August.127.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 2. August 1915.An Deutsches Konsulat, Aleppo.Antwort auf Telegramm vom 30. Juli.Alle diesseitigen Vorstellungen haben sich gegenüber dem Entschluß der Regierung, die einheimischen Christen in den östlichen Provinzen unschädlich zu machen, als unwirksam erwiesen.Hohenlohe.128.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 3. August 1915.Ankunft in Pera, den 3. August 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Bisher sind gegen 40000 Armenier aus dem westlichen Kleinasien verschickt worden. Werden sie jetzt auch aus den großen Städten und Küstenstrichen des Wilajets Aleppo verbannt, so wird die Zahl 150000 erreichen.Mit der Ausführung ist schon begonnen. Wenn nicht in irgend einer Form eine Hilfsaktion von außerhalb der Türkei eingeleitet werden kann, so ist damit zu rechnen, daß in den nächsten Monaten Tausende verhungern.Rößler.129.KaiserlichesKonsulat Erzerum.Erzerum, den 5. August 1915.Die Aussiedelung der Armenier ist nun zu einem gewissen Abschluß gelangt, d. h. es befinden sich im Amtsbezirk des hiesigen Konsulats keine Armenier mehr. Es scheint mir daher angebracht, über die mit der Armenieraustreibung im Zusammenhang stehenden Vorfälle der letzten Monate kurz zusammenfassend zu berichten.Bis Anfang Mai lebten die Armenier hier frei und ungehindert und konnten ungestört ihren Geschäften nachgehen. Einzelne Vorfälle, wie die Ermordung des Bankdirektors Pasdirmadjan und ähnliches, übten nur vorübergehend eine beunruhigende Wirkung aus. Die Furcht vor einem Massaker durch die Türken war allerdings vorhanden und nicht unbegründet, doch dürfte die Anwesenheit und Tätigkeit General Posseldts[78]sowie des deutschen Konsuls den Ausbruch eines solchen verhindert haben.Zu Beginn des Mai führten die bekannten Vorgänge von Wan dazu, daß die Regierung und die Militärbehörden zu scharfen Maßregeln gegen die Armenier griffen. Alle noch mit der Waffe dienenden Armenier wurden aus dem Heere entfernt und in Arbeiterbataillone gesteckt. Die Bewohner der Erzerumer und der Passin-Ebene, die nur noch aus Frauen, Kindern und alten Männern bestand, wurden aus ihren Dörfern vertrieben und sollten zwangsweise nach Mesopotamien gebracht werden. Diese mit militärischen Rücksichten begründete Maßnahme wurde in unnötig rücksichtsloser und grausamer Weise durchgeführt. Auf dem Wege nach Erzindjan wurden die Betreffenden bei Mamachatun, Sansar, Euphrat Brücke und Päräz von Kurden und türkischen Freiwilligen überfallen, beraubt und getötet. Die Zahl der Umgekommenen dürfte zwischen 10–20000 betragen, nach Angabe der Regierung nur 3–4000.In derselben Zeit wurden die Bewohner der Erzindjaner Ebene bei ihrem Durchzug durch die Schlucht von Kemach gleichfalls bis auf wenige beraubt und getötet, die Frauen entführt. Hierbei soll, wie mir glaubwürdig mitgeteilt wurde, türkisches Militär bzw. Gendarmen beteiligt gewesen sein.Zu Beginn des Juni wurde aus Erzerum die erste Gruppe der armenischen Notabeln ausgewiesen mit einer Frist von 14 Tagen. Zirka 500 Personen verließen am 16. Juni Erzerum und zogen durch das Gebirge über Kharput nach Urfa. Von diesen sind laut Mitteilung der Regierung unterwegs 14 Personen ermordet worden, nach mir zugegangenen privaten Informationen fast alle Männer. Die zweite Gruppe, ca. 3000 Personen, verließ am 19. und 20. Erzerum. Bei Baiburt wurde ein Teil von ihnen, besonders Männer, abgetrennt, über deren Verbleib ich nichts ermitteln konnte. Sie dürften wahrscheinlich ermordet worden sein. Die übrigen gelangten unbelästigt nach Erzindjan, wo sie bis zur Sicherung der Wege verblieben. Die dritte Gruppe Ausgewiesener, zirka noch 300 Familien, verließen am 26. Juni Erzerum. Sie gelangten in guter Ordnung und unbelästigt bis nach Erzindjan. Die vierte Gruppe, hauptsächlich aus Handwerkerfamilien bestehend, die zuerst von der Regierung Aufenthaltsscheine erhalten hatten, welche ihnen später auf Befehl des Armee-Oberkommandos entzogen wurden, kamen gleichfalls gut über Baiburt nach Erzindjan. Es waren somit bis zum15. Juli fast alle Armenier aus Erzerum ausgewiesen worden. Die wenigen dort noch verbliebenen hatten auf Grund besonderer Verhältnisse, wie Unabkömmlichkeit, Krankheit u. dgl. spezielle Aufenthaltsscheine von der Regierung erhalten. Während meiner und des Walis Abwesenheit von Erzerum wurden ihnen diese Aufenthaltsscheine auf Befehl des Armee-Oberkommandierenden plötzlich entzogen. Sie mußten Erzerum in kürzester Zeit verlassen, und viele von ihnen konnten sich nicht einmal mit dem Notwendigsten für die Reise versehen. Diese letzte Gruppe ist bei Aschkalé und Baiburt teilweise ausgeplündert worden. Zu derselben gehörten auch die armenischen Ärzte und Apotheker, von denen ein Teil, angeblich auf kriegsgerichtliches Urteil, bei Baiburt erschossen wurde. Die zweite, dritte und vierte Gruppe sind, wie schon erwähnt, mit einigen Ausnahmen gut in Erzindjan angekommen und bleiben dort bis Anfang August im Zeltlager. Bei meiner Anwesenheit in Erzindjan habe ich mich persönlich davon überzeugt, daß es ihnen nach Maßgabe der Umstände gut ging. Anfang August wurden sie nach Urfa weiter geschickt und sollen die berüchtigte Schlucht von Kemach gut passiert haben. Wie viele von ihnen lebend und gesund an ihrem Bestimmungsort anlangen werden, lasse ich dahingestellt.Was die aus den benachbarten Wilajets vertriebenen Armenier anbelangt, so soll die Anzahl der Umgekommenen dort eine weit größere sein. So haben z. B. in der Ebene von Khinis große Armeniermassaker stattgefunden und sollen im Wilajet Trapezunt fast alle Männer umgebracht worden sein. Tatsächlich habe ich bei meiner Anwesenheit in Erzindjan bei den dort durchziehenden Armeniern aus dem Wilajet Trapezunt gar keine Männer bemerkt. Auch die Form der Ausweisung war eine weit schroffere; so wurde z. B. in Trapezunt den Armeniern nur einige Stunden Zeit gegeben und ihnen verboten, etwas von ihren Sachen zu verkaufen. Auch erhielten sie keinerlei Transportmittel von der Regierung, so daß die meisten zu Fuß gehen mußten. In ähnlich schroffer Form wurde gegen die Armenier in Siwas vorgegangen.Was nun meine Haltung bei der ganzen Frage anbetrifft, so habe ich mich von folgenden Gesichtspunkten leiten lassen:Es war mir bekannt, daß wir ein Recht zum Eintreten für die von der Ausweisung betroffenen, unschuldigen Armenier nicht besitzen, auch sonst keinerlei Schutzrecht über sie ausüben.Meine Verwendung für die Armenier, welche sich der Regierung gegenüber nichts zuschulden hatten kommen lassen, mußte sich darauf beschränken, daß ich für Schutz ihres Lebens und Eigentums gegen Vergewaltigungen und dafür eintrat, daß die durch die militärische Notwendigkeit begründete Aussiedelung in möglichst humaner Weise vor sich gehe. In diesem Sinne bin ich auch bei Beginn der Aussiedelung sowohl bei der Zivilverwaltung als auch beim Armee-Oberkommando vorstellig geworden. Nach Bekanntwerden der ersten großen Massaker bei Kemach, KhinisTerdjan habe ich gemäß der mir auf meinen diesbezüglichen Bericht an Euere Exzellenz erteilten Instruktion dem Wali in sehr eindringlicher Form Vorstellungen gemacht. Ich habe dabei betont, daß solche schmachvollen Vorgänge geeignet sind, das Ansehen der Türkei im neutralen Auslande und bei ihren Freunden zu schädigen. Weiterhin betonte ich, daß solche Vorgänge leicht Grund zu erneuter fremder Einmischung in die armenischen Angelegenheiten geben und die Stellung der Türkei bei künftigen Friedensverhandlungen unnütz erschweren könnten. Außerdem wies ich noch eindringlich darauf hin, in welch unangenehme Lage unsere Regierung durch diese Vorfälle versetzt wird, und daß wir darum energisch darauf dringen müssen, daß eine Wiederholung derselben durch die verantwortlichen Regierungsorgane auf jeden Fall vermieden wird. Der Wali gab ohne weiteres zu, daß meine Ausführung berechtigt sei, wies aber seinerseits darauf hin, daß die Verantwortung nicht ihn, sondern das Armee-Oberkommando[79]treffe, unter dessen Befehl er stehe. Dasselbe habe trotz der ihm bekannten Unsicherheit der Wege die Aussiedelung der Armenier befohlen, ohne genügenden Schutz für dieselben zu gewähren. Im übrigen versprach der Wali sein möglichstes zu tun zur Verhinderung von Wiederholungen. Tatsächlich ist er auch bemüht gewesen, für den Schutz der Vertriebenen, soweit ihm das bei den entgegengesetzten Absichten des Komitees und anderer maßgebender Persönlichkeiten möglich war, zu sorgen. Um dem Widerstand, den er bei seinen diesbezüglichen Bestrebungen beim Armee-Oberkommando sowohl wie beim Komitee fand, zu begegnen, reichten aber weder sein Einfluß noch seine Energie aus. Im allgemeinen sind die Bewohner Erzerums jedoch bei ihrer Aussiedelung weit besser behandelt worden als die anderer Städte. Dem Entgegenkommen des Wali und meinen Bemühungen zufolge wurden ihnen folgende Erleichterungen gewährt:1. Die meisten erhielten eine Frist von 14 Tagen zu Reisevorbereitungen.2. Es wurde ihnen gestattet, ihre Sachen mitzunehmen oder zu verkaufen.3. Ein Teil der Kaufleute und Notabeln hatte die Möglichkeit, ihre Waren, Sachen und Kostbarkeiten der Ottomanbank zur Aufbewahrung in der armenischen Kirche zu geben.4. Die Regierung stellte vielen mittellosen Familien Ochsenkarren unentgeltlich zur Verfügung.5. Diejenigen Männer, deren Familien ohne weiteren männlichen Schutz waren, wurden aus den Arbeiterbataillonen entlassen und durften ihre Familie begleiten.Eine weitere humane Anordnung der Zivilverwaltung, daß Kranke, alleinstehende Frauen und Kinder in Erzerum bleiben sollten, wurde durch Befehl der Militärbehörde bzw. auf Betreiben des Komitees aufgehoben.Es ist tief bedauerlich, daß infolge der von der Militärbehörde geduldeten Haltung des Komitees und seiner dunklen Hintermänner die Maßnahme der Aussiedelung der Armenier aus den Grenzgebieten in einen Rache-, Vernichtungs- und Raubfeldzug gegen sie umgewandelt wurde. Von vernünftig denkenden weiten Kreisen der türkischen Bevölkerung, besonders von den Grundbesitzern, wird diese Ausrottungspolitik auch nicht gebilligt.Meine Berichte und meine Tätigkeit in der Armenier-Frage zusammenfassend bemerke ich folgendes:Es würde hier zu weit führen, auf die Ursachen der Armenierunruhen einzugehen und zu untersuchen, ob dieselben durch zweckmäßige Maßregeln und Verhandlungen der Regierung hätten vermieden werden können. Soviel mir bekannt, ist in dieser Hinsicht rechtzeitig nichts geschehen. Es ist ferner selbstverständlich, daß dort, wo auf Betreiben armenischer Revolutionäre und russischer Emissäre Aufstände stattgefunden haben, mit aller Strenge gegen die Schuldigen vorgegangen wird. Ich hätte sogar viel schärfere Vorbeugungsmaßregeln der Regierung und der Militärbehörden an bedrohten Punkten erwartet und gewünscht, nicht aber, wie das meist geschehen, nachträgliche Vergeltungsmaßregeln. Für einen allgemein beabsichtigten und vorbereiteten Aufstand der Armenier fehlen jedoch meines Erachtens jegliche Beweise.Daß sich eine von ihrer eigenen Regierung unterdrückte und schlecht behandelte, folglich also unzufriedene Grenzbevölkerung anderer Nationalität und anderen Glaubens einem siegreich vordringenden Feinde desselben Glaubens, der sich zudem als Befreier ausgibt und sie mit Versprechungen lockt, anschließt, erscheint mir, wenn auch bedauerlich, so doch natürlich und ist auch auf anderen Kriegsschauplätzen vorgekommen. Ebenso natürlich sind dagegen politische und scharfe militärische Abwehrmaßnahmen. Es erscheint mir aber unnatürlich und einer auf Zivilisation Anspruch erhebenden Regierung unwürdig, wenn dieselbe zuerst keinerlei Maßregeln trifft, um einer vorauszusehenden Erhebung einiger Teile eines mit Recht unzufriedenen Volkes, sei es durch geeignete militärische Vorkehrungen, sei es durch politische Verhandlungen vorzubeugen, sondern eine solche durch ihre Untätigkeit und durch das provokatorische Verhalten ihrer Polizeiorgane und „Tschättäh“ (berittenen Freiwilligen) geradezu herausfordert.Auf Grund dieser Erwägungen und in Anbetracht der ganzen Sachlage hielt ich es als Vertreter der deutschen Regierung für meine Pflicht, dem Vorgehen der Regierung gegen die Armenier und den gegen sie getroffenen Maßnahmen nicht stillschweigend zuzusehen, sondern da wir diese Maßnahmen nicht hindern können, wenigstens auf eine möglichst milde Form der Ausführung hinzuarbeiten. Ich habe die Unbequemlichkeiten ja Gefahren, die mit meiner Haltung bisweilen für mich verknüpft waren, auch deshalb gernauf mich genommen, weil ich annahm, daß es meiner Regierung nur angenehm sein dürfte, zu wissen, daß ihr hiesiger Vertreter mit allen ihm zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln für eine humane und rechtmäßige Behandlung unschuldig Leidender eingetreten ist.Bei diesen meinen Bestrebungen bin ich von vernünftig denkenden Türken aus Regierungs- und Militärkreisen unterstützt worden, soweit dieselben davon nicht durch die Furcht vor dem Komitee zurückgehalten wurden. In dem Ortskomitee wiederum war es eine kleine Gruppe ziemlich minderwertiger, aber die anderen terrorisierenden Individuen, die, durch persönliches Interesse und Habgier veranlaßt, einen Vernichtungsfeldzug gegen die Armenier predigte. Dies waren übrigens dieselben Leute, die durch ihr beispiellos brutales Vorgehen in den von den Türken vorübergehend eroberten Gebieten, wie Ardanuß, Ardahan, Olti usw. die türkische Sache bei den muselmanischen Bewohnern Rußlands auf lange hinaus, wenn nicht auf immer, schädigten.Leider ist der Einfluß dieser dunklen Komitee-Hintermänner, die außerdem durchaus deutschfeindlich sind, stärker als man im allgemeinen anzunehmen geneigt ist. Diesen Einfluß erhalten sie sich schon durch ihr Terrorisierungssystem und kann derselbe meines Erachtens nur durch sehr energisches Auftreten gegen sie gebrochen werden. Ein Überhandnehmen des Einflusses und der „Regierungsmethoden“ dieser Leute bedeutet eine Gefahr nicht nur für die Türken, sondern auch für uns, ihre Bundesgenossen. Denn die Art der Behandlung der Armenierfrage hat deutlich gezeigt, welches gefährliche Instrument die Regierungsgewalt in der Hand keine Verantwortung tragender und nur persönliches Interesse kennender Leute ist.Ich erlaube mir beizufügen:Bericht über das vom Kriegsfreiwilligen Karl Schlimme auf seinem Ritt nach Trapezunt Gesehene.von Scheubner-Richter.An Seine Durchlaucht den Kaiserlichen BotschafterFürst zu Hohenlohe-Langenburg, Konstantinopel.130.Erzerum, den 5. August 1915.Bericht über meine Reise nach Trapezunt.Am 18. Juni ritt ich von hier im Auftrage von Herrn Vizekonsul von Scheubner nach Trapezunt. Bis Baiburt ritt ich zusammen mit den Mitgliedern der österreichischen Ski-Mission. Die Herren waren vom hiesigen Wali gebeten worden, eine armenische Familie, u. a. die Schwester deshiesigen armenischen Bischofs mitzunehmen, welche einen Passierschein nach Angora erhalten hatten. In Baiburt wurde von uns verlangt, daß wir die Familie herausgeben sollten. Als wir uns weigerten, wurden die Kutscher fortgenommen, so daß wir die Wagen selbst weiter fahren mußten. Dr. Pietschmann bat mich, ihn weiter bis Ersindjan zu begleiten, auch wurden in Baiburt keine Telegramme von uns für das deutsche Konsulat angenommen. Während wir noch verhandelten, bemerkten wir, daß man uns die Armenier gewaltsam entreißen wollte. Wir machten die Gewehre zum Schuß fertig und konnten nur dadurch unbelästigt aus Baiburt hinauskommen. Unterwegs bemerkten wir regelrechte Posten von Komitatschis. Die uns begleitenden Gendarmen weigerten sich, weiter mitzukommen, und machten uns mehrfach den Vorschlag, die Armenier niederzumetzeln. So gelangten wir unter ständiger Erwartung eines Überfalles nach Ersindjan.Hier wurde uns die armenische Familie durch die Polizei abgenommen und interniert.Carl Schlimme, Kriegsfreiwilliger.131.KaiserlichDeutsche Botschaft.6. August 1915.Aufzeichnung.Gespräch des Korvettenkapitäns Humann mit Enver Pascha.Anknüpfend an die Anwesenheit des Dr. Lepsius vom deutsch-armenischen Komitee erwähnt Enver einen ihm bekannt gewordenen Bericht eines amerikanischen Konsuls an den hiesigen Botschafter der Vereinigten Staaten. Der Konsul kommt darin zum Resultat, daß die amerikanische Regierung gut tun würde, ihre Armenierpolitik ein für allemal aufzugeben, da die Türken durch ihr Vorgehen gegen die Armenier jede weitere politische Aktion mit diesen unmöglich gemacht hätten. Man habe die Armenier nicht ausgerottet, was vom politischen Gesichtspunkt aus noch nicht das Schlimmste gewesen wäre, denn bei solchen Massakres bliebe immer noch ein kleiner Stamm übrig, auf den man alle späteren Hoffnungen aufbauen könnte. Man habe sie statt dessen — was vom politischen Gesichtspunkte aus viel schlimmer ist! — über das ganze Land zerstreut, so daß sie wohl oder übel in das türkische Element des Landes aufgehen müssen. Damit sei die Grundlage für eine aussichtsvolle Armenierpolitik ohne weiteres aus der Welt geschafft worden.Enver erzählt weiter von den vielfachen Warnungen, die er dem armenischen Patriarchen zu Beginn des Krieges hat zukommen lassen und weistgleichzeitig auf das Lob hin, das kürzlich Sassonow in der Duma den „treuen“ Armeniern in der Türkei gespendet hat.Die Armenier, verleitet und aufgestachelt durch russische Agenten, haben so gründlich gegen die ottomanische Bevölkerung gewütet, daß von den 150000 Türken, die früher das Wilajet Wan aufzuweisen hatte, nur noch 30000 Muhammedaner am Leben sind[80].Enver ist ferner eine Verschwörung bekannt, nach welcher die etwa 30000 Armenier in der Gegend von Adabazar Ismid eine russische Landung bei Sakaria unterstützen wollten[81].Er selbst hat im Ministerrat den Standpunkt vertreten, daß man gerade mit Rücksicht auf den Krieg den Versuch machen müsse, mit den Armeniern gut und friedlich auszukommen. Er hat auch dieses dem Patriarchen gesagt, jedoch zugleich mit dem Hinweis, daß er beim geringsten Vorkommnis in den östlichen Armenierzentren mit drakonischen Maßnahmen einschreiten würde. Das Heer, das im Kaukasus gegen einen mächtigen Feind kämpft, müsse unbedingt die Gewißheit haben, daß in seinem Rücken kein Feind steht. Dafür werde er, der militärische Oberbefehlshaber, mit allen Mitteln sorgen.Enver Pascha ist übrigens bereit, Dr. Lepsius zu empfangen und mit ihm die Armenierfrage zu erörtern[82].132.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Erzerum, den 10. August 1915.An das Auswärtige Amt.Die armenische Frage, welche seit Jahrzehnten die Diplomatie Europas beschäftigt hat, soll nun im gegenwärtigen Krieg gelöst werden. Die türkische Regierung hat den Kriegszustand und die sich ihr durch die Armenieraufstände in Wan, Musch[83], Karahissar[84]und anderen Orten bietende Gelegenheit benutzt, um die Armenier Anatoliens zwangsweise nach Mesopotamien auszusiedeln. Durch Unterdrückung der armenischen Schulen, Verbot der Korrespondenz in armenischer Sprache und ähnliche Maßregeln hofft sie,die politischen und kulturellen Bestrebungen der Armenier endgültig zu unterdrücken. Sie hofft vielleicht weiter dabei, die Armenier wirtschaftlich so zu schädigen, daß es ihnen in Zukunft nicht mehr möglich sein wird, ein selbständiges kulturelles Leben zu führen. Ich will hier davon absehen, daß diese Regierungsmaßnahmen in einer Form ausgeführt wurden, die einer absoluten Ausrottung der Armenier gleichkam. Ich glaube auch nicht, daß es auf andere Weise gelingen könnte, eine Kultur zu vernichten, die älter und viel höher ist, als die der Türken. Auch sonst scheinen mir die Armenier gleich den Juden als Rasse von großer Widerstandskraft. Durch ihre Bildung, ihre kommerziellen Fähigkeiten, ihr Anpassungsvermögen dürfte es ihnen gelingen, auch unter ungünstigsten Verhältnissen wirtschaftlich wieder zu erstarken. Nur eine gewaltsame Ausrottungspolitik, ein gewaltsames Vernichten des ganzen Volkes könnte die türkische Regierung auf diesem Wege zum ersehnten Ziel, zur „Lösung“ der Armenierfrage führen. Ob eine solche Lösung dieser Frage für die Türken zweckmäßig, möchte ich bezweifeln. Zur Begründung führe ich folgendes an:Die Bewohner Anatoliens setzen sich in der Hauptsache aus Türken, Armeniern und Kurden zusammen. Die Kurden stehen kulturell am tiefsten, die Armenier am höchsten. Die Liebe zu ihrer Heimat, zu der von ihnen seit Jahrhunderten bewohnten armenischen Hochebene, bildet einen Grundzug ihres Charakters, und mit den sympathischsten. Hätten sie diese Liebe nicht, so wäre ihnen als Volk viel Leid erspart geblieben. In den Städten dominieren sie in wirtschaftlicher Hinsicht, fast der gesamte Handel liegt in ihren Händen. Durch ihren rege ausgeprägten Erwerbssinn und ihre Gewinnsucht machen sie oft keinen angenehmen Eindruck. Der türkische Händler gibt ihnen in letzter Hinsicht allerdings wenig nach, ist ihnen aber in Bezug auf kaufmännische Fähigkeiten weit unterlegen. Denn wer von den Türken nur einigermaßen über Bildung verfügt, eventuell eine europäische Sprache spricht, wählt die Beamtenlaufbahn und hat, in der Provinz wenigstens, die Anwartschaft auf den Posten eines Wali. Der überraschend hohe Bildungsgrad der Armenier sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, den sie dem Wirken ihrer Geistlichkeit und ihren vorzüglichen Schulen zu verdanken haben, befähigt sie, sich mit europäischer Kultur und Technik bekannt zu machen und die Einführung derselben in ihrem Wohnsitz zu fördern. Hierbei sei bemerkt, daß der Einfluß französischer Kultur auf die Armenier ein sehr starker ist und ihre Sympathien wohl auch auf französischer Seite sind. Die vielen unter Leitung von französischen Geistlichen stehenden Schulen haben in dieser Hinsicht einen starken Einfluß ausgeübt.Auch politisch ist in Ostanatolien unter den Armeniern von französischer und englischer, besonders aber von russischer Seite eine starke Propagandatätigkeit ausgeübt worden. England und Rußland hatten ein politisches Interesse daran, daß die der Türkei aus der Armenierfrage erwachsendenSchwierigkeiten nicht aus der Welt geschafft würden. Sie spielten sich als Beschützer der Armenier auf und veranlaßten sie, nicht nur durch die Sachlage gerechtfertigte Forderungen zu stellen, um ihr Los zu erleichtern, sondern auch solche utopistisch politischer Natur. Insbesondere möchte ich dabei auf die unheilvolle Tätigkeit der russischen Konsuln hier und in Wan hinweisen.von Scheubner-Richter.An das Auswärtige Amt, Berlin.133.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 11. August 1915.KonsulatTrapezunt.„Erzerum.„Adana.„Aleppo.„Mossul.In den letzten Wochen haben die Armeniergreuel trotz unserer wiederholten Vorstellungen einen Umfang angenommen, der es uns zur Pflicht macht, wo erforderlich, unsere entschiedene Mißbilligung dieser Vorgänge zum Ausdruck zu bringen. Verschiedentlich haben türkische Offiziere, Geistliche und andere Personen im Innern offen ausgesprochen, wir seien die Urheber dieser Greuel; einer solchen uns kompromittierenden Auffassung muß energisch entgegengetreten werden.Hohenlohe.134.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 12. August 1915.Ankunft in Pera, den 12. August 1915.Deutsche Botschaft, Konstantinopel.1. Hiesige Armenier schätzen jetzt die Zahl der im Osten umgekommenen Armenier auf wenigstens zwei, wahrscheinlich mehrere hunderttausend Seelen. In den weitaus überwiegenden Fällen sei die Tötung der Männer nicht durch Kurden, sondern durch Gendarmen erfolgt.Es sind ernste Anzeichen dafür vorhanden, daß die Methode, die Verbannten auf der Wanderung umzubringen, auch in den Bezirken Aleppo und Marasch befolgt werden soll. Djemal Paschas Befehle stehen dem entgegen, das Komitee arbeitet jedoch dafür.2. Die protestantischen Armenier haben den Kriegsminister und den Minister des Innern erneut telegraphisch um die gleiche Vergünstigung wie die katholischen Armenier gebeten.Rößler.Notiz: Werde Talaat Bey bei erster Gelegenheit wegen der protestantischen Armenier interpellieren.Mordtmann.135.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 14. August 1915.Deutsches Konsulat, Damaskus.Wie das Konsulat in Aleppo meldet, steht die Umsiedelung der Armenier aus dem Wilajet Aleppo und Marasch bevor und man befürchtet Massakre der Auszutreibenden. Bekanntlich hat Djemal Pascha wiederholt Befehle gegen solche Ausschreitungen gegeben, diese Befehle werden aber von anderer unverantwortlicher Seite nicht immer beachtet. Bitte daher Djemal Pascha veranlassen, seine diesbezüglichen Befehle für den vorliegenden Fall zu erneuern.Hohenlohe.136.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 12. August 1915.Die systematische Niedermetzelung der aus ihren Wohnsitzen deportierten armenischen Bevölkerung hatte in den letzten Wochen einen derartigen Umfang angenommen, daß eine erneute eindringliche Vorstellung unsererseits gegen dieses wüste Treiben, das die Regierung nicht nur duldete, sondern offensichtlich förderte, geboten schien, zumal da an verschiedenen Orten auch die Christen anderer Rassen und Konfessionen nicht mehr verschont wurden. Dazu kam, daß in diesen Tagen die Behörden damit begonnen hatten, die armenischen Einwohner von verschiedenen Ortschaften in der Umgegend von Ismid (Nikomedien), also in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt, umzusiedeln, weil sie angeblich eine russische Landung an der Mündung des Sakaria unterstützen wollten. Diese Maßregel rief unter der hiesigen armenischen Bevölkerung eine schwere Beunruhigung hervor, und man wollte wissen, daß nach Ablauf der heute beginnenden Bairamfesttage die hiesigen Armenier ebenfalls ausgetrieben werden würden. Bei der großen Anzahl der hier ansässigen Armenier (nach niedrigster Schätzung 80000 Seelen) hätte die Ausführung eines solchen Vorhabens nicht nur tiefgehende Störungen von Handel und Wandel zur Folge gehabt, sondern auch Leben and Eigentum der nichtmohammedanischen Einwohnerschaft, die Fremden nicht ausgeschlossen, ernstlich gefährdet.Ich habe daher am 11. d. M. das in Abschrift beigefügte Memorandum auf der Hohen Pforte übergeben. Talaat Bey, der es in Abwesenheit des Großwesirs in Empfang nahm, versprach, soweit möglich Abhilfe zu schaffen und versicherte auf meine Anfrage, daß die Armenier von Konstantinopel nicht verschickt werden sollten.Der auf der Pforte anwesende Kammerpräsident Halil Bey, der anscheinend das Vorgehen der Regierung gegen die Armenier nicht billigt, behauptete, daß die Massakres und anderen Greuel nicht von der Regierung gebilligt würden, aber die Regierung sei nicht immer in der Lage gewesen, die Ausschreitungen der Volksmassen zu hindern, auch hätten die untergeordneten Behörden bei der Ausführung der Deportationsmaßregel Mißgriffe getan.Im Anschluß an vorstehendes muß erwähnt werden, daß unter der türkischen Bevölkerung im Innern vielfach die Auffassung besteht, daß die deutsche Regierung mit der Ausrottung der Armenier einverstanden sei und sie sogar geradezu veranlaßt habe. Ich habe daher die Kaiserlichen Konsulate in Anatolien angewiesen, solchen, für uns kompromittierenden Anschauungen, die sogar von Offizieren, Geistlichen und andern Persönlichkeiten der besseren Klassen offen geäußert werden, entschieden entgegenzutreten. Euerer Exzellenz Ermessen darf ich ergebenst anheimstellen, ob es sich nicht empfiehlt, zu geeignetem Zeitpunkt auch in der deutschen Presse darauf hinzuweisen, daß wir den Zwangsmaßregeln der türkischen Regierung gegen die Armenier durchaus fernstehen und daher auch nicht verantwortlich sind für die dabei vorgekommenen Ausschreitungen, die wir nur mißbilligen und bedauern können.Endlich scheint es zur Unterstützung der hier unternommenen Schritte erwünscht, den neuen ottomanischen Botschafter dort auf die etwaigen Folgen der Armenierpolitik seiner Regierung und unsern Standpunkt in dieser Frage aufmerksam zu machen.Hohenlohe.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.Anlage.Kaiserliche Deutsche Botschaftin Konstantinopel.Pera, le 9 août 1915.Memorandum.Par son memorandum du 4 Juillet l’Ambassade d’Allemagne a eu l’honneur de faire connaître à la Sublime Porte la manière de voir du Gouvernement Impérial Allemand au sujet de l’expatriation des habitants arméniens des provinces Anatoliennes, et d’attirer son attention sur le fait que cette mesure avait été accompagnée en plusieurs endroits par des actes de violence, tels que massacres et pillages qui ne pouvaient pas être justifiés par le but que le Gouvernement Impérial Ottoman poursuivait.L’Ambassade d’Allemagne regrette de devoir constater que, d’après les renseignements qu’elle a reçus depuis lors de sources impartiales et dignes de foi les incidents de ce genre, au lieu d’être empêchés par les autorités locales, ont régulièrement suivi l’expulsion des Arméniens de sorte que la plupart d’eux ont péri avant même d’arriver au lieu de leur destination. Ce sont surtout les provinces de Trébizonde, de Diarbékir et d’Erzéroum d’où ces faits sont signalés; en certains endroits, comme à Mardine, tous les Chrétiens sans distinction de race ou de confession ont subi le même sort.En même temps le Gouvernement Impérial Ottoman a cru devoir étendre la mesure d’expatriation aux autres provinces de l’Asie Mineure et tout dernièrement les villages arméniens des districts d’Ismid à proximité de la capitale ont été évacués de leurs habitants dans des conditions pareilles.En présence de ces événements l’Ambassade d’Allemagne par ordre de son Gouvernement, est obligée de remontrer encore une fois contre ces actes d’horreur et de décliner toute responsabilité des conséquences qui en pourraient résulter. Elle se voit forcée à attirer l’attention du Gouvernement Ottoman sur ce point d’autant plus que l’opinion publique est déjà portée à croire que l’Allemagne en sa qualité de puissance amie et alliée de la Turquie aurait approuvé ou même inspiré ces actions de violence.137.KaiserlichDeutsches Konsulat.Aleppo, den 13. August 1915.Der Diakon Künzler aus Urfa hatte seinen mit Bericht vom 11 d. M. eingereichten Brief mit den Worten geschlossen: „Über die Furchtbarkeit der Frauen- und Kindertransporte wird Ihnen ein Augenzeuge mündlich berichten.“ Dieser Zeuge, ein Österreicher, der mir seit zwei Jahren genau bekannt ist und für dessen Wahrheit in der Darstellung ich persönlich einstehe, hat zur Erholung einige Wochen in einem Weinberge bei Urfa mit seiner Frau zugebracht, ist aber vorzeitig zurückgekehrt, weil er die Greuel nicht länger mit ansehen mochte. Auf meinen Wunsch hat er einige seiner Beobachtungen in der in anliegender Abschrift gehorsamst eingereichten Aufzeichnung niedergelegt. Übrigens ist er auf dem Wege von Urfa nach Arab Punar einem sehr ernsten Raubanfall ausgesetzt gewesen, den er hat zurückschlagen können, weil die Räuber nicht darauf vorbereitet waren, daß er Feuerwaffen bei sich hatte und weil ihm einige von den Angreifern nicht bemerkte Kutscher zu Hilfe eilten. Offenbar haben die Räuber einem Zuge Armenier aufgelauert. Die Frau des Österreichers liegt an den Folgen des Schrecks noch jetzt krank.Der Vertreter der deutschen Orient-Handels- und Industriegesellschaft, Teppichmanufaktur Urfa, Herr Franz Eckart, hat den in anliegender Abschrift gehorsamst beigefügten Brief vom 5. August an mich gerichtet. Dieser Brief, sowie die allgemeine Lage in Urfa hat mich veranlaßt, ein Schreiben an den Mutessarrif in Urfa zu richten, in dem ich ihm den Schutz der dortigen Deutschen für ihre Person, für ihr Personal und für die Ausübung ihrer Tätigkeit besonders empfohlen habe.Über einen weiteren aus Adiaman abgegangenen Trupp sind mir, wie in früheren ähnlichen Fällen, genaue Mitteilungen gemacht worden. Von 696, die Adiaman verließen, sind 321 in Aleppo angekommen; 206 Männer und 57 Frauen sind getötet worden, 70 Frauen und Mädchen und 19 Knaben sind entführt worden. Über den Rest fehlen die Angaben.Ein aus Siwas am 12. d. M. hier angekommener Trupp war 3 Monate lang unterwegs und völlig erschöpft. Gleich nach der Ankunft sind einige gestorben. Vielfach hatte man ihm unterwegs das Wasser verweigert. Am Muradsu sind sie 14 Tage lang an einer Stelle im Kreise herumgeführt worden, in der Weise, daß sie tagsüber kein Wasser hatten. Die Zahl der Verluste bei diesem Trupp ist mir nicht bekannt geworden.Wie mir der hiesige Wali, Beschir Sami Bey, heute mitteilt, ist die den katholischen Armeniern gewährte Vergünstigung wieder aufgehoben worden. Alle ohne Ausnahme werden verschickt. Auf der anderen Seite hat er erklärt, daß er Ungesetzlichkeiten oder Einflüsse unverantwortlicher Stellen in seinem Wilajet nicht dulden und gegen etwaige Missetäter auf das schärfste vorgehen werde. Leider verhindert dieser gute Wille nicht solches Unglück, das aus mangelnder Organisation und Vorbereitung erwächst. Es ist kein Zweifel, daß auch im Wilajet Aleppo, z. B. auf dem Weg von Bab nach Membidj, zahlreiche Frauen und Kinder an Erschöpfung zugrunde gegangen sind.Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.Rößler.Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.Anlage I.Aufzeichnungen eines Österreichers.Dem Deutschen Konsulat Aleppo am 11. August 1915 übergeben.Beobachtungen bei den Armeniertransporten in der Gegend von Urfa.Die Transporte bestanden nur aus Frauen, Greisen und Kindern. Rüstige, kräftige Männer fehlten. Diejenigen Trupps, die bereits eine Woche oder noch länger auf dem Marsche waren, machten einen erbärmlichen Eindruck. Viele von den Strapazen Übermüdete und Erkrankte hinkten mit und zogen Kinder mit sich (viele Säuglinge und schwangere Frauen). Bei Kindern, alten oder sonst schwachen Personen sah man meist wunde, dickgeschwollene in Fetzen gewickelte Füße. Die meisten Transporte hatten ihre Habseligkeiten vor Urfa verkauft, um Transportesel in den Dörfern zu mieten (3 Medjidie pro Tag, d. i. der dreifache des gewöhnlichen Preises). Andere Haufen brachten noch einige Reisegegenstände und Hausgeräte mit nach Urfa, deren sie hier auf schreckliche Weise beraubt wurden, fast ohne Geld. In der Tscharschi verkauften selbst Soldaten Sachen dieser Transportierten. Die meisten Angekommenen wurden im Waisenhause untergebracht, wo sie für Nahrung selbst zu sorgen hatten. Militärposten hielten ringsum Wache. Ich bemerkte, wie ein gieriger Händler mit gekauften Kleidern über die Gartenmauer sprang und dem Posten das Bestechungsgeld offen in die Hand zählte.Durch Trinkgeld, Kauf oder Freundschaft konnte man von den wandernden Massen Frauen, Mädchen und Kinder an sich nehmen. Später verbot die Behörde diesen Handel; dennoch kommen die Aneignungen vor. Ich sah selbst zwei Frauen von 16 und 30 Jahren, die von der Straße weg von Türken zu sich genommen wurden und die mir dann — als ich zu den Türken noch am selben Tage als Gast kam, erzählten, sie seien aus Adiaman und bereits 10 Tage auf dem Wege. Die Gendarmen waren gut mit ihnen gewesen, schlugen eine räuberische Kurdenbande, die auf Weiberraub lauerten, zurück — in den Dörfern bekamen sie immer wieder Brot und Käse. Tagesmärsche dauerten 6–7 Stunden, Rast hatten sie oft. Auf dem Wege von Adiaman trafen sie nackte ermordete Frauen, auch verstümmelte mit abgeschnittenen Brüsten, zwei noch Lebende erzählten, sie seien vom Zuge zurückgeblieben, teils aus Krankheit, teils aus Fluchtabsicht, wobei sie dann von den Kurden geschändet und beraubt wurden.Auf dem Transporte gehen viele Personen zugrunde. In Urfa stürzte vor mir eine Frau nieder. Da der Polizist nicht zurückbleiben durfte, forderte er einige Umstehende auf, zur Polizei zu gehen, um dies zu melden, damit man die Kranke wegtrage. Am andern Tag fand ich dieselbe Frau (30 Jahre alt) in einer anderen Straße vor dem Waisenhause in dem größten Sonnenlicht auf der Straße tot liegen. Ich trat hinzu, und sie zeigte bereits blauesGesicht. Soldaten standen nebenan auf Posten, Polizei und Zivil belebten den Platz. Die Frau lag meiner Schätzung nach schon mehrere Stunden tot da. Erst meine Intervention beim Mutessarrif veranlaßte innerhalb einer halben Stunde die Abfuhr des Leichnams, jedoch mit einem Mistwagen.Außerhalb Urfas (gegen Tell Abiad zu), knapp vor den Urfagärten, lag am Straßenrande der Leichnam eines 20–24 jährigen Mannes. Niemand beerdigte ihn, sondern Raubvögel fraßen daran.Auf der Straße Urfa-Arab Punar sah ich wohl im Dunkeln keine Leichen, doch mein Kutscher, der diesen Weg beständig fährt, zeigte mir längs der Straße hin und wieder Brandstellen — die menschlichen Kadaver werden nämlich an Ort und Stelle verbrannt.Manche Züge humpeln schreiend vor Schmerz dahin. Sobald sie eines Menschen ansichtig werden, fallen viele dieser Unglücklichen auf die Knie und erbitten Hilfe und Rettung oder legen ihre Kinder zur Annahme vor. Auf diesen Märschen bei 56 Grad Celsius und bei Wassermangel erliegen viele vor Erschöpfung. Wer zurückblieb, ist dem Tode sicher.Anlage II.Deutsche Orient-Handels- undIndustriegesellschaft m. b. H.Teppichmanufaktur Urfa.Urfa, den 5. August 1915.Vor einigen Tagen haben zwei junge Türken eine junge Frau aus den auf der nahen Diarbekrstraße vorüberziehenden armenischen Emigranten nach dem untern Teil meines Grundstückes in eine Versenkung geschleppt und sie entkleidet, um sie zu vergewaltigen. Auf das Schreien der Frau sind meine Kinder hinzugeeilt und haben drei in der Nähe befindliche Arbeiter von mir zu Hilfe gerufen. Diese befreiten die Frau, welche in mein Haus flüchtete. Nach kurzer Zeit kamen die zwei Türken mit vier andern Begleitern vor mein Haus und forderten in meiner Abwesenheit von meiner Frau die Herausgabe der Frau. Auf wiederholte Antwort meiner Frau: „Hier wohnen Deutsche“ zogen sie drohend ab.Trotz meiner Vorstellungen bei dem Gouverneur bin weder ich noch meine Familie, noch meine Arbeiter vor weiteren Belästigungen jener Türken sicher. Sie haben erst heute morgen wieder die drei Arbeiter von ihrer Arbeit in meinem Garten vertrieben. Ich bin daher gezwungen, den Schutz meiner eigenen Regierung anzurufen.Fr. Eckart.An dasKaiserlich Deutsche Konsulat, Aleppo.138.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 13. August 1915.Das Kriegsgericht in Konstantinopel erläßt in den hiesigen Blättern die öffentliche Ladung des bekannten armenischen Politikers und ägyptischen Staatsmannes Boghos Nubar Pascha, der verschiedener landesverräterischer Handlungen beschuldigt wird.Das vom Kriegsgericht eröffnete Verfahren ist nicht ernsthaft zu nehmen.Richtig dürfte sein, daß Nubar Pascha sich an den Verhandlungen des Katholikos von Etschmiadsin mit den Dreiverbandmächten über die Schaffung eines autonomen oder unabhängigen armenischen Staates aus den ostanatolischen Provinzen beteiligt hat, bzw. noch beteiligt. Dagegen wird — mit Recht — bezweifelt, daß er in einer direkten Verbindung mit den in der Ladung genannten Blättern steht, welche Organe der Hintschakistenpartei sind, da er sich bisher von dem bekannten armenischen Vereine ferngehalten hat.In der weiteren Anschuldigung, die sich auf Boghos Nubar Pascha’s Tätigkeit in der armenischen Reformfrage[85]während der Jahre 1913 und 1914 bezieht, wird hier von manchen Seiten ein versteckter Vorwurf gegen unsere damalige Politik erblickt, die das Zustandekommen des Reformprojektes unterstützt habe.Hohenlohe.Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.139.(KaiserlichesKonsulat Mossul.)Telegramm.Abgang aus Mossul, den 14. August 1915.Ankunft in Pera, den 15. August 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Ich habe in verschiedenen deutschen Zeitungen türkische amtliche Dementis der Christengreuel gelesen und bin über die Naivität der Pforte erstaunt, welche die Tatsachen der Verbrechen türkischer Beamten durch krasse Lügen aus der Welt schaffen zu können glaubt.Holstein.140.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 15. August 1915.Ankunft in Pera, den 16. August 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Immer weiter eintreffenden Informationen zufolge sind die Armenier im Osten schon heute so gut wie völlig vernichtet.Regierung will die Armenier des Westens entweder auch vernichten, oder sie weiß nicht, was sie tut. Es herrscht völlige Desorganisation, so daß die mit der Ausführung beauftragten Beamten nicht wissen, was die Regierung will. Die Armenier aus Cilicien, die sich in Aleppo befinden, erhalten, wenn auch unregelmäßig, etwas Lebensunterhalt von der Regierung. Die aus dem Osten, von denen etwa 6000 hier sind, während täglich etwa 300 ankommen, erhalten nichts. Die von der armenischen Gemeinde Aleppo aufgebrachten Mittel sind bald erschöpft. Früher konnte jeder Flüchtling 4 kleine Brote täglich, jetzt nur 2 erhalten und keine andere Nahrung. Für Tausende und aber Tausende an anderen Orten als Aleppo sorgt niemand.Rößler.141.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 16. August 1915.Ankunft in Pera, den 16. August 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Der Abtransport der Armenier von Marasch hat begonnen. Es liegen keine Nachrichten von der dortigen deutschen Mission vor. Ich stelle gehorsamst anheim, eine Ausnahme für das Personal des Hospitals und für den Lehrkörper, die Schüler und Schülerinnen der Schulen des Hilfsbundes zu erwirken, da es sich um deutsche Anstalten handelt.Rößler.142.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 17. August 1915.An Deutsches Konsulat, Aleppo.Vom Minister des Innern wurde mir der Schutz der deutschen Anstalten, des Hospitals nebst Apotheke und der Schulen in Marasch, auch das Verbleiben des Hilfspersonals und der Schulkinder zugesagt. Gleichzeitig wurde versprochen, daß die Ortsbehörden entsprechende telegraphische Anweisung erhalten werden.Hohenlohe.143.(Bericht von Deutschenin Konia.)Konia, den 16. August 1915.Die unterzeichneten, zurzeit in Konia ansässigen deutschen Staatsangehörigen gestatten sich, der Kaiserlich Deutschen Botschaft folgenden Bericht zu unterbreiten:Seit einer Woche sind wir Zeugen der ergreifendsten Szenen, über die sich ein Fernstehender kaum ein Bild machen kann. Täglich kommen lange Züge mit Armeniern an, die nach ihren Aussagen aus Ismid, Adabazar und Umgebung ausgewiesen worden sind.Von Durchreisenden haben wir erfahren, daß diese Ausweisungsmaßregeln schon seit Monaten in Cilicien und Nordmesopotamien zur Anwendung kommen, und wie wir hören, soll auch in anderen Orten Anatoliens mit den Armeniern aufgeräumt werden. Heute erhielten auch die hiesigen Armenier den Befehl, die Stadt innerhalb acht Tagen zu verlassen.Was wir mit unserem Bericht bezwecken, ist, gegen die jeder Menschlichkeit zuwiderlaufende Art der Behandlung dieser Vertriebenen Einspruch zu erheben.Weiber und Kinder werden mit Faust- und Stockschlägen angetrieben. Auf offenen Karren und Tatarwagen werden sie in die Nacht gejagt, und die Unbemittelten müssen zu Fuß mit dem Rest ihrer Habe die beschwerliche lange Reise fortsetzen.Die des Nötigsten entbehren, müssen ihre geringen Habseligkeiten verschleudern, ja, sie werden ihnen oftmals mit Gewalt entrissen und gestohlen.Wie groß die Verzweiflung ist, geht daraus hervor, daß Mütter ihre Kinder verschenken, um sie vor dem elendesten Los zu bewahren.Kinder, die von mitleidigen christlichen Familien angenommen wurden, sind diesen später von den Behörden abgefordert und Türken gegeben worden.Hilfeleistungen von unserer Seite wurden nicht gern gesehen. Dies erinnert uns an einen Vorfall im April d. J., wo die Unterstützung der hiesigen amerikanischen Mission an die ca. 3000 von Zeitun ausgewiesenen Armenier verboten wurde; dagegen wurde von keiner Seite Einspruch erhoben, als bei den Balkanwirren von der gleichen Mission für mehr als 500 Ltq. Betten und Wäsche von Eskischehir bis Eregli unter den muhammedanischen Auswanderern verteilt wurden.Der ganze Weg von hier bis hinter Aleppo gleicht einer Karawane des Jammers und des Elends. In Ortschaften wie Karaman, Eregli und Bozanti, wo die Bewohner selbst an Brotmangel leiden, ist das Los der Vertriebenen unausdenkbar; sie sind einem langsamen qualvollen Hungertode preisgegeben. Zur Kenntnisnahme erwähnen wir, daß in Bozanti trotz einem Brotpreise von Piaster 8 per Oka solches nicht zu bekommen ist.In den Gebirgsgegenden diesseits und in der Ebene jenseits des Taurus sind diese Ärmsten den schändlichen Gelüsten der halbwilden muhammedanischen Bevölkerung ausgesetzt.Die ganze Maßregel läuft also allem Anschein nach auf eine völlige Ausrottung der Armenier hinaus.Diese unmenschliche Behandlung bildet nicht nur für die Türken einen unauslöschlichen Schandfleck in der Weltgeschichte, sondern auch für uns Deutsche, falls wir der Sache untätig zusehen und die Vernichtung dieses Volkes zulassen. Abgesehen davon ist dieses Vorgehen höchst beklagenswert im Interesse der wirtschaftlichen Lage des Landes und auch deutsche Unternehmungen werden dabei in Mitleidenschaft gezogen, wenn dieses arbeitsame Volk zugrunde geht.Wenn sich Unterzeichnete erlauben, der Kaiserlichen Botschaft einen Bericht über diese Zustände zu übersenden, so tun sie dies in der Annahme, daß diese der Kaiserlich Deutschen Botschaft nicht in vollem Umfange bekannt sind.Wir Deutsche, die wir hier jetzt täglich gezwungen sind, einem unmenschlichen Treiben zusehen zu müssen, fühlen uns als Mitglieder eines Kulturstaates inmitten eines halb zivilisierten Volkes verpflichtet, dagegen zu protestieren.In Erwartung, daß unsere Bitte dahin berücksichtigt wird, daß wenigstens das Los der tausende und abertausende unschuldiger Frauen und Kinder gemildert wird, zeichnen wirHochachtungsvollWilly Seeger, Leiter der Anatolischen Industrie- und Handelsgesellschaft, Filiale Konia. Georg Biegel, Mittelschullehrer. Heinrich Janson, Werkmeister. J. E. Maurer, Diplom-Ingenieur.An die Kaiserlich Deutsche BotschaftKonstantinopel.144.(Auswärtiges Amt.)Telegramm.Berlin, den 18. August 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Bitte zu geeigneter Zeit und in entsprechender Form Bericht aus Aleppo vom 27. Juli bei Pforte verwerten und Überzeugung aussprechen, das Vorgehen gegen die Armenier widerspreche ihren Absichten und Instruktionen.Unsere Freunde im türkischen Kabinett werden begreifen, daß wir schon wegen des gegen uns erhobenen Vorwurfs der Anstiftung an energischer Unterdrückung der Ausschreitungen lebhaft interessiert sind.Zimmermann.145.Eingabe eines Armeniers.Deutsche Botschaft.(Von Msgnre Dolci übergeben.)Pera, 19.8.1915.Aus der Deportation der Armenier.Die Katholiken von Nicomedia (Ismid) sind mit anderen Armeniern deportiert worden. Zwei Priester und ein Teil der katholischen Armenier sind durch einen glücklichen Zufall in Eskischehir geblieben. Nach fünf Tagen werden sie davon fortgejagt. Wir bitten Sie, es zu erlangen, daß diese zwei Priester und ihr Volk entweder nach ihren Städten oder Dörfern zurückkehren, oder in Eskischehir bleiben, aber so frei wie die dortigen katholischen Armenier.Gegen alle Versprechungen hat man am 16. d. M. die katholischen und protestantischen Armenier von Baktschedjik abtransportiert. Durch einen Zufall sind fünf Nonnen und drei Priester in Nicomedia geblieben und ihr Volk durch Eisenbahn deportiert. Wir bitten Sie, diese Priester und Schwestern entweder nach Baktschedjik zurückzuschicken oder nach Konstantinopel kommen zu lassen. Ebenfalls das katholische und protestantische Volk nach seinem Dorfe zurückschicken oder in Eskischehir aufhalten.Den Eisenbahnbeamten Order geben, daß sie diese Unglücklichen menschlicher behandeln.Man gestatte uns, den Armen Almosen zu geben.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Verfügung.Herrn Generalkonsul Mordtmann mit der Bitte, die Sache möglichst heute noch bei Talaat befürwortend zur Sprache zu bringen.21. August 1915.Neurath.146.Aufzeichnung.21. August 1915.Ich habe heute auf dem Ministerium des Innern bei Aziz Bey (Minister und Djambulad Bey waren nicht da) wegen Rücksendung der bereits abtransportierten katholischen Armenier Schritte getan.Aziz Bey wird die Sache dem Minister vortragen, und bemerkte dabei, daß nach neuester Verfügung die katholischen Armenier von Angora und Adana von der Vergünstigung wieder ausgenommen seien.Ich hatte speziell gebeten, wegen der bereits nach Eskischehir und Konia abgeführten und dort in den Konzentrationslagern internierten katholischen und protestantischen Armenier dem Mutessarriflik Eskischehir und Wilajet Konia telegraphische Weisungen wegen Sistierung des Weitertransports bzw. Rücksendung der Internierten zugehen zu lassen.Mordtmann.Notiz:Pera, 23. August 1915.Der katholische armenische Patriarch teilt mit, der Befehl, die katholischen Armenier von der Ausweisung auszunehmen, sei rückgängig gemacht und bittet um Verwendung.147.Aufzeichnung.23. 8. 15.Heute Talaat Bey vorgetragen, der sich ausweichend ausdrückte. Gleichzeitig regte ich an, die bereits nach Eskischehir und Konia abgeschobenen Armenier protestantischen und katholischen Glaubens nicht weiter zu transportieren und ihnen eventuell die Rückkehr in ihre Heimat zu gestatten, und erhielt gleiche unbestimmte Auskunft.Aziz Bey, den ich hierauf aufsuchte, um ihm die Sache wegen Eskischehir dringend zu machen, bezweifelte sehr, daß der Minister die gewünschten Ordres geben würde.Mordtmann.148.Telegramm.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Pera, den 24. August 1915.An Deutsches Konsulat, Adana.Kürzlich hatte die Pforte das Verbleiben der katholischen und protestantischen Armenier in ihren Wohnsitzen zugesagt, nachträglich aber diese Vergünstigung für Angora und Adana zurückgezogen. Daraufhin sind von hier aus Schritte getan worden, um den letzten Beschluß der Pforte rückgängig zu machen. Ob diese Schritte Erfolg haben werden, erscheint zweifelhaft. Bitte eventuell Drahtbericht über die dortige Lage.Hohenlohe.149.(Oberstleutnant Stange.)Erzerum, den 23. August 1915.Bericht über die Armeniervertreibungen.Die Armenieraustreibungen begannen etwa Mitte Mai 1915. Bis dahin war alles ziemlich ruhig geblieben; die Armenier konnten ihrem Handel und Gewerbe nachgehen, übten ungestört ihre Religion aus und waren im allgemeinen mit ihrer Lage zufrieden. Allerdings wurde am 10. Februar d. J. der 2. Direktor der hiesigen Ottomanbank, ein Armenier, gegen 6 Uhr abends auf offener Straße erschossen. Trotz angeblicher Bemühungen der Regierung ist der Täter nie ermittelt worden; heute ist kein Zweifel mehr darüber, daß der Anlaß zu diesem Morde ein rein politischer war. Um die damalige Zeit wurde auch der armenische Bischof von Ersindjan ermordet.Gegen den 20. Mai war vom Oberkommandierenden Kamil Pascha die Räumung der armenischen Dörfer nördlich Erzerum befohlen worden, was von den türkischen Organen in rohester Weise ausgeführt wurde; hierüber liegt die Abschrift eines Briefes der armenischen Dorfbewohner an ihren Bischof vor: Die Leute wurden in kürzester Zeit von Haus, Hof und Feld verjagt und zusammengetrieben, einem großen Teil ließen die Gendarmen nicht die Zeit, das Nötigste zusammenzupacken und mitzunehmen. Zurückgelassenes und mitgenommenes Gut wurde von den begleitenden Gendarmen und Soldaten den Eigentümern abgenommen oder aus den Häusern gestohlen. Bei dem damaligen schlechten Wetter mußten die Vertriebenen unter freiem Himmel nächtigen; sie erhielten von den Gendarmen meist nur gegen besondere Bezahlung die Erlaubnis, die Ortschaften zur Besorgung von Lebensmitteln oder zur Entnahme von Wasser betreten zu dürfen.Vergewaltigungen sind vorgekommen und tatsächlich haben verzweifelte Mütter ihre Säuglinge in den Euphrat geworfen, weil sie keine Möglichkeit mehr sahen, sie zu ernähren. Der deutsche Konsul ließ mehrmals durch seine deutschen Konsulatsangestellten Brot verteilen, und letztere sind in der Lage, über das Elend der Verjagten zu berichten.Es steht einwandfrei fest, daß diese Armenier fast ohne Ausnahme in der Gegend von Mamachatun (Terdjan) von sogenannten Tschettäs (Freiwilligen), Aschirets und ähnlichem Gesindel ermordet worden sind, und zwar unter Duldung der militärischen Begleitung, sogar mit deren Mithilfe. Der Wali gab diese Tatsachen — natürlich nur in beschränktem Umfange — dem deutschen Konsul zu, und letzterer hat über die Begebenheiten einen dem Gemetzel verwundet entkommenen alten Armenier eingehend vernommen. Eine größere Anzahl von Leichen wurde vom Konsulatsdiener Kriegsfreiwilligen Schlimme dort gesehen.Anfangs Juni wurde mit der Ausweisung der Armenier aus der Stadt Erzerum begonnen. Die Art und Weise, wie sie von den Regierungs- und Polizeibehörden und deren Organen durchgeführt wurde, läßt jegliche Organisation und Ordnung vermissen. Im Gegenteil ist sie ein Musterbeispiel für rücksichtslose, unmenschliche und gesetzwidrige Willkür, für tierische Roheit sämtlicher beteiligter Türken gegenüber der ihnen tief verhaßten und als vogelfrei angesehenen Bevölkerungsklasse. Hierüber liegt eine große Zahl von sicheren Beispielen vor. Die Regierung tat nicht das geringste, den Ausgewiesenen irgendwie behilflich zu sein, und da die Polizisten die Gesinnung ihrer Vorgesetzten kannten, so taten sie auch ihrerseits alles, was die Quälereien der Armenier vermehren konnte. Ausweisungen wurden verfügt und wieder aufgehoben, dann die ausgestellten Aufenthaltserlaubnisscheine von der Polizei nach wenigen Tagen wieder abverlangt und vernichtet und neue Ausweisungsbefehle erteilt; in vielen Fällen wurden letztere vom Abend zum Morgen gegeben. Einsprüche und Beschwerden wurden nicht beachtet und nicht selten mit Mißhandlungen beantwortet.Die Regierung gab den Ausgewiesenen keinen Bestimmungsort an. Sie ließ zu, daß die Preise der Beförderungsmittel eine fast unerschwingliche Höhe erreichten, sie gab meist eine unzureichende Zahl Begleitmannschaften mit, die schlecht ausgebildet waren und ihre Pflicht, die Vertriebenen zu schützen, keinesfalls ernst nahmen, wie sich später oft herausstellte. Und doch war es allgemein bekannt, daß die Unsicherheit auf den Landstraßen einen hohen Grad erreicht hatte, was die Behörde aber nicht abhielt, die Armenier hinauszujagen. Sie sollten eben umkommen. In Trapezunt war es den Armeniern nach erhaltenem Ausweisungsbefehl sogar verboten worden, irgend etwas von ihrem Eigentum zu veräußern oder mitzunehmen. Der Diener des hiesigen Konsulats, deutscher Kriegsfreiwilliger Schlimme (Schlimme hatte eine Dienstreise im Auftrag des Konsulats über BaiburtErsindjan nach Trapezunt unternommen) hat selbst in Trapezunt gesehen, wie Polizeimannschaften den an der Polizeiwache vorüberziehenden ihre ärmlichen Bündel abnahmen.Vorstehendes möge genügen, um einen, wenn auch nur schwachen Begriff von der rohen Behandlung zu geben, der die Armenier ausgesetzt waren. Zahlreiche weitere Einzelheiten stehen zur Verfügung.Soweit es bei dem Bestreben der Regierung, die Ereignisse zu verheimlichen oder abzuschwächen, übersehen werden kann, ist die Lage folgendermaßen:Von dem ersten Trupp, der am 16. Juni auf dem direkten Weg nach Kharput abging, und der vorwiegend aus armenischen Notabeln bestand, die ziemlich viel Gepäck mitführten, sind alle Männer mit wenigen Ausnahmen umgebracht, was vom Wali für eine Anzahl von 13 Armeniern zugegeben wurde. Die Frauen scheinen mit den kleinsten Kindern in Kharput angekommen zu sein, von den erwachsenen Mädchen ist nichts sicheres bekannt. Die übrigen Trupps wurden über Baiburt und Ersindjan und weiter in Richtung Kemach (Euphrattal) geleitet. Sie „sollen“ im allgemeinen glücklich durch das Euphrattal durchgekommen sein, haben aber noch eine gefährliche Gegend auf dem Marsch nach Kharput und in die Gegend von Urfa zu durchqueren.Von den Armeniern von Trapezunt wurden die Männer abseits ins Gebirge geführt und unter Mithilfe von Militär abgeschlachtet, während die Frauen in bejammernswertem Zustande nach Ersindjan getrieben wurden. Was weiter mit ihnen geschah ist zurzeit nicht bekannt. In Trapezunt wurden Armenier aufs Meer hinausgefahren und dann über Bord geworfen. Der Bischof von Trapezunt wurde vor das Kriegsgericht in Erzerum geladen und auf der Reise dahin samt seinen Kawassen erdrosselt. Ein armenischer Militärarzt wurde zwischen Trapezunt und Baiburt ermordet.Die Armenier von Ersindjan wurden allesamt ins Kemach-(Euphrat-)Tal getrieben, und dort abgeschlachtet. Es wird ziemlich glaubwürdig berichtet, daß die Leichname auf schon vorher bereit gehaltenen Wagen nach dem Euphrat geschafft und in den Fluß geworfen wurden. Der Bischof von Ersindjan hat seine Glaubensgenossen begleitet und wird ihr Los geteilt haben.In Erzerum befinden sich nur noch ganz wenige Armenier, nachdem die ursprünglich getroffene Anordnung, Frauen und Kinder ohne männlichen Schutz dürften in der Stadt bleiben, wieder aufgehoben und deren Vertreibung streng und rücksichtslos durchgeführt war. Selbst diejenigen, deren man für Heeres- und Verwaltungsbetrieb unbedingt bedurfte, Handwerker, Beschlagschmiede, Kraftwagenführer, Lazarettpersonal, Bank- und Regierungsbeamte, Militärärzte wurden planlos verschickt.Die Entfernung der Armenier aus dem Kriegsgebiet von Erzerum wargesetzlich zulässig und wird mit militärischer Notwendigkeit begründet. In der Tat hatten sich die Armenier in verschiedenen Gegenden als unzuverlässig erwiesen. Es kam zu Aufständen z. B. am Wansee, in Bitlis und Musch.[86]Gelegentlich wurden Telegraphendrähte durchgeschnitten und nicht wenig Fälle von Spionage kamen vor. Andererseits hatte sich bisher die armenische Bevölkerung in Erzerum vollkommen ruhig verhalten. Ob sie bei etwaiger Annäherung der Russen an Erzerum weiter ruhig geblieben wären, ist zurzeit nicht mit Sicherheit festzustellen. Alle wehrfähigen Armenier waren bis auf einen verhältnismäßig geringen Bruchteil eingezogen. Ein besonderer Anlaß, eine Erhebung zu befürchten, lag demnach nicht vor. Trotzdem scheint die Regierung eine solche Furcht vor den Armeniern gehabt zu haben, die in keinem Verhältnis zu dem machtlosen Zustande stand, in dem sich zurzeit hier die Armenier befanden. Wenn nun auch immer die Entscheidung über Entsendung dieses nicht ganz zuverlässigen Elementes allein Sache des Oberkommandos ist, so dürfte doch erwartet und verlangt werden, daß diese Maßnahme ohne Schaden für Leben und Eigentum der Ausgewiesenen, denen persönlich nicht die geringste Schuld nachzuweisen war, durchgeführt wurde. Hierdurch wird die Berechtigung und Verpflichtung, einzelnen Schuldigen den Prozeß zu machen, nicht berührt. Daß aber Hunderte und Tausende regelrecht ermordet wurden, daß die Behörden über jedes zurückgelassene Eigentum (Häuser, Läden, Waren, Hausrat) willkürlich verfügten — in der armenischen Kirche lagen Vorräte im Werte von etwa 150000 Ltq[87]— daß überhaupt die Entfernung in der unmenschlichsten Weise vor sich ging und Familien und Frauen ohne männlichen Schutz vertrieben wurden, daß endlich die zum muhammedanischen Glauben übergetretenen Armenier nicht mehr als verdächtig betrachtet und also in Ruhe gelassen wurden, gibt zu der Vermutung berechtigten Anlaß, daß militärische Gründe erst in zweiter Linie für die Vertreibung der Armenier in Betracht kamen, und daß es hauptsächlich darauf ankam, diese günstige Gelegenheit, wo von außen her Einspruch nicht zu erwarten war, zu benutzen, einen lang gehegten Plan, die gründliche Schwächung, wenn nicht Vernichtung der armenischen Bevölkerung zur Ausführung zu bringen. Hierzu boten militärische Gründe und die aufrührerischen Bestrebungen in verschiedenen Landesteilen willkommenen Vorwand.Dabei scheinen die Behörden den Grundsatz als berechtigt anzuerkennen, an Unschuldigen Vergeltung zu üben für die Vergehen Schuldiger, deren man aber nicht habhaft werden kann.Bei der Durchführung der Ausweisungsmaßnahmen berief sich der Wali einmal auf die Befehle des Oberkommandierenden, ein anderesmal auf Befehlevon Konstantinopel. Umgekehrt drängte der Oberkommandierende dauernd auf rücksichtslose Beschleunigung der Austreibung und gab nicht selten Befehle, für deren Ausführung er dem Wali die Verantwortung zuschob, ohne ihm die Mittel zur Ausführung geben zu können oder zu wollen. Der Oberkommandierende mußte von der Ermordung der ersten Armenier Kenntnis haben, auch von dem Verhalten der begleitenden Gendarmen; er kannte die Unsicherheit der Straßen, tat nichts zur Beseitigung dieses Übelstandes und befahl trotzdem die Vertreibung der Armenier auf eben diese Straßen. Dieses Verhalten entspricht allerdings seiner Äußerung zum Konsul, „daß es nach dem Kriege eine Armenierfrage nicht mehr geben werde“.
August.
127.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 2. August 1915.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Antwort auf Telegramm vom 30. Juli.
Alle diesseitigen Vorstellungen haben sich gegenüber dem Entschluß der Regierung, die einheimischen Christen in den östlichen Provinzen unschädlich zu machen, als unwirksam erwiesen.
Hohenlohe.
128.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 3. August 1915.Ankunft in Pera, den 3. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Bisher sind gegen 40000 Armenier aus dem westlichen Kleinasien verschickt worden. Werden sie jetzt auch aus den großen Städten und Küstenstrichen des Wilajets Aleppo verbannt, so wird die Zahl 150000 erreichen.
Mit der Ausführung ist schon begonnen. Wenn nicht in irgend einer Form eine Hilfsaktion von außerhalb der Türkei eingeleitet werden kann, so ist damit zu rechnen, daß in den nächsten Monaten Tausende verhungern.
Rößler.
129.
KaiserlichesKonsulat Erzerum.
Erzerum, den 5. August 1915.
Die Aussiedelung der Armenier ist nun zu einem gewissen Abschluß gelangt, d. h. es befinden sich im Amtsbezirk des hiesigen Konsulats keine Armenier mehr. Es scheint mir daher angebracht, über die mit der Armenieraustreibung im Zusammenhang stehenden Vorfälle der letzten Monate kurz zusammenfassend zu berichten.
Bis Anfang Mai lebten die Armenier hier frei und ungehindert und konnten ungestört ihren Geschäften nachgehen. Einzelne Vorfälle, wie die Ermordung des Bankdirektors Pasdirmadjan und ähnliches, übten nur vorübergehend eine beunruhigende Wirkung aus. Die Furcht vor einem Massaker durch die Türken war allerdings vorhanden und nicht unbegründet, doch dürfte die Anwesenheit und Tätigkeit General Posseldts[78]sowie des deutschen Konsuls den Ausbruch eines solchen verhindert haben.
Zu Beginn des Mai führten die bekannten Vorgänge von Wan dazu, daß die Regierung und die Militärbehörden zu scharfen Maßregeln gegen die Armenier griffen. Alle noch mit der Waffe dienenden Armenier wurden aus dem Heere entfernt und in Arbeiterbataillone gesteckt. Die Bewohner der Erzerumer und der Passin-Ebene, die nur noch aus Frauen, Kindern und alten Männern bestand, wurden aus ihren Dörfern vertrieben und sollten zwangsweise nach Mesopotamien gebracht werden. Diese mit militärischen Rücksichten begründete Maßnahme wurde in unnötig rücksichtsloser und grausamer Weise durchgeführt. Auf dem Wege nach Erzindjan wurden die Betreffenden bei Mamachatun, Sansar, Euphrat Brücke und Päräz von Kurden und türkischen Freiwilligen überfallen, beraubt und getötet. Die Zahl der Umgekommenen dürfte zwischen 10–20000 betragen, nach Angabe der Regierung nur 3–4000.
In derselben Zeit wurden die Bewohner der Erzindjaner Ebene bei ihrem Durchzug durch die Schlucht von Kemach gleichfalls bis auf wenige beraubt und getötet, die Frauen entführt. Hierbei soll, wie mir glaubwürdig mitgeteilt wurde, türkisches Militär bzw. Gendarmen beteiligt gewesen sein.
Zu Beginn des Juni wurde aus Erzerum die erste Gruppe der armenischen Notabeln ausgewiesen mit einer Frist von 14 Tagen. Zirka 500 Personen verließen am 16. Juni Erzerum und zogen durch das Gebirge über Kharput nach Urfa. Von diesen sind laut Mitteilung der Regierung unterwegs 14 Personen ermordet worden, nach mir zugegangenen privaten Informationen fast alle Männer. Die zweite Gruppe, ca. 3000 Personen, verließ am 19. und 20. Erzerum. Bei Baiburt wurde ein Teil von ihnen, besonders Männer, abgetrennt, über deren Verbleib ich nichts ermitteln konnte. Sie dürften wahrscheinlich ermordet worden sein. Die übrigen gelangten unbelästigt nach Erzindjan, wo sie bis zur Sicherung der Wege verblieben. Die dritte Gruppe Ausgewiesener, zirka noch 300 Familien, verließen am 26. Juni Erzerum. Sie gelangten in guter Ordnung und unbelästigt bis nach Erzindjan. Die vierte Gruppe, hauptsächlich aus Handwerkerfamilien bestehend, die zuerst von der Regierung Aufenthaltsscheine erhalten hatten, welche ihnen später auf Befehl des Armee-Oberkommandos entzogen wurden, kamen gleichfalls gut über Baiburt nach Erzindjan. Es waren somit bis zum15. Juli fast alle Armenier aus Erzerum ausgewiesen worden. Die wenigen dort noch verbliebenen hatten auf Grund besonderer Verhältnisse, wie Unabkömmlichkeit, Krankheit u. dgl. spezielle Aufenthaltsscheine von der Regierung erhalten. Während meiner und des Walis Abwesenheit von Erzerum wurden ihnen diese Aufenthaltsscheine auf Befehl des Armee-Oberkommandierenden plötzlich entzogen. Sie mußten Erzerum in kürzester Zeit verlassen, und viele von ihnen konnten sich nicht einmal mit dem Notwendigsten für die Reise versehen. Diese letzte Gruppe ist bei Aschkalé und Baiburt teilweise ausgeplündert worden. Zu derselben gehörten auch die armenischen Ärzte und Apotheker, von denen ein Teil, angeblich auf kriegsgerichtliches Urteil, bei Baiburt erschossen wurde. Die zweite, dritte und vierte Gruppe sind, wie schon erwähnt, mit einigen Ausnahmen gut in Erzindjan angekommen und bleiben dort bis Anfang August im Zeltlager. Bei meiner Anwesenheit in Erzindjan habe ich mich persönlich davon überzeugt, daß es ihnen nach Maßgabe der Umstände gut ging. Anfang August wurden sie nach Urfa weiter geschickt und sollen die berüchtigte Schlucht von Kemach gut passiert haben. Wie viele von ihnen lebend und gesund an ihrem Bestimmungsort anlangen werden, lasse ich dahingestellt.
Was die aus den benachbarten Wilajets vertriebenen Armenier anbelangt, so soll die Anzahl der Umgekommenen dort eine weit größere sein. So haben z. B. in der Ebene von Khinis große Armeniermassaker stattgefunden und sollen im Wilajet Trapezunt fast alle Männer umgebracht worden sein. Tatsächlich habe ich bei meiner Anwesenheit in Erzindjan bei den dort durchziehenden Armeniern aus dem Wilajet Trapezunt gar keine Männer bemerkt. Auch die Form der Ausweisung war eine weit schroffere; so wurde z. B. in Trapezunt den Armeniern nur einige Stunden Zeit gegeben und ihnen verboten, etwas von ihren Sachen zu verkaufen. Auch erhielten sie keinerlei Transportmittel von der Regierung, so daß die meisten zu Fuß gehen mußten. In ähnlich schroffer Form wurde gegen die Armenier in Siwas vorgegangen.
Was nun meine Haltung bei der ganzen Frage anbetrifft, so habe ich mich von folgenden Gesichtspunkten leiten lassen:
Es war mir bekannt, daß wir ein Recht zum Eintreten für die von der Ausweisung betroffenen, unschuldigen Armenier nicht besitzen, auch sonst keinerlei Schutzrecht über sie ausüben.
Meine Verwendung für die Armenier, welche sich der Regierung gegenüber nichts zuschulden hatten kommen lassen, mußte sich darauf beschränken, daß ich für Schutz ihres Lebens und Eigentums gegen Vergewaltigungen und dafür eintrat, daß die durch die militärische Notwendigkeit begründete Aussiedelung in möglichst humaner Weise vor sich gehe. In diesem Sinne bin ich auch bei Beginn der Aussiedelung sowohl bei der Zivilverwaltung als auch beim Armee-Oberkommando vorstellig geworden. Nach Bekanntwerden der ersten großen Massaker bei Kemach, KhinisTerdjan habe ich gemäß der mir auf meinen diesbezüglichen Bericht an Euere Exzellenz erteilten Instruktion dem Wali in sehr eindringlicher Form Vorstellungen gemacht. Ich habe dabei betont, daß solche schmachvollen Vorgänge geeignet sind, das Ansehen der Türkei im neutralen Auslande und bei ihren Freunden zu schädigen. Weiterhin betonte ich, daß solche Vorgänge leicht Grund zu erneuter fremder Einmischung in die armenischen Angelegenheiten geben und die Stellung der Türkei bei künftigen Friedensverhandlungen unnütz erschweren könnten. Außerdem wies ich noch eindringlich darauf hin, in welch unangenehme Lage unsere Regierung durch diese Vorfälle versetzt wird, und daß wir darum energisch darauf dringen müssen, daß eine Wiederholung derselben durch die verantwortlichen Regierungsorgane auf jeden Fall vermieden wird. Der Wali gab ohne weiteres zu, daß meine Ausführung berechtigt sei, wies aber seinerseits darauf hin, daß die Verantwortung nicht ihn, sondern das Armee-Oberkommando[79]treffe, unter dessen Befehl er stehe. Dasselbe habe trotz der ihm bekannten Unsicherheit der Wege die Aussiedelung der Armenier befohlen, ohne genügenden Schutz für dieselben zu gewähren. Im übrigen versprach der Wali sein möglichstes zu tun zur Verhinderung von Wiederholungen. Tatsächlich ist er auch bemüht gewesen, für den Schutz der Vertriebenen, soweit ihm das bei den entgegengesetzten Absichten des Komitees und anderer maßgebender Persönlichkeiten möglich war, zu sorgen. Um dem Widerstand, den er bei seinen diesbezüglichen Bestrebungen beim Armee-Oberkommando sowohl wie beim Komitee fand, zu begegnen, reichten aber weder sein Einfluß noch seine Energie aus. Im allgemeinen sind die Bewohner Erzerums jedoch bei ihrer Aussiedelung weit besser behandelt worden als die anderer Städte. Dem Entgegenkommen des Wali und meinen Bemühungen zufolge wurden ihnen folgende Erleichterungen gewährt:
1. Die meisten erhielten eine Frist von 14 Tagen zu Reisevorbereitungen.
2. Es wurde ihnen gestattet, ihre Sachen mitzunehmen oder zu verkaufen.
3. Ein Teil der Kaufleute und Notabeln hatte die Möglichkeit, ihre Waren, Sachen und Kostbarkeiten der Ottomanbank zur Aufbewahrung in der armenischen Kirche zu geben.
4. Die Regierung stellte vielen mittellosen Familien Ochsenkarren unentgeltlich zur Verfügung.
5. Diejenigen Männer, deren Familien ohne weiteren männlichen Schutz waren, wurden aus den Arbeiterbataillonen entlassen und durften ihre Familie begleiten.
Eine weitere humane Anordnung der Zivilverwaltung, daß Kranke, alleinstehende Frauen und Kinder in Erzerum bleiben sollten, wurde durch Befehl der Militärbehörde bzw. auf Betreiben des Komitees aufgehoben.
Es ist tief bedauerlich, daß infolge der von der Militärbehörde geduldeten Haltung des Komitees und seiner dunklen Hintermänner die Maßnahme der Aussiedelung der Armenier aus den Grenzgebieten in einen Rache-, Vernichtungs- und Raubfeldzug gegen sie umgewandelt wurde. Von vernünftig denkenden weiten Kreisen der türkischen Bevölkerung, besonders von den Grundbesitzern, wird diese Ausrottungspolitik auch nicht gebilligt.
Meine Berichte und meine Tätigkeit in der Armenier-Frage zusammenfassend bemerke ich folgendes:
Es würde hier zu weit führen, auf die Ursachen der Armenierunruhen einzugehen und zu untersuchen, ob dieselben durch zweckmäßige Maßregeln und Verhandlungen der Regierung hätten vermieden werden können. Soviel mir bekannt, ist in dieser Hinsicht rechtzeitig nichts geschehen. Es ist ferner selbstverständlich, daß dort, wo auf Betreiben armenischer Revolutionäre und russischer Emissäre Aufstände stattgefunden haben, mit aller Strenge gegen die Schuldigen vorgegangen wird. Ich hätte sogar viel schärfere Vorbeugungsmaßregeln der Regierung und der Militärbehörden an bedrohten Punkten erwartet und gewünscht, nicht aber, wie das meist geschehen, nachträgliche Vergeltungsmaßregeln. Für einen allgemein beabsichtigten und vorbereiteten Aufstand der Armenier fehlen jedoch meines Erachtens jegliche Beweise.
Daß sich eine von ihrer eigenen Regierung unterdrückte und schlecht behandelte, folglich also unzufriedene Grenzbevölkerung anderer Nationalität und anderen Glaubens einem siegreich vordringenden Feinde desselben Glaubens, der sich zudem als Befreier ausgibt und sie mit Versprechungen lockt, anschließt, erscheint mir, wenn auch bedauerlich, so doch natürlich und ist auch auf anderen Kriegsschauplätzen vorgekommen. Ebenso natürlich sind dagegen politische und scharfe militärische Abwehrmaßnahmen. Es erscheint mir aber unnatürlich und einer auf Zivilisation Anspruch erhebenden Regierung unwürdig, wenn dieselbe zuerst keinerlei Maßregeln trifft, um einer vorauszusehenden Erhebung einiger Teile eines mit Recht unzufriedenen Volkes, sei es durch geeignete militärische Vorkehrungen, sei es durch politische Verhandlungen vorzubeugen, sondern eine solche durch ihre Untätigkeit und durch das provokatorische Verhalten ihrer Polizeiorgane und „Tschättäh“ (berittenen Freiwilligen) geradezu herausfordert.
Auf Grund dieser Erwägungen und in Anbetracht der ganzen Sachlage hielt ich es als Vertreter der deutschen Regierung für meine Pflicht, dem Vorgehen der Regierung gegen die Armenier und den gegen sie getroffenen Maßnahmen nicht stillschweigend zuzusehen, sondern da wir diese Maßnahmen nicht hindern können, wenigstens auf eine möglichst milde Form der Ausführung hinzuarbeiten. Ich habe die Unbequemlichkeiten ja Gefahren, die mit meiner Haltung bisweilen für mich verknüpft waren, auch deshalb gernauf mich genommen, weil ich annahm, daß es meiner Regierung nur angenehm sein dürfte, zu wissen, daß ihr hiesiger Vertreter mit allen ihm zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln für eine humane und rechtmäßige Behandlung unschuldig Leidender eingetreten ist.
Bei diesen meinen Bestrebungen bin ich von vernünftig denkenden Türken aus Regierungs- und Militärkreisen unterstützt worden, soweit dieselben davon nicht durch die Furcht vor dem Komitee zurückgehalten wurden. In dem Ortskomitee wiederum war es eine kleine Gruppe ziemlich minderwertiger, aber die anderen terrorisierenden Individuen, die, durch persönliches Interesse und Habgier veranlaßt, einen Vernichtungsfeldzug gegen die Armenier predigte. Dies waren übrigens dieselben Leute, die durch ihr beispiellos brutales Vorgehen in den von den Türken vorübergehend eroberten Gebieten, wie Ardanuß, Ardahan, Olti usw. die türkische Sache bei den muselmanischen Bewohnern Rußlands auf lange hinaus, wenn nicht auf immer, schädigten.
Leider ist der Einfluß dieser dunklen Komitee-Hintermänner, die außerdem durchaus deutschfeindlich sind, stärker als man im allgemeinen anzunehmen geneigt ist. Diesen Einfluß erhalten sie sich schon durch ihr Terrorisierungssystem und kann derselbe meines Erachtens nur durch sehr energisches Auftreten gegen sie gebrochen werden. Ein Überhandnehmen des Einflusses und der „Regierungsmethoden“ dieser Leute bedeutet eine Gefahr nicht nur für die Türken, sondern auch für uns, ihre Bundesgenossen. Denn die Art der Behandlung der Armenierfrage hat deutlich gezeigt, welches gefährliche Instrument die Regierungsgewalt in der Hand keine Verantwortung tragender und nur persönliches Interesse kennender Leute ist.
Ich erlaube mir beizufügen:
Bericht über das vom Kriegsfreiwilligen Karl Schlimme auf seinem Ritt nach Trapezunt Gesehene.
von Scheubner-Richter.
An Seine Durchlaucht den Kaiserlichen BotschafterFürst zu Hohenlohe-Langenburg, Konstantinopel.
130.
Erzerum, den 5. August 1915.
Bericht über meine Reise nach Trapezunt.
Am 18. Juni ritt ich von hier im Auftrage von Herrn Vizekonsul von Scheubner nach Trapezunt. Bis Baiburt ritt ich zusammen mit den Mitgliedern der österreichischen Ski-Mission. Die Herren waren vom hiesigen Wali gebeten worden, eine armenische Familie, u. a. die Schwester deshiesigen armenischen Bischofs mitzunehmen, welche einen Passierschein nach Angora erhalten hatten. In Baiburt wurde von uns verlangt, daß wir die Familie herausgeben sollten. Als wir uns weigerten, wurden die Kutscher fortgenommen, so daß wir die Wagen selbst weiter fahren mußten. Dr. Pietschmann bat mich, ihn weiter bis Ersindjan zu begleiten, auch wurden in Baiburt keine Telegramme von uns für das deutsche Konsulat angenommen. Während wir noch verhandelten, bemerkten wir, daß man uns die Armenier gewaltsam entreißen wollte. Wir machten die Gewehre zum Schuß fertig und konnten nur dadurch unbelästigt aus Baiburt hinauskommen. Unterwegs bemerkten wir regelrechte Posten von Komitatschis. Die uns begleitenden Gendarmen weigerten sich, weiter mitzukommen, und machten uns mehrfach den Vorschlag, die Armenier niederzumetzeln. So gelangten wir unter ständiger Erwartung eines Überfalles nach Ersindjan.
Hier wurde uns die armenische Familie durch die Polizei abgenommen und interniert.
Carl Schlimme, Kriegsfreiwilliger.
131.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
6. August 1915.
Aufzeichnung.
Gespräch des Korvettenkapitäns Humann mit Enver Pascha.
Anknüpfend an die Anwesenheit des Dr. Lepsius vom deutsch-armenischen Komitee erwähnt Enver einen ihm bekannt gewordenen Bericht eines amerikanischen Konsuls an den hiesigen Botschafter der Vereinigten Staaten. Der Konsul kommt darin zum Resultat, daß die amerikanische Regierung gut tun würde, ihre Armenierpolitik ein für allemal aufzugeben, da die Türken durch ihr Vorgehen gegen die Armenier jede weitere politische Aktion mit diesen unmöglich gemacht hätten. Man habe die Armenier nicht ausgerottet, was vom politischen Gesichtspunkt aus noch nicht das Schlimmste gewesen wäre, denn bei solchen Massakres bliebe immer noch ein kleiner Stamm übrig, auf den man alle späteren Hoffnungen aufbauen könnte. Man habe sie statt dessen — was vom politischen Gesichtspunkte aus viel schlimmer ist! — über das ganze Land zerstreut, so daß sie wohl oder übel in das türkische Element des Landes aufgehen müssen. Damit sei die Grundlage für eine aussichtsvolle Armenierpolitik ohne weiteres aus der Welt geschafft worden.
Enver erzählt weiter von den vielfachen Warnungen, die er dem armenischen Patriarchen zu Beginn des Krieges hat zukommen lassen und weistgleichzeitig auf das Lob hin, das kürzlich Sassonow in der Duma den „treuen“ Armeniern in der Türkei gespendet hat.
Die Armenier, verleitet und aufgestachelt durch russische Agenten, haben so gründlich gegen die ottomanische Bevölkerung gewütet, daß von den 150000 Türken, die früher das Wilajet Wan aufzuweisen hatte, nur noch 30000 Muhammedaner am Leben sind[80].
Enver ist ferner eine Verschwörung bekannt, nach welcher die etwa 30000 Armenier in der Gegend von Adabazar Ismid eine russische Landung bei Sakaria unterstützen wollten[81].
Er selbst hat im Ministerrat den Standpunkt vertreten, daß man gerade mit Rücksicht auf den Krieg den Versuch machen müsse, mit den Armeniern gut und friedlich auszukommen. Er hat auch dieses dem Patriarchen gesagt, jedoch zugleich mit dem Hinweis, daß er beim geringsten Vorkommnis in den östlichen Armenierzentren mit drakonischen Maßnahmen einschreiten würde. Das Heer, das im Kaukasus gegen einen mächtigen Feind kämpft, müsse unbedingt die Gewißheit haben, daß in seinem Rücken kein Feind steht. Dafür werde er, der militärische Oberbefehlshaber, mit allen Mitteln sorgen.
Enver Pascha ist übrigens bereit, Dr. Lepsius zu empfangen und mit ihm die Armenierfrage zu erörtern[82].
132.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Erzerum, den 10. August 1915.
An das Auswärtige Amt.
Die armenische Frage, welche seit Jahrzehnten die Diplomatie Europas beschäftigt hat, soll nun im gegenwärtigen Krieg gelöst werden. Die türkische Regierung hat den Kriegszustand und die sich ihr durch die Armenieraufstände in Wan, Musch[83], Karahissar[84]und anderen Orten bietende Gelegenheit benutzt, um die Armenier Anatoliens zwangsweise nach Mesopotamien auszusiedeln. Durch Unterdrückung der armenischen Schulen, Verbot der Korrespondenz in armenischer Sprache und ähnliche Maßregeln hofft sie,die politischen und kulturellen Bestrebungen der Armenier endgültig zu unterdrücken. Sie hofft vielleicht weiter dabei, die Armenier wirtschaftlich so zu schädigen, daß es ihnen in Zukunft nicht mehr möglich sein wird, ein selbständiges kulturelles Leben zu führen. Ich will hier davon absehen, daß diese Regierungsmaßnahmen in einer Form ausgeführt wurden, die einer absoluten Ausrottung der Armenier gleichkam. Ich glaube auch nicht, daß es auf andere Weise gelingen könnte, eine Kultur zu vernichten, die älter und viel höher ist, als die der Türken. Auch sonst scheinen mir die Armenier gleich den Juden als Rasse von großer Widerstandskraft. Durch ihre Bildung, ihre kommerziellen Fähigkeiten, ihr Anpassungsvermögen dürfte es ihnen gelingen, auch unter ungünstigsten Verhältnissen wirtschaftlich wieder zu erstarken. Nur eine gewaltsame Ausrottungspolitik, ein gewaltsames Vernichten des ganzen Volkes könnte die türkische Regierung auf diesem Wege zum ersehnten Ziel, zur „Lösung“ der Armenierfrage führen. Ob eine solche Lösung dieser Frage für die Türken zweckmäßig, möchte ich bezweifeln. Zur Begründung führe ich folgendes an:
Die Bewohner Anatoliens setzen sich in der Hauptsache aus Türken, Armeniern und Kurden zusammen. Die Kurden stehen kulturell am tiefsten, die Armenier am höchsten. Die Liebe zu ihrer Heimat, zu der von ihnen seit Jahrhunderten bewohnten armenischen Hochebene, bildet einen Grundzug ihres Charakters, und mit den sympathischsten. Hätten sie diese Liebe nicht, so wäre ihnen als Volk viel Leid erspart geblieben. In den Städten dominieren sie in wirtschaftlicher Hinsicht, fast der gesamte Handel liegt in ihren Händen. Durch ihren rege ausgeprägten Erwerbssinn und ihre Gewinnsucht machen sie oft keinen angenehmen Eindruck. Der türkische Händler gibt ihnen in letzter Hinsicht allerdings wenig nach, ist ihnen aber in Bezug auf kaufmännische Fähigkeiten weit unterlegen. Denn wer von den Türken nur einigermaßen über Bildung verfügt, eventuell eine europäische Sprache spricht, wählt die Beamtenlaufbahn und hat, in der Provinz wenigstens, die Anwartschaft auf den Posten eines Wali. Der überraschend hohe Bildungsgrad der Armenier sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, den sie dem Wirken ihrer Geistlichkeit und ihren vorzüglichen Schulen zu verdanken haben, befähigt sie, sich mit europäischer Kultur und Technik bekannt zu machen und die Einführung derselben in ihrem Wohnsitz zu fördern. Hierbei sei bemerkt, daß der Einfluß französischer Kultur auf die Armenier ein sehr starker ist und ihre Sympathien wohl auch auf französischer Seite sind. Die vielen unter Leitung von französischen Geistlichen stehenden Schulen haben in dieser Hinsicht einen starken Einfluß ausgeübt.
Auch politisch ist in Ostanatolien unter den Armeniern von französischer und englischer, besonders aber von russischer Seite eine starke Propagandatätigkeit ausgeübt worden. England und Rußland hatten ein politisches Interesse daran, daß die der Türkei aus der Armenierfrage erwachsendenSchwierigkeiten nicht aus der Welt geschafft würden. Sie spielten sich als Beschützer der Armenier auf und veranlaßten sie, nicht nur durch die Sachlage gerechtfertigte Forderungen zu stellen, um ihr Los zu erleichtern, sondern auch solche utopistisch politischer Natur. Insbesondere möchte ich dabei auf die unheilvolle Tätigkeit der russischen Konsuln hier und in Wan hinweisen.
von Scheubner-Richter.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
133.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 11. August 1915.
KonsulatTrapezunt.„Erzerum.„Adana.„Aleppo.„Mossul.
KonsulatTrapezunt.
Konsulat
Trapezunt.
„Erzerum.
„
Erzerum.
„Adana.
„
Adana.
„Aleppo.
„
Aleppo.
„Mossul.
„
Mossul.
In den letzten Wochen haben die Armeniergreuel trotz unserer wiederholten Vorstellungen einen Umfang angenommen, der es uns zur Pflicht macht, wo erforderlich, unsere entschiedene Mißbilligung dieser Vorgänge zum Ausdruck zu bringen. Verschiedentlich haben türkische Offiziere, Geistliche und andere Personen im Innern offen ausgesprochen, wir seien die Urheber dieser Greuel; einer solchen uns kompromittierenden Auffassung muß energisch entgegengetreten werden.
Hohenlohe.
134.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 12. August 1915.Ankunft in Pera, den 12. August 1915.
Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
1. Hiesige Armenier schätzen jetzt die Zahl der im Osten umgekommenen Armenier auf wenigstens zwei, wahrscheinlich mehrere hunderttausend Seelen. In den weitaus überwiegenden Fällen sei die Tötung der Männer nicht durch Kurden, sondern durch Gendarmen erfolgt.
Es sind ernste Anzeichen dafür vorhanden, daß die Methode, die Verbannten auf der Wanderung umzubringen, auch in den Bezirken Aleppo und Marasch befolgt werden soll. Djemal Paschas Befehle stehen dem entgegen, das Komitee arbeitet jedoch dafür.
2. Die protestantischen Armenier haben den Kriegsminister und den Minister des Innern erneut telegraphisch um die gleiche Vergünstigung wie die katholischen Armenier gebeten.
Rößler.
Notiz: Werde Talaat Bey bei erster Gelegenheit wegen der protestantischen Armenier interpellieren.
Mordtmann.
135.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 14. August 1915.
Deutsches Konsulat, Damaskus.
Wie das Konsulat in Aleppo meldet, steht die Umsiedelung der Armenier aus dem Wilajet Aleppo und Marasch bevor und man befürchtet Massakre der Auszutreibenden. Bekanntlich hat Djemal Pascha wiederholt Befehle gegen solche Ausschreitungen gegeben, diese Befehle werden aber von anderer unverantwortlicher Seite nicht immer beachtet. Bitte daher Djemal Pascha veranlassen, seine diesbezüglichen Befehle für den vorliegenden Fall zu erneuern.
Hohenlohe.
136.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 12. August 1915.
Die systematische Niedermetzelung der aus ihren Wohnsitzen deportierten armenischen Bevölkerung hatte in den letzten Wochen einen derartigen Umfang angenommen, daß eine erneute eindringliche Vorstellung unsererseits gegen dieses wüste Treiben, das die Regierung nicht nur duldete, sondern offensichtlich förderte, geboten schien, zumal da an verschiedenen Orten auch die Christen anderer Rassen und Konfessionen nicht mehr verschont wurden. Dazu kam, daß in diesen Tagen die Behörden damit begonnen hatten, die armenischen Einwohner von verschiedenen Ortschaften in der Umgegend von Ismid (Nikomedien), also in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt, umzusiedeln, weil sie angeblich eine russische Landung an der Mündung des Sakaria unterstützen wollten. Diese Maßregel rief unter der hiesigen armenischen Bevölkerung eine schwere Beunruhigung hervor, und man wollte wissen, daß nach Ablauf der heute beginnenden Bairamfesttage die hiesigen Armenier ebenfalls ausgetrieben werden würden. Bei der großen Anzahl der hier ansässigen Armenier (nach niedrigster Schätzung 80000 Seelen) hätte die Ausführung eines solchen Vorhabens nicht nur tiefgehende Störungen von Handel und Wandel zur Folge gehabt, sondern auch Leben and Eigentum der nichtmohammedanischen Einwohnerschaft, die Fremden nicht ausgeschlossen, ernstlich gefährdet.
Ich habe daher am 11. d. M. das in Abschrift beigefügte Memorandum auf der Hohen Pforte übergeben. Talaat Bey, der es in Abwesenheit des Großwesirs in Empfang nahm, versprach, soweit möglich Abhilfe zu schaffen und versicherte auf meine Anfrage, daß die Armenier von Konstantinopel nicht verschickt werden sollten.
Der auf der Pforte anwesende Kammerpräsident Halil Bey, der anscheinend das Vorgehen der Regierung gegen die Armenier nicht billigt, behauptete, daß die Massakres und anderen Greuel nicht von der Regierung gebilligt würden, aber die Regierung sei nicht immer in der Lage gewesen, die Ausschreitungen der Volksmassen zu hindern, auch hätten die untergeordneten Behörden bei der Ausführung der Deportationsmaßregel Mißgriffe getan.
Im Anschluß an vorstehendes muß erwähnt werden, daß unter der türkischen Bevölkerung im Innern vielfach die Auffassung besteht, daß die deutsche Regierung mit der Ausrottung der Armenier einverstanden sei und sie sogar geradezu veranlaßt habe. Ich habe daher die Kaiserlichen Konsulate in Anatolien angewiesen, solchen, für uns kompromittierenden Anschauungen, die sogar von Offizieren, Geistlichen und andern Persönlichkeiten der besseren Klassen offen geäußert werden, entschieden entgegenzutreten. Euerer Exzellenz Ermessen darf ich ergebenst anheimstellen, ob es sich nicht empfiehlt, zu geeignetem Zeitpunkt auch in der deutschen Presse darauf hinzuweisen, daß wir den Zwangsmaßregeln der türkischen Regierung gegen die Armenier durchaus fernstehen und daher auch nicht verantwortlich sind für die dabei vorgekommenen Ausschreitungen, die wir nur mißbilligen und bedauern können.
Endlich scheint es zur Unterstützung der hier unternommenen Schritte erwünscht, den neuen ottomanischen Botschafter dort auf die etwaigen Folgen der Armenierpolitik seiner Regierung und unsern Standpunkt in dieser Frage aufmerksam zu machen.
Hohenlohe.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Kaiserliche Deutsche Botschaftin Konstantinopel.
Pera, le 9 août 1915.
Memorandum.
Par son memorandum du 4 Juillet l’Ambassade d’Allemagne a eu l’honneur de faire connaître à la Sublime Porte la manière de voir du Gouvernement Impérial Allemand au sujet de l’expatriation des habitants arméniens des provinces Anatoliennes, et d’attirer son attention sur le fait que cette mesure avait été accompagnée en plusieurs endroits par des actes de violence, tels que massacres et pillages qui ne pouvaient pas être justifiés par le but que le Gouvernement Impérial Ottoman poursuivait.
L’Ambassade d’Allemagne regrette de devoir constater que, d’après les renseignements qu’elle a reçus depuis lors de sources impartiales et dignes de foi les incidents de ce genre, au lieu d’être empêchés par les autorités locales, ont régulièrement suivi l’expulsion des Arméniens de sorte que la plupart d’eux ont péri avant même d’arriver au lieu de leur destination. Ce sont surtout les provinces de Trébizonde, de Diarbékir et d’Erzéroum d’où ces faits sont signalés; en certains endroits, comme à Mardine, tous les Chrétiens sans distinction de race ou de confession ont subi le même sort.
En même temps le Gouvernement Impérial Ottoman a cru devoir étendre la mesure d’expatriation aux autres provinces de l’Asie Mineure et tout dernièrement les villages arméniens des districts d’Ismid à proximité de la capitale ont été évacués de leurs habitants dans des conditions pareilles.
En présence de ces événements l’Ambassade d’Allemagne par ordre de son Gouvernement, est obligée de remontrer encore une fois contre ces actes d’horreur et de décliner toute responsabilité des conséquences qui en pourraient résulter. Elle se voit forcée à attirer l’attention du Gouvernement Ottoman sur ce point d’autant plus que l’opinion publique est déjà portée à croire que l’Allemagne en sa qualité de puissance amie et alliée de la Turquie aurait approuvé ou même inspiré ces actions de violence.
137.
KaiserlichDeutsches Konsulat.
Aleppo, den 13. August 1915.
Der Diakon Künzler aus Urfa hatte seinen mit Bericht vom 11 d. M. eingereichten Brief mit den Worten geschlossen: „Über die Furchtbarkeit der Frauen- und Kindertransporte wird Ihnen ein Augenzeuge mündlich berichten.“ Dieser Zeuge, ein Österreicher, der mir seit zwei Jahren genau bekannt ist und für dessen Wahrheit in der Darstellung ich persönlich einstehe, hat zur Erholung einige Wochen in einem Weinberge bei Urfa mit seiner Frau zugebracht, ist aber vorzeitig zurückgekehrt, weil er die Greuel nicht länger mit ansehen mochte. Auf meinen Wunsch hat er einige seiner Beobachtungen in der in anliegender Abschrift gehorsamst eingereichten Aufzeichnung niedergelegt. Übrigens ist er auf dem Wege von Urfa nach Arab Punar einem sehr ernsten Raubanfall ausgesetzt gewesen, den er hat zurückschlagen können, weil die Räuber nicht darauf vorbereitet waren, daß er Feuerwaffen bei sich hatte und weil ihm einige von den Angreifern nicht bemerkte Kutscher zu Hilfe eilten. Offenbar haben die Räuber einem Zuge Armenier aufgelauert. Die Frau des Österreichers liegt an den Folgen des Schrecks noch jetzt krank.
Der Vertreter der deutschen Orient-Handels- und Industriegesellschaft, Teppichmanufaktur Urfa, Herr Franz Eckart, hat den in anliegender Abschrift gehorsamst beigefügten Brief vom 5. August an mich gerichtet. Dieser Brief, sowie die allgemeine Lage in Urfa hat mich veranlaßt, ein Schreiben an den Mutessarrif in Urfa zu richten, in dem ich ihm den Schutz der dortigen Deutschen für ihre Person, für ihr Personal und für die Ausübung ihrer Tätigkeit besonders empfohlen habe.
Über einen weiteren aus Adiaman abgegangenen Trupp sind mir, wie in früheren ähnlichen Fällen, genaue Mitteilungen gemacht worden. Von 696, die Adiaman verließen, sind 321 in Aleppo angekommen; 206 Männer und 57 Frauen sind getötet worden, 70 Frauen und Mädchen und 19 Knaben sind entführt worden. Über den Rest fehlen die Angaben.
Ein aus Siwas am 12. d. M. hier angekommener Trupp war 3 Monate lang unterwegs und völlig erschöpft. Gleich nach der Ankunft sind einige gestorben. Vielfach hatte man ihm unterwegs das Wasser verweigert. Am Muradsu sind sie 14 Tage lang an einer Stelle im Kreise herumgeführt worden, in der Weise, daß sie tagsüber kein Wasser hatten. Die Zahl der Verluste bei diesem Trupp ist mir nicht bekannt geworden.
Wie mir der hiesige Wali, Beschir Sami Bey, heute mitteilt, ist die den katholischen Armeniern gewährte Vergünstigung wieder aufgehoben worden. Alle ohne Ausnahme werden verschickt. Auf der anderen Seite hat er erklärt, daß er Ungesetzlichkeiten oder Einflüsse unverantwortlicher Stellen in seinem Wilajet nicht dulden und gegen etwaige Missetäter auf das schärfste vorgehen werde. Leider verhindert dieser gute Wille nicht solches Unglück, das aus mangelnder Organisation und Vorbereitung erwächst. Es ist kein Zweifel, daß auch im Wilajet Aleppo, z. B. auf dem Weg von Bab nach Membidj, zahlreiche Frauen und Kinder an Erschöpfung zugrunde gegangen sind.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
Anlage I.
Aufzeichnungen eines Österreichers.
Dem Deutschen Konsulat Aleppo am 11. August 1915 übergeben.
Beobachtungen bei den Armeniertransporten in der Gegend von Urfa.
Die Transporte bestanden nur aus Frauen, Greisen und Kindern. Rüstige, kräftige Männer fehlten. Diejenigen Trupps, die bereits eine Woche oder noch länger auf dem Marsche waren, machten einen erbärmlichen Eindruck. Viele von den Strapazen Übermüdete und Erkrankte hinkten mit und zogen Kinder mit sich (viele Säuglinge und schwangere Frauen). Bei Kindern, alten oder sonst schwachen Personen sah man meist wunde, dickgeschwollene in Fetzen gewickelte Füße. Die meisten Transporte hatten ihre Habseligkeiten vor Urfa verkauft, um Transportesel in den Dörfern zu mieten (3 Medjidie pro Tag, d. i. der dreifache des gewöhnlichen Preises). Andere Haufen brachten noch einige Reisegegenstände und Hausgeräte mit nach Urfa, deren sie hier auf schreckliche Weise beraubt wurden, fast ohne Geld. In der Tscharschi verkauften selbst Soldaten Sachen dieser Transportierten. Die meisten Angekommenen wurden im Waisenhause untergebracht, wo sie für Nahrung selbst zu sorgen hatten. Militärposten hielten ringsum Wache. Ich bemerkte, wie ein gieriger Händler mit gekauften Kleidern über die Gartenmauer sprang und dem Posten das Bestechungsgeld offen in die Hand zählte.
Durch Trinkgeld, Kauf oder Freundschaft konnte man von den wandernden Massen Frauen, Mädchen und Kinder an sich nehmen. Später verbot die Behörde diesen Handel; dennoch kommen die Aneignungen vor. Ich sah selbst zwei Frauen von 16 und 30 Jahren, die von der Straße weg von Türken zu sich genommen wurden und die mir dann — als ich zu den Türken noch am selben Tage als Gast kam, erzählten, sie seien aus Adiaman und bereits 10 Tage auf dem Wege. Die Gendarmen waren gut mit ihnen gewesen, schlugen eine räuberische Kurdenbande, die auf Weiberraub lauerten, zurück — in den Dörfern bekamen sie immer wieder Brot und Käse. Tagesmärsche dauerten 6–7 Stunden, Rast hatten sie oft. Auf dem Wege von Adiaman trafen sie nackte ermordete Frauen, auch verstümmelte mit abgeschnittenen Brüsten, zwei noch Lebende erzählten, sie seien vom Zuge zurückgeblieben, teils aus Krankheit, teils aus Fluchtabsicht, wobei sie dann von den Kurden geschändet und beraubt wurden.
Auf dem Transporte gehen viele Personen zugrunde. In Urfa stürzte vor mir eine Frau nieder. Da der Polizist nicht zurückbleiben durfte, forderte er einige Umstehende auf, zur Polizei zu gehen, um dies zu melden, damit man die Kranke wegtrage. Am andern Tag fand ich dieselbe Frau (30 Jahre alt) in einer anderen Straße vor dem Waisenhause in dem größten Sonnenlicht auf der Straße tot liegen. Ich trat hinzu, und sie zeigte bereits blauesGesicht. Soldaten standen nebenan auf Posten, Polizei und Zivil belebten den Platz. Die Frau lag meiner Schätzung nach schon mehrere Stunden tot da. Erst meine Intervention beim Mutessarrif veranlaßte innerhalb einer halben Stunde die Abfuhr des Leichnams, jedoch mit einem Mistwagen.
Außerhalb Urfas (gegen Tell Abiad zu), knapp vor den Urfagärten, lag am Straßenrande der Leichnam eines 20–24 jährigen Mannes. Niemand beerdigte ihn, sondern Raubvögel fraßen daran.
Auf der Straße Urfa-Arab Punar sah ich wohl im Dunkeln keine Leichen, doch mein Kutscher, der diesen Weg beständig fährt, zeigte mir längs der Straße hin und wieder Brandstellen — die menschlichen Kadaver werden nämlich an Ort und Stelle verbrannt.
Manche Züge humpeln schreiend vor Schmerz dahin. Sobald sie eines Menschen ansichtig werden, fallen viele dieser Unglücklichen auf die Knie und erbitten Hilfe und Rettung oder legen ihre Kinder zur Annahme vor. Auf diesen Märschen bei 56 Grad Celsius und bei Wassermangel erliegen viele vor Erschöpfung. Wer zurückblieb, ist dem Tode sicher.
Anlage II.
Deutsche Orient-Handels- undIndustriegesellschaft m. b. H.Teppichmanufaktur Urfa.
Urfa, den 5. August 1915.
Vor einigen Tagen haben zwei junge Türken eine junge Frau aus den auf der nahen Diarbekrstraße vorüberziehenden armenischen Emigranten nach dem untern Teil meines Grundstückes in eine Versenkung geschleppt und sie entkleidet, um sie zu vergewaltigen. Auf das Schreien der Frau sind meine Kinder hinzugeeilt und haben drei in der Nähe befindliche Arbeiter von mir zu Hilfe gerufen. Diese befreiten die Frau, welche in mein Haus flüchtete. Nach kurzer Zeit kamen die zwei Türken mit vier andern Begleitern vor mein Haus und forderten in meiner Abwesenheit von meiner Frau die Herausgabe der Frau. Auf wiederholte Antwort meiner Frau: „Hier wohnen Deutsche“ zogen sie drohend ab.
Trotz meiner Vorstellungen bei dem Gouverneur bin weder ich noch meine Familie, noch meine Arbeiter vor weiteren Belästigungen jener Türken sicher. Sie haben erst heute morgen wieder die drei Arbeiter von ihrer Arbeit in meinem Garten vertrieben. Ich bin daher gezwungen, den Schutz meiner eigenen Regierung anzurufen.
Fr. Eckart.
An dasKaiserlich Deutsche Konsulat, Aleppo.
138.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 13. August 1915.
Das Kriegsgericht in Konstantinopel erläßt in den hiesigen Blättern die öffentliche Ladung des bekannten armenischen Politikers und ägyptischen Staatsmannes Boghos Nubar Pascha, der verschiedener landesverräterischer Handlungen beschuldigt wird.
Das vom Kriegsgericht eröffnete Verfahren ist nicht ernsthaft zu nehmen.
Richtig dürfte sein, daß Nubar Pascha sich an den Verhandlungen des Katholikos von Etschmiadsin mit den Dreiverbandmächten über die Schaffung eines autonomen oder unabhängigen armenischen Staates aus den ostanatolischen Provinzen beteiligt hat, bzw. noch beteiligt. Dagegen wird — mit Recht — bezweifelt, daß er in einer direkten Verbindung mit den in der Ladung genannten Blättern steht, welche Organe der Hintschakistenpartei sind, da er sich bisher von dem bekannten armenischen Vereine ferngehalten hat.
In der weiteren Anschuldigung, die sich auf Boghos Nubar Pascha’s Tätigkeit in der armenischen Reformfrage[85]während der Jahre 1913 und 1914 bezieht, wird hier von manchen Seiten ein versteckter Vorwurf gegen unsere damalige Politik erblickt, die das Zustandekommen des Reformprojektes unterstützt habe.
Hohenlohe.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
139.
(KaiserlichesKonsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 14. August 1915.Ankunft in Pera, den 15. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Ich habe in verschiedenen deutschen Zeitungen türkische amtliche Dementis der Christengreuel gelesen und bin über die Naivität der Pforte erstaunt, welche die Tatsachen der Verbrechen türkischer Beamten durch krasse Lügen aus der Welt schaffen zu können glaubt.
Holstein.
140.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 15. August 1915.Ankunft in Pera, den 16. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Immer weiter eintreffenden Informationen zufolge sind die Armenier im Osten schon heute so gut wie völlig vernichtet.
Regierung will die Armenier des Westens entweder auch vernichten, oder sie weiß nicht, was sie tut. Es herrscht völlige Desorganisation, so daß die mit der Ausführung beauftragten Beamten nicht wissen, was die Regierung will. Die Armenier aus Cilicien, die sich in Aleppo befinden, erhalten, wenn auch unregelmäßig, etwas Lebensunterhalt von der Regierung. Die aus dem Osten, von denen etwa 6000 hier sind, während täglich etwa 300 ankommen, erhalten nichts. Die von der armenischen Gemeinde Aleppo aufgebrachten Mittel sind bald erschöpft. Früher konnte jeder Flüchtling 4 kleine Brote täglich, jetzt nur 2 erhalten und keine andere Nahrung. Für Tausende und aber Tausende an anderen Orten als Aleppo sorgt niemand.
Rößler.
141.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 16. August 1915.Ankunft in Pera, den 16. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Der Abtransport der Armenier von Marasch hat begonnen. Es liegen keine Nachrichten von der dortigen deutschen Mission vor. Ich stelle gehorsamst anheim, eine Ausnahme für das Personal des Hospitals und für den Lehrkörper, die Schüler und Schülerinnen der Schulen des Hilfsbundes zu erwirken, da es sich um deutsche Anstalten handelt.
Rößler.
142.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 17. August 1915.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Vom Minister des Innern wurde mir der Schutz der deutschen Anstalten, des Hospitals nebst Apotheke und der Schulen in Marasch, auch das Verbleiben des Hilfspersonals und der Schulkinder zugesagt. Gleichzeitig wurde versprochen, daß die Ortsbehörden entsprechende telegraphische Anweisung erhalten werden.
Hohenlohe.
143.
(Bericht von Deutschenin Konia.)
Konia, den 16. August 1915.
Die unterzeichneten, zurzeit in Konia ansässigen deutschen Staatsangehörigen gestatten sich, der Kaiserlich Deutschen Botschaft folgenden Bericht zu unterbreiten:
Seit einer Woche sind wir Zeugen der ergreifendsten Szenen, über die sich ein Fernstehender kaum ein Bild machen kann. Täglich kommen lange Züge mit Armeniern an, die nach ihren Aussagen aus Ismid, Adabazar und Umgebung ausgewiesen worden sind.
Von Durchreisenden haben wir erfahren, daß diese Ausweisungsmaßregeln schon seit Monaten in Cilicien und Nordmesopotamien zur Anwendung kommen, und wie wir hören, soll auch in anderen Orten Anatoliens mit den Armeniern aufgeräumt werden. Heute erhielten auch die hiesigen Armenier den Befehl, die Stadt innerhalb acht Tagen zu verlassen.
Was wir mit unserem Bericht bezwecken, ist, gegen die jeder Menschlichkeit zuwiderlaufende Art der Behandlung dieser Vertriebenen Einspruch zu erheben.
Weiber und Kinder werden mit Faust- und Stockschlägen angetrieben. Auf offenen Karren und Tatarwagen werden sie in die Nacht gejagt, und die Unbemittelten müssen zu Fuß mit dem Rest ihrer Habe die beschwerliche lange Reise fortsetzen.
Die des Nötigsten entbehren, müssen ihre geringen Habseligkeiten verschleudern, ja, sie werden ihnen oftmals mit Gewalt entrissen und gestohlen.
Wie groß die Verzweiflung ist, geht daraus hervor, daß Mütter ihre Kinder verschenken, um sie vor dem elendesten Los zu bewahren.
Kinder, die von mitleidigen christlichen Familien angenommen wurden, sind diesen später von den Behörden abgefordert und Türken gegeben worden.
Hilfeleistungen von unserer Seite wurden nicht gern gesehen. Dies erinnert uns an einen Vorfall im April d. J., wo die Unterstützung der hiesigen amerikanischen Mission an die ca. 3000 von Zeitun ausgewiesenen Armenier verboten wurde; dagegen wurde von keiner Seite Einspruch erhoben, als bei den Balkanwirren von der gleichen Mission für mehr als 500 Ltq. Betten und Wäsche von Eskischehir bis Eregli unter den muhammedanischen Auswanderern verteilt wurden.
Der ganze Weg von hier bis hinter Aleppo gleicht einer Karawane des Jammers und des Elends. In Ortschaften wie Karaman, Eregli und Bozanti, wo die Bewohner selbst an Brotmangel leiden, ist das Los der Vertriebenen unausdenkbar; sie sind einem langsamen qualvollen Hungertode preisgegeben. Zur Kenntnisnahme erwähnen wir, daß in Bozanti trotz einem Brotpreise von Piaster 8 per Oka solches nicht zu bekommen ist.
In den Gebirgsgegenden diesseits und in der Ebene jenseits des Taurus sind diese Ärmsten den schändlichen Gelüsten der halbwilden muhammedanischen Bevölkerung ausgesetzt.
Die ganze Maßregel läuft also allem Anschein nach auf eine völlige Ausrottung der Armenier hinaus.
Diese unmenschliche Behandlung bildet nicht nur für die Türken einen unauslöschlichen Schandfleck in der Weltgeschichte, sondern auch für uns Deutsche, falls wir der Sache untätig zusehen und die Vernichtung dieses Volkes zulassen. Abgesehen davon ist dieses Vorgehen höchst beklagenswert im Interesse der wirtschaftlichen Lage des Landes und auch deutsche Unternehmungen werden dabei in Mitleidenschaft gezogen, wenn dieses arbeitsame Volk zugrunde geht.
Wenn sich Unterzeichnete erlauben, der Kaiserlichen Botschaft einen Bericht über diese Zustände zu übersenden, so tun sie dies in der Annahme, daß diese der Kaiserlich Deutschen Botschaft nicht in vollem Umfange bekannt sind.
Wir Deutsche, die wir hier jetzt täglich gezwungen sind, einem unmenschlichen Treiben zusehen zu müssen, fühlen uns als Mitglieder eines Kulturstaates inmitten eines halb zivilisierten Volkes verpflichtet, dagegen zu protestieren.
In Erwartung, daß unsere Bitte dahin berücksichtigt wird, daß wenigstens das Los der tausende und abertausende unschuldiger Frauen und Kinder gemildert wird, zeichnen wir
Hochachtungsvoll
Willy Seeger, Leiter der Anatolischen Industrie- und Handelsgesellschaft, Filiale Konia. Georg Biegel, Mittelschullehrer. Heinrich Janson, Werkmeister. J. E. Maurer, Diplom-Ingenieur.
An die Kaiserlich Deutsche BotschaftKonstantinopel.
144.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 18. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Bitte zu geeigneter Zeit und in entsprechender Form Bericht aus Aleppo vom 27. Juli bei Pforte verwerten und Überzeugung aussprechen, das Vorgehen gegen die Armenier widerspreche ihren Absichten und Instruktionen.
Unsere Freunde im türkischen Kabinett werden begreifen, daß wir schon wegen des gegen uns erhobenen Vorwurfs der Anstiftung an energischer Unterdrückung der Ausschreitungen lebhaft interessiert sind.
Zimmermann.
145.
Eingabe eines Armeniers.
Deutsche Botschaft.(Von Msgnre Dolci übergeben.)
Pera, 19.8.1915.
Aus der Deportation der Armenier.
Die Katholiken von Nicomedia (Ismid) sind mit anderen Armeniern deportiert worden. Zwei Priester und ein Teil der katholischen Armenier sind durch einen glücklichen Zufall in Eskischehir geblieben. Nach fünf Tagen werden sie davon fortgejagt. Wir bitten Sie, es zu erlangen, daß diese zwei Priester und ihr Volk entweder nach ihren Städten oder Dörfern zurückkehren, oder in Eskischehir bleiben, aber so frei wie die dortigen katholischen Armenier.
Gegen alle Versprechungen hat man am 16. d. M. die katholischen und protestantischen Armenier von Baktschedjik abtransportiert. Durch einen Zufall sind fünf Nonnen und drei Priester in Nicomedia geblieben und ihr Volk durch Eisenbahn deportiert. Wir bitten Sie, diese Priester und Schwestern entweder nach Baktschedjik zurückzuschicken oder nach Konstantinopel kommen zu lassen. Ebenfalls das katholische und protestantische Volk nach seinem Dorfe zurückschicken oder in Eskischehir aufhalten.
Den Eisenbahnbeamten Order geben, daß sie diese Unglücklichen menschlicher behandeln.
Man gestatte uns, den Armen Almosen zu geben.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Verfügung.
Herrn Generalkonsul Mordtmann mit der Bitte, die Sache möglichst heute noch bei Talaat befürwortend zur Sprache zu bringen.
21. August 1915.
Neurath.
146.
Aufzeichnung.
21. August 1915.
Ich habe heute auf dem Ministerium des Innern bei Aziz Bey (Minister und Djambulad Bey waren nicht da) wegen Rücksendung der bereits abtransportierten katholischen Armenier Schritte getan.
Aziz Bey wird die Sache dem Minister vortragen, und bemerkte dabei, daß nach neuester Verfügung die katholischen Armenier von Angora und Adana von der Vergünstigung wieder ausgenommen seien.
Ich hatte speziell gebeten, wegen der bereits nach Eskischehir und Konia abgeführten und dort in den Konzentrationslagern internierten katholischen und protestantischen Armenier dem Mutessarriflik Eskischehir und Wilajet Konia telegraphische Weisungen wegen Sistierung des Weitertransports bzw. Rücksendung der Internierten zugehen zu lassen.
Mordtmann.
Notiz:
Pera, 23. August 1915.
Der katholische armenische Patriarch teilt mit, der Befehl, die katholischen Armenier von der Ausweisung auszunehmen, sei rückgängig gemacht und bittet um Verwendung.
147.
Aufzeichnung.
23. 8. 15.
Heute Talaat Bey vorgetragen, der sich ausweichend ausdrückte. Gleichzeitig regte ich an, die bereits nach Eskischehir und Konia abgeschobenen Armenier protestantischen und katholischen Glaubens nicht weiter zu transportieren und ihnen eventuell die Rückkehr in ihre Heimat zu gestatten, und erhielt gleiche unbestimmte Auskunft.
Aziz Bey, den ich hierauf aufsuchte, um ihm die Sache wegen Eskischehir dringend zu machen, bezweifelte sehr, daß der Minister die gewünschten Ordres geben würde.
Mordtmann.
148.
Telegramm.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Pera, den 24. August 1915.
An Deutsches Konsulat, Adana.
Kürzlich hatte die Pforte das Verbleiben der katholischen und protestantischen Armenier in ihren Wohnsitzen zugesagt, nachträglich aber diese Vergünstigung für Angora und Adana zurückgezogen. Daraufhin sind von hier aus Schritte getan worden, um den letzten Beschluß der Pforte rückgängig zu machen. Ob diese Schritte Erfolg haben werden, erscheint zweifelhaft. Bitte eventuell Drahtbericht über die dortige Lage.
Hohenlohe.
149.
(Oberstleutnant Stange.)
Erzerum, den 23. August 1915.
Bericht über die Armeniervertreibungen.
Die Armenieraustreibungen begannen etwa Mitte Mai 1915. Bis dahin war alles ziemlich ruhig geblieben; die Armenier konnten ihrem Handel und Gewerbe nachgehen, übten ungestört ihre Religion aus und waren im allgemeinen mit ihrer Lage zufrieden. Allerdings wurde am 10. Februar d. J. der 2. Direktor der hiesigen Ottomanbank, ein Armenier, gegen 6 Uhr abends auf offener Straße erschossen. Trotz angeblicher Bemühungen der Regierung ist der Täter nie ermittelt worden; heute ist kein Zweifel mehr darüber, daß der Anlaß zu diesem Morde ein rein politischer war. Um die damalige Zeit wurde auch der armenische Bischof von Ersindjan ermordet.
Gegen den 20. Mai war vom Oberkommandierenden Kamil Pascha die Räumung der armenischen Dörfer nördlich Erzerum befohlen worden, was von den türkischen Organen in rohester Weise ausgeführt wurde; hierüber liegt die Abschrift eines Briefes der armenischen Dorfbewohner an ihren Bischof vor: Die Leute wurden in kürzester Zeit von Haus, Hof und Feld verjagt und zusammengetrieben, einem großen Teil ließen die Gendarmen nicht die Zeit, das Nötigste zusammenzupacken und mitzunehmen. Zurückgelassenes und mitgenommenes Gut wurde von den begleitenden Gendarmen und Soldaten den Eigentümern abgenommen oder aus den Häusern gestohlen. Bei dem damaligen schlechten Wetter mußten die Vertriebenen unter freiem Himmel nächtigen; sie erhielten von den Gendarmen meist nur gegen besondere Bezahlung die Erlaubnis, die Ortschaften zur Besorgung von Lebensmitteln oder zur Entnahme von Wasser betreten zu dürfen.Vergewaltigungen sind vorgekommen und tatsächlich haben verzweifelte Mütter ihre Säuglinge in den Euphrat geworfen, weil sie keine Möglichkeit mehr sahen, sie zu ernähren. Der deutsche Konsul ließ mehrmals durch seine deutschen Konsulatsangestellten Brot verteilen, und letztere sind in der Lage, über das Elend der Verjagten zu berichten.
Es steht einwandfrei fest, daß diese Armenier fast ohne Ausnahme in der Gegend von Mamachatun (Terdjan) von sogenannten Tschettäs (Freiwilligen), Aschirets und ähnlichem Gesindel ermordet worden sind, und zwar unter Duldung der militärischen Begleitung, sogar mit deren Mithilfe. Der Wali gab diese Tatsachen — natürlich nur in beschränktem Umfange — dem deutschen Konsul zu, und letzterer hat über die Begebenheiten einen dem Gemetzel verwundet entkommenen alten Armenier eingehend vernommen. Eine größere Anzahl von Leichen wurde vom Konsulatsdiener Kriegsfreiwilligen Schlimme dort gesehen.
Anfangs Juni wurde mit der Ausweisung der Armenier aus der Stadt Erzerum begonnen. Die Art und Weise, wie sie von den Regierungs- und Polizeibehörden und deren Organen durchgeführt wurde, läßt jegliche Organisation und Ordnung vermissen. Im Gegenteil ist sie ein Musterbeispiel für rücksichtslose, unmenschliche und gesetzwidrige Willkür, für tierische Roheit sämtlicher beteiligter Türken gegenüber der ihnen tief verhaßten und als vogelfrei angesehenen Bevölkerungsklasse. Hierüber liegt eine große Zahl von sicheren Beispielen vor. Die Regierung tat nicht das geringste, den Ausgewiesenen irgendwie behilflich zu sein, und da die Polizisten die Gesinnung ihrer Vorgesetzten kannten, so taten sie auch ihrerseits alles, was die Quälereien der Armenier vermehren konnte. Ausweisungen wurden verfügt und wieder aufgehoben, dann die ausgestellten Aufenthaltserlaubnisscheine von der Polizei nach wenigen Tagen wieder abverlangt und vernichtet und neue Ausweisungsbefehle erteilt; in vielen Fällen wurden letztere vom Abend zum Morgen gegeben. Einsprüche und Beschwerden wurden nicht beachtet und nicht selten mit Mißhandlungen beantwortet.
Die Regierung gab den Ausgewiesenen keinen Bestimmungsort an. Sie ließ zu, daß die Preise der Beförderungsmittel eine fast unerschwingliche Höhe erreichten, sie gab meist eine unzureichende Zahl Begleitmannschaften mit, die schlecht ausgebildet waren und ihre Pflicht, die Vertriebenen zu schützen, keinesfalls ernst nahmen, wie sich später oft herausstellte. Und doch war es allgemein bekannt, daß die Unsicherheit auf den Landstraßen einen hohen Grad erreicht hatte, was die Behörde aber nicht abhielt, die Armenier hinauszujagen. Sie sollten eben umkommen. In Trapezunt war es den Armeniern nach erhaltenem Ausweisungsbefehl sogar verboten worden, irgend etwas von ihrem Eigentum zu veräußern oder mitzunehmen. Der Diener des hiesigen Konsulats, deutscher Kriegsfreiwilliger Schlimme (Schlimme hatte eine Dienstreise im Auftrag des Konsulats über BaiburtErsindjan nach Trapezunt unternommen) hat selbst in Trapezunt gesehen, wie Polizeimannschaften den an der Polizeiwache vorüberziehenden ihre ärmlichen Bündel abnahmen.
Vorstehendes möge genügen, um einen, wenn auch nur schwachen Begriff von der rohen Behandlung zu geben, der die Armenier ausgesetzt waren. Zahlreiche weitere Einzelheiten stehen zur Verfügung.
Soweit es bei dem Bestreben der Regierung, die Ereignisse zu verheimlichen oder abzuschwächen, übersehen werden kann, ist die Lage folgendermaßen:
Von dem ersten Trupp, der am 16. Juni auf dem direkten Weg nach Kharput abging, und der vorwiegend aus armenischen Notabeln bestand, die ziemlich viel Gepäck mitführten, sind alle Männer mit wenigen Ausnahmen umgebracht, was vom Wali für eine Anzahl von 13 Armeniern zugegeben wurde. Die Frauen scheinen mit den kleinsten Kindern in Kharput angekommen zu sein, von den erwachsenen Mädchen ist nichts sicheres bekannt. Die übrigen Trupps wurden über Baiburt und Ersindjan und weiter in Richtung Kemach (Euphrattal) geleitet. Sie „sollen“ im allgemeinen glücklich durch das Euphrattal durchgekommen sein, haben aber noch eine gefährliche Gegend auf dem Marsch nach Kharput und in die Gegend von Urfa zu durchqueren.
Von den Armeniern von Trapezunt wurden die Männer abseits ins Gebirge geführt und unter Mithilfe von Militär abgeschlachtet, während die Frauen in bejammernswertem Zustande nach Ersindjan getrieben wurden. Was weiter mit ihnen geschah ist zurzeit nicht bekannt. In Trapezunt wurden Armenier aufs Meer hinausgefahren und dann über Bord geworfen. Der Bischof von Trapezunt wurde vor das Kriegsgericht in Erzerum geladen und auf der Reise dahin samt seinen Kawassen erdrosselt. Ein armenischer Militärarzt wurde zwischen Trapezunt und Baiburt ermordet.
Die Armenier von Ersindjan wurden allesamt ins Kemach-(Euphrat-)Tal getrieben, und dort abgeschlachtet. Es wird ziemlich glaubwürdig berichtet, daß die Leichname auf schon vorher bereit gehaltenen Wagen nach dem Euphrat geschafft und in den Fluß geworfen wurden. Der Bischof von Ersindjan hat seine Glaubensgenossen begleitet und wird ihr Los geteilt haben.
In Erzerum befinden sich nur noch ganz wenige Armenier, nachdem die ursprünglich getroffene Anordnung, Frauen und Kinder ohne männlichen Schutz dürften in der Stadt bleiben, wieder aufgehoben und deren Vertreibung streng und rücksichtslos durchgeführt war. Selbst diejenigen, deren man für Heeres- und Verwaltungsbetrieb unbedingt bedurfte, Handwerker, Beschlagschmiede, Kraftwagenführer, Lazarettpersonal, Bank- und Regierungsbeamte, Militärärzte wurden planlos verschickt.
Die Entfernung der Armenier aus dem Kriegsgebiet von Erzerum wargesetzlich zulässig und wird mit militärischer Notwendigkeit begründet. In der Tat hatten sich die Armenier in verschiedenen Gegenden als unzuverlässig erwiesen. Es kam zu Aufständen z. B. am Wansee, in Bitlis und Musch.[86]Gelegentlich wurden Telegraphendrähte durchgeschnitten und nicht wenig Fälle von Spionage kamen vor. Andererseits hatte sich bisher die armenische Bevölkerung in Erzerum vollkommen ruhig verhalten. Ob sie bei etwaiger Annäherung der Russen an Erzerum weiter ruhig geblieben wären, ist zurzeit nicht mit Sicherheit festzustellen. Alle wehrfähigen Armenier waren bis auf einen verhältnismäßig geringen Bruchteil eingezogen. Ein besonderer Anlaß, eine Erhebung zu befürchten, lag demnach nicht vor. Trotzdem scheint die Regierung eine solche Furcht vor den Armeniern gehabt zu haben, die in keinem Verhältnis zu dem machtlosen Zustande stand, in dem sich zurzeit hier die Armenier befanden. Wenn nun auch immer die Entscheidung über Entsendung dieses nicht ganz zuverlässigen Elementes allein Sache des Oberkommandos ist, so dürfte doch erwartet und verlangt werden, daß diese Maßnahme ohne Schaden für Leben und Eigentum der Ausgewiesenen, denen persönlich nicht die geringste Schuld nachzuweisen war, durchgeführt wurde. Hierdurch wird die Berechtigung und Verpflichtung, einzelnen Schuldigen den Prozeß zu machen, nicht berührt. Daß aber Hunderte und Tausende regelrecht ermordet wurden, daß die Behörden über jedes zurückgelassene Eigentum (Häuser, Läden, Waren, Hausrat) willkürlich verfügten — in der armenischen Kirche lagen Vorräte im Werte von etwa 150000 Ltq[87]— daß überhaupt die Entfernung in der unmenschlichsten Weise vor sich ging und Familien und Frauen ohne männlichen Schutz vertrieben wurden, daß endlich die zum muhammedanischen Glauben übergetretenen Armenier nicht mehr als verdächtig betrachtet und also in Ruhe gelassen wurden, gibt zu der Vermutung berechtigten Anlaß, daß militärische Gründe erst in zweiter Linie für die Vertreibung der Armenier in Betracht kamen, und daß es hauptsächlich darauf ankam, diese günstige Gelegenheit, wo von außen her Einspruch nicht zu erwarten war, zu benutzen, einen lang gehegten Plan, die gründliche Schwächung, wenn nicht Vernichtung der armenischen Bevölkerung zur Ausführung zu bringen. Hierzu boten militärische Gründe und die aufrührerischen Bestrebungen in verschiedenen Landesteilen willkommenen Vorwand.
Dabei scheinen die Behörden den Grundsatz als berechtigt anzuerkennen, an Unschuldigen Vergeltung zu üben für die Vergehen Schuldiger, deren man aber nicht habhaft werden kann.
Bei der Durchführung der Ausweisungsmaßnahmen berief sich der Wali einmal auf die Befehle des Oberkommandierenden, ein anderesmal auf Befehlevon Konstantinopel. Umgekehrt drängte der Oberkommandierende dauernd auf rücksichtslose Beschleunigung der Austreibung und gab nicht selten Befehle, für deren Ausführung er dem Wali die Verantwortung zuschob, ohne ihm die Mittel zur Ausführung geben zu können oder zu wollen. Der Oberkommandierende mußte von der Ermordung der ersten Armenier Kenntnis haben, auch von dem Verhalten der begleitenden Gendarmen; er kannte die Unsicherheit der Straßen, tat nichts zur Beseitigung dieses Übelstandes und befahl trotzdem die Vertreibung der Armenier auf eben diese Straßen. Dieses Verhalten entspricht allerdings seiner Äußerung zum Konsul, „daß es nach dem Kriege eine Armenierfrage nicht mehr geben werde“.