Chapter 52

August.359.Auswärtiges Amt.Berlin, den 7. August 1917.An Deutsche Gesandtschaft, Bern.Unter dem 4. d. M. ist der Kaiserliche Geschäftsträger in Konstantinopel angewiesen worden, Herrn Fowle den Gegenwert von 100000 Franks gleich 6987,5 türkische Pfand auszuzahlen. Bitte, Herrn Favre hiervon zu verständigen.Frhr. v. d. Bussche.360.Niederschrift über den Gang der Besprechung zwischen dem Generalissimus der türkischen Armee in Syrien, Djemal Pascha, und Missionsdirektor D. Axenfeld, Direktor A. W. Schreiber und Oberlehrer Sommer, zu Berlin.Hotel Adlon, den 28. August 1917.Nach freundlicher Begrüßung durch Exzellenz Djemal Pascha eröffnete die in französischer Sprache geführte BesprechungD. Axenfeld. Er dankte für die Gewährung der Unterredung und gab der Sympathie aller Deutschen für die tapferen türkischen Bundesgenossen Ausdruck. Namens der Sr. Exzellenz bekannten deutschen evangelischen, Liebesarbeiten im Orient dankte er auch für den Schutz und die mannigfache Förderung dieser dem Wohle der notleidenden türkischen Bevölkerung dienenden Unternehmungen, so der Arbeit der Kaiserswerther Schwestern in Jerusalem, Beirut und Aleppo und des deutschen Hilfsbundes in Aleppo und Marasch (Schwester Beatrice Rohner, Schwester Paula Schäfer, Herr Blank). Die Not, namentlich bei den Armeniern, übersteige aber unsere Hilfskräfte und wecke unser tiefstes Mitleid. Wir seien Deutsche, und darum sei es selbstverständlich, daß wir loyale Freunde der Türkei seien. Aber wir seien auch Christen. Wie es ein muslimisches Gemeingefühl gäbe, so hätten auch wir Christen ein herzliches Mitgefühl mit allen unseren Mitchristen, zumal wenn sie sich in Not und Anfechtung befänden. Es geheein tiefer Schmerz durch die Kreise der deutschen Christen wegen des Geschickes der Armenier. Er erlaube sich daher die sehr herzliche Bitte um Hilfe für die Notstände, an deren Linderung die deutschen Liebeswerke arbeiten, namentlich um Gewährung von Nahrungsmitteln für die Frauen und Kinder.Djemal Pascha dankt für den Besuch, sowie den Ausdruck der Sympathie für die Türkei und spricht seine „Anerkennung der geäußerten edlen religiösen Gefühle und seine volle Übereinstimmung mit den bekundeten menschenfreundlichen Gesinnungen“ aus. Diese Übereinstimmung werde aber nicht widerlegt durch die Stellung, die die Türkei gegen die Armenier eingenommen habe. Ihnen gegenüber habe es sich nicht um eine religiöse, sondern um eine politische Frage gehandelt. Die Türkei habe einem Manne geglichen, der von allen Seiten überfallen wird und in der höchsten Lebensnot zu den äußersten Mitteln greifen muß. In jedem Lande ginge ferner die Bevölkerung, zumal in Zeiten der Erregung, leicht über strenge Maßnahmen der Regierung noch hinaus und ließe sich zu Ausschreitungen hinreißen, die nicht zu billigen seien, so in der Türkei besonders die Kurden. Gegen die Armenier sei die türkische Regierung nicht vorgegangen, weil sie Christen, sondern weil sie Armenier waren, und der Bestand des Staates gefährdet war. Gegen Araber würde im gleichen Fall ebenso verfahren. Im übrigen wären in seinem Bezirke, dank seines starken persönlichen Einflusses, keine Ausschreitungen gegen Armenier erfolgt. Aber nicht jeder Oberbefehlshaber könne einen so starken Einfluß ausüben.Auf die Frage, ob seine Ausführungen deutlich gewesen und verstanden worden seien, erwiderteD. Axenfeld: Ich habe die Ausführungen Euerer Exzellenz wohl verstanden. Mir liegt aber Ihnen gegenüber sehr daran, festzustellen, daß wir nicht gekommen sind, um zu tadeln oder anzuklagen, sondern nur, um in loyaler Gesinnung Hilfe zu erbitten für Notleidende. Diese hungernden Frauen und Kinder können der Türkei nicht gefährlich sein. Es handelt sich um ein Werk der rein menschlichen Barmherzigkeit.Djemal Pascha: Dem kann ich nur beistimmen. Ich bin gern bereit, in jeder Beziehung Ihre Arbeiten zu unterstützen und unentgeltlich Lebensmittel zu gewähren. Schreiben Sie Ihren Freunden in Aleppo und Marasch, in Jerusalem und Beirut und anderen Orten, daß sie ihre Bitten mir vorlegen. Ich werde reichlich helfen und auch in anderen Bezirken meinen Einfluß geltend zu machen suchen.Oberlehrer Sommer dankt in türkischer Sprache für die bisherige Hilfe und die freundliche Zusage der freien Gewährung von Lebensmitteln. Da die Hungersnot sehr empfindlich und Getreide auf dem offenen Markt nicht zu haben sei, bittet er besonders um Gewährung von Getreide aus den staatlichen Vorräten. Es sei dieses eine reine Menschlichkeitsfrage; auch in unserenAnstalten, besonders den Krankenhäusern, werde Christen und Muhammedanern die gleiche Hilfe zuteil.Djemal Pascha, ebenfalls in türkischer Sprache: Das ist auch meine persönliche Stellung. Ich mache keinen Unterschied zwischen Christen und Muhammedanern. Das Wohl aller Osmanen liegt mir am Herzen. Der Grundsatz der Toleranz ist mir sehr sympathisch. Ihre Bitten will ich gerne gewähren.D. Axenfeld.Schreiber.

August.

359.

Auswärtiges Amt.

Berlin, den 7. August 1917.

An Deutsche Gesandtschaft, Bern.

Unter dem 4. d. M. ist der Kaiserliche Geschäftsträger in Konstantinopel angewiesen worden, Herrn Fowle den Gegenwert von 100000 Franks gleich 6987,5 türkische Pfand auszuzahlen. Bitte, Herrn Favre hiervon zu verständigen.

Frhr. v. d. Bussche.

360.

Niederschrift über den Gang der Besprechung zwischen dem Generalissimus der türkischen Armee in Syrien, Djemal Pascha, und Missionsdirektor D. Axenfeld, Direktor A. W. Schreiber und Oberlehrer Sommer, zu Berlin.

Hotel Adlon, den 28. August 1917.

Nach freundlicher Begrüßung durch Exzellenz Djemal Pascha eröffnete die in französischer Sprache geführte Besprechung

D. Axenfeld. Er dankte für die Gewährung der Unterredung und gab der Sympathie aller Deutschen für die tapferen türkischen Bundesgenossen Ausdruck. Namens der Sr. Exzellenz bekannten deutschen evangelischen, Liebesarbeiten im Orient dankte er auch für den Schutz und die mannigfache Förderung dieser dem Wohle der notleidenden türkischen Bevölkerung dienenden Unternehmungen, so der Arbeit der Kaiserswerther Schwestern in Jerusalem, Beirut und Aleppo und des deutschen Hilfsbundes in Aleppo und Marasch (Schwester Beatrice Rohner, Schwester Paula Schäfer, Herr Blank). Die Not, namentlich bei den Armeniern, übersteige aber unsere Hilfskräfte und wecke unser tiefstes Mitleid. Wir seien Deutsche, und darum sei es selbstverständlich, daß wir loyale Freunde der Türkei seien. Aber wir seien auch Christen. Wie es ein muslimisches Gemeingefühl gäbe, so hätten auch wir Christen ein herzliches Mitgefühl mit allen unseren Mitchristen, zumal wenn sie sich in Not und Anfechtung befänden. Es geheein tiefer Schmerz durch die Kreise der deutschen Christen wegen des Geschickes der Armenier. Er erlaube sich daher die sehr herzliche Bitte um Hilfe für die Notstände, an deren Linderung die deutschen Liebeswerke arbeiten, namentlich um Gewährung von Nahrungsmitteln für die Frauen und Kinder.

Djemal Pascha dankt für den Besuch, sowie den Ausdruck der Sympathie für die Türkei und spricht seine „Anerkennung der geäußerten edlen religiösen Gefühle und seine volle Übereinstimmung mit den bekundeten menschenfreundlichen Gesinnungen“ aus. Diese Übereinstimmung werde aber nicht widerlegt durch die Stellung, die die Türkei gegen die Armenier eingenommen habe. Ihnen gegenüber habe es sich nicht um eine religiöse, sondern um eine politische Frage gehandelt. Die Türkei habe einem Manne geglichen, der von allen Seiten überfallen wird und in der höchsten Lebensnot zu den äußersten Mitteln greifen muß. In jedem Lande ginge ferner die Bevölkerung, zumal in Zeiten der Erregung, leicht über strenge Maßnahmen der Regierung noch hinaus und ließe sich zu Ausschreitungen hinreißen, die nicht zu billigen seien, so in der Türkei besonders die Kurden. Gegen die Armenier sei die türkische Regierung nicht vorgegangen, weil sie Christen, sondern weil sie Armenier waren, und der Bestand des Staates gefährdet war. Gegen Araber würde im gleichen Fall ebenso verfahren. Im übrigen wären in seinem Bezirke, dank seines starken persönlichen Einflusses, keine Ausschreitungen gegen Armenier erfolgt. Aber nicht jeder Oberbefehlshaber könne einen so starken Einfluß ausüben.

Auf die Frage, ob seine Ausführungen deutlich gewesen und verstanden worden seien, erwiderte

D. Axenfeld: Ich habe die Ausführungen Euerer Exzellenz wohl verstanden. Mir liegt aber Ihnen gegenüber sehr daran, festzustellen, daß wir nicht gekommen sind, um zu tadeln oder anzuklagen, sondern nur, um in loyaler Gesinnung Hilfe zu erbitten für Notleidende. Diese hungernden Frauen und Kinder können der Türkei nicht gefährlich sein. Es handelt sich um ein Werk der rein menschlichen Barmherzigkeit.

Djemal Pascha: Dem kann ich nur beistimmen. Ich bin gern bereit, in jeder Beziehung Ihre Arbeiten zu unterstützen und unentgeltlich Lebensmittel zu gewähren. Schreiben Sie Ihren Freunden in Aleppo und Marasch, in Jerusalem und Beirut und anderen Orten, daß sie ihre Bitten mir vorlegen. Ich werde reichlich helfen und auch in anderen Bezirken meinen Einfluß geltend zu machen suchen.

Oberlehrer Sommer dankt in türkischer Sprache für die bisherige Hilfe und die freundliche Zusage der freien Gewährung von Lebensmitteln. Da die Hungersnot sehr empfindlich und Getreide auf dem offenen Markt nicht zu haben sei, bittet er besonders um Gewährung von Getreide aus den staatlichen Vorräten. Es sei dieses eine reine Menschlichkeitsfrage; auch in unserenAnstalten, besonders den Krankenhäusern, werde Christen und Muhammedanern die gleiche Hilfe zuteil.

Djemal Pascha, ebenfalls in türkischer Sprache: Das ist auch meine persönliche Stellung. Ich mache keinen Unterschied zwischen Christen und Muhammedanern. Das Wohl aller Osmanen liegt mir am Herzen. Der Grundsatz der Toleranz ist mir sehr sympathisch. Ihre Bitten will ich gerne gewähren.

D. Axenfeld.Schreiber.


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