September.298.KaiserlichesKonsulat Aleppo.Aleppo, den 5. September 1916.Die Angaben des Berichts vom 29. v. M. über die Verhältnisse der Armenierverschickung in der Gegend von Der-es-Zor sind mir inzwischen aus anderen vertrauenswürdigen Quellen im wesentlichen bestätigt worden. So berichtete mir ein soeben von dort zurückgekehrter deutscher Angestellter einer amerikanischen Firma, der gelegentlich einer Geschäftsreise die meisten dortigen Lager besucht hat, folgendes:„Längs der Euphratstraße ziehen sich bis Der-es-Zor nur noch kleine Lager von je 1000–2000 Seelen hin. Die 20–30000 Armenier, die ich bei meiner letzten Reise in Der-es-Zor sah und die unter dem menschlich denkenden Mutessarrif aufzuatmen begannen, sind seit dessen vor einigen Monaten erfolgten Ersetzung durch den brutalen jetzigen Mutessarrif Sekki Bey, einen Tscherkessen, bis auf einige Handwerker und etwa 1200 Kinder, weiterverschickt, und zwar, wie ich hörte, in die Gegend des Flusses Chabur[136]. Dort werden sie, allgemeiner Ansicht nach, niedergemetzelt oder kommen sonstwie um. Die erwähnten 1200 Kinder sind ganz verelendet; was man sieht, trägt den Hunger im Gesicht.Für den Unterhalt der in den Lagern Untergebrachten tut die Regierung gar nichts. Die Lager sind fast durchweg entfernt von Städten und Dörfern. Deshalb ist die Versorgung mit Nahrung selbst für den, der noch Geld hat, äußerst schwer. Sie beschränkt sich auf das, was die arabischen Bauern täglich an Brot, Melonen usw. ins Lager bringen, d. h. eine ganz unzureichende Menge. Viele leben nur von Melonen, die in jenen Gegenden reichlich wachsen und die sie mit Schale und Kernen essen. Als ich in einem kleinen Lager Brot verteilte, benahmen sich die Leute wie die wilden Tiere, ich mußte flüchten und die Verteilung durch Gendarmen vornehmen lassen. Wer kein Geld hat, verhungert. Das Papierpfund gilt 45 Piaster. Aber man weist Unterstützung in Geld sogar zurück und schreit nach Brot. Ich sah Leute, die Gerstenkörner aus dem Pferdemist zum Essen heraussuchen.Solange die Verschickten noch Geld haben, läßt man sie in ihrem Lager. Ist es damit zu Ende, werden sie gegen Der-es-Zor abgeschoben. Dabei reißt man rücksichtslos Familien auseinander. Bei El-Hammam arbeiten 6–700 armenische Männer ohne Familien an Regierungsbauten. Auch sie sehen übrigens ganz verhungert aus.Die Lagerinsassen setzen sich aus Angehörigen aller gesellschaftlichen Schichten zusammen. Ich wurde bei meinen Besuchen vielfach auf französisch, englisch und deutsch angesprochen; auf deutsch von Zöglingen deutscher Schulen und Waisenhäuser. Viele Flüchtlinge versuchen, in andere Lager zu flüchten, die näher bei Ansiedlungen liegen und daher eher Nahrungsgelegenheit bieten. Auf solche Flüchtlinge fahnden beständig Gendarmen. Wer gefaßt wird, gilt als verloren.Die Winterkälte wird unter den Verschickten wohl endgültig aufräumen.“Soweit der oben erwähnte Gewährsmann.Was das Schicksal der von Der-es-Zor weiter Verschickten angeht, die nach amtlicher Angabe nach Mossul gehen, so habe ich mich beim Konsulat Mossul erkundigt, wieviel Verschickte von Der-es-Zor in den letzten Monaten schätzungsweise angekommen seien. Nach der daraufhin erteilten Auskunft sind am 15. April vier Transporte auf zwei Wegen von Der-es-Zor abgegangen und, 19000 an der Zahl, in einem Lager am Flusse Chabur vereinigt worden. Am 22. Mai, also 5 Wochen später, sind von diesen Transporten etwa 2500, darunter auch einige hundert Männer, in Mossul angelangt. Ein Teil der Frauen und Mädchen ist unterwegs an die Beduinen verkauft worden; alles übrige ist durch Hunger und Durst unterwegs umgekommen.Seit 3½ Monaten sind demnach keine neuen Transporte in Mossul angekommen. Auch diese Tatsache dürfte die Volksmeinung in Der-es-Zor und die ihr entsprechenden tatsächlichen Angaben bestätigen, daß unter der Herrschaft des neuen tscherkessischen Mutessarrifs von Der-es-Zor mit den weiter Verschickten neuerdings im Euphrat-Chabur-Winkel kurzer Prozeß gemacht wird.Die Auflösung der hiesigen Waisenhäuser für Kinder umgekommener Verschickter hat noch nicht begonnen. Jedoch hat der Vertreter des hiesigen Verschickungskommissars der einen leitenden Schwester jetzt auch amtlich erklärt, diese Waisen würden in ein neues großes nationales Waisenhaus in Konia verbracht werden; dort würden sie selbstredend türkische Namen bekommen und als Türken (d. h. Muhammedaner) erzogen werden.I. V.:Hoffmann.An die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel.299.Auswärtiges Amt.Berlin, den 25. September 1916.Ich habe heute mit Halil Bey eingehend gesprochen und ihn nachdrücklich darauf hingewiesen, daß während die früheren Verschickungen von Armeniern angesichts der damaligen militärischen Lage im Interesse der Sicherheit des Landes noch mit einem Schein des Rechts verteidigt werden konnten, diejetzt geplanten Maßregeln gegen die aus Frauen und Kindern bestehenden traurigen Reste der Armenier in keiner Weise gerechtfertigt oder entschuldigt werden könnten. Das Vorgehen der türkischen Regierung werde in der ganzen zivilisierten Welt einen Sturm der Entrüstung hervorrufen, der sich auch nach dem Kriege nicht so bald legen werde. Insbesondere werde die geplante Auflösung der Waisenhäuser und die Massenbekehrungen zum Islam nicht nur in Deutschland, sondern bei allen christlichen Völkern mit Recht dem schärfsten Widerspruch begegnen.Zimmermann.300.86. Sitzung des Reichshaushaltausschusses am 29. September 1916.Aufzeichnung des Staatssekretärs.Wir haben in der armenischen Frage von Anfang an energische Vorstellungen bei der Pforte erhoben. Wir werden vielleicht später einmal nach dem Kriege, wenn unsere Position nicht mehr so delikat ist wie heute, unsere ganzen Verhandlungen veröffentlichen. Ich kann Ihnen vertraulich erzählen, daß unser Botschafter soweit gegangen ist, sich direkt den Unwillen des Großwesirs und des Ministers des Innern zuzuziehen. Nach den ersten drei Monaten seiner Tätigkeit haben die betreffenden Minister gesagt, der Botschafter scheine wohl nichts anderes zu tun zu haben, als sie immer in der Armeniersache anzuöden.Die neuen Klagen, daß die armenischen Waisenhäuser aufgelöst, die Armeniermädchen in die Harems und die Knaben in die türkischen Waisenhäuser gebracht und gezwungen werden, Muhammedaner zu werden, haben mir Anlaß gegeben, persönlich bei dem zurzeit hier anwesenden türkischen Minister des Auswärtigen ernste Vorstellungen zu erheben. Ich habe darauf hingewiesen, daß diese Vorgänge nicht nur für die Türken, sondern auch für uns außerordentlich peinlich wären und wir dringend bitten müßten, Mittel und Wege zu finden, daß hier Abhilfe geschaffen werde.Ich kann nur sagen, wir haben alles getan, was wir konnten. Das äußerste, was uns übrig bliebe, wäre, das Bündnis mit der Türkei zu brechen. Sie werden verstehen, daß wir uns dazu nicht entschließen können. Höher als die Armenier, so sehr wir vom rein menschlichen Standpunkt aus ihr Los beklagen, stehen uns unsere Söhne und Brüder, die ihr teures Blut in den schwersten Kämpfen vergießen müssen und die mit auf die Unterstützung der Türken angewiesen sind. Denn die Türken leisten uns zur Deckung der Südostflanke wesentliche Dienste. Sie werden mit mir übereinstimmen, daß wir so weit nicht gehen können, den Türken, die wir tatsächlich durch unsere andauernden Vorstellungen in der armenischen Frage stark verstimmt haben, noch das Bündnis zu kündigen.
September.
298.
KaiserlichesKonsulat Aleppo.
Aleppo, den 5. September 1916.
Die Angaben des Berichts vom 29. v. M. über die Verhältnisse der Armenierverschickung in der Gegend von Der-es-Zor sind mir inzwischen aus anderen vertrauenswürdigen Quellen im wesentlichen bestätigt worden. So berichtete mir ein soeben von dort zurückgekehrter deutscher Angestellter einer amerikanischen Firma, der gelegentlich einer Geschäftsreise die meisten dortigen Lager besucht hat, folgendes:
„Längs der Euphratstraße ziehen sich bis Der-es-Zor nur noch kleine Lager von je 1000–2000 Seelen hin. Die 20–30000 Armenier, die ich bei meiner letzten Reise in Der-es-Zor sah und die unter dem menschlich denkenden Mutessarrif aufzuatmen begannen, sind seit dessen vor einigen Monaten erfolgten Ersetzung durch den brutalen jetzigen Mutessarrif Sekki Bey, einen Tscherkessen, bis auf einige Handwerker und etwa 1200 Kinder, weiterverschickt, und zwar, wie ich hörte, in die Gegend des Flusses Chabur[136]. Dort werden sie, allgemeiner Ansicht nach, niedergemetzelt oder kommen sonstwie um. Die erwähnten 1200 Kinder sind ganz verelendet; was man sieht, trägt den Hunger im Gesicht.
Für den Unterhalt der in den Lagern Untergebrachten tut die Regierung gar nichts. Die Lager sind fast durchweg entfernt von Städten und Dörfern. Deshalb ist die Versorgung mit Nahrung selbst für den, der noch Geld hat, äußerst schwer. Sie beschränkt sich auf das, was die arabischen Bauern täglich an Brot, Melonen usw. ins Lager bringen, d. h. eine ganz unzureichende Menge. Viele leben nur von Melonen, die in jenen Gegenden reichlich wachsen und die sie mit Schale und Kernen essen. Als ich in einem kleinen Lager Brot verteilte, benahmen sich die Leute wie die wilden Tiere, ich mußte flüchten und die Verteilung durch Gendarmen vornehmen lassen. Wer kein Geld hat, verhungert. Das Papierpfund gilt 45 Piaster. Aber man weist Unterstützung in Geld sogar zurück und schreit nach Brot. Ich sah Leute, die Gerstenkörner aus dem Pferdemist zum Essen heraussuchen.
Solange die Verschickten noch Geld haben, läßt man sie in ihrem Lager. Ist es damit zu Ende, werden sie gegen Der-es-Zor abgeschoben. Dabei reißt man rücksichtslos Familien auseinander. Bei El-Hammam arbeiten 6–700 armenische Männer ohne Familien an Regierungsbauten. Auch sie sehen übrigens ganz verhungert aus.
Die Lagerinsassen setzen sich aus Angehörigen aller gesellschaftlichen Schichten zusammen. Ich wurde bei meinen Besuchen vielfach auf französisch, englisch und deutsch angesprochen; auf deutsch von Zöglingen deutscher Schulen und Waisenhäuser. Viele Flüchtlinge versuchen, in andere Lager zu flüchten, die näher bei Ansiedlungen liegen und daher eher Nahrungsgelegenheit bieten. Auf solche Flüchtlinge fahnden beständig Gendarmen. Wer gefaßt wird, gilt als verloren.
Die Winterkälte wird unter den Verschickten wohl endgültig aufräumen.“
Soweit der oben erwähnte Gewährsmann.
Was das Schicksal der von Der-es-Zor weiter Verschickten angeht, die nach amtlicher Angabe nach Mossul gehen, so habe ich mich beim Konsulat Mossul erkundigt, wieviel Verschickte von Der-es-Zor in den letzten Monaten schätzungsweise angekommen seien. Nach der daraufhin erteilten Auskunft sind am 15. April vier Transporte auf zwei Wegen von Der-es-Zor abgegangen und, 19000 an der Zahl, in einem Lager am Flusse Chabur vereinigt worden. Am 22. Mai, also 5 Wochen später, sind von diesen Transporten etwa 2500, darunter auch einige hundert Männer, in Mossul angelangt. Ein Teil der Frauen und Mädchen ist unterwegs an die Beduinen verkauft worden; alles übrige ist durch Hunger und Durst unterwegs umgekommen.
Seit 3½ Monaten sind demnach keine neuen Transporte in Mossul angekommen. Auch diese Tatsache dürfte die Volksmeinung in Der-es-Zor und die ihr entsprechenden tatsächlichen Angaben bestätigen, daß unter der Herrschaft des neuen tscherkessischen Mutessarrifs von Der-es-Zor mit den weiter Verschickten neuerdings im Euphrat-Chabur-Winkel kurzer Prozeß gemacht wird.
Die Auflösung der hiesigen Waisenhäuser für Kinder umgekommener Verschickter hat noch nicht begonnen. Jedoch hat der Vertreter des hiesigen Verschickungskommissars der einen leitenden Schwester jetzt auch amtlich erklärt, diese Waisen würden in ein neues großes nationales Waisenhaus in Konia verbracht werden; dort würden sie selbstredend türkische Namen bekommen und als Türken (d. h. Muhammedaner) erzogen werden.
I. V.:Hoffmann.
An die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel.
299.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 25. September 1916.
Ich habe heute mit Halil Bey eingehend gesprochen und ihn nachdrücklich darauf hingewiesen, daß während die früheren Verschickungen von Armeniern angesichts der damaligen militärischen Lage im Interesse der Sicherheit des Landes noch mit einem Schein des Rechts verteidigt werden konnten, diejetzt geplanten Maßregeln gegen die aus Frauen und Kindern bestehenden traurigen Reste der Armenier in keiner Weise gerechtfertigt oder entschuldigt werden könnten. Das Vorgehen der türkischen Regierung werde in der ganzen zivilisierten Welt einen Sturm der Entrüstung hervorrufen, der sich auch nach dem Kriege nicht so bald legen werde. Insbesondere werde die geplante Auflösung der Waisenhäuser und die Massenbekehrungen zum Islam nicht nur in Deutschland, sondern bei allen christlichen Völkern mit Recht dem schärfsten Widerspruch begegnen.
Zimmermann.
300.
86. Sitzung des Reichshaushaltausschusses am 29. September 1916.
Aufzeichnung des Staatssekretärs.
Wir haben in der armenischen Frage von Anfang an energische Vorstellungen bei der Pforte erhoben. Wir werden vielleicht später einmal nach dem Kriege, wenn unsere Position nicht mehr so delikat ist wie heute, unsere ganzen Verhandlungen veröffentlichen. Ich kann Ihnen vertraulich erzählen, daß unser Botschafter soweit gegangen ist, sich direkt den Unwillen des Großwesirs und des Ministers des Innern zuzuziehen. Nach den ersten drei Monaten seiner Tätigkeit haben die betreffenden Minister gesagt, der Botschafter scheine wohl nichts anderes zu tun zu haben, als sie immer in der Armeniersache anzuöden.
Die neuen Klagen, daß die armenischen Waisenhäuser aufgelöst, die Armeniermädchen in die Harems und die Knaben in die türkischen Waisenhäuser gebracht und gezwungen werden, Muhammedaner zu werden, haben mir Anlaß gegeben, persönlich bei dem zurzeit hier anwesenden türkischen Minister des Auswärtigen ernste Vorstellungen zu erheben. Ich habe darauf hingewiesen, daß diese Vorgänge nicht nur für die Türken, sondern auch für uns außerordentlich peinlich wären und wir dringend bitten müßten, Mittel und Wege zu finden, daß hier Abhilfe geschaffen werde.
Ich kann nur sagen, wir haben alles getan, was wir konnten. Das äußerste, was uns übrig bliebe, wäre, das Bündnis mit der Türkei zu brechen. Sie werden verstehen, daß wir uns dazu nicht entschließen können. Höher als die Armenier, so sehr wir vom rein menschlichen Standpunkt aus ihr Los beklagen, stehen uns unsere Söhne und Brüder, die ihr teures Blut in den schwersten Kämpfen vergießen müssen und die mit auf die Unterstützung der Türken angewiesen sind. Denn die Türken leisten uns zur Deckung der Südostflanke wesentliche Dienste. Sie werden mit mir übereinstimmen, daß wir so weit nicht gehen können, den Türken, die wir tatsächlich durch unsere andauernden Vorstellungen in der armenischen Frage stark verstimmt haben, noch das Bündnis zu kündigen.