Chapter 36

April.257.(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 6. April 1916.Ankunft in Pera, den 7. April 1916.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.In Ras-ul-Ain ist dieser Tage das armenische Konzentrationslager von den dicht dabei wohnenden Tscherkessen und anderen ähnlichen Leuten überfallen worden, wobei von den unbewaffneten 14000 Insassen der größte Teil niedergemacht wurde. Einzelheiten werden mir erst später zugehen.Nach anderer Quelle handelt es sich zunächst nur um 400 Familien, die abgetrennt und niedergemacht worden sind.[127]Rößler.258.Deutsch-Armenische Gesellschaft.Potsdam, den 17. April 1916.Gr. Weinmeisterstraße 45Von dem armenischen Zentralkomitee in der Schweiz erhielten wir gestern die telegraphische Mitteilung, daß die Führer der Daschnakzagan und die armenischen Intellektuellen, die am 25. April v. J. ins Innere transportiert wurden (nach Ajasch bei Angora, Tschangri, Tschorum, Aleppo usw.), nach Konstantinopel gebracht wurden, um vom Kriegsgericht verurteilt und gehängt zu werden. Es sollen im ganzen 190 sein. Unter ihnen Aknuni, Hajak, Malumian, Sartarian, Siamanto und alle im Vordergrund stehenden Männer der armenischen Intelligenz. Das Zentralkomitee der Daschnakzagan richtet durch uns im Namen der armenischen Nation die dringende Bittean die Reichsregierung, daß die Ermordung ihrer Führer und Intellektuellen — nach der allgemeinen Deportation der schwerste Schlag, der die Nation treffen kann — durch den Kaiserlichen Botschafter in Konstantinopel verhindert werden möchte.Wir nehmen darauf Bezug, daß auf Veranlassung des Auswärtigen Amtes im Juni v. J. die Kaiserliche Botschaft mit Erfolg für eben diese Verbannten eingetreten ist, so daß sie zum größten Teil bis jetzt mit dem Leben davongekommen sind.Der Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft kann nicht dringend genug anraten, daß alles geschehen möchte, um die Führer der türkischen Armenier am Leben zu erhalten. Die gegen sie gerichteten Beschuldigungen sind nachweislich unwahr und können nur durch gekaufte Zeugen und unter Tortur erzwungene Aussagen bewiesen werden. Der Zweck der vom Komitee für Einheit und Fortschritt geplanten Exekution ist, abgesehen von der Befriedigung des Rachegefühls für die russischen Erfolge in Hocharmenien, der, durch eine öffentliche Hinrichtung den Schein zu erwecken, als sei eine allgemeine Verschwörung entdeckt worden, und so die bisherige Ausrottungspolitik zu rechtfertigen und die Notwendigkeit etwaiger weiterer Maßnahmen zu begründen.Das deutsche Interesse wird, nächst den Forderungen der Humanität, nach drei Seiten berührt.1. Die Hinrichtung der Führer der türkischen Armenier wird die russischen Armenier zur äußersten Wut reizen und sie antreiben, ihre ganze nationale Kraft für die Ausdehnung der russischen Erfolge in Armenien und den Vormarsch gegen Mesopotamien und Bagdad einzusetzen. Die 1¾ Millionen Armenier im Kaukasus und in Südrußland, dazu ¼ Million aus der Türkei geflüchteter Armenier im Araxestal, fallen für den Erfolg der russischen Operationen ins Gewicht.2. Von armenischer Seite ist bisher mit Rücksicht auf das Schicksal der türkischen Armenier, deren Führer sich als Geiseln in den Händen der türkischen Regierung befinden, von terroristischen Mitteln gegen die verantwortlichen Leiter der türkischen Politik Abstand genommen worden. Diese Rücksicht würde nach der Exekution fortfallen. Als Antwort auf die systematische Vernichtung der armenischen Nation könnte eine Ära der terroristischen Mittel einsetzen.3. Die russischen Armenier waren vor dem Kriege der Einverleibung der von Rußland okkupierten armenischen Gebiete in Rußland abgeneigt und wünschten unter entsprechenden Sicherheiten für den Fortbestand ihrer Nation die Erhaltung der Souveränität des Sultans. Durch die Befreiung der armenischen Führer von der ihnen drohenden Exekution kann Deutschland die verlorenen Sympathien der türkischen Armenier zurückgewinnen und auch auf die russischen Armenier in der Richtung einwirken, daßsie bei der Neugestaltung der von den Russen okkupierten armenischen Gebiete das armenische Interesse vom russischen trennen.4. Es sollte verhindert werden, daß sich die Sympathien von 3 Millionen Armeniern in Rußland, in der Türkei und im Auslande ausschließlich der Entente und Amerika zuwenden, und daß im armenischen Bewußtsein Deutschland für die verhängnisvolle innere Politik der Türkei verantwortlich gemacht wird.Vorausgesetzt, daß der deutsche Botschafter in Konstantinopel in der Lage ist, die den armenischen Führern drohende Exekution zu verhindern, möchten wir bitten, daß in vertraulicher Weise der Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft von dem Erfolg der Schritte des Botschafters in Kenntnis gesetzt wird, damit unsererseits das armenische Zentralkomitee in der Schweiz davon verständigt werden kann.Der Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft.Dr. Johannes Lepsius.An Seine Exzellenz Herrn UnterstaatssekretärZimmermann, Berlin, Auswärtiges Amt.259.Notiz.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 17. April 1916.Unterzeichneter hat am 13. d. M. dem stellvertretenden Unterstaatssekretär des Auswärtigen Ministeriums Folgendes vorgetragen:Bitte des Deutschen Vereins für christliches Liebeswerk im Orient in Frankfurt a. M., den in Aleppo tätigen Schwestern des Vereins die Fürsorge für 200 armenische Waisen zu übertragen.Ich hob hervor, daß Dr. Schuchardt, der Leiter des Vereins, über die Lage orientiert sei, die Behörden von Aleppo machten Anstalt, die Waisen weiter zu verschicken (nach Konia und Eskischéhir in Kleinasien).Mordtmann.260.KaiserlichDeutsches Konsulat.Aleppo, den 27. April 1916.Über die Verschickung der Armenier, ihre Folgen und Begleiterscheinungen habe ich zuletzt unter dem 9. Februar d. J. berichtet. Das Sterben des Volkes hält seitdem an. Manche der nachfolgend berichteten Einzelzüge tun von neuem dar, daß es planvoll auf seine Aufreibung abgesehen ist.1. Um die Mitte Februar wurden alle Kinder aus Killis nach Bab überführt, nachdem schon früher die Frauen weiterverschickt waren.2. Am 16. April sind die in Maarra und den umliegenden Dörfern „angesiedelten“ Armenier, die größtenteils durch Hunger und Entbehrungen schon stark entkräftet waren, in Richtung Der-es-Zor weiterverschickt worden.3. Am 19. April wurde hier bekannt, daß Befehl ergangen war, die bis dahin in Marasch verschont gebliebenen 9000 Armenier, den Rest von ehemals 24000, gleichfalls zu verschicken. Diese Leute hatten bei den ersten Verbannungen, in Ausführung des Befehls, sich zur Wanderung bereit zu halten, ihr letztes Hab und Gut verkauft und sind seitdem durch Entbehrungen sehr entkräftet. Mit der Ausführung des Befehls ist begonnen worden. 120 Familien sind bis zum 25. April in Aintab angekommen, von wo sie über Biredjik nach Der-es-Zor weiter sollen. Am 26. oder 27. wird ein zweiter größerer Schub in Aintab erwartet.4. Wie ich am 20. April von einem aus Der-es-Zor kommenden türkischen Offizier erfahren habe, hat der Mutessarrif von Der-es-Zor Befehl erhalten, nur so viel Armenier dort zu lassen, als 10 Prozent der ansässigen Bevölkerung entspricht, den Rest aber nach Mossul weiter zu schicken. Die ansässige Bevölkerung von Der-es-Zor mag vielleicht 20000 betragen. Die Zahl der dorthin verschickten Armenier wird auf wenigstens 15000 zu schätzen sein, so daß also mindestens 13000 fortzuschicken wären. Der Mutessarrif Suad Bey, ein menschenfreundlicher Mann, der jahrelang in Ägypten gelebt hat, ist einer der wenigen türkischen Beamten, welche die grausamen Befehle der Regierung in ihrer Ausführung zu mildern suchen; trotzdem war der Offizier der Ansicht, daß der größte Teil der Unglücklichen verschickt werden müsse und die wenigsten davon in Mossul ankommen würden. Was Beduinen, Yesiden und Kurden übrig lassen sollten, das wird Hunger, Entbehrung und Krankheit dahinraffen.Nachrichten vom 19. April besagen, daß in jeder der Stationen zwischen Aleppo und Der-es-Zor, also in Meskene, Abu Hrere, Hamam, Sabkha, täglich 50–100 Menschen sterben, davon der größte Teil an Hunger.5. Am 6. April war hier bekannt geworden, daß bei Ras ul Ain wieder Massakre vorgekommen seien[128]. Die eine Nachricht besagte, daß der größte Teil des aus 14000 Personen bestehenden Konzentrationslagers niedergemacht sei, während nach einer anderen Nachricht 400 Familien aus dem Lager geführt und unterwegs umgebracht worden seien. — Nach zuverlässigen Erkundigungen eines Deutschen, der mehrere Tage in Ras ul Ain und Umgegend gewesen ist und mich bei seiner Rückkehr von dort am 22. April besuchte, muß ich folgendes annehmen: Das Lager besteht noch aus höchstens2000 Verbannten[129]. — Es sind einen Monat lang täglich oder fast täglich 300–500 Verbannte aus dem Lager geführt und in einer Entfernung von etwa 10 km von Ras ul Ain niedergemacht worden. Die Leichen wurden in den Fluß geworfen, der auf der großen Kiepertschen Karte von Klein-Asien, Blatt Nsebin (D VI), als Djirdjib el Hamar eingezeichnet ist und der um diese Jahreszeit viel Wasser führte. Ein türkischer Offizier, welcher wegen dieser Vorgänge den Kaimakam von Ras ul Ain zur Rede stellte, habe die ruhige Antwort erhalten, er handle auf Befehl. Durch jene Gegend führt die Etappenstraße der VI. Armee von Ras ul Ain nach Mossul. Da sich dort der Bau von zwei Brücken als notwendig herausgestellt hatte, die VI. Armee aber nicht die nötigen Kräfte dafür bereit hatte, so wurde von der IV. Armee etwa am 15. April ein syrisch-muhammedanisches Pionierbataillon dafür abgegeben. Diese Leute, welche in zwei Tagen von Damaskus nach Ras ul Ain befördert worden sind, von der Lage der verschickten Armenier nichts wußten und unterwegs, wie anzunehmen, nicht beeinflußt worden sind, waren bei Ankunft an Ort und Stelle ganz entsetzt. Sie waren der Ansicht, daß die Armenier durch Soldaten niedergemetzelt seien. Darin kehrt also die Auffassung wieder, daß das Werk auf Befehl vollbracht worden sei. Jedenfalls war dies die in der Gegend allgemein verbreitete Ansicht. Als Henker hat der bei Ras ul Ain ansässige Tscherkessenstamm der Tschetschen gedient.6. Ende Februar, Anfang März wurde den Armeniern im Arbeiterbataillon Aleppo, teilweise mit Erfolg nahegelegt, zum Islam überzutreten. Im Laufe des Monats März wurden polizeiliche Listen der Armenier Aleppos als Vorbereitung für die Verschickung angefertigt und durch Polizisten die Nachricht verbreitet, die einzige Rettung vor der Verschickung sei der Übertritt zum Islam. Als darauf eine Reihe von Familien um den Übertritt einkam, wurden sie so behandelt, als ob die Gewährung der Bitte eine besondere Gnade sei. Man schreckte also eher wieder ab, sei es, daß man unliebsames Aufsehen fürchtete, sei es, daß die Aufforderung zum Übertritt auf andere als die verantwortlichen Stellen zurückzuführen war, sei es endlich, daß man sich nur daran weiden wollte, mit den Armeniern wie die Katze mit der Maus zu spielen.7. In Aleppo ist im März und in der ersten Hälfte April nicht nur auf die von außerhalb gekommenen hier versteckten Armenier die schärfste Jagd gemacht, sondern auch mit der Verschickung der hierorts ansässigen Armenier der Anfang gemacht worden. Auch einzelne Frauen und Mädchen wurden auf der Straße aufgegriffen und dieser Zustand zu Willkürakten von Regierungsorganen benutzt. Es wäre vielleicht nicht zu verwunderngewesen, wenn die in ihrer Religion und der Ehre ihrer Frauen angegriffenen Armenier zu Akten der Verzweiflung getrieben worden wären.Seit dem 18. April ist in Aleppo etwas Ruhe eingetreten und zwar, wie es scheint, auf Intervention der Kaiserlichen Botschaft, welche den Minister des Innern zu dem Befehl an die Ortsbehörden veranlaßt hat, die Ortsansässigen, sowie Katholiken und Protestanten nicht zu verschicken. Die Form, unter welcher der Wali die Pause hat eintreten lassen, war seine Zusage an die hiesige Geistlichkeit, während des Osterfestes Schonung zu gewähren. Man wagt noch nicht zu hoffen, daß die Schonzeit lange dauern oder gar die Gefahr vorüber sei. Auch sind trotz der Zusage unter der Hand immer noch einzelne verschickt worden.Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.Rößler.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.261.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 28. April 1916.Die von der Deutschen Orientmission geplante Hilfsexpedition[130]für die notleidenden Armenier in Syrien und Mesopotamien ist diesseits auf der Hohen Pforte zur Sprache gebracht worden. Ich habe dabei hervorheben lassen, daß der genannte Verein hierbei lediglich humanitäre Ziele im Auge habe, wie dies schon daraus sich ergebe, daß es sich in der Hauptsache um Fürsorge für Frauen und Kinder handle, ferner, daß der Verein unter seinen Mitgliedern zahlreiche Persönlichkeiten von Einfluß und Ansehen habe, sowie endlich, daß Herr Lepsius im vorigen Jahre persönlich hierhergekommen sei und sich u. a. durch Rücksprache mit Enver Pascha über die armenische Frage zu unterrichten Gelegenheit gehabt habe.Die Antwort der Pforte lautete durchaus ablehnend, und zwar mit der Begründung, daß die türkische Regierung keinerlei fremde Hilfsaktion für die Armenier zulassen könnte, da hierdurch die Armenier in ihren Hoffnungen auf das Ausland bestärkt würden. Diese Begründung stimmt wörtlich überein mit der Antwort, die dem Konsul Loytved in Damaskus von Djemal Pascha erteilt wurde, als er den letzteren über die von amerikanischer Seite mit deutscher Beteiligung geplante Hilfsaktion sondierte.Über eine eventuelle Verteilung der den Armeniern zugedachten Hilfsmittel durch Djemal Pascha hat sich Konsul Loytved auf telegraphische Anfrage dahin geäußert, daß er diesen Modus zunächst nur dort für zweckmäßig erachte, wo Konsulate die Unterorgane Djemal Paschas beaufsichtigen können. Aber auch hierfür müsse die Genehmigung der Zentralregierung eingeholt und dann dem Djemal Pascha Art und Weise der Verteilung von den Geldgebern genau mitgeteilt werden, im übrigen empfehle es sich, die Hilfsaktion wie bisher durch Vertrauenspersonen im geheimen fortzusetzen.Metternich.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.262.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 28. April 1916.Im Anschluß an Bericht vom 27. März.Euerer Exzellenz beehre ich mich die von den Konsulaten zu Aleppo und Adana eingegangenen Beantwortungen[131]des Fragebogens des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien, ferner ein Schreiben des Konsuls Rößler an Dr. Vischer nebst Unterlage mit dem Anheimstellen zu überreichen, diese Schriftstücke dem genannten Verein übermitteln lassen zu wollen.Metternich.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.Anlage 1.KaiserlichDeutsches Konsulat.Aleppo, den 12. April 1916.Sehr geehrter Herr Dr. Vischer!Ihren durch die Kaiserliche Gesandtschaft in Bern eingegangenen Brief vom 7. März habe ich zusammen mit dem weiteren Brief vom 18. März vorgestern erhalten und seine Anlagen an Schwester Beatrice Rohner gegeben, die auch die Beantwortung des Fragebogens übernommen hat. Haben Sie vielen Dank für alle Ihre Bemühungen sowie für die Übersendung zuerst von 10000 Frs., dann von 5000 Frs., welch letzterer Betrag mir dieser Tage ausgezahlt worden ist.Das erschütternde Bild, das Schwester Beatrice Rohner von dem Unglück entworfen hat, wird Ihre Schweizer Freunde hoffentlich nicht entmutigen, ebensowenig wie der Umstand, daß eine feste Form der Notstandsarbeit nicht in Aussicht steht. Es gilt, wie sie gesagt hat, so viel als möglich vor dem Hungertode zu retten. Bei einer Organisation der Arbeit, wie Einrichtung von Suppenküchen, regelrechten Waisenhäusern, Krankenhäusern usw. würde mit demselben Geld voraussichtlich mehr zu erreichen sein. Die Spender müssen aber die Entsagung üben, die Verhältnisse zu nehmen, wie sie sind, und müssen die der Hilfe entgegenstehenden Schwierigkeiten in den Kauf nehmen. Auch die Amerikaner überlassen alles dem Ermessen der Schwestern Rohner und Schäfer.Einen Teil des Schweizer Geldes habe ich der Schwester Paula Schäfer überlassen und füge zur Begründung eine Schilderung von ihr vom 1. März in der Anlage bei.Rößler.Herrn Dr. Andreas Vischer, Hochwohlgeboren,Basel.Anlage 2.Maraschhospital, z. Z. Aleppo.Aleppo, den 1. März 1916.Das Krankenhaus Salem in Marasch hat schon seit Beginn der Armenierausweisungen und damit in Hospital und Klinik eine außerordentliche Tätigkeit gehabt — und mehr als fast möglich — geleistet an Verpflegung von Vertriebenen, wie Medikamentenausgabe an eben solche in der Klinik.Bei den außergewöhnlichen Umständen mußte das Krankenhaus, da es der Not wegen das ganze Jahr hindurch offen bleiben mußte (da wir sonst doch für 1–2 Monate schließen), mit all seinen Nahrungsmitteln, wie Medikamenten und Verbandstoffen, ziemlich abwirtschaften, da das monatliche Fixum nicht erhöht werden konnte.Darum bitte ich, mir einen Zuschuß für diese Notstandsarbeit des Marascher Hospitals freundlich zukommen zu lassen.Die Not in Marasch wie Umgegend ist unbeschreiblich, besonders in der Basardjikebene, wo Verschickte aus Erzerum angesiedelt wurden, die aber Hungers sterben, wenn wir ihnen nicht auf irgend eine Weise helfen würden.Es handelt sich darum, für diese Vertriebenen Weizen in großen Mengen anzukaufen.Schwester Paula Schäfer.263.Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.1. Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihrem Wirkungskreise?2. Können Sie uns Mitteilung über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse machen?3. Können Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?4. In welchem Umfang wären Mittel erforderlich?5. Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?Anlage 1.Aleppo, den 12. April 1916.Beantwortung der Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.1. Frage: Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihren Wirkungskreisen?Antwort:Unser Wirkungskreis ist ein doppelter: Schwester Paula Schäfer übernahm die Bahnstrecke Osmanie-Islahije und die Ebene südlich von Marasch, wo sich überall kleinere und größere Lager versprengter, zurückgebliebener Armenier befinden. In Marasch selbst ist unter den dort zurückgebliebenen ca. 7000 Armeniern furchtbare Not. Unter Türken und Armeniern gleich bekannt, kann Schwester Paula an diesen Orten ziemlich ungehindert ihre Arbeit tun.Dem Einfluß des Herrn Oberst von Kreß ist es gelungen, Ende Dezember Djemal Pascha zu veranlassen, der Unterzeichneten ein Waisenhaus mit ca. 400 Waisen zu übergeben; dadurch war die Möglichkeit geschaffen, in aller Stille Notstandsarbeit zu betreiben. Dieselbe hatte schon im Sommer begonnen und war, von dem deutschen und amerikanischen Konsul unterstützt, durch die evangelischen und gregorianischen Geistlichen weitergeführt worden. Der sich dabei durch besondere Treue und Hingabe auszeichnende Prediger Eskidjian ist vor wenigen Wochen am Flecktyphus gestorben. Im ganzen sind hier 1250 Waisen gesammelt, davon sind 400 bei Prediger Haron Schiradjian, 250 in der gregorianischen Kirche und 600 (früher 400) bei der Unterzeichneten. Anfangs beschaffte die Regierung die nötigen Lebensmittel, doch ließ der Eifer bald nach, seit etwa 5 Wochen bekommen wir noch Brot, und auch das geht zu Ende. Die Lebensmittel sind mehr als vierfach im Preise gestiegen, wir müssen bei der denkbar einfachsten Beköstigung 4 Piaster (80 Cts.) pro Kind täglich rechnen, brauchen demnächst allein für die Waisen in Aleppo 50 Pfund türkisch pro Tag. Außer diesen Kindern halten sich in Aleppo noch ca. 4000 deportierte Armenier als Flüchtlinge versteckt. Sie fliehen vor der Polizei von einem Haus, einem Viertel ins andere und fristen ein jammervolles Dasein. Sie werden unter der Hand von den Vorstehern ihrer Kirchen unterstützt.Südlich und südöstlich von hier sind noch jetzt ca. 250000 Armenierzerstreut, von denen die meisten, nicht direkt, aber unter der Hand, mit Liebesgaben zu erreichen sind. In der Gegend von Hama, Damaskus, Ostjordanland, am Euphrat, warten viele auf Hilfe.2. Frage: Können Sie uns Mitteilungen über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse machen?Antwort:Der Zustand der Deportierten spottet jeder Beschreibung. Von Hausrat, Betten, Kleidern, ist natürlich längst nicht mehr die Rede, alles ist verkauft und verzehrt. Auch früher Reichen fehlt es heute am täglichen Brot.3. Frage: Könnten Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?Antwort:Außer der Notstandsarbeit in Aleppo selbst, sind in Killis, Maarra, Hama, Ras-ul-Ain, Damaskus, Der-es-Zor, Kinder gesammelt worden, und es wurden an die erwähnten Ortschaften, wie auch nach Bab, Meskene, Sabkha, bis nach Ana hinunter größere Summen zur Linderung der Not geschickt. Dies konnte natürlich nur durch Vermittlung treuer eingeborener Christen geschehen und ist Gott sei Dank bis heute gelungen, ohne den Verdacht der Regierung auf uns zu lenken.4. Frage: In welchem Umfange wären Mittel erforderlich?Antwort:Außer 4000 Pfund monatlich für Aleppo wären pro Person 2 Piaster Unterstützung gerechnet, täglich 100000[132]Frs. nötig. Es gilt so viele als möglich vom Hungertode zu retten und womöglich bis nach dem Krieg zu erhalten.5. Frage: Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?Antwort:Hilfskräfte müssen aus dem Volke selbst herangezogen werden. Eine europäische Organisation würde nur dazu dienen, der Sache ein jähes Ende zu bereiten.Beatrice Rohner.Anlage 2.Deutsches Konsulat.Adana, den 15. April 1916.Beantwortung der Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.1. Rund 1000 deportierte Armenier sind zurzeit auf der Baustrecke der Bagdadbahn als Handwerker und Arbeiter, einige von ihnen als Bau- und Transportunternehmer der Baugesellschaft beschäftigt.2. Die Leute werden von der Bagdadbahn-Baugesellschaft reichlich bezahlt und bedürfen daher keiner Unterstützung.3.-5. Diese Fragen erledigen sich durch die Beantwortung der ersten beiden Fragen.Bemerkung: Das deutsche Waisenhaus in Harunije hat sich zur Zeit, als große Scharen Deportierter namentlich in Osmanie lagen, dieser angenommen und die hierfür nötigen Mittel von amerikanischer Seite erhalten. Gegenwärtig ist diese Hilfstätigkeit in das Wilajet Aleppo verlegt worden.Anlage 3.Deutsches Konsulat.Damaskus, den 17. April 1916.Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.1. Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihrem Wirkungskreise...?: Im Wilajet Damaskus gegen 2000 Familien zu je 5 Köpfen.2. Können Sie uns Mitteilungen über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse machen?: Höchstens 10 vom Hundert können sich durch eigene Geldmittel erhalten. Den übrigen fehlt alles zum Lebensunterhalt. Sie werden auch größtenteils bisher zu keiner Beschäftigung zugelassen.3. Können Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?: Die eingegangenen Unterstützungen habe ich bisher durch den armenischen Prediger V. B. Tahmissian den hilfsbedürftigen Armeniern zukommen lassen. Diesem stehen vier Vertrauensleute in der Stadt Damaskus und weitere Hilfskräfte im Wilajet Damaskus zur Verfügung.4. In welchem Umfang wären Mittel erforderlich?: Für den Lebensunterhalt ist vorläufig wenigstens 1 Frs. täglich zu rechnen. 10000 Armenier im ganzen, davon 1000 Armenier nicht unterstützungsbedürftig, bleiben 9000 Armenier, die hilfsbedürftig sind. Täglich würden 9000 Frs. erforderlich sein.5. Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?: Weitere Hilfskräfte sollen nach Ansicht des Predigers Tahmissian nicht unbedingt erforderlich sein. Die Hilfskräfte arbeiten alle im geheimen, da die türkische Regierung eine offene Hilfsarbeit verbietet.Anlage 4.Deutsches Konsulat.Mossul, den 4. Mai 1916.Beantwortung.Zu 1. Die Zahl der nach dem Wilajet Mossul deportierten Armenier wechselt dauernd infolge starker Mortalität, sowie infolge dauernden Weiterschubs und neuen Zuzugs. Zurzeit befinden sich im Wilajet Mossul ungefähr 4–5000 deportierte Armenier aus Erzerum, Bitlis, Ras ul Ain, Der-es-Zor,hauptsächlich Frauen und Kinder. Auf diesem Bestand dürfte auch künftig auf längere Zeit hinaus die Zahl der ins hiesige Wilajet deportierten Armenier bleiben.Zu 2. Ein geringer Teil der Deportierten (nur Frauen und Kinder und etwa 200 Männer) hat, soweit die Stadt Mossul selbst in Frage kommt, Unterkunft in hiesigen christlichen und muhammedanischen Familien gefunden. Der Zustand dieser Wenigen, die von seiten der Regierung keinerlei Unterstützung erhalten, ist erträglich. Der Rest ist in Mossul, Kerkuk und Suleimanijeh in ihrem Bestande nach dauernd wechselnden Lagern untergebracht. Ihr Zustand ist mehr als elend. Offiziell soll die Regierung an die deportierten Armenier pro Kopf und pro Tag einen Piaster (20 Pf.) zahlen, wovon sich die Deportierten alsdann selber zu verpflegen haben. Die Zahlung dieser Unterstützungsgelder erfolgt jedoch sehr unregelmäßig, häufig überhaupt nicht, so daß eine große Anzahl der Deportierten aufs Betteln angewiesen ist. Es fehlt den Leuten hauptsächlich an Kleidung aller Art, an ärztlicher Behandlung und an Nahrungs- und Arzneimitteln. Voraussetzung für eine wirksame Hilfe ist, daß die Deportierten zunächst mal an zu bestimmenden Orten definitiv verbleiben dürfen und nicht wie es bisher geschehen ist und noch dauernd geschieht, je nach Gutdünken der sich mit jenen Angelegenheiten befassenden und sehr skrupellos vorgehenden türkischen „Spezialkommissionen“ ruhelos hin- und hergehetzt werden. Solange dies letzter Verfahren weiter angewandt wird, ist jede wirksame Hilfe ausgeschlossen. Die Zahlung von Unterstützungen in diesem Falle würde nur eine Verlängerung der Leiden der Deportierten bedeuten und ihr elendes Ende nur etwas weiter hinausschieben.Zu 3. Unterstützungen an die im Wilajet Mossul befindlichen deportierten Armenier könnten durch Vermittlung des Konsulats geführt werden, und zwar direkt oder auch durch Inanspruchnahme der betreffenden türkischen Deportiertenkommissionen, im Einvernehmen mit der Regierung.Zu 4. Bei Berechnung von 1 Ltq. pro Kopf, welcher Betrag zur Beschaffung von Kleidern und Wäsche genügen und wovon noch pro Kopf ein kleiner Barbetrag übrig bleiben würde, würde für die ins hiesige Wilajet deportierten Armenier eine Summe von 4–5000 Ltq. erforderlich sein.Zu 5. Eine, die Landessprachen (arabisch und türkisch) beherrschende Persönlichkeit als Hilfskraft für Rechnungsführung, Beschaffung der nötigen Gegenstände etc. wäre erforderlich. Diese Hilfskraft kann hier beschafft werden. Monatsremuneration von 4–6 Ltq.

April.

257.

(KaiserlichesKonsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 6. April 1916.Ankunft in Pera, den 7. April 1916.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

In Ras-ul-Ain ist dieser Tage das armenische Konzentrationslager von den dicht dabei wohnenden Tscherkessen und anderen ähnlichen Leuten überfallen worden, wobei von den unbewaffneten 14000 Insassen der größte Teil niedergemacht wurde. Einzelheiten werden mir erst später zugehen.

Nach anderer Quelle handelt es sich zunächst nur um 400 Familien, die abgetrennt und niedergemacht worden sind.[127]

Rößler.

258.

Deutsch-Armenische Gesellschaft.

Potsdam, den 17. April 1916.Gr. Weinmeisterstraße 45

Von dem armenischen Zentralkomitee in der Schweiz erhielten wir gestern die telegraphische Mitteilung, daß die Führer der Daschnakzagan und die armenischen Intellektuellen, die am 25. April v. J. ins Innere transportiert wurden (nach Ajasch bei Angora, Tschangri, Tschorum, Aleppo usw.), nach Konstantinopel gebracht wurden, um vom Kriegsgericht verurteilt und gehängt zu werden. Es sollen im ganzen 190 sein. Unter ihnen Aknuni, Hajak, Malumian, Sartarian, Siamanto und alle im Vordergrund stehenden Männer der armenischen Intelligenz. Das Zentralkomitee der Daschnakzagan richtet durch uns im Namen der armenischen Nation die dringende Bittean die Reichsregierung, daß die Ermordung ihrer Führer und Intellektuellen — nach der allgemeinen Deportation der schwerste Schlag, der die Nation treffen kann — durch den Kaiserlichen Botschafter in Konstantinopel verhindert werden möchte.

Wir nehmen darauf Bezug, daß auf Veranlassung des Auswärtigen Amtes im Juni v. J. die Kaiserliche Botschaft mit Erfolg für eben diese Verbannten eingetreten ist, so daß sie zum größten Teil bis jetzt mit dem Leben davongekommen sind.

Der Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft kann nicht dringend genug anraten, daß alles geschehen möchte, um die Führer der türkischen Armenier am Leben zu erhalten. Die gegen sie gerichteten Beschuldigungen sind nachweislich unwahr und können nur durch gekaufte Zeugen und unter Tortur erzwungene Aussagen bewiesen werden. Der Zweck der vom Komitee für Einheit und Fortschritt geplanten Exekution ist, abgesehen von der Befriedigung des Rachegefühls für die russischen Erfolge in Hocharmenien, der, durch eine öffentliche Hinrichtung den Schein zu erwecken, als sei eine allgemeine Verschwörung entdeckt worden, und so die bisherige Ausrottungspolitik zu rechtfertigen und die Notwendigkeit etwaiger weiterer Maßnahmen zu begründen.

Das deutsche Interesse wird, nächst den Forderungen der Humanität, nach drei Seiten berührt.

1. Die Hinrichtung der Führer der türkischen Armenier wird die russischen Armenier zur äußersten Wut reizen und sie antreiben, ihre ganze nationale Kraft für die Ausdehnung der russischen Erfolge in Armenien und den Vormarsch gegen Mesopotamien und Bagdad einzusetzen. Die 1¾ Millionen Armenier im Kaukasus und in Südrußland, dazu ¼ Million aus der Türkei geflüchteter Armenier im Araxestal, fallen für den Erfolg der russischen Operationen ins Gewicht.

2. Von armenischer Seite ist bisher mit Rücksicht auf das Schicksal der türkischen Armenier, deren Führer sich als Geiseln in den Händen der türkischen Regierung befinden, von terroristischen Mitteln gegen die verantwortlichen Leiter der türkischen Politik Abstand genommen worden. Diese Rücksicht würde nach der Exekution fortfallen. Als Antwort auf die systematische Vernichtung der armenischen Nation könnte eine Ära der terroristischen Mittel einsetzen.

3. Die russischen Armenier waren vor dem Kriege der Einverleibung der von Rußland okkupierten armenischen Gebiete in Rußland abgeneigt und wünschten unter entsprechenden Sicherheiten für den Fortbestand ihrer Nation die Erhaltung der Souveränität des Sultans. Durch die Befreiung der armenischen Führer von der ihnen drohenden Exekution kann Deutschland die verlorenen Sympathien der türkischen Armenier zurückgewinnen und auch auf die russischen Armenier in der Richtung einwirken, daßsie bei der Neugestaltung der von den Russen okkupierten armenischen Gebiete das armenische Interesse vom russischen trennen.

4. Es sollte verhindert werden, daß sich die Sympathien von 3 Millionen Armeniern in Rußland, in der Türkei und im Auslande ausschließlich der Entente und Amerika zuwenden, und daß im armenischen Bewußtsein Deutschland für die verhängnisvolle innere Politik der Türkei verantwortlich gemacht wird.

Vorausgesetzt, daß der deutsche Botschafter in Konstantinopel in der Lage ist, die den armenischen Führern drohende Exekution zu verhindern, möchten wir bitten, daß in vertraulicher Weise der Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft von dem Erfolg der Schritte des Botschafters in Kenntnis gesetzt wird, damit unsererseits das armenische Zentralkomitee in der Schweiz davon verständigt werden kann.

Der Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft.Dr. Johannes Lepsius.

An Seine Exzellenz Herrn UnterstaatssekretärZimmermann, Berlin, Auswärtiges Amt.

259.

Notiz.

KaiserlichDeutsche Botschaft.

Pera, den 17. April 1916.

Unterzeichneter hat am 13. d. M. dem stellvertretenden Unterstaatssekretär des Auswärtigen Ministeriums Folgendes vorgetragen:

Bitte des Deutschen Vereins für christliches Liebeswerk im Orient in Frankfurt a. M., den in Aleppo tätigen Schwestern des Vereins die Fürsorge für 200 armenische Waisen zu übertragen.

Ich hob hervor, daß Dr. Schuchardt, der Leiter des Vereins, über die Lage orientiert sei, die Behörden von Aleppo machten Anstalt, die Waisen weiter zu verschicken (nach Konia und Eskischéhir in Kleinasien).

Mordtmann.

260.

KaiserlichDeutsches Konsulat.

Aleppo, den 27. April 1916.

Über die Verschickung der Armenier, ihre Folgen und Begleiterscheinungen habe ich zuletzt unter dem 9. Februar d. J. berichtet. Das Sterben des Volkes hält seitdem an. Manche der nachfolgend berichteten Einzelzüge tun von neuem dar, daß es planvoll auf seine Aufreibung abgesehen ist.

1. Um die Mitte Februar wurden alle Kinder aus Killis nach Bab überführt, nachdem schon früher die Frauen weiterverschickt waren.

2. Am 16. April sind die in Maarra und den umliegenden Dörfern „angesiedelten“ Armenier, die größtenteils durch Hunger und Entbehrungen schon stark entkräftet waren, in Richtung Der-es-Zor weiterverschickt worden.

3. Am 19. April wurde hier bekannt, daß Befehl ergangen war, die bis dahin in Marasch verschont gebliebenen 9000 Armenier, den Rest von ehemals 24000, gleichfalls zu verschicken. Diese Leute hatten bei den ersten Verbannungen, in Ausführung des Befehls, sich zur Wanderung bereit zu halten, ihr letztes Hab und Gut verkauft und sind seitdem durch Entbehrungen sehr entkräftet. Mit der Ausführung des Befehls ist begonnen worden. 120 Familien sind bis zum 25. April in Aintab angekommen, von wo sie über Biredjik nach Der-es-Zor weiter sollen. Am 26. oder 27. wird ein zweiter größerer Schub in Aintab erwartet.

4. Wie ich am 20. April von einem aus Der-es-Zor kommenden türkischen Offizier erfahren habe, hat der Mutessarrif von Der-es-Zor Befehl erhalten, nur so viel Armenier dort zu lassen, als 10 Prozent der ansässigen Bevölkerung entspricht, den Rest aber nach Mossul weiter zu schicken. Die ansässige Bevölkerung von Der-es-Zor mag vielleicht 20000 betragen. Die Zahl der dorthin verschickten Armenier wird auf wenigstens 15000 zu schätzen sein, so daß also mindestens 13000 fortzuschicken wären. Der Mutessarrif Suad Bey, ein menschenfreundlicher Mann, der jahrelang in Ägypten gelebt hat, ist einer der wenigen türkischen Beamten, welche die grausamen Befehle der Regierung in ihrer Ausführung zu mildern suchen; trotzdem war der Offizier der Ansicht, daß der größte Teil der Unglücklichen verschickt werden müsse und die wenigsten davon in Mossul ankommen würden. Was Beduinen, Yesiden und Kurden übrig lassen sollten, das wird Hunger, Entbehrung und Krankheit dahinraffen.

Nachrichten vom 19. April besagen, daß in jeder der Stationen zwischen Aleppo und Der-es-Zor, also in Meskene, Abu Hrere, Hamam, Sabkha, täglich 50–100 Menschen sterben, davon der größte Teil an Hunger.

5. Am 6. April war hier bekannt geworden, daß bei Ras ul Ain wieder Massakre vorgekommen seien[128]. Die eine Nachricht besagte, daß der größte Teil des aus 14000 Personen bestehenden Konzentrationslagers niedergemacht sei, während nach einer anderen Nachricht 400 Familien aus dem Lager geführt und unterwegs umgebracht worden seien. — Nach zuverlässigen Erkundigungen eines Deutschen, der mehrere Tage in Ras ul Ain und Umgegend gewesen ist und mich bei seiner Rückkehr von dort am 22. April besuchte, muß ich folgendes annehmen: Das Lager besteht noch aus höchstens2000 Verbannten[129]. — Es sind einen Monat lang täglich oder fast täglich 300–500 Verbannte aus dem Lager geführt und in einer Entfernung von etwa 10 km von Ras ul Ain niedergemacht worden. Die Leichen wurden in den Fluß geworfen, der auf der großen Kiepertschen Karte von Klein-Asien, Blatt Nsebin (D VI), als Djirdjib el Hamar eingezeichnet ist und der um diese Jahreszeit viel Wasser führte. Ein türkischer Offizier, welcher wegen dieser Vorgänge den Kaimakam von Ras ul Ain zur Rede stellte, habe die ruhige Antwort erhalten, er handle auf Befehl. Durch jene Gegend führt die Etappenstraße der VI. Armee von Ras ul Ain nach Mossul. Da sich dort der Bau von zwei Brücken als notwendig herausgestellt hatte, die VI. Armee aber nicht die nötigen Kräfte dafür bereit hatte, so wurde von der IV. Armee etwa am 15. April ein syrisch-muhammedanisches Pionierbataillon dafür abgegeben. Diese Leute, welche in zwei Tagen von Damaskus nach Ras ul Ain befördert worden sind, von der Lage der verschickten Armenier nichts wußten und unterwegs, wie anzunehmen, nicht beeinflußt worden sind, waren bei Ankunft an Ort und Stelle ganz entsetzt. Sie waren der Ansicht, daß die Armenier durch Soldaten niedergemetzelt seien. Darin kehrt also die Auffassung wieder, daß das Werk auf Befehl vollbracht worden sei. Jedenfalls war dies die in der Gegend allgemein verbreitete Ansicht. Als Henker hat der bei Ras ul Ain ansässige Tscherkessenstamm der Tschetschen gedient.

6. Ende Februar, Anfang März wurde den Armeniern im Arbeiterbataillon Aleppo, teilweise mit Erfolg nahegelegt, zum Islam überzutreten. Im Laufe des Monats März wurden polizeiliche Listen der Armenier Aleppos als Vorbereitung für die Verschickung angefertigt und durch Polizisten die Nachricht verbreitet, die einzige Rettung vor der Verschickung sei der Übertritt zum Islam. Als darauf eine Reihe von Familien um den Übertritt einkam, wurden sie so behandelt, als ob die Gewährung der Bitte eine besondere Gnade sei. Man schreckte also eher wieder ab, sei es, daß man unliebsames Aufsehen fürchtete, sei es, daß die Aufforderung zum Übertritt auf andere als die verantwortlichen Stellen zurückzuführen war, sei es endlich, daß man sich nur daran weiden wollte, mit den Armeniern wie die Katze mit der Maus zu spielen.

7. In Aleppo ist im März und in der ersten Hälfte April nicht nur auf die von außerhalb gekommenen hier versteckten Armenier die schärfste Jagd gemacht, sondern auch mit der Verschickung der hierorts ansässigen Armenier der Anfang gemacht worden. Auch einzelne Frauen und Mädchen wurden auf der Straße aufgegriffen und dieser Zustand zu Willkürakten von Regierungsorganen benutzt. Es wäre vielleicht nicht zu verwunderngewesen, wenn die in ihrer Religion und der Ehre ihrer Frauen angegriffenen Armenier zu Akten der Verzweiflung getrieben worden wären.

Seit dem 18. April ist in Aleppo etwas Ruhe eingetreten und zwar, wie es scheint, auf Intervention der Kaiserlichen Botschaft, welche den Minister des Innern zu dem Befehl an die Ortsbehörden veranlaßt hat, die Ortsansässigen, sowie Katholiken und Protestanten nicht zu verschicken. Die Form, unter welcher der Wali die Pause hat eintreten lassen, war seine Zusage an die hiesige Geistlichkeit, während des Osterfestes Schonung zu gewähren. Man wagt noch nicht zu hoffen, daß die Schonzeit lange dauern oder gar die Gefahr vorüber sei. Auch sind trotz der Zusage unter der Hand immer noch einzelne verschickt worden.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.

261.

KaiserlichDeutsche Botschaft.

Pera, den 28. April 1916.

Die von der Deutschen Orientmission geplante Hilfsexpedition[130]für die notleidenden Armenier in Syrien und Mesopotamien ist diesseits auf der Hohen Pforte zur Sprache gebracht worden. Ich habe dabei hervorheben lassen, daß der genannte Verein hierbei lediglich humanitäre Ziele im Auge habe, wie dies schon daraus sich ergebe, daß es sich in der Hauptsache um Fürsorge für Frauen und Kinder handle, ferner, daß der Verein unter seinen Mitgliedern zahlreiche Persönlichkeiten von Einfluß und Ansehen habe, sowie endlich, daß Herr Lepsius im vorigen Jahre persönlich hierhergekommen sei und sich u. a. durch Rücksprache mit Enver Pascha über die armenische Frage zu unterrichten Gelegenheit gehabt habe.

Die Antwort der Pforte lautete durchaus ablehnend, und zwar mit der Begründung, daß die türkische Regierung keinerlei fremde Hilfsaktion für die Armenier zulassen könnte, da hierdurch die Armenier in ihren Hoffnungen auf das Ausland bestärkt würden. Diese Begründung stimmt wörtlich überein mit der Antwort, die dem Konsul Loytved in Damaskus von Djemal Pascha erteilt wurde, als er den letzteren über die von amerikanischer Seite mit deutscher Beteiligung geplante Hilfsaktion sondierte.

Über eine eventuelle Verteilung der den Armeniern zugedachten Hilfsmittel durch Djemal Pascha hat sich Konsul Loytved auf telegraphische Anfrage dahin geäußert, daß er diesen Modus zunächst nur dort für zweckmäßig erachte, wo Konsulate die Unterorgane Djemal Paschas beaufsichtigen können. Aber auch hierfür müsse die Genehmigung der Zentralregierung eingeholt und dann dem Djemal Pascha Art und Weise der Verteilung von den Geldgebern genau mitgeteilt werden, im übrigen empfehle es sich, die Hilfsaktion wie bisher durch Vertrauenspersonen im geheimen fortzusetzen.

Metternich.

Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.

262.

KaiserlichDeutsche Botschaft.

Pera, den 28. April 1916.

Im Anschluß an Bericht vom 27. März.

Euerer Exzellenz beehre ich mich die von den Konsulaten zu Aleppo und Adana eingegangenen Beantwortungen[131]des Fragebogens des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien, ferner ein Schreiben des Konsuls Rößler an Dr. Vischer nebst Unterlage mit dem Anheimstellen zu überreichen, diese Schriftstücke dem genannten Verein übermitteln lassen zu wollen.

Metternich.

Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.

Anlage 1.

KaiserlichDeutsches Konsulat.

Aleppo, den 12. April 1916.

Sehr geehrter Herr Dr. Vischer!

Ihren durch die Kaiserliche Gesandtschaft in Bern eingegangenen Brief vom 7. März habe ich zusammen mit dem weiteren Brief vom 18. März vorgestern erhalten und seine Anlagen an Schwester Beatrice Rohner gegeben, die auch die Beantwortung des Fragebogens übernommen hat. Haben Sie vielen Dank für alle Ihre Bemühungen sowie für die Übersendung zuerst von 10000 Frs., dann von 5000 Frs., welch letzterer Betrag mir dieser Tage ausgezahlt worden ist.

Das erschütternde Bild, das Schwester Beatrice Rohner von dem Unglück entworfen hat, wird Ihre Schweizer Freunde hoffentlich nicht entmutigen, ebensowenig wie der Umstand, daß eine feste Form der Notstandsarbeit nicht in Aussicht steht. Es gilt, wie sie gesagt hat, so viel als möglich vor dem Hungertode zu retten. Bei einer Organisation der Arbeit, wie Einrichtung von Suppenküchen, regelrechten Waisenhäusern, Krankenhäusern usw. würde mit demselben Geld voraussichtlich mehr zu erreichen sein. Die Spender müssen aber die Entsagung üben, die Verhältnisse zu nehmen, wie sie sind, und müssen die der Hilfe entgegenstehenden Schwierigkeiten in den Kauf nehmen. Auch die Amerikaner überlassen alles dem Ermessen der Schwestern Rohner und Schäfer.

Einen Teil des Schweizer Geldes habe ich der Schwester Paula Schäfer überlassen und füge zur Begründung eine Schilderung von ihr vom 1. März in der Anlage bei.

Rößler.

Herrn Dr. Andreas Vischer, Hochwohlgeboren,Basel.

Anlage 2.

Maraschhospital, z. Z. Aleppo.

Aleppo, den 1. März 1916.

Das Krankenhaus Salem in Marasch hat schon seit Beginn der Armenierausweisungen und damit in Hospital und Klinik eine außerordentliche Tätigkeit gehabt — und mehr als fast möglich — geleistet an Verpflegung von Vertriebenen, wie Medikamentenausgabe an eben solche in der Klinik.

Bei den außergewöhnlichen Umständen mußte das Krankenhaus, da es der Not wegen das ganze Jahr hindurch offen bleiben mußte (da wir sonst doch für 1–2 Monate schließen), mit all seinen Nahrungsmitteln, wie Medikamenten und Verbandstoffen, ziemlich abwirtschaften, da das monatliche Fixum nicht erhöht werden konnte.

Darum bitte ich, mir einen Zuschuß für diese Notstandsarbeit des Marascher Hospitals freundlich zukommen zu lassen.

Die Not in Marasch wie Umgegend ist unbeschreiblich, besonders in der Basardjikebene, wo Verschickte aus Erzerum angesiedelt wurden, die aber Hungers sterben, wenn wir ihnen nicht auf irgend eine Weise helfen würden.

Es handelt sich darum, für diese Vertriebenen Weizen in großen Mengen anzukaufen.

Schwester Paula Schäfer.

263.

Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.

1. Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihrem Wirkungskreise?

2. Können Sie uns Mitteilung über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse machen?

3. Können Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?

4. In welchem Umfang wären Mittel erforderlich?

5. Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?

Anlage 1.

Aleppo, den 12. April 1916.

Beantwortung der Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.

1. Frage: Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihren Wirkungskreisen?

Antwort:

Unser Wirkungskreis ist ein doppelter: Schwester Paula Schäfer übernahm die Bahnstrecke Osmanie-Islahije und die Ebene südlich von Marasch, wo sich überall kleinere und größere Lager versprengter, zurückgebliebener Armenier befinden. In Marasch selbst ist unter den dort zurückgebliebenen ca. 7000 Armeniern furchtbare Not. Unter Türken und Armeniern gleich bekannt, kann Schwester Paula an diesen Orten ziemlich ungehindert ihre Arbeit tun.

Dem Einfluß des Herrn Oberst von Kreß ist es gelungen, Ende Dezember Djemal Pascha zu veranlassen, der Unterzeichneten ein Waisenhaus mit ca. 400 Waisen zu übergeben; dadurch war die Möglichkeit geschaffen, in aller Stille Notstandsarbeit zu betreiben. Dieselbe hatte schon im Sommer begonnen und war, von dem deutschen und amerikanischen Konsul unterstützt, durch die evangelischen und gregorianischen Geistlichen weitergeführt worden. Der sich dabei durch besondere Treue und Hingabe auszeichnende Prediger Eskidjian ist vor wenigen Wochen am Flecktyphus gestorben. Im ganzen sind hier 1250 Waisen gesammelt, davon sind 400 bei Prediger Haron Schiradjian, 250 in der gregorianischen Kirche und 600 (früher 400) bei der Unterzeichneten. Anfangs beschaffte die Regierung die nötigen Lebensmittel, doch ließ der Eifer bald nach, seit etwa 5 Wochen bekommen wir noch Brot, und auch das geht zu Ende. Die Lebensmittel sind mehr als vierfach im Preise gestiegen, wir müssen bei der denkbar einfachsten Beköstigung 4 Piaster (80 Cts.) pro Kind täglich rechnen, brauchen demnächst allein für die Waisen in Aleppo 50 Pfund türkisch pro Tag. Außer diesen Kindern halten sich in Aleppo noch ca. 4000 deportierte Armenier als Flüchtlinge versteckt. Sie fliehen vor der Polizei von einem Haus, einem Viertel ins andere und fristen ein jammervolles Dasein. Sie werden unter der Hand von den Vorstehern ihrer Kirchen unterstützt.

Südlich und südöstlich von hier sind noch jetzt ca. 250000 Armenierzerstreut, von denen die meisten, nicht direkt, aber unter der Hand, mit Liebesgaben zu erreichen sind. In der Gegend von Hama, Damaskus, Ostjordanland, am Euphrat, warten viele auf Hilfe.

2. Frage: Können Sie uns Mitteilungen über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse machen?

Antwort:

Der Zustand der Deportierten spottet jeder Beschreibung. Von Hausrat, Betten, Kleidern, ist natürlich längst nicht mehr die Rede, alles ist verkauft und verzehrt. Auch früher Reichen fehlt es heute am täglichen Brot.

3. Frage: Könnten Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?

Antwort:

Außer der Notstandsarbeit in Aleppo selbst, sind in Killis, Maarra, Hama, Ras-ul-Ain, Damaskus, Der-es-Zor, Kinder gesammelt worden, und es wurden an die erwähnten Ortschaften, wie auch nach Bab, Meskene, Sabkha, bis nach Ana hinunter größere Summen zur Linderung der Not geschickt. Dies konnte natürlich nur durch Vermittlung treuer eingeborener Christen geschehen und ist Gott sei Dank bis heute gelungen, ohne den Verdacht der Regierung auf uns zu lenken.

4. Frage: In welchem Umfange wären Mittel erforderlich?

Antwort:

Außer 4000 Pfund monatlich für Aleppo wären pro Person 2 Piaster Unterstützung gerechnet, täglich 100000[132]Frs. nötig. Es gilt so viele als möglich vom Hungertode zu retten und womöglich bis nach dem Krieg zu erhalten.

5. Frage: Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?

Antwort:

Hilfskräfte müssen aus dem Volke selbst herangezogen werden. Eine europäische Organisation würde nur dazu dienen, der Sache ein jähes Ende zu bereiten.

Beatrice Rohner.

Anlage 2.

Deutsches Konsulat.

Adana, den 15. April 1916.

Beantwortung der Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.

1. Rund 1000 deportierte Armenier sind zurzeit auf der Baustrecke der Bagdadbahn als Handwerker und Arbeiter, einige von ihnen als Bau- und Transportunternehmer der Baugesellschaft beschäftigt.

2. Die Leute werden von der Bagdadbahn-Baugesellschaft reichlich bezahlt und bedürfen daher keiner Unterstützung.

3.-5. Diese Fragen erledigen sich durch die Beantwortung der ersten beiden Fragen.

Bemerkung: Das deutsche Waisenhaus in Harunije hat sich zur Zeit, als große Scharen Deportierter namentlich in Osmanie lagen, dieser angenommen und die hierfür nötigen Mittel von amerikanischer Seite erhalten. Gegenwärtig ist diese Hilfstätigkeit in das Wilajet Aleppo verlegt worden.

Anlage 3.

Deutsches Konsulat.

Damaskus, den 17. April 1916.

Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.

1. Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihrem Wirkungskreise...?: Im Wilajet Damaskus gegen 2000 Familien zu je 5 Köpfen.

2. Können Sie uns Mitteilungen über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse machen?: Höchstens 10 vom Hundert können sich durch eigene Geldmittel erhalten. Den übrigen fehlt alles zum Lebensunterhalt. Sie werden auch größtenteils bisher zu keiner Beschäftigung zugelassen.

3. Können Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?: Die eingegangenen Unterstützungen habe ich bisher durch den armenischen Prediger V. B. Tahmissian den hilfsbedürftigen Armeniern zukommen lassen. Diesem stehen vier Vertrauensleute in der Stadt Damaskus und weitere Hilfskräfte im Wilajet Damaskus zur Verfügung.

4. In welchem Umfang wären Mittel erforderlich?: Für den Lebensunterhalt ist vorläufig wenigstens 1 Frs. täglich zu rechnen. 10000 Armenier im ganzen, davon 1000 Armenier nicht unterstützungsbedürftig, bleiben 9000 Armenier, die hilfsbedürftig sind. Täglich würden 9000 Frs. erforderlich sein.

5. Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?: Weitere Hilfskräfte sollen nach Ansicht des Predigers Tahmissian nicht unbedingt erforderlich sein. Die Hilfskräfte arbeiten alle im geheimen, da die türkische Regierung eine offene Hilfsarbeit verbietet.

Anlage 4.

Deutsches Konsulat.

Mossul, den 4. Mai 1916.

Beantwortung.

Zu 1. Die Zahl der nach dem Wilajet Mossul deportierten Armenier wechselt dauernd infolge starker Mortalität, sowie infolge dauernden Weiterschubs und neuen Zuzugs. Zurzeit befinden sich im Wilajet Mossul ungefähr 4–5000 deportierte Armenier aus Erzerum, Bitlis, Ras ul Ain, Der-es-Zor,hauptsächlich Frauen und Kinder. Auf diesem Bestand dürfte auch künftig auf längere Zeit hinaus die Zahl der ins hiesige Wilajet deportierten Armenier bleiben.

Zu 2. Ein geringer Teil der Deportierten (nur Frauen und Kinder und etwa 200 Männer) hat, soweit die Stadt Mossul selbst in Frage kommt, Unterkunft in hiesigen christlichen und muhammedanischen Familien gefunden. Der Zustand dieser Wenigen, die von seiten der Regierung keinerlei Unterstützung erhalten, ist erträglich. Der Rest ist in Mossul, Kerkuk und Suleimanijeh in ihrem Bestande nach dauernd wechselnden Lagern untergebracht. Ihr Zustand ist mehr als elend. Offiziell soll die Regierung an die deportierten Armenier pro Kopf und pro Tag einen Piaster (20 Pf.) zahlen, wovon sich die Deportierten alsdann selber zu verpflegen haben. Die Zahlung dieser Unterstützungsgelder erfolgt jedoch sehr unregelmäßig, häufig überhaupt nicht, so daß eine große Anzahl der Deportierten aufs Betteln angewiesen ist. Es fehlt den Leuten hauptsächlich an Kleidung aller Art, an ärztlicher Behandlung und an Nahrungs- und Arzneimitteln. Voraussetzung für eine wirksame Hilfe ist, daß die Deportierten zunächst mal an zu bestimmenden Orten definitiv verbleiben dürfen und nicht wie es bisher geschehen ist und noch dauernd geschieht, je nach Gutdünken der sich mit jenen Angelegenheiten befassenden und sehr skrupellos vorgehenden türkischen „Spezialkommissionen“ ruhelos hin- und hergehetzt werden. Solange dies letzter Verfahren weiter angewandt wird, ist jede wirksame Hilfe ausgeschlossen. Die Zahlung von Unterstützungen in diesem Falle würde nur eine Verlängerung der Leiden der Deportierten bedeuten und ihr elendes Ende nur etwas weiter hinausschieben.

Zu 3. Unterstützungen an die im Wilajet Mossul befindlichen deportierten Armenier könnten durch Vermittlung des Konsulats geführt werden, und zwar direkt oder auch durch Inanspruchnahme der betreffenden türkischen Deportiertenkommissionen, im Einvernehmen mit der Regierung.

Zu 4. Bei Berechnung von 1 Ltq. pro Kopf, welcher Betrag zur Beschaffung von Kleidern und Wäsche genügen und wovon noch pro Kopf ein kleiner Barbetrag übrig bleiben würde, würde für die ins hiesige Wilajet deportierten Armenier eine Summe von 4–5000 Ltq. erforderlich sein.

Zu 5. Eine, die Landessprachen (arabisch und türkisch) beherrschende Persönlichkeit als Hilfskraft für Rechnungsführung, Beschaffung der nötigen Gegenstände etc. wäre erforderlich. Diese Hilfskraft kann hier beschafft werden. Monatsremuneration von 4–6 Ltq.


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