Chapter 47

März.320.(Auswärtiges Amt.)Berlin, den 1. März 1917.Telegramm.An Deutsche Botschaft, Pera.Auf Grund eines Telegramms der Schwester Beatrice Rohner aus Aleppo, daß die ihr anvertrauten armenischen Waisenkinder verteilt würden, bittet Deutscher Hilfsbund durch Konsulat Aleppo festzustellen, was mit den Kindern geplant ist.Anheimstelle, wenn möglich, die günstigen Dispositionen des neuen Großwesirs zugunsten der Kinder zu verwerten.v. Stumm.321.Auswärtiges Amt.3. März 1917.Aufzeichnung.Die zwischen Missionsdirektor Schreiber als Wortführer der deutschen Armenierfreunde und dem Kriegsarbeitsamt geführten mündlichen Verhandlungen haben zu dem Ergebnis geführt, daß die von der Einberufung nach der Türkei bedrohten in Deutschland befindlichen Armenier — es handelt sich um 50–60 Mann — im Zivilhilfsdienst untergebracht werden und dadurch zunächst von der Abschiebung nach der Türkei gesichert sind. Wie Direktor Schreiber mitteilt, hat Oberst von Braun, der die Verhandlungen seitens der Militärbehörden führte, für die politische Seite der Frage volles Verständnis gezeigt.Rosenberg.322.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Konstantinopel, den 7. März 1917.An Auswärtiges Amt.Antwort auf Telegramm vom 1. März.Türkische Regierung hatte bereits im Dezember 1915 Schwester Rohner eröffnet, daß ihr die Waisenkinder nur zeitweilig übergeben seien; sie werden nunmehr auf Befehl Ministers des Innern verteilt; 70 sind Mitte Februar nach dem Libanon übergesiedelt, 400 sollten am 5. März mit Eisenbahn Reise nach verschiedenen Ortschaften Kleinasiens antreten. Einige 350 fanden bei entfernten Verwandten Unterkunft. Bericht Konsul Rößlers eintrifft demnächst.Kühlmann.323.Auswärtiges Amt.Berlin, den 8. März 1917.AbschriftlichSeiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter i. a. M. Herrn v. Kühlmann, Konstantinopel,zur gefälligen Kenntnis übersandt.Eingeständnis des armenischen Verrats am türkischen Staat.Artikel des Retsch Nr. 24 vom 26. 1./8. 2. 17:Am 25. Januar a. St. stattete eine aus angesehenen Vertretern der einheimischen armenischen Bevölkerung bestehende Deputation der Stadtduma von Petersburg einen Besuch ab und übergab dem Stadtoberhaupt im Namen des Katholikos aller Armenier, Kework, eine Dankesadresse für die von der Duma erwiesene Unterstützung der armenischen Bevölkerung. Das Schriftstück ist an das ehemalige Stadtoberhaupt Graf J. J. Tolstoi gerichtet, der an der Spitze eines Komitees zur Unterstützung der Armenier stand und darin eine wirksame Tätigkeit entfaltete. Der Patriarch schreibt in seiner Adresse u. a. folgendes: Euerer Erlaucht ist die Vergangenheit und Zukunft des armenischen Volkes bekannt. Von jeher hat die türkische Regierung meinem Volke jegliche Menschenrechte verweigert. Leben, Ehre und Vermögen der Armenier blieben nicht vor den grausamsten Vergewaltigungen verschont, und so konnte mein Volk nie frei denken und nie ruhig für den nationalen Fortschritt und Wiederaufbau arbeiten. Jetzt aber werden die unglücklichen Söhne meines Volkes noch schonungsloser unterdrückt undverfolgt, unbewaffnet und wehrlos sind sie den räuberischen Kurden und türkischen Beamten ausgeliefert, von denen nicht einmal Frauen und unschuldige Kinder verschont werden; die Kinder werden gewaltsam zum muhammedanischen Glauben bekehrt. Und diese an der wehrlosen christlichen Bevölkerung vollzogenen Greueltaten werden damit entschuldigt,daß die Armenier auf der Seite des großen Rußlands und seiner Verbündeten stehen und mit ihnen sympathisieren. In der Stunde der großen Prüfung des armenischen Volkes haben Euere Erlaucht zusammen mit den würdigen Vertretern der Petersburger Stadtverwaltung geruht, 50000 Rubel zu gunsten der armenischen Flüchtlinge, die nicht nur ihre ganze Habe, sondern oft auch ihre nächsten Verwandten verloren haben, zu opfern...“Die Adresse schließt mit dem Ausdrucke heißer Dankbarkeit für die brüderliche Unterstützung der Armenier in der Zeit der schweren Prüfung.324.KaiserlichDeutsche Botschaft.Notiz.Pera, den 15. März 1917.Nach meinem Dafürhalten rechtfertigt die gesperrte Stelle in der Dankesadresse des Katholikos von Etschmiadsin nicht die sensationelle Überschrift „Eingeständnis des armenischen Verrats am türkischen Staat“.Nach der Fassung des betreffenden Passus ist es vielmehr wahrscheinlich, daß die Worte:„daß die Armenier auf der Seite des großen Rußlands und seiner Verbündeten stehen und mit ihnen sympathisieren“vom Katholikos den Türken in den Mund gelegt werden.Selbst wenn aber diese Auffassung nicht zutrifft, liegt keinesfalls Bestätigung der Gesinnung durch Handlungen vor.Mordtmann.325.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 12. März 1917.An Deutsches Konsulat, Aleppo.Die im Auslande lebenden Armenier haben die Deutsch-Armenische Gesellschaft gebeten, die Verteilung und Überweisung der von ihnen für ihre deportierten Stammesgenossen gesammelten Hilfsgelder, die bisher hauptsächlich über Amerika gingen, zu übernehmen. Die Gesellschaft beabsichtigt zu diesem Zwecke einen Vertreter nach der Türkei zu entsenden.Das Kaiserliche Konsulat ersuche ich um gutachtliche Drahtäußerung und um eventuelle Vorschläge über die Wege, auf welchen die Hilfsgelder zweckentsprechend geleitet werden könnten.Kühlmann.326.(Kaiserliches Konsulat.)Telegramm.Abgang aus Aleppo, den 15. März 1917.Ankunft in Pera, den 15. März 1917.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Antwort auf Telegramm vom 12. März.Nach Auflösung ihrer Waisenhäuser ist Schwester Rohner sowohl vom amerikanischen Konsul als von türkischen Behörden gebeten worden, die Notstandsarbeiten in der Stadt Aleppo neu zu organisieren, wobei letzteren allerdings nicht bekannt sein wird, daß es sich um 20000 Bedürftige handelt.Die in der Organisation begriffene Arbeit soll sich auch auf 1200 verwahrloste Kinder erstrecken. Bleiben amerikanische Gelder aus, so wäre deren Ersetzung aus deutschen Quellen hierbei am unauffälligsten. Die Schwester geht zunächst nach Marasch. Nach Rückkehr in einem Monat ist sie bereit, deutsche Gelder zu dem gedachten Zweck zu verwenden, woran sich wahrscheinlich die Arbeit nach außerhalb anknüpfen ließe. Die deutsch-armenische Gesellschaft muß als Geldgeber unbekannt bleiben. Geld könnte durch die deutsche Orientbank an dieses Konsulat überwiesen werden. Die Tätigkeit eines besonderen Vertreters der Gesellschaft könnte unmöglich unbekannt bleiben und riefe die Gefahr hervor, die ganze Hilfsarbeit unmöglich zu machen.Rößler.327.KaiserlichDeutsches Konsulat.Aleppo, den 16. März 1917.Im Anschluß an den Bericht vom 14. Februar.Die türkische Regierung hat ihre Absicht, die von der Schwester B. Rohner geleiteten Waisenhäuser aufzulösen, zur Ausführung gebracht, wie sie es sich von vornherein vorbehalten hatte.[142]Bei ihrer Berufung im Dezember 1915zur Leitung eines damals auf das furchtbarste verwahrlosten und von Krankheiten heimgesuchten Hauses hatte Djemal Pascha erklärt, daß es ein Waisenhaus der Regierung bliebe, dessen Unterhaltung derselben obliege. Tatsächlich haben die Behörden durch gelegentliche Lieferung von Lebensmitteln wenigstens Beiträge zum Unterhalt geleistet.Die höchste Zahl der von der Schwester Rohner zu einer Zeit vereinigten Kinder hat etwa 850 betragen. Als ihr aus dieser Schar die größeren Knaben genommen wurden, um zu Straßen- und Häuserbauten verwendet zu werden, gab sie eine Anzahl von solchen an Frauen zurück, die in einer Menge von zuerst 4000, jetzt 10000 von der türkischen Etappe in Arbeitshäusern mit Spinnen und Weben beschäftigt werden und sich tagsüber um die Kinder natürlich nicht kümmern können, so daß sie zuerst von der Schwester aufgenommen waren. — Die Zahl der Mädchen hatte sie schon vorher nach Möglichkeit beschränkt, um zu verhüten, daß die Waisenhäuser von den Muhammedanern als Sammelstellen betrachtet wurden, aus denen sie sich nach Belieben Mädchen für Zwecke ihres Haushalts entnehmen könnten. So betrug gegen Mitte Februar die Zahl der Kinder etwa 600, wozu die Angestellten mit ihren Familien in Stärke von 100 Köpfen kamen, als am 13. Februar die ersten 70 nach dem Libanon verschickt wurden. Etwa 370 Kinder sind darauf der Schwester entflohen und haben wohl größtenteils bei den tagsüber in Arbeitshäusern beschäftigten Frauen Unterschlupf gefunden. — 60 kranke und kleine, zur Reise unfähige sind von der Schwester in einem von Armeniern geleiteten Waisenhaus untergebracht. — Als die Regierung noch 400 Kinder verlangte, waren nur noch 280 vorhanden, darunter 30 Mädchen. Die Behörde nahm daher 70 aus jenem armenischen Waisenhaus, woraufhin die meisten der dort unterhaltenen Kinder auch zerstieben, und 70 sammelte sie von der Straße auf. — Alle 400 ließ sie von der Schwester aus Notstandsgeldern einkleiden und hat sie dann am 5. d. M. mit der Bahn abbefördert. Sie hat erklärt, daß sie zur Verteilung auf Regierungswaisenhäuser in Konia, Ismid, Balikesri und Adabazar bestimmt seien. Auf die Frage der Schwester, warum die Regierung die Kinder gerade aus ihren Häusern zur Verschickung zuerst genommen habe, hat ihr der Wali bezeichnend und naiv geantwortet, „daß ihre Kinder am besten genährt und am saubersten gekleidet seien. Wenn er andere verwahrloste Kinder schicke, so würde die Regierung fragen, was er mit den ihm überwiesenen Notstandsgeldern angefangen habe.“Hat auch das Werk der Schwester, bei dem sie von Schwester Anna Jensen unterstützt war, sein Ende genommen, so ist es doch nicht vergeblich gewesen. — Hunderte von Kindern sind fünf Vierteljahr hindurch dem Elend entrissen gewesen. Wäre es nicht getan worden, so wären die Kinder schon 1915 an Krankheiten zugrunde gegangen oder in die Wüste geschickt worden.Der bisherige Verschickungskommissar von Aleppo hat die Kinder auf ihrer Reise nach Norden begleitet. Ein Nachfolger wird nicht ernannt — das Verschickungsbüro ist aufgehoben. Doch würde es meines Erachtens falsch sein, daraus auf eine versöhnlichere Stimmung der Regierung gegenüber den Armeniern zu schließen. Die hartherzige Arbeit ist vielmehr im wesentlichen getan. Für das Nachspiel genügen die gewöhnlichen Verwaltungsbehörden. Jeder, der für „verdächtig“ gilt, wird voraussichtlich auch in Zukunft ohne weiteres verschickt werden. Im übrigen ist Befehl ergangen, daß jeder Armenier zu bleiben habe, wo er sich gegenwärtig befindet. Dieser Befehl wird auf das härteste ausgelegt. Familien bleiben auseinandergerissen. Kinder dürfen nicht zu ihren nächsten Anverwandten zurück.Schwester Rohner ist inzwischen vom amerikanischen Konsul und von der türkischen Etappe gebeten worden, die Notstandsarbeit in Aleppo neu zu organisieren. Für den amerikanischen Konsul war der Grund, daß sich Mißstände in der Arbeit herausgestellt hatten. Dem türkischen Etappenoffizier Oberst Kemal Bey unterstehen die Spinnereien und Webereien, in denen die Arbeitsleistung und der Lohn so gering sind, daß sie nicht ausreichen, das Leben der Arbeiterinnen und ihrer Kinder zu fristen. — Er würde seinen Vorgesetzten gegenüber berechtigt sein, zugrunde gehen zu lassen, was dabei nicht bestehen kann, hat aber ein Herz und wünscht zu helfen. — Mit der Gewinnung der Schwester Rohner hofft er auch die Notstandsgelder für die Frauen und Kinder zur Verwendung zu bringen. Er beabsichtigt, zwei Waisenhäuser einzurichten, sei es als Internat, sei es als Tagesschulen mit Suppenküche. Die Schwester hat zugesagt. — Sie hat zunächst dieser Tage die Verteilung der Notstandsgelder für die 20000 bedürftigen Armenier der Stadt Aleppo auf eine neue Grundlage gestellt. Am 19. d. M. wird sie sich auf einen Monat zur Erholung nach Marasch begeben und wird sich dann der Etappe zur Arbeit an den 1200 verwahrlosten Kindern zur Verfügung stellen. Wieder unter dem eigenen Namen eine Arbeit zu eröffnen, hat sie abgelehnt, dagegen hat sie Oberst Kemal Bey erklärt, daß sie gern bereit sei, zu helfen.[143]— Außer den genannten 1200 Kindern befinden sich noch 450 in der gregorianischen Kirche unter armenischer Obhut und 400 in dem oben erwähnten, wieder neu gefüllten armenischen Waisenhaus.Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.Rößler.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.328.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Abgang aus Konstantinopel, den 25. März 1917.Ankunft in Berlin, den 26. März 1917.Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.Für Deutsche Bank von Anatolischer Bahn:Neuerdings haben wieder Armenierausweisungen eingesetzt. Die zweite Baudivision meldet Ausweisung aus Amanusstrecke von 505 Arbeitern mit 187 Familienmitgliedern seit dem achtzehnten. Vom Taurus etwa gleiche Zahl.Kühlmann.

März.

320.

(Auswärtiges Amt.)

Berlin, den 1. März 1917.

Telegramm.

An Deutsche Botschaft, Pera.

Auf Grund eines Telegramms der Schwester Beatrice Rohner aus Aleppo, daß die ihr anvertrauten armenischen Waisenkinder verteilt würden, bittet Deutscher Hilfsbund durch Konsulat Aleppo festzustellen, was mit den Kindern geplant ist.

Anheimstelle, wenn möglich, die günstigen Dispositionen des neuen Großwesirs zugunsten der Kinder zu verwerten.

v. Stumm.

321.

Auswärtiges Amt.

3. März 1917.

Aufzeichnung.

Die zwischen Missionsdirektor Schreiber als Wortführer der deutschen Armenierfreunde und dem Kriegsarbeitsamt geführten mündlichen Verhandlungen haben zu dem Ergebnis geführt, daß die von der Einberufung nach der Türkei bedrohten in Deutschland befindlichen Armenier — es handelt sich um 50–60 Mann — im Zivilhilfsdienst untergebracht werden und dadurch zunächst von der Abschiebung nach der Türkei gesichert sind. Wie Direktor Schreiber mitteilt, hat Oberst von Braun, der die Verhandlungen seitens der Militärbehörden führte, für die politische Seite der Frage volles Verständnis gezeigt.

Rosenberg.

322.

(KaiserlichDeutsche Botschaft.)

Telegramm.

Konstantinopel, den 7. März 1917.

An Auswärtiges Amt.

Antwort auf Telegramm vom 1. März.

Türkische Regierung hatte bereits im Dezember 1915 Schwester Rohner eröffnet, daß ihr die Waisenkinder nur zeitweilig übergeben seien; sie werden nunmehr auf Befehl Ministers des Innern verteilt; 70 sind Mitte Februar nach dem Libanon übergesiedelt, 400 sollten am 5. März mit Eisenbahn Reise nach verschiedenen Ortschaften Kleinasiens antreten. Einige 350 fanden bei entfernten Verwandten Unterkunft. Bericht Konsul Rößlers eintrifft demnächst.

Kühlmann.

323.

Auswärtiges Amt.

Berlin, den 8. März 1917.

Abschriftlich

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter i. a. M. Herrn v. Kühlmann, Konstantinopel,

zur gefälligen Kenntnis übersandt.

Eingeständnis des armenischen Verrats am türkischen Staat.

Artikel des Retsch Nr. 24 vom 26. 1./8. 2. 17:

Am 25. Januar a. St. stattete eine aus angesehenen Vertretern der einheimischen armenischen Bevölkerung bestehende Deputation der Stadtduma von Petersburg einen Besuch ab und übergab dem Stadtoberhaupt im Namen des Katholikos aller Armenier, Kework, eine Dankesadresse für die von der Duma erwiesene Unterstützung der armenischen Bevölkerung. Das Schriftstück ist an das ehemalige Stadtoberhaupt Graf J. J. Tolstoi gerichtet, der an der Spitze eines Komitees zur Unterstützung der Armenier stand und darin eine wirksame Tätigkeit entfaltete. Der Patriarch schreibt in seiner Adresse u. a. folgendes: Euerer Erlaucht ist die Vergangenheit und Zukunft des armenischen Volkes bekannt. Von jeher hat die türkische Regierung meinem Volke jegliche Menschenrechte verweigert. Leben, Ehre und Vermögen der Armenier blieben nicht vor den grausamsten Vergewaltigungen verschont, und so konnte mein Volk nie frei denken und nie ruhig für den nationalen Fortschritt und Wiederaufbau arbeiten. Jetzt aber werden die unglücklichen Söhne meines Volkes noch schonungsloser unterdrückt undverfolgt, unbewaffnet und wehrlos sind sie den räuberischen Kurden und türkischen Beamten ausgeliefert, von denen nicht einmal Frauen und unschuldige Kinder verschont werden; die Kinder werden gewaltsam zum muhammedanischen Glauben bekehrt. Und diese an der wehrlosen christlichen Bevölkerung vollzogenen Greueltaten werden damit entschuldigt,daß die Armenier auf der Seite des großen Rußlands und seiner Verbündeten stehen und mit ihnen sympathisieren. In der Stunde der großen Prüfung des armenischen Volkes haben Euere Erlaucht zusammen mit den würdigen Vertretern der Petersburger Stadtverwaltung geruht, 50000 Rubel zu gunsten der armenischen Flüchtlinge, die nicht nur ihre ganze Habe, sondern oft auch ihre nächsten Verwandten verloren haben, zu opfern...“

Die Adresse schließt mit dem Ausdrucke heißer Dankbarkeit für die brüderliche Unterstützung der Armenier in der Zeit der schweren Prüfung.

324.

KaiserlichDeutsche Botschaft.

Notiz.

Pera, den 15. März 1917.

Nach meinem Dafürhalten rechtfertigt die gesperrte Stelle in der Dankesadresse des Katholikos von Etschmiadsin nicht die sensationelle Überschrift „Eingeständnis des armenischen Verrats am türkischen Staat“.

Nach der Fassung des betreffenden Passus ist es vielmehr wahrscheinlich, daß die Worte:

„daß die Armenier auf der Seite des großen Rußlands und seiner Verbündeten stehen und mit ihnen sympathisieren“

vom Katholikos den Türken in den Mund gelegt werden.

Selbst wenn aber diese Auffassung nicht zutrifft, liegt keinesfalls Bestätigung der Gesinnung durch Handlungen vor.

Mordtmann.

325.

(KaiserlichDeutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 12. März 1917.

An Deutsches Konsulat, Aleppo.

Die im Auslande lebenden Armenier haben die Deutsch-Armenische Gesellschaft gebeten, die Verteilung und Überweisung der von ihnen für ihre deportierten Stammesgenossen gesammelten Hilfsgelder, die bisher hauptsächlich über Amerika gingen, zu übernehmen. Die Gesellschaft beabsichtigt zu diesem Zwecke einen Vertreter nach der Türkei zu entsenden.

Das Kaiserliche Konsulat ersuche ich um gutachtliche Drahtäußerung und um eventuelle Vorschläge über die Wege, auf welchen die Hilfsgelder zweckentsprechend geleitet werden könnten.

Kühlmann.

326.

(Kaiserliches Konsulat.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 15. März 1917.Ankunft in Pera, den 15. März 1917.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Antwort auf Telegramm vom 12. März.

Nach Auflösung ihrer Waisenhäuser ist Schwester Rohner sowohl vom amerikanischen Konsul als von türkischen Behörden gebeten worden, die Notstandsarbeiten in der Stadt Aleppo neu zu organisieren, wobei letzteren allerdings nicht bekannt sein wird, daß es sich um 20000 Bedürftige handelt.

Die in der Organisation begriffene Arbeit soll sich auch auf 1200 verwahrloste Kinder erstrecken. Bleiben amerikanische Gelder aus, so wäre deren Ersetzung aus deutschen Quellen hierbei am unauffälligsten. Die Schwester geht zunächst nach Marasch. Nach Rückkehr in einem Monat ist sie bereit, deutsche Gelder zu dem gedachten Zweck zu verwenden, woran sich wahrscheinlich die Arbeit nach außerhalb anknüpfen ließe. Die deutsch-armenische Gesellschaft muß als Geldgeber unbekannt bleiben. Geld könnte durch die deutsche Orientbank an dieses Konsulat überwiesen werden. Die Tätigkeit eines besonderen Vertreters der Gesellschaft könnte unmöglich unbekannt bleiben und riefe die Gefahr hervor, die ganze Hilfsarbeit unmöglich zu machen.

Rößler.

327.

KaiserlichDeutsches Konsulat.

Aleppo, den 16. März 1917.

Im Anschluß an den Bericht vom 14. Februar.

Die türkische Regierung hat ihre Absicht, die von der Schwester B. Rohner geleiteten Waisenhäuser aufzulösen, zur Ausführung gebracht, wie sie es sich von vornherein vorbehalten hatte.[142]Bei ihrer Berufung im Dezember 1915zur Leitung eines damals auf das furchtbarste verwahrlosten und von Krankheiten heimgesuchten Hauses hatte Djemal Pascha erklärt, daß es ein Waisenhaus der Regierung bliebe, dessen Unterhaltung derselben obliege. Tatsächlich haben die Behörden durch gelegentliche Lieferung von Lebensmitteln wenigstens Beiträge zum Unterhalt geleistet.

Die höchste Zahl der von der Schwester Rohner zu einer Zeit vereinigten Kinder hat etwa 850 betragen. Als ihr aus dieser Schar die größeren Knaben genommen wurden, um zu Straßen- und Häuserbauten verwendet zu werden, gab sie eine Anzahl von solchen an Frauen zurück, die in einer Menge von zuerst 4000, jetzt 10000 von der türkischen Etappe in Arbeitshäusern mit Spinnen und Weben beschäftigt werden und sich tagsüber um die Kinder natürlich nicht kümmern können, so daß sie zuerst von der Schwester aufgenommen waren. — Die Zahl der Mädchen hatte sie schon vorher nach Möglichkeit beschränkt, um zu verhüten, daß die Waisenhäuser von den Muhammedanern als Sammelstellen betrachtet wurden, aus denen sie sich nach Belieben Mädchen für Zwecke ihres Haushalts entnehmen könnten. So betrug gegen Mitte Februar die Zahl der Kinder etwa 600, wozu die Angestellten mit ihren Familien in Stärke von 100 Köpfen kamen, als am 13. Februar die ersten 70 nach dem Libanon verschickt wurden. Etwa 370 Kinder sind darauf der Schwester entflohen und haben wohl größtenteils bei den tagsüber in Arbeitshäusern beschäftigten Frauen Unterschlupf gefunden. — 60 kranke und kleine, zur Reise unfähige sind von der Schwester in einem von Armeniern geleiteten Waisenhaus untergebracht. — Als die Regierung noch 400 Kinder verlangte, waren nur noch 280 vorhanden, darunter 30 Mädchen. Die Behörde nahm daher 70 aus jenem armenischen Waisenhaus, woraufhin die meisten der dort unterhaltenen Kinder auch zerstieben, und 70 sammelte sie von der Straße auf. — Alle 400 ließ sie von der Schwester aus Notstandsgeldern einkleiden und hat sie dann am 5. d. M. mit der Bahn abbefördert. Sie hat erklärt, daß sie zur Verteilung auf Regierungswaisenhäuser in Konia, Ismid, Balikesri und Adabazar bestimmt seien. Auf die Frage der Schwester, warum die Regierung die Kinder gerade aus ihren Häusern zur Verschickung zuerst genommen habe, hat ihr der Wali bezeichnend und naiv geantwortet, „daß ihre Kinder am besten genährt und am saubersten gekleidet seien. Wenn er andere verwahrloste Kinder schicke, so würde die Regierung fragen, was er mit den ihm überwiesenen Notstandsgeldern angefangen habe.“

Hat auch das Werk der Schwester, bei dem sie von Schwester Anna Jensen unterstützt war, sein Ende genommen, so ist es doch nicht vergeblich gewesen. — Hunderte von Kindern sind fünf Vierteljahr hindurch dem Elend entrissen gewesen. Wäre es nicht getan worden, so wären die Kinder schon 1915 an Krankheiten zugrunde gegangen oder in die Wüste geschickt worden.

Der bisherige Verschickungskommissar von Aleppo hat die Kinder auf ihrer Reise nach Norden begleitet. Ein Nachfolger wird nicht ernannt — das Verschickungsbüro ist aufgehoben. Doch würde es meines Erachtens falsch sein, daraus auf eine versöhnlichere Stimmung der Regierung gegenüber den Armeniern zu schließen. Die hartherzige Arbeit ist vielmehr im wesentlichen getan. Für das Nachspiel genügen die gewöhnlichen Verwaltungsbehörden. Jeder, der für „verdächtig“ gilt, wird voraussichtlich auch in Zukunft ohne weiteres verschickt werden. Im übrigen ist Befehl ergangen, daß jeder Armenier zu bleiben habe, wo er sich gegenwärtig befindet. Dieser Befehl wird auf das härteste ausgelegt. Familien bleiben auseinandergerissen. Kinder dürfen nicht zu ihren nächsten Anverwandten zurück.

Schwester Rohner ist inzwischen vom amerikanischen Konsul und von der türkischen Etappe gebeten worden, die Notstandsarbeit in Aleppo neu zu organisieren. Für den amerikanischen Konsul war der Grund, daß sich Mißstände in der Arbeit herausgestellt hatten. Dem türkischen Etappenoffizier Oberst Kemal Bey unterstehen die Spinnereien und Webereien, in denen die Arbeitsleistung und der Lohn so gering sind, daß sie nicht ausreichen, das Leben der Arbeiterinnen und ihrer Kinder zu fristen. — Er würde seinen Vorgesetzten gegenüber berechtigt sein, zugrunde gehen zu lassen, was dabei nicht bestehen kann, hat aber ein Herz und wünscht zu helfen. — Mit der Gewinnung der Schwester Rohner hofft er auch die Notstandsgelder für die Frauen und Kinder zur Verwendung zu bringen. Er beabsichtigt, zwei Waisenhäuser einzurichten, sei es als Internat, sei es als Tagesschulen mit Suppenküche. Die Schwester hat zugesagt. — Sie hat zunächst dieser Tage die Verteilung der Notstandsgelder für die 20000 bedürftigen Armenier der Stadt Aleppo auf eine neue Grundlage gestellt. Am 19. d. M. wird sie sich auf einen Monat zur Erholung nach Marasch begeben und wird sich dann der Etappe zur Arbeit an den 1200 verwahrlosten Kindern zur Verfügung stellen. Wieder unter dem eigenen Namen eine Arbeit zu eröffnen, hat sie abgelehnt, dagegen hat sie Oberst Kemal Bey erklärt, daß sie gern bereit sei, zu helfen.[143]— Außer den genannten 1200 Kindern befinden sich noch 450 in der gregorianischen Kirche unter armenischer Obhut und 400 in dem oben erwähnten, wieder neu gefüllten armenischen Waisenhaus.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.

328.

(KaiserlichDeutsche Botschaft.)

Telegramm.

Abgang aus Konstantinopel, den 25. März 1917.Ankunft in Berlin, den 26. März 1917.

Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.

Für Deutsche Bank von Anatolischer Bahn:

Neuerdings haben wieder Armenierausweisungen eingesetzt. Die zweite Baudivision meldet Ausweisung aus Amanusstrecke von 505 Arbeitern mit 187 Familienmitgliedern seit dem achtzehnten. Vom Taurus etwa gleiche Zahl.

Kühlmann.


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