Oktober.178.(Auswärtiges Amt.)Notiz.Berlin, 1. Oktober 1915.Dem türkischen Botschaftsrat wurden heute eindringlich alle Argumente vor Augen geführt, die für schonende Behandlung der armenischen Bevölkerung in der Türkei sprechen. Durch Verfolgung und Vernichtung des armenischen Elementes, das einer der Hauptträger von Handel und Gewerbe in der Türkei sei, würde die Türkei selbst wirtschaftlich aufs schwerste geschädigt. Die Nachrichten über die Armenierverfolgungen erregten nicht nur im feindlichen, sondern auch im neutralen Auslande großes Aufsehen und seien für das Ansehen der türkischen Regierung abträglich. In Deutschland selbst beginne in philantropischen Kreisen lebhafte Beunruhigung sich bemerkbar zu machen.Edhem Bey versprach, mit dem Botschafter zu sprechen und auch nach Konstantinopel zu berichten. Er gab zu, daß es zu Ausschreitungen gekommen sei, wenn auch die im Auslande verbreiteten Nachrichten stark übertrieben seien. Bis zum Frühjahr dieses Jahres habe ein durchaus gutes Verhältnis zwischen Armeniern und Türken bestanden, was um so erklärlicher sei, als ja die Armenier während der Revolutionszeit mit dem Komitee sympathisiert hätten und gemeinsam mit ihm gegen das alte Regime vorgegangen seien. Der Umschwung sei erst im April eingetreten, als es während des türkischen Vormarsches nach Aserbeidschan zu einer Armenierrevolte im Rücken des türkischen Heeres gekommen sei, bei der nicht weniger als 180000 Muhammedaner umgebracht worden seien[91]. Es sei nicht verwunderlich, daß die Muhammedaner hierfür Rache genommen hätten. Der Abtransport der Armenier ins Innere sei aus militärischen Gründen und im Interesse der Selbsterhaltung der Türkei notwendig gewesen. Wenn es dabei zu Übergriffen gekommen sei, so würden diese von der Zentralregierung durchaus gemißbilligt. Bei den großen räumlichen Entfernungen und den primitiven Verhältnissen des Reichs sei die Zentralregierung leider nicht immer in der Lage, Ungeschicklichkeiten und Nachlässigkeiten unterer Behörden zu verhindern.Rosenberg.179.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 5. Oktober 1915.Der Dr. med. Roupen Tschilinguirian, eine in den hiesigen armenischen Kreisen bekannte Persönlichkeit, wurde mit vielen anderen Armeniern am 24. April d. J. verhaftet, um nach Anatolien verbannt zu werden. Ursprünglich sollte er nach Ajasch bei Angora verschickt werden, wo die schwerer belasteten Persönlichkeiten untergebracht und zum Teil in Polizeihaft gehalten wurden. Auf diesseitige Verwendung wurde er in Tschangri (Kiangri) interniert, wo sich die Verbannten frei bewegen und ihren Berufen nachgehen konnten.Frau Dr. Tschilinguirian[92]und ihre Mutter, Frau Apell, haben dann Schritte unternommen, um für den Genannten die Erlaubnis zur Rückkehr hierher und zur Übersiedelung nach Deutschland zu erwirken. Die türkischen Behörden lehnten indes beides ab, weil sie — wie aus den Äußerungen der betreffenden Beamten hervorging — den Dr. T. für einen jener „Intellektuellen“ hielten, deren Einfluß auf die Massen sie fürchteten. Wie Frau Apell hier angab, hatte zwar der Polizeipräfekt Bedri Bey geäußert, daß dem Dr. T. unter genügender Garantie für sein Wohlverhalten die Reise nach Deutschland gestattet werden könnte, doch hat Bedri Bey, als er von einem Beamten der Kaiserlichen Botschaft darüber befragt wurde, jede dahingehende Äußerung in Abrede gestellt.Schließlich versuchten noch die beiden Damen für den Dr. T. die Erlaubnis zu erwirken, seinen Aufenthalt in Angora zu nehmen, als hier am 26. August ein Telegramm von ihm einging, daß er denselben Tag nach Ajasch überführt werden sollte. Das Ministerium des Innern gab auf die diesseitigen Schreiben hin sofort telegraphische Anweisung, den Genannten in Tschangri zu belassen bzw. ihn dorthin zurückzubefördern. In Beantwortung dieses Telegramms meldete dann der Gouverneur von Tschangri unter dem 30. August, daß der Dr. T., nachdem er am 26. desselben Monats Tschangri verlassen hatte, in der Nähe von Kaledjik von Wegelagerern angefallen und umgebracht worden war, sowie daß 4 von der aus 12 Individuen bestehenden Bande durch die Behörden festgenommen waren.In VertretungFreiherr von Neurath.An den Herrn Reichskanzler.180.KaiserlichesKonsulat Aleppo.Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 9. Oktober 1915.Ankunft in Pera, den 9. Oktober 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Der armenischen Bevölkerung Urfa droht Verschickung, hat aber beschlossen, den Greueln des Verschickunsgtodes sofortiges Ende vorzuziehen und sich verbarrikadiert. Fachri Pascha soll selbst in Urfa sein, hat Armenierviertel blockiert und Zerstörung durch Artillerie angeordnet. Fortschritte der türkischen Truppen sollen bisher gering sein. Deutsche in Urfa wohlbehalten.Hoffmann.181.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Abgang aus Pera, den 13. Oktober 1915.Ankunft in Berlin, den 14. Oktober 1915.Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.Von Seiner Heiligkeit dem Papst ist an den Sultan ein Handschreiben gerichtet worden, in welchem dessen Mitleid für die verfolgten Armenier in Anspruch genommen wird. Monsignore Dolci war von der Kurie beauftragt, dem Sultan das Handschreiben in besonderer Audienz zu übergeben. Da die Pforte in der päpstlichen Kundgebung eine Kritik ihrer eigenen Politik erblickte und den Standpunkt einnahm, daß, solange die diplomatischen Beziehungen nicht hergestellt seien, der päpstliche Delegierte nicht offiziell vom Sultan empfangen werden könne, hatten seine Bemühungen bisher keinen Erfolg. Auf Bitte Dolcis habe ich dem Großwesir vorgestellt, daß gerade das päpstliche Handschreiben der Pforte Gelegenheit biete, in ihrer Antwort den türkischen Standpunkt zu der Armenierfrage darzulegen. Der offizielle Empfang des Delegierten durch den Sultan werde überall den Eindruck hervorrufen, als ob die diplomatischen Beziehungen im Begriff ständen, hergestellt zu werden oder hergestellt seien.Der Großwesir ließ sich überzeugen und stellte in Aussicht, daß Audienz gewährt werde.Wangenheim.182.Deutsche Realschule in Aleppo.Aleppo, den 15. Oktober 1915.Als Lehrer einer deutschen Schule, der sich ein weites Feld der Tätigkeit eröffnet hat, halten wir Unterzeichneten es für unsere Pflicht, das Auswärtige Amt auf die traurige Wirkung hinzuweisen, die diese hoffnungsvolle Arbeit durch die Gräßlichkeiten erleidet, die sich in der Austreibung der Armenier tagtäglich vor unseren Augen abspielen.Wir wollen nicht bei den blutigen Greueln verweilen, mit denen die Wegführung der Armenier aus ihrem Gebirgslande zu beginnen pflegt; den Tausenden von Männern, die abgesondert oder manchmal vor den Augen der ihrigen abgeschlachtet wurden; nicht bei den zahllosen Mädchen, Frauen und Kindern, die der Schändung oder der Verstümmelung durch ihre Wächter und deren Spießgesellen anheimfielen und deren nackte Leichen an den Wegen liegen, die die immer neuen Scharen der Verbannten wandern müssen; nicht bei den unsäglichen Roheiten, dem Verdursten, dem Hunger, die die übriggebliebenen, meist bis aufs letzte ausgeplünderten Witwen und Waisen dezimierten, ehe sie, oft zu Gerippen geworden, hier anlangen, um dann vielleicht — eine von sechs, die auszogen — auf einem ähnlichen Leidenswege ohne Existenzmöglichkeit wieder in die Wüste geschickt zu werden, auf daß der armenische Name verschwinde.Das alles, nehmen wir an, wird dem Auswärtigen Amt durch seine Vertreter hier im Lande bekannt sein.Dagegen sei uns erlaubt, einen kleinen Ausschnitt aus dem Massenelend dieser Volksvertilgung zu beleuchten, einen Ausschnitt, der uns dicht unmittelbar neben unserer Schule, nur durch eine schmale Gasse getrennt, entgegentritt.Es ist da ein alter großer Chan, den die türkischen Behörden den Armeniern für ihre Vertriebenen, besonders die schwer Kranken, zur Verfügung gestellt haben. Also eine Art Krankenhaus, sollte man meinen. Treten wir durch den engen, schmalen Gang ein.Einige Gewölbe, mit elenden, ausgemergelten Gestalten, in Lumpen gehüllt, auf der nackten Erde, bestenfalls auf einigen ärmlichen Resten ihrer fahrenden Habe gelagert. Frauen und Kinder. Hin und wieder ein Greis. Das Mannesalter fehlt.Wir treten auf den Hof. Er ist ein einziger Abort geworden. Am Rande, vor jenen Gewölben, Haufen von Kranken, Sterbenden, Toten, durcheinander in ihrem Unrat liegend. Millionen Fliegen auf den erschöpften Kranken und auf den Leichen. Stöhnen, Wimmern, hier und da ein Schrei nach dem Arzt, eine Klage wegen der von Hunderten von Fliegen gepeinigten Augenhöhlen. Neben der nackten Leiche eines Greises zwei Kinder, die ihre Notdurft verrichten.Wir steigen über den mit Exkrementen bedeckten Hof in ein Gewölbe. Ein Dutzend Kinder, halb verhungert, stumpf; einige sterbende — oder tote? — darunter. Keiner nimmt sich ihrer an. Aus einer finsteren Nische wurde eine halbverweste Knabenleiche hervorgezogen, auf die man erst durch den Verwesungsgeruch aufmerksam geworden war. Da sind Waisen, deren Mütter in diesen letzten Tagen in diesen Räumen starben. Kein Arzt erscheint hier. Keine Arznei bringt Linderung. Auch sie sind einem schrecklichen Tode geweiht. Sie werden verhungern. Die Regierung liefert diesem „Krankenhause“ Linsen oder Burgul (eine Art Weizenschrot), oder schwarzes Soldatenbrot. Der geschwächte Magen dieser elenden, oft Wochen, ja Monate durch wasserlose Hitze getriebenen Geschöpfe verträgt solche Nahrung nicht mehr, die ohnehin nicht entfernt hinreichen würde. Dysenterie, Entkräftung, Typhus folgen.Inzwischen sind Lastträger mit Särgen erschienen. Ein Teil der in den letzten Tagen Gestorbenen wird, wie sie sind, hineingelegt, zum nächsten Kirchhof getragen, in das Massengrab entleert. Der Transport mit Särgen (die bloße Traggelegenheit sind) genügt nicht; sterben doch täglich 100 bis 150 der hierher gelangten Überlebenden; auf Lastwagen werden die Leichen ladungsweise abgefahren; eine Plane deckt das Schlimmste. Beine, ein Kopf hier und da, baumeln herunter, wie der Karren über die Straße rattert.Unmittelbar neben dem Schauplatz dieser Szenen sind wir deutschen Lehrer gezwungen, unsere Schüler einzuführen in deutsche Kultur. Sie haben vielleicht auf dem Gange zur Schule einen solchen Wagen voll Leichen gekreuzt oder das Stöhnen der elenden Opfer aus dem offenen Fenster der Gewölbe gehört oder sind von den Jammergestalten angebettelt worden, die, um Luft zu schöpfen, auf die enge Straße hinausgekrochen sind, aber in ihrer Schwäche sich nicht wieder haben zurückschleppen können, und die nun fliegenbedeckt und sterbend auf der Straße liegen.In welcher Stimmung sollen die Schüler, wenn sie Armenier sind, sich von uns, ihren Lehrern, in Geschichte und Heimatkunde, in Religion u. a. unterweisen lassen, wenn in den der Schule benachbarten Höfen ihre Volksgenossen verhungern?!Ja, glaubt man, daß die muhammedanischen Kinder nicht irre werden, wenn sie angesichts solcher Bilder unsere Lehren hören? Gibt es doch zahllose, anständige Muhammedaner, die dieses Massenmorden an unschuldigen Frauen und Kindern voll Abscheu als Sünde wider die Gebote Gottes des Barmherzigen verurteilen und, nicht fassend, daß ihre eigene Regierung die Urheberin solcher sündhaften Greuel sein könne, in den Deutschen die Urheber suchen. Gräßliche Flecken drohen hier dem Ehrenschilde Deutschlands in der zukünftigen geschichtlichen Erinnerung der morgenländischen Völker!Es ist nicht unsere Sache, die politische Berechtigung der Vertreibungder Armenier aus ihrem Gebirgslande zu erörtern. Darauf aber wollen und müssen wir mit lauter Stimme hinweisen: daß die deutsche Schularbeit bei der Fortdauer dieser gräßlichen Art der Vertreibung in Form eines Massenmordens an Frauen und Kindern, eines Massenmordens, wie es die Geschichte wohl noch nicht erlebt hat, in diesem Lande einen nicht wieder gut zu machenden Schaden erleidet.Wir haben die Zuversicht zu dem Auswärtigen Amt, daß es seinem Einfluß gelingt, diesem schmählichen Morden noch in letzter Stunde Halt zu gebieten und uns deutsche Lehrer von der Scham zu befreien, die uns der Verdacht der Mittäterschaft schon jetzt hier — bei Christen und Muhammedanern — wie aber später erst in der ganzen Welt! — täglich mehr auf der Seele lasten läßt.Oberlehrer Dr. Niepage.Die Darstellung des Kollegen Dr. Niepage übertreibt in keiner Weise. Wir atmen hier seit Monaten Leichengeruch und leben unter Sterbenden. Nur die Hoffnung auf ein baldiges Ende des himmelschreienden Zustandes erlaubt uns noch, an der Schule weiter zu arbeiten, und der Wille, der hiesigen nichttürkischen Bevölkerung mit unseren schwachen Hilfskräften zu beweisen, daß wir Deutsche persönlich nichts mit den entsetzlichen Methoden dieses Landes zu tun haben.Schuldirektor Huber.Eduard Graeter, Dr. phil.Marie Spieker.An das Auswärtige Amt, Berlin.183.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.Abgang aus Pera, den 15. Oktober 1915.Ankunft in Berlin, den 15. Oktober 1915.Der amerikanische Botschafter, Herr Morgenthau, mit welchem ich den im englischen Oberhaus und in der feindlichen Presse gegen die deutsche Regierung und die deutschen konsularischen Vertreter in der Türkei erhobenen Vorwurf der Begünstigung der Armenierverfolgungen besprochen habe, betonte wiederholt, er wisse genau, daß deutscherseits alles geschehen sei, um Ausschreitungen zu verhindern und um die türkische Regierung von ihrem Vorgehen gegen den unschuldigen Teil der Armenier abzubringen. Auch sei ihm aus Berichten seiner Konsuln bekannt, daß sich die deutschen Konsuln stets und überall der Armenier angenommen haben.Wangenheim.184.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 15. Oktober 1915.Der Inhalt der hierher gelangten Meldung über die Metzeleien von Djezireh ist seinerzeit dem Ministerium des Innern mitgeteilt worden, das angeblich keine Kenntnis von diesen Vorfällen hatte. Als der Minister kürzlich von neuem darüber interpelliert wurde, erklärte er, daß er die fraglichen Nachrichten in Abrede stellen müsse; in der Türkei kämen keine Massakres vor. Aus dieser wenig befriedigenden Antwort dürfte zu schließen sein, daß es tatsächlich in Djezireh zu Ausschreitungen gekommen ist und die Pforte durch ein Dementi sich unbequemen Erörterungen entziehen zu können glaubt.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.185.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 18. Oktober 1915.Ankunft in Pera, den 19. Oktober 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Gestern wurde Räumung der Stadt von verschickten Armeniern (20000) binnen 14 Tagen angeordnet. Einstweilen Sammlung in Konzentrationslagern außerhalb der Stadt. Südlich Taurus soll Eisenbahn nicht mehr zur Verschickung benutzt werden. Familien ohne eigene Fuhrmittel werden zu Fuß abtransportiert. Jede Familie soll ein Kamel für Gepäck erhalten, welches aber notgedrungen oftmals zurückbleibt. Nach Angabe des Direktors der politischen Angelegenheiten des Wilajets sind bei Radju und Katma 40000 konzentriert. Weitere Scharen aus West-Mittel-Nord-Anatolien im Anzug. Zur „Ansiedelung“ nach Süden (westlicher Hauran, Rakka, Der-es-Zor) weitergesandt 300000. Diese werden nach genanntem Beamten am Ziel notgedrungen sich selbst überlassen und „werden alle sterben“; die Regierung hätte „vielleicht“ im Frieden Ansiedlung fertiggebracht, obwohl Ansiedlung von Muhammedanern vielfach ebenso gescheitert, habe aber jetzt weder Geld noch Beamte. Jedenfalls fehlt zur Ansiedlung alles und jedes, für Konzentrationslager werden weder Zelte noch ausreichendes Mehl, noch Brennmaterialien geliefert; verschickten Bauern sind von Behörde selbstHacken, Spaten abgenommen. Allgemeine Überzeugung, daß sämtliche Verschickte dem Tode verfallen. Einverständnis Deutschlands mit diesem Massenmord wird übrigens nicht nur von gesamten Christen, sondern, teils billigend, teils aber auch mißbilligend, von muhammedanischer Bevölkerung des Landes angenommen.Hoffmann.186.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 18. Oktober 1915.Ankunft in Pera, den 19. Oktober 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Seit heute wird bemittelten Armeniern Benutzung Bahn oder eigenes Fuhrwerk behufs Selbstansiedelung gestattet. Wenn unsererseits noch Eindämmung dieses schon rein wirtschaftlich betrachtet unsinnigen Massenmordes beabsichtigt und möglich sein sollte, so käme in Frage: 1. Belassung aller, die noch nicht verschickt sind, vor allem auch der ansässigen Bevölkerung Aleppos (die ebenfalls Verschickungsorder fürchtet), sowie derjenigen Verschickten, die feste Wohnung in Städten gefunden. 2. Sofortige Organisation der Ansiedlung unter Opferung bedeutender Mittel; dabei stärkere Heranziehung der Städte wie Damaskus, Hama, Homs, sowie ihrer Umgebung, eventuell nur vorläufig der leichteren Unterbringung halber. 3. Gestattung Auswanderung.Nachdem die Pforte selbst kürzlich zahlreiche feindliche Ausländer aus Syrien (Urfa) ausgewiesen, dürften militärische Bedenken unerheblich sein.Hoffmann.187.(Auswärtiges Amt.)Berlin, den 20. Oktober 1915.Der Verweser des Kaiserlichen Konsulats in Erzerum hat mir Abschrift des der Kaiserlichen Botschaft unter dem 5. August d. J. erstatteten Berichts über die Armenierfrage eingereicht.Ich bin mit der Haltung des Kaiserlichen Vertreters in Erzerum zur armenischen Frage einverstanden und kann es nur begrüßen, wenn er sichder armenischen Bevölkerung nach Möglichkeit angenommen hat. Ebenso stimme ich dem von ihm geplanten Versuche zu, durch Anbahnung einer Verständigung zwischen den türkischen Vertretern und den Führern der Daschnakzagan-Partei einen erträglichen Modus vivendi herzustellen.Ew. Exzellenz bitte ich Herrn von Scheubner-Richter entsprechend zu bescheiden.Zimmermann.Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen BotschafterHerrn Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.188.KaiserlichDeutsches Konsulat.Aleppo, den 25. Oktober 1915.Euerer Exzellenz beehre ich mich auf die in der „Westminster Gazette“[93]gegen mich erhobenen Beschuldigungen, ich hätte die türkische Bewegung gegen die Armenier geleitet und ermutigt, in der Anlage mit dem Anheimstellen geeignet scheinender Verwendung zwei Briefe zu überreichen, welche dartun, wie die amerikanische Mission in Marasch über meine Wirksamkeit in dieser Stadt aus Anlaß meiner Dienstreise vom 28. März bis 10. April d. J. gedacht hat. Der erste dieser Briefe ist an den deutschen Missionar Herrn Blank gerichtet. Der Verfasser E. C. Woodley ist englischer Staatsangehöriger (Kanadier) und befindet sich noch jetzt an der Spitze der amerikanischen Mission in Marasch. Der zweite Brief ist vom Vorstand der Mission, an erster Stelle wieder von Herrn Woodley an mich selbst gerichtet und drückt mir den Wunsch aus, dahin zu wirken, daß Herr Blank zum deutschen Konsularagenten in Marasch ernannt werde; offenbar in der Überzeugung, daß damit auch den amerikanischen Missionsinteressen gedient sein würde. Es hätte nicht geschehen können, wenn die Amerikaner und in erster Linie Mr. Woodley nicht volles Vertrauen zu meinen Bestrebungen, mildernd zu wirken und unnötiges Unheil abzuwenden, gehabt hätten. Ein Beweis auch für die Stärke der europäischen Kulturgemeinschaft, deren Empfindung unter den besonderen Verhältnissen von Marasch trotz des Weltkrieges sich geltend machte. Beide Äußerungen der Mission sind spontan erfolgt und in keiner Weise von mir hervorgerufen worden. Ich bedurfte solcher Äußerungen nicht und konnte nicht voraussehen, daß sie von mir einst noch zur Abwehr feindlicher Verleumdungen gebraucht werden könnten. Wenn die Missionare nicht die Ernennung eines Konsularagenten ihrer eigenen Nationalitätherbeizuführen bestrebt waren, so geschah es, weil sie eine prinzipielle Entscheidung der amerikanischen Regierung kannten, nicht einen Missionar zum Konsularagenten zu ernennen.Je eine der Abschriften ist vom hiesigen amerikanischen Konsul beglaubigt.Rößler.Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen BotschafterHerrn Freiherrn von Wangenheim.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Abschriftlich nebst 2 OriginalanlagenSeiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst vorgelegt.Pera, den 9. November 1915.Neurath.Anlage 1.Le Matin.Les Allemands Assassins.Londres, 30 Septembre. — On mande du Caire au Times:„Plusieurs consuls allemands ont dirigé ou encouragé les massacres des Arméniens.„On cite notamment M. Roessler, consul à Alep, qui s’est rendu à Aintab pour diriger en personne des massacres, et le fameux baron Oppenheim[94], qui a donné l’idée de transporter les femmes et les enfants appartenant aux nations alliées à Ourfa, sachant bien que ces malheureux ne pourraient éviter d’y voir les actes barbares commis par les troupes dans les rues mêmes de la ville qui sont littéralement inondées de sang.“ (Havas.)Anlage 2.(Reuter-Telegramm.)Amsterdam, den 7. Oktober, 8 Uhr 44 Min. N.Wie Reuter meldet, beschäftigte sich gestern englisches Oberhaus mit böser Lage der Armenier. Lord Cromer sagte, daß nicht weniger als 800000 getötet seien. Obschon er keine direkten Beweise für Deutschlands Mitschuldhabe, sei es doch infolge großen Einflusses auf Türkei zweifellos dafür verantwortlich. Lord Crewe erklärte, daß es nützlich sei, wenn Tatsachen der ganzen Welt bekanntgegeben werden, soweit diese amtlich bestätigt seien, und hinzufügte, daß Regierung keine amtliche Bestätigung von Deutschlands Mitschuld erhalten könnte. Daß aber deutsche Konsularbeamte in Kleinasien nicht nur zugesehen, sondern zu diesen Greueltaten kräftig aufgemuntert haben, sei aus Berichten amerikanischer Augenzeugen ersichtlich, und aus dem, was Deutsche an anderen Stellen getan haben, sei es nicht unwahrscheinlich, daß ihre Mitschuld auch hier in Frage kommt. Lord Crewe, der Vorsitzende des Ausschusses ist und Untersuchung leitet, gab dann noch einige Greueltaten zur Kenntnis, so wurden z. B. in Trapezunt gesamte Bevölkerung armenischer Abstammung in Booten auf See geführt und ertränkt. Daß Gesamtzahl Opfer 800000 betrage, sei ihm sehr wahrscheinlich.Anlage 3.March 31st 1915.Dear Herr Blank,Let me congratulate your Consul, through you on the success thus far since coming to Marash. There is a distinct improvement in the general condition, which we are very ready to attribute to his influence. We hope he will be able to remain here long enough to secure that any pledges given to him will be faithfully carried out. Kindly express our gratitude to him.With kind regardsYours cordiallyE. C. Woodley.Anlage 4.Marash, April. 2nd 1915.Mr. Rößler, Consul of the Imperial German Government at Aleppo, Marash.Sir,We desire to express our sense of the value of your present visit to Marash and that its results may be permanently secured, venture to approach you with the hereafter mentioned request.It is unnecessary for us to set forth here the critical state of affairs in Marash, in recent weeks, inasmuch as you are fully acquainted with it. We rejoice that your influence has already made itself felt for good. Our fear, however, is that, when the restraint of your official presence is removed,the former conditions will return. We feel very strongly that there should be some official representative or representatives of Foreign Powers in Marash, at least until a more normal state obtains.No one knows the situation here better than Mr. Karl Blank, and in view of this fact, we desire to prefer the following request.As members of the American Mission we would unitedly request you to use your influence to secure the appointment of Mr. Blank as an official representative in Marash[95], of the Imperial German Government, promising to support him in every way possible in any action he may take for the safeguarding of all the interests of the various communities here.Trusting that this request may meet with your approval, and expressing again our gratitude for what you have already done to secure better conditions here, we remainYours respectfullyThe American Mission in MarashE. C. Woodley, ChairmanJames K. Lyman, Vice-ChairmanKate E. Ainslie, Secretary.Anlage 5.Central Turkey CollegeAintab, Turkey-in-Asia.Aleppo, December 9, 1915.Hon. Walter Rößler, Imperial German Consul, Aleppo.Sir,Replying to your note of the 4th inst, I have the honour to state that no disturbances have occurred in Aintab[96].RespectfullyJ. E. Merrill.
Oktober.
178.
(Auswärtiges Amt.)
Notiz.
Berlin, 1. Oktober 1915.
Dem türkischen Botschaftsrat wurden heute eindringlich alle Argumente vor Augen geführt, die für schonende Behandlung der armenischen Bevölkerung in der Türkei sprechen. Durch Verfolgung und Vernichtung des armenischen Elementes, das einer der Hauptträger von Handel und Gewerbe in der Türkei sei, würde die Türkei selbst wirtschaftlich aufs schwerste geschädigt. Die Nachrichten über die Armenierverfolgungen erregten nicht nur im feindlichen, sondern auch im neutralen Auslande großes Aufsehen und seien für das Ansehen der türkischen Regierung abträglich. In Deutschland selbst beginne in philantropischen Kreisen lebhafte Beunruhigung sich bemerkbar zu machen.
Edhem Bey versprach, mit dem Botschafter zu sprechen und auch nach Konstantinopel zu berichten. Er gab zu, daß es zu Ausschreitungen gekommen sei, wenn auch die im Auslande verbreiteten Nachrichten stark übertrieben seien. Bis zum Frühjahr dieses Jahres habe ein durchaus gutes Verhältnis zwischen Armeniern und Türken bestanden, was um so erklärlicher sei, als ja die Armenier während der Revolutionszeit mit dem Komitee sympathisiert hätten und gemeinsam mit ihm gegen das alte Regime vorgegangen seien. Der Umschwung sei erst im April eingetreten, als es während des türkischen Vormarsches nach Aserbeidschan zu einer Armenierrevolte im Rücken des türkischen Heeres gekommen sei, bei der nicht weniger als 180000 Muhammedaner umgebracht worden seien[91]. Es sei nicht verwunderlich, daß die Muhammedaner hierfür Rache genommen hätten. Der Abtransport der Armenier ins Innere sei aus militärischen Gründen und im Interesse der Selbsterhaltung der Türkei notwendig gewesen. Wenn es dabei zu Übergriffen gekommen sei, so würden diese von der Zentralregierung durchaus gemißbilligt. Bei den großen räumlichen Entfernungen und den primitiven Verhältnissen des Reichs sei die Zentralregierung leider nicht immer in der Lage, Ungeschicklichkeiten und Nachlässigkeiten unterer Behörden zu verhindern.
Rosenberg.
179.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 5. Oktober 1915.
Der Dr. med. Roupen Tschilinguirian, eine in den hiesigen armenischen Kreisen bekannte Persönlichkeit, wurde mit vielen anderen Armeniern am 24. April d. J. verhaftet, um nach Anatolien verbannt zu werden. Ursprünglich sollte er nach Ajasch bei Angora verschickt werden, wo die schwerer belasteten Persönlichkeiten untergebracht und zum Teil in Polizeihaft gehalten wurden. Auf diesseitige Verwendung wurde er in Tschangri (Kiangri) interniert, wo sich die Verbannten frei bewegen und ihren Berufen nachgehen konnten.
Frau Dr. Tschilinguirian[92]und ihre Mutter, Frau Apell, haben dann Schritte unternommen, um für den Genannten die Erlaubnis zur Rückkehr hierher und zur Übersiedelung nach Deutschland zu erwirken. Die türkischen Behörden lehnten indes beides ab, weil sie — wie aus den Äußerungen der betreffenden Beamten hervorging — den Dr. T. für einen jener „Intellektuellen“ hielten, deren Einfluß auf die Massen sie fürchteten. Wie Frau Apell hier angab, hatte zwar der Polizeipräfekt Bedri Bey geäußert, daß dem Dr. T. unter genügender Garantie für sein Wohlverhalten die Reise nach Deutschland gestattet werden könnte, doch hat Bedri Bey, als er von einem Beamten der Kaiserlichen Botschaft darüber befragt wurde, jede dahingehende Äußerung in Abrede gestellt.
Schließlich versuchten noch die beiden Damen für den Dr. T. die Erlaubnis zu erwirken, seinen Aufenthalt in Angora zu nehmen, als hier am 26. August ein Telegramm von ihm einging, daß er denselben Tag nach Ajasch überführt werden sollte. Das Ministerium des Innern gab auf die diesseitigen Schreiben hin sofort telegraphische Anweisung, den Genannten in Tschangri zu belassen bzw. ihn dorthin zurückzubefördern. In Beantwortung dieses Telegramms meldete dann der Gouverneur von Tschangri unter dem 30. August, daß der Dr. T., nachdem er am 26. desselben Monats Tschangri verlassen hatte, in der Nähe von Kaledjik von Wegelagerern angefallen und umgebracht worden war, sowie daß 4 von der aus 12 Individuen bestehenden Bande durch die Behörden festgenommen waren.
In VertretungFreiherr von Neurath.
An den Herrn Reichskanzler.
180.
KaiserlichesKonsulat Aleppo.
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 9. Oktober 1915.Ankunft in Pera, den 9. Oktober 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Der armenischen Bevölkerung Urfa droht Verschickung, hat aber beschlossen, den Greueln des Verschickunsgtodes sofortiges Ende vorzuziehen und sich verbarrikadiert. Fachri Pascha soll selbst in Urfa sein, hat Armenierviertel blockiert und Zerstörung durch Artillerie angeordnet. Fortschritte der türkischen Truppen sollen bisher gering sein. Deutsche in Urfa wohlbehalten.
Hoffmann.
181.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Pera, den 13. Oktober 1915.Ankunft in Berlin, den 14. Oktober 1915.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Von Seiner Heiligkeit dem Papst ist an den Sultan ein Handschreiben gerichtet worden, in welchem dessen Mitleid für die verfolgten Armenier in Anspruch genommen wird. Monsignore Dolci war von der Kurie beauftragt, dem Sultan das Handschreiben in besonderer Audienz zu übergeben. Da die Pforte in der päpstlichen Kundgebung eine Kritik ihrer eigenen Politik erblickte und den Standpunkt einnahm, daß, solange die diplomatischen Beziehungen nicht hergestellt seien, der päpstliche Delegierte nicht offiziell vom Sultan empfangen werden könne, hatten seine Bemühungen bisher keinen Erfolg. Auf Bitte Dolcis habe ich dem Großwesir vorgestellt, daß gerade das päpstliche Handschreiben der Pforte Gelegenheit biete, in ihrer Antwort den türkischen Standpunkt zu der Armenierfrage darzulegen. Der offizielle Empfang des Delegierten durch den Sultan werde überall den Eindruck hervorrufen, als ob die diplomatischen Beziehungen im Begriff ständen, hergestellt zu werden oder hergestellt seien.
Der Großwesir ließ sich überzeugen und stellte in Aussicht, daß Audienz gewährt werde.
Wangenheim.
182.
Deutsche Realschule in Aleppo.
Aleppo, den 15. Oktober 1915.
Als Lehrer einer deutschen Schule, der sich ein weites Feld der Tätigkeit eröffnet hat, halten wir Unterzeichneten es für unsere Pflicht, das Auswärtige Amt auf die traurige Wirkung hinzuweisen, die diese hoffnungsvolle Arbeit durch die Gräßlichkeiten erleidet, die sich in der Austreibung der Armenier tagtäglich vor unseren Augen abspielen.
Wir wollen nicht bei den blutigen Greueln verweilen, mit denen die Wegführung der Armenier aus ihrem Gebirgslande zu beginnen pflegt; den Tausenden von Männern, die abgesondert oder manchmal vor den Augen der ihrigen abgeschlachtet wurden; nicht bei den zahllosen Mädchen, Frauen und Kindern, die der Schändung oder der Verstümmelung durch ihre Wächter und deren Spießgesellen anheimfielen und deren nackte Leichen an den Wegen liegen, die die immer neuen Scharen der Verbannten wandern müssen; nicht bei den unsäglichen Roheiten, dem Verdursten, dem Hunger, die die übriggebliebenen, meist bis aufs letzte ausgeplünderten Witwen und Waisen dezimierten, ehe sie, oft zu Gerippen geworden, hier anlangen, um dann vielleicht — eine von sechs, die auszogen — auf einem ähnlichen Leidenswege ohne Existenzmöglichkeit wieder in die Wüste geschickt zu werden, auf daß der armenische Name verschwinde.
Das alles, nehmen wir an, wird dem Auswärtigen Amt durch seine Vertreter hier im Lande bekannt sein.
Dagegen sei uns erlaubt, einen kleinen Ausschnitt aus dem Massenelend dieser Volksvertilgung zu beleuchten, einen Ausschnitt, der uns dicht unmittelbar neben unserer Schule, nur durch eine schmale Gasse getrennt, entgegentritt.
Es ist da ein alter großer Chan, den die türkischen Behörden den Armeniern für ihre Vertriebenen, besonders die schwer Kranken, zur Verfügung gestellt haben. Also eine Art Krankenhaus, sollte man meinen. Treten wir durch den engen, schmalen Gang ein.
Einige Gewölbe, mit elenden, ausgemergelten Gestalten, in Lumpen gehüllt, auf der nackten Erde, bestenfalls auf einigen ärmlichen Resten ihrer fahrenden Habe gelagert. Frauen und Kinder. Hin und wieder ein Greis. Das Mannesalter fehlt.
Wir treten auf den Hof. Er ist ein einziger Abort geworden. Am Rande, vor jenen Gewölben, Haufen von Kranken, Sterbenden, Toten, durcheinander in ihrem Unrat liegend. Millionen Fliegen auf den erschöpften Kranken und auf den Leichen. Stöhnen, Wimmern, hier und da ein Schrei nach dem Arzt, eine Klage wegen der von Hunderten von Fliegen gepeinigten Augenhöhlen. Neben der nackten Leiche eines Greises zwei Kinder, die ihre Notdurft verrichten.
Wir steigen über den mit Exkrementen bedeckten Hof in ein Gewölbe. Ein Dutzend Kinder, halb verhungert, stumpf; einige sterbende — oder tote? — darunter. Keiner nimmt sich ihrer an. Aus einer finsteren Nische wurde eine halbverweste Knabenleiche hervorgezogen, auf die man erst durch den Verwesungsgeruch aufmerksam geworden war. Da sind Waisen, deren Mütter in diesen letzten Tagen in diesen Räumen starben. Kein Arzt erscheint hier. Keine Arznei bringt Linderung. Auch sie sind einem schrecklichen Tode geweiht. Sie werden verhungern. Die Regierung liefert diesem „Krankenhause“ Linsen oder Burgul (eine Art Weizenschrot), oder schwarzes Soldatenbrot. Der geschwächte Magen dieser elenden, oft Wochen, ja Monate durch wasserlose Hitze getriebenen Geschöpfe verträgt solche Nahrung nicht mehr, die ohnehin nicht entfernt hinreichen würde. Dysenterie, Entkräftung, Typhus folgen.
Inzwischen sind Lastträger mit Särgen erschienen. Ein Teil der in den letzten Tagen Gestorbenen wird, wie sie sind, hineingelegt, zum nächsten Kirchhof getragen, in das Massengrab entleert. Der Transport mit Särgen (die bloße Traggelegenheit sind) genügt nicht; sterben doch täglich 100 bis 150 der hierher gelangten Überlebenden; auf Lastwagen werden die Leichen ladungsweise abgefahren; eine Plane deckt das Schlimmste. Beine, ein Kopf hier und da, baumeln herunter, wie der Karren über die Straße rattert.
Unmittelbar neben dem Schauplatz dieser Szenen sind wir deutschen Lehrer gezwungen, unsere Schüler einzuführen in deutsche Kultur. Sie haben vielleicht auf dem Gange zur Schule einen solchen Wagen voll Leichen gekreuzt oder das Stöhnen der elenden Opfer aus dem offenen Fenster der Gewölbe gehört oder sind von den Jammergestalten angebettelt worden, die, um Luft zu schöpfen, auf die enge Straße hinausgekrochen sind, aber in ihrer Schwäche sich nicht wieder haben zurückschleppen können, und die nun fliegenbedeckt und sterbend auf der Straße liegen.
In welcher Stimmung sollen die Schüler, wenn sie Armenier sind, sich von uns, ihren Lehrern, in Geschichte und Heimatkunde, in Religion u. a. unterweisen lassen, wenn in den der Schule benachbarten Höfen ihre Volksgenossen verhungern?!
Ja, glaubt man, daß die muhammedanischen Kinder nicht irre werden, wenn sie angesichts solcher Bilder unsere Lehren hören? Gibt es doch zahllose, anständige Muhammedaner, die dieses Massenmorden an unschuldigen Frauen und Kindern voll Abscheu als Sünde wider die Gebote Gottes des Barmherzigen verurteilen und, nicht fassend, daß ihre eigene Regierung die Urheberin solcher sündhaften Greuel sein könne, in den Deutschen die Urheber suchen. Gräßliche Flecken drohen hier dem Ehrenschilde Deutschlands in der zukünftigen geschichtlichen Erinnerung der morgenländischen Völker!
Es ist nicht unsere Sache, die politische Berechtigung der Vertreibungder Armenier aus ihrem Gebirgslande zu erörtern. Darauf aber wollen und müssen wir mit lauter Stimme hinweisen: daß die deutsche Schularbeit bei der Fortdauer dieser gräßlichen Art der Vertreibung in Form eines Massenmordens an Frauen und Kindern, eines Massenmordens, wie es die Geschichte wohl noch nicht erlebt hat, in diesem Lande einen nicht wieder gut zu machenden Schaden erleidet.
Wir haben die Zuversicht zu dem Auswärtigen Amt, daß es seinem Einfluß gelingt, diesem schmählichen Morden noch in letzter Stunde Halt zu gebieten und uns deutsche Lehrer von der Scham zu befreien, die uns der Verdacht der Mittäterschaft schon jetzt hier — bei Christen und Muhammedanern — wie aber später erst in der ganzen Welt! — täglich mehr auf der Seele lasten läßt.
Oberlehrer Dr. Niepage.
Die Darstellung des Kollegen Dr. Niepage übertreibt in keiner Weise. Wir atmen hier seit Monaten Leichengeruch und leben unter Sterbenden. Nur die Hoffnung auf ein baldiges Ende des himmelschreienden Zustandes erlaubt uns noch, an der Schule weiter zu arbeiten, und der Wille, der hiesigen nichttürkischen Bevölkerung mit unseren schwachen Hilfskräften zu beweisen, daß wir Deutsche persönlich nichts mit den entsetzlichen Methoden dieses Landes zu tun haben.
Schuldirektor Huber.Eduard Graeter, Dr. phil.Marie Spieker.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
183.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Abgang aus Pera, den 15. Oktober 1915.Ankunft in Berlin, den 15. Oktober 1915.
Der amerikanische Botschafter, Herr Morgenthau, mit welchem ich den im englischen Oberhaus und in der feindlichen Presse gegen die deutsche Regierung und die deutschen konsularischen Vertreter in der Türkei erhobenen Vorwurf der Begünstigung der Armenierverfolgungen besprochen habe, betonte wiederholt, er wisse genau, daß deutscherseits alles geschehen sei, um Ausschreitungen zu verhindern und um die türkische Regierung von ihrem Vorgehen gegen den unschuldigen Teil der Armenier abzubringen. Auch sei ihm aus Berichten seiner Konsuln bekannt, daß sich die deutschen Konsuln stets und überall der Armenier angenommen haben.
Wangenheim.
184.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 15. Oktober 1915.
Der Inhalt der hierher gelangten Meldung über die Metzeleien von Djezireh ist seinerzeit dem Ministerium des Innern mitgeteilt worden, das angeblich keine Kenntnis von diesen Vorfällen hatte. Als der Minister kürzlich von neuem darüber interpelliert wurde, erklärte er, daß er die fraglichen Nachrichten in Abrede stellen müsse; in der Türkei kämen keine Massakres vor. Aus dieser wenig befriedigenden Antwort dürfte zu schließen sein, daß es tatsächlich in Djezireh zu Ausschreitungen gekommen ist und die Pforte durch ein Dementi sich unbequemen Erörterungen entziehen zu können glaubt.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
185.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 18. Oktober 1915.Ankunft in Pera, den 19. Oktober 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Gestern wurde Räumung der Stadt von verschickten Armeniern (20000) binnen 14 Tagen angeordnet. Einstweilen Sammlung in Konzentrationslagern außerhalb der Stadt. Südlich Taurus soll Eisenbahn nicht mehr zur Verschickung benutzt werden. Familien ohne eigene Fuhrmittel werden zu Fuß abtransportiert. Jede Familie soll ein Kamel für Gepäck erhalten, welches aber notgedrungen oftmals zurückbleibt. Nach Angabe des Direktors der politischen Angelegenheiten des Wilajets sind bei Radju und Katma 40000 konzentriert. Weitere Scharen aus West-Mittel-Nord-Anatolien im Anzug. Zur „Ansiedelung“ nach Süden (westlicher Hauran, Rakka, Der-es-Zor) weitergesandt 300000. Diese werden nach genanntem Beamten am Ziel notgedrungen sich selbst überlassen und „werden alle sterben“; die Regierung hätte „vielleicht“ im Frieden Ansiedlung fertiggebracht, obwohl Ansiedlung von Muhammedanern vielfach ebenso gescheitert, habe aber jetzt weder Geld noch Beamte. Jedenfalls fehlt zur Ansiedlung alles und jedes, für Konzentrationslager werden weder Zelte noch ausreichendes Mehl, noch Brennmaterialien geliefert; verschickten Bauern sind von Behörde selbstHacken, Spaten abgenommen. Allgemeine Überzeugung, daß sämtliche Verschickte dem Tode verfallen. Einverständnis Deutschlands mit diesem Massenmord wird übrigens nicht nur von gesamten Christen, sondern, teils billigend, teils aber auch mißbilligend, von muhammedanischer Bevölkerung des Landes angenommen.
Hoffmann.
186.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 18. Oktober 1915.Ankunft in Pera, den 19. Oktober 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Seit heute wird bemittelten Armeniern Benutzung Bahn oder eigenes Fuhrwerk behufs Selbstansiedelung gestattet. Wenn unsererseits noch Eindämmung dieses schon rein wirtschaftlich betrachtet unsinnigen Massenmordes beabsichtigt und möglich sein sollte, so käme in Frage: 1. Belassung aller, die noch nicht verschickt sind, vor allem auch der ansässigen Bevölkerung Aleppos (die ebenfalls Verschickungsorder fürchtet), sowie derjenigen Verschickten, die feste Wohnung in Städten gefunden. 2. Sofortige Organisation der Ansiedlung unter Opferung bedeutender Mittel; dabei stärkere Heranziehung der Städte wie Damaskus, Hama, Homs, sowie ihrer Umgebung, eventuell nur vorläufig der leichteren Unterbringung halber. 3. Gestattung Auswanderung.
Nachdem die Pforte selbst kürzlich zahlreiche feindliche Ausländer aus Syrien (Urfa) ausgewiesen, dürften militärische Bedenken unerheblich sein.
Hoffmann.
187.
(Auswärtiges Amt.)
Berlin, den 20. Oktober 1915.
Der Verweser des Kaiserlichen Konsulats in Erzerum hat mir Abschrift des der Kaiserlichen Botschaft unter dem 5. August d. J. erstatteten Berichts über die Armenierfrage eingereicht.
Ich bin mit der Haltung des Kaiserlichen Vertreters in Erzerum zur armenischen Frage einverstanden und kann es nur begrüßen, wenn er sichder armenischen Bevölkerung nach Möglichkeit angenommen hat. Ebenso stimme ich dem von ihm geplanten Versuche zu, durch Anbahnung einer Verständigung zwischen den türkischen Vertretern und den Führern der Daschnakzagan-Partei einen erträglichen Modus vivendi herzustellen.
Ew. Exzellenz bitte ich Herrn von Scheubner-Richter entsprechend zu bescheiden.
Zimmermann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen BotschafterHerrn Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.
188.
KaiserlichDeutsches Konsulat.
Aleppo, den 25. Oktober 1915.
Euerer Exzellenz beehre ich mich auf die in der „Westminster Gazette“[93]gegen mich erhobenen Beschuldigungen, ich hätte die türkische Bewegung gegen die Armenier geleitet und ermutigt, in der Anlage mit dem Anheimstellen geeignet scheinender Verwendung zwei Briefe zu überreichen, welche dartun, wie die amerikanische Mission in Marasch über meine Wirksamkeit in dieser Stadt aus Anlaß meiner Dienstreise vom 28. März bis 10. April d. J. gedacht hat. Der erste dieser Briefe ist an den deutschen Missionar Herrn Blank gerichtet. Der Verfasser E. C. Woodley ist englischer Staatsangehöriger (Kanadier) und befindet sich noch jetzt an der Spitze der amerikanischen Mission in Marasch. Der zweite Brief ist vom Vorstand der Mission, an erster Stelle wieder von Herrn Woodley an mich selbst gerichtet und drückt mir den Wunsch aus, dahin zu wirken, daß Herr Blank zum deutschen Konsularagenten in Marasch ernannt werde; offenbar in der Überzeugung, daß damit auch den amerikanischen Missionsinteressen gedient sein würde. Es hätte nicht geschehen können, wenn die Amerikaner und in erster Linie Mr. Woodley nicht volles Vertrauen zu meinen Bestrebungen, mildernd zu wirken und unnötiges Unheil abzuwenden, gehabt hätten. Ein Beweis auch für die Stärke der europäischen Kulturgemeinschaft, deren Empfindung unter den besonderen Verhältnissen von Marasch trotz des Weltkrieges sich geltend machte. Beide Äußerungen der Mission sind spontan erfolgt und in keiner Weise von mir hervorgerufen worden. Ich bedurfte solcher Äußerungen nicht und konnte nicht voraussehen, daß sie von mir einst noch zur Abwehr feindlicher Verleumdungen gebraucht werden könnten. Wenn die Missionare nicht die Ernennung eines Konsularagenten ihrer eigenen Nationalitätherbeizuführen bestrebt waren, so geschah es, weil sie eine prinzipielle Entscheidung der amerikanischen Regierung kannten, nicht einen Missionar zum Konsularagenten zu ernennen.
Je eine der Abschriften ist vom hiesigen amerikanischen Konsul beglaubigt.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen BotschafterHerrn Freiherrn von Wangenheim.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Abschriftlich nebst 2 Originalanlagen
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst vorgelegt.
Pera, den 9. November 1915.Neurath.
Anlage 1.
Le Matin.
Les Allemands Assassins.
Londres, 30 Septembre. — On mande du Caire au Times:
„Plusieurs consuls allemands ont dirigé ou encouragé les massacres des Arméniens.
„On cite notamment M. Roessler, consul à Alep, qui s’est rendu à Aintab pour diriger en personne des massacres, et le fameux baron Oppenheim[94], qui a donné l’idée de transporter les femmes et les enfants appartenant aux nations alliées à Ourfa, sachant bien que ces malheureux ne pourraient éviter d’y voir les actes barbares commis par les troupes dans les rues mêmes de la ville qui sont littéralement inondées de sang.“ (Havas.)
Anlage 2.
(Reuter-Telegramm.)
Amsterdam, den 7. Oktober, 8 Uhr 44 Min. N.
Wie Reuter meldet, beschäftigte sich gestern englisches Oberhaus mit böser Lage der Armenier. Lord Cromer sagte, daß nicht weniger als 800000 getötet seien. Obschon er keine direkten Beweise für Deutschlands Mitschuldhabe, sei es doch infolge großen Einflusses auf Türkei zweifellos dafür verantwortlich. Lord Crewe erklärte, daß es nützlich sei, wenn Tatsachen der ganzen Welt bekanntgegeben werden, soweit diese amtlich bestätigt seien, und hinzufügte, daß Regierung keine amtliche Bestätigung von Deutschlands Mitschuld erhalten könnte. Daß aber deutsche Konsularbeamte in Kleinasien nicht nur zugesehen, sondern zu diesen Greueltaten kräftig aufgemuntert haben, sei aus Berichten amerikanischer Augenzeugen ersichtlich, und aus dem, was Deutsche an anderen Stellen getan haben, sei es nicht unwahrscheinlich, daß ihre Mitschuld auch hier in Frage kommt. Lord Crewe, der Vorsitzende des Ausschusses ist und Untersuchung leitet, gab dann noch einige Greueltaten zur Kenntnis, so wurden z. B. in Trapezunt gesamte Bevölkerung armenischer Abstammung in Booten auf See geführt und ertränkt. Daß Gesamtzahl Opfer 800000 betrage, sei ihm sehr wahrscheinlich.
Anlage 3.
March 31st 1915.
Dear Herr Blank,
Let me congratulate your Consul, through you on the success thus far since coming to Marash. There is a distinct improvement in the general condition, which we are very ready to attribute to his influence. We hope he will be able to remain here long enough to secure that any pledges given to him will be faithfully carried out. Kindly express our gratitude to him.
With kind regards
Yours cordiallyE. C. Woodley.
Anlage 4.
Marash, April. 2nd 1915.
Mr. Rößler, Consul of the Imperial German Government at Aleppo, Marash.
Sir,
We desire to express our sense of the value of your present visit to Marash and that its results may be permanently secured, venture to approach you with the hereafter mentioned request.
It is unnecessary for us to set forth here the critical state of affairs in Marash, in recent weeks, inasmuch as you are fully acquainted with it. We rejoice that your influence has already made itself felt for good. Our fear, however, is that, when the restraint of your official presence is removed,the former conditions will return. We feel very strongly that there should be some official representative or representatives of Foreign Powers in Marash, at least until a more normal state obtains.
No one knows the situation here better than Mr. Karl Blank, and in view of this fact, we desire to prefer the following request.
As members of the American Mission we would unitedly request you to use your influence to secure the appointment of Mr. Blank as an official representative in Marash[95], of the Imperial German Government, promising to support him in every way possible in any action he may take for the safeguarding of all the interests of the various communities here.
Trusting that this request may meet with your approval, and expressing again our gratitude for what you have already done to secure better conditions here, we remain
Yours respectfully
The American Mission in MarashE. C. Woodley, ChairmanJames K. Lyman, Vice-ChairmanKate E. Ainslie, Secretary.
Anlage 5.
Central Turkey CollegeAintab, Turkey-in-Asia.
Aleppo, December 9, 1915.
Hon. Walter Rößler, Imperial German Consul, Aleppo.
Sir,
Replying to your note of the 4th inst, I have the honour to state that no disturbances have occurred in Aintab[96].
RespectfullyJ. E. Merrill.