Februar.314.Deutscher Hilfsbund für christlichesLiebeswerk im Orient, E. V.Abschrifteines Briefes von Frau Prediger Joh. Ehmann.Mamuret-ul-Asis, den 10. Februar 1917.Da ich hoffe, eine Gelegenheit zu haben, einen Brief zu senden, der nicht die türkische Zensur passieren muß, so will ich heute abend noch sehen, was ich schreiben kann.Wir sind in diesen Tagen sehr niedergedrückt und beschwert durch die drohende Kriegsgefahr mit Amerika. Wie wird es auslaufen?... Über wie viel Tausende wird neues Elend kommen! Wir denken zunächst an die Amerikaner in Kharput — die Türken sollen sich teilweise schon auf die reiche Beute freuen, die ihnen dann zuteil würde. Und sanft würde gewiß mit den Amerikanern nicht verfahren werden, obwohl im vergangenen Jahre die Stimmung ihnen gegenüber recht günstig war im Gegensatz zu 1915, wo man sehr kurz mit ihnen war. In letzter Zeit waren wir die weniger Wohlgelittenen; in den letzten Monaten hat sich eine ziemlich stark antideutsche Stimmung herausgebildet, unter der wir auch schon leiden mußten. Vor 14 Tagen mußten wir, der Gewalt gehorchend, ein weiteres Waisenhaus abtreten, nachdem schon 4 Häuser in Händen des Militärs sind. Als man zuerst mit der Forderung an meinen Mann herantrat, wies er die Forderung ab mit der Begründung, dies ginge über seine Befugnisse hinaus, er sei unserer Gesellschaft und den Freunden unserer Arbeit verantwortlich, er wolle sich bei der Botschaft Rat holen; sobald von dieser der Befehl käme, die Häuser auszuliefern, so sei er bereit. Man forderte nämlich, das vergaß ich zu sagen, alle unsere Häuser unter der Behauptung, es sei ein Telegramm von Enver Pascha gekommen, daß sowohl unsere Häuser als die der Amerikaner für die Soldaten ausgeräumt werden sollten. Als besondere Gnade wollten sie uns das Knabenwaisenhaus Ebenezer lassen! — Da wir am nächsten Tage erfuhren, daß man sich an die Amerikaner gar nicht gewandt hatte, zweifelte mein Mann die Echtheit dieses Enverschen Telegramms sehr an. Er sandte nun einige Telegramme an die Botschaft ab, aber offenbar hat man keines davon durchgelassen, denn bisheute ist keine Antwort eingelaufen. 8 Tage nach der ersten Forderung kam man wieder mit neuem Drängen, mein Mann konnte nur antworten, er müsse auf die Antwort der Botschaft warten. Am Dienstag darauf kamen zwei Abgesandte mit der Nachricht, man habe jetzt lange genug gewartet, wenn am nächsten Tage die Häuser nicht gegeben würden, so würden sie mit Gewalt genommen. Mein Mann ging darauf zum Kommandanten, zu demselben, der noch an unserer Weihnachtsfeier teilnahm, um in Freundschaft mit ihm zu verhandeln, fand ihn aber so aufgeregt und so grob, daß nichts bei der Sache herauskam und der Kommandant schließlich, ohne sich zu verabschieden, aus dem Zimmer hinauslief und meinen Mann stehen ließ. Die Botschaft habe sich gar nicht mehr hineinzumischen seit der Aufhebung der Kapitulationen etc. Mein Mann tat dann noch Schritte bei dem obersten Schulbeamten, der versprach, gleich am nächsten Morgen mit dem Kommandanten zu verhandeln und ihn dahin zu bestimmen, daß man sich mit der Abtretung eines Hauses begnüge. Aber siehe da, am nächsten Morgen, ungefähr um 9 Uhr, rückte Militär und Polizei an und umstellte unsere beiden Mädchenwaisenhäuser! Sie hatten Werkzeuge mitgebracht, um eventuell die Türen mit Gewalt einzuschlagen. Schwester Kathrine, die am Tor stand, wurde vor die Brust gestoßen, niemand durfte hinaus; und als Schwester Marie schnell herausschlüpfte, um meinem Mann Nachricht zu bringen, schlug man nach ihr, zum Glück, ohne sie zu treffen. Die Soldaten drangen nun in die Häuser ein, d. h. nur einige, in jedem Stockwerk stand einer mit geladenem Gewehr, und Schwester Kathrine durfte in ihrem eigenen Hause nicht mehr die Treppe hinauf, sie mußte bleiben, wo sie war. Schwester Jenny im anderen Hause war mutiger, sie sagte zu dem Soldaten, der sie auch bedrohte: „Was fällt dir ein? Ich bin eine Deutsche (sie ist Dänin), ich fürchte mich nicht!“ und konnte daraufhin im Hause frei umhergehen. Inzwischen hatte nun mein Mann Nachricht und war eilends gekommen. Er verhandelte mit dem Offizier, der mit den Soldaten vorm Hause stand, dann mußte unser Dragoman hin und herlaufen zwischen dem Kommandanten und meinem Mann, bis nach vielem Hin und Her sich der Kommandant bereit erklärte, zufrieden zu sein, wenn an diesem Tage Emmaus, das gemietete dänische Waisenhaus, geräumt würde und am nächsten Tage Elim, unser eines Mädchenwaisenhaus. Die Räumung von Emmaus zerschlug sich dann in der letzten Minute, da ein Offizier, der das Haus besichtigte, behauptete, es sei zu klein, sie hätten gedacht, es sei größer. So wurde denn Elim ausgeräumt. Mein Mann hatte einige Häuser in der Nachbarschaft verlangt für die Waisen, die uns nach einigen Schwierigkeiten schließlich gegeben wurden. Aber trotz der Eile, die man damals hatte, und trotz des Drängens, bis ihnen die Schlüssel abgeliefert waren — es war am 24. Januar —, steht Elim bis heute, am 11. Februar, leer. Wir wissen wohl, daß es nicht das Haus war, das man brauchte, denn in Mamuret-ul-Asis sind noch Häuser genug, sondernes war ein Schlag gegen die deutsche Arbeit. Nun, wir sind auch über dies hinübergekommen, und Gott wird weiterhelfen. Aber wir sehen nicht zu rosig in die Zukunft. Wenn es wirklich zum Krieg mit Amerika kommt, wäre es auch für die Armenier sehr schwer. Man weiß kaum, was werden sollte. Es kommen riesige Unterstützungsgelder von dort. Die vielen Armen hier und in Kharput leben hauptsächlich von diesen Unterstützungen.Wir haben wieder ziemlich viel Armenier hier in der Stadt oben, d. h. Frauen und Kinder; sie ziehen sich aus der ganzen Umgegend hier zusammen, die meisten waren bei Türken gewesen für die Feldarbeit oder auch als Frauen und wurden dann einfach hinausgetan, wenn man sie nicht mehr wollte. Sie leben hier zum Teil in den erbärmlichsten Hütten, in halb zerstörten Häusern, denn ein großer Teil der Armenierhäuser wurde nach der Ausweisung einfach von der Bevölkerung niedergerissen, zuerst Fenster, Türen, Treppen usw. weggeschleppt, später die Wände eingerissen und alles Holz, was drin war, herausgerissen, zu Brennzwecken. Bis heute wird solch Holz aus den Dörfern zum Verkauf gebracht.315.KaiserlichDeutsches Konsulat.Aleppo, den 14. Februar 1917.Der Beauftragte des amerikanischen Konsulats, welcher im Einverständnis mit der türkischen Regierung vor kurzem zur Verteilung von Notstandsgeldern an die verschickten Armenier ausgesandt wurde, ist zurückgekehrt und berichtet folgendes: Er hat in Rakka 20000 Kilo Getreide angekauft, die durch den Vertreter der amerikanischen Süßholzgesellschaft gemeinsam mit 2 türkischen Beamten zu verteilen sein werden, und hat 4500 Ltq. verteilt, indem er persönlich jedem einzelnen der 600 Verschickten wenigstens eine Viertelpfundnote, zum Teil mehr, ausgehändigt hat. Trotzdem ist er der Ansicht, daß ein sehr großer Teil davon dem Hunger und der Entbehrung erliegen muß. Denn es herrscht jetzt nicht nur unter den Armeniern, sondern auch unter der Bevölkerung von Rakka selbst Hunger, so daß die Verteilung von Nahrungsmitteln durch die Regierung an die Vertriebenen fast ganz aufgehört hat. 160–175 Kilo Weizen kosten 500 Piaster Hartgeld oder nicht ganz das Dreifache in Papiergeld, so daß also ein Kilo Weizen auf ungefähr 2 Mk. zu stehen kommt. Die Vertriebenen wohnen dicht gedrängt. Ihre Kleidung ist zerlumpt, Typhus ist unter ihnen ausgebrochen, so daß die Zahl der täglichen Todesfälle gegenwärtig 20 beträgt.An manchen Stellen des Weges werden die Reste der Armenier zu Straßen-, Brücken- und Häuserbauten verwendet, so:in Nahr Dahab (35 km vor Aleppo)172in Der Hafir(50 km „ „)180Meskene600außer denen in der Nähe noch 300 Unbeschäftigte im elendesten Zustande vorhanden sind,Sabkha (zum Teil beschäftigt)2000Dazu kommen, wie schon aufgeführt (unbeschäftigt),in Rakka6000in Siaret bei Rakka (unbeschäftigt)400und in Urfa infolge Zuzuges aus Rakka2500In Urfa sind sie jetzt verhältnismäßig gut und sicher aufgehoben. Man hat sie dorthin geholt, um die notwendigsten Handwerker zu haben.Der Beauftragte des amerikanischen Konsulats war der in früherer Berichterstattung bereits genannte Deutsche Bernau, der jetzt bei Rückkehr von seiner Reise die Nachricht vom Abbruch der Beziehungen zwischen Amerika und Deutschland vorfand und infolgedessen seine Stellung am amerikanischen Konsulat niederlegt. — Über Sabkha hinaus nach Süden ist er diesmal nicht gekommen.In Aleppo hat die Regierung am 13. d. M. auf Befehl Djemal Paschas aus den von der Schwester Beatrice Rohner geleiteten Waisenhäusern 70 Knaben genommen, um sie in ein Regierungswaisenhaus auf dem Libanon zu verbringen, wo sie mit Kindern muhammedanischer Flüchtlinge aus Ostanatolien zusammen erzogen werden sollen. Weitere derartige Verteilungen auf Regierungswaisenhäuser sind in Aussicht genommen. Die Armenier sollen auf diese Weise zu vaterlandsliebenden Osmanen und, wie die offene oder stillschweigende Voraussetzung ist, zu Muhammedanern gemacht werden. Es ist schwer, hierbei die Erinnerung an die Rekrutierung der Yanitscharen zu unterdrücken. Dem gegenwärtigen Versuch muß man wohl skeptisch gegenüberstehen. Die meisten armenischen Knaben werden weglaufen, diejenigen, welche in die Regierungswaisenhäuser kommen, werden dort vor die Frage gestellt werden, ob sie den Islam annehmen wollen. Lehnen sie ab, und versagen Zwangsmittel, so werden sie auf die Straße gejagt werden und verkommen. Nur die wenigsten werden dort heranwachsen. Der mit der Verteilung auf die Regierungswaisenhäuser beabsichtigte positive Zweck wird also nicht erreicht werden, nur wird die Zahl heranwachsender junger Armenier erneut erheblich vermindert sein.Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.Rößler.Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.316.Auswärtiges Amt.Berlin, den 16. Februar 1917.Der Vorsitzende der Orient- und Islamkommission des Deutschen Evangelischen Missionsausschusses, Missionsdirektor D. Karl Axenfeld, hat im Interesse wirksamerer Fürsorge für die deportierten Armenier gebeten, den anliegenden Fragebogen[140]von den zuständigen deutschen konsularischen Vertretern ausfüllen zu lassen.Euere Exzellenz wollen die Fragebogen den in Betracht kommenden Kaiserlichen Konsulaten mit entsprechender Weisung zugehen lassen und für tunlichst beschleunigte Erledigung Sorge tragen.Zimmermann.Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafteri. a. M. Herrn von Kühlmann, Pera.317.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 16. Februar 1917.Das Kabinett Talaat Pascha hat sich gestern offiziell der Kammer vorgestellt. Bei dieser Gelegenheit hat der neue Großwesir programmatische Erklärungen abgegeben, die mir von prinzipieller Wichtigkeit scheinen und in der inneren Geschichte der Türkei einen neuen Wendepunkt bilden.Wie ich bereits vor einiger Zeit Euerer Exzellenz zu berichten die Ehre hatte, gewann innerhalb der einflußreichen Kreise eine gemäßigte Richtung an Boden, die im Gegensatz zu dem rücksichtslosen, vor blutiger Gewaltsamkeit nicht zurückschreckenden Nationalismus gewisser Komiteemitglieder eine verständige und tolerante innere Politik für die Türkei verlangte. Die Türkei ist durch die vielen fremden Elemente in ihrer Mitte ein von jedem anderen europäischen Staate wesentlich unterschiedenes Gebilde. Die Versuche, durch versöhnliches Entgegenkommen die fremden Bestandteile im ottomanischen Staatskörper zu einem wirklichen ottomanischen Patriotismus und damit zur freiwilligen überzeugten Mitarbeit am türkischen Staatsleben zu erziehen, haben immer wieder abgewechselt mit Perioden, in denen durch Druck und Ausrottungsbestrebungen die dem Staate so nötige Einheit der Zusammensetzung erzwungen werden sollte.Sultan Abdul Hamid war in der letzten Zeit seiner Regierung durch die berüchtigten Armeniermassakers in der Richtung einer schonungslosen Ausrottungspolitik soweit gegangen, daß selbst in dem an Blutvergießengewöhnten Orient ein Schauder durch alle Gemüter ging. Das Komitee, in allen Stücken trachtend, eine der Sultanpolitik entgegengesetzte Haltung einzunehmen, schrieb im Anfang seiner Wirksamkeit Zusammenfassung aller in der Türkei lebenden Körperschaften zu freier und freiwilliger Mitarbeit im Staate auf seine Fahnen und konnte im Anfange seiner Tätigkeit fast alle dissentierenden Elemente — Araber, Armenier und Griechen —, wenn auch nur für kurze Zeit, unter einen Hut bringen. Das Fortbestehen der separistischen Treibereien unter den Armeniern und die während des Balkankrieges, als die Türkei dem Zusammenbruche nahe schien, aufs neue klar hervortretende, vaterlandsverräterische Gesinnung weiter nichttürkischer Kreise aber führte zu einem Umschwunge und zu einem vollständigen Siege der türkisch-nationalistischen Richtung im Komitee.Die in großem Umfange durchgeführte Armeniervernichtung und die in einzelnen kleineren Unternehmungen zutage tretenden Neigungen, auch dem griechischen Elemente gegenüber schonungslos vorzugehen, sind das Resultat dieser politischen Richtung gewesen.Als Gesamtergebnis hat die Ausrottungspolitik dem türkischen Reiche schwer geschadet. Die Greuel des Armenierfeldzuges werden noch lange auf dem türkischen Namen lasten und noch lange denjenigen Waffen liefern, die der Türkei die Eigenschaft als Kulturstaat absprechen und die Austreibung der Türken aus Europa verlangen. Auch innerlich ist das Land durch den Untergang und die Verbannung einer körperlich kräftigen, arbeitsamen und sparsamen Bevölkerung ansehnlich geschwächt worden, besonders da Armut an Menschen eines der größten Hindernisse bei der rascheren Entwicklung der türkischen Bodenschätze bildet.Im vertrauten Gespräche habe ich Talaat Pascha gegenüber seit Beginn meiner hiesigen amtlichen Tätigkeit mit meiner Meinung über diese Frage nicht zurückgehalten. Daß er jetzt, zur Macht gelangt, in seiner ersten programmatischen Erklärung die Gleichberechtigung der ottomanischen Nationalitäten zum wichtigen Punkte des Regierungsprogrammes macht, ist mit Genugtuung zu begrüßen. Wie ich vertraulich höre, ist mit Einstellung der Armeniervertreibungen und mit Aufhören der an einzelnen Stellen hervorgetretenen Verfolgung gegen die Griechen zu rechnen. Den Armeniern soll (damit will man aber erst in einiger Zeit hervortreten) die Rückkehr in ihre alten Wohnplätze, soweit diese nicht als Kriegsgebiet zu betrachten sind, gestattet werden.Die wilde nationalistische Richtung ist natürlich noch nicht tot. Die fähigen und rücksichtslosen Köpfe, die sie vertreten haben, werden sich bei ihrer zeitweiligen Niederlage nicht beruhigen. Auch darauf, daß nun, wie mit einem Zauberschlage, die Klagen aus verschiedenen Provinzen über Bedrückungen und Verfolgungen einzelner Verwaltungsbeamten völlig verstummen, ist nicht zu rechnen. Aber die Erfahrung lehrt doch, daß die in Konstantinopel ausgegebene Parole im großen ganzen in der Provinz befolgt wird; um so mehr, wenn die Parole nicht das Ergebnis fremden Drucks auf die Zentralregierung ist, sondern der freien Entschließung der türkischen Machthaber entspricht. Dies ist zum Glück dieses Mal der Fall.Zweifellos wird die Stellungnahme Talaat Paschas in seiner gestrigen Rede für geraume Zeit hinaus richtunggebend bleiben. Dies ist, meiner Ansicht nach, für uns und die Sache des deutsch-türkischen Bündnisses ein großer Gewinn. Denn auf Seiten all unserer Feinde bestand das Bestreben, uns für die blutigen Ausschreitungen des türkischen Nationalismus verantwortlich zu machen. Andererseits bildeten die häufigen Einmischungsversuche, zu denen uns humanitäre Erwägungen gegenüber diesen Maßnahmen veranlaßten, eine Quelle ständiger Reibung mit der türkischen Regierung. Auch unserer Öffentlichkeit gegenüber ist das Bündnis mit einer gemäßigten, auch im Innern nach modernen Grundsätzen arbeitenden Türkei leichter zu verteidigen und aufrecht zu erhalten, als mit einem ausgesprochen ottomanisch-nationalistischen Gebilde.von Kühlmann.Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.318.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 24. Februar 1917.Talaat Pascha bestätigte mir persönlich, daß er in allen Fragen der Nationalitätenpolitik einen neuen Kurs zu steuern beabsichtige. Er habe sowohl den katholischen, als den ökumenisch armenischen Patriarchen zu sich kommen lassen und ihnen gesagt, die armenische Bevölkerung könne sicher sein, daß ihre verfassungsmäßigen Rechte nicht angetastet werden. Was die vorige Regierung unter dem Zwange militärischer Notwendigkeit habe veranlassen müssen, solle nach Möglichkeit wieder gut gemacht werden. Entsprechende Befehle seien an alle Provinzialbehörden ergangen.von Kühlmann.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.319.Deutscher Hilfsbund für christlichesLiebeswerk im Orient, E. V.Frankfurt a. M., den 28. Februar 1917.Fürstenbergerstraße 151.Herrn Geh. Legationsrat von Rosenberg, BerlinAuswärtiges Amt.Unsere Schwester Beatrice Rohner meldet mir heute telegraphisch aus Aleppo, daß die unter ihrer Obhut stehenden armenischen Waisenkinder verteilt würden. Ich möchte Sie nun herzlich bitten, durch die Botschaft bei dem Deutschen Konsulat in Aleppo anfragen zu lassen, was das Schicksal dieser Kinder für die Zukunft sein wird, und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir dann ebenfalls auf telegraphischem Wege Mitteilung zukommen ließen[141].F. Schuchardt.
Februar.
314.
Deutscher Hilfsbund für christlichesLiebeswerk im Orient, E. V.
Abschrifteines Briefes von Frau Prediger Joh. Ehmann.
Mamuret-ul-Asis, den 10. Februar 1917.
Da ich hoffe, eine Gelegenheit zu haben, einen Brief zu senden, der nicht die türkische Zensur passieren muß, so will ich heute abend noch sehen, was ich schreiben kann.
Wir sind in diesen Tagen sehr niedergedrückt und beschwert durch die drohende Kriegsgefahr mit Amerika. Wie wird es auslaufen?... Über wie viel Tausende wird neues Elend kommen! Wir denken zunächst an die Amerikaner in Kharput — die Türken sollen sich teilweise schon auf die reiche Beute freuen, die ihnen dann zuteil würde. Und sanft würde gewiß mit den Amerikanern nicht verfahren werden, obwohl im vergangenen Jahre die Stimmung ihnen gegenüber recht günstig war im Gegensatz zu 1915, wo man sehr kurz mit ihnen war. In letzter Zeit waren wir die weniger Wohlgelittenen; in den letzten Monaten hat sich eine ziemlich stark antideutsche Stimmung herausgebildet, unter der wir auch schon leiden mußten. Vor 14 Tagen mußten wir, der Gewalt gehorchend, ein weiteres Waisenhaus abtreten, nachdem schon 4 Häuser in Händen des Militärs sind. Als man zuerst mit der Forderung an meinen Mann herantrat, wies er die Forderung ab mit der Begründung, dies ginge über seine Befugnisse hinaus, er sei unserer Gesellschaft und den Freunden unserer Arbeit verantwortlich, er wolle sich bei der Botschaft Rat holen; sobald von dieser der Befehl käme, die Häuser auszuliefern, so sei er bereit. Man forderte nämlich, das vergaß ich zu sagen, alle unsere Häuser unter der Behauptung, es sei ein Telegramm von Enver Pascha gekommen, daß sowohl unsere Häuser als die der Amerikaner für die Soldaten ausgeräumt werden sollten. Als besondere Gnade wollten sie uns das Knabenwaisenhaus Ebenezer lassen! — Da wir am nächsten Tage erfuhren, daß man sich an die Amerikaner gar nicht gewandt hatte, zweifelte mein Mann die Echtheit dieses Enverschen Telegramms sehr an. Er sandte nun einige Telegramme an die Botschaft ab, aber offenbar hat man keines davon durchgelassen, denn bisheute ist keine Antwort eingelaufen. 8 Tage nach der ersten Forderung kam man wieder mit neuem Drängen, mein Mann konnte nur antworten, er müsse auf die Antwort der Botschaft warten. Am Dienstag darauf kamen zwei Abgesandte mit der Nachricht, man habe jetzt lange genug gewartet, wenn am nächsten Tage die Häuser nicht gegeben würden, so würden sie mit Gewalt genommen. Mein Mann ging darauf zum Kommandanten, zu demselben, der noch an unserer Weihnachtsfeier teilnahm, um in Freundschaft mit ihm zu verhandeln, fand ihn aber so aufgeregt und so grob, daß nichts bei der Sache herauskam und der Kommandant schließlich, ohne sich zu verabschieden, aus dem Zimmer hinauslief und meinen Mann stehen ließ. Die Botschaft habe sich gar nicht mehr hineinzumischen seit der Aufhebung der Kapitulationen etc. Mein Mann tat dann noch Schritte bei dem obersten Schulbeamten, der versprach, gleich am nächsten Morgen mit dem Kommandanten zu verhandeln und ihn dahin zu bestimmen, daß man sich mit der Abtretung eines Hauses begnüge. Aber siehe da, am nächsten Morgen, ungefähr um 9 Uhr, rückte Militär und Polizei an und umstellte unsere beiden Mädchenwaisenhäuser! Sie hatten Werkzeuge mitgebracht, um eventuell die Türen mit Gewalt einzuschlagen. Schwester Kathrine, die am Tor stand, wurde vor die Brust gestoßen, niemand durfte hinaus; und als Schwester Marie schnell herausschlüpfte, um meinem Mann Nachricht zu bringen, schlug man nach ihr, zum Glück, ohne sie zu treffen. Die Soldaten drangen nun in die Häuser ein, d. h. nur einige, in jedem Stockwerk stand einer mit geladenem Gewehr, und Schwester Kathrine durfte in ihrem eigenen Hause nicht mehr die Treppe hinauf, sie mußte bleiben, wo sie war. Schwester Jenny im anderen Hause war mutiger, sie sagte zu dem Soldaten, der sie auch bedrohte: „Was fällt dir ein? Ich bin eine Deutsche (sie ist Dänin), ich fürchte mich nicht!“ und konnte daraufhin im Hause frei umhergehen. Inzwischen hatte nun mein Mann Nachricht und war eilends gekommen. Er verhandelte mit dem Offizier, der mit den Soldaten vorm Hause stand, dann mußte unser Dragoman hin und herlaufen zwischen dem Kommandanten und meinem Mann, bis nach vielem Hin und Her sich der Kommandant bereit erklärte, zufrieden zu sein, wenn an diesem Tage Emmaus, das gemietete dänische Waisenhaus, geräumt würde und am nächsten Tage Elim, unser eines Mädchenwaisenhaus. Die Räumung von Emmaus zerschlug sich dann in der letzten Minute, da ein Offizier, der das Haus besichtigte, behauptete, es sei zu klein, sie hätten gedacht, es sei größer. So wurde denn Elim ausgeräumt. Mein Mann hatte einige Häuser in der Nachbarschaft verlangt für die Waisen, die uns nach einigen Schwierigkeiten schließlich gegeben wurden. Aber trotz der Eile, die man damals hatte, und trotz des Drängens, bis ihnen die Schlüssel abgeliefert waren — es war am 24. Januar —, steht Elim bis heute, am 11. Februar, leer. Wir wissen wohl, daß es nicht das Haus war, das man brauchte, denn in Mamuret-ul-Asis sind noch Häuser genug, sondernes war ein Schlag gegen die deutsche Arbeit. Nun, wir sind auch über dies hinübergekommen, und Gott wird weiterhelfen. Aber wir sehen nicht zu rosig in die Zukunft. Wenn es wirklich zum Krieg mit Amerika kommt, wäre es auch für die Armenier sehr schwer. Man weiß kaum, was werden sollte. Es kommen riesige Unterstützungsgelder von dort. Die vielen Armen hier und in Kharput leben hauptsächlich von diesen Unterstützungen.
Wir haben wieder ziemlich viel Armenier hier in der Stadt oben, d. h. Frauen und Kinder; sie ziehen sich aus der ganzen Umgegend hier zusammen, die meisten waren bei Türken gewesen für die Feldarbeit oder auch als Frauen und wurden dann einfach hinausgetan, wenn man sie nicht mehr wollte. Sie leben hier zum Teil in den erbärmlichsten Hütten, in halb zerstörten Häusern, denn ein großer Teil der Armenierhäuser wurde nach der Ausweisung einfach von der Bevölkerung niedergerissen, zuerst Fenster, Türen, Treppen usw. weggeschleppt, später die Wände eingerissen und alles Holz, was drin war, herausgerissen, zu Brennzwecken. Bis heute wird solch Holz aus den Dörfern zum Verkauf gebracht.
315.
KaiserlichDeutsches Konsulat.
Aleppo, den 14. Februar 1917.
Der Beauftragte des amerikanischen Konsulats, welcher im Einverständnis mit der türkischen Regierung vor kurzem zur Verteilung von Notstandsgeldern an die verschickten Armenier ausgesandt wurde, ist zurückgekehrt und berichtet folgendes: Er hat in Rakka 20000 Kilo Getreide angekauft, die durch den Vertreter der amerikanischen Süßholzgesellschaft gemeinsam mit 2 türkischen Beamten zu verteilen sein werden, und hat 4500 Ltq. verteilt, indem er persönlich jedem einzelnen der 600 Verschickten wenigstens eine Viertelpfundnote, zum Teil mehr, ausgehändigt hat. Trotzdem ist er der Ansicht, daß ein sehr großer Teil davon dem Hunger und der Entbehrung erliegen muß. Denn es herrscht jetzt nicht nur unter den Armeniern, sondern auch unter der Bevölkerung von Rakka selbst Hunger, so daß die Verteilung von Nahrungsmitteln durch die Regierung an die Vertriebenen fast ganz aufgehört hat. 160–175 Kilo Weizen kosten 500 Piaster Hartgeld oder nicht ganz das Dreifache in Papiergeld, so daß also ein Kilo Weizen auf ungefähr 2 Mk. zu stehen kommt. Die Vertriebenen wohnen dicht gedrängt. Ihre Kleidung ist zerlumpt, Typhus ist unter ihnen ausgebrochen, so daß die Zahl der täglichen Todesfälle gegenwärtig 20 beträgt.
An manchen Stellen des Weges werden die Reste der Armenier zu Straßen-, Brücken- und Häuserbauten verwendet, so:
in Nahr Dahab (35 km vor Aleppo)172in Der Hafir(50 km „ „)180Meskene600außer denen in der Nähe noch 300 Unbeschäftigte im elendesten Zustande vorhanden sind,Sabkha (zum Teil beschäftigt)2000Dazu kommen, wie schon aufgeführt (unbeschäftigt),in Rakka6000in Siaret bei Rakka (unbeschäftigt)400und in Urfa infolge Zuzuges aus Rakka2500
in Nahr Dahab (35 km vor Aleppo)172in Der Hafir(50 km „ „)180Meskene600außer denen in der Nähe noch 300 Unbeschäftigte im elendesten Zustande vorhanden sind,Sabkha (zum Teil beschäftigt)2000Dazu kommen, wie schon aufgeführt (unbeschäftigt),in Rakka6000in Siaret bei Rakka (unbeschäftigt)400und in Urfa infolge Zuzuges aus Rakka2500
in Nahr Dahab (35 km vor Aleppo)172in Der Hafir(50 km „ „)180Meskene600außer denen in der Nähe noch 300 Unbeschäftigte im elendesten Zustande vorhanden sind,Sabkha (zum Teil beschäftigt)2000Dazu kommen, wie schon aufgeführt (unbeschäftigt),in Rakka6000in Siaret bei Rakka (unbeschäftigt)400und in Urfa infolge Zuzuges aus Rakka2500
in Nahr Dahab (35 km vor Aleppo)172
in Nahr Dahab (35 km vor Aleppo)
172
in Der Hafir(50 km „ „)180
in Der Hafir(50 km „ „)
180
Meskene600
Meskene
600
außer denen in der Nähe noch 300 Unbeschäftigte im elendesten Zustande vorhanden sind,
außer denen in der Nähe noch 300 Unbeschäftigte im elendesten Zustande vorhanden sind,
Sabkha (zum Teil beschäftigt)2000
Sabkha (zum Teil beschäftigt)
2000
Dazu kommen, wie schon aufgeführt (unbeschäftigt),
Dazu kommen, wie schon aufgeführt (unbeschäftigt),
in Rakka6000
in Rakka
6000
in Siaret bei Rakka (unbeschäftigt)400
in Siaret bei Rakka (unbeschäftigt)
400
und in Urfa infolge Zuzuges aus Rakka2500
und in Urfa infolge Zuzuges aus Rakka
2500
In Urfa sind sie jetzt verhältnismäßig gut und sicher aufgehoben. Man hat sie dorthin geholt, um die notwendigsten Handwerker zu haben.
Der Beauftragte des amerikanischen Konsulats war der in früherer Berichterstattung bereits genannte Deutsche Bernau, der jetzt bei Rückkehr von seiner Reise die Nachricht vom Abbruch der Beziehungen zwischen Amerika und Deutschland vorfand und infolgedessen seine Stellung am amerikanischen Konsulat niederlegt. — Über Sabkha hinaus nach Süden ist er diesmal nicht gekommen.
In Aleppo hat die Regierung am 13. d. M. auf Befehl Djemal Paschas aus den von der Schwester Beatrice Rohner geleiteten Waisenhäusern 70 Knaben genommen, um sie in ein Regierungswaisenhaus auf dem Libanon zu verbringen, wo sie mit Kindern muhammedanischer Flüchtlinge aus Ostanatolien zusammen erzogen werden sollen. Weitere derartige Verteilungen auf Regierungswaisenhäuser sind in Aussicht genommen. Die Armenier sollen auf diese Weise zu vaterlandsliebenden Osmanen und, wie die offene oder stillschweigende Voraussetzung ist, zu Muhammedanern gemacht werden. Es ist schwer, hierbei die Erinnerung an die Rekrutierung der Yanitscharen zu unterdrücken. Dem gegenwärtigen Versuch muß man wohl skeptisch gegenüberstehen. Die meisten armenischen Knaben werden weglaufen, diejenigen, welche in die Regierungswaisenhäuser kommen, werden dort vor die Frage gestellt werden, ob sie den Islam annehmen wollen. Lehnen sie ab, und versagen Zwangsmittel, so werden sie auf die Straße gejagt werden und verkommen. Nur die wenigsten werden dort heranwachsen. Der mit der Verteilung auf die Regierungswaisenhäuser beabsichtigte positive Zweck wird also nicht erreicht werden, nur wird die Zahl heranwachsender junger Armenier erneut erheblich vermindert sein.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
316.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 16. Februar 1917.
Der Vorsitzende der Orient- und Islamkommission des Deutschen Evangelischen Missionsausschusses, Missionsdirektor D. Karl Axenfeld, hat im Interesse wirksamerer Fürsorge für die deportierten Armenier gebeten, den anliegenden Fragebogen[140]von den zuständigen deutschen konsularischen Vertretern ausfüllen zu lassen.
Euere Exzellenz wollen die Fragebogen den in Betracht kommenden Kaiserlichen Konsulaten mit entsprechender Weisung zugehen lassen und für tunlichst beschleunigte Erledigung Sorge tragen.
Zimmermann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafteri. a. M. Herrn von Kühlmann, Pera.
317.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 16. Februar 1917.
Das Kabinett Talaat Pascha hat sich gestern offiziell der Kammer vorgestellt. Bei dieser Gelegenheit hat der neue Großwesir programmatische Erklärungen abgegeben, die mir von prinzipieller Wichtigkeit scheinen und in der inneren Geschichte der Türkei einen neuen Wendepunkt bilden.
Wie ich bereits vor einiger Zeit Euerer Exzellenz zu berichten die Ehre hatte, gewann innerhalb der einflußreichen Kreise eine gemäßigte Richtung an Boden, die im Gegensatz zu dem rücksichtslosen, vor blutiger Gewaltsamkeit nicht zurückschreckenden Nationalismus gewisser Komiteemitglieder eine verständige und tolerante innere Politik für die Türkei verlangte. Die Türkei ist durch die vielen fremden Elemente in ihrer Mitte ein von jedem anderen europäischen Staate wesentlich unterschiedenes Gebilde. Die Versuche, durch versöhnliches Entgegenkommen die fremden Bestandteile im ottomanischen Staatskörper zu einem wirklichen ottomanischen Patriotismus und damit zur freiwilligen überzeugten Mitarbeit am türkischen Staatsleben zu erziehen, haben immer wieder abgewechselt mit Perioden, in denen durch Druck und Ausrottungsbestrebungen die dem Staate so nötige Einheit der Zusammensetzung erzwungen werden sollte.
Sultan Abdul Hamid war in der letzten Zeit seiner Regierung durch die berüchtigten Armeniermassakers in der Richtung einer schonungslosen Ausrottungspolitik soweit gegangen, daß selbst in dem an Blutvergießengewöhnten Orient ein Schauder durch alle Gemüter ging. Das Komitee, in allen Stücken trachtend, eine der Sultanpolitik entgegengesetzte Haltung einzunehmen, schrieb im Anfang seiner Wirksamkeit Zusammenfassung aller in der Türkei lebenden Körperschaften zu freier und freiwilliger Mitarbeit im Staate auf seine Fahnen und konnte im Anfange seiner Tätigkeit fast alle dissentierenden Elemente — Araber, Armenier und Griechen —, wenn auch nur für kurze Zeit, unter einen Hut bringen. Das Fortbestehen der separistischen Treibereien unter den Armeniern und die während des Balkankrieges, als die Türkei dem Zusammenbruche nahe schien, aufs neue klar hervortretende, vaterlandsverräterische Gesinnung weiter nichttürkischer Kreise aber führte zu einem Umschwunge und zu einem vollständigen Siege der türkisch-nationalistischen Richtung im Komitee.
Die in großem Umfange durchgeführte Armeniervernichtung und die in einzelnen kleineren Unternehmungen zutage tretenden Neigungen, auch dem griechischen Elemente gegenüber schonungslos vorzugehen, sind das Resultat dieser politischen Richtung gewesen.
Als Gesamtergebnis hat die Ausrottungspolitik dem türkischen Reiche schwer geschadet. Die Greuel des Armenierfeldzuges werden noch lange auf dem türkischen Namen lasten und noch lange denjenigen Waffen liefern, die der Türkei die Eigenschaft als Kulturstaat absprechen und die Austreibung der Türken aus Europa verlangen. Auch innerlich ist das Land durch den Untergang und die Verbannung einer körperlich kräftigen, arbeitsamen und sparsamen Bevölkerung ansehnlich geschwächt worden, besonders da Armut an Menschen eines der größten Hindernisse bei der rascheren Entwicklung der türkischen Bodenschätze bildet.
Im vertrauten Gespräche habe ich Talaat Pascha gegenüber seit Beginn meiner hiesigen amtlichen Tätigkeit mit meiner Meinung über diese Frage nicht zurückgehalten. Daß er jetzt, zur Macht gelangt, in seiner ersten programmatischen Erklärung die Gleichberechtigung der ottomanischen Nationalitäten zum wichtigen Punkte des Regierungsprogrammes macht, ist mit Genugtuung zu begrüßen. Wie ich vertraulich höre, ist mit Einstellung der Armeniervertreibungen und mit Aufhören der an einzelnen Stellen hervorgetretenen Verfolgung gegen die Griechen zu rechnen. Den Armeniern soll (damit will man aber erst in einiger Zeit hervortreten) die Rückkehr in ihre alten Wohnplätze, soweit diese nicht als Kriegsgebiet zu betrachten sind, gestattet werden.
Die wilde nationalistische Richtung ist natürlich noch nicht tot. Die fähigen und rücksichtslosen Köpfe, die sie vertreten haben, werden sich bei ihrer zeitweiligen Niederlage nicht beruhigen. Auch darauf, daß nun, wie mit einem Zauberschlage, die Klagen aus verschiedenen Provinzen über Bedrückungen und Verfolgungen einzelner Verwaltungsbeamten völlig verstummen, ist nicht zu rechnen. Aber die Erfahrung lehrt doch, daß die in Konstantinopel ausgegebene Parole im großen ganzen in der Provinz befolgt wird; um so mehr, wenn die Parole nicht das Ergebnis fremden Drucks auf die Zentralregierung ist, sondern der freien Entschließung der türkischen Machthaber entspricht. Dies ist zum Glück dieses Mal der Fall.
Zweifellos wird die Stellungnahme Talaat Paschas in seiner gestrigen Rede für geraume Zeit hinaus richtunggebend bleiben. Dies ist, meiner Ansicht nach, für uns und die Sache des deutsch-türkischen Bündnisses ein großer Gewinn. Denn auf Seiten all unserer Feinde bestand das Bestreben, uns für die blutigen Ausschreitungen des türkischen Nationalismus verantwortlich zu machen. Andererseits bildeten die häufigen Einmischungsversuche, zu denen uns humanitäre Erwägungen gegenüber diesen Maßnahmen veranlaßten, eine Quelle ständiger Reibung mit der türkischen Regierung. Auch unserer Öffentlichkeit gegenüber ist das Bündnis mit einer gemäßigten, auch im Innern nach modernen Grundsätzen arbeitenden Türkei leichter zu verteidigen und aufrecht zu erhalten, als mit einem ausgesprochen ottomanisch-nationalistischen Gebilde.
von Kühlmann.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
318.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 24. Februar 1917.
Talaat Pascha bestätigte mir persönlich, daß er in allen Fragen der Nationalitätenpolitik einen neuen Kurs zu steuern beabsichtige. Er habe sowohl den katholischen, als den ökumenisch armenischen Patriarchen zu sich kommen lassen und ihnen gesagt, die armenische Bevölkerung könne sicher sein, daß ihre verfassungsmäßigen Rechte nicht angetastet werden. Was die vorige Regierung unter dem Zwange militärischer Notwendigkeit habe veranlassen müssen, solle nach Möglichkeit wieder gut gemacht werden. Entsprechende Befehle seien an alle Provinzialbehörden ergangen.
von Kühlmann.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
319.
Deutscher Hilfsbund für christlichesLiebeswerk im Orient, E. V.
Frankfurt a. M., den 28. Februar 1917.Fürstenbergerstraße 151.
Herrn Geh. Legationsrat von Rosenberg, Berlin
Auswärtiges Amt.
Unsere Schwester Beatrice Rohner meldet mir heute telegraphisch aus Aleppo, daß die unter ihrer Obhut stehenden armenischen Waisenkinder verteilt würden. Ich möchte Sie nun herzlich bitten, durch die Botschaft bei dem Deutschen Konsulat in Aleppo anfragen zu lassen, was das Schicksal dieser Kinder für die Zukunft sein wird, und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir dann ebenfalls auf telegraphischem Wege Mitteilung zukommen ließen[141].
F. Schuchardt.