Chapter 58

März.372.(Auswärtiges Amt.)Telegramm.Berlin, den 2. März 1918.An die Deutsche Botschaft, Pera.Bei künftigen Friedensverhandlungen mit den Westmächten werden diese unzweifelhaft die Armenierfrage zur Sprache bringen und versuchen, möglichst weitgehende Autonomie ostanatolischer Wilajets durchzusetzen. Gegenüber solchen Versuchen wird Lage der Türkei günstiger sein, wenn sie schon vor Eintritt in Verhandlungen greifbare Beweise dafür gegeben hat, daß sie entschlossen ist, den christlichen ebenso wie den muhammedanischen Bewohnern dieser Provinzen eine gleichmäßige, milde und gerechte Behandlung angedeihen zu lassen und ihnen beim Wiederaufbau des durch die Kriegsereignisse Zerstörten behilflich zu sein.Die Wiederbesetzung des Gebiets vollzieht sich unerwartet schnell. Nach den letzten Nachrichten ist mit baldiger Einnahme Erzerums zu rechnen. Sobald dies geschehen, dürfte die Zeit gekommen sein, um die Armenier, die noch die Waffen tragen, zu freiwilliger Unterwerfung aufzufordern und ihnen für diesen Fall Straflosigkeit und freie Rückkehr in ihre Wohnsitze zu gewähren. Abgesehen davon, daß auf diese Weise weitere vielleicht schwierige Kämpfe vermieden würden, kann nur so der Anfang dazu gemacht werden, dortige Armenier, die unentbehrliches wertvolles Bevölkerungselement dieser Provinzen darstellen, wieder zu loyalen Untertanen der Türkei zu erziehen. Weiter müßten die geplanten finanziellen Beihilfen zum Wiederaufbau der Dörfer und zur wirtschaftlichen Wiederaufrichtung der Wilajets gleichzeitig Christen und Muhammedanern zugute kommen. Auch würde sich empfehlen, die Rückführung der ins Innere des Reichs verbannten armenischen Bewohner in Aussicht zu nehmen.Außerdem würde es die Stimmung weiter und einflußreicher Kreise günstig beeinflussen, wenn die türkische Regierung den deutschen Missionsanstalten, die früher unter Armeniern gewirkt haben, gestatten wollte, Vertreter an Ort und Stelle zu entsenden, um unter der Bevölkerung, ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses, Wohltätigkeit zu üben.Fast ebenso wichtig wie die Behandlung der Armenier ist die der Griechen. Bei jetziger Lage besteht kein Grund mehr, die weggeführte griechischeBevölkerung der Küstendistrikte des Schwarzen Meeres von dort fern zu halten. Ihre baldige Zurückführung würde einzuleiten sein.Euere Exzellenz bitte ich, in Ihren Besprechungen mit dem Großwesir, mit dem Minister des Äußern und auch Enver Pascha diesen Gedankengang zu entwickeln und über die Aufnahme Ihrer Vorstellungen zu berichten.v. d. Bussche.373.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Konstantinopel, den 3. März 1918.An Auswärtiges Amt.Seit Monaten habe ich bei jeder Gelegenheit die Gedankengänge des Telegramms Euerer Exzellenz vom 2. d. M. an maßgebender Stelle wiederholt. Einer direkten Ablehnung bin ich niemals begegnet. Öfters gelang es, beabsichtigte unkluge Maßnahmen zu verhindern, meist erhielt ich aber Versprechungen, die bisher noch unerfüllt blieben.Der Großwesir ist seit seiner Rückkehr aus Europa für Ermahnungen im Sinne der Berücksichtigung der öffentlichen Meinung zugänglicher.Erst gestern sprach ich mit Talaat Pascha im Sinne Euerer Exzellenz Weisung, und er versprach dabei, mit den Armeniern entsprechend zu verhandeln und eine Amnestie bald zu erlassen.Bernstorff.374.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Konstantinopel, den 13. März 1918.Der K. Botschafter an Auswärtiges Amt.Wie mir Monsignore Dolci mitteilt, ist er vom Papst angewiesen worden, bei der hiesigen Regierung für die Armenier einzutreten.Unter allen Armeniern herrscht große Aufregung, da sie befürchten, daß allgemeine Repressalien seitens der Türken zu erwarten sind. Ich drahtete deshalb direkt an den Herrn Staatssekretär nach Bukarest die Bitte, die Angelegenheit mit dem Großwesir zu besprechen. Ohne Talaat Pascha werde hier nichts getan, und vielleicht sei der Großwesir zu bewegen, jetzt nach dem Frieden mit Rußland und der Einnahme Erzerums die versprochene Amnestie zu erlassen.Bernstorff.375.(Auswärtiges Amt.)Telegramm.Berlin, den 17. März 1918.An die Deutsche Botschaft, Pera.Tanin und Terdjüman-Artikel vom 15. März sind geeignet, nicht nur Armenier, sondern auch unsere öffentliche Meinung über Absichten türkischer Regierung in Armenierfrage zu beunruhigen. Abgesehen davon sind aber so heftige Presseäußerungen auch deshalb bedenklich, weil dadurch unter türkischer Bevölkerung Stimmung hervorgerufen wird, die zu gefährlichen Ausbrüchen gegen Armenier führen kann und jedenfalls der türkischen Regierung die von ihr beabsichtigte versöhnliche Armenierpolitik erschweren muß. Ich empfehle dringend, daß türkische Regierung der Presse Zurückhaltung auferlegt. Es wäre auch zweckmäßig, weitere amtliche Meldungen über Greueltaten der Armenier zurückzuhalten, bis die Berichte der zu Wehib Pascha zu entsendenden Pressevertreter vorliegen. Berichte der Milli-Agence finden nach früheren Erfahrungen im neutralen und feindlichen Auslande keinerlei Glauben mehr.Bitte dringend in diesem Sinne auf dortige Regierung einzuwirken.v. d. Bussche.376.(Auswärtiges Amt.)Telegramm.Berlin, den 17. März 1918.An den Herrn Staatssekretär, Bukarest.Botschafter Pera telegraphiert: „In armenischer Frage hat trotz aller Ermahnungen Zensur erst jetzt eingegriffen und Presse gezwungen, beruhigende Artikel zu schreiben oder zu schweigen.Alle Armenier waren schon von Todesangst befallen. Beinahe täglich sandten sie den päpstlichen Delegaten, den Patriarchen oder sonstige Abgesandte zu mir, um Hilfe zu erbitten. Türkische Regierung scheint diesmal wirklich ehrlich bestrebt, Ausschreitungen zu verhindern.Abwesenheit Großwesirs ist lebhaft zu beklagen, da er allein imstande wäre, Zügel in die Hand zu nehmen und Kundgebungen über armenische Politik zu erlassen. Alle sonstigen hiesigen maßgebenden Kreise befinden sich augenblicklich geradezu in einem Taumel von Siegesbewußtsein, Nationalismus und Pan-Islamismus. Sie glauben, daß alle Muhammedaner Asiens nur darauf warten, den Türken die Bruderhand auszustrecken und eine Islam-Konföderation zu gründen. Großwesir steht nach EuererExzellenz Telegramm noch auf dem gleichen Standpunkt wie früher, daß er nicht unbedingt Batum behalten will. Der türkische Ehrgeiz geht augenblicklich wenigstens noch mehr nach Baku als nach Batum.“Vielleicht könnte Talaat Pascha veranlaßt werden, von Bukarest aus durch energische Instruktionen in die Behandlung der Armenierfrage einzugreifen.Bernstorff.377.Aufzeichnung.Berlin, den 19. März 1918.Vom Herrn Stellvertreter des Staatssekretärs seinen Erklärungen im Reichstag am 21. und 22. März zugrunde gelegt.... Das Auswärtige Amt und die Kaiserlichen Vertretungen in der Türkei haben von Beginn der armenischen Krise an alles mit diplomatischen Mitteln mögliche getan, um das Los der Armenier zu mildern. Die Kaiserliche Regierung ist bei ihrem Druck auf die türkische Regierung bis zur äußersten Grenze gegangen. Die Verantwortung dafür, durch einen Bruch mit der Türkei wegen der Armenierfrage die Südostflanke unserer Weltkampfstellung zu entblößen und dadurch unsere damals im Osten und Westen schwer ringenden Heere in eine bedrohliche Lage zu bringen, hätte keine deutsche Regierung tragen können.Als nach Abschluß des Waffenstillstands von Brest-Litowsk die Möglichkeit einer Räumung der damals von den Russen besetzten ostanatolischen Provinzen näher rückte, haben wir uns sofort mit den türkischen Staatsmännern wegen der Behandlung der Frage der Armenier in Verbindung gesetzt und ihnen gesagt, wie wichtig es im eigensten Interesse der Türkei, auch wegen ihrer Beziehungen zu den Bundesgenossen ist, daß beim Wiedereinmarsch der türkischen Truppen Ausschreitungen gegen die armenische Bevölkerung vermieden und daß von vornherein die Grundlagen für friedliche Verhältnisse zwischen den christlichen und muhammedanischen Elementen geschaffen werden. Der Finanzminister und der Minister des Äußern, mit denen im Januar bei ihrem Aufenthalt in Berlin in diesem Sinne gesprochen wurde, zeigten volles Verständnis und erklärten sich auch grundsätzlich damit einverstanden, daß sich nach Wiedereinnahme Ostanatoliens deutsche Wohltätigkeitsunternehmungen der Armenier dort annähmen.Anfang Februar gelangte die Nachricht hierher, daß die russischen Truppen aus Ostanatolien abzogen, daß sich aber in dem von ihnen verlassenen Gebiet armenische Freischaren unter Führung fremder Offizieregebildet haben und dort schlimm hausten. Einzelheiten sind durch die amtliche türkische Telegraphenagentur bekannt gegeben worden. Diese Nachrichten haben vielfach keinen Glauben gefunden und sind so aufgefaßt worden, als ob die türkische Regierung damit ein beabsichtigtes grausames Vorgehen gegen die Armenier im voraus entschuldigen wollte. Diese Auffassung scheint nicht begründet. Obwohl andere telegraphische Meldungen aus dem Kaukasus ins Ausland gelangen, ist bisher in keinem feindlichen oder neutralen Blatte eine Nachricht über türkische Ausschreitungen veröffentlicht worden. Auch das schweizerische Hilfskomitee für Armenien hat keine solche Nachricht erhalten. Einem Telegramm der Genfer Gruppe der armenischen Sozialisten an das Internationale Sozialistische Büro in Genf, worin von neuen türkischen Metzeleien nach Räumung des Landes durch die Russen die Rede ist, liegen offenbar nur Befürchtungen zugrunde. Diese Befürchtungen sind im Hinblick auf die Ereignisse des Jahres 1915 und die gegenseitige Erbitterung wohl begreiflich. Die Kaiserliche Regierung hat deshalb keine Gelegenheit vorübergehen lassen, der türkischen Regierung die Bedeutung der armenischen Frage vor Augen zu führen und hat bestimmte Vorschläge gemacht, wie weiteres Blutvergießen vermieden und auf die Dauer friedliche Zustände hergestellt werden können. Sie hat namentlich dringend geraten, die strengste Manneszucht unter den einrückenden Truppen aufrecht zu erhalten, die armenischen Freischaren zur freiwilligen Unterwerfung aufzufordern, ihnen, wenn sie dieser Aufforderung Folge leisten, Amnestie zu gewähren, bei der beabsichtigten Hilfsaktion für die ostanatolischen Provinzen gleichmäßig die Armenier und Muhammedaner zu berücksichtigen, ferner auch die Zurückführung der nach dem Innern des Reiches Ausgesiedelten, die sich bei den jetzigen Transportschwierigkeiten allerdings nicht durchführen läßt, wenigstens zu beschließen und einzuleiten. Die türkische Regierung hat sich diesen Vorschlägen durchaus zugänglich gezeigt. Nach den bündigen Versicherungen, die der Großwesir, der Minister des Äußern und sein Vertreter Halil Bey gegenüber dem Herrn Reichskanzler, dem Staatssekretär von Kühlmann und dem Kaiserlichen Botschafter abgegeben haben, sind wir zu dem Vertrauen berechtigt, daß die Regierung zur Milde gegen die Armenier entschlossen ist, die unbeteiligte Bevölkerung nicht für die Untaten Einzelner verantwortlich machen und ähnliche Vorgänge, wie sie sich im Jahre 1915 abgespielt haben, zu verhüten wissen wird. Denn es besteht die Gefahr, daß sich in den benachbarten Bezirken von Kars und Ardahan, die nach dem Friedensvertrag von Brest von den Russen zu räumen sind und deren Bevölkerung selbst ihr künftiges Schicksal beschließen soll, zwischen Armeniern und Muhammedanern Kämpfe entspinnen, die, da die Armenier auch hier in der Minderheit sind, zu ihrem Nachteil ausschlagen müssen. Der baldige Erlaß einer Amnestie ist zugesagt worden.378.Telegramm.Bukarest, den 20. März 1918.Der Staatssekretär an Auswärtiges Amt.Habe die armenische Frage im Sinne dortiger Anregungen mit Großwesir besprochen. Talaat Pascha meinte, daß er von hier aus wenig machen könne. Sobald er nach Konstantinopel zurückgekehrt sei, werde er die in Aussicht genommene Amnestiekundgebung erlassen. Bitte Graf Bernstorff entsprechend zu verständigen.Kühlmann.379.(Auswärtiges Amt.)Telegramm.Berlin, den 22. März 1918.An den Staatssekretär, Bukarest.Funkspruch Lyon vom 17. März meldet:„Armenisches Nachrichten-Übermittelungsbüro gibt bekannt, daß Rückkehr Türken nach Trapezunt sich in neuerlichen Akten von Roheiten bemerkbar machte. Tausende von russischen Nachzüglern wurden erschossen oder lebend verbrannt. Die Armenier werden unbeschreiblichen Qualen unterzogen; Kinder in Säcke gesteckt und ins Meer geworfen. Die alten Männer und Frauen wurden gekreuzigt und verstümmelt, alle jungen Mädchen und jungen Frauen wurden den Türken ausgeliefert.“Botschafter Konstantinopel ist benachrichtigt und um Äußerung ersucht. Anheimstelle Ew. Exzellenz, Angelegenheit mit Talaat zu besprechen.v. d. Bussche.380.(Auswärtiges Amt.)Telegramm.Berlin, den 24. März 1918.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Die letzte heftige Preßkampagne gegen die Armenier ist dem Vernehmen nach auf unmittelbare Veranlassung Enver Paschas zurückzuführen. Ich bitte Euere Exzellenz durch General von Seeckt auf Enver einzuwirken. Alle Preßangriffe gegen die Armenier und auch Meldungen über Greueltaten der Armenier sollten, da sie der Sache nur schaden, unbedingt verhindert werden.v. d. Bussche.

März.

372.

(Auswärtiges Amt.)

Telegramm.

Berlin, den 2. März 1918.

An die Deutsche Botschaft, Pera.

Bei künftigen Friedensverhandlungen mit den Westmächten werden diese unzweifelhaft die Armenierfrage zur Sprache bringen und versuchen, möglichst weitgehende Autonomie ostanatolischer Wilajets durchzusetzen. Gegenüber solchen Versuchen wird Lage der Türkei günstiger sein, wenn sie schon vor Eintritt in Verhandlungen greifbare Beweise dafür gegeben hat, daß sie entschlossen ist, den christlichen ebenso wie den muhammedanischen Bewohnern dieser Provinzen eine gleichmäßige, milde und gerechte Behandlung angedeihen zu lassen und ihnen beim Wiederaufbau des durch die Kriegsereignisse Zerstörten behilflich zu sein.

Die Wiederbesetzung des Gebiets vollzieht sich unerwartet schnell. Nach den letzten Nachrichten ist mit baldiger Einnahme Erzerums zu rechnen. Sobald dies geschehen, dürfte die Zeit gekommen sein, um die Armenier, die noch die Waffen tragen, zu freiwilliger Unterwerfung aufzufordern und ihnen für diesen Fall Straflosigkeit und freie Rückkehr in ihre Wohnsitze zu gewähren. Abgesehen davon, daß auf diese Weise weitere vielleicht schwierige Kämpfe vermieden würden, kann nur so der Anfang dazu gemacht werden, dortige Armenier, die unentbehrliches wertvolles Bevölkerungselement dieser Provinzen darstellen, wieder zu loyalen Untertanen der Türkei zu erziehen. Weiter müßten die geplanten finanziellen Beihilfen zum Wiederaufbau der Dörfer und zur wirtschaftlichen Wiederaufrichtung der Wilajets gleichzeitig Christen und Muhammedanern zugute kommen. Auch würde sich empfehlen, die Rückführung der ins Innere des Reichs verbannten armenischen Bewohner in Aussicht zu nehmen.

Außerdem würde es die Stimmung weiter und einflußreicher Kreise günstig beeinflussen, wenn die türkische Regierung den deutschen Missionsanstalten, die früher unter Armeniern gewirkt haben, gestatten wollte, Vertreter an Ort und Stelle zu entsenden, um unter der Bevölkerung, ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses, Wohltätigkeit zu üben.

Fast ebenso wichtig wie die Behandlung der Armenier ist die der Griechen. Bei jetziger Lage besteht kein Grund mehr, die weggeführte griechischeBevölkerung der Küstendistrikte des Schwarzen Meeres von dort fern zu halten. Ihre baldige Zurückführung würde einzuleiten sein.

Euere Exzellenz bitte ich, in Ihren Besprechungen mit dem Großwesir, mit dem Minister des Äußern und auch Enver Pascha diesen Gedankengang zu entwickeln und über die Aufnahme Ihrer Vorstellungen zu berichten.

v. d. Bussche.

373.

(KaiserlichDeutsche Botschaft.)

Telegramm.

Konstantinopel, den 3. März 1918.

An Auswärtiges Amt.

Seit Monaten habe ich bei jeder Gelegenheit die Gedankengänge des Telegramms Euerer Exzellenz vom 2. d. M. an maßgebender Stelle wiederholt. Einer direkten Ablehnung bin ich niemals begegnet. Öfters gelang es, beabsichtigte unkluge Maßnahmen zu verhindern, meist erhielt ich aber Versprechungen, die bisher noch unerfüllt blieben.

Der Großwesir ist seit seiner Rückkehr aus Europa für Ermahnungen im Sinne der Berücksichtigung der öffentlichen Meinung zugänglicher.

Erst gestern sprach ich mit Talaat Pascha im Sinne Euerer Exzellenz Weisung, und er versprach dabei, mit den Armeniern entsprechend zu verhandeln und eine Amnestie bald zu erlassen.

Bernstorff.

374.

(KaiserlichDeutsche Botschaft.)

Telegramm.

Konstantinopel, den 13. März 1918.

Der K. Botschafter an Auswärtiges Amt.

Wie mir Monsignore Dolci mitteilt, ist er vom Papst angewiesen worden, bei der hiesigen Regierung für die Armenier einzutreten.

Unter allen Armeniern herrscht große Aufregung, da sie befürchten, daß allgemeine Repressalien seitens der Türken zu erwarten sind. Ich drahtete deshalb direkt an den Herrn Staatssekretär nach Bukarest die Bitte, die Angelegenheit mit dem Großwesir zu besprechen. Ohne Talaat Pascha werde hier nichts getan, und vielleicht sei der Großwesir zu bewegen, jetzt nach dem Frieden mit Rußland und der Einnahme Erzerums die versprochene Amnestie zu erlassen.

Bernstorff.

375.

(Auswärtiges Amt.)

Telegramm.

Berlin, den 17. März 1918.

An die Deutsche Botschaft, Pera.

Tanin und Terdjüman-Artikel vom 15. März sind geeignet, nicht nur Armenier, sondern auch unsere öffentliche Meinung über Absichten türkischer Regierung in Armenierfrage zu beunruhigen. Abgesehen davon sind aber so heftige Presseäußerungen auch deshalb bedenklich, weil dadurch unter türkischer Bevölkerung Stimmung hervorgerufen wird, die zu gefährlichen Ausbrüchen gegen Armenier führen kann und jedenfalls der türkischen Regierung die von ihr beabsichtigte versöhnliche Armenierpolitik erschweren muß. Ich empfehle dringend, daß türkische Regierung der Presse Zurückhaltung auferlegt. Es wäre auch zweckmäßig, weitere amtliche Meldungen über Greueltaten der Armenier zurückzuhalten, bis die Berichte der zu Wehib Pascha zu entsendenden Pressevertreter vorliegen. Berichte der Milli-Agence finden nach früheren Erfahrungen im neutralen und feindlichen Auslande keinerlei Glauben mehr.

Bitte dringend in diesem Sinne auf dortige Regierung einzuwirken.

v. d. Bussche.

376.

(Auswärtiges Amt.)

Telegramm.

Berlin, den 17. März 1918.

An den Herrn Staatssekretär, Bukarest.

Botschafter Pera telegraphiert: „In armenischer Frage hat trotz aller Ermahnungen Zensur erst jetzt eingegriffen und Presse gezwungen, beruhigende Artikel zu schreiben oder zu schweigen.

Alle Armenier waren schon von Todesangst befallen. Beinahe täglich sandten sie den päpstlichen Delegaten, den Patriarchen oder sonstige Abgesandte zu mir, um Hilfe zu erbitten. Türkische Regierung scheint diesmal wirklich ehrlich bestrebt, Ausschreitungen zu verhindern.

Abwesenheit Großwesirs ist lebhaft zu beklagen, da er allein imstande wäre, Zügel in die Hand zu nehmen und Kundgebungen über armenische Politik zu erlassen. Alle sonstigen hiesigen maßgebenden Kreise befinden sich augenblicklich geradezu in einem Taumel von Siegesbewußtsein, Nationalismus und Pan-Islamismus. Sie glauben, daß alle Muhammedaner Asiens nur darauf warten, den Türken die Bruderhand auszustrecken und eine Islam-Konföderation zu gründen. Großwesir steht nach EuererExzellenz Telegramm noch auf dem gleichen Standpunkt wie früher, daß er nicht unbedingt Batum behalten will. Der türkische Ehrgeiz geht augenblicklich wenigstens noch mehr nach Baku als nach Batum.“

Vielleicht könnte Talaat Pascha veranlaßt werden, von Bukarest aus durch energische Instruktionen in die Behandlung der Armenierfrage einzugreifen.

Bernstorff.

377.

Aufzeichnung.

Berlin, den 19. März 1918.

Vom Herrn Stellvertreter des Staatssekretärs seinen Erklärungen im Reichstag am 21. und 22. März zugrunde gelegt.

... Das Auswärtige Amt und die Kaiserlichen Vertretungen in der Türkei haben von Beginn der armenischen Krise an alles mit diplomatischen Mitteln mögliche getan, um das Los der Armenier zu mildern. Die Kaiserliche Regierung ist bei ihrem Druck auf die türkische Regierung bis zur äußersten Grenze gegangen. Die Verantwortung dafür, durch einen Bruch mit der Türkei wegen der Armenierfrage die Südostflanke unserer Weltkampfstellung zu entblößen und dadurch unsere damals im Osten und Westen schwer ringenden Heere in eine bedrohliche Lage zu bringen, hätte keine deutsche Regierung tragen können.

Als nach Abschluß des Waffenstillstands von Brest-Litowsk die Möglichkeit einer Räumung der damals von den Russen besetzten ostanatolischen Provinzen näher rückte, haben wir uns sofort mit den türkischen Staatsmännern wegen der Behandlung der Frage der Armenier in Verbindung gesetzt und ihnen gesagt, wie wichtig es im eigensten Interesse der Türkei, auch wegen ihrer Beziehungen zu den Bundesgenossen ist, daß beim Wiedereinmarsch der türkischen Truppen Ausschreitungen gegen die armenische Bevölkerung vermieden und daß von vornherein die Grundlagen für friedliche Verhältnisse zwischen den christlichen und muhammedanischen Elementen geschaffen werden. Der Finanzminister und der Minister des Äußern, mit denen im Januar bei ihrem Aufenthalt in Berlin in diesem Sinne gesprochen wurde, zeigten volles Verständnis und erklärten sich auch grundsätzlich damit einverstanden, daß sich nach Wiedereinnahme Ostanatoliens deutsche Wohltätigkeitsunternehmungen der Armenier dort annähmen.

Anfang Februar gelangte die Nachricht hierher, daß die russischen Truppen aus Ostanatolien abzogen, daß sich aber in dem von ihnen verlassenen Gebiet armenische Freischaren unter Führung fremder Offizieregebildet haben und dort schlimm hausten. Einzelheiten sind durch die amtliche türkische Telegraphenagentur bekannt gegeben worden. Diese Nachrichten haben vielfach keinen Glauben gefunden und sind so aufgefaßt worden, als ob die türkische Regierung damit ein beabsichtigtes grausames Vorgehen gegen die Armenier im voraus entschuldigen wollte. Diese Auffassung scheint nicht begründet. Obwohl andere telegraphische Meldungen aus dem Kaukasus ins Ausland gelangen, ist bisher in keinem feindlichen oder neutralen Blatte eine Nachricht über türkische Ausschreitungen veröffentlicht worden. Auch das schweizerische Hilfskomitee für Armenien hat keine solche Nachricht erhalten. Einem Telegramm der Genfer Gruppe der armenischen Sozialisten an das Internationale Sozialistische Büro in Genf, worin von neuen türkischen Metzeleien nach Räumung des Landes durch die Russen die Rede ist, liegen offenbar nur Befürchtungen zugrunde. Diese Befürchtungen sind im Hinblick auf die Ereignisse des Jahres 1915 und die gegenseitige Erbitterung wohl begreiflich. Die Kaiserliche Regierung hat deshalb keine Gelegenheit vorübergehen lassen, der türkischen Regierung die Bedeutung der armenischen Frage vor Augen zu führen und hat bestimmte Vorschläge gemacht, wie weiteres Blutvergießen vermieden und auf die Dauer friedliche Zustände hergestellt werden können. Sie hat namentlich dringend geraten, die strengste Manneszucht unter den einrückenden Truppen aufrecht zu erhalten, die armenischen Freischaren zur freiwilligen Unterwerfung aufzufordern, ihnen, wenn sie dieser Aufforderung Folge leisten, Amnestie zu gewähren, bei der beabsichtigten Hilfsaktion für die ostanatolischen Provinzen gleichmäßig die Armenier und Muhammedaner zu berücksichtigen, ferner auch die Zurückführung der nach dem Innern des Reiches Ausgesiedelten, die sich bei den jetzigen Transportschwierigkeiten allerdings nicht durchführen läßt, wenigstens zu beschließen und einzuleiten. Die türkische Regierung hat sich diesen Vorschlägen durchaus zugänglich gezeigt. Nach den bündigen Versicherungen, die der Großwesir, der Minister des Äußern und sein Vertreter Halil Bey gegenüber dem Herrn Reichskanzler, dem Staatssekretär von Kühlmann und dem Kaiserlichen Botschafter abgegeben haben, sind wir zu dem Vertrauen berechtigt, daß die Regierung zur Milde gegen die Armenier entschlossen ist, die unbeteiligte Bevölkerung nicht für die Untaten Einzelner verantwortlich machen und ähnliche Vorgänge, wie sie sich im Jahre 1915 abgespielt haben, zu verhüten wissen wird. Denn es besteht die Gefahr, daß sich in den benachbarten Bezirken von Kars und Ardahan, die nach dem Friedensvertrag von Brest von den Russen zu räumen sind und deren Bevölkerung selbst ihr künftiges Schicksal beschließen soll, zwischen Armeniern und Muhammedanern Kämpfe entspinnen, die, da die Armenier auch hier in der Minderheit sind, zu ihrem Nachteil ausschlagen müssen. Der baldige Erlaß einer Amnestie ist zugesagt worden.

378.

Telegramm.

Bukarest, den 20. März 1918.

Der Staatssekretär an Auswärtiges Amt.

Habe die armenische Frage im Sinne dortiger Anregungen mit Großwesir besprochen. Talaat Pascha meinte, daß er von hier aus wenig machen könne. Sobald er nach Konstantinopel zurückgekehrt sei, werde er die in Aussicht genommene Amnestiekundgebung erlassen. Bitte Graf Bernstorff entsprechend zu verständigen.

Kühlmann.

379.

(Auswärtiges Amt.)

Telegramm.

Berlin, den 22. März 1918.

An den Staatssekretär, Bukarest.

Funkspruch Lyon vom 17. März meldet:

„Armenisches Nachrichten-Übermittelungsbüro gibt bekannt, daß Rückkehr Türken nach Trapezunt sich in neuerlichen Akten von Roheiten bemerkbar machte. Tausende von russischen Nachzüglern wurden erschossen oder lebend verbrannt. Die Armenier werden unbeschreiblichen Qualen unterzogen; Kinder in Säcke gesteckt und ins Meer geworfen. Die alten Männer und Frauen wurden gekreuzigt und verstümmelt, alle jungen Mädchen und jungen Frauen wurden den Türken ausgeliefert.“

Botschafter Konstantinopel ist benachrichtigt und um Äußerung ersucht. Anheimstelle Ew. Exzellenz, Angelegenheit mit Talaat zu besprechen.

v. d. Bussche.

380.

(Auswärtiges Amt.)

Telegramm.

Berlin, den 24. März 1918.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Die letzte heftige Preßkampagne gegen die Armenier ist dem Vernehmen nach auf unmittelbare Veranlassung Enver Paschas zurückzuführen. Ich bitte Euere Exzellenz durch General von Seeckt auf Enver einzuwirken. Alle Preßangriffe gegen die Armenier und auch Meldungen über Greueltaten der Armenier sollten, da sie der Sache nur schaden, unbedingt verhindert werden.

v. d. Bussche.


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