Kapitel III.Intentionen der deutschen Geschichte.Wahr ist’s, was oben gesagt worden, ein mühseliger Kampf um ungeheure Zwecke, ohne volle Bekrönung, macht vor denGeschichten anderer Völker die deutsche Geschichte zwar groß und herrlich, aber auch traurig und erschütternd. Es gibt keine Epoche, in der Deutschland, gleich andern Staaten, ja nur gleich manchen seiner Kinder, zu harmonischer Vollendung oder auch nur der deutsche Geist zu innerer Ruhe gelangt wäre; große Plane sieht man vor ihrer Entfaltung gebrochen, das herrlichste Wollen von unwiderstehlichen Mächten zerstört; nirgend ein allseitiges gemeinsames Leben, sondern die eine Seite zu der, die andere zu jener Zeit entwickelt, unzählige Male zum Schaden des gemeinen Wesens; vor Allem aber nie und zu keiner Zeit eine bestimmte, unumstößliche, nach außen und innen unantastbare Staatsverfassung. Beklagenswerth ist Deutschland, wenn es an der Spitze von Europa über andern Völkern sich selbst vergißt; beklagenswerther noch, wenn es, entsagend seiner Weltmacht und in sich zurückgezogen, von Fremden zerrissen wird. Wozu das Alles? Woher so viel unentwickelte Keime, so viel gebrochene Tendenzen? Werden sie jemals und wann werden sie ihre Enderfüllung finden? — Wir betrachten die Intentionen, um welche die deutsche Geschichte sich gruppirt, und stellen die Perioden also voran, daß jede von ihnen Eine der großen Thatsachen in sich faßt.Der Urzustand des deutsches Volkes.Die Kriege der Deutschen wider die Römer. (Von Cäsars bis Marc Aurels Zeit.)Das Ausgehn der Deutschen über Europa. (Von Marc Aurel bis auf Chlodwig.)Das Frankenreich. (Von Chlodwig bis auf Ludwig das Kind.)Das deutsche Reich unter den sächsischen und fränkischen Kaisern bis zum Tode Heinrich III.Das deutsche Reich unter den fränkischen Kaisern und den Hohenstaufen.Vom Interregnum bis zur Reformation.Von der Reformation bis zum westphälischen Frieden.Vom westphälischen Frieden bis zum Untergang des Reiches[1].Die neueste Zeit.I. II. Die erste jener Perioden umfaßt die Kindes-, die zweite die Lehrzeit des deutschen Volkes. In der Urverfassung der Deutschen, in der Ungebundenheit der einzelnen Stämme und Gemeinden liegen die Keime, aus denen alle deutsche Geschichte erwachsen ist. Die antike Welt hatte in einem Ungeheuer geendigt, welches als absoluter Staat Nationalitäten, Provinzialismen und Individualitäten verschlang. Sie zu stürzen, eine neue zu bauen, erkor die Vorsehung ein Volk, in dem, bei maaßloser Freiheit der Stämme, Geschlechter, Familien die Macht des Individuums überwiegend hervortrat. Aus Freien und Adeligen besteht das Gemeinwesen; mit dem Grundbesitz, mit dem Recht und der Pflicht ihn zu schirmen, mit der Gewere ist die Freiheit verwebt. Bei größeren Unternehmungen, wenn der Staat zu festerer Gestaltung drängte, wählte man, aus den edelsten Geschlechtern, den Fürsten. Will man moderne Begriffe auf die älteste Verfassung anwenden, so war sie weder demokratisch, noch aristokratisch, noch monarchisch; sie war jene gesunde Mischung der drei Elemente, welche in unsern Tagen England zum glücklichsten Staate Europas macht. Nur als das mittlere Element überwog und hat zu allen Zeiten in Deutschland überwogen, das aristokratische. Die deutsche Religion war so einfach, daß die christliche Lehre den Deutschen mehr als eine höhere Zugabe, denn als widersprechend erscheinen mußte; der Kampf entspann sich später nur da mit Heftigkeit, wo mit dem alten Glauben zugleich die Freiheit bedroht wurde.Man sieht von Alters her die Deutschen in zahllose Völkerschaften gespalten, bis die Gefahr viele kleinere zu Bünden vereinigte, aus denen später die einzelnen Stämme, als organische Glieder des ganzen Körpers entstanden. Zersplitterung und Uneingkeittritt in der zweiten Periode eben so scharf hervor, als jene Fähigkeit der Assimilation, die schon damals, wie noch in der neuesten Zeit, einzelne Theile von Deutschland dem romanischen Einflusse unterwarf. Die Fehler und Tugenden der Deutschen wirken so enge zusammen, daß jene eben so unentbehrlich zu ihrem Beruf erscheinen, als diese (z. B. Geduld oder Gründlichkeit) oft Schaden gebracht haben. Beide in ein richtiges Verhältniß zu setzen, bleibt die einzige Aufgabe; denn die Natur wird niemals ausgerottet.III. Nach einer langen Schule des Krieges und Lebens begannen die Besiegten die Sieger zu überwinden.Befruchtung der alten erstorbenen Welt, Verjüngung der verdorbenen Volksgeister in Europawar die erste Sendung des deutschen Volkes. Dazu gehörte ein freier kriegerischer Geist, die einfachste aufs Eigenthum gestützte Verfassung, jener zur Anschmiegung geeignete Charakter, jener Mangel an Centralisation, jene Zerspaltung in verschiedene Individualitäten, deren jede von der Vorsehung in das ihr passende Land geführt wurde. Die Römer, wie zur Herrschaft, waren auch zur Fortbildung des Christenthums unfähig geworden. Die Deutschen im Ausland nahmen es in verschiedenen Gestalten an, und wie die Kirche selbst, so mußten bald auch die neugebildeten Staaten der Einheit entgegenreifen.IV.Aufbau einer neuen, christlich-germanischen Weltordnungwar die zweite Aufgabe der Germanen. Diese ward erfüllt, indem gleich nah am germanischen Stammland, wie an den romanischen Ländern das Frankenreich erstand, das vom Ebro bis zur Raab alle germanischen Staaten allmählich vereinigte, und in Karl dem Großen die Erbschaft des römischen Westreiches durch das Kaiserthum, so wie die Schirmvogtei der christlichen Kirche übernahm. Hier konnte die alte deutsche Verfassung, trotz ihrer unendlichen Freiheit, zum Staate sich gestalten; das Königthum ward ein andres, durch das Verhältniß des Eroberers zum Gefolge, wie durch römische Einflüsse, und dieKirche heiligte die Macht der Merowinger und ihrer Erben, der Hausmeier. Nach Karl dem Großen zerfiel das Reich und unter den Drangsalen barbarischer Einbrüche sonderten sich die einzelnen Völker, um selbständig heranzuwachsen.Zu eben dieser Zeit wurden die Normannen mächtig; sie vollendeten in Europa das große Werk germanischer Ausbreitung, indem sie die Spitzen der Länder und den Osten besetzten, worein die Deutschen nur flüchtig eingedrungen waren.V.In der nun beginnenden Entwicklung der Völker nach innen und außen die oberste Stellung einzunehmen, war der weitere Beruf des deutschen Volks; unter den Sachsen und Franken bis auf Heinrich III. ward er erfüllt. Heinrich I. war der Schöpfer der innern Größe, Otto I. trug die Kaiserwürde auf Deutschland über. Auf dem Kaiser und dem Papst beruhte die Einheit der christlichen Welt; aber die Kirche, wie sie alle Verhältnisse des Lebens durchdrang, war damals eng verbrüdert mit dem Staate, der Glaube zu unbedingt, als daß ein geistiger Gegensatz entstehen konnte; die Kaiser förderten die Macht der Hierarchie. Der deutsche Geist, ohne innere Zerrissenheit, konnte sich nach außen wenden: die höchste politische Blüthe, wie die höchste Einheit Deutschlands fällt in diese Zeit.In Frankreich, auf fremdem Boden, hatte das Königthum erstarken, hatte die germanische Ungebundenheit sich nach ihm modifiziren können; in Deutschland trat alsbald die aristokratische Freiheit wieder wuchernd heraus, die Gauverfassung ging unter, und das künstliche Gebäude des Lehensystems erstand. Die Monarchie erhielt sich kräftig, indem sie die Erblichkeit bei den kleineren Lehen förderte, während sie willkührlich mit den großen Herzogthümern schaltete. Sie selbst beruhte auf einer Wahl, welche sich selbst an hergebrachte Eigenschaften band, und dadurch dem Volkswillen wie der Thronfolge gleiche Sicherheit bot. Heinrich III., der über Polen und Ungarn gebot, den päpstlichen Stuhl nach Willkühr besetzte, verband die äußere Tendenz der zwei letztenOttonemit derinnern Kraftseines Vorgängers; mehrere Fürsten inseinem Geist würden Europa unterjocht haben. Das Papstthum, wie es sich unter Hildebrand erhob, rettete, ohne es zu wollen, die Freiheit der Völker.VI.Die europäische Menschheit vor einer hierarchischen Universalmonarchie zu wahren, war die vierte Arbeit des deutschen Geistes. Die Hierarchie, wie sie Europa erzogen hatte, schritt zur politischen Vormundschaft; das Kaiserthum, wie ihm die Schirmvogtei der Kirche gebührte, wollte die Einheit der Kirche und des Staats, d. h. die Unterordnung dieser unter jenen. Also kämpfte Idee gegen Idee, die Gemüther erwachten zu höherem Leben, und der deutsche Geist entfaltete in diesem Zeitraum seine schönsten Blüthen. Es war eine große Kulturepoche der Menschheit; das Ritterthum mit dem Minnegesang, das Bürgerthum in den Städten, die Baukunst, die romantische Poesie, die Scholastik, all das, durchdrungen von der christlichen Anschauung, war die gereifte Frucht der neuen christlichen Weltordnung. Große Intentionen lagen damals in der Zeit; verhüllt in den Aberglauben machten sie sich in den Kreuzzügen Bahn. Der Kampf war um so mächtiger, als die Vorsehung auf beiden Seiten die größten Männer gegenüber, oder doch in geringer Entfernung von einander stellte. Gregor VII. mußte unter Heinrich III. erstarken, Friedrich I. gegen Alexander III. kämpfen, Innocenz III. den Kaiser Friedrich II. bevormunden. Aber wie in Heinrich IV., dem Ersten dieser Periode, nur die Willkühr eines mächtigen Herrn sich beugt, so strebt in dem Letzten, in Friedrich II., eine ungeheure geistige Opposition, hinausreichend über ihre Zeit, schon — die Stützen des Papstthums zu entwurzeln. Mitten inne steht Kaiser Friedrich der Rothbart, seine Versöhnung mit Alexander III. bildet den einzigen Ruhepunkt des Kampfes; jene Scene in Venedig ist der höchste Ausdruck, das erschöpfende Bild des Mittelalters[2].Die Hierarchie, mit allen Waffen des Zeitgeistes, besiegte das Kaiserthum, und ihre Verbündeten, die Aristokratie in Deutschland, die Städte der Lombardei, erschütterten Deutschlands politische Einheit und Herrlichkeit. Wie die früheren Kaiser die großen Lehen gleich Beamtenstellen vergeben hatten, so zerstückelten sie die Hohenstaufen; hierdurch ward die Erblichkeit allgemein, und die Wählbarkeit der deutschen Krone, das Palladium der Freiheiten, so lange die großen Herzoge Vertreter ihrer Völkerschaften, so lange sie wählbar und absetzbar waren, wurde der wunde Fleck der deutschen Einheit, so wie die Fürsten überhaupt zu Landesherren heranwuchsen. So erlagen die Hohenstaufen der dreifachen Macht der Hierarchie, der Aristokratie und der lombardischen Städte; aber ihre Aufgabe war trotz dem gelöset; die Hierarchie, indem sie ihre Gränzen überschritt, unterlag der öffentlichen Meinung.VII. Mit Friedrich II. erloschen die großen Ideen;sich selbst zu leben, nach allen Seiten das deutsche Wesenauszubilden, war Deutschlands Rolle in diesem Zeitraum.Korporationen aller Art, Erbverbrüderungen der Fürsten, Innungen und Zünfte, Städtebünde, Rittervereine, die schärfste Entwicklung jedweden Einzellebens bis zur Spitze charakterisirt diese Zeit; zugleich ein beständiges Streben nach unumstößlicher Regelung der innern Verfassung und Ordnung Deutschlands von Rudolph von Habsburg an bis zum Landfrieden Maximilians. Das Kaiserthum ist zu Ende; das Königthum, als die größte Erbmacht unter den vielen Erbmächten, tritt an seine Stelle. Ebenso sinkt die Hierarchie, obgleich Siegerin zu Ende des vorigen Zeitraums, von ihrer sittlichen Höhe, und mit ihrer Verweltlichung zerfällt ihre innere Gewalt. So verändert sich der Geist des Mittelalters; praktische Entwicklung, Blüthe des Handels und der Gewerbemacht sich geltend. Die deutsche Oberhoheit über Polen, Ungarn, Italien, Burgund, Dänemark ist dahin; dagegen wird das ganze slavische Deutschland erst jetzt zum deutschen Lande; und in dem Maße, als die Reichshoheit schwindet, wachsen die einzelnen deutschen Mächte, Oestreich insbesondere, das sich als Großmacht gegen slavische und türkische Barbarei im Osten erhebt, während im Nordosten der deutsche Orden die heidnischen Völker germanisirt. Im Vereine mit Deutschland wetteifern die übrigen Staaten Europa’s in wachsender politischer Ausbildung; noch aber bleibt Deutschland die oberleitende Großmacht, obwohl sich schon einzelne Glieder, wie Burgund und die Schweiz, lostrennen. Der Welthandel liegt in deutschen Händen, die Seemacht der Hansa ist die größte in Europa, und das Bürgerthum erreicht in der Menge blühender und mächtiger Republiken seine höchste Stufe.Man bemerkt im Allgemeinen eine zunehmende Schwäche nach Westen, ein fortschreitendes Wachsthum nach Osten. Während dort die burgundische Mittelmacht entstand, während Frankreich den Kampf gegen das Papstthum (sonst Sache der Kaiser) glänzender beendigte, als es jemals die Deutschen vermocht, erhob sich Böhmen und Mähren unter den Luxemburgern zu einer geistigen Ueberlegenheit, welche in den Hussiten dem ganzen Deutschland widerstehen konnte.Seit dem Churverein zu Rense war die Befreiung der Staatsgewalt von hierarchischen Anmaßungen ausgesprochen. Das Schisma entfremdete die Gemüther dem Papstthum; die Concilien setzten die bischöfliche Macht, oder wenigstens die der Kirche, an die Stelle der absoluten Monarchie: Huß und Hieronymus, obwohl nur aus der Scholastik hervorgegangen, und nur in einzelnen Dogmen widersprechend, vertraten eine individuelle Ueberzeugung gegen die bisher unangetastete richterliche Gewalt der Kirche.Während so auf dem Wege des Geistes, und mit Waffengewalt die Reformation angebahnt wurde, bereitete die Erfindung des Pulvers und der Buchdruckerkunst eine neue Zeit vor. In keinerEpoche haben die Deutschen mehr industrielles und materielles Geschick entfaltet, als in der zweiten Hälfte dieses Zeitraums. Es war eine Richtung des Volksgeistes, sehr ähnlich derjenigen, welche unsre Zeit bezeichnet; sie erzeugte den Drang nach einer festen Gestaltung des Vaterlandes, und wie die goldene Bulle die Fürstenrechte konstituirt hatte, so sollte die neue Reichsverfassung Maximilians I. alle Staaten mit Einem Bande umschlingen. Aber es lagen damals (wie auch heute) noch tiefere Elemente in der Zeit; die Reformation kam, und eine innere Umwälzung zerstörte die äußere Einheit in dem Augenblick, da sie sich nach langem Harren zu verwirklichen schien.Die germanische Weltordnung war in der dritten Periode von den Hunnen, in der vierten von den Arabern und Avaren, in der fünften von den Magyaren, in der sechsten von den Mongolen bedroht worden; in der siebenten wurde das byzantinische Kaiserthum, der letzte Rest der antiken Welt, von den Türken vernichtet. Von da emancipirte sich Europa von der drückenden Sklaverei, worein römische und griechische Kultur und Sprache des Mittelalter versenkt hatten. Die frühere Scholastik war von Aristoteles beherrscht worden; jetzt, als fliehende Byzantiner die Quellen nach Italien brachten, gewöhnte man sich, die Alten im Geist und in der Wahrheit zu verstehen, und eine herrliche Blüthe der Wissenschaft und Kunst bezeichnete in Deutschland den Untergang der alten, den Anfang einer neuen Zeit.VIII.Die Reformation, das heißt die Befreiung der Christenheit von der Vormundschaft päpstlicher und kirchlicher Autorität, die Entfesselung der Gewissen und Gedanken auf der einen, die Restauration des Christenthums und die Reinigung der tiefen kirchlichen Verderbniß auf der andern Seite war das fünfte große Werk des deutschen Geistes. Nicht, wie es gleichzeitig in England, gewissermaßen auch in Frankreich geschah, wurde die kirchliche Verfassung geändert; Deutschland hatte den Beruf, das Christenthum der Form zu entbinden, und es, nur auf seine Quellen gestützt, der freien öffentlichen Meinung zu übergeben.Sofort mußte das neue Princip, wie es der alten Kirche gegenüber trat, zugleich einen Kampf über den dogmatischen Inhalt des Urchristenthums erzeugen, der die Spaltung zwischen Lutheranern und Reformirten hervorrief.Während Zwingli dem Aberglauben den gesunden Menschenverstand und den Muth eines redlichen Mannes, Calvin der Kirche ein geschlossenes System entgegensetzte[3], von dem der Fanatismus unzertrennlich war, ging Luther von einer gemüthlichen Opposition aus, welche das Bewußtsein der Völker (seiner eignen Partei sowohl als der katholischen) verjüngte. Die Religion war zu einem äußerlichen Werkdienste herabgesunken, welcher das innere Leben übertünchte oder entseelte; Luther, wie einst Christus gegen die Pharisäer, hob mit der ganzen Kraft seines Geistes dieNaturhervor, ohne deren tiefere Reinigung alle Werke, auch die besten, nur eitel seien. Hierüber verdammt, im innersten Kerne verwundet, trennt er sich von der Kirche, deren treuester Jünger er selbst gewesen war; erbittert über die Verworfenheit der Hierarchie, gab er die Quellen des Christenthums der Kritik der Einzelnen preis, ohne zu ahnen, wie bald ein Staat, der die Auslegung der Gesetze der Willkühr jedes Bürgers überläßt, der Anarchie anheimfallen müsse. Jene wahre Kirche zu gründen, die in seinem Sinne lag, war ihm nicht beschieden, wohl aber eine Konfession zu stiften, in welcher sein glühender Drang nach Wahrheit, Freiheit und Mündigkeit sich rastlos fortentwickelte; und zugleich auf den Katholicismusrückzuwirken, in dessen uralten Institutionen der Geist des Glaubens gegenüber dem (protestantischen) Geiste der Forschung sich erhalten mußte.Es war eine große Zeit, die Epoche der Reformation. Der Glanz des Hauses Habsburg, über romanische und germanische Länder, über Europa und Amerika ausgebreitet, verklärte noch einmal das sinkende Kaiserthum. Karl V., obwohl unberührt von den tiefern Fragen der neueren Zeit, spiegelte doch in seiner Sphäre sie ab; wie sein Großvater der letzte Ritter gewesen, so war er der erste Ausdruck der absoluten Fürstenmacht, mit umfassenden Intentionen. Unter Männern, wie er, wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Albrecht Dürer waren, unter so vielen Großen war Luther der größte; an Kraft und Heldenmuth war er allen überlegen; eine Zuversicht war ihm eigen, die sich vermessen konnte, (wie einst Jakob nach der Mythe) mit Gott zu ringen; die deutsche Sprache endlich verdankt, was sie ist, zum größten TheileseinemVorbild, — und schon um dieser Einen Hinsicht willen sollte sein Andenken allen Deutschen gleich heilig sein[4].Damals strebte die Ritterschaft vergebens, ihre mittelalterliche Freiheit gegen die neue Verfassung zu wehren; eben so vergebens suchten die Bauern, Ansprüche durchzusetzen, die nur langsam zur Reife gedeihen konnten. Die Reformation, welche diese beiden Bewegungen veranlaßt und genährt hatte, stärkte zuletzt nur die landesherrliche Gewalt, indem sie diese der päpstlichen Autorität entzog, sie mit weltlicher und kirchlicher Macht, mit unmittelbarer Weihe bekleidete und mit eingezogenen Gütern bereicherte: jene absolute Fürstengewalt, welche in steigender Ausbildung bis zur französischen Revolution Deutschlands politisches Leben untergrub.Nach Luthers Tode begann der Krieg, und bald, von den Jesuiten geleitet, die Gegenreformation. Die ganze äußere Geschichte geht fortan aus dem Kampfe der Ideen hervor; und dieSonne der Reformation, die Sonne Deutschlands verhüllt sich Ein Jahrhundert lang in blutrothe Wolken, zwei Jahrhunderte darauf in düstere Nebel.Wie in Einer Linie von Karl V. bis zum dreißigjährigen Kriege die Streitigkeiten sich entwickelten, wie dieselben Ursachen am Anfang des Zeitraums Metz, Toul und Verdun, am Ende das Elsaß und einen Theil des Nordens dem Reiche entzogen, wie endlich Ausländer in Deutschland geboten, wie die größten Talente nur der Zerstörung des eignen Vaterlandes gedient, wie unter den Schrecken des Krieges die Kraft des Volkes auf Decennien gebrochen, wie die blühende Saat, die Luther und Hutten für deutsche Literatur und Bildung gepflanzt (bald nach ihnen schon in den Sophismen der Schulen verkrüppelt), vollends zertreten wurde, wie von nun an durch ein Jahrhundert hindurch die Muttersprache, ihrer eigenthümlichen Kraft entkleidet, gleich der Nation selbst, zur Sklavin der Fremden sich erniedrigt, das Alles ist hinreichend bekannt. In dieser Zeit waren die Einfälle der Türken vielleicht dazu geschickt, den Deutschen zu zeigen, daß sie wenigstens alle noch Christen seien; ohnedem wäre dieß (durch den gegenseitigen Haß) vergessen worden. Es steht sehr nahe, zu fragen, warum die Entwicklung des dogmatischen Zwiespalts nicht so zerstörend (denn von jeher waren Religionszwiste die gräßlichsten), sondern so langsam vor sich gegangen. Man pflegt über die Barbarei eines Zeitalters zu lachen, das um die Bedeutung des Wörtchens „ist“ Blut vergießen konnte, das länger als ein Jahrhundert brauchte, sich verschiedene Ansichten zuzugestehen. Man bedenkt nicht, daß die innern Ideen, welche Katholiken, Reformirte und Protestanten getrennt, auch heutzutage noch nicht entschieden, nur ihrer praktischen Folgen beraubt sind; daß in damaliger Zeit jede Partei für ihre Existenz in Wahrheit kämpfte; daß endlich großentheils der Leichtsinn, mit dem späterhin die Völker die Religion überhaupt zu betrachten anfingen, die Duldung herbeigeführt. Sehr Vieles, was uns auf unser Zeitalter stolz macht, weil es ihm humanere Art verliehen hat, ist nur wiederWirkung eines andern Fehlers; die Vorsehung ist oft genöthigt, Schlimmes mit Schlimmem zu vertreiben. So hat sie den Fanatismus durch die Frivolität zerstört; sie durfte dazu nur die menschliche Natur gehen lassen; denn der Ekel am langen Kriege, die Ermattung von dogmatischen Subtilitäten legten den Grund zur spätern Indifferenz.Der westphälische Friede vernichtete die Reste der kaiserlichen Macht, garantirte die ständischen Rechte, d. h. die landesherrlicheGewalt; bemühtesich umsonst, die Reichsgerichte erklecklich zu organisiren, befreite Holland und die Schweiz vom nominellen Verbande, und stellte das Reich unter französische und schwedische Protection. —IX.Allseitige Durchbildung der innern und äußern Folgen der Reformationcharakterisirt den neunten Zeitraum.Die Reformation hatte, obgleich sie den neuen Konfessionen Symbole gegeben, doch dem Princip nach die Quellen des Christenthums der Kritik anheimgegeben. Nachdem also der Protestantismus unversehrt aus dem Kampfe hervorgegangen, mußte er über Symbol und Bibel hinausgehen; in seinen kirchlich-theologischen Bestandtheilen verknöchern und (wo gemüthliche Restauration versucht wurde) zur Sekte werden; in seinen geistigen aber den Beruf übernehmen, gegenüber dem alten Offenbarungsglauben, vom Standpunkte der Vernunft nach Lösung der höchsten Wahrheiten zu ringen.Die Reformation hatte Deutschland innerlich gespalten, der westphälische Friede (hier allein in ganz Europa) den Parteien gleiche Geltung verliehen. Fortan war kein einiges Deutschland mehr vorhanden; das große Vaterland mußte sich selbst absterben,seine ganze Lebenskraft in die einzelnen Glieder sich zurückziehen. Unter diesen mußten zwei Staaten an die Spitze, der eine des Protestantismus, der andere des Katholicismus treten, um Deutschland nach außen zu wahren; jener sollte den Norden, dieser den Süden an sich fesseln, ohne doch die Vielheitder Territorien aufzuheben, in welcher die Bürgschaft lag gegen eine Theilung des Reiches in zwei Reiche[5].Während die Deutschen tiefer als jedes andere Volk die innern Fragen erfaßten, während sie,mitten hindurch zwischen Aberglauben und leichtfertigem Zweifel[6], beharrlich die Sache der Wahrheit förderten, hatte der romanische Geist, obwohl in den äußeren Banden der Kirche, mit den Institutionen des Christenthums, wie sie durch die Reformation verworfen waren, zugleich das Christenthum selbst verworfen, und eine Weltanschauung aufgestellt, welche fertig wie sie war, getragen von einer klassischen Literatur und Urheberin einer neuen Bildung, den Deutschen vorgeschrittener erscheinen mußte, als ihr eignes tausendfältig zerrissenes, glanzloses, barbarisches und mühseliges Wissen.Da unterlag die deutsche Kraft, ihrer selbst sich unbewußt, der französischen; einmal als die neue Aufklärung mit ihrem ganzen Gefolge eindrang, das andere Mal, als sie in der Revolution den Staat nach ihren Principien gestaltete und halb Europa bezwang.In dieser Noth des gesammten Vaterlandes, zu einer Zeit, da auch in den einzelnen Staaten die Willkühr der Fürsten alles politische Leben untergrub, flüchtete sich der deutsche Geist in die allmälig aufkeimende Literatur, welche, Göttliches und Menschliches umfassend, offenbarte, wessen er immer noch fähig sei. Gleichzeitig, und noch gewaltiger, enthüllte das deutsche Gemüthseine Tiefe und Hoheit in ungeheuern, immer neuen Schöpfungen der Tonkunst.Das sind die Grundzüge des Zeitraums; wir betrachten ihn nach drei Abschnitten.1.Vom westphälischen Frieden bis auf Friedrich den Großen.In der vorigen Periode hatten Copernicus, später Keppler, zwei Deutsche, die physische Anschauung der Welt tausendjähriger religiöser Vorurtheile entledigt; zwei Romanen, Descartes und Spinoza, indem sie, mit Hingabe aller hergebrachten Begriffe, sich die Welt des Geistes neu zu konstruiren versuchten, wurden Stifter der deutschen systematischen Philosophie, welche ununterbrochen bis auf unsere Tage nach Erkenntniß der Wahrheit gerungen hat, und deren wechselnde Systeme (es gehört nicht hieher, sie einzeln zu beleuchten) eben so viele Grundsteine eines endlichen, unumstößlichen Aufbaues sind, in dessen Hallen, statt einzelner Bevorrechteter, die ganze Nation Raum finden wird. Durch alle Abschnitte zieht sich jene schwere Arbeit des Geistes hindurch, mit einer Kraft, einer Ausdauer, einer Pietät, wie sie nur dem Deutschen eigen ist; sie geht mit den andern, in der Reformation wurzelnden Bestrebungen, Einem Ziele entgegen[7].Im Uebrigen wird die deutsche Geschichte bis auf Friedrich den Großen nur durch die Uebel erklärlich, worin der dreißigjährige Krieg, unberechenbar in seinen Nachwehen, das Vaterland gestürzthatte. Der Volksgeist war unter soldatischer Tyrannei erschlafft, die Sitten barbarisirt, die Gemüther im Aberglauben (noch blühten die Hexenprozesse) und in Frivolität verwildert, empfänglich für Despotismus und Fremdherrschaft, die Sprache zertreten und beschmutzt, die alten Rechte und Gerichte, sonst des Volkes eigenstes Gut, längst verdrängt oder verwischt, die landständischen Verfassungen zum Schatten herabgeschwunden. Von dem, was Großes in seinen Tiefen gährte, konnte dem Volke kein Bewußtsein bleiben; französischer Einfluß, französische Sprache, Bildung und Manieren war durch alle das angebahnt, durch die Höfe aber zumeist, deren Willkühr und Verdorbenheit eine furchtbare Höhe erreichten. Die Herrschaft über die Gewissen, eine Folge der kirchlichen Spaltung, hatte die Fürsten an Allmacht gewöhnt;der vollkommnere Mechanismus polizirter Staaten, ein französisches Werk, gab sie ihnen thatsächlich.Es ist ein sprechender Zug, daß, je herrlicher Deutschland selbst geblüht, desto kleiner die Nachbarstaaten, je schwächer es gewesen, desto stärker jene sich entwickelt haben. Warum mußten Ludwig XI., Karl der Kühne zur Zeit Friedrichs III., warum Gustav Adolph und Richelieu im dreißigjährigen Kriege leben, warum kurz darauf Ludwig XIV. regieren? Ein inneres Gesetz der Wechselwirkung geht durch die europäische Geschichte, welches zeigt, daß Europa trotz aller Verschiedenheit nur Einen großen, im Grundcharakter germanischen Staat bildet; die Schale des Einen muß sinken, wenn die des Andern gestiegen ist. Im Mittelalter, als die Völker noch erzogen wurden wie Kinder, durch die Kirche, war Deutschland als Sitz des Kaiserthums der bevormundende Staat; je mehr die Vormundschaft erschlaffte, desto heftiger mußte das übrige Europa reagiren, desto mächtiger die andern Nationen heranreifen; das spätere Schicksal Deutschlands war die Rache der Völker an einer Herrschaft, welche, obgleich tief innerlich begründet durch die Vertretung Europas gegen die Hierarchie, doch im Grunde vom römischen Kaiserthum ererbt war, einem in der öffentlichen Meinung nur durch Tradition,nicht durch Einsicht gerechtfertigten Institute. So oft Deutschland seiner alten Rolle sich begab, so oft mußte sie von den Nachbarn übernommen werden; so geschah es, daß in dieser Epoche Ludwig XIV., Karl XII., Peter der Große, Wilhelm III. fast zugleich auftauchten.Seit dem dreißigjährigen Kriege blieb Deutschland der Wahlplatz Europas, bis auf die neueste Zeit. Es ist klar, sollte das Vaterland nicht untergehen, so mußte, wie wir oben gesagt, das Leben in die einzelnen Glieder zurückweichen. Der große Churfürst hat damals Brandenburg zur ersten protestantischen Macht des Reiches, der Prinz Eugen Oestreich zu höherem äußeren Einfluß erhoben. Aber Oestreich war mehr und mehr undeutsch, seine deutschen Provinzen, Böhmen besonders und Mähren, durch eine bigotte Politik umgewandelt und entfremdet worden; die Habsburger selbstsüchtig genug, um für ein Privatinteresse die schönsten Länder des Reiches, wie Lothringen, zu opfern. Eine deutsche Großmacht mußte entstehen; sie zu schaffen, kam Friedrich der Große.2.Das Zeitalter Friedrich des Großen.Durch die Freiheit seines Geistes, die Macht seiner Persönlichkeit, durch den Ruhm seiner Thaten belebte Friedrich das deutsche Nationalgefühl mehr, als es durch ein Streben nach deutscher Einheit geschehen konnte, das ihm, wie die Sachen standen, lächerlich erscheinen mußte. Nur freilich, für jene Dinge schuldet ihm Deutschland keinen Dank; Preußens Erhebung war sein einziges Ziel; er hat es unter blutigen Bürgerkriegen erstrebt, mit rücksichtsloser Beharrlichkeit verfolgt. Gewiß ist, daß er, wenn auch nicht die Deutschen überhaupt, doch die Deutschen seiner Zeit nicht verstand; in der Jugend hielt ihn Erziehung, noch mehr sein eigenthümlich pikanter Geschmack ab, die noch barbarische Literatur zu durchschauen, im Alter die Unfähigkeit, das neu Erwachte zu würdigen. Sein Zeitalter ist, und das durch ihn, die Periode der „Aufklärung“; die Frivolität des damaligen Tones hat er zum Theil, durch Begünstigung der französischen Schriftsteller wie durch seineArt sich zu äußern, veranlaßt; französische Weltanschauung dünkte ihm die wahre, französisch war seine Sprache und Bildung, französisch selbst seine Verwaltung in vielen Stücken. Das aber macht ihn zum großendeutschenManne, daß er dem todten Mechanismus des Staates eine deutsche Seele einzuhauchen wußte, eine innere Kraft, welche noch lange nach ihm seine Stiftung belebte; nicht weniger, daß er trotz vieler oberflächlichen Ansichten mit einem Ernst und einer Tiefe nach der Wahrheit strebte, die ihn den größten Philosophen zugesellt.Joseph der Zweite, bei großen Talenten ein Mann von ungehaltenem Geist und Gemüth, wollte Friedrichs II. Grundsätze auf den Staat übertragen. Friedrich kannte die Menschen, und achtete die Vorurtheile des Volks; jener, weil ihm beides fehlte, scheiterte an dem Widerstand seiner eigenen Völker. Es bleibt ewig denkwürdig, daß ein deutscher Kaiser, Beherrscher einer unumschränkten Monarchie, zuerst von oben herab ohngefähr dieselben Reformen und mit ähnlichem Leichtsinn versuchte, welche noch zu seiner Zeit die konstituirende Versammlung in Frankreich durchsetzte. Weniger der Sinn der Neuerungen war es, was den Widerstand erweckte, als die Verflachungssucht, welche ihnen zu Grunde lag, und der Despotismus, womit sie durchgesetzt wurden; die Priester übten damals doppelte Gewalt über das Volk, weil sie sich zu Hütern alter Vorrechte aufwarfen.Maria Theresia hatte den Bedürfnissen der Zeit gemäß reformirt, ohne doch das patriarchalische Verhältniß des Herrschers zum Volke und den alten Glauben, worauf Oestreichs Macht beruht, zu erschüttern; Joseph baute auf moderne Grundlagen, wofür nicht nur Oestreich nicht reif, sondern die überhaupt als ein fremdes Gewächs dem deutschen Geiste widersprechen.Er und Friedrich II. ließen sich herab, mit Katharina II. Polen zu theilen. Es war „mehr als ein Verbrechen, es war ein Fehler“. Von da an geriethen Oestreich und Preußen in eine Abhängigkeit von Rußland, welche sichtlich genug in der niedrigen Art hervorleuchtet, womit Friedrich II. sowohl als Joseph um die GunstKatharinas II. buhlten. Deutschland hatte sich in den vorigen Epochen, wenn auch nach Westen geschwächt, doch nach Osten in gleicher Kraft erhalten; seit Peter unmerklich, sichtlich seit der Theilung von Polen, unterlag es einemEinfluß von Osten, dem die Großmächte wie die kleinern Fürsten immer mehr sich beugten, der eine doppelte Ohnmacht des Reichs begründete, und unter dem Vorwande beständiger Hülfeleistung gegen Westen bis auf unsere Tage sich gleich furchtbar erhalten hat.Die Grundsätze des achtzehnten Jahrhunderts hatten die liberale Politik erzeugt, die sich den Verrath an Polen erlauben konnte. Während auf Thronen ihnen gehuldigt wurde, bildete sich aus dem Herzen Deutschlands eine Literatur, welche die falsche Aufklärung untergrub, die wahre siegen machte und Europa rettete, indem sie den deutschen Geist dem französischen entgegensetzte, der sich wie eine Fluth über die civilisirte Welt ergossen hatte. Die deutsche Sprache, von französischen Vorbildern losgerissen und an englischen gestärkt, war wieder erwacht, und das erste Zeitalter der deutschen Literatur, tief und ernst, nicht so schöpferisch, aber strenger, wie das zweite, erstand.Lessingzuerst war von der Vorsehung berufen, dem deutschen Volk das lang umnachtete Bewußtsein seines innern Strebens wiederzugeben; in der Kunst und Poesie, in der Philosophie und Wissenschaft hat er Neues angeregt; gleich schonungslos gegen die seichte Aufklärung seiner Tage, wie gegen die erbärmliche Orthodoxie, gleich gerecht gegen die großen Gedanken der rationalistischen Philosophie, wie gegen die innern Wahrheiten des Christenthums, hat er sein ganzes Leben hindurch, mit kühnem, unbefangenem Geist, mit tiefem und unbezwungenem Gemüthe nur die Eine Wahrheit vor Augen gehabt, deren Bruchstücke er in der Philosophie wie in der Religion erfaßte, deren vollendete Erscheinung er selbst geweissagt hat. Lessing ist der Typus eines deutschen Protestanten, im geistigen Sinne des Worts; gleich Luther, gehört er, nicht nur mittelbar durch die Literatur, sondern unmittelbar der Geschichte an, weil an ihm vor Allen dieWogen der französischen Weltanschauung sich gebrochen haben. Eben dagegen, aber von der Religion ausgehend, wie er von der Philosophie, wirktenHerder(besonders durch eine höhere Anschauung der Geschichte) und, früher schon,Hamann; währendKlopstockeiner großen Poesie die Bahn brach.3.Von Josephs II. Tod bis zur Befreiung Deutschlands.Es drängt sich in Epochen französischer Uebergewalt die Frage auf: warum, während im Osten, gegen slavischen und asiatischen Andrang zwei große Staaten sich gebildet, der Westen Deutschlands den Franzosen von Heinrich II. an bis Napoleon nur schwache, zerstreute, niemals bedeutende Gebiete entgegengesetzt habe? Scheint es doch, als habe von Altersher die Beschaffenheit der drei geistlichen Churfürstenthümer (welche monarchischer Ausbildung von Natur unfähig waren) den Ursprung eines Gränzwalles gegen Frankreich, wenigstens auf einer Seite, unmöglich gemacht. Die Vorsehung hat das Land jenseits des Rheins zum wunden Flecke Deutschlands gemacht, romanisches und germanisches Leben werden hier nie aufhören, Schritt für Schritt sich zu bekämpfen; während sie im Osten, um die Slaven in den Kreis der europäischen Bildung hereinzuziehen, mächtige Vormauern schuf, überläßt sie es im Westen der Volkskraft allein, gegen französischen Andrang Stand zu halten; dort haben sich trotz ungeheurer Fehler, künstliche Staatengebäude in den größten Stürmen gefristet; hier zieht jeder Mangel an Eintracht, jeder Nachlaß an nationaler Festigkeit Verluste nach sich. So bringt es der Charakter der Gegenden mit sich, welche den Mittelpunkt Europas bilden. Die Natur, mit einem Wort, wollte zwei Völker, die zur lebhaftesten Wechselwirkung bestimmt sind, nicht abschließen; die engste Berührung der Germanen und Romanen ist erforderlich, um der Kultur von Europa den gemeinsamen Charakter zu geben, der sie auszeichnet, eine Berührung von der Art, daß jede geistige Ueberlegenheit sogleich eine materielle nach sich zieht. Deutschland selbst soll entweder durch Einigkeit übermächtig, oder durchUneinigkeit (damit wir wissen, worin unsere Kraft liegt) ohnmächtig sein.Die Revolution überwältigte sonach mit Leichtigkeit den deutschen Westen und änderte die Gestaltung von Europa, indem sie die Idee der politischen Freiheit ins Leben rief: Europa theilte sich in zwei große Lager, Deutschland in zwei Hälften. Hervorgegangen aus Principien, gegen welche so eben die deutsche Literatur sich erhoben hatte, berührte sie dennoch Deutschland viel weiter, als jenen noch gehuldigt wurde. Es war die allgemeine Idee der Freiheit, die sociale und sittliche Emancipation, nicht die Theorie der Volkssouveränetät, womit die geknechteten, in Formeln aller Art gezwängten Deutschen sich verschwisterten. Dieses Element der Revolution, diesen Lebenshauch zu besiegen, hätte man eine sociale Idee der Idee entgegensetzen müssen; allein die Deutschen glichen in der Politik unmündigen Kindern; das deutsche Volk war mit innern Problemen beschäftigt, deren Auflösung zu entfernt war, um staatliche Konsequenzen daraus zu ziehen; man staunte und ließ Ereignisse über sich ergehen, welche wohlverdient waren, da die Selbstsucht der einzelnen Staaten die höchste Stufe erstiegen hatte.Was in der Zeit der Aufklärung die Regenten selbst gewollt, wurde verdächtig, als das Volk in Frankreich sich erhob. Ohne den langhergebrachten Einfluß französischer Gesittung in Deutschland würden die Fürsten nicht in so hohem Grad vor der Nachahmung gebangt haben, würde Deutschland in seiner Entwicklung nicht aufgehalten worden sein. Die Epoche der konstituirenden Versammlung wurde von den Deutschen, nicht nur im Allgemeinen, sondern von bedeutenden Männern, wie z. B. Klopstock, mit Entzücken begrüßt; auch später vermochten Viele von der Hoffnung nicht abzulassen, bis der Konvent Alle enttäuschte. An den Früchten erkannte man den Geist, und die „Aufklärung“ erhielt den Todesstoß. Andrerseits gemahnte die neue Freiheit das Volk an seine alten Rechte; man erinnerte sich, wie weit die Allgewalt derFürsten gediehen sei; aber erst Napoleon mußte diesen begreiflich machen, daß der Staat nicht auf ihrer Willkühr, sondern auf der Volkskraft beruhe.Napoleon zeigte den Deutschen ihre unsägliche Ohnmacht, den größten, wie den kleinsten Mächten, daß ihre Macht allein in der Eintracht liege; das deutsche Volk, wehrlos seit Jahrhunderten, machte er wehrhaft, theils durch die militärische Organisation des Rheinbundes, theils durch die Nothwendigkeit, worein er Preußen und Oestreich versetzte, die alte Landwehr herzustellen. Man kann den Feind nicht besiegen, ohne ihn zu kennen. Das Volk wußte nicht, wer in Napoleon zu bekriegen sei: er war ihm lange nur der Mann des Schicksals, weder freundlich noch feindlich; die Fürsten waren ihm unterworfen; erst als die blödesten Augen sehen konnten, daß es um Sein oder Nichtsein sich handle, erst dann fing man an, ihn mit Geist und Kraft zu bekriegen. Ein Mann, der eben so sehr Restaurant als Revolutionär, eben so sehr Protestant als Katholik war, der entweder kein oder die verschiedensten Principien in sich darstellte, war nöthig, um alle Parteien, Fürsten und Völker gegen sich zu bewaffnen. Also einigte sich Deutschland nach jahrhundertlanger innerer Trennung zu dem einzigen Zwecke: die Nationalität zu retten. Wie er erfüllt war, verschwand auch die Einigkeit; sie währte nicht länger, als der Sieg und die Siegesfreude.Zu derselbigen Zeit, da das Vaterland von dem schwersten Joche gedrückt war, das seine Geschichte kennt, verherrlichten große Dichter und Schriftsteller den deutschen Namen. Im tiefsten Elend, ohne Zusammenhang mit den vaterländischen Krisen, erhob sich eine Literatur von weltbürgerlicher, europäischer Art. Sie vor Allem beweist das ungeheure Mißverhältniß zwischen unsrer innern auf der einen, zwischen der staatlichen Entwicklung auf der andern Seite. Während wir politisch weiter nicht waren, als so weit, um den zurückzuweisen, der uns zu Nichts auflösen wollte (nicht weit genug, um Etwas zu sein), umfaßte unsreDichtkunst alle Elemente der geistigen und politischen Welt[8]. An Gehalt, wie an deutscher Art des Geistes Allen überlegen, ist Göthe der König der damaligen Literatur; aber ein tiefes Gemüth und eine bezaubernde Hoheit der Idee haben Schillern jenen Platz im Herzen des Volkes eingeräumt, wie ihn Niemand vor ihm und nach ihm besessen hat. Das tiefste Streben, das dem Menschen inwohnt, das den Deutschen beseligt, den Drang nach Wahrheit hatGötheim Faust, den höchsten Zug des Jahrhunderts, die Freiheit, die Mutter auch der deutschen Zukunft, hatSchillerim Marquis Posa ausgeprägt. Ihnen ebenbürtig und gleich, hatJean Pauldas deutsche Leben nach allen Seiten, nach Natur und Erziehung, in politischer und religiöser, socialer und familiärer Beziehung aufgefaßt, und (zum ewigen Andenken au eine so seltsame Zeit) in seinen Dichtungen abgeschildert[9].Mit solchen Kräften vermochte das deutsche Volk den Untergang des Reiches zu überleben. Der Wiener Kongreß stellte es der Zeit gemäß wieder her, indem er Titel hinwegwarf, die seit Jahrhunderten wie zum Hohne bestanden hatten, und an die Stelle des Reichstages den Bundestag setzte. Eine kleinere Zahl von Staaten, ein gesicherter Rechtszustand und einige Garantieen gegen den Mißbrauch der Souveränetät machten das deutsche Volk glücklicher, als es zuvor gewesen war. Aber die innereSpaltung, die äußere Schwäche blieb; Deutschland wurde bald von Westen begeistert, bald von Osten geleitet, einmal von seinen Ständen betrogen, das andre Mal von seinen Fürsten bestraft. Man erlaube mir, vorläufig die neueste Zeit zu überspringen, sie als vorbereitend zu betrachten auf ein Kommendes. Es liegt in ihr keine besondere Leistung, keine selbsteigene Schöpfung (eine einzige materielle ausgenommen); aber fünf und zwanzig Jahre eines glücklichen Friedens sind hinreichend, um eine lange, schwere Vergangenheit zu verarbeiten, zu erkennen, was Noth thut, und im Stillen Großes zu gebären, wenn anders Großes jemals geboren werden soll.
Wahr ist’s, was oben gesagt worden, ein mühseliger Kampf um ungeheure Zwecke, ohne volle Bekrönung, macht vor denGeschichten anderer Völker die deutsche Geschichte zwar groß und herrlich, aber auch traurig und erschütternd. Es gibt keine Epoche, in der Deutschland, gleich andern Staaten, ja nur gleich manchen seiner Kinder, zu harmonischer Vollendung oder auch nur der deutsche Geist zu innerer Ruhe gelangt wäre; große Plane sieht man vor ihrer Entfaltung gebrochen, das herrlichste Wollen von unwiderstehlichen Mächten zerstört; nirgend ein allseitiges gemeinsames Leben, sondern die eine Seite zu der, die andere zu jener Zeit entwickelt, unzählige Male zum Schaden des gemeinen Wesens; vor Allem aber nie und zu keiner Zeit eine bestimmte, unumstößliche, nach außen und innen unantastbare Staatsverfassung. Beklagenswerth ist Deutschland, wenn es an der Spitze von Europa über andern Völkern sich selbst vergißt; beklagenswerther noch, wenn es, entsagend seiner Weltmacht und in sich zurückgezogen, von Fremden zerrissen wird. Wozu das Alles? Woher so viel unentwickelte Keime, so viel gebrochene Tendenzen? Werden sie jemals und wann werden sie ihre Enderfüllung finden? — Wir betrachten die Intentionen, um welche die deutsche Geschichte sich gruppirt, und stellen die Perioden also voran, daß jede von ihnen Eine der großen Thatsachen in sich faßt.
I. II. Die erste jener Perioden umfaßt die Kindes-, die zweite die Lehrzeit des deutschen Volkes. In der Urverfassung der Deutschen, in der Ungebundenheit der einzelnen Stämme und Gemeinden liegen die Keime, aus denen alle deutsche Geschichte erwachsen ist. Die antike Welt hatte in einem Ungeheuer geendigt, welches als absoluter Staat Nationalitäten, Provinzialismen und Individualitäten verschlang. Sie zu stürzen, eine neue zu bauen, erkor die Vorsehung ein Volk, in dem, bei maaßloser Freiheit der Stämme, Geschlechter, Familien die Macht des Individuums überwiegend hervortrat. Aus Freien und Adeligen besteht das Gemeinwesen; mit dem Grundbesitz, mit dem Recht und der Pflicht ihn zu schirmen, mit der Gewere ist die Freiheit verwebt. Bei größeren Unternehmungen, wenn der Staat zu festerer Gestaltung drängte, wählte man, aus den edelsten Geschlechtern, den Fürsten. Will man moderne Begriffe auf die älteste Verfassung anwenden, so war sie weder demokratisch, noch aristokratisch, noch monarchisch; sie war jene gesunde Mischung der drei Elemente, welche in unsern Tagen England zum glücklichsten Staate Europas macht. Nur als das mittlere Element überwog und hat zu allen Zeiten in Deutschland überwogen, das aristokratische. Die deutsche Religion war so einfach, daß die christliche Lehre den Deutschen mehr als eine höhere Zugabe, denn als widersprechend erscheinen mußte; der Kampf entspann sich später nur da mit Heftigkeit, wo mit dem alten Glauben zugleich die Freiheit bedroht wurde.
Man sieht von Alters her die Deutschen in zahllose Völkerschaften gespalten, bis die Gefahr viele kleinere zu Bünden vereinigte, aus denen später die einzelnen Stämme, als organische Glieder des ganzen Körpers entstanden. Zersplitterung und Uneingkeittritt in der zweiten Periode eben so scharf hervor, als jene Fähigkeit der Assimilation, die schon damals, wie noch in der neuesten Zeit, einzelne Theile von Deutschland dem romanischen Einflusse unterwarf. Die Fehler und Tugenden der Deutschen wirken so enge zusammen, daß jene eben so unentbehrlich zu ihrem Beruf erscheinen, als diese (z. B. Geduld oder Gründlichkeit) oft Schaden gebracht haben. Beide in ein richtiges Verhältniß zu setzen, bleibt die einzige Aufgabe; denn die Natur wird niemals ausgerottet.
III. Nach einer langen Schule des Krieges und Lebens begannen die Besiegten die Sieger zu überwinden.Befruchtung der alten erstorbenen Welt, Verjüngung der verdorbenen Volksgeister in Europawar die erste Sendung des deutschen Volkes. Dazu gehörte ein freier kriegerischer Geist, die einfachste aufs Eigenthum gestützte Verfassung, jener zur Anschmiegung geeignete Charakter, jener Mangel an Centralisation, jene Zerspaltung in verschiedene Individualitäten, deren jede von der Vorsehung in das ihr passende Land geführt wurde. Die Römer, wie zur Herrschaft, waren auch zur Fortbildung des Christenthums unfähig geworden. Die Deutschen im Ausland nahmen es in verschiedenen Gestalten an, und wie die Kirche selbst, so mußten bald auch die neugebildeten Staaten der Einheit entgegenreifen.
IV.Aufbau einer neuen, christlich-germanischen Weltordnungwar die zweite Aufgabe der Germanen. Diese ward erfüllt, indem gleich nah am germanischen Stammland, wie an den romanischen Ländern das Frankenreich erstand, das vom Ebro bis zur Raab alle germanischen Staaten allmählich vereinigte, und in Karl dem Großen die Erbschaft des römischen Westreiches durch das Kaiserthum, so wie die Schirmvogtei der christlichen Kirche übernahm. Hier konnte die alte deutsche Verfassung, trotz ihrer unendlichen Freiheit, zum Staate sich gestalten; das Königthum ward ein andres, durch das Verhältniß des Eroberers zum Gefolge, wie durch römische Einflüsse, und dieKirche heiligte die Macht der Merowinger und ihrer Erben, der Hausmeier. Nach Karl dem Großen zerfiel das Reich und unter den Drangsalen barbarischer Einbrüche sonderten sich die einzelnen Völker, um selbständig heranzuwachsen.
Zu eben dieser Zeit wurden die Normannen mächtig; sie vollendeten in Europa das große Werk germanischer Ausbreitung, indem sie die Spitzen der Länder und den Osten besetzten, worein die Deutschen nur flüchtig eingedrungen waren.
V.In der nun beginnenden Entwicklung der Völker nach innen und außen die oberste Stellung einzunehmen, war der weitere Beruf des deutschen Volks; unter den Sachsen und Franken bis auf Heinrich III. ward er erfüllt. Heinrich I. war der Schöpfer der innern Größe, Otto I. trug die Kaiserwürde auf Deutschland über. Auf dem Kaiser und dem Papst beruhte die Einheit der christlichen Welt; aber die Kirche, wie sie alle Verhältnisse des Lebens durchdrang, war damals eng verbrüdert mit dem Staate, der Glaube zu unbedingt, als daß ein geistiger Gegensatz entstehen konnte; die Kaiser förderten die Macht der Hierarchie. Der deutsche Geist, ohne innere Zerrissenheit, konnte sich nach außen wenden: die höchste politische Blüthe, wie die höchste Einheit Deutschlands fällt in diese Zeit.
In Frankreich, auf fremdem Boden, hatte das Königthum erstarken, hatte die germanische Ungebundenheit sich nach ihm modifiziren können; in Deutschland trat alsbald die aristokratische Freiheit wieder wuchernd heraus, die Gauverfassung ging unter, und das künstliche Gebäude des Lehensystems erstand. Die Monarchie erhielt sich kräftig, indem sie die Erblichkeit bei den kleineren Lehen förderte, während sie willkührlich mit den großen Herzogthümern schaltete. Sie selbst beruhte auf einer Wahl, welche sich selbst an hergebrachte Eigenschaften band, und dadurch dem Volkswillen wie der Thronfolge gleiche Sicherheit bot. Heinrich III., der über Polen und Ungarn gebot, den päpstlichen Stuhl nach Willkühr besetzte, verband die äußere Tendenz der zwei letztenOttonemit derinnern Kraftseines Vorgängers; mehrere Fürsten inseinem Geist würden Europa unterjocht haben. Das Papstthum, wie es sich unter Hildebrand erhob, rettete, ohne es zu wollen, die Freiheit der Völker.
VI.Die europäische Menschheit vor einer hierarchischen Universalmonarchie zu wahren, war die vierte Arbeit des deutschen Geistes. Die Hierarchie, wie sie Europa erzogen hatte, schritt zur politischen Vormundschaft; das Kaiserthum, wie ihm die Schirmvogtei der Kirche gebührte, wollte die Einheit der Kirche und des Staats, d. h. die Unterordnung dieser unter jenen. Also kämpfte Idee gegen Idee, die Gemüther erwachten zu höherem Leben, und der deutsche Geist entfaltete in diesem Zeitraum seine schönsten Blüthen. Es war eine große Kulturepoche der Menschheit; das Ritterthum mit dem Minnegesang, das Bürgerthum in den Städten, die Baukunst, die romantische Poesie, die Scholastik, all das, durchdrungen von der christlichen Anschauung, war die gereifte Frucht der neuen christlichen Weltordnung. Große Intentionen lagen damals in der Zeit; verhüllt in den Aberglauben machten sie sich in den Kreuzzügen Bahn. Der Kampf war um so mächtiger, als die Vorsehung auf beiden Seiten die größten Männer gegenüber, oder doch in geringer Entfernung von einander stellte. Gregor VII. mußte unter Heinrich III. erstarken, Friedrich I. gegen Alexander III. kämpfen, Innocenz III. den Kaiser Friedrich II. bevormunden. Aber wie in Heinrich IV., dem Ersten dieser Periode, nur die Willkühr eines mächtigen Herrn sich beugt, so strebt in dem Letzten, in Friedrich II., eine ungeheure geistige Opposition, hinausreichend über ihre Zeit, schon — die Stützen des Papstthums zu entwurzeln. Mitten inne steht Kaiser Friedrich der Rothbart, seine Versöhnung mit Alexander III. bildet den einzigen Ruhepunkt des Kampfes; jene Scene in Venedig ist der höchste Ausdruck, das erschöpfende Bild des Mittelalters[2].
Die Hierarchie, mit allen Waffen des Zeitgeistes, besiegte das Kaiserthum, und ihre Verbündeten, die Aristokratie in Deutschland, die Städte der Lombardei, erschütterten Deutschlands politische Einheit und Herrlichkeit. Wie die früheren Kaiser die großen Lehen gleich Beamtenstellen vergeben hatten, so zerstückelten sie die Hohenstaufen; hierdurch ward die Erblichkeit allgemein, und die Wählbarkeit der deutschen Krone, das Palladium der Freiheiten, so lange die großen Herzoge Vertreter ihrer Völkerschaften, so lange sie wählbar und absetzbar waren, wurde der wunde Fleck der deutschen Einheit, so wie die Fürsten überhaupt zu Landesherren heranwuchsen. So erlagen die Hohenstaufen der dreifachen Macht der Hierarchie, der Aristokratie und der lombardischen Städte; aber ihre Aufgabe war trotz dem gelöset; die Hierarchie, indem sie ihre Gränzen überschritt, unterlag der öffentlichen Meinung.
VII. Mit Friedrich II. erloschen die großen Ideen;sich selbst zu leben, nach allen Seiten das deutsche Wesenauszubilden, war Deutschlands Rolle in diesem Zeitraum.
Korporationen aller Art, Erbverbrüderungen der Fürsten, Innungen und Zünfte, Städtebünde, Rittervereine, die schärfste Entwicklung jedweden Einzellebens bis zur Spitze charakterisirt diese Zeit; zugleich ein beständiges Streben nach unumstößlicher Regelung der innern Verfassung und Ordnung Deutschlands von Rudolph von Habsburg an bis zum Landfrieden Maximilians. Das Kaiserthum ist zu Ende; das Königthum, als die größte Erbmacht unter den vielen Erbmächten, tritt an seine Stelle. Ebenso sinkt die Hierarchie, obgleich Siegerin zu Ende des vorigen Zeitraums, von ihrer sittlichen Höhe, und mit ihrer Verweltlichung zerfällt ihre innere Gewalt. So verändert sich der Geist des Mittelalters; praktische Entwicklung, Blüthe des Handels und der Gewerbemacht sich geltend. Die deutsche Oberhoheit über Polen, Ungarn, Italien, Burgund, Dänemark ist dahin; dagegen wird das ganze slavische Deutschland erst jetzt zum deutschen Lande; und in dem Maße, als die Reichshoheit schwindet, wachsen die einzelnen deutschen Mächte, Oestreich insbesondere, das sich als Großmacht gegen slavische und türkische Barbarei im Osten erhebt, während im Nordosten der deutsche Orden die heidnischen Völker germanisirt. Im Vereine mit Deutschland wetteifern die übrigen Staaten Europa’s in wachsender politischer Ausbildung; noch aber bleibt Deutschland die oberleitende Großmacht, obwohl sich schon einzelne Glieder, wie Burgund und die Schweiz, lostrennen. Der Welthandel liegt in deutschen Händen, die Seemacht der Hansa ist die größte in Europa, und das Bürgerthum erreicht in der Menge blühender und mächtiger Republiken seine höchste Stufe.
Man bemerkt im Allgemeinen eine zunehmende Schwäche nach Westen, ein fortschreitendes Wachsthum nach Osten. Während dort die burgundische Mittelmacht entstand, während Frankreich den Kampf gegen das Papstthum (sonst Sache der Kaiser) glänzender beendigte, als es jemals die Deutschen vermocht, erhob sich Böhmen und Mähren unter den Luxemburgern zu einer geistigen Ueberlegenheit, welche in den Hussiten dem ganzen Deutschland widerstehen konnte.
Seit dem Churverein zu Rense war die Befreiung der Staatsgewalt von hierarchischen Anmaßungen ausgesprochen. Das Schisma entfremdete die Gemüther dem Papstthum; die Concilien setzten die bischöfliche Macht, oder wenigstens die der Kirche, an die Stelle der absoluten Monarchie: Huß und Hieronymus, obwohl nur aus der Scholastik hervorgegangen, und nur in einzelnen Dogmen widersprechend, vertraten eine individuelle Ueberzeugung gegen die bisher unangetastete richterliche Gewalt der Kirche.
Während so auf dem Wege des Geistes, und mit Waffengewalt die Reformation angebahnt wurde, bereitete die Erfindung des Pulvers und der Buchdruckerkunst eine neue Zeit vor. In keinerEpoche haben die Deutschen mehr industrielles und materielles Geschick entfaltet, als in der zweiten Hälfte dieses Zeitraums. Es war eine Richtung des Volksgeistes, sehr ähnlich derjenigen, welche unsre Zeit bezeichnet; sie erzeugte den Drang nach einer festen Gestaltung des Vaterlandes, und wie die goldene Bulle die Fürstenrechte konstituirt hatte, so sollte die neue Reichsverfassung Maximilians I. alle Staaten mit Einem Bande umschlingen. Aber es lagen damals (wie auch heute) noch tiefere Elemente in der Zeit; die Reformation kam, und eine innere Umwälzung zerstörte die äußere Einheit in dem Augenblick, da sie sich nach langem Harren zu verwirklichen schien.
Die germanische Weltordnung war in der dritten Periode von den Hunnen, in der vierten von den Arabern und Avaren, in der fünften von den Magyaren, in der sechsten von den Mongolen bedroht worden; in der siebenten wurde das byzantinische Kaiserthum, der letzte Rest der antiken Welt, von den Türken vernichtet. Von da emancipirte sich Europa von der drückenden Sklaverei, worein römische und griechische Kultur und Sprache des Mittelalter versenkt hatten. Die frühere Scholastik war von Aristoteles beherrscht worden; jetzt, als fliehende Byzantiner die Quellen nach Italien brachten, gewöhnte man sich, die Alten im Geist und in der Wahrheit zu verstehen, und eine herrliche Blüthe der Wissenschaft und Kunst bezeichnete in Deutschland den Untergang der alten, den Anfang einer neuen Zeit.
VIII.Die Reformation, das heißt die Befreiung der Christenheit von der Vormundschaft päpstlicher und kirchlicher Autorität, die Entfesselung der Gewissen und Gedanken auf der einen, die Restauration des Christenthums und die Reinigung der tiefen kirchlichen Verderbniß auf der andern Seite war das fünfte große Werk des deutschen Geistes. Nicht, wie es gleichzeitig in England, gewissermaßen auch in Frankreich geschah, wurde die kirchliche Verfassung geändert; Deutschland hatte den Beruf, das Christenthum der Form zu entbinden, und es, nur auf seine Quellen gestützt, der freien öffentlichen Meinung zu übergeben.Sofort mußte das neue Princip, wie es der alten Kirche gegenüber trat, zugleich einen Kampf über den dogmatischen Inhalt des Urchristenthums erzeugen, der die Spaltung zwischen Lutheranern und Reformirten hervorrief.
Während Zwingli dem Aberglauben den gesunden Menschenverstand und den Muth eines redlichen Mannes, Calvin der Kirche ein geschlossenes System entgegensetzte[3], von dem der Fanatismus unzertrennlich war, ging Luther von einer gemüthlichen Opposition aus, welche das Bewußtsein der Völker (seiner eignen Partei sowohl als der katholischen) verjüngte. Die Religion war zu einem äußerlichen Werkdienste herabgesunken, welcher das innere Leben übertünchte oder entseelte; Luther, wie einst Christus gegen die Pharisäer, hob mit der ganzen Kraft seines Geistes dieNaturhervor, ohne deren tiefere Reinigung alle Werke, auch die besten, nur eitel seien. Hierüber verdammt, im innersten Kerne verwundet, trennt er sich von der Kirche, deren treuester Jünger er selbst gewesen war; erbittert über die Verworfenheit der Hierarchie, gab er die Quellen des Christenthums der Kritik der Einzelnen preis, ohne zu ahnen, wie bald ein Staat, der die Auslegung der Gesetze der Willkühr jedes Bürgers überläßt, der Anarchie anheimfallen müsse. Jene wahre Kirche zu gründen, die in seinem Sinne lag, war ihm nicht beschieden, wohl aber eine Konfession zu stiften, in welcher sein glühender Drang nach Wahrheit, Freiheit und Mündigkeit sich rastlos fortentwickelte; und zugleich auf den Katholicismusrückzuwirken, in dessen uralten Institutionen der Geist des Glaubens gegenüber dem (protestantischen) Geiste der Forschung sich erhalten mußte.
Es war eine große Zeit, die Epoche der Reformation. Der Glanz des Hauses Habsburg, über romanische und germanische Länder, über Europa und Amerika ausgebreitet, verklärte noch einmal das sinkende Kaiserthum. Karl V., obwohl unberührt von den tiefern Fragen der neueren Zeit, spiegelte doch in seiner Sphäre sie ab; wie sein Großvater der letzte Ritter gewesen, so war er der erste Ausdruck der absoluten Fürstenmacht, mit umfassenden Intentionen. Unter Männern, wie er, wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Albrecht Dürer waren, unter so vielen Großen war Luther der größte; an Kraft und Heldenmuth war er allen überlegen; eine Zuversicht war ihm eigen, die sich vermessen konnte, (wie einst Jakob nach der Mythe) mit Gott zu ringen; die deutsche Sprache endlich verdankt, was sie ist, zum größten TheileseinemVorbild, — und schon um dieser Einen Hinsicht willen sollte sein Andenken allen Deutschen gleich heilig sein[4].
Damals strebte die Ritterschaft vergebens, ihre mittelalterliche Freiheit gegen die neue Verfassung zu wehren; eben so vergebens suchten die Bauern, Ansprüche durchzusetzen, die nur langsam zur Reife gedeihen konnten. Die Reformation, welche diese beiden Bewegungen veranlaßt und genährt hatte, stärkte zuletzt nur die landesherrliche Gewalt, indem sie diese der päpstlichen Autorität entzog, sie mit weltlicher und kirchlicher Macht, mit unmittelbarer Weihe bekleidete und mit eingezogenen Gütern bereicherte: jene absolute Fürstengewalt, welche in steigender Ausbildung bis zur französischen Revolution Deutschlands politisches Leben untergrub.
Nach Luthers Tode begann der Krieg, und bald, von den Jesuiten geleitet, die Gegenreformation. Die ganze äußere Geschichte geht fortan aus dem Kampfe der Ideen hervor; und dieSonne der Reformation, die Sonne Deutschlands verhüllt sich Ein Jahrhundert lang in blutrothe Wolken, zwei Jahrhunderte darauf in düstere Nebel.
Wie in Einer Linie von Karl V. bis zum dreißigjährigen Kriege die Streitigkeiten sich entwickelten, wie dieselben Ursachen am Anfang des Zeitraums Metz, Toul und Verdun, am Ende das Elsaß und einen Theil des Nordens dem Reiche entzogen, wie endlich Ausländer in Deutschland geboten, wie die größten Talente nur der Zerstörung des eignen Vaterlandes gedient, wie unter den Schrecken des Krieges die Kraft des Volkes auf Decennien gebrochen, wie die blühende Saat, die Luther und Hutten für deutsche Literatur und Bildung gepflanzt (bald nach ihnen schon in den Sophismen der Schulen verkrüppelt), vollends zertreten wurde, wie von nun an durch ein Jahrhundert hindurch die Muttersprache, ihrer eigenthümlichen Kraft entkleidet, gleich der Nation selbst, zur Sklavin der Fremden sich erniedrigt, das Alles ist hinreichend bekannt. In dieser Zeit waren die Einfälle der Türken vielleicht dazu geschickt, den Deutschen zu zeigen, daß sie wenigstens alle noch Christen seien; ohnedem wäre dieß (durch den gegenseitigen Haß) vergessen worden. Es steht sehr nahe, zu fragen, warum die Entwicklung des dogmatischen Zwiespalts nicht so zerstörend (denn von jeher waren Religionszwiste die gräßlichsten), sondern so langsam vor sich gegangen. Man pflegt über die Barbarei eines Zeitalters zu lachen, das um die Bedeutung des Wörtchens „ist“ Blut vergießen konnte, das länger als ein Jahrhundert brauchte, sich verschiedene Ansichten zuzugestehen. Man bedenkt nicht, daß die innern Ideen, welche Katholiken, Reformirte und Protestanten getrennt, auch heutzutage noch nicht entschieden, nur ihrer praktischen Folgen beraubt sind; daß in damaliger Zeit jede Partei für ihre Existenz in Wahrheit kämpfte; daß endlich großentheils der Leichtsinn, mit dem späterhin die Völker die Religion überhaupt zu betrachten anfingen, die Duldung herbeigeführt. Sehr Vieles, was uns auf unser Zeitalter stolz macht, weil es ihm humanere Art verliehen hat, ist nur wiederWirkung eines andern Fehlers; die Vorsehung ist oft genöthigt, Schlimmes mit Schlimmem zu vertreiben. So hat sie den Fanatismus durch die Frivolität zerstört; sie durfte dazu nur die menschliche Natur gehen lassen; denn der Ekel am langen Kriege, die Ermattung von dogmatischen Subtilitäten legten den Grund zur spätern Indifferenz.
Der westphälische Friede vernichtete die Reste der kaiserlichen Macht, garantirte die ständischen Rechte, d. h. die landesherrlicheGewalt; bemühtesich umsonst, die Reichsgerichte erklecklich zu organisiren, befreite Holland und die Schweiz vom nominellen Verbande, und stellte das Reich unter französische und schwedische Protection. —
IX.Allseitige Durchbildung der innern und äußern Folgen der Reformationcharakterisirt den neunten Zeitraum.
Die Reformation hatte, obgleich sie den neuen Konfessionen Symbole gegeben, doch dem Princip nach die Quellen des Christenthums der Kritik anheimgegeben. Nachdem also der Protestantismus unversehrt aus dem Kampfe hervorgegangen, mußte er über Symbol und Bibel hinausgehen; in seinen kirchlich-theologischen Bestandtheilen verknöchern und (wo gemüthliche Restauration versucht wurde) zur Sekte werden; in seinen geistigen aber den Beruf übernehmen, gegenüber dem alten Offenbarungsglauben, vom Standpunkte der Vernunft nach Lösung der höchsten Wahrheiten zu ringen.
Die Reformation hatte Deutschland innerlich gespalten, der westphälische Friede (hier allein in ganz Europa) den Parteien gleiche Geltung verliehen. Fortan war kein einiges Deutschland mehr vorhanden; das große Vaterland mußte sich selbst absterben,seine ganze Lebenskraft in die einzelnen Glieder sich zurückziehen. Unter diesen mußten zwei Staaten an die Spitze, der eine des Protestantismus, der andere des Katholicismus treten, um Deutschland nach außen zu wahren; jener sollte den Norden, dieser den Süden an sich fesseln, ohne doch die Vielheitder Territorien aufzuheben, in welcher die Bürgschaft lag gegen eine Theilung des Reiches in zwei Reiche[5].
Während die Deutschen tiefer als jedes andere Volk die innern Fragen erfaßten, während sie,mitten hindurch zwischen Aberglauben und leichtfertigem Zweifel[6], beharrlich die Sache der Wahrheit förderten, hatte der romanische Geist, obwohl in den äußeren Banden der Kirche, mit den Institutionen des Christenthums, wie sie durch die Reformation verworfen waren, zugleich das Christenthum selbst verworfen, und eine Weltanschauung aufgestellt, welche fertig wie sie war, getragen von einer klassischen Literatur und Urheberin einer neuen Bildung, den Deutschen vorgeschrittener erscheinen mußte, als ihr eignes tausendfältig zerrissenes, glanzloses, barbarisches und mühseliges Wissen.
Da unterlag die deutsche Kraft, ihrer selbst sich unbewußt, der französischen; einmal als die neue Aufklärung mit ihrem ganzen Gefolge eindrang, das andere Mal, als sie in der Revolution den Staat nach ihren Principien gestaltete und halb Europa bezwang.
In dieser Noth des gesammten Vaterlandes, zu einer Zeit, da auch in den einzelnen Staaten die Willkühr der Fürsten alles politische Leben untergrub, flüchtete sich der deutsche Geist in die allmälig aufkeimende Literatur, welche, Göttliches und Menschliches umfassend, offenbarte, wessen er immer noch fähig sei. Gleichzeitig, und noch gewaltiger, enthüllte das deutsche Gemüthseine Tiefe und Hoheit in ungeheuern, immer neuen Schöpfungen der Tonkunst.
Das sind die Grundzüge des Zeitraums; wir betrachten ihn nach drei Abschnitten.
1.Vom westphälischen Frieden bis auf Friedrich den Großen.
In der vorigen Periode hatten Copernicus, später Keppler, zwei Deutsche, die physische Anschauung der Welt tausendjähriger religiöser Vorurtheile entledigt; zwei Romanen, Descartes und Spinoza, indem sie, mit Hingabe aller hergebrachten Begriffe, sich die Welt des Geistes neu zu konstruiren versuchten, wurden Stifter der deutschen systematischen Philosophie, welche ununterbrochen bis auf unsere Tage nach Erkenntniß der Wahrheit gerungen hat, und deren wechselnde Systeme (es gehört nicht hieher, sie einzeln zu beleuchten) eben so viele Grundsteine eines endlichen, unumstößlichen Aufbaues sind, in dessen Hallen, statt einzelner Bevorrechteter, die ganze Nation Raum finden wird. Durch alle Abschnitte zieht sich jene schwere Arbeit des Geistes hindurch, mit einer Kraft, einer Ausdauer, einer Pietät, wie sie nur dem Deutschen eigen ist; sie geht mit den andern, in der Reformation wurzelnden Bestrebungen, Einem Ziele entgegen[7].
Im Uebrigen wird die deutsche Geschichte bis auf Friedrich den Großen nur durch die Uebel erklärlich, worin der dreißigjährige Krieg, unberechenbar in seinen Nachwehen, das Vaterland gestürzthatte. Der Volksgeist war unter soldatischer Tyrannei erschlafft, die Sitten barbarisirt, die Gemüther im Aberglauben (noch blühten die Hexenprozesse) und in Frivolität verwildert, empfänglich für Despotismus und Fremdherrschaft, die Sprache zertreten und beschmutzt, die alten Rechte und Gerichte, sonst des Volkes eigenstes Gut, längst verdrängt oder verwischt, die landständischen Verfassungen zum Schatten herabgeschwunden. Von dem, was Großes in seinen Tiefen gährte, konnte dem Volke kein Bewußtsein bleiben; französischer Einfluß, französische Sprache, Bildung und Manieren war durch alle das angebahnt, durch die Höfe aber zumeist, deren Willkühr und Verdorbenheit eine furchtbare Höhe erreichten. Die Herrschaft über die Gewissen, eine Folge der kirchlichen Spaltung, hatte die Fürsten an Allmacht gewöhnt;der vollkommnere Mechanismus polizirter Staaten, ein französisches Werk, gab sie ihnen thatsächlich.
Es ist ein sprechender Zug, daß, je herrlicher Deutschland selbst geblüht, desto kleiner die Nachbarstaaten, je schwächer es gewesen, desto stärker jene sich entwickelt haben. Warum mußten Ludwig XI., Karl der Kühne zur Zeit Friedrichs III., warum Gustav Adolph und Richelieu im dreißigjährigen Kriege leben, warum kurz darauf Ludwig XIV. regieren? Ein inneres Gesetz der Wechselwirkung geht durch die europäische Geschichte, welches zeigt, daß Europa trotz aller Verschiedenheit nur Einen großen, im Grundcharakter germanischen Staat bildet; die Schale des Einen muß sinken, wenn die des Andern gestiegen ist. Im Mittelalter, als die Völker noch erzogen wurden wie Kinder, durch die Kirche, war Deutschland als Sitz des Kaiserthums der bevormundende Staat; je mehr die Vormundschaft erschlaffte, desto heftiger mußte das übrige Europa reagiren, desto mächtiger die andern Nationen heranreifen; das spätere Schicksal Deutschlands war die Rache der Völker an einer Herrschaft, welche, obgleich tief innerlich begründet durch die Vertretung Europas gegen die Hierarchie, doch im Grunde vom römischen Kaiserthum ererbt war, einem in der öffentlichen Meinung nur durch Tradition,nicht durch Einsicht gerechtfertigten Institute. So oft Deutschland seiner alten Rolle sich begab, so oft mußte sie von den Nachbarn übernommen werden; so geschah es, daß in dieser Epoche Ludwig XIV., Karl XII., Peter der Große, Wilhelm III. fast zugleich auftauchten.
Seit dem dreißigjährigen Kriege blieb Deutschland der Wahlplatz Europas, bis auf die neueste Zeit. Es ist klar, sollte das Vaterland nicht untergehen, so mußte, wie wir oben gesagt, das Leben in die einzelnen Glieder zurückweichen. Der große Churfürst hat damals Brandenburg zur ersten protestantischen Macht des Reiches, der Prinz Eugen Oestreich zu höherem äußeren Einfluß erhoben. Aber Oestreich war mehr und mehr undeutsch, seine deutschen Provinzen, Böhmen besonders und Mähren, durch eine bigotte Politik umgewandelt und entfremdet worden; die Habsburger selbstsüchtig genug, um für ein Privatinteresse die schönsten Länder des Reiches, wie Lothringen, zu opfern. Eine deutsche Großmacht mußte entstehen; sie zu schaffen, kam Friedrich der Große.
2.Das Zeitalter Friedrich des Großen.
Durch die Freiheit seines Geistes, die Macht seiner Persönlichkeit, durch den Ruhm seiner Thaten belebte Friedrich das deutsche Nationalgefühl mehr, als es durch ein Streben nach deutscher Einheit geschehen konnte, das ihm, wie die Sachen standen, lächerlich erscheinen mußte. Nur freilich, für jene Dinge schuldet ihm Deutschland keinen Dank; Preußens Erhebung war sein einziges Ziel; er hat es unter blutigen Bürgerkriegen erstrebt, mit rücksichtsloser Beharrlichkeit verfolgt. Gewiß ist, daß er, wenn auch nicht die Deutschen überhaupt, doch die Deutschen seiner Zeit nicht verstand; in der Jugend hielt ihn Erziehung, noch mehr sein eigenthümlich pikanter Geschmack ab, die noch barbarische Literatur zu durchschauen, im Alter die Unfähigkeit, das neu Erwachte zu würdigen. Sein Zeitalter ist, und das durch ihn, die Periode der „Aufklärung“; die Frivolität des damaligen Tones hat er zum Theil, durch Begünstigung der französischen Schriftsteller wie durch seineArt sich zu äußern, veranlaßt; französische Weltanschauung dünkte ihm die wahre, französisch war seine Sprache und Bildung, französisch selbst seine Verwaltung in vielen Stücken. Das aber macht ihn zum großendeutschenManne, daß er dem todten Mechanismus des Staates eine deutsche Seele einzuhauchen wußte, eine innere Kraft, welche noch lange nach ihm seine Stiftung belebte; nicht weniger, daß er trotz vieler oberflächlichen Ansichten mit einem Ernst und einer Tiefe nach der Wahrheit strebte, die ihn den größten Philosophen zugesellt.
Joseph der Zweite, bei großen Talenten ein Mann von ungehaltenem Geist und Gemüth, wollte Friedrichs II. Grundsätze auf den Staat übertragen. Friedrich kannte die Menschen, und achtete die Vorurtheile des Volks; jener, weil ihm beides fehlte, scheiterte an dem Widerstand seiner eigenen Völker. Es bleibt ewig denkwürdig, daß ein deutscher Kaiser, Beherrscher einer unumschränkten Monarchie, zuerst von oben herab ohngefähr dieselben Reformen und mit ähnlichem Leichtsinn versuchte, welche noch zu seiner Zeit die konstituirende Versammlung in Frankreich durchsetzte. Weniger der Sinn der Neuerungen war es, was den Widerstand erweckte, als die Verflachungssucht, welche ihnen zu Grunde lag, und der Despotismus, womit sie durchgesetzt wurden; die Priester übten damals doppelte Gewalt über das Volk, weil sie sich zu Hütern alter Vorrechte aufwarfen.
Maria Theresia hatte den Bedürfnissen der Zeit gemäß reformirt, ohne doch das patriarchalische Verhältniß des Herrschers zum Volke und den alten Glauben, worauf Oestreichs Macht beruht, zu erschüttern; Joseph baute auf moderne Grundlagen, wofür nicht nur Oestreich nicht reif, sondern die überhaupt als ein fremdes Gewächs dem deutschen Geiste widersprechen.
Er und Friedrich II. ließen sich herab, mit Katharina II. Polen zu theilen. Es war „mehr als ein Verbrechen, es war ein Fehler“. Von da an geriethen Oestreich und Preußen in eine Abhängigkeit von Rußland, welche sichtlich genug in der niedrigen Art hervorleuchtet, womit Friedrich II. sowohl als Joseph um die GunstKatharinas II. buhlten. Deutschland hatte sich in den vorigen Epochen, wenn auch nach Westen geschwächt, doch nach Osten in gleicher Kraft erhalten; seit Peter unmerklich, sichtlich seit der Theilung von Polen, unterlag es einemEinfluß von Osten, dem die Großmächte wie die kleinern Fürsten immer mehr sich beugten, der eine doppelte Ohnmacht des Reichs begründete, und unter dem Vorwande beständiger Hülfeleistung gegen Westen bis auf unsere Tage sich gleich furchtbar erhalten hat.
Die Grundsätze des achtzehnten Jahrhunderts hatten die liberale Politik erzeugt, die sich den Verrath an Polen erlauben konnte. Während auf Thronen ihnen gehuldigt wurde, bildete sich aus dem Herzen Deutschlands eine Literatur, welche die falsche Aufklärung untergrub, die wahre siegen machte und Europa rettete, indem sie den deutschen Geist dem französischen entgegensetzte, der sich wie eine Fluth über die civilisirte Welt ergossen hatte. Die deutsche Sprache, von französischen Vorbildern losgerissen und an englischen gestärkt, war wieder erwacht, und das erste Zeitalter der deutschen Literatur, tief und ernst, nicht so schöpferisch, aber strenger, wie das zweite, erstand.
Lessingzuerst war von der Vorsehung berufen, dem deutschen Volk das lang umnachtete Bewußtsein seines innern Strebens wiederzugeben; in der Kunst und Poesie, in der Philosophie und Wissenschaft hat er Neues angeregt; gleich schonungslos gegen die seichte Aufklärung seiner Tage, wie gegen die erbärmliche Orthodoxie, gleich gerecht gegen die großen Gedanken der rationalistischen Philosophie, wie gegen die innern Wahrheiten des Christenthums, hat er sein ganzes Leben hindurch, mit kühnem, unbefangenem Geist, mit tiefem und unbezwungenem Gemüthe nur die Eine Wahrheit vor Augen gehabt, deren Bruchstücke er in der Philosophie wie in der Religion erfaßte, deren vollendete Erscheinung er selbst geweissagt hat. Lessing ist der Typus eines deutschen Protestanten, im geistigen Sinne des Worts; gleich Luther, gehört er, nicht nur mittelbar durch die Literatur, sondern unmittelbar der Geschichte an, weil an ihm vor Allen dieWogen der französischen Weltanschauung sich gebrochen haben. Eben dagegen, aber von der Religion ausgehend, wie er von der Philosophie, wirktenHerder(besonders durch eine höhere Anschauung der Geschichte) und, früher schon,Hamann; währendKlopstockeiner großen Poesie die Bahn brach.
3.Von Josephs II. Tod bis zur Befreiung Deutschlands.
Es drängt sich in Epochen französischer Uebergewalt die Frage auf: warum, während im Osten, gegen slavischen und asiatischen Andrang zwei große Staaten sich gebildet, der Westen Deutschlands den Franzosen von Heinrich II. an bis Napoleon nur schwache, zerstreute, niemals bedeutende Gebiete entgegengesetzt habe? Scheint es doch, als habe von Altersher die Beschaffenheit der drei geistlichen Churfürstenthümer (welche monarchischer Ausbildung von Natur unfähig waren) den Ursprung eines Gränzwalles gegen Frankreich, wenigstens auf einer Seite, unmöglich gemacht. Die Vorsehung hat das Land jenseits des Rheins zum wunden Flecke Deutschlands gemacht, romanisches und germanisches Leben werden hier nie aufhören, Schritt für Schritt sich zu bekämpfen; während sie im Osten, um die Slaven in den Kreis der europäischen Bildung hereinzuziehen, mächtige Vormauern schuf, überläßt sie es im Westen der Volkskraft allein, gegen französischen Andrang Stand zu halten; dort haben sich trotz ungeheurer Fehler, künstliche Staatengebäude in den größten Stürmen gefristet; hier zieht jeder Mangel an Eintracht, jeder Nachlaß an nationaler Festigkeit Verluste nach sich. So bringt es der Charakter der Gegenden mit sich, welche den Mittelpunkt Europas bilden. Die Natur, mit einem Wort, wollte zwei Völker, die zur lebhaftesten Wechselwirkung bestimmt sind, nicht abschließen; die engste Berührung der Germanen und Romanen ist erforderlich, um der Kultur von Europa den gemeinsamen Charakter zu geben, der sie auszeichnet, eine Berührung von der Art, daß jede geistige Ueberlegenheit sogleich eine materielle nach sich zieht. Deutschland selbst soll entweder durch Einigkeit übermächtig, oder durchUneinigkeit (damit wir wissen, worin unsere Kraft liegt) ohnmächtig sein.
Die Revolution überwältigte sonach mit Leichtigkeit den deutschen Westen und änderte die Gestaltung von Europa, indem sie die Idee der politischen Freiheit ins Leben rief: Europa theilte sich in zwei große Lager, Deutschland in zwei Hälften. Hervorgegangen aus Principien, gegen welche so eben die deutsche Literatur sich erhoben hatte, berührte sie dennoch Deutschland viel weiter, als jenen noch gehuldigt wurde. Es war die allgemeine Idee der Freiheit, die sociale und sittliche Emancipation, nicht die Theorie der Volkssouveränetät, womit die geknechteten, in Formeln aller Art gezwängten Deutschen sich verschwisterten. Dieses Element der Revolution, diesen Lebenshauch zu besiegen, hätte man eine sociale Idee der Idee entgegensetzen müssen; allein die Deutschen glichen in der Politik unmündigen Kindern; das deutsche Volk war mit innern Problemen beschäftigt, deren Auflösung zu entfernt war, um staatliche Konsequenzen daraus zu ziehen; man staunte und ließ Ereignisse über sich ergehen, welche wohlverdient waren, da die Selbstsucht der einzelnen Staaten die höchste Stufe erstiegen hatte.
Was in der Zeit der Aufklärung die Regenten selbst gewollt, wurde verdächtig, als das Volk in Frankreich sich erhob. Ohne den langhergebrachten Einfluß französischer Gesittung in Deutschland würden die Fürsten nicht in so hohem Grad vor der Nachahmung gebangt haben, würde Deutschland in seiner Entwicklung nicht aufgehalten worden sein. Die Epoche der konstituirenden Versammlung wurde von den Deutschen, nicht nur im Allgemeinen, sondern von bedeutenden Männern, wie z. B. Klopstock, mit Entzücken begrüßt; auch später vermochten Viele von der Hoffnung nicht abzulassen, bis der Konvent Alle enttäuschte. An den Früchten erkannte man den Geist, und die „Aufklärung“ erhielt den Todesstoß. Andrerseits gemahnte die neue Freiheit das Volk an seine alten Rechte; man erinnerte sich, wie weit die Allgewalt derFürsten gediehen sei; aber erst Napoleon mußte diesen begreiflich machen, daß der Staat nicht auf ihrer Willkühr, sondern auf der Volkskraft beruhe.
Napoleon zeigte den Deutschen ihre unsägliche Ohnmacht, den größten, wie den kleinsten Mächten, daß ihre Macht allein in der Eintracht liege; das deutsche Volk, wehrlos seit Jahrhunderten, machte er wehrhaft, theils durch die militärische Organisation des Rheinbundes, theils durch die Nothwendigkeit, worein er Preußen und Oestreich versetzte, die alte Landwehr herzustellen. Man kann den Feind nicht besiegen, ohne ihn zu kennen. Das Volk wußte nicht, wer in Napoleon zu bekriegen sei: er war ihm lange nur der Mann des Schicksals, weder freundlich noch feindlich; die Fürsten waren ihm unterworfen; erst als die blödesten Augen sehen konnten, daß es um Sein oder Nichtsein sich handle, erst dann fing man an, ihn mit Geist und Kraft zu bekriegen. Ein Mann, der eben so sehr Restaurant als Revolutionär, eben so sehr Protestant als Katholik war, der entweder kein oder die verschiedensten Principien in sich darstellte, war nöthig, um alle Parteien, Fürsten und Völker gegen sich zu bewaffnen. Also einigte sich Deutschland nach jahrhundertlanger innerer Trennung zu dem einzigen Zwecke: die Nationalität zu retten. Wie er erfüllt war, verschwand auch die Einigkeit; sie währte nicht länger, als der Sieg und die Siegesfreude.
Zu derselbigen Zeit, da das Vaterland von dem schwersten Joche gedrückt war, das seine Geschichte kennt, verherrlichten große Dichter und Schriftsteller den deutschen Namen. Im tiefsten Elend, ohne Zusammenhang mit den vaterländischen Krisen, erhob sich eine Literatur von weltbürgerlicher, europäischer Art. Sie vor Allem beweist das ungeheure Mißverhältniß zwischen unsrer innern auf der einen, zwischen der staatlichen Entwicklung auf der andern Seite. Während wir politisch weiter nicht waren, als so weit, um den zurückzuweisen, der uns zu Nichts auflösen wollte (nicht weit genug, um Etwas zu sein), umfaßte unsreDichtkunst alle Elemente der geistigen und politischen Welt[8]. An Gehalt, wie an deutscher Art des Geistes Allen überlegen, ist Göthe der König der damaligen Literatur; aber ein tiefes Gemüth und eine bezaubernde Hoheit der Idee haben Schillern jenen Platz im Herzen des Volkes eingeräumt, wie ihn Niemand vor ihm und nach ihm besessen hat. Das tiefste Streben, das dem Menschen inwohnt, das den Deutschen beseligt, den Drang nach Wahrheit hatGötheim Faust, den höchsten Zug des Jahrhunderts, die Freiheit, die Mutter auch der deutschen Zukunft, hatSchillerim Marquis Posa ausgeprägt. Ihnen ebenbürtig und gleich, hatJean Pauldas deutsche Leben nach allen Seiten, nach Natur und Erziehung, in politischer und religiöser, socialer und familiärer Beziehung aufgefaßt, und (zum ewigen Andenken au eine so seltsame Zeit) in seinen Dichtungen abgeschildert[9].
Mit solchen Kräften vermochte das deutsche Volk den Untergang des Reiches zu überleben. Der Wiener Kongreß stellte es der Zeit gemäß wieder her, indem er Titel hinwegwarf, die seit Jahrhunderten wie zum Hohne bestanden hatten, und an die Stelle des Reichstages den Bundestag setzte. Eine kleinere Zahl von Staaten, ein gesicherter Rechtszustand und einige Garantieen gegen den Mißbrauch der Souveränetät machten das deutsche Volk glücklicher, als es zuvor gewesen war. Aber die innereSpaltung, die äußere Schwäche blieb; Deutschland wurde bald von Westen begeistert, bald von Osten geleitet, einmal von seinen Ständen betrogen, das andre Mal von seinen Fürsten bestraft. Man erlaube mir, vorläufig die neueste Zeit zu überspringen, sie als vorbereitend zu betrachten auf ein Kommendes. Es liegt in ihr keine besondere Leistung, keine selbsteigene Schöpfung (eine einzige materielle ausgenommen); aber fünf und zwanzig Jahre eines glücklichen Friedens sind hinreichend, um eine lange, schwere Vergangenheit zu verarbeiten, zu erkennen, was Noth thut, und im Stillen Großes zu gebären, wenn anders Großes jemals geboren werden soll.
Kapitel IV.Letzte und höchste Intention der deutschen Geschichte.Das große Werk, wozu die Reformation den Anstoß gegeben, worum drei Jahrhunderte geblutet und gekämpft, zu vollenden, ist Deutschlands Beruf in derGegenwart.Die Reformation hat den Protestantismus der katholischen Kirche gegenüber gestellt und dadurch Deutschlands innere Einheit zerstört, indem sie zwei Tendenzen schuf, welche, nach langen Kriegen gleich berechtigt, im Volks- und Staatsleben sich entgegengesetzt ausprägen mußten.Von da an entwickelte sich steigend der Geist der Forschung, (der protestantische Geist) gegenüber dem Geiste des Glaubens, wie er in der katholischen Kirche sich erhielt. Die ganze Lebenskraft der Deutschen zog sich nach innen zurück, während sie nach außen von Ohnmacht zu Ohnmacht sank. Es galt die Frage, ob das Christenthum die Grundlage der Weltordnung bleiben solle.Diese Frage ward von den Franzosen verneint, auf die Verneinung eine neue Weltansicht, auf diese ein neuer Staat gebaut.Eine Antwort (wenn auch eine negative) ist aber von mächtigerer Wirkung als keine; es lag ein geistiger Vorgang darin, dem die Deutschen auf eine Zeitlang unterlagen. Endlich, nach großen Drangsalen, sah man ein, daß jene Antwort eine falsche war, daß mindestens die neue Ordnung, welche darauf gegründet worden, nicht die wahre sei.Es ist jetzt an den Deutschen, zu antworten. Andere haben zerstört; sie sollen aufbau’n.Der Protestantismus, wie er unverrückt nach der Wahrheit gestrebt hat, muß aus seiner Mitte ein Princip erzeugen, welches die innersten Fragen des Geistes und die tiefsten Probleme der Zeit zu lösen vermag.Dieses Princip wird die höchste Sehnsucht der Menschheit, die Sehnsucht nach einer gerechtfertigten Weltanschauung, nach einem bewußten Verhältnisse der Menschen zu Gott, befriedigen. Indem es die Wahrheit findet, so weit sie zu finden uns beschieden ist, wird es, nicht durch leere Vermittlung, sonderndurch dieselbsteigeneFülle seines Inhaltsdie Gegensätze versöhnen, woran in hundert Gestalten die Gegenwart sich verzehrt. Entsprungen aus dem Zweifel, wird es den Zweifel vernichten; zurückstrahlend auf die Dogmen des Christenthums, wird es die Religion verklären, welche zu ihm sich verhält, wie gemüthliche Ahnung zu bewußter Erkenntniß, wie Anschauung des Gefühls zur Klarheit des Geistes. Und gleichwie aus dem Christenthum ruhig und naturgemäß dieKircheerwachsen ist, so wird aus ihm friedlich und sicher derStaatsich entwickeln, jener wahre Staat, nach dessen organischer Begründung das Jahrhundert vergebens gerungen hat; so zwar, daß Staat und Kirche, weil beide, beruhend auf göttlichen Grundlagen, Hand in Hand zu gehen vermögen, diese aber von jenem in demselben Maße geleitet werde, als die Triebe des Gemüths in der menschlichen Seele der Macht des Geistes sich unterordnen, ohne doch in ihr aufzugehen.Also wird auch der Protestantismus, wenn die Sendung erfüllt ist, um deren Willen die Vorsehung ihn ausgeschieden hat,wieder eins werden mit dem Katholicismus; dieser letztere wird erkennen, daß über dem Princip, in dem die Kirche wurzelt, ein zweites sich erhebt, welches allein dem seinigen Bestand verleihen kann, daß Philosophie und Religion, als die zwei Spitzen der Menschenseele, statt zu kämpfen, sich ergänzen sollen. Nicht anders wird im Staate vor der wahren Freiheit die Revolution eben so sehr zusammenschwinden, als der Absolutismus, jene, weil nicht in der Gleichheit, sondern in organischer Ueber- und Unterordnung die Freiheit besteht, der letztere, weil nicht die fürstliche Macht allein, sondern jede Macht im Staate eine Macht sein wird von Gottes Gnaden[10].Alle große Intentionen der deutschen Geschichte, wie sie in den verschiedenen Zeiträumen hervorleuchten, Reinigung des erstorbenen Volksgeistes, Aufbau einer höheren Weltordnung, die Hegemonie von Europa, ewige Wahrung vor hierarchischer Herrschaft, allseitige Ausbildung des deutschen Lebens nach innen und außen, Begründung einer unumstößlichen Verfassung, Restauration des Christenthums, ewige Freiheit des Geistes, wie dauernde Sicherung gegen freche Frivolität — sie alle finden in dem Einen Prinzip ihre höchste Erfüllung.Dem deutschen Volk aber wird es Eine Seele verleihen, Eine Seele dem Volke, das nur der innern Einheit bedarf, um das größte und glücklichste zu sein unter allen Völkern. Jener geistige Vorgang, den die Deutschen seit den ersten Zeiten, den sie noch durch die Reformation ausgeübt, dessen Hingabe an französische Aufklärung ihnen ein Jahrhundert voll Schmach und Elend gekostet, wird ihnen wiedergegeben sein; unsere Fehler, so schrecklich in Zeiten des Zwiespalts, jenes Eingehen besonders in fremde Charaktere, werden uns fördern, wenn Ein Wille die Nation bewegt, wenn Fürsten und Völker von Einem Zuge getrieben sind.Das freilich vermag nur ein weltmächtiges Wort, ein Wort voll göttlicher Kraft und Gewalt, entsprungen aus dem tiefsten Streben des Volkes und deßhalb verständlich für Sinn und Herzen desganzenVolkes. —Das ist der Trost, den die deutsche Geschichte dem deutschen Bewußtsein gibt. Ohne das ist jene, wie dieses, öd, leer, hoffnungslos, ohne Ziel und Zweck, voll Schmach und Elend; mit jenem Trost herrlich, groß, ruhm- und hoffnungsreich, voll innerer geistiger, voll von Keimen auch der äußern Größe. Denn für das höchste Ziel des menschlichen Wollens, für die Lösung der uralten Räthsel, konnten und mußten wohl die höchsten Opfer, Untergang der äußern Hoheit und Einheit, ja Verlust der höchsten Güter des Lebens, die ein Volk besitzen kann — um diesen Preis, sage ich, mochten sie gebracht werden. Er konnte nicht Eines Jahrhunderts Frucht sein, noch ist er der Trost nur Eines Jahrhunderts, sondern, wie die Zukunft aller menschlichen Geschichte, die Bildung der Kirche, wie des Staats, die Gestaltung der Erde darin beschlossen liegt, so mußte Jahrhundertlanger Kampf vorausgehen. Dazu allein sollte der deutsche Geist, abgewandt von aller gemeinsamen politischen Herrlichkeit, in den verborgenen Tiefen arbeiten, sollte er fremde Literatur, fremdes Wissen, ja fremde Sitten, bis zur Erniedrigung aufnehmen, sollte er durchdrungen werden von französischem, englischem Wesen, ja überhaupt vom europäischen, zubereitet und umgeschmolzen durch kosmopolitische Einflüsse. Jetzt wiederum, wenn das große Wort gefunden ist, wird das Herz von Europa, wie es gelitten und gekämpft hat für alle europäischen Völker, die Fülle seines Segens ausströmen über ganz Europa.Solch eine Zuversicht ist freilich den Einen ein Aergerniß, den Andern eine Thorheit. Wie kann ein Wort so große Dinge thun? Wie kann ein Princip in so vielseitiger, bewegter Zeit entstehen, wie kann es das Entgegengesetzte einen, das tausendfache Leben durchdringen? So fragen sie, und antwortet man ihnen: Was war das Christenthum anders als ein Princip, was der Muhamedanismus als ein Princip, was die Reformation andersals ein Princip, so wissen sie dieß und jenes zu erwiedern: daß diese Zeiten vorüber seien, daß die jetzige Zeit sich von selbst (wie, ist nicht abzusehen) helfen werde, daß das deutsche Volk, ohne zum Ziel zu kommen, in Ewigkeit fort philosophiren, daß es übrigens eine achtbare Stelle unter den Nationen einnehmen werde, freilich entfernt von aller Superiorität, welche ja allem Gleichgewicht widerspräche, daß leider wohl unsere Zwietracht niemals ganz erlöschen werde, um so weniger aber, als ein neues Princip als neuer Zankapfel auftauchen würde, daß übrigens dergleichen sanguinische Tröstungen dazu allein tauglich seien, die Deutschen in ihrer angebornen Ideologie, d. h. in ihrer verderblichen Unkenntniß des reellen Lebens zu bestärken. Wenn diese Leute eines Trostes bedürfen (und wie Viele gibt es nicht, die eine so aufgeklärte Zeit, wie die unsrige, für gesund halten an Leib und Geist!), so finden sie Trost genug in der Hoffnung, daß das Christenthum von Tag zu Tag gereinigter, der Glaube und die Erkenntniß von Tag zu Tag vernünftiger werden wird, oder wohl auch, daß der Zeitgeist nach und nach die Religion entbehrlich machen kann, indem er die reine Vernunft (ohne allen Inhalt) an ihre Stelle setzt: ein Resultat, das durch die vereinigten Fortschritte der europäischen Völker von selbst erreicht wird, ohne daß es hiezu des deutschen Geistes oder eines deutschen Princips insbesondere bedarf. Was aber die Politik und die socialen Verhältnisse betrifft, so halten sie Deutschland berufen, französische und englische Elemente, freilich in ihrer eigenen Weise zu verarbeiten, um allmählig zu politischer Mündigkeit zu gelangen.Ich glaube aber, es gibt noch Manche, wollte Gott, Viele, die sowohl die Gebrechen der Zeit, als den Beruf Deutschlands in höherem Lichte betrachten, denen die Zukunft bang und schwer auf dem Herzen liegt, und deren Seele bewußt oder ahnend auf einen Lichtstrahl des Geistes harrt, der von Deutschland aus die düstern Wolken der Zeit durchbrechen soll. Solchen dünkt es kein Phantom, daß der Kampf des Christenthums mit der Philosophie, wie er in Religion und Wissenschaft, in Staat und Kirche seitJahrhunderten gekämpft wird, der Kampf der alten Weltordnung mit einer neuen ist, daß Deutschland allein ihn auszukämpfen vermag, daß Deutschland, wie auch der Ausgang sein möge, der Mittelpunkt der Weltordnung bleiben muß. Kein Ausgang aber ist denkbar ohne ein inhaltsschweres Princip, kein Princip ohne die ungeheuerste Vorarbeit des ganzen Volksgeistes, wie sie in der deutschen Geschichte vorliegt seit den Tagen der Reformation.Warum nun hat im Gefolge dieser Einen Tendenz unser Charakter sich also umgewandelt? Der Deutsche ist gleich einem Manne, der alle Kraft seines Willens, jeden Trieb seines Geistes einem verborgenen Zwecke zukehrt; alles Andere wird beseitigt, hintangesetzt, vergessen; geknechtet, gefesselt erscheint sein ganzes Thun und abgestorben die Fülle seiner Kraft: plötzlich erhebt er sich, erlöset vom langen Geistesdruck, und der entfesselte Wille bricht sich hundertfältige Bahn. Und noch ist Eines nicht zu vergessen: eines jeden Volkes Charakter, wenn auch unwandelbar begründet in der Natur, ändert sich nach der Entwicklung der Zeiten, der deutsche insbesondere, weil er vor allen die Entwicklung in sich darstellt. Wie nun Thatkraft und Wille im Mittelalter, so herrscht Geist und Verstand in der neuen Zeit vor; dasselbe Volk, das damals geherrscht mit physischer Uebermacht, soll in unsern Tagen herrschen mit geistiger. Nur bis jetzt ist weder die Thatkraft in richtigem Verhältnisse zum Geiste, weil gebannt und unterdrückt, noch der Geist selbst frei und ledig, vielmehr vermischt mit andern fremden Geistern und beladen mit Massen von Stückwerk, freilich nur, um ganz und gar durchdrungen zu werden vom allgemeinen Geiste.Und warum ist an der ganzen Entfaltung europäischer Größe nach außen hin Deutschland theilnahmlos geblieben? Es mag ein Volk, das innerlich leidet, nach außen getrieben werden, das deutsche Volk war nach außen beengt, nach innen gestachelt. Die Entdeckung von Amerika hatte die Bahn des Welthandels verändert; der deutsche Handel, die deutsche Seemacht, über alle Meere noch ausgebreitet zu Karls V. Zeit, gingen zu Grabe. Die Ungunstdes Geschicks zu ersetzen, vermochte nur eine ungemeine materielle Anstrengung; nicht einmal Venedig konnte es, wie vielweniger das in kirchliche Fragen verlorne Deutschland! Zu seiner Aufgabe bedurfte Deutschland nur der allseitigsten Berührung mit der europäischen Civilisation, nicht eines Ausgehens über andere Welttheile, wodurch die innere Kraft nur zersplittert werden konnte. Ueberdieß aber ist die deutsche Natur vorwiegend kontinental, ans Land, an den Ackerbau gebunden. Nicht als ob überhaupt maritimes Geschick den Deutschen mangelte; hievon hat die Hansa das volle Gegentheil gelehrt und lehren es noch ihre Ueberbleibsel; nicht als ob außerhalb Europa keine Geltung den Deutschen beschieden sein sollte: sind ja doch in Nordamerika sichtlich, unmerkbar in andern Reichen schon mächtige Keime gelegt: aber zunächst und vor Allem ist es Deutschlands Beruf, ordnend und richtend in Mitten Europas zu stehen; hiedurch zugleich in die andern Weltgeschicke einzugreifen.Warum endlich Frankreich, warum England in der politischen Entwicklung uns so mächtig vorangeeilt? Der romanische Geist, oberflächlicher als der deutsche, aber eben deßhalb schneller und gewandter, verwandelt mit eigenthümlicher Leichtigkeit innere Vorgänge in äußere, und indem er geistige Fragen auf die Spitze treibt, ergreift er im Fluge die praktischen Pointen, und zieht er die socialen Konsequenzen. Wie es demnach im germanischen Wesen liegt, auf der Grundlage, die es gelegt, unermüdlich behutsam weiter zu bauen, bis das Werk zur innern und äußern Vollendung gediehen, so ist es der romanische Beruf, den äußern Anstoß mit Macht zu geben, und durch beständige Experimentation das große Werk zu beschleunigen.Fichte, in den Reden an die deutsche Nation, hat dieß in seiner ganzen historischen Bedeutung auseinander gesetzt. Noch leichter ist zu sehen, wie in England die germanische Natur zu einer vollendeten politischen Harmonie heranreifen konnte. Dort war die Reformation anfangs eine Frage der kirchlichen Verfassung; später erzeugte der Calvinismus, der, wie oben gesagt, eben durch seine Abgeschlossenheit eine Anwendungauf staatliche Verhältnisse am schnellsten hervorrufen mußte, einen republikanischen Ausbruch, der ganz verschieden von der französischen Revolution, nur aus einer übertrieben religiösen Anschauung hervorging. Selbst der Deismus des achtzehnten Jahrhunderts vermochte den praktischen Sinn der Nation nicht innerlich zu zersplittern; es blieb ihr jene religiöse Grundlage, worauf die Gesundheit Alt-Englands beruht. Die Engländer sind geneigt zu metaphysischen Diskussionen, aber ohne die Tiefe des Geistes, welche dem Deutschen jede philosophische Frage zurLebensfrageumgestaltet.Wäre nun unsere Anschauung deutscher Geschichte die wahre — was soll uns ein Princip für den Augenblick? Was soll es uns für Nationalmacht, für staatlichen Fortschritt, für die Gefahren einer Krise? Denn kein Princip hat noch anders gewirkt, als im Verlauf von Jahrzehnden, ja Jahrhunderten, und eh’ es nicht allmählig von oben nach unten die Massen durchdringt, wie soll es zum Heile gereichen?Ich antworte nur so viel: einig, mächtig und stark vermag nur dann eine Nation zu sein, wenn ihr Bewußtsein auf einer gemeinsamen Grundlage beruht, wenn Etwas vorhanden ist, worin alle Geister, auch die niedrigsten, sich begegnen. Im Mittelalter, während Guelfen und Ghibellinen die Einigkeit zerstörten, war Deutschland, trotz zahlloser Parteiungen, groß und mächtig, weil der Glaube des Volks nur in Einem Grunde wurzelte, in der Religion. Wie anders heutzutage, da zwischen religiösen und philosophischen, zwischen katholischen und protestantischen, liberalen und konservativen Tendenzen das deutsche Volk unheilbarer zersplittert ist, als irgend ein anderes in Europa. Da hilft es nicht (wie man wohl möchte), deutsch zu sein, was man auch immer sonst sei: deutsch sein, heißt eben zwieträchtig sein, wenn der Eine dieses, der Zweite jenes, der Dritte noch anderes nothwendig und heilsam erachtet fürs Eine Vaterland. Lasset eine Macht geboren werden, welche die Gebildeten um sich sammelt von aller Art und Farbe, in welcher der Glaube des Einen, die Wünsche des Andernsich einigen, wie tausend Strahlen in Einem Lichte, lasset es eine deutsche Macht sein, — und sie wird in Noth und Gefahr uns vorangehen, gleich der Wolkensäule in der Wüste, sie wird den Einen Gott uns wiedergeben, den wir verlassen haben über den vielen Göttern, und mit ihm die Kraft, alle Zwietracht, so viel auch noch übrig bleiben möge, hintanzusetzen, wo es dem Vaterlande gilt. Diese Macht, sie kann nur eine geistige sein, nur von solcher Art, wie sie oben beschrieben worden ist.In diesem Lichte stellt auch die neueste Zeit sich uns dar. Was sie vorbereitend gewirkt hat für das große Ziel, welche materielle Grundlage sie gelegt, welche geistige Keime sie genährt hat, soll in kurzer Uebersicht betrachtet werden.
Das große Werk, wozu die Reformation den Anstoß gegeben, worum drei Jahrhunderte geblutet und gekämpft, zu vollenden, ist Deutschlands Beruf in derGegenwart.
Die Reformation hat den Protestantismus der katholischen Kirche gegenüber gestellt und dadurch Deutschlands innere Einheit zerstört, indem sie zwei Tendenzen schuf, welche, nach langen Kriegen gleich berechtigt, im Volks- und Staatsleben sich entgegengesetzt ausprägen mußten.
Von da an entwickelte sich steigend der Geist der Forschung, (der protestantische Geist) gegenüber dem Geiste des Glaubens, wie er in der katholischen Kirche sich erhielt. Die ganze Lebenskraft der Deutschen zog sich nach innen zurück, während sie nach außen von Ohnmacht zu Ohnmacht sank. Es galt die Frage, ob das Christenthum die Grundlage der Weltordnung bleiben solle.
Diese Frage ward von den Franzosen verneint, auf die Verneinung eine neue Weltansicht, auf diese ein neuer Staat gebaut.Eine Antwort (wenn auch eine negative) ist aber von mächtigerer Wirkung als keine; es lag ein geistiger Vorgang darin, dem die Deutschen auf eine Zeitlang unterlagen. Endlich, nach großen Drangsalen, sah man ein, daß jene Antwort eine falsche war, daß mindestens die neue Ordnung, welche darauf gegründet worden, nicht die wahre sei.
Es ist jetzt an den Deutschen, zu antworten. Andere haben zerstört; sie sollen aufbau’n.Der Protestantismus, wie er unverrückt nach der Wahrheit gestrebt hat, muß aus seiner Mitte ein Princip erzeugen, welches die innersten Fragen des Geistes und die tiefsten Probleme der Zeit zu lösen vermag.
Dieses Princip wird die höchste Sehnsucht der Menschheit, die Sehnsucht nach einer gerechtfertigten Weltanschauung, nach einem bewußten Verhältnisse der Menschen zu Gott, befriedigen. Indem es die Wahrheit findet, so weit sie zu finden uns beschieden ist, wird es, nicht durch leere Vermittlung, sonderndurch dieselbsteigeneFülle seines Inhaltsdie Gegensätze versöhnen, woran in hundert Gestalten die Gegenwart sich verzehrt. Entsprungen aus dem Zweifel, wird es den Zweifel vernichten; zurückstrahlend auf die Dogmen des Christenthums, wird es die Religion verklären, welche zu ihm sich verhält, wie gemüthliche Ahnung zu bewußter Erkenntniß, wie Anschauung des Gefühls zur Klarheit des Geistes. Und gleichwie aus dem Christenthum ruhig und naturgemäß dieKircheerwachsen ist, so wird aus ihm friedlich und sicher derStaatsich entwickeln, jener wahre Staat, nach dessen organischer Begründung das Jahrhundert vergebens gerungen hat; so zwar, daß Staat und Kirche, weil beide, beruhend auf göttlichen Grundlagen, Hand in Hand zu gehen vermögen, diese aber von jenem in demselben Maße geleitet werde, als die Triebe des Gemüths in der menschlichen Seele der Macht des Geistes sich unterordnen, ohne doch in ihr aufzugehen.
Also wird auch der Protestantismus, wenn die Sendung erfüllt ist, um deren Willen die Vorsehung ihn ausgeschieden hat,wieder eins werden mit dem Katholicismus; dieser letztere wird erkennen, daß über dem Princip, in dem die Kirche wurzelt, ein zweites sich erhebt, welches allein dem seinigen Bestand verleihen kann, daß Philosophie und Religion, als die zwei Spitzen der Menschenseele, statt zu kämpfen, sich ergänzen sollen. Nicht anders wird im Staate vor der wahren Freiheit die Revolution eben so sehr zusammenschwinden, als der Absolutismus, jene, weil nicht in der Gleichheit, sondern in organischer Ueber- und Unterordnung die Freiheit besteht, der letztere, weil nicht die fürstliche Macht allein, sondern jede Macht im Staate eine Macht sein wird von Gottes Gnaden[10].
Alle große Intentionen der deutschen Geschichte, wie sie in den verschiedenen Zeiträumen hervorleuchten, Reinigung des erstorbenen Volksgeistes, Aufbau einer höheren Weltordnung, die Hegemonie von Europa, ewige Wahrung vor hierarchischer Herrschaft, allseitige Ausbildung des deutschen Lebens nach innen und außen, Begründung einer unumstößlichen Verfassung, Restauration des Christenthums, ewige Freiheit des Geistes, wie dauernde Sicherung gegen freche Frivolität — sie alle finden in dem Einen Prinzip ihre höchste Erfüllung.
Dem deutschen Volk aber wird es Eine Seele verleihen, Eine Seele dem Volke, das nur der innern Einheit bedarf, um das größte und glücklichste zu sein unter allen Völkern. Jener geistige Vorgang, den die Deutschen seit den ersten Zeiten, den sie noch durch die Reformation ausgeübt, dessen Hingabe an französische Aufklärung ihnen ein Jahrhundert voll Schmach und Elend gekostet, wird ihnen wiedergegeben sein; unsere Fehler, so schrecklich in Zeiten des Zwiespalts, jenes Eingehen besonders in fremde Charaktere, werden uns fördern, wenn Ein Wille die Nation bewegt, wenn Fürsten und Völker von Einem Zuge getrieben sind.Das freilich vermag nur ein weltmächtiges Wort, ein Wort voll göttlicher Kraft und Gewalt, entsprungen aus dem tiefsten Streben des Volkes und deßhalb verständlich für Sinn und Herzen desganzenVolkes. —
Das ist der Trost, den die deutsche Geschichte dem deutschen Bewußtsein gibt. Ohne das ist jene, wie dieses, öd, leer, hoffnungslos, ohne Ziel und Zweck, voll Schmach und Elend; mit jenem Trost herrlich, groß, ruhm- und hoffnungsreich, voll innerer geistiger, voll von Keimen auch der äußern Größe. Denn für das höchste Ziel des menschlichen Wollens, für die Lösung der uralten Räthsel, konnten und mußten wohl die höchsten Opfer, Untergang der äußern Hoheit und Einheit, ja Verlust der höchsten Güter des Lebens, die ein Volk besitzen kann — um diesen Preis, sage ich, mochten sie gebracht werden. Er konnte nicht Eines Jahrhunderts Frucht sein, noch ist er der Trost nur Eines Jahrhunderts, sondern, wie die Zukunft aller menschlichen Geschichte, die Bildung der Kirche, wie des Staats, die Gestaltung der Erde darin beschlossen liegt, so mußte Jahrhundertlanger Kampf vorausgehen. Dazu allein sollte der deutsche Geist, abgewandt von aller gemeinsamen politischen Herrlichkeit, in den verborgenen Tiefen arbeiten, sollte er fremde Literatur, fremdes Wissen, ja fremde Sitten, bis zur Erniedrigung aufnehmen, sollte er durchdrungen werden von französischem, englischem Wesen, ja überhaupt vom europäischen, zubereitet und umgeschmolzen durch kosmopolitische Einflüsse. Jetzt wiederum, wenn das große Wort gefunden ist, wird das Herz von Europa, wie es gelitten und gekämpft hat für alle europäischen Völker, die Fülle seines Segens ausströmen über ganz Europa.
Solch eine Zuversicht ist freilich den Einen ein Aergerniß, den Andern eine Thorheit. Wie kann ein Wort so große Dinge thun? Wie kann ein Princip in so vielseitiger, bewegter Zeit entstehen, wie kann es das Entgegengesetzte einen, das tausendfache Leben durchdringen? So fragen sie, und antwortet man ihnen: Was war das Christenthum anders als ein Princip, was der Muhamedanismus als ein Princip, was die Reformation andersals ein Princip, so wissen sie dieß und jenes zu erwiedern: daß diese Zeiten vorüber seien, daß die jetzige Zeit sich von selbst (wie, ist nicht abzusehen) helfen werde, daß das deutsche Volk, ohne zum Ziel zu kommen, in Ewigkeit fort philosophiren, daß es übrigens eine achtbare Stelle unter den Nationen einnehmen werde, freilich entfernt von aller Superiorität, welche ja allem Gleichgewicht widerspräche, daß leider wohl unsere Zwietracht niemals ganz erlöschen werde, um so weniger aber, als ein neues Princip als neuer Zankapfel auftauchen würde, daß übrigens dergleichen sanguinische Tröstungen dazu allein tauglich seien, die Deutschen in ihrer angebornen Ideologie, d. h. in ihrer verderblichen Unkenntniß des reellen Lebens zu bestärken. Wenn diese Leute eines Trostes bedürfen (und wie Viele gibt es nicht, die eine so aufgeklärte Zeit, wie die unsrige, für gesund halten an Leib und Geist!), so finden sie Trost genug in der Hoffnung, daß das Christenthum von Tag zu Tag gereinigter, der Glaube und die Erkenntniß von Tag zu Tag vernünftiger werden wird, oder wohl auch, daß der Zeitgeist nach und nach die Religion entbehrlich machen kann, indem er die reine Vernunft (ohne allen Inhalt) an ihre Stelle setzt: ein Resultat, das durch die vereinigten Fortschritte der europäischen Völker von selbst erreicht wird, ohne daß es hiezu des deutschen Geistes oder eines deutschen Princips insbesondere bedarf. Was aber die Politik und die socialen Verhältnisse betrifft, so halten sie Deutschland berufen, französische und englische Elemente, freilich in ihrer eigenen Weise zu verarbeiten, um allmählig zu politischer Mündigkeit zu gelangen.
Ich glaube aber, es gibt noch Manche, wollte Gott, Viele, die sowohl die Gebrechen der Zeit, als den Beruf Deutschlands in höherem Lichte betrachten, denen die Zukunft bang und schwer auf dem Herzen liegt, und deren Seele bewußt oder ahnend auf einen Lichtstrahl des Geistes harrt, der von Deutschland aus die düstern Wolken der Zeit durchbrechen soll. Solchen dünkt es kein Phantom, daß der Kampf des Christenthums mit der Philosophie, wie er in Religion und Wissenschaft, in Staat und Kirche seitJahrhunderten gekämpft wird, der Kampf der alten Weltordnung mit einer neuen ist, daß Deutschland allein ihn auszukämpfen vermag, daß Deutschland, wie auch der Ausgang sein möge, der Mittelpunkt der Weltordnung bleiben muß. Kein Ausgang aber ist denkbar ohne ein inhaltsschweres Princip, kein Princip ohne die ungeheuerste Vorarbeit des ganzen Volksgeistes, wie sie in der deutschen Geschichte vorliegt seit den Tagen der Reformation.
Warum nun hat im Gefolge dieser Einen Tendenz unser Charakter sich also umgewandelt? Der Deutsche ist gleich einem Manne, der alle Kraft seines Willens, jeden Trieb seines Geistes einem verborgenen Zwecke zukehrt; alles Andere wird beseitigt, hintangesetzt, vergessen; geknechtet, gefesselt erscheint sein ganzes Thun und abgestorben die Fülle seiner Kraft: plötzlich erhebt er sich, erlöset vom langen Geistesdruck, und der entfesselte Wille bricht sich hundertfältige Bahn. Und noch ist Eines nicht zu vergessen: eines jeden Volkes Charakter, wenn auch unwandelbar begründet in der Natur, ändert sich nach der Entwicklung der Zeiten, der deutsche insbesondere, weil er vor allen die Entwicklung in sich darstellt. Wie nun Thatkraft und Wille im Mittelalter, so herrscht Geist und Verstand in der neuen Zeit vor; dasselbe Volk, das damals geherrscht mit physischer Uebermacht, soll in unsern Tagen herrschen mit geistiger. Nur bis jetzt ist weder die Thatkraft in richtigem Verhältnisse zum Geiste, weil gebannt und unterdrückt, noch der Geist selbst frei und ledig, vielmehr vermischt mit andern fremden Geistern und beladen mit Massen von Stückwerk, freilich nur, um ganz und gar durchdrungen zu werden vom allgemeinen Geiste.
Und warum ist an der ganzen Entfaltung europäischer Größe nach außen hin Deutschland theilnahmlos geblieben? Es mag ein Volk, das innerlich leidet, nach außen getrieben werden, das deutsche Volk war nach außen beengt, nach innen gestachelt. Die Entdeckung von Amerika hatte die Bahn des Welthandels verändert; der deutsche Handel, die deutsche Seemacht, über alle Meere noch ausgebreitet zu Karls V. Zeit, gingen zu Grabe. Die Ungunstdes Geschicks zu ersetzen, vermochte nur eine ungemeine materielle Anstrengung; nicht einmal Venedig konnte es, wie vielweniger das in kirchliche Fragen verlorne Deutschland! Zu seiner Aufgabe bedurfte Deutschland nur der allseitigsten Berührung mit der europäischen Civilisation, nicht eines Ausgehens über andere Welttheile, wodurch die innere Kraft nur zersplittert werden konnte. Ueberdieß aber ist die deutsche Natur vorwiegend kontinental, ans Land, an den Ackerbau gebunden. Nicht als ob überhaupt maritimes Geschick den Deutschen mangelte; hievon hat die Hansa das volle Gegentheil gelehrt und lehren es noch ihre Ueberbleibsel; nicht als ob außerhalb Europa keine Geltung den Deutschen beschieden sein sollte: sind ja doch in Nordamerika sichtlich, unmerkbar in andern Reichen schon mächtige Keime gelegt: aber zunächst und vor Allem ist es Deutschlands Beruf, ordnend und richtend in Mitten Europas zu stehen; hiedurch zugleich in die andern Weltgeschicke einzugreifen.
Warum endlich Frankreich, warum England in der politischen Entwicklung uns so mächtig vorangeeilt? Der romanische Geist, oberflächlicher als der deutsche, aber eben deßhalb schneller und gewandter, verwandelt mit eigenthümlicher Leichtigkeit innere Vorgänge in äußere, und indem er geistige Fragen auf die Spitze treibt, ergreift er im Fluge die praktischen Pointen, und zieht er die socialen Konsequenzen. Wie es demnach im germanischen Wesen liegt, auf der Grundlage, die es gelegt, unermüdlich behutsam weiter zu bauen, bis das Werk zur innern und äußern Vollendung gediehen, so ist es der romanische Beruf, den äußern Anstoß mit Macht zu geben, und durch beständige Experimentation das große Werk zu beschleunigen.Fichte, in den Reden an die deutsche Nation, hat dieß in seiner ganzen historischen Bedeutung auseinander gesetzt. Noch leichter ist zu sehen, wie in England die germanische Natur zu einer vollendeten politischen Harmonie heranreifen konnte. Dort war die Reformation anfangs eine Frage der kirchlichen Verfassung; später erzeugte der Calvinismus, der, wie oben gesagt, eben durch seine Abgeschlossenheit eine Anwendungauf staatliche Verhältnisse am schnellsten hervorrufen mußte, einen republikanischen Ausbruch, der ganz verschieden von der französischen Revolution, nur aus einer übertrieben religiösen Anschauung hervorging. Selbst der Deismus des achtzehnten Jahrhunderts vermochte den praktischen Sinn der Nation nicht innerlich zu zersplittern; es blieb ihr jene religiöse Grundlage, worauf die Gesundheit Alt-Englands beruht. Die Engländer sind geneigt zu metaphysischen Diskussionen, aber ohne die Tiefe des Geistes, welche dem Deutschen jede philosophische Frage zurLebensfrageumgestaltet.
Wäre nun unsere Anschauung deutscher Geschichte die wahre — was soll uns ein Princip für den Augenblick? Was soll es uns für Nationalmacht, für staatlichen Fortschritt, für die Gefahren einer Krise? Denn kein Princip hat noch anders gewirkt, als im Verlauf von Jahrzehnden, ja Jahrhunderten, und eh’ es nicht allmählig von oben nach unten die Massen durchdringt, wie soll es zum Heile gereichen?
Ich antworte nur so viel: einig, mächtig und stark vermag nur dann eine Nation zu sein, wenn ihr Bewußtsein auf einer gemeinsamen Grundlage beruht, wenn Etwas vorhanden ist, worin alle Geister, auch die niedrigsten, sich begegnen. Im Mittelalter, während Guelfen und Ghibellinen die Einigkeit zerstörten, war Deutschland, trotz zahlloser Parteiungen, groß und mächtig, weil der Glaube des Volks nur in Einem Grunde wurzelte, in der Religion. Wie anders heutzutage, da zwischen religiösen und philosophischen, zwischen katholischen und protestantischen, liberalen und konservativen Tendenzen das deutsche Volk unheilbarer zersplittert ist, als irgend ein anderes in Europa. Da hilft es nicht (wie man wohl möchte), deutsch zu sein, was man auch immer sonst sei: deutsch sein, heißt eben zwieträchtig sein, wenn der Eine dieses, der Zweite jenes, der Dritte noch anderes nothwendig und heilsam erachtet fürs Eine Vaterland. Lasset eine Macht geboren werden, welche die Gebildeten um sich sammelt von aller Art und Farbe, in welcher der Glaube des Einen, die Wünsche des Andernsich einigen, wie tausend Strahlen in Einem Lichte, lasset es eine deutsche Macht sein, — und sie wird in Noth und Gefahr uns vorangehen, gleich der Wolkensäule in der Wüste, sie wird den Einen Gott uns wiedergeben, den wir verlassen haben über den vielen Göttern, und mit ihm die Kraft, alle Zwietracht, so viel auch noch übrig bleiben möge, hintanzusetzen, wo es dem Vaterlande gilt. Diese Macht, sie kann nur eine geistige sein, nur von solcher Art, wie sie oben beschrieben worden ist.
In diesem Lichte stellt auch die neueste Zeit sich uns dar. Was sie vorbereitend gewirkt hat für das große Ziel, welche materielle Grundlage sie gelegt, welche geistige Keime sie genährt hat, soll in kurzer Uebersicht betrachtet werden.