciens domiciles sauf, bien entendu, le cas où ils auraient été reconnus coupables d’actes qui nécessiteraient leur éloignement.
107.
(Kaiserliches KonsulatAleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 8. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 9. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Neuerdings sind wieder strenge Befehle von Djemal Pascha gegeben, welche die Verhütung von Armeniermetzeleien bezwecken. Er hat der Regierung vorgeschlagen, auch für den Bereich der 3. Armee gleiche Befehle zu geben. Sein Befehlsbereich schließt nach Osten mit Urfa ab, während Diarbekr zur 3. Armee gehört. Anheimstelle in gleichem Sinne wie Djemal auf Regierung einzuwirken.
Rößler.
108.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 9. Juli 1915.
Der Kaiserliche Konsul in Aleppo meldet unter dem 8. d. M. folgendes:
„Der von Mossul zurückgekehrte Major von Mikusch berichtet folgendes:
Vor etwa einer Woche haben Kurden in Tell Ermen und einem benachbarten armenischen Dorf Armeniermetzeleien veranstaltet. Die großen Kirchen sind zerstört; Herr von Mikusch hat selbst 200 Leichen gesehen. Miliz und Gendarmerie hat Metzelei mindestens geduldet, wahrscheinlich sich daran beteiligt.
Zwischen Nisibin und Tell Ermen haben Ersatztruppen (entlassene Sträflinge) ein niedergemetzeltes armenisches Dorf vollständig ausgeraubt und einschließlich ihres Offiziers freudestrahlend von Massakres erzählt.
In Djerabulus sind vielfach zusammengebundene Leichen Euphrat abwärts getrieben.“
In einem weiteren Telegramm von demselben Tage berichtet Herr Rößler, daß Djemal Pascha neuerdings strenge Befehle erteilt, um die Niedermetzelung von Armeniern in seinem Befehlsbereiche zu verhüten, und hier beantragt habe, gleiche Befehle für den Bereich der dritten Armee zu erlassen.
Zu letzterer gehört u. a. auch Wilajet Diarbekr, in dem die Armenier besonders grausam verfolgt werden sollen. Das Kriegsgericht von Diarbekr führt augenblicklich eine Untersuchung gegen eine Anzahl Führer des Daschnakistenbundes wegen hochverräterischer Umtriebe; man nimmt an, daß sämtliche Angeschuldigte, darunter auch solche, die früher in engen Beziehungen zum jungtürkischen Komitee „Einheit und Fortschritt“ standen, zum Tode verurteilt werden. Über die sonstigen Vorgänge dort ist hier nichts Näheres in Erfahrung zu bringen. Der armenische Bischof (Murachas) von Diarbekr soll aus Verzweiflung Selbstmord begangen haben.
Aus Erzerum telegraphiert Herr von Scheubner unter dem 8. d. M., daß nach neueren Nachrichten aus Baiburt, Erzindjan und Terdjan die Armeniermassakres dort wieder begonnen haben. Er ist der Ansicht, daß diese Greuel durch das Komitee, dessen Mitglieder dort als Nebenregierung eine verhängnisvolle Rolle spielen, unter Konnivenz der Behörden gefördert werden.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
109.
KaiserlichDeutsches Konsulat.
Trapezunt, den 9. Juli 1915.
Nach dem Eintritt der Türkei in den Krieg machten sich unter den hiesigen Armeniern ernste Befürchtungen für ihre persönliche Sicherheit bemerkbar. Obwohl keinerlei Anzeichen auf bevorstehende Ausschreitungen hindeuteten, habe ich dennoch den Schutz der Christen in Trapezunt und Umgegend bei dem hiesigen Wali in freundschaftlicher Form zur Sprache gebracht. Er gab mir die bestimmtesten Versicherungen, daß gegen sie nichts unternommen werden würde, solange sie selber sich ruhig verhielten, und zeigte mir ein Telegramm des Ministeriums des Innern, in welchem Talaat Bey die Armenier dem besonderen Schutz der Behörden empfahl.[69]Tatsächlich haben sich die Christen hier auch zunächst der größten Sicherheit erfreut, und einige bei Armeniern notwendige Haussuchungen wurden, wie mir von den Armeniern selber versichert worden ist, mit der größten Rücksicht durchgeführt. Dies bedarf um so mehr der Anerkennung, als an der Küste russische armenische Freischaaren in Banden nicht nur gegen die Türken kämpfen, sondern auch gegen die russischen Muhammedaner die schwersten Ausschreitungen begangen haben[70]. Tausende vor ihnen flüchtende Muhammedaner sind hier eingetroffen und zum größten Teil in das Innere weiter transportiert worden.
Die hiesigen Christen machten aus ihrer Abneigung gegen die Türkei und ihren Sympathien für den Dreiverband, insonderheit für Rußland, kein Hehl, und die hier umgehenden Gerüchte unsinnigster Art, wie Fall der Dardanellen, Konstantinopels, Erzerums, russische Landung bei Midia, oder gar Flucht des Sultans nach Brußa sind auf sie zurückzuführen. Es kam dann die Aufdeckung der Verschwörung gegen das jungtürkische System und seine Führer[69], der Aufstand der Armenier in der Provinz Wan[71]und Unruhen von ihrer Seite an anderen Orten der Türkei. Dies veranlaßte wohl die Hohe Pforte, gegen die Armenier Ausnahmemaßregeln zu ergreifen.
Am 24. Juni wurden die hiesigen Führer der armenischen Komitees verhaftet und über Samsun in das Innere abgeschoben. Am gleichen Tage erfuhr ich, daß die Deportierung sämtlicher Armenier erwogen werde und daß sich eine Strömung geltend mache, diesen Anlaß zu Ausschreitungen gegen die hiesigen Armenier zu benützen. Ich habe den Wali hierauf hingewiesen und von ihm die bündigsten Erklärungen erhalten, daß eine etwaige Ausweisung der Armenier, selbst bei bewaffnetem Widerstand, lediglich von den Zivil- und Militärbehörden, unter Ausschaltung irgendwelcher unverantwortlicher Privatpersonen, durchgeführt werden würde. Am 26. Juniwurden dann die Armenier aufgefordert, sich zur Abschiebung ins Innere nach Ablauf von 5 Tagen bereit zu halten. Nur den Kranken wurde erlaubt, zu bleiben, und ihre Unterbringung in Krankenhäuser vorgesehen. Der Verkauf irgend welcher Sachen war ihnen verboten. Die Läden und Magazine sollten versiegelt, alle Gegenstände aus den Wohnungen an bestimmte Orte gebracht und dort der Obhut der Regierung unterstellt, Geld zur etappenweisen Nachsendung auf dem Postamt abgeliefert werden.
Von der Deportierung wurden in der Provinz Trapezunt etwa 30000 Personen betroffen. Ein solcher Massentransport auf Straßen, wo es an genügend Nahrung und Unterkommen mangelt und welche in ihren ersten 300 km als völlig verseucht mit Flecktyphus angesprochen werden müssen, mußte unter den Armeniern, besonders unter Frauen und Kindern, ungeheure Opfer fordern, die im Ausland und auch in Deutschland eine berechtigte Kritik einer derartig weitgehenden Maßregel herausgefordert hätten. Ich habe daher der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel von der Sachlage Kenntnis gegeben und mich gleichzeitig bemüht, bei dem hiesigen Wali eine Milderung der Ausweisung zu erreichen. Er zeigte meinen Vorstellungen ein williges Gehör und Entgegenkommen. So wurden von der Deportierung zunächst ausgenommen: Alle Kinder unter 10 Jahren, Witwen und Waisen, sowie alle weiblichen Personen, welche zurzeit ohne männlichen Schutz sind, worunter auch die Familien der unter den Waffen Stehenden fielen, Kranke und Schwangere, sowie die katholischen Armenier. Den Kranken und Schwangeren wurde überdies erlaubt, in ihrer Wohnung zu bleiben und eine weibliche Familienangehörige zu ihrer Pflege bei sich zu behalten; Kinder konnten bei Bekannten untergebracht werden. Schließlich wurde den Ausgewiesenen auch gestattet, Wertgegenstände, sowie ihren Hausrat nach einer Einholung einer Genehmigung des Polizeidirektors zu verkaufen. Nach diesen Grundsätzen wurden an den ersten beiden Tagen des Abtransportes verfahren, wobei in bezug auf das Alter der Kinder und auf Krankheiten der Frauen Nachsicht geübt wurde. Bedauerlicherweise wurden am dritten Tage, anscheinend auf Weisungen aus Konstantinopel, alle hier erreichten Ausnahmen, abgesehen von der Erlaubnis des Bleibens für die Kinder, wieder aufgehoben.
Der Abtransport aus der Stadt Trapezunt und der nächsten Umgegend ist beendet.
Für die Sicherheit der Deportierten während des Transports hat der Wali mir beruhigende Versicherungen gegeben. Ich vertraue auch seiner Energie und seinem guten Willen, daß innerhalb seines Machtbereiches den Armeniern nichts zustoßen wird. Indessen deuten Anzeichen darauf hin, daß an anderen Orten an eine Ausrottung der Armenier gedacht wird. So sind zwischen Erzindjan und Diarbekr Armenier auf der Bergstraße, angeblich von Kurden, niedergemetzelt worden, und größere Banden vonWegelagerern unter französisch sprechenden Führern haben sich bei Erzerum und Baiburt gezeigt. Es ist immerhin auffallend, daß in jener Gegend, welche bisher unbedingt sicher war, sich größere Banden bilden können. Ohne für meine Meinung Beweise bringen zu können, vermag ich mich des Eindrucks nicht zu erwehren, daß das jungtürkische Komitee als treibende Kraft für das Vorgehen gegen die Armenier anzusehen ist. Das Zentralkomitee scheint auf diese Weise der armenischen Frage endgültig ein Ende machen zu wollen. Denn diejenigen Armenier, welche ihren Bestimmungsort wirklich erreichen, werden nur ausnahmsweise später in ihre alten Wohnsitze zurückkehren. Den Meisten unter ihnen wird es schon an den nötigen Mitteln fehlen. Damit wird es künftig keine Provinzen mit einem starken Prozentsatz armenischer Bevölkerung mehr geben. Die Lokalkomitees der Jungtürken hoffen bei der Deportierung der Armenier aus der Aneignung von deren Gütern reichen Privatgewinn zu finden, und bei der Abhängigkeit der meisten Verwaltungsbehörden vom Komitee werden sie sicher in ihrer Berechnung sich nicht getäuscht haben.
Meine hiesigen Kollegen haben ihren Botschaften in Konstantinopel von dem Ausweisungsbefehl telegraphisch Kenntnis gegeben. Die Vertreter von Italien und Amerika, denen ein chiffrierter Verkehr mit ihren Botschaften nicht gestattet ist, haben sich auf eine kurze Mitteilung der Tatsache beschränken müssen. Der Konsul von Österreich-Ungarn hat seine vorgesetzte Behörde auf die großen Gefahren, welche die Massendeportierung für Frauen und Kinder bietet, hingewiesen. Bei dem hiesigen Wali hat der österreichische Kollege für einige Kinder, der amerikanische Konsul für die seinem Schutze unterstellten persischen Armenier interveniert, beide erfolglos.
In den kritischen Tagen wurde die in nächster Nähe des Kaiserlichen Konsulats gelegene Polizeiwache militärisch verstärkt und meine Privatwohnung unauffällig von Militär bewacht. Einen Schutz meiner Person, auch für meine Ritte in die Stadt und zurück, habe ich abgelehnt.
Dr. Bergfeld.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.
110.
(KaiserlichesKonsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 10. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 11. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Von dem zurzeit hier anwesenden früheren Mutessarrif von Mardin wird mir folgendes mitgeteilt:
Der Wali von Diarbekr, Reschid Bey, wüte wie ein toller Bluthund unter der Christenheit seines Wilajets; vor kurzem habe er auch in Mardin 700 Christen (meistens Armenier), darunter den armenischen Bischof, in einer Nacht durch Gendarmerie, die dazu aus Diarbekr entsandt wurde, sammeln und in der Nähe der Stadt wie Hammel abschlachten lassen. Reschid Bey fahre fort in seiner Blutarbeit unter den Unschuldigen, deren Zahl heute über zweitausend betrage.
Ergreift die Regierung nicht sofort ganz energische Maßnahmen gegen Reschid Bey, so wird die muselmanische niedere Bevölkerung des hiesigen Wilajets gleichfalls Christenmetzeleien beginnen. Die Lage wird hier von Tag zu Tag drohender.
Die Regierung sollte Reschid Bey sofort abberufen und damit dokumentieren, daß sie seine Schandtaten nicht billigt, das würde die allgemeine Erregung hier beschwichtigen[72].
Holstein.
111.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 11. Juli 1915.
An Deutsches Konsulat Mossul.
Inhalt Ihres Telegramms vom 10. Juli werde ich der Pforte mitteilen.
Wangenheim.
112.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Le 12 Juillet 1915.
Dem Minister des Innern Talaat Bey übergeben:
L’Ambassade d’Allemagne vient d’apprendre d’une source digne de foi ce qui suit:
Le Wali de Diarbekir, Réchid Bey a dans les derniers temps organisé des massacres en règle parmi la population chrétienne de sa circonscription sans distinguer les Arméniens des chrétiens appartenant à d’autres confessions, et sans se soucier s’il s’agit de coupables ou d’innocents.
A ce propos on rapporte le fait suivant, qui s’est passé tout dernièrement:
Sur les ordres de Réchid Bey des gendarmes de Diarbekir se rendirent à Mardine et y arrêtèrent l’évêque Arménien avec un grand nombre d’Arméniens et d’autres chrétiens, en tout sept cent personnes; tout ce monde futconduit pendant la nuit à un endroit hors de la ville et égorgé comme des moutons.
Le nombre total des victimes de ces massacres est évalué à 2000 âmes.
Si le Gouvernement Impérial ne prend pas de mesures contre Réchid Bey il est à craindre que les basses classes de la population musulmane des Vilayets environnants ne se lèvent à leur tour pour se livrer à un massacre général de tous les habitants chrétiens.
113.
(KaiserlichesKonsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 15. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 16. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Das chaldäische Dorf Feihschahbur bei Djesireh (Wilajet Diarbekr) ist vorigen Sonntag von muselmanischen Kurden überfallen und seine ausschließlich aus chaldäischen Christen bestehende Bevölkerung massakriert worden.
Solange die Regierung nichts gegen den Wali von Diarbekr unternimmt, kann mit dem Aufhören der Massakres nicht gerechnet werden.
Holstein.
114.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 16. Juli 1915.
Die von Herrn Lepsius mitgeteilten Tatsachen[73]werden durch die der Kaiserlichen Botschaft vorliegenden Nachrichten aus anderen Quellen, namentlich durch die konsularischen Berichte, bestätigt; ebenso dürften die daran geknüpften Betrachtungen zutreffen.
Die Pforte fährt trotz der wiederholten eindringlichen Vorstellungen, die wir dagegen erhoben haben, fort, die Armenier zu deportieren und durch die Ansiedlung in unwirtlichen Gegenden der Vernichtung preiszugeben. Wir können sie nicht daran hindern und müssen ihr die Verantwortung für die wirtschaftlichen und politischen Folgen dieser Maßregel überlassen.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
115.
(KaiserlichesKonsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 16. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 17. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Der gestern hierher zurückgekehrte hiesige Wali teilte mir mit:
1. Der Kaimakam von Midiat (Muselman) wurde kürzlich auf Befehl des Wali von Diarbekr ermordet, da er sich geweigert hatte, die Christen seines Bezirks massakrieren zu lassen.
2. Von den aus dem Wilajet Diarbekr hierher verbannten Armeniern sind nur Frauen und Kinder angekommen, und von den letzteren auch nur etwa ein Drittel der ursprünglichen Anzahl; die Männer wurden sämtlich unterwegs ermordet; von den Frauen wurden die jungen unter die muselmanischen Kurden verteilt.
Der hiesige Wali hat Maßnahmen getroffen, um im Wilajet Mossul Christenmassakres zu verhindern; ich fürchte jedoch, daß diese Maßnahmen schon zu spät kommen.
Holstein.
116.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 16. Juli 1915.
Euere Exzellenz beehre ich mich anbei Abschrift eines Berichts des Kaiserlichen Vizekonsuls in Samsun vom 4. d. M. über Armenieraustreibungen zu überreichen. Ich habe Herrn Kuckhoff mitgeteilt, daß ich mit seiner Haltung und seinen Ausführungen einverstanden sei, ihn auch mit Weisungen wegen Sicherstellung der deutschen Interessen zu versehen. Meine Einwirkungen bei der Pforte versprechen leider nur geringen Erfolg.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
Anlage.
KaiserlichDeutsches Vizekonsulat.
Samsun, den 4. Juli 1915.
Die Maßregel der Deportation — anscheinend für alle anatolischen Wilajets gültig, ist von einer Härte und dem Menschlichkeitsgefühl so widerstrebend, daß sie nicht gleichgültig hingenommen werden kann. Eshandelt sich um nichts weniger als um die Vernichtung oder gewaltsame Islamisierung eines ganzen Volkes, dessen Angehörige an der revolutionären Bewegung keinen direkten Anteil hatten, also unschuldige Opfer sind. Die Art der Ausführung des Verbannungsbefehls droht Formen anzunehmen, die nur in der Judenverfolgung Spaniens und Portugals ein Gleichnis finden. Die Regierung entsandte fanatische, strenggläubige muhammedanische Männer und Frauen in alle armenischen Häuser behufs Propaganda für den Übertritt zum Islam, selbstverständlich unter Androhung der schwersten Folgen für diejenigen, die ihrem Glauben treu bleiben. Soviel mir bekannt, sind bis heute hier schon viele Familien übergetreten und täglich vermehrt sich deren Zahl. Die Mehrheit der Unglücklichen widerstand bis jetzt den Lockungen und wurde täglich gruppenweise ins Innere getrieben. Fast keinem verblieb Zeit zur Regelung seiner Angelegenheiten. Nur mit dem Notdürftigsten versehen, mußten sie ihr Heim und Hab und Gut im Stiche lassen. Wie ich erfahre, werden sie an nicht entfernten Punkten jetzt zurückgehalten, um dort noch gründlicher für den Islam bearbeitet zu werden; einige von ihnen kehrten zu diesem Zwecke auch nach hier zurück. In der Umgebung von Samsun sind alle armenischen Dörfer muhammedanisiert worden, ebenso in Unieh. Vergünstigungen wurden, außer den Renegaten, niemandem zuteil. Alle Armenier ohne Ausnahme: Männer, Frauen, Greise, Kinder bis zum Säugling, Altgläubige, Protestanten und Katholiken — welch letztere sich nie einer nationalen revolutionären Bewegung anschlossen und auch von Abdul Hamid verschont wurden — mußten fort. Kein christlicher Armenier darf hier bleiben; selbst nicht solche ausländischer Staatsangehörigkeit; letztere sollen ausgewiesen werden. Der Bestimmungsort der Samsuner Verbannten ist nach Aussage des Mutessarrifs Urfa.
Es ist selbstverständlich, daß kein christlicher Armenier dieses Ziel erreicht. Nachrichten aus dem Innern melden bereits das Verschwinden der abgeführten Bevölkerung ganzer Städte.
Ich habe mit allen Mitteln auf den Gouverneur dahin einzuwirken versucht, daß die Maßregel der Regierung sich auf die einstweilige Verbannung der männlichen Bevölkerung im Alter von 17–60 Jahren beschränken möge, und erst die wirklich Schuldigen zu ermitteln. Auch machte ich ihn auf den sehr peinlichen Eindruck, den seine Maßnahme bei der christlichen Bevölkerung in Deutschland und Österreich-Ungarn hervorrufen müsse, aufmerksam. Alles umsonst: Fanatiker sind Vernunftgründen unzugänglich! Was sind die Folgen? Durch Ausrottung des armenischen Elements wird aller Handel und Wandel in Anatolien zerstört und jegliche wirtschaftliche Entwicklung des Landes auf Jahre hinaus unmöglich, denn alle Kaufleute, Industrielle und Handwerker sind fast ausschließlich Armenier. Auch diesen Punkt erklärte ich dem Gouverneur; leider ohne Erfolg.
Es ist vorauszusehen, welche Folgen bei Bekanntwerden der Greuel die Armenierfrage zeitigen muß. Ein Entrüstungsschrei der ganzen christlichen Welt ist unausbleiblich. Alle Arbeit der protestantischen und katholischen Missionen in Anatolien ist vernichtet. Unsere Feinde werden davon vorzüglich Kapital schlagen, und auch bei unseren Landsleuten dürfte das Gefühl tiefster Empörung nicht ausbleiben.
Und das Schlimmste an der Sache ist, daß die ganze Welt die Schuld dafür auf Deutschland abwälzen wird, da Freund und Feind glaubt, die Macht bei der Hohen Pforte liege ganz in unseren Händen und daß eine so tiefgehende Maßregel nur mit deutscher Zustimmung ausgeführt werden konnte.
Der aufgepeitschte Fanatismus der Muhammedaner und unsere eigentümliche Stellung in der Türkei bei der heutigen Weltlage, sowie die Geistesverfassung der leitenden politischen Kreise am goldenen Horn lassen die Schwierigkeiten vorausahnen, die einer zufriedenstellenden Lösung der Armenierfrage von Menschlichkeits- und praktischen Vernunftsstandpunkt aus entgegenstehen.
Trotzdem erlaube ich mir zu hoffen, daß es Euerer Exzellenz gelingen wird, der gänzlichen Vernichtung des größten Teils eines der ältesten und unglücklichsten Völker des Erdballs Einhalt zu gebieten.
Kuckhoff.
117.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 16. Juli 1915.
Ich bestätige ergebenst Ihren gefälligen Bericht vom 4. d. M., von dessen Inhalt ich mit lebhaftem Interesse Kenntnis genommen habe. Mit Ihrer Haltung und Ihren Ausführungen erkläre ich mich einverstanden.
Meine wiederholten Bestrebungen, das Schicksal derjenigen Ausgewiesenen zu mildern, welchen keine strafbaren Handlungen zur Last gelegt werden, versprechen zu meinem Bedauern nur geringe Aussicht auf Erfolg.
Ihrer weiteren Berichterstattung darf ich entgegensehen.
von Neurath.
An den Kaiserlichen Vizekonsul Samsun.
118.
(KaiserlichesKonsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 21. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 23. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Hier sind bisher rund sechshundert Frauen und Kinder (armenische, chaldäische, syrische) eingetroffen, deren männliche Verwandte in Soert, Mardin und Feihschahbur massakriert worden sind; ebenso viele werden in den nächsten Tagen erwartet.
Das Elend dieser Menschen ist nicht zu beschreiben, ihre Kleider verfaulen ihnen am Leibe; täglich sterben Frauen und Kinder Hungers.
Mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln kann die hiesige Regierung kaum Brot für diese Elenden kaufen.
Um weitere Menschenleben zu retten, war sofortige Hilfe nötig, namentlich Anschaffung von Kleidung.
Überzeugt, im Sinne der Kaiserlichen Regierung zu handeln, und da sofortige Hilfe ein Gebot der Menschlichkeit war, habe ich namens der Kaiserlichen Regierung gestern der hiesigen Regierung 300 Ltq. zur Verfügung gestellt; hiervon wird Brot, Kleidung und Schuhe für den dringendsten Bedarf angeschafft.
Holstein.
119.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 21. Juli 1915.
Notiz[74].
Meines unmaßgeblichen Erachtens sind nach den Erfahrungen, die wir in letzter Zeit mit der Pforte gemacht haben (vgl. unsere Verwendung für die Angestellten des Herrn von Scheubner in Erzerum, für das armenische Personal des Hilfsbundes in Marasch, für die Arbeiter von Zimmer in Amasia[75], für Parsighian und Balakian in Tschangri), alle Schritte unsererseits erfolglos bzw. haben den gegenteiligen Erfolg. In der Zimmer’schen Sache hat Talaat Bey angeblich entschieden: „Man könne des bösen Beispiels wegen keine Ausnahme zulassen.“ Im Falle Zohrab und Wartkes handle es sich außerdem noch um eine Ingerenz in ein schwebendes Gerichtsverfahren.
Höchstens könnte noch ein Versuch im Kriegsministerium gemacht werden.
Mordtmann.
120.
KaiserlichesKonsulat Aleppo.
Aleppo, den 27. Juli 1915.
Über die Verschickung der Armenier und die Art ihrer Durchführung ist mir seit Abgang meines letzten Berichtes noch das folgende bekannt geworden:
1. Wie nach Absetzung des hiesigen Wali Djelal Bey zu erwarten, wird die Verschickung jetzt auf den Küstenstrich des Wilajets Aleppo ausgedehnt. Befehl zur Räumung von Alexandrette, Antiochien, Haram, Beilan, Soukluk, Kessab und anderen Ortschaften ist Nachrichten aus armenischer Quelle zufolge gegeben, doch wird eine kurze Frist in der Ausführung gewährt. — Das Kaiserliche Vizekonsulat Alexandrette hatte bis zum 17. d. M. keine Kenntnis[76].
2. Nachrichten zufolge, welche der Katholikos von Sis erhalten hat, sind 800–1000 Männer, die von Diarbekr nach Süden geschickt waren, nirgends angelangt. Man nimmt an, daß sie sämtlich umgebracht worden sind. Es muß sich hierbei um ein Geschehnis handeln, das schon wochenlang zurückliegt.
3. Das berichtete Vorbeitreiben von Leichen auf dem Euphrat, das in Rumkaleh, Biredjik und Djerabulus beobachtet worden ist, hatte, wie mir am 17. d. M. mitgeteilt wurde, 25 Tage lang gedauert. Die Leichen waren alle in der gleichen Weise, zwei und zwei Rücken auf Rücken, gebunden. Diese Gleichmäßigkeit deutet darauf hin, daß es sich nicht um Metzeleien, sondern um Tötung durch die Behörden handelt. Es heißt und ist wahrscheinlich, daß die Leichen durch Soldaten in Adiaman in den Fluß geworfen worden sind. Wie weiter unten zu berichten sein wird, hat das Vorbeitreiben nach einer Pause von mehreren Tagen von neuem begonnen und zwar in verstärktem Maße. Dieses Mal handelt es sich hauptsächlich um Frauen und Kinder.
4. Armenier in Tell Abiad haben, wie ich von einem unbedingt glaubwürdigen älteren, bisher in Tell Abiad ansässigen Schweizer Ehepaar erfahre, ihre Mädchen im Alter von 8–12 Jahren verkauft, zunächst für 2 Medjidi (eine Medjidi etwa 3,50 Mk.), später für 1 Medjidi und weniger oder haben sie umsonst weggegeben. Offenbar wollten sie ihnen das in der Wüste vom Klima und von den Beduinen ihrer harrende Geschick ersparen. Immer wieder haben die herbeigeeilten Türken im Dorfe Tell Abiad mit den Verbannten um die Kinder gefeilscht. Mein Gewährsmann hat mir Namen von Käufern genannt. Die in Tell Abiad Durchziehenden, deren erste Trupps aus Zeitun kamen — vorläufig nach Rakka bestimmt —, waren durch ihrGeschick stumpfsinnig geworden und ließen stillschweigend alles über sich ergehen. Nahrungsmittel waren ihnen in genügender Menge gegeben worden, aber zu unregelmäßig. Südlich von Tell Abiad müssen, wo das Wasser sehr knapp, die jüngeren Kinder sterben. Auch sonst müssen viele den Strapazen erliegen. Ein ganzer Trupp ist bereits vollständig an Wassermangel zugrunde gegangen. Landwirtschaftliche Geräte haben sie nicht mitnehmen können. Was sollen die Überlebenden am Bestimmungsort anfangen?
5. Bei der Härte der Befehle der Regierung hängt die Behandlung der Wandernden mehr oder minder von dem guten Willen der einzelnen Beamten und Gendarmen ab, deren Bezirk sie gerade durchziehen. Teilweise werden sie daher ernährt, teilweise nicht.
In Aleppo, wo die Ernährung durch die Regierung zeitweise ungenügend war, wird zurzeit auf Befehl Djemal Paschas nach Verwendung des Katholikos für den Erwachsenen 5 Metalik (20 Pf.), für das Kind 4 Metalik (16 Pf.) gezahlt. Die Zahl der hier auf der Durchwanderung Befindlichen wird gegenwärtig auf durchschnittlich mehrere Tausende geschätzt. Sie dürfen sich hier etwas ausruhen.
6. Es mehren sich die Anzeichen, daß die Regierung sich die Durchführung ihrer Maßregeln absichtlich oder unabsichtlich aus der Hand gleiten und in Armeniermetzeleien durch Tscherkessen und Kurden übergehen läßt.
7. Über Ras ul Ain (die gegenwärtige Endstation der Bagdadbahn) kommen neuerdings Armenier aus Kharput, Erzerum und Bitlis. Von den Armeniern aus Kharput wird berichtet, daß in einem Dorf, einige Stunden südlich der Stadt, die Männer von den Frauen getrennt wurden. Die Männer sind niedergemacht worden und haben rechts und links vom Wege gelegen, an dem die Frauen dann vorbeikamen. Ein Trupp Frauen und Mädchen ist zwischen Mardin und Ras ul Ain von Beduinen vollständig ausgeplündert worden. Solche, die den Beduinen gefielen, wurden mitgeschleppt. Was soll aus den Unglücklichen werden, wenn sie noch tiefer in das Beduinengebiet hineinkommen?
8. Ein hiesiger Armenier hat mir von einer ihm verwandten Familie aus Kharput erzählt, die aus 17 Köpfen bestand. 7 Männer sind abgeführt worden, ihr Geschick ist unbekannt, 2 Frauen sind den Strapazen des Weges erlegen, 8 Köpfe sind in Ras ul Ain angekommen. Dabei fängt der schlimmere Teil des Weges in Ras ul Ain erst an.
9. Die bekannten armenischen Abgeordneten Zohrab und Wartkes hielten sich, aus Konstantinopel verbannt, kürzlich einige Zeit in Aleppo auf. Sie wußten, daß sie den Tod erleiden würden, wenn der Befehl der Regierung, sie nach Diarbekr zu verbannen, ausgeführt würde. Auch hatte ich Anlaß, die Kaiserliche Botschaft hiervon zu unterrichten. Nach den Erzählungen der sie begleitenden jetzt hierher zurückgekehrten Gendarmen, wonach sie Räubern begegnet wären, welche zufällig gerade die beiden Abgeordnetenerschossen hätten, kann kein Zweifel mehr daran bestehen, daß die Regierung sie auf dem Wege zwischen Urfa und Diarbekr hat ermorden lassen.
Die geschilderte Behandlung des armenischen Volkes verdient meines gehorsamen Erachtens außer aus anderen Erwägungen auch aus dem Grunde besondere Aufmerksamkeit von deutscher Seite, als sie von weiten Kreisen der Bevölkerung, auch der muhammedanischen, auf deutsche Einwirkung bei der türkischen Regierung zurückgeführt wird. Es heißt, Deutschland sei der Anlaß zu dem Entschluß der türkischen Regierung, das armenische Volk bis zur völligen Bedeutungslosigkeit zu zerschmettern. Die türkische Regierung wird vermutlich alles tun, dieser Ansicht Vorschub zu leisten. Sie wird froh sein, das Odium ihrer Maßregeln auf uns abwälzen zu können.
Meine bisherige telegraphische und schriftliche Berichterstattung dürfte dargetan haben, daß die türkische Regierung über den Rahmen berechtigter Abwehrmaßregeln gegen tatsächliche und mögliche armenische Umtriebe weit hinausgegangen ist, vielmehr durch die Ausdehnung ihrer Anordnungen, deren Durchführung sie in der härtesten und schroffsten Weise den Behörden zur Pflicht gemacht hat, auch gegen Frauen und Kinder, bewußt den Untergang möglichst großer Teile des armenischen Volkes mit Mitteln herbeiführen bestrebt ist, welche dem Altertum entlehnt sind, einer Regierung aber, die mit Deutschland verbündet sein will, unwürdig sind. — Sie hat, wie wohl kein Zweifel sein kann, die Gelegenheit, da sie sich im Kriege mit dem Vierverband befindet, dazu benutzen wollen, um sich der armenischen Frage für die Zukunft zu entledigen, dadurch, daß sie möglichst wenige geschlossene armenische Gemeinden übrig läßt. Hekatomben Unschuldiger hat sie mit den wenigen Schuldigen geopfert.
Wäre es nicht möglich, noch jetzt weiteren Greueln Einhalt zu tun und wenigstens die Armenier aus dem Küstenstrich des Wilajets Aleppo noch zu retten, deren Verschickung erst noch bevorsteht? Sollte aus militärischen Gründen ihre Verschickung unumgänglich notwendig sein, könnte nicht wenigstens ihr Transport um ein bis zwei Monate hinausgeschoben und sorgfältig vorbereitet werden durch Bereitstellung der nötigen Tragtiere und Lebensmittel? Könnten sie nicht in den Städten Aleppo oder Urfa bleiben, mit dem schon jetzt auszusprechenden Recht späterer Rückkehr? Die türkische Regierung hat in einer in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 9. Juni veröffentlichten Denkschrift, „Die Ottomanische Regierung gegen feindliche Beschuldigungen“, behauptet, daß die Verschickungen zeitweilig seien. Sie hat erklärt: „Wenn gewisse Armenier zeitweilig auf andere Reichsgebiete übersiedeln mußten, so geschah das, weil sie im Kriegsgebiet wohnten...“ Könnte sie hier beim Wort genommen werden? Sind Beilan, Soukluk, Kessab u. a. wirklich Kriegsgebiet? Ist die Anwesenheit von Frauen und Kindern dort gefährlich, da doch die Männer so gut wie alle eingezogen sind?
Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung veröffentlicht am 13. Juli in Nr. 192, erste Ausgabe, eine Erklärung der offiziösen osmanischen Depeschenagentur „Agence Milli“, welche gegen die Behauptung der „Gazette de Lausanne“ protestiert, die osmanische Regierung leihe den gegen die in der Türkei lebenden Armenier begangenen Ausschreitungen ihren Schutz und diese Ausschreitungen beständen häufig in Metzeleien.
Leider wird sich vieles für diese Behauptung der „Gazette de Lausanne“ sagen lassen.
Mein telegraphischer Bericht über die ungewöhnlich gut bezeugten Metzeleien in Teil Ermen lag bei Veröffentlichung des Dementis bereits vor. Diese von Kurden vorgenommenen Metzeleien sind nachgewiesenermaßen im Beisein der bewaffneten Macht der türkischen Regierung, wahrscheinlich aber unter deren aktiver Teilnahme vor sich gegangen.
Die türkische Regierung hat ihre armenischen Untertanen, wohlgemerkt unschuldige, unter dem Vorwande, sie aus dem Kriegsgebiet entfernen zu müssen, zu Tausenden und Abertausenden[77]in die Wüste getrieben, weder Kranke noch Schwangere noch die Familien der zu den Waffen einberufenen Soldaten ausgenommen, hat sie ungenügend und unregelmäßig ernährt und mit Wasser versorgt, hat nichts gegen die unter ihnen ausgebrochenen Epidemien getan, hat die Frauen in Not und Verzweiflung getrieben, daß sie ihre Säuglinge und ihre Neugeborenen am Wege ausgesetzt, ihre dem mannbaren Alter entgegengehenden Mädchen verkauft, daß sie sich selbst mit ihren kleinen Kindern in den Fluß gestürzt haben, sie hat sie der Willkür der Begleitmannschaft und damit der Schande preisgegeben, einer Begleitmannschaft, die Mädchen an sich genommen und verkauft hat, sie hat sie den Beduinen in die Hände gejagt, die sie ausgeplündert und entführt haben, sie hat die Männer in einsamen Gegenden ungesetzlich niederschießen lassen und läßt die Leichen ihrer Opfer den Hunden und den Raubvögeln zum Fraß, sie hat angeblich in die Verbannung geschickte Abgeordnete ermorden lassen; sie hat Sträflinge aus den Gefängnissen entlassen, in Soldatenkleider gesteckt und in die Gegenden geschickt, wo die Verbannten durchziehen mußten, sie hat tscherkessische Freiwillige angeworben und sie auf die Armenier hingelenkt. Was aber behauptet sie in ihrer halbamtlichen Erklärung „Die Osmanische Regierung... erstreckt ihren wohlwollenden Schutz auf alle ehrlichen und friedlichen in der Türkei lebenden Christen...“
Fürwahr, ich habe meinen Augen nicht getraut, als ich diese Erklärung gesehen habe, und ich finde keinen Ausdruck, um den Abgrund ihrer Unwahrheit zu kennzeichnen. Denn die türkische Regierung wird die Verantwortung für alles, was geschehen ist, auch soweit es aus mangelnder Fürsorge und Voraussicht, aus der Verderbtheit der ausführenden Organe und aus den anAnarchie grenzenden Zuständen der östlichen Teile ihres Gebietes hervorgeht, nicht ablehnen können, hat sie doch die Verbannten mit Vorbedacht in dieses Chaos hineingetrieben. Die Verantwortung wird auch dann auf ihr lasten, wenn sie die Herrschaft über die von ihr gerufenen Elemente verlieren sollte, wie es besonders im Wilajet Diarbekr leicht sich ereignen könnte. Wie hierzulande die Vernichtung der Armenier auf deutsche Anregung zurückgeführt wird, so versucht die türkische Regierung vor der europäischen Öffentlichkeit ihre Handlungsweise durch unsere Autorität zu decken.
Euerer Exzellenz aber darf ich gehorsamst anheimstellen, in Erwägung ziehen zu wollen, ob türkische Erklärungen zur Armenierfrage noch ferner zur Veröffentlichung in der deutschen Presse geeignet sind und ob nicht Gefahr besteht, daß wir durch unseren Verbündeten kompromittiert werden.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.
121.
(Kaiserliches KonsulatAleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 27. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 27. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Über die Ausrottung der Armenier im Osten hier eintreffende zuverlässige Nachrichten sind grauenerregend. Den Euphrat treiben von neuem und in verstärktem Maße Leichen herunter, diesmal hauptsächlich Frauen und Kinder. Ist keine Möglichkeit, dem Greuel Einhalt zu tun? Bitte gehorsamst Auswärtiges Amt benachrichtigen, damit nicht türkische Dementis Aufnahme in deutsche Presse finden, wodurch Anschein deutscher Billigung erweckt wird.
Rößler.
122.
Kaiserliche Botschaft.
Telegramm.
Pera, den 28. Juli 1915.
An Konsulat, Aleppo.
Antwort auf Telegramm vom 27. Juli.
Von hier aus ist bereits alles mögliche geschehen. Auswärtiges Amt wurde dauernd auf dem laufenden gehalten.
Hohenlohe.
123.
KaiserlichDeutsches Konsulat.
Erzerum, den 28. Juli 1915.
Wie ich Euerer Exzellenz bereits in meinem Bericht vom 9. ds. zu unterbreiten die Ehre hatte, machte sich hier bedauerlicherweise in letzter Zeit der Einfluß einer Nebenregierung bemerkbar.
Abgesehen davon, hat nun auch der Oberkommandierende der III. Armee, Mahmud Kamil Pascha, der sein Hauptquartier hierher verlegt hat, in scharfer Weise in die Regierung des Wilajets eingegriffen.
Bisher ist in Erzerum, im Gegensatz zu den anderen Städten, einigermaßen mild gegen die Ausgewiesenen vorgegangen worden. So stellte z. B. die Regierung vielen mittellosen Familien Ochsenkarren bis Erzindjan und Siwas zur Verfügung. Der Wali erlaubte ferner, daß Kranke, Familien ohne männliche Mitglieder, alleinstehende Frauen in Erzerum bleiben dürfen.
Diesem humanen Vorgehen, für das auch ich eingetreten bin, wurde plötzlich durch irgendwelche Komitee-Einflüsse ein Ende bereitet. Nunmehr hat auch noch Mahmud Kamil Pascha die sofortige und rücksichtslose Ausweisung aller Armenier angeordnet.
Den noch in der Stadt gebliebenen Frauen und Kranken wurden die bereits erteilten Aufenthaltsscheine wieder abgenommen und sie auf die Landstraße getrieben — einem sicheren Tode entgegen.
Es geschah das, während der Wali und ich in Erzindjan waren.
Mir scheint hierbei, daß der hiesige Wali, Tahsin Bey, der in der Behandlung der Armenierfrage eine etwas humanere Auffassung wie die andern haben dürfte, gegen die schroffe Richtung machtlos ist.
Von den Anhängern letzterer wird übrigens unumwunden zugegeben, daß das Endziel ihres Vorgehens gegen die Armenier die gänzliche Ausrottung derselben in der Türkei ist. Nach dem Kriege werden wir „keine Armenier mehr in der Türkei haben“ ist der wörtliche Ausspruch einer maßgebenden Persönlichkeit.
Soweit sich dieses Ziel nicht durch die verschiedenen Massakres erreichen läßt, hofft man, daß Entbehrungen auf der langen Wanderung bis Mesopotamien und das ungewohnte Klima dort ein übriges tun werden. Diese „Lösung“ der Armenierfrage scheint den Anhängern der schroffen Richtung, zu der fast alle Militär- und Regierungsbeamte gehören, eine ideale zu sein. Das türkische Volk selbst ist mit dieser Lösung der Armenierfrage keineswegs einverstanden und empfindet schon jetzt schwer die infolge der Vertreibung der Armenier über das Land hier hereinbrechende wirtschaftliche Not.
v. Scheubner-Richter.
Seiner Exzellenz dem Herrn BotschafterFreiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.
124.
(KaiserlichesKonsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 28. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 28. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
1. Der Aufstand christlicher (sowohl chaldäischer als syrischer) Bevölkerung zwischen Mardin und Midiat dauert an. Telegraphenlinie nach Diarbekr ist zerstört.
Dieser Aufstand ist unmittelbar durch das extreme Vorgehen des Wali von Diarbekr gegen Christen im allgemeinen hervorgerufen. Sie wehren sich ihrer Haut.
2. Abd-ur-Rezak Bedr Han marschiert von Bajazid aus über Boghr nach Soert; Kurden unterwegs schließen sich an. Familien von Soert sind auf der Flucht.
3. Verkehr auf Post- und Reiseweg Mossul-Ras ul Ain unterbrochen, da Gegend Nisibin durch aufständische Schammar besetzt.
4. Die Jesidi vom Djebel Sindschar (westlich Mossul) sind gleichfalls seit einigen Tagen revolutioniert.
Holstein.
125.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 30. Juli 1915.Ankunft in Pera, den 30. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die Regierung hat jetzt den Befehl gegeben, daß sowohl das Küstengebiet des Wilajete Aleppo als auch Aintab und Killis und wahrscheinlich auch Marasch von Armeniern geräumt werden, Orte, die weder im Kriegsgebiet noch an der Etappenstraße gelegen sind. Aintab hat 32000, Killis 6000 armenische Einwohner. Euerer Exzellenz stelle ich gehorsamst anheim, der Regierung dringend anzuraten, diesen Befehl zu widerrufen oder wenigstens seine Ausführung hinauszuschieben. Ihre Organisation ist für die auf einmal erfolgenden Massenverschiebungen in keiner Weise ausreichend. Schon jetzt liegen 10000 Armenier hier. In Der-Zor liegen 15000, deren Ernährung durch die Regierung völlig ungenügend ist.
Die zahlreichen gebildeten Städter wären den Strapazen des Weges noch weniger gewachsen als die Dorfbewohner. Die Armenier regen an und bitten, sofern Maßregeln gegen sie unabwendbar sind, ihnen statt der Verschickung die Erlaubnis zur Auswanderung zu verschaffen.
Rößler.
126.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 31. Juli 1915.
Seit Anfang dieses Monats hat der Wali von Diarbekr, Reschid Bey, mit der systematischen Ausrottung der christlichen Bevölkerung seines Amtsbezirks, ohne Unterschied der Rasse und der Konfession, begonnen. Hiervon sind u. a. besonders die katholischen Armenier von Mardin und Tell Ermen und die chaldäischen Christen und nicht-unierten Syrer der Bezirke Midiat, Djeziret ibn Omar und Nisibin betroffen worden.
Infolgedessen hat sich nach Meldungen des Konsulats Mossul die christliche Bevölkerung zwischen Mardin und Midiat gegen die Regierung erhoben und die Telegraphenlinie zerstört.
Hohenlohe.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.