Chapter 27

September.159.(Auswärtiges Amt.)Telegramm.Berlin, den 1. September 1915.An Deutsche Botschaft, Pera.In Mamaret ul Aziz, Marasch und Harunije sind nach Mitteilung des deutschen Hilfsbundes seine Anstalten infolge der Armenierverfolgung gefährdet. Bitte dafür einzutreten, daß die Waisenkinder aus deutschen Anstalten nicht entfernt werden.Zimmermann.160.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 4. September 1915.Talaat Bey übergab mir am 2. d. M. die in Abschrift beigefügte deutsche Übersetzung von verschiedenen telegraphischen Befehlen, die er in Sachen der Armenierverfolgungen an die in Betracht kommenden Provinzialbehörden gerichtet hat. Er wollte hiermit den Beweis liefern, daß die Zentralregierung ernstlich bemüht ist, den im Innern vorgekommenen Ausschreitungen gegen die Armenier ein Ende zu machen und für die Verpflegung der Ausgewiesenen auf dem Transporte Sorge zu tragen. Mit Bezug hierauf hatte Talaat Bey einige Tage vorher mir gegenüber die Äußerung getan: La question arménienne n’existe plus.Die erste und die dritte Depesche tragen kein Datum; erstere dürfte am 31. August abgegangen sein.[89]Indem ich mir weitere Berichterstattung vorbehalte, darf ich bemerken, daß nach einem Telegramm des Kaiserlichen Konsulats in Trapezunt dort noch in den letzten Tagen des August eine Anzahl bisher verschonter Armenier (darunter Beamte der Ottomanbank, der Regie und Frauen) nachts abgeschoben wurden und in der Nähe der Stadt umgebracht sein sollen. Ebenso wird vom hiesigen armenisch-katholischen Patriarchat auf Grund der Aussagen von Reisenden berichtet, daß die Armenier von Angora (hauptsächlichKatholiken), darunter der katholische Erzbischof mit seinem Klerus und mehreren Ordensschwestern am 30. August von Angora abgeschoben und in einiger Entfernung sämtlich getötet worden seien.Hohenlohe.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.Anlage 1.(Osmanisches Ministeriumdes Innern.)Depesche.An die Provinzialbehörden von:Hudawendigiar, Angora, Konia, Ismid, Adana, Marasch, Urfa, Aleppo, Zor, Siwas, Kutahia, Karassi, Nigde, Mamuret ul Aziz, Diarbekr, Karahissar, Kaissarijeh, Erzerum.Da die Kaiserliche Regierung durch die Versetzung der Armenier aus ihren Wohnstätten in die im voraus bestimmten Zonen das alleinige Ziel verfolgt, die regierungsfeindliche Tätigkeit und Unternehmung dieser Nationalität zu verhindern, sowie dieselbe außerstand zu setzen, ihren nationalistischen Bestrebungen bezüglich der Schaffung eines armenischen Staates nachzujagen, nicht aber deren Vernichtung, so wurde endgültig beschlossen, alle Maßregeln zur Beschützung und Beköstigung der Kolonnen während der Abführung zu treffen und alle übrigen Armenier, mit Ausnahme derjenigen, welche bereits aus ihren Wohnorten entfernt sind und ihre weitere Versetzung erwarten, sowie gemäß der bereits erfolgten Mitteilung die Soldatenfamilien, eine den Bedürfnissen entsprechende Zahl von Handwerkern und die Armenier von der katholischen und protestantischen Gemeinde künftighin von ihren Wohnorten nicht auszuweisen.Es wird hierdurch erklärt, daß gegen alle Personen, welche die Kolonnen angreifen, Räubereien begehen und durch ihre bestialischen Triebe Schandtaten verüben würden, samt ihren Mithelfern, sowie gegen alle schuldigen Beamten und Gendarmen zu ihrer strengen Bestrafung unverzüglich das gerichtliche Verfahren eingeleitet werden wird. Diejenigen Beamten, welche sich schuldig gemacht haben, müssen genannt werden. Bei Wiederholung solcher Missetaten werden die Wilajet- und Livabehörden dafür verantwortlich gemacht.Anlage 2.(Osmanisches Ministeriumdes Innern.)Depesche vom 16. August 1331 (29. August 1915).An das Wilajet Konia.Für die in Eregli befindlichen armenischen Auswanderer müssen Brot und Oliven besorgt und verteilt, sowie Zwieback bereitgestellt werden. Die erforderlichen Spesen bekanntgeben, damit die nötige Summe von hier aus abgeschickt wird.Anlage 3.(Osmanisches Ministeriumdes Innern.)Depesche.An die Provinzialbehörden zu:Ismid, Eskischehir, Kutahia, Karahissar, Hudawendigiar, Konia, Angora, Adana, Aleppo.Hierdurch sind Sie beauftragt, für die Armenier, welche sich bereits in den Haltestellen befinden und für solche, die von den weiteren Haltestellen hingeführt werden sollen, auf drei oder vier Tage Brot zu besorgen und alle Maßregeln zu treffen, damit sie auf dem Wege nicht Not leiden.161.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 7. September 1915.An Deutsches Konsulat, Trapezunt.Antwort auf das Telegramm vom 28. August.Kürzlich (angeblich am 29. August) hat die Pforte den meisten Wilajeten, allerdings mit Ausnahme Trapezunts, eröffnet, daß Gewalttaten gegen deportierte Armenier gerichtlich geahndet und im Wiederholungsfalle die Provinzialbehörden dafür zur Verantwortung gezogen werden sollen. Die Botschaft hat eine deutsche Übersetzung dieses Rundtelegramms erhalten. Ich bitte, Näheres über die gemeldeten Vorfälle festzustellen und, falls sie sich bestätigen, die Aufmerksamkeit des Wali in geeigneter Form auf das erwähnte Rundtelegramm zu lenken.Hohenlohe.162.(KaiserlichesKonsulat Trapezunt.)Telegramm.Abgang aus Trapezunt, den 8. September 1915.Ankunft in Pera, den 9. September 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Von Schritten bei dem Wali, welcher noch nicht zurückgekehrt und dem jungtürkischen Komitee gegenüber machtlos ist, verspreche ich mir keinen Erfolg. Werde den Auftrag gleichwohl ausführen, bitte aber inzwischen das erwähnte Rundtelegramm der Pforte der hiesigen Provinzregierung zukommen zu lassen.Bergfeld.163.(KaiserlichesKonsulat Jerusalem.)Telegramm.Abgang aus Jerusalem, den 9. September 1915.Ankunft in Pera, den 9. September 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Antwort auf Telegramm vom 27. August.Djemal Pascha erklärte, daß Talaat Bey bestimme, in welcher Ausdehnung die Ausweisung stattfände, während er — Djemal Pascha — lediglich für die militärischen Ausführungen der vom Minister des Innern erlassenen Verfügungen zu sorgen habe.Schmidt.164.(Kaiserlich DeutschesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 9. September 1915.Ankunft in Pera, den 9. September 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Die Regierung hat seit einigen Tagen anscheinend allgemeine Weisung erteilt, daß die Armenier, die noch in ihren Wohnsitzen sind, dort belassen werden. Die als verdächtig Bezeichneten werden aber doch verschickt. Unter den Emigranten in Aleppo ist die Zahl der täglichen Todesfälle von25 auf 40, dann auf 60 gestiegen. Hier herrscht Dysenterie, auf anderen Stationen wütet der Typhus. Die Etappenstraßen der Armee sind in Gefahr, verseucht zu werden. Es liegt daher im militärischen Interesse, daß die Emigranten ärztliche Behandlung erhalten.Die Zahl der Hungerleidenden wird immer größer. Hilfe in irgend einer Gestalt wird immer dringender, z. B. Geldüberweisung durch den Patriarchen.Rößler.165.(KaiserlichesKonsulat Adana.)Telegramm.Abgang aus Adana, den 10. September 1915.Ankunft in Pera, den 10. September 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Die von der Pforte der Kaiserlichen Botschaft gemachte Mitteilung vom 31. August bezüglich der Armenier ist lediglich eine dreiste Täuschung, weil nachher die Pforte auf Betreiben des hierher entsandten Inspektors An Munif Bey diese Verfügung vollkommen aufgehoben hat. Die Behörden handeln selbstredend nur nach der zweiten Weisung und fahren mit der Ausweisung ohne Unterschied des Bekenntnisses fort. Die Zahl der auf Order ermordeten Armenier übersteigt hier wahrscheinlich schon die Masse der Opfer der jungtürkischen Massakres von 1909[90]. Es ist möglich, daß die nichtdeutsche Presse trotz der bisher von türkischen Konsuln veranlaßten Dementis den Greueln näher treten wird.Übrigens hatte der hiesige Komiteeführer, wenn die Armenier nicht deportiert würden, mit allgemeinem Christenmassakre gedroht.Büge.166.Schreiben des Militärkommissars an die Bauabteilung III der Bagdadbahn.Commissariat Militaire.Alep le 28 Août, 10 Septembre 1915.Monsieur l’Ingénieur en Chef,La quatrième Armée ayant été informée que certains Ingénieurs et Employés du Chemin de Fer de Bagdad prennent les photographies de vue de transports des Arméniens, Son Excellence, Djémal Pacha, Commandant en Chef del’Armée, a donné ordre afin que ces Ingénieurs et Employés remettent de suite et dans le délai de 48 heures, au Commissariat Militaire tous les clichés des photographies avec toutes les copies qu’ils ont pris. Tous ceux qui ne remettront pas ces photographies seront soumis aux punitions et jugés comme ayant pris des photographies sur le champ de guerre sans autorisation.Veuillez, je vous prie, donner les instructions nécessaires en conséquence à qui de droit et agréez, Monsieur l’Ingénieur en Chef, l’assurance de ma parfaite considération.pr. le Commissaire Militaire.Nizami.167.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 11. September 1915.Der Kaiserliche Konsulatsverweser Holstein telegraphiert unter dem 9. d. M. aus Mossul, daß nach den von anderer Seite bestätigten Angaben türkischer Truppen, die auf dem Marsche von Djezireh nach Bagdad durch Mossul kamen, etwa eine Woche vorher Banden von Kurden, die zu diesem Zwecke von dem Deputierten von Diarbekir angeworben waren, unter Duldung der Ortsbehörden und Teilnahme des Militärs die gesamte christliche Einwohnerschaft der Stadt Djezire (Wilajet Diarbekr) niedergemetzelt haben.Die Bevölkerung von Djezireh wurde im Jahre 1891 auf etwa 10000 Seelen geschätzt, von denen die Hälfte Muhammedaner (darunter über 2000 Kurden); die andere Hälfte setzte sich zusammen aus 4750 Armeniern (2500 Gregorianern, 1250 Katholiken, 1000 Protestanten), 250 katholischen Chaldäern und 100 syrischen Jakobiten.Dieser Vorfall sowie die bereits gemeldeten Vorfälle in Trapezunt und Angora stehen in offenem Widerspruch mit den kürzlich vom Ministerium des Innern erlassenen Weisungen, die hoffen ließen, daß die Armenierverfolgungen und die damit im Zusammenhange stehenden Ausschreitungen nunmehr aufhören würden.Hohenlohe.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.168.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 12. September 1915.Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.Bereits vor einiger Zeit hat die Kaiserliche Botschaft wegen der Anstalten des Deutschen Hilfsbundes wiederholt Schritte bei der Pforte getan mit folgendem Ergebnis:Pfarrer Ehmann drahtete am 10. September aus Mamuret:„Die Witwen- und Waisenarbeit mit über 450 Pfleglingen ist bis jetzt ohne ernste Störungen fortgesetzt worden. Sämtliche Schulgebäude und ein Waisenhaus sind seit sechs Monaten mit Militär belegt, der Schulbetrieb ist daher eingestellt. Mehr als die Hälfte des Lehrpersonals hier; Tagesschüler mit den Familien sind größtenteils ausgewiesen. Die Wiedereröffnung unserer Schulen in früherem Umfang mit türkischer und deutscher Unterrichtssprache wäre erwünscht.“Das Kaiserliche Konsulat in Aleppo drahtete unterm 7. September:„Die Anstalten in Marasch werden weiter betrieben; das deutsche und armenische Personal sowie die Schüler bleiben.“Was Harunijeh betrifft, so gab der Minister des Innern Anfang August den Befehl, die deutschen Waisenanstalten in keiner Weise zu belästigen. Auf meine diesbezügliche telegraphische Anfrage hat das Kaiserliche Konsulat in Adana noch nicht geantwortet.Hohenlohe.169.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 12. September 1915.Ankunft in Pera, den 13. September 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Hiesiger Wali versteht die Instruktionen der Pforte dahin, daß nur solche Protestanten und Katholiken nicht mehr verschickt werden sollen, die noch nicht von ihrem Wohnsitz deportiert sind. Dagegen will er die von auswärts in Aleppo angesammelten, nicht nur Altarmenier, sondern auch Protestanten und Katholiken, weiterverschicken. Erbitte gehorsamst Erwirkung erneuter klarer Befehle, daß sie allgemein da bleiben dürfen, wo sie sind. Eile ist geboten.Rößler.170.(KaiserlichesKonsulat Adana.)Telegramm.Abgang aus Adana, den 13. September 1915.Ankunft in Pera, den 13. September 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Die gegen die Armenier getroffenen Maßregeln sind verschärft worden: Witwen, Waisen und Soldatenfamilien, selbst Kranke und Blinde sollen sofort abreisen! Das Konsulat wird von Hilfe suchenden Frauen umlagert.Ich bitte gehorsamst um Bescheid, ob Aussicht besteht, daß diese Verfügung rückgängig gemacht wird.Büge.171.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Konstantinopel, den 15. September 1915.An Deutsches Konsulat, Adana.Antwort auf das Telegramm vom 13. September.Der Minister des Innern sagte zu, heute nach Adana zu telegraphieren, daß die erwähnten Kategorien von der Verschickung ausgenommen werden.Hohenlohe.172.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 14. September 1915.Ankunft in Pera, den 14. September 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Da die Türken nicht imstande sind, die organisatorische Aufgabe der Massenernährung zu lösen, muß trotz des Befehls der Pforte, die Deportierten zu ernähren, die Mehrzahl mit der Zeit verhungern. Wenn noch irgend eine Hoffnung besteht, auf die Entscheidungen der Pforte Einfluß auszuüben, so stelle ich gehorsamst anheim, dafür einzutreten, daß wenigstens die Protestanten und Katholiken da bleiben dürfen, wo sie sich aufhalten.Rößler.173.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 16. September 1915.An Deutsches Konsulat, Aleppo.Antwort auf Telegramm vom 14. September.Der Notstand der armenischen Auswanderer in Aleppo ist von mir erneut auf der Pforte zur Sprache gebracht worden. Talaat Bey hat materielle Hilfe zugesagt, sich jedoch gegen das Verbleiben von Katholiken und Protestanten ausgesprochen.Hohenlohe.174.(Auswärtiges Amt.)Berlin, den 22. September 1915.An die Deutsche Botschaft, Pera.Auf den Bericht vom 11. d. M.Ich darf annehmen, daß Euere Exzellenz die gemeldeten Ausschreitungen gegen die christliche Bevölkerung der Stadt Djezireh bei der Pforte zur Sprache gebracht haben. Nötigenfalls bitte ich, erneut und in entschiedener Weise dahin vorstellig zu werden, daß die Zentralregierung ihren zum Schutz der christlichen, insbesondere armenischen Bevölkerung an die Provinzialbehörden erlassenen Weisungen Nachdruck verleiht und deren Ausführung streng überwacht.Zimmermann.175.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 25. September 1915.Weitere Meldungen der Kaiserlichen Konsuln in Adana und Aleppo bestätigen, daß die bekannten telegraphischen Weisungen der Pforte, um das Los der ausgesiedelten Armenier zu verbessern, infolge der verschiedenen Ausnahmen, die die Pforte selber von vornherein und nachträglich von den gewährten Vergünstigungen gemacht hat, und durch die Willkür der Provinzialbehörden, ihren Zweck zum größten Teil verfehlt haben.Wie Herr Dr. Büge unter dem 13. d. M. berichtet, sollten in Adana Witwen, Waisen, Soldatenfamilien, selbst Kranke und Blinde verschickt werden.Gleichzeitig meldet Herr Rößler aus Aleppo, daß trotz des Befehls der Pforte, die Deportierten mit Nahrungsmitteln zu versehen, die Mehrzahl derselben an Hunger zugrunde gehen müßten, da die Behörden nicht imstande seien, eine solche Massenernährung zu organisieren.Letzthin ging von Herrn Rößler noch das folgende Telegramm vom 18. d. M. ein:„Lange Züge fast verhungerter armenischer Frauen und Kinder sind dieser Tage vom Osten zu Fuß hier eingetroffen und weiter transportiert, soweit sie nicht alsbald hier starben.Der Befehl der Pforte, die noch an ihrem Wohnsitz befindlichen zu belassen, wird illusorisch, da jeder beliebige als verdächtig bezeichnet werden kann. Davon wird vielfach Gebrauch gemacht.Entgegen dem Befehl werden Soldatenfamilien nicht ausgenommen. Auch schwer Kranke werden unbarmherzig abtransportiert.Transporte erfolgen neuerdings auch wieder nach Mossul und Der es Zor.Trotz gegenteiliger Versicherung der Pforte läuft alles auf Vernichtung des armenischen Volkes hinaus.Armenier haben mich gebeten, Ew. Durchlaucht dies noch einmal vorzustellen.“Talaat Bey, den ich auf diese Zustände habe aufmerksam machen lassen, hat zwar bereitwilligst Abhilfe zugesagt; ich glaube indes kaum, daß die Befehle der Zentrale eine wesentliche Besserung in der Lage der ausgesiedelten Armenier herbeiführen werden.Hohenlohe.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.176.(v. Tyszka.)Konstantinopel, den 30. September 1915.Die türkischen Maßregeln zur Vernichtung der Armenier.In den Wilajets von Smyrna und Adrianopel beläßt man die Armenier, ebenfalls zum Teil in Konstantinopel. In allen anderen Provinzen sind die Armenier nach Aleppo, Mossul, Der es Zor und anderen Orten verbannt worden, wo sie nicht eingetroffen sind. Der frühere Deputierte Zohrab, einer der bedeutendsten Anwälte in Konstantinopel, ist auf dem Wege von Alexandrette nach Urfa gestorben, der Deputierte Wartkes in Diarbekr, wohin er verbannt war, nicht eingetroffen.Die Walis von Smyrna, Rahmi Bey, und von Adrianopel, Hadji Adil Bey, haben erklärt, die Armenier nicht ausweisen zu wollen. Zum Bericht beim Minister des Innern eingetroffen, sind beide bei ihrem Entschlusse geblieben. Auch ein Zeichen von Unstimmigkeit im Komitee. Talaat ist extrem, was er wollte, geschah bisher. Rahmi hat mehr gelernt als Talaat, ist mehr in der Welt herumgekommen, ein praktischer aber auch humaner Charakter, dessen klares Urteil als Deputierten über verschiedene politische Fragen von mir wiederholt eingeholt wurde. Er hat großen Anhang im Komitee.Im allgemeinen schenkt man alarmierenden Gerüchten in der Türkei wenig Aufmerksamkeit, weil man weiß, daß viel übertrieben wird, aber auch weil man der heutigen Regierung möglichst viel Armfreiheit gewährt. Die heutige Regierung ist ganz zu Unrecht in den Geruch einer liberalen gekommen. Sie ist alles eher als dieses, sie ist absoluter, diktatorischer als die Abdul Hamids war. Die Presse ist geknebelt und kennt nur das Lob der jetzigen Machthaber.So sprach man von strengen Maßregeln, die die Regierung gegen die Armenier wegen des Aufstandes in Wan in Anwendung brachte, als von einer gerechten Selbsthilfe, zu der der Staat greifen muß, um Ordnung zu schaffen. Die Schuld der Armenier erschien um so größer, als sie sich im Pakt mit dem Nationalfeinde, dem Russen, befanden, die der armenischen revolutionären Erhebung in Wan Vorschub leisteten.Daß die Regierung mit eiserner Hand eingreift und niederzwingt, was sich loslösen will, ist ihr gutes Recht, denn das Land besteht aus vielen disparaten Elementen, die nur auf eine passende Gelegenheit warten, es den Armeniern nachzutun, und nichts wirkt nachteiliger, als Schwäche zu zeigen, wo nur Kraft das Ansehen der Regierung stärken kann. Aber sie muß, wenn der Freiheitsmantel nicht zum Popanz werden soll, eine Grenze, eine Beschränkung kennen und darf nicht statt Schuldige zu strafen, Unschuldige und Wehrlose vernichten, weil sie zur Rasse der Empörer gehören.Es handelt sich heute um Opfer, wie sie die an Gewaltakten wahrlich nicht arme türkische Geschichte noch nicht kennt. Das ist eine erschütternde Wahrheit, die Hilfe erheischt von Jedem, der zu helfen imstande ist.Ob die Opfer, die die Armenier gebracht haben, 500000 übersteigen oder nicht erreichen, ist im Prinzip gleichgültig. Was ins Gewicht fällt, ist die Ruhe und Selbstverständlichkeit, die bei der Verfolgung vor sich geht und von einem Selbstdünkel zeugt, der jeder fremden Einmischung spottet.Es waren nicht Armenier, die meine tiefere Beschäftigung mit Ursachen und Folgen der Handlung der türkischen Regierung wachriefen, als Vertreter des Rechts und der Humanität zu erscheinen, es waren türkische Senatoren des hiesigen Senats, Männer von größtem Verdienst und tadellosem Charakter, die Ekel empfanden über Taten, die ihre Regierung mit unerschütterlicher Ruhe und Selbstverständlichkeit ausübte.Als dann ein armenischer intimer Freund von mir, ein Zivilinspektor im Ministerium des Innern, der 26 Jahre lang als Conseiller légiste, als Vertreter von Gouverneuren und Generalgouverneuren, Agop Hamamdjan Effendi, mit großem Eifer und unerschütterlicher Loyalität beschäftigt war und plötzlich ohne Pension aus dem Dienst entlassen wurde, da verlangte ich Aufklärung, da dem ersten Schritte bald ein zweiter, vernichtender für das Leben einer Familie folgen konnte.Von dem mir befreundeten Direktor im Ministerium des Innern, Hassan Fehmy Bey, bekam ich unter dem 14. September d. J. folgenden Bescheid:„Die Ehrlichkeit Ihres Freundes steht außer Zweifel. Nur infolge einer angenommenen, allgemein gültigen Maßregel wird er in den Ruhestand versetzt.“So lautet der Verlegenheitsausweis; denn der Mann ist der fähigste, beste Arbeiter und, wie auch amtlich erklärt wird, von erprobter Ehrlichkeit. Er hat aber eine zahlreiche Familie, ist ihr einziger Ernährer und kann jeden Augenblick nach außerhalb versandt werden, woher er nicht zurückkehrt.Am 20. d. M. erklärte mir Hassan Fehmi Bey, daß der Minister Talaat Bey alle Armenier aus dem Ministerium des Innern entfernen wolle, da die türkischen Beamten nicht mehr mit ihnen arbeiten wollen. Diese türkische Weigerung könne aber nur schädlich auf den Dienstbetrieb wirken und fortgesetzt weitere Schwierigkeiten in der inneren Verwaltung im Gefolge haben. So habe denn der Minister des Innern entschieden, alle Armenier in seinem Ressort ohne Ansehen der Person aus dem Dienste zu entlassen. In der inneren Verwaltung hätten die Armenier mehr als in jedem anderen Ministerium die Gelegenheit, gemeinsam Pläne zu schmieden und Empörungen anzuzetteln. Mit den Armeniern müsse aufgeräumt werden, denn sie haben einen unversöhnlichen, rachsüchtigen Charakter, und da sie mutig sind, seien sie gleichzeitig ein staatsgefährliches Element.Auf meinen Einwand, daß in anderen Ministerien, wie in denen der Justiz, der Finanzen, der öffentlichen Arbeiten, der Forsten und Landwirtschaft, wie auch im Conseil d’Etat, sich doch ebenfalls Armenier befänden, erhielt ich zum Bescheide, daß mit den Armeniern reiner Tisch gemacht werden müsse. Es müßte im Ministerium des Innern der Anfang gemacht werden, mit der Zeit würden auch die anderen Staatsbehörden folgen.Es ist mithin in der Türkei beschlossene Tatsache, aus allen staatlichem Zweigen die Armenier zu entfernen und das osmanische Reich auf rein türkischer Grundlage weiter zu bauen.Der türkische Plan, alle Armenier aus den Provinzen fortzujagen und sie in Mesopotamien anzusiedeln, ist alten Datums. Die Türken trauten den Armeniern nicht als russischen Grenznachbarn. Ein Anstoß, die Vertreibung der Armenier durchzuführen, war durch die Erhebung in Wan gegeben. Einem Mann von so eisernem Willen wie Talaat Bey, der zu dem extremsten Schritte neigt, wenn er ihn für richtig hält, sich von Niemandem beeinflussen läßt und jede Art der Ausführung für gut hält, wenn sie ihn zum Ziele bringt, einem solchen Mann war mit der Erhebung in Wan die Vertreibung der Armenier zur Notwendigkeit geworden.Welche Ungerechtigkeiten und Härten dabei unterlaufen, gilt gleich. Talaat Bey ist Optimist par excellence, insbesondere bezüglich seiner eigenen Entschlüsse. Wie er heiteren Sinnes dekretiert, so nimmt er gleichmütigalle Beschwerden entgegen. Bis vor kurzem, anfangs dieses Jahres, galt das armenische Element als das zuverlässigste, ja das allein zuverlässige von den christlichen Elementen in der Türkei. Man las es in allen Zeitungen, und die türkischen Großwürdenträger bestätigten es bei allen sich bietenden Gelegenheiten.Seit dem März hat sich die Änderung vollzogen, so allgemein, so bestimmt, als ob die Türken bisher nicht gewußt hätten, wie gefährliche Nattern sie am Busen gewärmt hätten.Wo keine Erfahrung die Handlungen reguliert und bestimmt, da gibts nur Willkür und Unstätigkeit. Djemal Pascha, als Marineminister, war der eifrigste Förderer des türkisch-französischen Komitees. Auch dem Todfeinde, den Russen, sollten goldene Brücken gebaut werden. Take Jonesku, der vielgenannte rumänische Minister des Innern, war der vertrauteste Freund Talaat Beys.Was können die Armenier im allgemeinen für ein Interesse haben, sich von den Türken loszureißen? Sie haben keinen Anschluß, wie Bulgaren, Griechen und Serben in der Türkei an ihr Königreich und sehen zu klar, um den Russen zu trauen. Die Waffen aber, die die Türken bei den Armeniern fanden, waren großenteils dieselben, die sie von den Türken 1908 erhielten, damit sie dem Komitee bei der Verteidigung gegen die Reaktion Helferdienste leisten konnten. Wenn die Türken aber den Armeniern, die an der russischen Grenze echeloniert waren, nicht trauten, warum schaffte man sie mit derselben Härte wie an der russischen Grenze aus Jalova, Angora, Brussa, Kastamuni fort? Aus diesen Orten sind allein 250000 Armenier vertrieben. In 48 Stunden hatten sie ihre Wohnungen zu verlassen und in die Verbannung nach Aleppo, Zor, Hama, Mossul, ja nach dem Hauran zu gehen.Nichts war geschehen seitens der türkischen Regierung, um die Vertriebenen an den Ort ihrer Verbannung zu befördern. Die Bahnzüge waren durch den Truppentransport besetzt. Kein Armenier fand dort Platz. Für die Sicherheit auf dem Wege war keine Fürsorge getroffen.Die Tschettäs, die alten Baschiboschuks vom Kriege 1877/78, waren wieder da, wo billig Beute zu machen und zu morden war, ohne dabei etwas zu riskieren. So tapfer der türkische Soldat ist und so menschlich er fühlt, wenn er nicht religiös aufgestachelt wird, so feige und unmenschlich ist der Irreguläre. Daß die Tschettäs von Jungtürken angestiftet und geführt wurden, wird mit Sicherheit behauptet.In den Plätzen, wo Massakres der armenischen Bevölkerung stattfanden, wie in Baiburt, Marasch, Schabin-Karahissar, Angora, Malatia, wurden die Männer von der Familie getrennt. Was die Weiber in der Eile zusammenraffen konnten, führten sie mit sich. Die Tschettäs folgten den Zügen der Wehrlosen, beraubten, vergewaltigten und töteten, wie es ihnen beliebte. Ein türkischer Oberstleutnant, der an den Dardanellen kämpft und mitkurzem Urlaub in der Hauptstadt eintraf, erzählte weinend, was ihm seine Verwandten aus Trapezunt und Siwas über die türkischen Massakres an den Armeniern geschrieben hatten.Von der hohen armenischen Geistlichkeit weiß man heute nur, daß der Bischof von Smyrna am Leben ist, mit der Ermordung der meisten anderen fürchtet der Patriarch rechnen zu müssen. Was mit den armenischen Kirchen, mit den durch Jahrhunderte gesammelten Schätzen in den Kirchen geschehen ist, weiß niemand. Jede Anfrage des armenischen Patriarchen beim Minister des Innern bleibt ohne Antwort.Die Türken lassen sich gern loben. Zu früherer Zeit hörten sie das Lob und freuten sich darüber, ohne daß das Lob eine nachhaltige Wirkung auf ihr Verhalten ausübte. Heute nehmen die Jungtürken alles Lob für bare Münze und sonnen sich an ihrer Unfehlbarkeit.Es ist wirklich Zeit, daß die so gänzlich überflüssigen Lobhudeleien den Türken gegenüber eingestellt werden. Will man doch in den höheren Schulen in Hessen die türkische Sprache als Lehrgegenstand einsetzen. Dies zu einer Zeit, da man durch die Straßen irrt, ohne sich durch die rein türkischen Inschriften der Schilder zurecht zu finden und die Türken alle Bescheinigungen über angekommene Wertsendungen dem Europäer bis auf seinen Namen in türkischer Sprache schicken, so daß man nicht wissen kann, ob man der Empfangsberechtigte ist, oder nicht. Man darf in der Sentimentalität doch nicht zu weit gehen und den an Größenwahn Leidenden nicht immer neuen Stoff für ihren unberechtigten Dünkel zuführen. Ein inspirierter Artikel des „Hilal“ verlangt, daß deutsche Professoren, die auf der hiesigen Universität dozieren wollen, nicht ihre Dolmetscher aus der Heimat mitbringen, sondern sie hier suchen und, um mit Erfolg zu lehren, sich bemühen müßten, das Türkische so zu erlernen, daß sie die Lehrgegenstände in dieser Sprache vortrügen. Ein anderer Leitartikel des „Hilal“ stellt Enver Pascha an Dispositionsfähigkeit, Willenskraft und genialer Ausführung auf gleiche Stufe mit Hindenburg.Ohne Voreingenommenheit sehen die Dinge aber ganz anders aus. Die Expedition nach dem Suezkanal mußte versagen, da sie zu unrichtiger Zeit und mit ungenügenden Mitteln, als dem Mangel an schweren Geschützen und an Lasttieren, Kamelen, deren Lieferung man sich rechtzeitig beschaffen mußte, unternommen war.Im arabischen Irak wurden die Türken durch den englischen Vormarsch überrascht und hatten von den langen Vorbereitungen zur Expedition seitens der Engländer in Basra keine Kenntnis. Die Expedition nach dem Kaukasus erfolgte mit ungenügend bekleideten Truppen, deren Bedürfnisse nicht gedeckt waren. Der Typhus, dem ein Armeekorps an Zahl zum Opfer fiel, war auf die schweren Strapazen zu schieben, die den Truppen ohne Grund und ohne Resultat zugemutet wurden. Wan ist noch in den Händen der Russen,die auch in der Nähe von Erzerum sind. Zum Schutz der Dardanellen ist viel geschehen. Die Truppen sind gut ausgerüstet und werden gut verpflegt. Nach den außerordentlichen Resultaten daselbst, die sich vor den Augen Europas vollziehen, wird die Kraft der Türkei beurteilt. Und doch lägen die Dinge auch dort anders, wenn dort nur Türken kommandierten. Die Bravour der Truppen tut es nicht allein. Die Türken sind keine Systematiker. Die meisten Generale verstehen nicht zu befehlen, sie können den Unterführern nicht in die Hand arbeiten. Sie bedürfen des Lehrers, der ihnen zeigt, wie der einzelne nur im Rahmen des Ganzen mit Erfolg tätig sein kann und ihnen daher den Blick für eine Offensive eröffnet, die ihnen noch fremd ist. Deutsche Arbeit kann hierbei Großes schaffen. Ihr unvergeßlicher alter Lehrmeister v. d. Goltz Pascha müßte noch einmal die Zügel in seine feste Hand nehmen und Einheitlichkeit in das ganze Getriebe bringen.Enver Paschas Verdienst um die Ausstattung dieser türkischen Musterarmee an den Dardanellen soll gewiß nicht verkleinert werden; er hat geschaffen, was guter Wille und Fleiß und Aufgehen im Berufe schaffen kann. Ohne die Deutschen wäre es aber nicht so gegangen, wie es gegangen ist.v. Tyszka,Zeitungskorrespondent.177.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 30. September 1915.An Auswärtiges Amt.Bis Mitte September war die Anstalt in Harunijeh in ungestörtem Betrieb, obschon die armenischen Lehrer wiederholt mit Ausweisung bedroht wurden. Auf Intervention der Botschaft war die Pforte geneigt, die armenischen Lehrer und das Dienstpersonal dort zu belassen, während der Wali auf Ausweisung bestand; schließlich ist die Belassung der Lehrer unterm 25. September von der Pforte telegraphisch angeordnet worden.Hohenlohe.

September.

159.

(Auswärtiges Amt.)

Telegramm.

Berlin, den 1. September 1915.

An Deutsche Botschaft, Pera.

In Mamaret ul Aziz, Marasch und Harunije sind nach Mitteilung des deutschen Hilfsbundes seine Anstalten infolge der Armenierverfolgung gefährdet. Bitte dafür einzutreten, daß die Waisenkinder aus deutschen Anstalten nicht entfernt werden.

Zimmermann.

160.

KaiserlichDeutsche Botschaft.

Pera, den 4. September 1915.

Talaat Bey übergab mir am 2. d. M. die in Abschrift beigefügte deutsche Übersetzung von verschiedenen telegraphischen Befehlen, die er in Sachen der Armenierverfolgungen an die in Betracht kommenden Provinzialbehörden gerichtet hat. Er wollte hiermit den Beweis liefern, daß die Zentralregierung ernstlich bemüht ist, den im Innern vorgekommenen Ausschreitungen gegen die Armenier ein Ende zu machen und für die Verpflegung der Ausgewiesenen auf dem Transporte Sorge zu tragen. Mit Bezug hierauf hatte Talaat Bey einige Tage vorher mir gegenüber die Äußerung getan: La question arménienne n’existe plus.

Die erste und die dritte Depesche tragen kein Datum; erstere dürfte am 31. August abgegangen sein.[89]

Indem ich mir weitere Berichterstattung vorbehalte, darf ich bemerken, daß nach einem Telegramm des Kaiserlichen Konsulats in Trapezunt dort noch in den letzten Tagen des August eine Anzahl bisher verschonter Armenier (darunter Beamte der Ottomanbank, der Regie und Frauen) nachts abgeschoben wurden und in der Nähe der Stadt umgebracht sein sollen. Ebenso wird vom hiesigen armenisch-katholischen Patriarchat auf Grund der Aussagen von Reisenden berichtet, daß die Armenier von Angora (hauptsächlichKatholiken), darunter der katholische Erzbischof mit seinem Klerus und mehreren Ordensschwestern am 30. August von Angora abgeschoben und in einiger Entfernung sämtlich getötet worden seien.

Hohenlohe.

Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.

Anlage 1.

(Osmanisches Ministeriumdes Innern.)

Depesche.

An die Provinzialbehörden von:

Hudawendigiar, Angora, Konia, Ismid, Adana, Marasch, Urfa, Aleppo, Zor, Siwas, Kutahia, Karassi, Nigde, Mamuret ul Aziz, Diarbekr, Karahissar, Kaissarijeh, Erzerum.

Da die Kaiserliche Regierung durch die Versetzung der Armenier aus ihren Wohnstätten in die im voraus bestimmten Zonen das alleinige Ziel verfolgt, die regierungsfeindliche Tätigkeit und Unternehmung dieser Nationalität zu verhindern, sowie dieselbe außerstand zu setzen, ihren nationalistischen Bestrebungen bezüglich der Schaffung eines armenischen Staates nachzujagen, nicht aber deren Vernichtung, so wurde endgültig beschlossen, alle Maßregeln zur Beschützung und Beköstigung der Kolonnen während der Abführung zu treffen und alle übrigen Armenier, mit Ausnahme derjenigen, welche bereits aus ihren Wohnorten entfernt sind und ihre weitere Versetzung erwarten, sowie gemäß der bereits erfolgten Mitteilung die Soldatenfamilien, eine den Bedürfnissen entsprechende Zahl von Handwerkern und die Armenier von der katholischen und protestantischen Gemeinde künftighin von ihren Wohnorten nicht auszuweisen.

Es wird hierdurch erklärt, daß gegen alle Personen, welche die Kolonnen angreifen, Räubereien begehen und durch ihre bestialischen Triebe Schandtaten verüben würden, samt ihren Mithelfern, sowie gegen alle schuldigen Beamten und Gendarmen zu ihrer strengen Bestrafung unverzüglich das gerichtliche Verfahren eingeleitet werden wird. Diejenigen Beamten, welche sich schuldig gemacht haben, müssen genannt werden. Bei Wiederholung solcher Missetaten werden die Wilajet- und Livabehörden dafür verantwortlich gemacht.

Anlage 2.

(Osmanisches Ministeriumdes Innern.)

Depesche vom 16. August 1331 (29. August 1915).

An das Wilajet Konia.

Für die in Eregli befindlichen armenischen Auswanderer müssen Brot und Oliven besorgt und verteilt, sowie Zwieback bereitgestellt werden. Die erforderlichen Spesen bekanntgeben, damit die nötige Summe von hier aus abgeschickt wird.

Anlage 3.

(Osmanisches Ministeriumdes Innern.)

Depesche.

An die Provinzialbehörden zu:

Ismid, Eskischehir, Kutahia, Karahissar, Hudawendigiar, Konia, Angora, Adana, Aleppo.

Hierdurch sind Sie beauftragt, für die Armenier, welche sich bereits in den Haltestellen befinden und für solche, die von den weiteren Haltestellen hingeführt werden sollen, auf drei oder vier Tage Brot zu besorgen und alle Maßregeln zu treffen, damit sie auf dem Wege nicht Not leiden.

161.

(KaiserlichDeutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 7. September 1915.

An Deutsches Konsulat, Trapezunt.

Antwort auf das Telegramm vom 28. August.

Kürzlich (angeblich am 29. August) hat die Pforte den meisten Wilajeten, allerdings mit Ausnahme Trapezunts, eröffnet, daß Gewalttaten gegen deportierte Armenier gerichtlich geahndet und im Wiederholungsfalle die Provinzialbehörden dafür zur Verantwortung gezogen werden sollen. Die Botschaft hat eine deutsche Übersetzung dieses Rundtelegramms erhalten. Ich bitte, Näheres über die gemeldeten Vorfälle festzustellen und, falls sie sich bestätigen, die Aufmerksamkeit des Wali in geeigneter Form auf das erwähnte Rundtelegramm zu lenken.

Hohenlohe.

162.

(KaiserlichesKonsulat Trapezunt.)

Telegramm.

Abgang aus Trapezunt, den 8. September 1915.Ankunft in Pera, den 9. September 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Von Schritten bei dem Wali, welcher noch nicht zurückgekehrt und dem jungtürkischen Komitee gegenüber machtlos ist, verspreche ich mir keinen Erfolg. Werde den Auftrag gleichwohl ausführen, bitte aber inzwischen das erwähnte Rundtelegramm der Pforte der hiesigen Provinzregierung zukommen zu lassen.

Bergfeld.

163.

(KaiserlichesKonsulat Jerusalem.)

Telegramm.

Abgang aus Jerusalem, den 9. September 1915.Ankunft in Pera, den 9. September 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Antwort auf Telegramm vom 27. August.

Djemal Pascha erklärte, daß Talaat Bey bestimme, in welcher Ausdehnung die Ausweisung stattfände, während er — Djemal Pascha — lediglich für die militärischen Ausführungen der vom Minister des Innern erlassenen Verfügungen zu sorgen habe.

Schmidt.

164.

(Kaiserlich DeutschesKonsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 9. September 1915.Ankunft in Pera, den 9. September 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Die Regierung hat seit einigen Tagen anscheinend allgemeine Weisung erteilt, daß die Armenier, die noch in ihren Wohnsitzen sind, dort belassen werden. Die als verdächtig Bezeichneten werden aber doch verschickt. Unter den Emigranten in Aleppo ist die Zahl der täglichen Todesfälle von25 auf 40, dann auf 60 gestiegen. Hier herrscht Dysenterie, auf anderen Stationen wütet der Typhus. Die Etappenstraßen der Armee sind in Gefahr, verseucht zu werden. Es liegt daher im militärischen Interesse, daß die Emigranten ärztliche Behandlung erhalten.

Die Zahl der Hungerleidenden wird immer größer. Hilfe in irgend einer Gestalt wird immer dringender, z. B. Geldüberweisung durch den Patriarchen.

Rößler.

165.

(KaiserlichesKonsulat Adana.)

Telegramm.

Abgang aus Adana, den 10. September 1915.Ankunft in Pera, den 10. September 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Die von der Pforte der Kaiserlichen Botschaft gemachte Mitteilung vom 31. August bezüglich der Armenier ist lediglich eine dreiste Täuschung, weil nachher die Pforte auf Betreiben des hierher entsandten Inspektors An Munif Bey diese Verfügung vollkommen aufgehoben hat. Die Behörden handeln selbstredend nur nach der zweiten Weisung und fahren mit der Ausweisung ohne Unterschied des Bekenntnisses fort. Die Zahl der auf Order ermordeten Armenier übersteigt hier wahrscheinlich schon die Masse der Opfer der jungtürkischen Massakres von 1909[90]. Es ist möglich, daß die nichtdeutsche Presse trotz der bisher von türkischen Konsuln veranlaßten Dementis den Greueln näher treten wird.

Übrigens hatte der hiesige Komiteeführer, wenn die Armenier nicht deportiert würden, mit allgemeinem Christenmassakre gedroht.

Büge.

166.

Schreiben des Militärkommissars an die Bauabteilung III der Bagdadbahn.

Commissariat Militaire.

Alep le 28 Août, 10 Septembre 1915.

Monsieur l’Ingénieur en Chef,

La quatrième Armée ayant été informée que certains Ingénieurs et Employés du Chemin de Fer de Bagdad prennent les photographies de vue de transports des Arméniens, Son Excellence, Djémal Pacha, Commandant en Chef del’Armée, a donné ordre afin que ces Ingénieurs et Employés remettent de suite et dans le délai de 48 heures, au Commissariat Militaire tous les clichés des photographies avec toutes les copies qu’ils ont pris. Tous ceux qui ne remettront pas ces photographies seront soumis aux punitions et jugés comme ayant pris des photographies sur le champ de guerre sans autorisation.

Veuillez, je vous prie, donner les instructions nécessaires en conséquence à qui de droit et agréez, Monsieur l’Ingénieur en Chef, l’assurance de ma parfaite considération.

pr. le Commissaire Militaire.Nizami.

167.

KaiserlichDeutsche Botschaft.

Pera, den 11. September 1915.

Der Kaiserliche Konsulatsverweser Holstein telegraphiert unter dem 9. d. M. aus Mossul, daß nach den von anderer Seite bestätigten Angaben türkischer Truppen, die auf dem Marsche von Djezireh nach Bagdad durch Mossul kamen, etwa eine Woche vorher Banden von Kurden, die zu diesem Zwecke von dem Deputierten von Diarbekir angeworben waren, unter Duldung der Ortsbehörden und Teilnahme des Militärs die gesamte christliche Einwohnerschaft der Stadt Djezire (Wilajet Diarbekr) niedergemetzelt haben.

Die Bevölkerung von Djezireh wurde im Jahre 1891 auf etwa 10000 Seelen geschätzt, von denen die Hälfte Muhammedaner (darunter über 2000 Kurden); die andere Hälfte setzte sich zusammen aus 4750 Armeniern (2500 Gregorianern, 1250 Katholiken, 1000 Protestanten), 250 katholischen Chaldäern und 100 syrischen Jakobiten.

Dieser Vorfall sowie die bereits gemeldeten Vorfälle in Trapezunt und Angora stehen in offenem Widerspruch mit den kürzlich vom Ministerium des Innern erlassenen Weisungen, die hoffen ließen, daß die Armenierverfolgungen und die damit im Zusammenhange stehenden Ausschreitungen nunmehr aufhören würden.

Hohenlohe.

Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.

168.

(KaiserlichDeutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 12. September 1915.

Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.

Bereits vor einiger Zeit hat die Kaiserliche Botschaft wegen der Anstalten des Deutschen Hilfsbundes wiederholt Schritte bei der Pforte getan mit folgendem Ergebnis:

Pfarrer Ehmann drahtete am 10. September aus Mamuret:

„Die Witwen- und Waisenarbeit mit über 450 Pfleglingen ist bis jetzt ohne ernste Störungen fortgesetzt worden. Sämtliche Schulgebäude und ein Waisenhaus sind seit sechs Monaten mit Militär belegt, der Schulbetrieb ist daher eingestellt. Mehr als die Hälfte des Lehrpersonals hier; Tagesschüler mit den Familien sind größtenteils ausgewiesen. Die Wiedereröffnung unserer Schulen in früherem Umfang mit türkischer und deutscher Unterrichtssprache wäre erwünscht.“

Das Kaiserliche Konsulat in Aleppo drahtete unterm 7. September:

„Die Anstalten in Marasch werden weiter betrieben; das deutsche und armenische Personal sowie die Schüler bleiben.“

Was Harunijeh betrifft, so gab der Minister des Innern Anfang August den Befehl, die deutschen Waisenanstalten in keiner Weise zu belästigen. Auf meine diesbezügliche telegraphische Anfrage hat das Kaiserliche Konsulat in Adana noch nicht geantwortet.

Hohenlohe.

169.

(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 12. September 1915.Ankunft in Pera, den 13. September 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Hiesiger Wali versteht die Instruktionen der Pforte dahin, daß nur solche Protestanten und Katholiken nicht mehr verschickt werden sollen, die noch nicht von ihrem Wohnsitz deportiert sind. Dagegen will er die von auswärts in Aleppo angesammelten, nicht nur Altarmenier, sondern auch Protestanten und Katholiken, weiterverschicken. Erbitte gehorsamst Erwirkung erneuter klarer Befehle, daß sie allgemein da bleiben dürfen, wo sie sind. Eile ist geboten.

Rößler.

170.

(KaiserlichesKonsulat Adana.)

Telegramm.

Abgang aus Adana, den 13. September 1915.Ankunft in Pera, den 13. September 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Die gegen die Armenier getroffenen Maßregeln sind verschärft worden: Witwen, Waisen und Soldatenfamilien, selbst Kranke und Blinde sollen sofort abreisen! Das Konsulat wird von Hilfe suchenden Frauen umlagert.

Ich bitte gehorsamst um Bescheid, ob Aussicht besteht, daß diese Verfügung rückgängig gemacht wird.

Büge.

171.

(KaiserlichDeutsche Botschaft.)

Telegramm.

Konstantinopel, den 15. September 1915.

An Deutsches Konsulat, Adana.

Antwort auf das Telegramm vom 13. September.

Der Minister des Innern sagte zu, heute nach Adana zu telegraphieren, daß die erwähnten Kategorien von der Verschickung ausgenommen werden.

Hohenlohe.

172.

(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 14. September 1915.Ankunft in Pera, den 14. September 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Da die Türken nicht imstande sind, die organisatorische Aufgabe der Massenernährung zu lösen, muß trotz des Befehls der Pforte, die Deportierten zu ernähren, die Mehrzahl mit der Zeit verhungern. Wenn noch irgend eine Hoffnung besteht, auf die Entscheidungen der Pforte Einfluß auszuüben, so stelle ich gehorsamst anheim, dafür einzutreten, daß wenigstens die Protestanten und Katholiken da bleiben dürfen, wo sie sich aufhalten.

Rößler.

173.

(KaiserlichDeutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 16. September 1915.

An Deutsches Konsulat, Aleppo.

Antwort auf Telegramm vom 14. September.

Der Notstand der armenischen Auswanderer in Aleppo ist von mir erneut auf der Pforte zur Sprache gebracht worden. Talaat Bey hat materielle Hilfe zugesagt, sich jedoch gegen das Verbleiben von Katholiken und Protestanten ausgesprochen.

Hohenlohe.

174.

(Auswärtiges Amt.)

Berlin, den 22. September 1915.

An die Deutsche Botschaft, Pera.

Auf den Bericht vom 11. d. M.

Ich darf annehmen, daß Euere Exzellenz die gemeldeten Ausschreitungen gegen die christliche Bevölkerung der Stadt Djezireh bei der Pforte zur Sprache gebracht haben. Nötigenfalls bitte ich, erneut und in entschiedener Weise dahin vorstellig zu werden, daß die Zentralregierung ihren zum Schutz der christlichen, insbesondere armenischen Bevölkerung an die Provinzialbehörden erlassenen Weisungen Nachdruck verleiht und deren Ausführung streng überwacht.

Zimmermann.

175.

KaiserlichDeutsche Botschaft.

Pera, den 25. September 1915.

Weitere Meldungen der Kaiserlichen Konsuln in Adana und Aleppo bestätigen, daß die bekannten telegraphischen Weisungen der Pforte, um das Los der ausgesiedelten Armenier zu verbessern, infolge der verschiedenen Ausnahmen, die die Pforte selber von vornherein und nachträglich von den gewährten Vergünstigungen gemacht hat, und durch die Willkür der Provinzialbehörden, ihren Zweck zum größten Teil verfehlt haben.

Wie Herr Dr. Büge unter dem 13. d. M. berichtet, sollten in Adana Witwen, Waisen, Soldatenfamilien, selbst Kranke und Blinde verschickt werden.

Gleichzeitig meldet Herr Rößler aus Aleppo, daß trotz des Befehls der Pforte, die Deportierten mit Nahrungsmitteln zu versehen, die Mehrzahl derselben an Hunger zugrunde gehen müßten, da die Behörden nicht imstande seien, eine solche Massenernährung zu organisieren.

Letzthin ging von Herrn Rößler noch das folgende Telegramm vom 18. d. M. ein:

„Lange Züge fast verhungerter armenischer Frauen und Kinder sind dieser Tage vom Osten zu Fuß hier eingetroffen und weiter transportiert, soweit sie nicht alsbald hier starben.

Der Befehl der Pforte, die noch an ihrem Wohnsitz befindlichen zu belassen, wird illusorisch, da jeder beliebige als verdächtig bezeichnet werden kann. Davon wird vielfach Gebrauch gemacht.

Entgegen dem Befehl werden Soldatenfamilien nicht ausgenommen. Auch schwer Kranke werden unbarmherzig abtransportiert.

Transporte erfolgen neuerdings auch wieder nach Mossul und Der es Zor.

Trotz gegenteiliger Versicherung der Pforte läuft alles auf Vernichtung des armenischen Volkes hinaus.

Armenier haben mich gebeten, Ew. Durchlaucht dies noch einmal vorzustellen.“

Talaat Bey, den ich auf diese Zustände habe aufmerksam machen lassen, hat zwar bereitwilligst Abhilfe zugesagt; ich glaube indes kaum, daß die Befehle der Zentrale eine wesentliche Besserung in der Lage der ausgesiedelten Armenier herbeiführen werden.

Hohenlohe.

Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.

176.

(v. Tyszka.)

Konstantinopel, den 30. September 1915.

Die türkischen Maßregeln zur Vernichtung der Armenier.

In den Wilajets von Smyrna und Adrianopel beläßt man die Armenier, ebenfalls zum Teil in Konstantinopel. In allen anderen Provinzen sind die Armenier nach Aleppo, Mossul, Der es Zor und anderen Orten verbannt worden, wo sie nicht eingetroffen sind. Der frühere Deputierte Zohrab, einer der bedeutendsten Anwälte in Konstantinopel, ist auf dem Wege von Alexandrette nach Urfa gestorben, der Deputierte Wartkes in Diarbekr, wohin er verbannt war, nicht eingetroffen.

Die Walis von Smyrna, Rahmi Bey, und von Adrianopel, Hadji Adil Bey, haben erklärt, die Armenier nicht ausweisen zu wollen. Zum Bericht beim Minister des Innern eingetroffen, sind beide bei ihrem Entschlusse geblieben. Auch ein Zeichen von Unstimmigkeit im Komitee. Talaat ist extrem, was er wollte, geschah bisher. Rahmi hat mehr gelernt als Talaat, ist mehr in der Welt herumgekommen, ein praktischer aber auch humaner Charakter, dessen klares Urteil als Deputierten über verschiedene politische Fragen von mir wiederholt eingeholt wurde. Er hat großen Anhang im Komitee.

Im allgemeinen schenkt man alarmierenden Gerüchten in der Türkei wenig Aufmerksamkeit, weil man weiß, daß viel übertrieben wird, aber auch weil man der heutigen Regierung möglichst viel Armfreiheit gewährt. Die heutige Regierung ist ganz zu Unrecht in den Geruch einer liberalen gekommen. Sie ist alles eher als dieses, sie ist absoluter, diktatorischer als die Abdul Hamids war. Die Presse ist geknebelt und kennt nur das Lob der jetzigen Machthaber.

So sprach man von strengen Maßregeln, die die Regierung gegen die Armenier wegen des Aufstandes in Wan in Anwendung brachte, als von einer gerechten Selbsthilfe, zu der der Staat greifen muß, um Ordnung zu schaffen. Die Schuld der Armenier erschien um so größer, als sie sich im Pakt mit dem Nationalfeinde, dem Russen, befanden, die der armenischen revolutionären Erhebung in Wan Vorschub leisteten.

Daß die Regierung mit eiserner Hand eingreift und niederzwingt, was sich loslösen will, ist ihr gutes Recht, denn das Land besteht aus vielen disparaten Elementen, die nur auf eine passende Gelegenheit warten, es den Armeniern nachzutun, und nichts wirkt nachteiliger, als Schwäche zu zeigen, wo nur Kraft das Ansehen der Regierung stärken kann. Aber sie muß, wenn der Freiheitsmantel nicht zum Popanz werden soll, eine Grenze, eine Beschränkung kennen und darf nicht statt Schuldige zu strafen, Unschuldige und Wehrlose vernichten, weil sie zur Rasse der Empörer gehören.

Es handelt sich heute um Opfer, wie sie die an Gewaltakten wahrlich nicht arme türkische Geschichte noch nicht kennt. Das ist eine erschütternde Wahrheit, die Hilfe erheischt von Jedem, der zu helfen imstande ist.

Ob die Opfer, die die Armenier gebracht haben, 500000 übersteigen oder nicht erreichen, ist im Prinzip gleichgültig. Was ins Gewicht fällt, ist die Ruhe und Selbstverständlichkeit, die bei der Verfolgung vor sich geht und von einem Selbstdünkel zeugt, der jeder fremden Einmischung spottet.

Es waren nicht Armenier, die meine tiefere Beschäftigung mit Ursachen und Folgen der Handlung der türkischen Regierung wachriefen, als Vertreter des Rechts und der Humanität zu erscheinen, es waren türkische Senatoren des hiesigen Senats, Männer von größtem Verdienst und tadellosem Charakter, die Ekel empfanden über Taten, die ihre Regierung mit unerschütterlicher Ruhe und Selbstverständlichkeit ausübte.

Als dann ein armenischer intimer Freund von mir, ein Zivilinspektor im Ministerium des Innern, der 26 Jahre lang als Conseiller légiste, als Vertreter von Gouverneuren und Generalgouverneuren, Agop Hamamdjan Effendi, mit großem Eifer und unerschütterlicher Loyalität beschäftigt war und plötzlich ohne Pension aus dem Dienst entlassen wurde, da verlangte ich Aufklärung, da dem ersten Schritte bald ein zweiter, vernichtender für das Leben einer Familie folgen konnte.

Von dem mir befreundeten Direktor im Ministerium des Innern, Hassan Fehmy Bey, bekam ich unter dem 14. September d. J. folgenden Bescheid:

„Die Ehrlichkeit Ihres Freundes steht außer Zweifel. Nur infolge einer angenommenen, allgemein gültigen Maßregel wird er in den Ruhestand versetzt.“

So lautet der Verlegenheitsausweis; denn der Mann ist der fähigste, beste Arbeiter und, wie auch amtlich erklärt wird, von erprobter Ehrlichkeit. Er hat aber eine zahlreiche Familie, ist ihr einziger Ernährer und kann jeden Augenblick nach außerhalb versandt werden, woher er nicht zurückkehrt.

Am 20. d. M. erklärte mir Hassan Fehmi Bey, daß der Minister Talaat Bey alle Armenier aus dem Ministerium des Innern entfernen wolle, da die türkischen Beamten nicht mehr mit ihnen arbeiten wollen. Diese türkische Weigerung könne aber nur schädlich auf den Dienstbetrieb wirken und fortgesetzt weitere Schwierigkeiten in der inneren Verwaltung im Gefolge haben. So habe denn der Minister des Innern entschieden, alle Armenier in seinem Ressort ohne Ansehen der Person aus dem Dienste zu entlassen. In der inneren Verwaltung hätten die Armenier mehr als in jedem anderen Ministerium die Gelegenheit, gemeinsam Pläne zu schmieden und Empörungen anzuzetteln. Mit den Armeniern müsse aufgeräumt werden, denn sie haben einen unversöhnlichen, rachsüchtigen Charakter, und da sie mutig sind, seien sie gleichzeitig ein staatsgefährliches Element.

Auf meinen Einwand, daß in anderen Ministerien, wie in denen der Justiz, der Finanzen, der öffentlichen Arbeiten, der Forsten und Landwirtschaft, wie auch im Conseil d’Etat, sich doch ebenfalls Armenier befänden, erhielt ich zum Bescheide, daß mit den Armeniern reiner Tisch gemacht werden müsse. Es müßte im Ministerium des Innern der Anfang gemacht werden, mit der Zeit würden auch die anderen Staatsbehörden folgen.

Es ist mithin in der Türkei beschlossene Tatsache, aus allen staatlichem Zweigen die Armenier zu entfernen und das osmanische Reich auf rein türkischer Grundlage weiter zu bauen.

Der türkische Plan, alle Armenier aus den Provinzen fortzujagen und sie in Mesopotamien anzusiedeln, ist alten Datums. Die Türken trauten den Armeniern nicht als russischen Grenznachbarn. Ein Anstoß, die Vertreibung der Armenier durchzuführen, war durch die Erhebung in Wan gegeben. Einem Mann von so eisernem Willen wie Talaat Bey, der zu dem extremsten Schritte neigt, wenn er ihn für richtig hält, sich von Niemandem beeinflussen läßt und jede Art der Ausführung für gut hält, wenn sie ihn zum Ziele bringt, einem solchen Mann war mit der Erhebung in Wan die Vertreibung der Armenier zur Notwendigkeit geworden.

Welche Ungerechtigkeiten und Härten dabei unterlaufen, gilt gleich. Talaat Bey ist Optimist par excellence, insbesondere bezüglich seiner eigenen Entschlüsse. Wie er heiteren Sinnes dekretiert, so nimmt er gleichmütigalle Beschwerden entgegen. Bis vor kurzem, anfangs dieses Jahres, galt das armenische Element als das zuverlässigste, ja das allein zuverlässige von den christlichen Elementen in der Türkei. Man las es in allen Zeitungen, und die türkischen Großwürdenträger bestätigten es bei allen sich bietenden Gelegenheiten.

Seit dem März hat sich die Änderung vollzogen, so allgemein, so bestimmt, als ob die Türken bisher nicht gewußt hätten, wie gefährliche Nattern sie am Busen gewärmt hätten.

Wo keine Erfahrung die Handlungen reguliert und bestimmt, da gibts nur Willkür und Unstätigkeit. Djemal Pascha, als Marineminister, war der eifrigste Förderer des türkisch-französischen Komitees. Auch dem Todfeinde, den Russen, sollten goldene Brücken gebaut werden. Take Jonesku, der vielgenannte rumänische Minister des Innern, war der vertrauteste Freund Talaat Beys.

Was können die Armenier im allgemeinen für ein Interesse haben, sich von den Türken loszureißen? Sie haben keinen Anschluß, wie Bulgaren, Griechen und Serben in der Türkei an ihr Königreich und sehen zu klar, um den Russen zu trauen. Die Waffen aber, die die Türken bei den Armeniern fanden, waren großenteils dieselben, die sie von den Türken 1908 erhielten, damit sie dem Komitee bei der Verteidigung gegen die Reaktion Helferdienste leisten konnten. Wenn die Türken aber den Armeniern, die an der russischen Grenze echeloniert waren, nicht trauten, warum schaffte man sie mit derselben Härte wie an der russischen Grenze aus Jalova, Angora, Brussa, Kastamuni fort? Aus diesen Orten sind allein 250000 Armenier vertrieben. In 48 Stunden hatten sie ihre Wohnungen zu verlassen und in die Verbannung nach Aleppo, Zor, Hama, Mossul, ja nach dem Hauran zu gehen.

Nichts war geschehen seitens der türkischen Regierung, um die Vertriebenen an den Ort ihrer Verbannung zu befördern. Die Bahnzüge waren durch den Truppentransport besetzt. Kein Armenier fand dort Platz. Für die Sicherheit auf dem Wege war keine Fürsorge getroffen.

Die Tschettäs, die alten Baschiboschuks vom Kriege 1877/78, waren wieder da, wo billig Beute zu machen und zu morden war, ohne dabei etwas zu riskieren. So tapfer der türkische Soldat ist und so menschlich er fühlt, wenn er nicht religiös aufgestachelt wird, so feige und unmenschlich ist der Irreguläre. Daß die Tschettäs von Jungtürken angestiftet und geführt wurden, wird mit Sicherheit behauptet.

In den Plätzen, wo Massakres der armenischen Bevölkerung stattfanden, wie in Baiburt, Marasch, Schabin-Karahissar, Angora, Malatia, wurden die Männer von der Familie getrennt. Was die Weiber in der Eile zusammenraffen konnten, führten sie mit sich. Die Tschettäs folgten den Zügen der Wehrlosen, beraubten, vergewaltigten und töteten, wie es ihnen beliebte. Ein türkischer Oberstleutnant, der an den Dardanellen kämpft und mitkurzem Urlaub in der Hauptstadt eintraf, erzählte weinend, was ihm seine Verwandten aus Trapezunt und Siwas über die türkischen Massakres an den Armeniern geschrieben hatten.

Von der hohen armenischen Geistlichkeit weiß man heute nur, daß der Bischof von Smyrna am Leben ist, mit der Ermordung der meisten anderen fürchtet der Patriarch rechnen zu müssen. Was mit den armenischen Kirchen, mit den durch Jahrhunderte gesammelten Schätzen in den Kirchen geschehen ist, weiß niemand. Jede Anfrage des armenischen Patriarchen beim Minister des Innern bleibt ohne Antwort.

Die Türken lassen sich gern loben. Zu früherer Zeit hörten sie das Lob und freuten sich darüber, ohne daß das Lob eine nachhaltige Wirkung auf ihr Verhalten ausübte. Heute nehmen die Jungtürken alles Lob für bare Münze und sonnen sich an ihrer Unfehlbarkeit.

Es ist wirklich Zeit, daß die so gänzlich überflüssigen Lobhudeleien den Türken gegenüber eingestellt werden. Will man doch in den höheren Schulen in Hessen die türkische Sprache als Lehrgegenstand einsetzen. Dies zu einer Zeit, da man durch die Straßen irrt, ohne sich durch die rein türkischen Inschriften der Schilder zurecht zu finden und die Türken alle Bescheinigungen über angekommene Wertsendungen dem Europäer bis auf seinen Namen in türkischer Sprache schicken, so daß man nicht wissen kann, ob man der Empfangsberechtigte ist, oder nicht. Man darf in der Sentimentalität doch nicht zu weit gehen und den an Größenwahn Leidenden nicht immer neuen Stoff für ihren unberechtigten Dünkel zuführen. Ein inspirierter Artikel des „Hilal“ verlangt, daß deutsche Professoren, die auf der hiesigen Universität dozieren wollen, nicht ihre Dolmetscher aus der Heimat mitbringen, sondern sie hier suchen und, um mit Erfolg zu lehren, sich bemühen müßten, das Türkische so zu erlernen, daß sie die Lehrgegenstände in dieser Sprache vortrügen. Ein anderer Leitartikel des „Hilal“ stellt Enver Pascha an Dispositionsfähigkeit, Willenskraft und genialer Ausführung auf gleiche Stufe mit Hindenburg.

Ohne Voreingenommenheit sehen die Dinge aber ganz anders aus. Die Expedition nach dem Suezkanal mußte versagen, da sie zu unrichtiger Zeit und mit ungenügenden Mitteln, als dem Mangel an schweren Geschützen und an Lasttieren, Kamelen, deren Lieferung man sich rechtzeitig beschaffen mußte, unternommen war.

Im arabischen Irak wurden die Türken durch den englischen Vormarsch überrascht und hatten von den langen Vorbereitungen zur Expedition seitens der Engländer in Basra keine Kenntnis. Die Expedition nach dem Kaukasus erfolgte mit ungenügend bekleideten Truppen, deren Bedürfnisse nicht gedeckt waren. Der Typhus, dem ein Armeekorps an Zahl zum Opfer fiel, war auf die schweren Strapazen zu schieben, die den Truppen ohne Grund und ohne Resultat zugemutet wurden. Wan ist noch in den Händen der Russen,die auch in der Nähe von Erzerum sind. Zum Schutz der Dardanellen ist viel geschehen. Die Truppen sind gut ausgerüstet und werden gut verpflegt. Nach den außerordentlichen Resultaten daselbst, die sich vor den Augen Europas vollziehen, wird die Kraft der Türkei beurteilt. Und doch lägen die Dinge auch dort anders, wenn dort nur Türken kommandierten. Die Bravour der Truppen tut es nicht allein. Die Türken sind keine Systematiker. Die meisten Generale verstehen nicht zu befehlen, sie können den Unterführern nicht in die Hand arbeiten. Sie bedürfen des Lehrers, der ihnen zeigt, wie der einzelne nur im Rahmen des Ganzen mit Erfolg tätig sein kann und ihnen daher den Blick für eine Offensive eröffnet, die ihnen noch fremd ist. Deutsche Arbeit kann hierbei Großes schaffen. Ihr unvergeßlicher alter Lehrmeister v. d. Goltz Pascha müßte noch einmal die Zügel in seine feste Hand nehmen und Einheitlichkeit in das ganze Getriebe bringen.

Enver Paschas Verdienst um die Ausstattung dieser türkischen Musterarmee an den Dardanellen soll gewiß nicht verkleinert werden; er hat geschaffen, was guter Wille und Fleiß und Aufgehen im Berufe schaffen kann. Ohne die Deutschen wäre es aber nicht so gegangen, wie es gegangen ist.

v. Tyszka,Zeitungskorrespondent.

177.

(KaiserlichDeutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 30. September 1915.

An Auswärtiges Amt.

Bis Mitte September war die Anstalt in Harunijeh in ungestörtem Betrieb, obschon die armenischen Lehrer wiederholt mit Ausweisung bedroht wurden. Auf Intervention der Botschaft war die Pforte geneigt, die armenischen Lehrer und das Dienstpersonal dort zu belassen, während der Wali auf Ausweisung bestand; schließlich ist die Belassung der Lehrer unterm 25. September von der Pforte telegraphisch angeordnet worden.

Hohenlohe.


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