Februar.235.KaiserlichDeutsches Konsulat.Aleppo, den 9. Februar 1916.Aus dem andauernden langsamen Untergang größerer Teile des armenischen Volkes berichte ich gehorsamst die folgenden Einzelzüge, die mir in den letzten Wochen bekannt geworden sind:Im November und Anfang Dezember befanden sich größere Massen von Verschickten längs der Bahnstrecke von Adana nach Aleppo, insbesondere in Islahiye und in Katma. Hier mußten sie aus militärischen Gründen entfernt werden, um die Etappe frei zu bekommen und Übertragung ansteckender Krankheiten auf das Heer zu verhüten. Die Abbeförderung erfolgte zunächst mit der Bahn nach Ras-ul-Ain. Da aber die Verschickten in Ras-ul-Ain dem Tode geweiht waren, und da ferner die Bahn den gleichzeitigen Transport der Armenier und der Soldaten nicht bewältigen konnte, so wurden die Armenier von Islahije und Katma zu Fuß nach Akhterin und von Akhterin nach Bab verschickt. Die Strecke von Katma bis Akhterin beträgt etwa 30 km und von dort bis Bab noch einmal so viel. Es war also eine verhältnismäßig günstige Lösung. Djemal Pascha setzte in Konstantinopel durch, daß die Armenier zwischen Akhterin und Bab bleiben sollten. Dort wäre von der Station Akhterin aus eine Verpflegung möglich gewesen. Diese Befehle sind aber wieder umgestoßen worden, und die Unglücklichen werden von Bab nach Der-es-Zor weiter geschickt. Mit welchem Ergebnis, darüber unterrichtet ein Brief des Konsuls Litten, den er über seine Fahrt von Bagdad nach Aleppo geschrieben hat. Wie es zwischen Meskene und Der-es-Zor aussieht, darüber hatte ich unter dem 16. November schon einmal den Bericht eines Deutschen eingereicht. Auf dieser Straße ist immer wieder der Strom der Unglücklichen gezogen. Dort hat u. a. Seine Durchlaucht Prinz Reuß etwa am 12. Januar zwischen den Stationen Tibne und Sabkha, wie er mir erzählt hat, 15 Leichen am Wege liegen sehen, während sein Kutscher noch mehr gezählt habe.Anfang Januar hat zwischen Katma und Killis ein Mitleidiger 50 Kinder am Wege aufgesammelt und nach Killis gebracht. Er wollte sie dem Kaimmakam übergeben, dieser aber nahm sie nicht an, so daß sie im Freien bleiben mußten. Am nächsten Morgen waren 30 der kranken und erschöpften Kindererfroren. Die Nachricht kommt aus armenischer Quelle, doch liegt kein Grund vor, an ihrer Wahrheit zu zweifeln.Ein Armenier, der den Mut hat, von Zeit zu Zeit von hier in Verkleidung nach Bab zu gehen, um den Notleidenden Unterstützungsgelder zu überbringen (deutschen Schwestern ist eine Tätigkeit außerhalb Aleppos nicht erlaubt worden), berichtet, daß Ende Januar in den 2½ Tagen seines Aufenthalts in Bab 1029 Armenier gestorben seien. Das Furchtbarste sei, wenn die Elenden und Kranken gezwungen würden, zur Wanderung aufzustehen. Sie würden mit Schlägen weitergetrieben, ja ihre Zelte würden ihnen angezündet. Er sei Zeuge gewesen, wie eine Frau auf diese Weise mit dem Knüttel totgeschlagen wurde. Nach den Vorgängen, die sich früher in der Stadt Aleppo selbst abgespielt haben, muß auch diese Erzählung für wahr gehalten werden.Vor einigen Monaten waren 3000 Frauen und Witwen von Aleppo nach Killis geschickt worden, wo sie es verhältnismäßig gut hatten und wenigstens ihr Leben fristen konnten. In der zweiten Januarwoche sind sie von dort weiter verschickt worden.Gleichen Bericht lasse ich dem Herrn Reichskanzler zugehen.Rößler.Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen BotschafterHerrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.236.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Aleppo, den 9. Februar 1916.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Unter Bezugnahme auf Bericht vom 26. Januar.1. Über 70 hiesige armenische Familien, die aus Aintab stammen, aber größtenteils schon jahrelang hier wohnen, werden verschickt. Dies ist nur ein Anfang.2. Die mit Erlaubnis der Regierung seit einigen Monaten auf Gütern in der Provinz Aleppo angesiedelten Armenier, vielleicht 10000 Menschen, werden jetzt weiter verschickt.3. Die von der Zentralregierung erlassenen Befehle scheinen milder; aber Verschickungskommissar und Wali arbeiten unerbittlich an der Vernichtung der Armenier.Rößler.237.(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)Telegramm.Erzerum, den 9. Februar 1916.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Wali hat mir durch Polizeipräsidenten sagen lassen, daß auf Befehl des Armeekommandanten Kiamil Pascha, respektive der Militärbehörde, alle armenischen Frauen und Mädchen, die unter unserem Schutze stehen, ausgewiesen werden. Männer stehen keine unter unserem Schutze.Euere Exzellenz bitte ich gehorsamst, dringende Schritte zu unternehmen, damit unsere Schützlinge hier verbleiben können.Selbst von den ausgewanderten reichen und wohlhabenden Familien sind unterwegs viele durch die Kälte zugrunde gegangen.Ich bitte um Drahtweisung, wie ich mich zu den hiesigen Behörden verhalten soll. Müssen die Armenier auswandern, so ist es sicher, daß alle umkommen werden.Werth.238.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 11. Februar 1916.Euerer Exzellenz beehre ich mich Abschrift einer mir vom Abgeordneten Erzberger übergebenen Aufzeichnung vorzulegen über die Unterredungen, welche er mit Enver Pascha und Talaat Bey bezüglich der Armenierfrage und der christlichen Interessen in der Türkei gehabt hat. Ähnliche Zusagen haben die türkischen Minister auch mir bekanntlich wiederholt gegeben, ohne daß ich bisher eine Einlösung derselben wahrnehmen konnte. Ob der Schritt des Herrn Erzberger nachhaltiger wirken wird, erscheint mir vorerst recht zweifelhaft.Metternich.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.Anlage.Unterredung des Abgeordneten Erzberger am 10. Februar 1916 betreffendArmenierfrage und Christenfrage im Orient.1. Mit Enver Pascha, der zusagte, daß keine weiteren Maßnahmen gegen die Armenier erfolgen werden. Die vertriebenen Armenier werden in geschlossenen Ortschaften angesiedelt. Religionsfreiheit werde garantiert.2. Mit Talaat Bey, Minister des Innern, der als Kriegsziel die volle Unabhängigkeit der Türkei bezeichnete, Deutschland möge sich über alle Fragen mit der Türkei verständigen, auch über den Ersatz der Kapitulationen. Dann lasse sich alles regeln. Die Öffnung der armenischen Kirchen werde erfolgen. Die Ansiedelung der vertriebenen Armenier in geschlossenen Dörfern geschehe in der Weise, daß ihnen mindestens dieselbe Fläche an anbaufähigem Land zugewiesen werde, die sie vorher besessen haben.Erzberger.An die KaiserlichDeutsche Botschaft.239.Basel, den 12. Februar 1916.An den Kaiserlich Deutschen Gesandten Exzellenz Freiherrn von Romberg, Bern.Exzellenz!Nachdem Sie die Freundlichkeit gehabt haben, unsere Vertreter, die Herren Leopold Favre und Dr. Wilhelm Vischer zu empfangen, beehren wir uns, Ihrem Wunsche gemäß im Anschluß an die Unterredung vom 26. Januar d. J. und in Bestätigung derselben, Ihnen folgendes mitzuteilen.Das Vorgehen der türkischen Regierung gegen die Armenier, welches die Vernichtung dieses christlichen Volkes zum Ziele hat, hat in weiten Kreisen unseres Landes eine tiefe Bewegung erregt und den dringenden Wunsch wachgerufen, etwas für die von den schweren Verfolgungen Betroffenen zu tun.Auf Veranlassung von Vereinigungen und Persönlichkeiten in der Schweiz, welche schon seit Jahren für Hilfszwecke unter den Armeniern tätig sind und welche über die Vorgänge des letzten Jahres genügend informiert sind, ist ein schweizerisches Hilfswerk 1915 für Armenier organisiert worden zum Zwecke, den Überlebenden dieses Volkes die Hilfe zu leisten, die noch möglich ist.Es kommt für uns, da uns Mittel nicht zu Gebote stehen, direkt auf die türkische Regierung einzuwirken, um eine Milderung der gegen die Armenier getroffenen Maßregeln zu erreichen, vornehmlich in Betracht, einen Weg zu finden, wie den noch vorhandenen Resten des armenischen Volkes, die sich in der größten Not befinden, materielle Hilfe gebracht werden kann.Die aus ihren Wohnsitzen nach verschiedenen Gegenden in Mesopotamien verbrachten, aus Greisen, Frauen und Kindern bestehenden Deportiertenzüge sind den größten Qualen von Hunger und Krankheit ausgesetzt; wennes nicht möglich ist, ihnen zu Hilfe zu kommen. Wir möchten gerne zur Linderung des Loses dieser Unglücklichen nach unseren Kräften beitragen und gestatten uns daher die Anfrage, ob wir dabei auf die Unterstützung der Kaiserlich Deutschen Regierung rechnen dürften. Es würde sich z. B. darum handeln können, daß durch Persönlichkeiten, welche wir aussenden könnten oder durch zuverlässige Vertrauensleute, die sich in der asiatischen Türkei befinden, Geld oder Lebensmittel ausgeteilt oder sonst für die Linderung der Not Vorkehrungen getroffen würden. Wir wären sehr dankbar, wenn eine solche Aktion ermöglicht und durch die Organe der deutschen Regierung unterstützt werden könnte. Wir gestatten uns, in dieser Angelegenheit uns an die Vertretung des Deutschen Reiches zu wenden, da ohne die Unterstützung der Deutschen Regierung uns Schritte in der von uns angedeuteten Richtung aussichtslos scheinen und in der Überzeugung, daß ein Eintreten für die Rettung der Reste des armenischen Volkes, das lediglich von allgemein menschlichem Mitgefühl veranlaßt ist, nur im Interesse sowohl der Türkei selbst als namentlich der mit ihr verbündeten Mächte liegen kann.Wir werden für eine wohlwollende Prüfung unseres Anliegens sehr dankbar sein und stehen gerne zu jeder etwa noch gewünschten weiteren Auskunft in der Sache zur Verfügung.Genehmigen Euer Exzellenz den Ausdruck unserer ausgezeichnetsten Hochachtung.Der geschäftsführende Ausschuß des Schweizerischen Hilfswerkes 1915 für Armenien.Der Präsident: Dr. Vischer.Der Sekretär: Dr. A. Oeri.240.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 14. Februar 1916.Die zwischen den syrischen Christen bei Mardin und Midiat, und den türkischen Behörden entstandenen Schwierigkeiten[121]sind inzwischen behoben. Hierbei hat der Einfluß mitgewirkt, welchen Generalfeldmarschall Freiherr von der Goltz auf militärischem Gebiet auszuüben in der Lage gewesen ist.Metternich.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.241.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Aleppo, den 23. Februar 1916.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Wie ich vertraulich erfahre, sollen die armenischen Waisen aus Aleppo nach Konstantinopel gebracht werden, woselbst Platz für 500 sei. Hier sind 1000, darunter 400 der Schwester Rohner unterstehende, die mit fort sollen.Schwester Rohner hält für wahrscheinlich, daß die Regierung unterwegs Reiseziel ändern wolle.Rößler.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 28. Februar 1916.AbschriftlichSeiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst vorgelegt.Metternich.242.(Auswärtiges Amt.)Telegramm.Berlin, den 23. Februar 1916.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Nach einem Telegramm des Kaiserlichen Botschafters in Washington haben die Vereinigten Staaten ihren Geschäftsträger in Konstantinopel mit Demarche zugunsten der Armenier beauftragt. Euere Exzellenz wollen der Pforte zu entgegenkommender Antwort raten.Zimmermann.243.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 27. Februar 1916.Ich habe mit Talaat und Halil Bey im Sinne des Telegramms vom 23. d. M. gesprochen und entgegenkommende Antwort angeraten, die mir auch zugesagt worden ist.Metternich.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.244.Auswärtiges Amt.Berlin, den 26. Februar 1916.Euer Hochwohlgeboren bitte ich, dem geschäftsführenden Ausschuß des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien auf seine Eingabe mitzuteilen, daß sein Wunsch, zur Linderung der Not unter den ausgesiedelten Armeniern beizutragen, sich mit den Bemühungen der Kaiserlichen Regierung begegnet und von dieser gern unterstützt werden wird, soweit dies unter Wahrung der gebotenen Rücksicht auf die verbündete Türkei und auf inoffiziellem Wege möglich ist. Die Kaiserliche Regierung nimmt davon Kenntnis, daß das Eintreten des Schweizerischen Hilfswerks für die Armenier lediglich vom allgemeinen menschlichen Mitgefühl veranlaßt ist und setzt infolgedessen voraus, daß jeder Anschein einer politischen Propaganda für die Armenier oder gegen die Türkei von den Veranstaltern der Aktion sorgsam vermieden werden wird. Um beurteilen zu können, in welcher Form etwa deutscherseits den Bestrebungen des Hilfswerks Unterstützung gewährt werden kann, wären uns, wenn tunlich, eingehendere Angaben darüber erwünscht, wie die technische Durchführung der Aktion gedacht ist. Wir würden dann zunächst die Ansichten der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel und derjenigen Kaiserlichen Konsulatsbehörden einholen, die sich bisher mit der Fürsorge für die Armenier befaßt haben. Insbesondere dürfte das Kaiserliche Konsulat in Aleppo, das sich für gewisse Gebiete zum Mittelpunkt derartiger Hilfsunternehmungen entwickelt hat, in der Lage sein, zweckmäßige Ratschläge zu erteilen. Nach unseren bisherigen Erfahrungen wird es kaum empfehlenswert sein, von der Schweiz aus besondere Abordnungen zu entsenden, da diese bei Reisen in der Türkei, sofern ihnen die Erlaubnis hierzu angesichts der gegenwärtigen militärpolitischen Lage überhaupt erteilt wird, voraussichtlich großen technischen Schwierigkeiten begegnen würden. Den Vorzug dürfte der von dem Schweizerischen Hilfswerk ins Auge gefaßte zweite Weg verdienen, nämlich zuverlässige Vertrauensleute, die sich bereits an Ort und Stelle befinden, mit Geld, Kleidungsstücken und Lebensmitteln zwecks Verteilung an die Notleidenden zu versehen. Soweit geeignete Mittelsleute noch nicht bekannt sind, würden solche auf Wunsch zum Teil möglicherweise auch mit Hilfe der Kaiserlichen Konsulate ausfindig gemacht werden können.Zimmermann.Seiner Hochwohlgeboren dem Kaiserlichen GesandtenHerrn Freiherrn von Romberg, Bern.Berlin, den 26. Februar 1916.AbschriftlichSeiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel, zur gefälligen Kenntnisnahme ergebenst übersandt.Zimmermann.
Februar.
235.
KaiserlichDeutsches Konsulat.
Aleppo, den 9. Februar 1916.
Aus dem andauernden langsamen Untergang größerer Teile des armenischen Volkes berichte ich gehorsamst die folgenden Einzelzüge, die mir in den letzten Wochen bekannt geworden sind:
Im November und Anfang Dezember befanden sich größere Massen von Verschickten längs der Bahnstrecke von Adana nach Aleppo, insbesondere in Islahiye und in Katma. Hier mußten sie aus militärischen Gründen entfernt werden, um die Etappe frei zu bekommen und Übertragung ansteckender Krankheiten auf das Heer zu verhüten. Die Abbeförderung erfolgte zunächst mit der Bahn nach Ras-ul-Ain. Da aber die Verschickten in Ras-ul-Ain dem Tode geweiht waren, und da ferner die Bahn den gleichzeitigen Transport der Armenier und der Soldaten nicht bewältigen konnte, so wurden die Armenier von Islahije und Katma zu Fuß nach Akhterin und von Akhterin nach Bab verschickt. Die Strecke von Katma bis Akhterin beträgt etwa 30 km und von dort bis Bab noch einmal so viel. Es war also eine verhältnismäßig günstige Lösung. Djemal Pascha setzte in Konstantinopel durch, daß die Armenier zwischen Akhterin und Bab bleiben sollten. Dort wäre von der Station Akhterin aus eine Verpflegung möglich gewesen. Diese Befehle sind aber wieder umgestoßen worden, und die Unglücklichen werden von Bab nach Der-es-Zor weiter geschickt. Mit welchem Ergebnis, darüber unterrichtet ein Brief des Konsuls Litten, den er über seine Fahrt von Bagdad nach Aleppo geschrieben hat. Wie es zwischen Meskene und Der-es-Zor aussieht, darüber hatte ich unter dem 16. November schon einmal den Bericht eines Deutschen eingereicht. Auf dieser Straße ist immer wieder der Strom der Unglücklichen gezogen. Dort hat u. a. Seine Durchlaucht Prinz Reuß etwa am 12. Januar zwischen den Stationen Tibne und Sabkha, wie er mir erzählt hat, 15 Leichen am Wege liegen sehen, während sein Kutscher noch mehr gezählt habe.
Anfang Januar hat zwischen Katma und Killis ein Mitleidiger 50 Kinder am Wege aufgesammelt und nach Killis gebracht. Er wollte sie dem Kaimmakam übergeben, dieser aber nahm sie nicht an, so daß sie im Freien bleiben mußten. Am nächsten Morgen waren 30 der kranken und erschöpften Kindererfroren. Die Nachricht kommt aus armenischer Quelle, doch liegt kein Grund vor, an ihrer Wahrheit zu zweifeln.
Ein Armenier, der den Mut hat, von Zeit zu Zeit von hier in Verkleidung nach Bab zu gehen, um den Notleidenden Unterstützungsgelder zu überbringen (deutschen Schwestern ist eine Tätigkeit außerhalb Aleppos nicht erlaubt worden), berichtet, daß Ende Januar in den 2½ Tagen seines Aufenthalts in Bab 1029 Armenier gestorben seien. Das Furchtbarste sei, wenn die Elenden und Kranken gezwungen würden, zur Wanderung aufzustehen. Sie würden mit Schlägen weitergetrieben, ja ihre Zelte würden ihnen angezündet. Er sei Zeuge gewesen, wie eine Frau auf diese Weise mit dem Knüttel totgeschlagen wurde. Nach den Vorgängen, die sich früher in der Stadt Aleppo selbst abgespielt haben, muß auch diese Erzählung für wahr gehalten werden.
Vor einigen Monaten waren 3000 Frauen und Witwen von Aleppo nach Killis geschickt worden, wo sie es verhältnismäßig gut hatten und wenigstens ihr Leben fristen konnten. In der zweiten Januarwoche sind sie von dort weiter verschickt worden.
Gleichen Bericht lasse ich dem Herrn Reichskanzler zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen BotschafterHerrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.
236.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Aleppo, den 9. Februar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Unter Bezugnahme auf Bericht vom 26. Januar.
1. Über 70 hiesige armenische Familien, die aus Aintab stammen, aber größtenteils schon jahrelang hier wohnen, werden verschickt. Dies ist nur ein Anfang.
2. Die mit Erlaubnis der Regierung seit einigen Monaten auf Gütern in der Provinz Aleppo angesiedelten Armenier, vielleicht 10000 Menschen, werden jetzt weiter verschickt.
3. Die von der Zentralregierung erlassenen Befehle scheinen milder; aber Verschickungskommissar und Wali arbeiten unerbittlich an der Vernichtung der Armenier.
Rößler.
237.
(KaiserlichesKonsulat Erzerum.)
Telegramm.
Erzerum, den 9. Februar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wali hat mir durch Polizeipräsidenten sagen lassen, daß auf Befehl des Armeekommandanten Kiamil Pascha, respektive der Militärbehörde, alle armenischen Frauen und Mädchen, die unter unserem Schutze stehen, ausgewiesen werden. Männer stehen keine unter unserem Schutze.
Euere Exzellenz bitte ich gehorsamst, dringende Schritte zu unternehmen, damit unsere Schützlinge hier verbleiben können.
Selbst von den ausgewanderten reichen und wohlhabenden Familien sind unterwegs viele durch die Kälte zugrunde gegangen.
Ich bitte um Drahtweisung, wie ich mich zu den hiesigen Behörden verhalten soll. Müssen die Armenier auswandern, so ist es sicher, daß alle umkommen werden.
Werth.
238.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 11. Februar 1916.
Euerer Exzellenz beehre ich mich Abschrift einer mir vom Abgeordneten Erzberger übergebenen Aufzeichnung vorzulegen über die Unterredungen, welche er mit Enver Pascha und Talaat Bey bezüglich der Armenierfrage und der christlichen Interessen in der Türkei gehabt hat. Ähnliche Zusagen haben die türkischen Minister auch mir bekanntlich wiederholt gegeben, ohne daß ich bisher eine Einlösung derselben wahrnehmen konnte. Ob der Schritt des Herrn Erzberger nachhaltiger wirken wird, erscheint mir vorerst recht zweifelhaft.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Unterredung des Abgeordneten Erzberger am 10. Februar 1916 betreffendArmenierfrage und Christenfrage im Orient.
1. Mit Enver Pascha, der zusagte, daß keine weiteren Maßnahmen gegen die Armenier erfolgen werden. Die vertriebenen Armenier werden in geschlossenen Ortschaften angesiedelt. Religionsfreiheit werde garantiert.
2. Mit Talaat Bey, Minister des Innern, der als Kriegsziel die volle Unabhängigkeit der Türkei bezeichnete, Deutschland möge sich über alle Fragen mit der Türkei verständigen, auch über den Ersatz der Kapitulationen. Dann lasse sich alles regeln. Die Öffnung der armenischen Kirchen werde erfolgen. Die Ansiedelung der vertriebenen Armenier in geschlossenen Dörfern geschehe in der Weise, daß ihnen mindestens dieselbe Fläche an anbaufähigem Land zugewiesen werde, die sie vorher besessen haben.
Erzberger.
An die KaiserlichDeutsche Botschaft.
239.
Basel, den 12. Februar 1916.
An den Kaiserlich Deutschen Gesandten Exzellenz Freiherrn von Romberg, Bern.
Exzellenz!
Nachdem Sie die Freundlichkeit gehabt haben, unsere Vertreter, die Herren Leopold Favre und Dr. Wilhelm Vischer zu empfangen, beehren wir uns, Ihrem Wunsche gemäß im Anschluß an die Unterredung vom 26. Januar d. J. und in Bestätigung derselben, Ihnen folgendes mitzuteilen.
Das Vorgehen der türkischen Regierung gegen die Armenier, welches die Vernichtung dieses christlichen Volkes zum Ziele hat, hat in weiten Kreisen unseres Landes eine tiefe Bewegung erregt und den dringenden Wunsch wachgerufen, etwas für die von den schweren Verfolgungen Betroffenen zu tun.
Auf Veranlassung von Vereinigungen und Persönlichkeiten in der Schweiz, welche schon seit Jahren für Hilfszwecke unter den Armeniern tätig sind und welche über die Vorgänge des letzten Jahres genügend informiert sind, ist ein schweizerisches Hilfswerk 1915 für Armenier organisiert worden zum Zwecke, den Überlebenden dieses Volkes die Hilfe zu leisten, die noch möglich ist.
Es kommt für uns, da uns Mittel nicht zu Gebote stehen, direkt auf die türkische Regierung einzuwirken, um eine Milderung der gegen die Armenier getroffenen Maßregeln zu erreichen, vornehmlich in Betracht, einen Weg zu finden, wie den noch vorhandenen Resten des armenischen Volkes, die sich in der größten Not befinden, materielle Hilfe gebracht werden kann.
Die aus ihren Wohnsitzen nach verschiedenen Gegenden in Mesopotamien verbrachten, aus Greisen, Frauen und Kindern bestehenden Deportiertenzüge sind den größten Qualen von Hunger und Krankheit ausgesetzt; wennes nicht möglich ist, ihnen zu Hilfe zu kommen. Wir möchten gerne zur Linderung des Loses dieser Unglücklichen nach unseren Kräften beitragen und gestatten uns daher die Anfrage, ob wir dabei auf die Unterstützung der Kaiserlich Deutschen Regierung rechnen dürften. Es würde sich z. B. darum handeln können, daß durch Persönlichkeiten, welche wir aussenden könnten oder durch zuverlässige Vertrauensleute, die sich in der asiatischen Türkei befinden, Geld oder Lebensmittel ausgeteilt oder sonst für die Linderung der Not Vorkehrungen getroffen würden. Wir wären sehr dankbar, wenn eine solche Aktion ermöglicht und durch die Organe der deutschen Regierung unterstützt werden könnte. Wir gestatten uns, in dieser Angelegenheit uns an die Vertretung des Deutschen Reiches zu wenden, da ohne die Unterstützung der Deutschen Regierung uns Schritte in der von uns angedeuteten Richtung aussichtslos scheinen und in der Überzeugung, daß ein Eintreten für die Rettung der Reste des armenischen Volkes, das lediglich von allgemein menschlichem Mitgefühl veranlaßt ist, nur im Interesse sowohl der Türkei selbst als namentlich der mit ihr verbündeten Mächte liegen kann.
Wir werden für eine wohlwollende Prüfung unseres Anliegens sehr dankbar sein und stehen gerne zu jeder etwa noch gewünschten weiteren Auskunft in der Sache zur Verfügung.
Genehmigen Euer Exzellenz den Ausdruck unserer ausgezeichnetsten Hochachtung.
Der geschäftsführende Ausschuß des Schweizerischen Hilfswerkes 1915 für Armenien.
Der Präsident: Dr. Vischer.Der Sekretär: Dr. A. Oeri.
240.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 14. Februar 1916.
Die zwischen den syrischen Christen bei Mardin und Midiat, und den türkischen Behörden entstandenen Schwierigkeiten[121]sind inzwischen behoben. Hierbei hat der Einfluß mitgewirkt, welchen Generalfeldmarschall Freiherr von der Goltz auf militärischem Gebiet auszuüben in der Lage gewesen ist.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
241.
(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)
Telegramm.
Aleppo, den 23. Februar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wie ich vertraulich erfahre, sollen die armenischen Waisen aus Aleppo nach Konstantinopel gebracht werden, woselbst Platz für 500 sei. Hier sind 1000, darunter 400 der Schwester Rohner unterstehende, die mit fort sollen.
Schwester Rohner hält für wahrscheinlich, daß die Regierung unterwegs Reiseziel ändern wolle.
Rößler.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 28. Februar 1916.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst vorgelegt.
Metternich.
242.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 23. Februar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Nach einem Telegramm des Kaiserlichen Botschafters in Washington haben die Vereinigten Staaten ihren Geschäftsträger in Konstantinopel mit Demarche zugunsten der Armenier beauftragt. Euere Exzellenz wollen der Pforte zu entgegenkommender Antwort raten.
Zimmermann.
243.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 27. Februar 1916.
Ich habe mit Talaat und Halil Bey im Sinne des Telegramms vom 23. d. M. gesprochen und entgegenkommende Antwort angeraten, die mir auch zugesagt worden ist.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
244.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 26. Februar 1916.
Euer Hochwohlgeboren bitte ich, dem geschäftsführenden Ausschuß des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien auf seine Eingabe mitzuteilen, daß sein Wunsch, zur Linderung der Not unter den ausgesiedelten Armeniern beizutragen, sich mit den Bemühungen der Kaiserlichen Regierung begegnet und von dieser gern unterstützt werden wird, soweit dies unter Wahrung der gebotenen Rücksicht auf die verbündete Türkei und auf inoffiziellem Wege möglich ist. Die Kaiserliche Regierung nimmt davon Kenntnis, daß das Eintreten des Schweizerischen Hilfswerks für die Armenier lediglich vom allgemeinen menschlichen Mitgefühl veranlaßt ist und setzt infolgedessen voraus, daß jeder Anschein einer politischen Propaganda für die Armenier oder gegen die Türkei von den Veranstaltern der Aktion sorgsam vermieden werden wird. Um beurteilen zu können, in welcher Form etwa deutscherseits den Bestrebungen des Hilfswerks Unterstützung gewährt werden kann, wären uns, wenn tunlich, eingehendere Angaben darüber erwünscht, wie die technische Durchführung der Aktion gedacht ist. Wir würden dann zunächst die Ansichten der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel und derjenigen Kaiserlichen Konsulatsbehörden einholen, die sich bisher mit der Fürsorge für die Armenier befaßt haben. Insbesondere dürfte das Kaiserliche Konsulat in Aleppo, das sich für gewisse Gebiete zum Mittelpunkt derartiger Hilfsunternehmungen entwickelt hat, in der Lage sein, zweckmäßige Ratschläge zu erteilen. Nach unseren bisherigen Erfahrungen wird es kaum empfehlenswert sein, von der Schweiz aus besondere Abordnungen zu entsenden, da diese bei Reisen in der Türkei, sofern ihnen die Erlaubnis hierzu angesichts der gegenwärtigen militärpolitischen Lage überhaupt erteilt wird, voraussichtlich großen technischen Schwierigkeiten begegnen würden. Den Vorzug dürfte der von dem Schweizerischen Hilfswerk ins Auge gefaßte zweite Weg verdienen, nämlich zuverlässige Vertrauensleute, die sich bereits an Ort und Stelle befinden, mit Geld, Kleidungsstücken und Lebensmitteln zwecks Verteilung an die Notleidenden zu versehen. Soweit geeignete Mittelsleute noch nicht bekannt sind, würden solche auf Wunsch zum Teil möglicherweise auch mit Hilfe der Kaiserlichen Konsulate ausfindig gemacht werden können.
Zimmermann.
Seiner Hochwohlgeboren dem Kaiserlichen GesandtenHerrn Freiherrn von Romberg, Bern.
Berlin, den 26. Februar 1916.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel, zur gefälligen Kenntnisnahme ergebenst übersandt.
Zimmermann.