Chapter 39

Juli.284.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 8. Juli 1916.An Deutsches Konsulat, Damaskus.Antwort auf Telegramm vom 30. Juni.Auch anderwärts wird trotz der offiziellen Dementis und trotz angeblicher Gegenbefehle die Islamisierung der Armenier durchgeführt. Unsere Gegenvorstellungen sind nutzlos; doch bin ich mit Ihrer Demarche einverstanden.Metternich.285.Telegramm.Großes Hauptquartier, den 1. Juli 1916.Ankunft, den 1. Juli 1916.Der Kaiserliche Gesandte an Auswärtiges Amt.General von Falkenhayn hat am 29. 6. an Enver Pascha gedrahtet:„Wie ich erfahre, ist durch die Ausweisung von Arbeitern, die im Amanus- und Taurusgebiet beschäftigt waren, eine vollständige Betriebseinstellung verursacht worden, deren Ende sich nicht absehen läßt. Ich würde es in hohem Maße für die Gesamtlage bedauern, wenn dadurch auch nur ein Aufschub der geplanten Operationen notwendig würde, und würde Euerer Exzellenz für eine Orientierung über die Folgen des bedauerlichen Vorfalls dankbar sein. Wegen der Behinderung des Nachschubs für die deutschen Formationen in Kleinasien liegt ein unmittelbares deutsches Interesse vor.“Treutler.286.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Abgang aus Therapia, den 1. Juli 1916.Ankunft in Berlin, den 1. Juli 1916.An Auswärtiges Amt.Ich habe schon vorgestern ernste Vorstellung bei Halil und Talaat Bey erhoben unter Betonung der Kriegszwecke. Talaat Bey wollte nochmals mit Enver die Ausweisungsfrage erörtern. Über inzwischen erfolgte Gegenbefehle und deren Ausführung noch keine Klarheit. Ausweisung auf Komiteebeschluß zurückzuführen, da überall Armenierverfolgungen wieder einzusetzen scheinen. Auch Enver und Talaat Bey sind solchen fanatischen Beschlüssen gegenüber machtlos.Mit stellvertretendem Militärbevollmächtigten habe ich von vornherein vereinbart, daß ich seine Schritte bei Enver meinerseits bei der türkischen Regierung unterstütze.Metternich.287.KaiserlichDeutsche Botschaft.Therapia, den 10. Juli 1916.Die Armenierverfolgungen in den östlichen Provinzen sind in ihr letztes Stadium getreten.Die türkische Regierung hat sich in der Durchführung ihres Programms: Erledigung der armenischen Frage durch die Vernichtung der armenischen Rasse, weder durch unsere Vorstellungen noch durch die Vorstellungen der amerikanischen Botschaft und des päpstlichen Delegaten, noch auch durch Drohungen der Ententemächte, am allerwenigsten aber durch die Rücksicht auf die öffentliche Meinung des Abendlandes beirren lassen; sie steht jetzt im Begriff, die letzten Ansammlungen von Armeniern, welche die erste Deportation überstanden haben, aufzulösen und zu zerstreuen.Es handelt sich hierbei um Armenier, die in Nordsyrien (Marasch, Aleppo, Ras-ul-Ain) sowie in einigen größeren Ortschaften Kleinasiens (Angora, Konia) zurückgeblieben sind, namentlich solche, die durch Verschickung dorthin gelangt oder schon früher dort eingewandert waren. Aber auch unter der alteingesessenen Bevölkerung und unter den katholischen und protestantischen Armeniern wird jetzt aufgeräumt, obwohl die Pforte wiederholt die Schonung dieser letzteren zugesagt hatte.Diese Überreste werden teils nach Mesopotamien weiter verschickt, teils islamisiert.Das Konzentrationslager in Ras ul Ain, das Ende April noch 2000 Insassen zählte, ist vollständig geräumt; ein erster Transport ist auf dem Marsch nach Der-es-Zor überfallen und zusammengehauen worden; es wird vermutet, daß es den übrigen nicht besser ergangen ist[134].In Marasch und Aleppo ist die Verschickung in vollem Gange; in Marasch wurden nicht einmal die Familien geschont, die früher vom Minister des Innern spezielle Aufenthaltsermächtigungen hatten. In Angora ist der durch seine Tätigkeit in Diarbekr bekannte Wali Reschid Bey beschäftigt, die letzten Armenier (ausschließlich Katholiken) ausfindig zu machen und auszutreiben. In gleicher Weise wird mit den in Eskischehir und in der Umgegend von Ismid noch befindlichen protestantischen und katholischen Armeniern verfahren.Trotz aller offiziellen Ableugnungen spielt in dieser letzten Phase der Armenierverfolgungen die Islamisierung eine große Rolle.Bereits Ende April berichtete der Pfarrer Christoffel aus Siwas, daß er in Eregli die letzten christlichen Armenier angetroffen habe; von dort bis Siwas war gründlich aufgeräumt. Entweder verschickt, oder bekehrt oder umgebracht. Man hörte nirgends mehr einen armenischen Laut. In Karahissar-Scharki waren anscheinend noch einige Gruppen christlicher Armenier übrig geblieben. Letzthin sollten sie in Gemeinschaft mit den dortigen Griechen ein Komitee gebildet haben, um unter den Soldaten einen Aufstand zu erregen. Daraufhin wurden alle Armenier festgenommen, um verschickt zu werden; sie haben es dann vorgezogen, zum Islam überzutreten. Aus Damaskus zeigt Konsul Loytved unter dem 30. Juni an: „Armenier werden sämtlich mehr oder weniger gezwungen, Muhammedaner zu werden; in Deraa haben 149 Familien den Islam angenommen, nur eine einzige blieb dem christlichen Glauben treu.“Endlich muß hier das Vorgehen der Pforte gegen die Anstalten erwähnt werden, die von deutschen und amerikanischen Vereinen zum Wohl der armenischen Bevölkerung in jenen Gegenden bisher unterhalten wurden, wie Waisenhäuser, Spitäler, Schulen u. dgl. Die wenigen Anstalten, die noch nicht geschlossen sind, werden durch die Behörden tagtäglich bedroht mit Verschickung des armenischen Personals, der Schul- und Waisenkinder und mit anderen Maßregeln. Einzelne Vergünstigungen, die die Regierung noch im vorigen Jahre zugestanden hatte, sind zurückgezogen worden, und es ist nur geringe Hoffnung vorhanden, daß diese Anstalten nach dem Kriege ihre Tätigkeit in dem früheren Umfange werden aufnehmen können. Die türkische Regierung hat richtig erkannt, daß die von den Ausländern geleiteten Schulenund Waisenhäuser einen großen Einfluß auf die Weckung und Entwicklung des armenischen Nationalgefühls gehabt haben; es ist von ihrem Standpunkt aus nur konsequent, wenn sie sie einer straffen Kontrolle unterstellt, oder ganz eingehen läßt.Ebenso darf man in der zwangsweisen Islamisierung der Armenier zunächst keine von religiösem Fanatismus eingegebene Maßregel erblicken. Den jungtürkischen Gewalthabern dürften solche Gefühle fremd sein. Dagegen bleibt es wahr, daß, um auch im Herzen ein guter osmanischer Patriot zu sein, man vor allem sich zum Islam bekennen muß. Die Geschichte des türkischen Reiches von seinem Beginn bis in die letzten Zeiten ist da, um die Richtigkeit des Satzes zu beweisen, daß im Orient Glaubensbekenntnis und Nationalität identisch sind, und jeder Osmane ist in seinem Innern hiervon überzeugt. Die gegenteiligen amtlichen und nichtamtlichen Versicherungen gehören samt dem begleitenden Apparat von Belegstellen aus Koran und Tradition zu den konventionellen Phrasen, deren man sich seit der Ära der Reformfermane den Europäern gegenüber bedient, um die Toleranz des Islams und der Osmanen zu beweisen. So entsprechen auch die Dementis, welche die Minister den Mitteilungen über die Glaubensverfolgungen entgegensetzen, zunächst den Anforderungen des guten Tons; sie treffen aber insofern zu, als das leitende Motiv nicht religiöser Fanatismus ist, sondern die Absicht, die Armenier mit den muhammedanischen Bewohnern des Reiches zu amalgamieren.So sehr es auch zu beklagen ist, daß es uns nicht gelungen ist, die Armenierpolitik der Pforte in andere Bahnen zu lenken, so haben andererseits weder unsere Feinde noch die Neutralen ein Recht, uns daraus einen Vorwurf zu machen. Wir haben nach besten Kräften das Los des unglücklichen armenischen Volksstammes in der Türkei zu mildern gesucht, sowohl durch Einwirkung auf die Regierung wie durch Hilfsleistungen.Metternich.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.288.KaiserlichesDeutsches Generalkonsulat.Genf, den 12. Juli 1916.Die hiesigen Vertreter des Schweizerischen Hilfswerks für die Armenier, der Schweizer Herr Leopold Favre und der ehemalige Pastor der deutsch-evangelischen Gemeinde von Genf, Herr Adolf Hoffmann (Reichsangehöriger), haben mir mitgeteilt, daß ihr Komitee die Absicht habe, den auf türkischem Gebiet lebenden notleidenden Armeniern aufs neue Geldunterstützungen zukommen zu lassen. Das Hilfskomitee würde es mit Dank begrüßen, wenn es für dieses Unternehmen bei den Kaiserlichen Konsularbehörden in Kleinasien Unterstützung finden würde und wenn es sich ermöglichen ließe, die von dem Komitee für den angegebenen Zweck gesammelte Geldsumme durch die Vermittlung unserer Konsuln unter die hilfsbedürftigen Armenier zu verteilen.Geißler.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg in Berlin.289.(KaiserlichesKonsulat Siwas.)Telegramm.Siwas, den 23. Juli 1916.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Heute am Tage des Nationalfestes sind alle armenischen Militärärzte jeden Grades unter Drohung gezwungen worden, zum Islam überzutreten. Alle mußten sich bekehren. Ein armenischer Sanitätshauptmann weigerte sich und ist deshalb vorläufig eingesperrt worden.Werth.KaiserlichDeutsche Botschaft.Therapia, den 24. Juli 1916.AbschriftlichSeiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst überreicht.Metternich.290.KaiserlichDeutsches Konsulat.Aleppo, den 29. Juli 1916.Die von allen Seiten einlaufenden Nachrichten tun dar, daß die Armenierverfolgung unvermindert und unerbittlich anhält. Von den Deutschen, die den Euphratweg von Bagdad her zurückkehren, ist keiner, der nicht von dieser Katastrophe den tiefsten Eindruck empfinge.1. Ein Beamter des höheren deutschen Reichsdienstes hat mir am 18. Juli erzählt, die Strecke von Sabkha über Hammam nach Meskene sei mit Resten von Kleidungsstücken übersät; sie sähe aus, als ob dort eine Armee zurückgegangen wäre.Der türkische Militärapotheker in Meskene, der dort seit 6 Monaten stationiert ist, hat ihm erzählt, daß allein in Meskene 55000 Armenier begraben seien. Dieselbe Zahl ist ihm unabhängig davon von einem türkischen Offizierstellvertreter dortselbst gleichfalls genannt worden.2. Aus Der-es-Zor kam unter dem 16. Juli Nachricht, daß die Armenier den Befehl zum Weiterwandern erhalten hatten. Am 17. wurden alle Geistlichen und führenden Männer verhaftet. Bis zum 22. Juli, so war der Befehl, sollten alle Armenier wieder zum Wanderstab gegriffen haben. Nachdem schon früher von der Zentralregierung angeordnet worden war, daß nur soviel Armenier in Der-es-Zor bleiben sollten, als 10 Prozent der ansässigen Bevölkerung entsprach, soll nun auch der letzte Rest vertilgt werden, eine Änderung, die möglicherweise damit zusammenhängt, daß der menschliche Mutessarrif Suad Bey nach Bagdad versetzt ist und einen unbarmherzigen Nachfolger erhalten hat.Mit Peitsche und Knüppel werden wehrlose erschöpfte Frauen und Kinder von Gendarmen geprügelt, eine Beobachtung, die schon oft gemacht und mir auch jetzt wieder von einem des Wegs gekommenen deutschen Offizier aus eigener Anschauung bestätigt worden ist.3. Ein aus Diarbekr über Urfa hier angekommener deutscher Offizier hat mir am 24. Juli erzählt, daß einige Zeit vorher wieder 2000 armenische Frauen aus den östlichen und nördlichen Gebieten nach Urfa gebracht worden sind. Es handelt sich hier offenbar um eine Nachlese von solchen, die sich früher hatten versteckt halten können oder die in muhammedanische Familien aufgenommen waren und deren man jetzt überdrüssig geworden ist.Auf ähnliche Zustände deutet die in Abschrift gehorsam hier beigefügte briefliche Nachricht des Diakons Künzler aus Urfa vom 22. Juli, wonach es ihm gelungen ist, 150 Waisenkinder zu unterstützen.4. In Aleppo ist seit dem 12. Juli die Verschickung eingestellt, anscheinend weil ein Konflikt zwischen den oberen Behörden darüber ausgebrochen ist, daß es den reicheren Armeniern gelungen ist, Schonung zu erlangen, während die ärmeren der Polizei ausgeliefert waren. Aus Meskene ist es etwa 250 Armeniern gelungen, mit stillschweigender Duldung des dortigen Militärkaimakams, nach Aleppo zurückzuwandern, wo sie in erbarmungswürdigem Zustande ankamen. Der Wali hat infolgedessen Befehl an die Dörfer gegeben, keinen Armenier nach Aleppo zurückzulassen. Überträgt man die Ausführung behördlicher Anordnungen der Bevölkerung, so erklärt man die Armenier damit für vogelfrei. Weitere Maßregeln gegen sie werden hier vermutlich zu erwarten sein. Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.Rößler.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.Anlage.(Notstandswerk Urfa.)Urfa, den 22. Juli 1916.Unter der Hand ist es mir gelungen, Dank der Hilfe aus der Schweiz, hier Überreste des armenischen Volkes, Waisenkinder, bereits 150 an der Zahl, zu unterstützen und sie so vom drohenden Hungertode zu retten. Es gibt noch mehr; allein für alle reichts nicht.Jakob Künzler.An den Kaiserlichen Konsul Rößler, Aleppo.

Juli.

284.

KaiserlichDeutsche Botschaft.

Pera, den 8. Juli 1916.

An Deutsches Konsulat, Damaskus.

Antwort auf Telegramm vom 30. Juni.

Auch anderwärts wird trotz der offiziellen Dementis und trotz angeblicher Gegenbefehle die Islamisierung der Armenier durchgeführt. Unsere Gegenvorstellungen sind nutzlos; doch bin ich mit Ihrer Demarche einverstanden.

Metternich.

285.

Telegramm.

Großes Hauptquartier, den 1. Juli 1916.Ankunft, den 1. Juli 1916.

Der Kaiserliche Gesandte an Auswärtiges Amt.

General von Falkenhayn hat am 29. 6. an Enver Pascha gedrahtet:

„Wie ich erfahre, ist durch die Ausweisung von Arbeitern, die im Amanus- und Taurusgebiet beschäftigt waren, eine vollständige Betriebseinstellung verursacht worden, deren Ende sich nicht absehen läßt. Ich würde es in hohem Maße für die Gesamtlage bedauern, wenn dadurch auch nur ein Aufschub der geplanten Operationen notwendig würde, und würde Euerer Exzellenz für eine Orientierung über die Folgen des bedauerlichen Vorfalls dankbar sein. Wegen der Behinderung des Nachschubs für die deutschen Formationen in Kleinasien liegt ein unmittelbares deutsches Interesse vor.“

Treutler.

286.

(KaiserlichDeutsche Botschaft.)

Telegramm.

Abgang aus Therapia, den 1. Juli 1916.Ankunft in Berlin, den 1. Juli 1916.

An Auswärtiges Amt.

Ich habe schon vorgestern ernste Vorstellung bei Halil und Talaat Bey erhoben unter Betonung der Kriegszwecke. Talaat Bey wollte nochmals mit Enver die Ausweisungsfrage erörtern. Über inzwischen erfolgte Gegenbefehle und deren Ausführung noch keine Klarheit. Ausweisung auf Komiteebeschluß zurückzuführen, da überall Armenierverfolgungen wieder einzusetzen scheinen. Auch Enver und Talaat Bey sind solchen fanatischen Beschlüssen gegenüber machtlos.

Mit stellvertretendem Militärbevollmächtigten habe ich von vornherein vereinbart, daß ich seine Schritte bei Enver meinerseits bei der türkischen Regierung unterstütze.

Metternich.

287.

KaiserlichDeutsche Botschaft.

Therapia, den 10. Juli 1916.

Die Armenierverfolgungen in den östlichen Provinzen sind in ihr letztes Stadium getreten.

Die türkische Regierung hat sich in der Durchführung ihres Programms: Erledigung der armenischen Frage durch die Vernichtung der armenischen Rasse, weder durch unsere Vorstellungen noch durch die Vorstellungen der amerikanischen Botschaft und des päpstlichen Delegaten, noch auch durch Drohungen der Ententemächte, am allerwenigsten aber durch die Rücksicht auf die öffentliche Meinung des Abendlandes beirren lassen; sie steht jetzt im Begriff, die letzten Ansammlungen von Armeniern, welche die erste Deportation überstanden haben, aufzulösen und zu zerstreuen.

Es handelt sich hierbei um Armenier, die in Nordsyrien (Marasch, Aleppo, Ras-ul-Ain) sowie in einigen größeren Ortschaften Kleinasiens (Angora, Konia) zurückgeblieben sind, namentlich solche, die durch Verschickung dorthin gelangt oder schon früher dort eingewandert waren. Aber auch unter der alteingesessenen Bevölkerung und unter den katholischen und protestantischen Armeniern wird jetzt aufgeräumt, obwohl die Pforte wiederholt die Schonung dieser letzteren zugesagt hatte.

Diese Überreste werden teils nach Mesopotamien weiter verschickt, teils islamisiert.

Das Konzentrationslager in Ras ul Ain, das Ende April noch 2000 Insassen zählte, ist vollständig geräumt; ein erster Transport ist auf dem Marsch nach Der-es-Zor überfallen und zusammengehauen worden; es wird vermutet, daß es den übrigen nicht besser ergangen ist[134].

In Marasch und Aleppo ist die Verschickung in vollem Gange; in Marasch wurden nicht einmal die Familien geschont, die früher vom Minister des Innern spezielle Aufenthaltsermächtigungen hatten. In Angora ist der durch seine Tätigkeit in Diarbekr bekannte Wali Reschid Bey beschäftigt, die letzten Armenier (ausschließlich Katholiken) ausfindig zu machen und auszutreiben. In gleicher Weise wird mit den in Eskischehir und in der Umgegend von Ismid noch befindlichen protestantischen und katholischen Armeniern verfahren.

Trotz aller offiziellen Ableugnungen spielt in dieser letzten Phase der Armenierverfolgungen die Islamisierung eine große Rolle.

Bereits Ende April berichtete der Pfarrer Christoffel aus Siwas, daß er in Eregli die letzten christlichen Armenier angetroffen habe; von dort bis Siwas war gründlich aufgeräumt. Entweder verschickt, oder bekehrt oder umgebracht. Man hörte nirgends mehr einen armenischen Laut. In Karahissar-Scharki waren anscheinend noch einige Gruppen christlicher Armenier übrig geblieben. Letzthin sollten sie in Gemeinschaft mit den dortigen Griechen ein Komitee gebildet haben, um unter den Soldaten einen Aufstand zu erregen. Daraufhin wurden alle Armenier festgenommen, um verschickt zu werden; sie haben es dann vorgezogen, zum Islam überzutreten. Aus Damaskus zeigt Konsul Loytved unter dem 30. Juni an: „Armenier werden sämtlich mehr oder weniger gezwungen, Muhammedaner zu werden; in Deraa haben 149 Familien den Islam angenommen, nur eine einzige blieb dem christlichen Glauben treu.“

Endlich muß hier das Vorgehen der Pforte gegen die Anstalten erwähnt werden, die von deutschen und amerikanischen Vereinen zum Wohl der armenischen Bevölkerung in jenen Gegenden bisher unterhalten wurden, wie Waisenhäuser, Spitäler, Schulen u. dgl. Die wenigen Anstalten, die noch nicht geschlossen sind, werden durch die Behörden tagtäglich bedroht mit Verschickung des armenischen Personals, der Schul- und Waisenkinder und mit anderen Maßregeln. Einzelne Vergünstigungen, die die Regierung noch im vorigen Jahre zugestanden hatte, sind zurückgezogen worden, und es ist nur geringe Hoffnung vorhanden, daß diese Anstalten nach dem Kriege ihre Tätigkeit in dem früheren Umfange werden aufnehmen können. Die türkische Regierung hat richtig erkannt, daß die von den Ausländern geleiteten Schulenund Waisenhäuser einen großen Einfluß auf die Weckung und Entwicklung des armenischen Nationalgefühls gehabt haben; es ist von ihrem Standpunkt aus nur konsequent, wenn sie sie einer straffen Kontrolle unterstellt, oder ganz eingehen läßt.

Ebenso darf man in der zwangsweisen Islamisierung der Armenier zunächst keine von religiösem Fanatismus eingegebene Maßregel erblicken. Den jungtürkischen Gewalthabern dürften solche Gefühle fremd sein. Dagegen bleibt es wahr, daß, um auch im Herzen ein guter osmanischer Patriot zu sein, man vor allem sich zum Islam bekennen muß. Die Geschichte des türkischen Reiches von seinem Beginn bis in die letzten Zeiten ist da, um die Richtigkeit des Satzes zu beweisen, daß im Orient Glaubensbekenntnis und Nationalität identisch sind, und jeder Osmane ist in seinem Innern hiervon überzeugt. Die gegenteiligen amtlichen und nichtamtlichen Versicherungen gehören samt dem begleitenden Apparat von Belegstellen aus Koran und Tradition zu den konventionellen Phrasen, deren man sich seit der Ära der Reformfermane den Europäern gegenüber bedient, um die Toleranz des Islams und der Osmanen zu beweisen. So entsprechen auch die Dementis, welche die Minister den Mitteilungen über die Glaubensverfolgungen entgegensetzen, zunächst den Anforderungen des guten Tons; sie treffen aber insofern zu, als das leitende Motiv nicht religiöser Fanatismus ist, sondern die Absicht, die Armenier mit den muhammedanischen Bewohnern des Reiches zu amalgamieren.

So sehr es auch zu beklagen ist, daß es uns nicht gelungen ist, die Armenierpolitik der Pforte in andere Bahnen zu lenken, so haben andererseits weder unsere Feinde noch die Neutralen ein Recht, uns daraus einen Vorwurf zu machen. Wir haben nach besten Kräften das Los des unglücklichen armenischen Volksstammes in der Türkei zu mildern gesucht, sowohl durch Einwirkung auf die Regierung wie durch Hilfsleistungen.

Metternich.

Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.

288.

KaiserlichesDeutsches Generalkonsulat.

Genf, den 12. Juli 1916.

Die hiesigen Vertreter des Schweizerischen Hilfswerks für die Armenier, der Schweizer Herr Leopold Favre und der ehemalige Pastor der deutsch-evangelischen Gemeinde von Genf, Herr Adolf Hoffmann (Reichsangehöriger), haben mir mitgeteilt, daß ihr Komitee die Absicht habe, den auf türkischem Gebiet lebenden notleidenden Armeniern aufs neue Geldunterstützungen zukommen zu lassen. Das Hilfskomitee würde es mit Dank begrüßen, wenn es für dieses Unternehmen bei den Kaiserlichen Konsularbehörden in Kleinasien Unterstützung finden würde und wenn es sich ermöglichen ließe, die von dem Komitee für den angegebenen Zweck gesammelte Geldsumme durch die Vermittlung unserer Konsuln unter die hilfsbedürftigen Armenier zu verteilen.

Geißler.

Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg in Berlin.

289.

(KaiserlichesKonsulat Siwas.)

Telegramm.

Siwas, den 23. Juli 1916.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Heute am Tage des Nationalfestes sind alle armenischen Militärärzte jeden Grades unter Drohung gezwungen worden, zum Islam überzutreten. Alle mußten sich bekehren. Ein armenischer Sanitätshauptmann weigerte sich und ist deshalb vorläufig eingesperrt worden.

Werth.

KaiserlichDeutsche Botschaft.

Therapia, den 24. Juli 1916.

Abschriftlich

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst überreicht.

Metternich.

290.

KaiserlichDeutsches Konsulat.

Aleppo, den 29. Juli 1916.

Die von allen Seiten einlaufenden Nachrichten tun dar, daß die Armenierverfolgung unvermindert und unerbittlich anhält. Von den Deutschen, die den Euphratweg von Bagdad her zurückkehren, ist keiner, der nicht von dieser Katastrophe den tiefsten Eindruck empfinge.

1. Ein Beamter des höheren deutschen Reichsdienstes hat mir am 18. Juli erzählt, die Strecke von Sabkha über Hammam nach Meskene sei mit Resten von Kleidungsstücken übersät; sie sähe aus, als ob dort eine Armee zurückgegangen wäre.

Der türkische Militärapotheker in Meskene, der dort seit 6 Monaten stationiert ist, hat ihm erzählt, daß allein in Meskene 55000 Armenier begraben seien. Dieselbe Zahl ist ihm unabhängig davon von einem türkischen Offizierstellvertreter dortselbst gleichfalls genannt worden.

2. Aus Der-es-Zor kam unter dem 16. Juli Nachricht, daß die Armenier den Befehl zum Weiterwandern erhalten hatten. Am 17. wurden alle Geistlichen und führenden Männer verhaftet. Bis zum 22. Juli, so war der Befehl, sollten alle Armenier wieder zum Wanderstab gegriffen haben. Nachdem schon früher von der Zentralregierung angeordnet worden war, daß nur soviel Armenier in Der-es-Zor bleiben sollten, als 10 Prozent der ansässigen Bevölkerung entsprach, soll nun auch der letzte Rest vertilgt werden, eine Änderung, die möglicherweise damit zusammenhängt, daß der menschliche Mutessarrif Suad Bey nach Bagdad versetzt ist und einen unbarmherzigen Nachfolger erhalten hat.

Mit Peitsche und Knüppel werden wehrlose erschöpfte Frauen und Kinder von Gendarmen geprügelt, eine Beobachtung, die schon oft gemacht und mir auch jetzt wieder von einem des Wegs gekommenen deutschen Offizier aus eigener Anschauung bestätigt worden ist.

3. Ein aus Diarbekr über Urfa hier angekommener deutscher Offizier hat mir am 24. Juli erzählt, daß einige Zeit vorher wieder 2000 armenische Frauen aus den östlichen und nördlichen Gebieten nach Urfa gebracht worden sind. Es handelt sich hier offenbar um eine Nachlese von solchen, die sich früher hatten versteckt halten können oder die in muhammedanische Familien aufgenommen waren und deren man jetzt überdrüssig geworden ist.

Auf ähnliche Zustände deutet die in Abschrift gehorsam hier beigefügte briefliche Nachricht des Diakons Künzler aus Urfa vom 22. Juli, wonach es ihm gelungen ist, 150 Waisenkinder zu unterstützen.

4. In Aleppo ist seit dem 12. Juli die Verschickung eingestellt, anscheinend weil ein Konflikt zwischen den oberen Behörden darüber ausgebrochen ist, daß es den reicheren Armeniern gelungen ist, Schonung zu erlangen, während die ärmeren der Polizei ausgeliefert waren. Aus Meskene ist es etwa 250 Armeniern gelungen, mit stillschweigender Duldung des dortigen Militärkaimakams, nach Aleppo zurückzuwandern, wo sie in erbarmungswürdigem Zustande ankamen. Der Wali hat infolgedessen Befehl an die Dörfer gegeben, keinen Armenier nach Aleppo zurückzulassen. Überträgt man die Ausführung behördlicher Anordnungen der Bevölkerung, so erklärt man die Armenier damit für vogelfrei. Weitere Maßregeln gegen sie werden hier vermutlich zu erwarten sein. Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.

Anlage.

(Notstandswerk Urfa.)

Urfa, den 22. Juli 1916.

Unter der Hand ist es mir gelungen, Dank der Hilfe aus der Schweiz, hier Überreste des armenischen Volkes, Waisenkinder, bereits 150 an der Zahl, zu unterstützen und sie so vom drohenden Hungertode zu retten. Es gibt noch mehr; allein für alle reichts nicht.

Jakob Künzler.

An den Kaiserlichen Konsul Rößler, Aleppo.


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