Kapitel XIII.Deutschland.Wir haben Europa durchwandert und stehen jetzt still. Was sich aus der Betrachtung ergeben hat, ist in Kurzem folgendes:In allen Ländern Europa’s, und zumeist in den zivilisirtesten, ringt das Bewußtsein und der Glaube der Völker, ringt der Instinkt und der Wille der Staaten nach neuen Haltpunkten. Solche zu schaffen sind die Einen zu erschöpft, die Andern zu jung und zu unreif, die Dritten von zu einseitiger Kraft. Deutschland allein ist durch Natur und Gegenwart befähigt, ein Princip zu erzeugen von europäischer Wirkung.Ganz Europa strebt nach einer festen Organisation seiner Glieder, und findet sie nur in natürlicher Ueber- und Unterordnung. Deutschland allein kann diese Organisation dem Welttheile geben, weil nur eine germanisch-deutsche Hegemonie jenes wahre Gleichgewicht bestehen, ja erst entstehen läßt, dem jede andere, sei es englische, französische oder russische zuwiderläuft, weil nursiein den natürlichen Grenzen bleiben kann, aus welchen jede andere, um zu herrschen, heraustreten muß.Es ist also nun von dem Volke die Rede, welches Holland, Belgien und die Schweiz in erster Linie, Skandinavien in zweiter,England in dritter Linie sich verbünden, welches den Polen und Ungarn ihre wahre Bedeutung verleihen, die Russen ihrer falschen entkleiden, welches Frankreich und Spanien neu beleben, Italiens Zukunft bestimmen, die griechisch slavische Halbinsel organisiren, die Schicksale des Orients leiten und die fortschreitende Okkupation des Erdkreises überwachen soll: eine Nation, deren Einwirkung hie und da geahnt, selten gefürchtet, nirgend begehrt wird, deren Gegenwart allen Hoffnungen solcher Art Hohn zu sprechen scheint, deren Zukunft den Völkern verschlossen und von ihr selbst nur wenig begriffen ist.Denn in Deutschland selbst findet die Idee, die hier gepredigt wird, ihre ersten Gegner. Zaghafte Verkennung der eigenen Natur, eingerostete Schwäche, hergebrachte Faulheit, zuweilen auch Billigkeit und Gefühl des Rechtes, mit dem nach bisherigen Erfahrungen jede Superiorität unvereinbar sei. — Alles das erhebt sich schreiend gegen den Gedanken einer deutschen Hegemonie. „Wie, sagt man, in einem Augenblick, wo Deutschland seit Jahren zum ersten Male erwacht, nach innerer Vervollkommnung ringt, wo es den Willen gefunden hat sich selbst zu leben, und schädlichen Außenzwecken zu entsagen, in diesem Augenblick werden die erloschenen Ideen des Mittelalters aus dem Staube der Jahrhunderte hervorgezogen, mit halb Europa soll der Kampf beginnen, Glück, Friede und Wohlstand einem Trugbilde geopfert werden, dessen Verwirklichung, wäre sie möglich, uns zuletzt nur elend machen würde. Wenn auch der Gedanke selbst zu sehr in der Luft schwebt, um je für seine Ausführung Bangen zu erwecken, so verdient doch schon, ihn nur gehegt zu haben, den herbsten Tadel, denn nicht die Ueberspannung der Kräfte, sondern ihr richtiger Gebrauch ist es, was dem deutschen Volke noththut.“Darauf gibt es nur eine Antwort: Nicht nach außen zu gehen, Eroberungen nachzujagen, draußen die Größe zu suchen, die daheim nicht ist, nicht dazu habe ich die Deutschen ermahnt. Das aber habe ich gesagt: wenn Deutschlandin sich und aus sichalle die Kräfte entwickelt, die ihm Gott gegeben hat, wenn essich selbstzu der Stufe der Vollkommenheit geführt haben wird, die es erreichen will — dann ist es im Nu, und eben dadurch zugleich die erste Macht in Europa. So innig, wollte ich zeigen, ist der Zusammenhang Deutschlands mit Europa, so allumfassend sein Einfluß, daß es sich selbst nicht verändern kann, ohne ganz Europa zu verändern. Trachtet nach dem Einen, habe ich gesagt, undalles andere wird Euch von selbst zufallen.Seid einig, wollte ich sagen — und zwei Großmächte werden von eurem Willen beseelt und es wird nureineMacht sein mit zwei Armen. Seid einig — und Holland wird euch den alten Starrgeist opfern, und was deutscher Natur ist, in Belgien und der Schweiz, wird sich mit oder ohne Verlangen nach dem neuen Lichte kehren. Seid einig — und Skandinavien wird euere Hand ergreifen. Seid einig — und England wird euer Bündniß suchen in der ersten Zeit der Gefahr. Seid einig — und Rußland wird zittern, und Polen wird hoffen. Seid einig — und Oestreich auf die doppelte Grundlage von Deutschland und Ungarn gestützt, wird euern Willen zum Gesetz erheben in der Frage der Orients. Seid einig — und Italien begehrt von Euch seine Zukunft; ja durch Eure Einigkeit zwingt ihr Portugal, Spanien und Frankreich einig zu sein. Seid nur ihr selbst — und ihr seid das erste Volk der Erde.Soll ich den Zweiflern erst zeigen, welche Vorbedingungen der Größe, äußere und innere, materielle und geistige, Deutschland in sich trägt? Ein Blick auf die Karte sagt mehr, als es mit Worten geschehen kann. Sind wir nicht in der Mitte des Welttheils gesetzt, als dessen natürliche Mediatoren? Sind wir nicht das einzige Land Europa’s, das mit seinen vier Enden, wie ein Riese hingestreckt, alle Völkerfamilien zugleich berührt? Liegt nicht Polen und Ungarn uns zur Seite und ist nicht Italien wie ein anderer Zweig aus derselbigen Wurzel mit uns verkettet? Zieht sich nicht Eine Linie deutscher Pflanzungen von Preußen bis nach Finnland hinauf? Ist nicht der Rhein ein deutscher Strom, und ist nicht durch unsere Verbrüderung mitUngarn auch die Donau? und wenn’s die Ströme sind, warum sollen nicht auch die Mündungen unser sein? Liegt nicht die Nord- und die Ostsee, das adriatische und das schwarze Meer in unserm Bereich? Und ist nicht der Welthandel auf Deutschland als eine seiner ersten Straßen mit Nothwendigkeit gewiesen?Das sagt uns die Karte, — und wenn wir weiter schauen, welch’ eine Fülle von Macht liegt nicht in dem einzigen WorteZollverein! Der Zollverein, wenn er erst die sämmtlichen Staaten umfaßt, kann den Holländern, Belgiern und Schweizern Gesetze geben, kann Dänemark, Schweden und Norwegen an seine Spuren fesseln, kann England zwingen mit uns, statt gegen uns zu gehen. Es ist nicht genug, daß er uns erlöse vom holländischen und englischen Joch, daß er unsern Handel, unsre Industrie so groß und frei mache, wie vor Zeiten und die gesunkene Achtung des deutschen Namens in fühlbarer Weise den Nationen wieder einpräge: noch höher ist seine Bestimmung, er soll mit den reichen Mitteln, die ihm zu Gebote stehen,jenes germanische Bündniß heraufführen, worauf unsere politische Zukunft beruht.Und auch der Schöpfer einer Seemacht kann er uns werden, und muß er uns werden. Denn den Handel, den er geschaffen hat, wird die Nothwendigkeit selbst ihn lehren zu schützen. Sie wird ihm zeigen, daß es kein freies Verhältniß, kein selbstständiges Bündniß mit England gibt,ohne die gleiche Waffe, daß ein vorwiegend kontinentaler Staat, wie Deutschland es ist, einer Seemacht so wenig entrathen kann, als ein Seestaat, wie England es ist, der Landmacht es kann. Wenn die Franzosen, bei ihrem geringen nautischen Talent, zur See groß geworden sind, wie vielmehr wir Deutsche, denen das Geschick in so hohem Maße angeboren ist. Was uns bisher gehindert, war weder Unlust noch Armuth an Mitteln; es war die Zersplitterung, und daß die größeren Staaten, die auch einzeln zur See wohl Einiges vermocht hätten (wie Preußen) in unverhältnißmäßiger Militärmacht sich erschöpfen mußten. Jedes Volk, dem die Natur eine langeKüstenstrecke und dazu Talent für Handel und Seefahrt verliehen hat, kann sofort ohne Anstrengung einseemächtigeswerden, ja die Römer sind es allein auf die erstere Bedingung hin geworden. Es ist lächerlich zu sagen, eine doppelte Streitkraft überschreite unser Können, und zersplittere die Macht, die in Einem Feld sich ungetheilt entfalten könne. So lange dies nicht bewiesen ist, glauben wir billig dem Gegentheil, das die Geschichte gelehrt hat, das unsere Natur uns versichert[34]. Gerade eine Seemacht wird, weil sie nur von Deutschland, nicht von Oestreich, Preußen und Hannover ausgehen kann, eine Einheit nach Außen begründen, von der jetzt noch kaum die Ahnung vorhanden ist.Alles dieses, sagt man weiter, bestehe nicht ohneKolonieen, welche zu erwerben in der jetzigen Lage der Dinge unnütz und schwierig, ja fast unmöglich sei. Vielleicht hätten wir bereits eine Anzahl von Kolonieen, die in ihrer Art genügend sein würden,wenn seit einem Jahrhundert nur die deutsche Auswanderung überwacht, geleitet und auf gewisse Punkte koncentrirt worden wäre. Daß dieses künftig geschehe, ist eine der dringenden Anforderungen, unabweislich geboten durch die Menschlichkeit, welche für die, die das Vaterland verlassen, ein neues bereiten, durch die Klugheit, welche daheim der Uebervölkerung steuern soll, ohne den Volkscharakter draußen Preis zu geben, endlich durch die Politik, welche den deutschen Namen auch außerhalb Europa’s zu beschützen und groß zu machen hat. Es ist wahr, für eine gewisse Höhe der Macht sind Kolonieen unentbehrlich. Ohne die Lasten des Mutterlandes zu tragen, können wir durch die Auswanderung ihre Vortheile uns schaffen. Wenn die Deutschen in Amerika und Australien auf bestimmte Gebiete, und zu so kompakten Massen vereinigt werden, daß die Sprache in ihrer Reinheit und die Nationalität in ihrem Wesen unversehrtbleibt, so werden im Laufe der Zeit deutsche Töchterstaaten heranwachsen, welche, obwohl unabhängig, und außerhalb des nominellen Verbandes, doch dem Mutterstaate durch die natürliche Freundschaft des Blutes so viel, und noch mehr ersetzen können, als ihm militärische Stationen in den wichtigsten Theilen der neuen Welt, und im Süden von Asien gewährt haben würden. Eine mächtige Grundlage, um Großes darauf zu bauen, ist in den nordamerikanischen Freistaaten bereits gelegt. Das allein thut unumgänglich Noth, daß von Deutschland aus Alles nach einem umfassenden Plane einheitlich geleitet werde. Alsdann sind wir im Stande Kolonieen zu haben, — und wir werden sie haben.Nehmet dazu einedeutsche Heerverfassung, wie sie nach dem Muster der preußischen in den übrigen Staaten eingeführt werden kann,eine Volksbewaffnung, in der die Pflicht der Waffen Allen und Jeden gemeinsamist (die einzige die dem deutschen Naturell entspricht[35],) und die materiellen Bedingungen der Größe sind gegeben. Dem Westen gleich an kommercieller Bedeutung, dem Osten an militärischer Stärke, sind wir beiden vereinigt gewachsen, weil wir beider Stärke in einem Maße vereinigen, wie kein anderes Volk in Europa.Ueber dem allem hat uns die Vorsehung mit einer Natur begabt, welche, obwohl verdunkelt und verhüllt im Laufe widriger Zeiten, dennoch bis auf diesen Tag eine Kraft in sich birgt, die weder an Art noch an Umfang in der heutigen Welt einen Nebenbuhler zu scheuen hat. Wollte Gott, ich könnte sie schildern, diese Natur, schildern wie sie ist in den innersten Tiefen, und den Schleier hinwegheben, dessen trübe Hülle sie den Augen der Deutschenselbst verdeckt. Aus dem finstern Umhange von tausend entstellenden Fehlern würde rein und klar ein wunderbares Bild herauftauchen. Denn jetzt zwar liegen die schwachen Seiten der Welt vor Augen, und jene Art von Tugenden, die sich nach dem gegebenen Fall nur zu leicht in Fehler wandeln, aber den Kern der Natur, den sieht sie nicht, faßt sie nicht und ahnt sie nicht. Noch ist deutsche Treue und Ehrlichkeit gepriesen, und soll es, so Gott will, immerdar bleiben; doch die, die sie zum Theil spottend preisen, wissen nicht, daß in den geduldigen Gemüthern eine Stärke und Ausdauer wurzelt, die am Ende aus dem schlammigsten Grunde ihre Blüthen treibt. Man bewundert wohl den deutschen Geist und das deutsche Wissen, erstaunt über die Tiefe der Gedanken und den unermüdlichen Fleiß, der alle Zeiten und Völker an sich zieht; aber welch erschütternder Thatkraft die denkende Innerlichkeit, welch allumfassender Wirkung das hingebende Verständniß fähig sei, das ahnen sie nicht.Ja wir dürfen es offen uns selber sagen: die deutsche Individualität, so sehr sie in einzelnen Stücken von den übrigen Völkern erreicht und übertroffen wird, überragt, als Ganzes betrachtet, sie alle. Es gibt nur zwei Nationen in Europa, die mit der deutschen sich zu messen vermögen: die englische und französische, denn die andern sämmtlich sind trotz eigenthümlicher Vorzüge niedriger gestellt. Mehr Witz, Feinheit des Geistes und logische Leichtigkeit alles das wasEspritheißt, haben die Franzosen; nichts destoweniger ist an Stärke, Umfang und Tiefe der deutsche Geist dem französischen hoch überlegen[36]. Die Engländer haben, was man gewöhnlich Charakter nennt, in höherem Grade, aber das englische Gemüth ist härter, egoistischer, unreiner als das deutsche, und die reelle Thatkraft der Engländer wird von unserer idealen aufgewogen.Ja wäre selbst der französische Geist dem deutschen und der englische Charakter dem deutschen Charakter gleich oder überlegen: — immer noch würde das deutsche Volk einzig, würde es das größte bleiben durch das ihm eigene Gleichgewicht beider Elemente, durch jene seltene Harmonie von Geist und Gemüth, wie sie, die Römer ausgenommen, bei keinem Volk der Weltgeschichte erschienen ist. Diese Harmonie ist so groß, daß uns beinahe keine Eigenschaft zugemessen werden kann, die nicht den Geist und Charakter zugleich träfe. Die Tiefe, Pietät, die Stärke, das Langsame, Bedächtige, Durchdringende, die Allseitigkeit und Schmiegsamkeit — alles das, und noch mehr, ist beiden eigen. Daher ist unsere Natur eine ganze, vollendete, aus Einem Stück gegossene; daher jene wunderbare, Andern unerklärliche Mischung von philosophischer Strenge und religiösem Glauben, spekulativer Kühnheit und kirchlicher Frömmigkeit. Es ist unser Größestes, und was noch niemals in diesem Maße vorhanden gewesen, daß unser Denken keine Gränze kennt, unser Zweifel, wo es Wahrheit gilt keine Schranke, wäre sie noch so heilig geglaubt, — und wir doch bleiben wie die Kinder gottesfürchtig und fromm; daß unser Glaube so maßlos ist in der Hingebung, so ängstlich in der Demuth, — und dennoch so trotzig den Himmel bestürmt in der Stunde der Noth und mit so freier Kraft den höchsten Willen bezwingt. Ja auch wir Deutsche haben einen Muth, — es ist nicht der sinnliche Muth der Ehre, nicht die Begierde nach Ruhm, es ist auch nicht die schnelle Entschlossenheit, der praktische Trieb des vollen Lebens — es ist der Muth einer höhern Begeisterung, entzündbar nur für die heiligen Güter des Lebens, für die Wahrheit und das Recht, für das geistige und nationale Dasein, unüberwindlich und siegreich, so lange er mit Gott geht, dem aber kraftlos das Schwert entsinkt, so wie er sich von Gott verlassen, oder nur in losem Zusammenhange steht mit höheren Zwecken. Und wie mit dem Muthe, so ist’s mit allem Thun und Lassen des Deutschen. Allüberall will er eine höhere Beziehung; wo diese fehlt, ist er lässig, uneinig, träge und elend, wo sie ist, kräftig,energisch und groß auch in den kleinsten Dingen. Deßhalb, weil wir gewohnt sind, alles Beschränkte zu heiligen durch höhere Bande, sind wir geborne Weltbürger, gehen hinaus über den Kreis des Vaterlandes und suchen die Menschheit, ringen unaufhörlich zwischen Patriotismus und Kosmopolitismus umher. Und glaubet nicht, daß dieser Zug zum Allgemeinen, eines der stärksten Merkmale des deutschen Naturells, sich jemals verlieren, oder durch ein einseitiges Bestreben vernichtet werden könne. Das, was einmal unzerstörlich in der Natur liegt, wäre vergebens ausreißen zu wollen: wohl aber soll unsere Sorge sein, ihm die rechte Richtung, den wahren Gehalt zu geben. Wir lieben unser Vaterland, aber wir lieben auch die Menschheit; den selbstischen Trieb wodurch der Mensch dem Stamme zugethan ist, der ihn erzeugt hat, wollen wir verklärt wissen durch allumfassende Liebe.Je mehr daher an dem Vaterlande selbst das Schicksal der Menschheit hängt, desto heißer, je weniger, desto schwächer lieben wir’s.Ja es ist bitter zu sagen, und doch ist’s geschehen und wird ewig geschehen, sobald eine andere Nation uns vom Willen der Menschheit und vom Wehen des Weltgeistes beseelter erscheint als wir, — sobald auch verlassen wir uns selbst, und eilen ihr zu. So haben wir den Franzosen gethan, — nicht dem kleinen beschränkten, französischen Volk, sondern dem Geiste der Menschheit, den wir in ihrer Philosophie, in ihrer Freiheit zu finden vermeinten. Darum ist der Deutsche unendlich groß entweder, oder unendlich klein; und sein Vaterland, obwohl er sich so treu, wie die andern alle dafür zu opfern weiß, wird ihm dann nur Alles sein, wenn er in ihm die Menschheit zugleich lieben, wenn er es als Centrum der Menschheit betrachten darf[37]. O tadelt ihn nicht, diesen großen herrlichen Zug, dies einzigeGeschenk, das der Höchste uns allein unter allen Völkern der Geschichte und für alle verliehen hat[38]. Denn obwohl wir schon Jahrhunderte lang sein Opfer gewesen,so ist es doch, einmal erkannt, nur der Stachel, uns zum Höchsten zu treiben, nur der ewige Mahner, der uns gebietet, entweder hin oder her zu schwankenzwischen dem Vaterlande, das uns theuer, und der Menschheit die uns theuer —oder selbst die Erstlinge der Menschheit, zu sein, und den Geist der Geschichte mit unserm Geiste zu verschmelzen, damit wir uns selbst im Ganzen, und das Ganze in uns umfassen mögen. Darum aber, wenn das Letztere geschieht — wo ist eine Kraft, die sich dieser vergleichen ließe, wo eine Gewalt, die nicht vor dem Hauche der dreifach gegürteten Liebe, der Vaterlands-, der Menschheits- und der Gottesliebe in den Staub sänke?Wenn so die deutsche Natur im Allgemeinen den Stempel der geistigen Oberhoheit trägt: so ist sie überdieß im Einzelnen mit einer Fülle von Talenten gesegnet, wie sie in solcher Vereinigungkeine Nation besitzt. Politische und militärische, philosophische und wissenschaftliche, poetische und künstlerische, musikalische und sprachliche, industrielle und nautische, merkantile und technische Gaben — alles das ist uns so reichlich zugetheilt, daß wir es in den einzelnen Stücken jedem Volke gleich, in einigen zuvor thun. Politische Gaben habe ich zuvörderst gesagt, und das mit Absicht, weil dem größten und wichtigsten Talente der erste Platz gebührt. Es ist nicht von den diplomatischen Künsten, von dem Spiele der Intriguen die Rede, welche Franzosen und Italiener in Europa gelehrt, (obwohl wir leider auch hier unsere Meister gehabt) noch auch von der Habsucht oder der Gewalt, welche leichtlich zum Ziele kommt, weil sie kein Mittel scheut: ich meine die Politik als die hehrste aller Künste. Wenn das ausgesprochenste Talent zu organisiren und zu verwalten, die ausgebreitetste Uebersicht, die größte Allseitigkeit, die angeborne Leichtigkeit, sich in alle auswärtigen Verhältnisse und Charaktere zu finden, der höchste geschichtliche Sinn, und die reichsten Fülle der leitenden Gedanken (noch abgesehen von den moralischen Bedingungen) zur Politik befähigt; dann gewiß ist kein Volk Europa’s dazu in dem Grade befähigt als das deutsche.Zu all diesen Eigenschaften gesellt sich noch eine schon oben berührte: das gehaltene Maaß von intentionellem Reize, das unsern Kräften beigegeben ist. Unser Wille überschreitet niemals unsere Kraft; ja vielleicht ist er zu träge für sie. Das hat uns Manches gekostet, darin liegt zum Theil das Phlegma, womit gemeinhin der Deutsche charakterisirt wird, darin, daß wir nur durch innere Vorgänge getrieben werden können zu handeln, Großes zu thun, die Kraft zu brauchen, nicht durch äußern Anreiz; und Thoren mögen die Lebhaftigkeit der französischen Intention bewundern, wenn sie beständig hinausgeht über die innere Kraft und beständig wieder zurücksinkt;unsist jene Eigenschaft der Bürge des deutschen Berufs in Europa, der Bürge der Hegemonie. Darin gerade, daß Deutschland niemals die Gränzen seiner Sendung überspringen, niemals erobern und umwälzen,niemals in frevelhaften Versuchen die Welt erschüttern wird, darum findet Europa den Frieden, die Erde den Segen. Ja die Deutschen selbst würden, auch im Besitze der höchsten Macht, sich nicht als regierende Gewalthaber, nur als die ersten Diener einer höhern Ordnung, als die Priester eines göttlichen Reiches würden sie sich betrachten. Konservativ sind sie, und sollen sie sein im höchsten Sinne des Worts, kein heiliges Verhältniß soll von ihnen betastet, keine Gränzen der Natur verrückt werden. Im Gegensatz zur Diktatur, welche Rom einstmals geübt hat, ist Deutschland zumkonstitutionellen Königthumin dem großen Gemeinwesen bestimmt, das Europa heißt. Gleich der fürstlichen Macht im wohlgeordneten Staat, soll das königliche Volk, als die Spitze des germanischen Adels, in Eintracht mit den andern Gewalten die oberste Leitung führen, die bindende Einheit wahren, den aristokratischen Druck der Einen, die demokratische Unruhe der Andern ermäßigen, den Mittelstand beschützen, den Pöbel erziehen, ohne doch die Freiheit Aller zu beschränken.So ist Deutschland das gesegnetste Land Europas, wuchernd von innern und äußern Schätzen, der Mittelpunkt der civilisirten Erde; das deutsche Volk, das geistigste, edelste, in allen Theilen gleich gebildetste, talentvollste Volk in Europa, ausgestattet mit königlichen Gaben,das gottbegnadigtste, das die Geschichte kennt.Und dieses Land ist der Spielball der Nationen, dieses Volk ohne Leben und Würde — ja beide, Deutschland und das deutsche Volk, sind in einem gewissen höchst wichtigen, im offensiv-politischen Sinnegar nicht vorhanden in Europa.Wäre dies nicht Thatsache, täglich fühlbare Thatsache — der Verstand des Verständigsten könnte daran zerscheitern. Und er würde es, bliebe nicht eben der Trost, daß die Deutschen nur sehr klein oder sehr groß zu sein verstehen. Ich habe gezeigt, was Deutschlandsein kann, und sollte nun zeigen, was esist. Man erlasse mir den Beweis unserer Nichtigkeit zu führen, denAbstand zu schildern. Sagt mir nichts von Oestreich und Preußen! Wenn sie Deutschland in Wahrheit vertreten, warum herrscht doch die russische Gewalt, warum der englische Egoismus in Europa, warum brüstet sich französische Anmaßung? Wenn sie in außer-deutschem, in eignem Geiste handeln, wie gehören sie hierher? Was jetzt vorhanden ist von Deutschland gleicht einer unsichtbaren Kirche, vielleicht wirksam hin und wieder, aber unfähig sich lebendig zu bethätigen und zum kräftigen Körper zu gestalten. In dem einzigen Worte „Ohnmacht“, Ohnmacht nach Innen, Ohnmacht nach Außen, kann sich das deutsche Volk bespiegeln, wie es leibt und lebt. „Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt.“Wo das Uebel im Ganzen so tief liegt, da fruchtet’s weniger die einzelnen Mängel zu beleuchten; nicht als wäre das nicht nothwendig oder der Mühe werth, sondern weil die Beleuchtung hier nimmermehr wirkt, was sie anderswo wirkt; weil es zahllose Dinge gibt, worein die Nation von oben bis unten die klarste Einsicht hat, deren Abschaffung dem simpelsten Verstande sich aufdrängt, und welche dennoch fortwuchern trotz dem ausgesprochendsten Willen der öffentlichen Stimme. Die Jahre zu berechnen, welche auf dem herkömmlichen Wege hingehen werden, ehe der Zollverein Hannover und Meklenburg bezwingt, die Jahrzehnten ehe er das Meer und ganz Deutschland umfaßt, ehe er auch dann noch ohne kleinliche Rücksichten und mit Kraft zu handeln beginnt, ehe unsere Ströme von Zöllen und ihre Mündungen von Lasten entledigt sind, unsere Auswanderung überwacht und organisirt ist, ehe wir gleiche, öffentliche Gerichtsverfassung, ehe wir gleiche, volksthümliche Wehrverfassung haben; die Jahrhunderte endlich, ehe die außerordentlichen Zeitläufte vorüber sind, in Anbetracht derer die Presse belastet worden ist — alles das zu berechnen wäre thöricht. Denn da die Nation über die meisten ihrer Gebrechen, wenigstens der äußern, nur Eine Meinung hat seit Jahren, und dennoch unfähig ist, diese Meinung geltend zu machen, so fehlt ihr wohl weiter nichts als die Kraft. DerStader-Zollallein, ganz allein wäre hinreichend, den andern Nationen die tiefste Verachtung gegen unsere Erbärmlichkeit einzuflößen.Wenden wir uns hinweg von dem traurigen Anblick und betrachten die Aussicht, die die Zukunft uns bietet. Laßt uns sehen, welche Art von Entwicklung die innern Zustände Deutschlands versprechen.Es gibt in den deutschen Staaten zwei Systeme, die sich schroff gegenüber stehen: das monarchisch-konstitutionelle und das monarchisch-absolute. Die Geschichte sagt uns, daß das erste, obwohl in der heutigen Gestalt kein deutsches Erzeugniß, der deutschen Natur mehr angemessen sei. Die Rechte der Freien an der Staatsgewalt sind so alt als das deutsche Volk, und die ständische Verfassung des Mittelalters hat nicht nur Gesetzgebung- und Besteurungs-, sie hat Regierungsrechte und das Recht des bewaffneten Widerstandes geübt, während die neuen Konstitutionen der Krone eine wahrhaftige Souveränetät gegeben haben. Diejenigen also, welche nicht müde werden uns zu sagen, es liege darin ein Grund von Freiheit, der dem Charakter des deutschen Volks widerspreche, verdienen mit Verachtung abgewiesen zu werden. Ganz anders die kleinere Zahl von ehrenwerthen Männern, denen die konstitutionelle Verfassung widrig erscheint, weil sie vom Ausland her ohne tiefere Begründung auf deutschen Boden verpflanzt worden, und weil die deutschen Kammern, trotz den edlen Bestrebungen, die sich vielfältig geoffenbart, trotz so mancher Verhandlungen, die an Gediegenheit, Muth und Kenntnissen allen andern gleich zu achten sind, dennoch im Ganzen und Großen die Sache des Vaterlandes, das Wohl und die Freiheit von Deutschland nur wenig gefördert haben. Sie haben Recht[39], aber Unrechtwürden sie haben, zu verkennen, daß die Gebrechen des konstitutionellen Systems uns nicht berechtigen, das absolute zu preisen.Jenesist aus einer Mischung des romanisch-liberalen Princips mit der germanischen Freiheit, aus derZusammensetzung französischer und englischer Bestandtheilehervorgegangen,dieses aus der bureaukratisch-militärischen Monarchie, welche vonRichelieu und Mazarin gegründet, von Ludwig XIV. vollendet, nach dem dreißigjährigen Kriege um sich gegriffen hat, und freilich wohl durch die Verfallenheit des alten ständischen Staats vorbereitet gewesen ist. Beide also theilen den romanischen Ursprung, das letztere noch in höherem Grade, und wenn das eine uns in eine geistige Verbindung mit Frankreich setzt, welche ihr Uebles hat, so bringt uns das andere in eine Abhängigkeit von Rußland, welche dreifach von Uebel ist. Genug: welches von beiden das deutschere, und daher unser würdigere sei, darüber kann kein Zweifel sein.Aber eben so wenig darüber: welches von beiden in der Gegenwart das Uebergewicht behaupte. Die Großmächte, mit andern Worten, das bureaukratische System, beherrscht den Bund. Es liegt in der Natur der Dinge, daß die zwei ersten Staaten von Deutschland die Richtung der andern maßgebend bestimmen, daß das konstitutionelle System von dem ihm entgegengesetzten verhindert wird, seine Konsequenzen auszubilden.In diesem Zustande, in so ungesundem Zwiespalt, kann Deutschland nun und nimmer verharren. Entweder die östliche Hälfte muß über die westliche oder diese über jene siegen. Da aber dasundeutsche Element zu kraftlos ist, um das deutschere zu besiegen, so bleibt nur der letztere Fall. Und wie soll nun der Sieg errungen werden?Woher soll Euch die öffentliche Meinung kommen, so stark, so allmächtig, daß sieganzDeutschland ergreift von oben bis unten, unwiderstehlich und doch friedlich und gesetzlich? Wo findet ihr die geistige Macht, die solches vermag? Merket wohl: Eure Kraft ist nur die verhältnißmäßig größere, sie steht nur als deutschere der minder deutschen, nicht als deutsche der undeutschen gegenüber. Und da die Großmächte Deutschlands Beschirmer nach außen, da sie die Horte der Nationalehre sind, da es eure Pflicht ist, in der Stunde der Gefahr vertrauungsvoll nur ihnen zu folgen — so haben sie überdieß ein Gewicht, das Euch fehlt und ihre Schwäche ersetzt.Wie also wollt ihr siegen, als nur durch ein neues, drittes deutsches Element? Und woher es erhalten, wo nicht auf dem Wege des Geistes?Doch es sei. — Setzet, das konstitutionelle System solle allenthalben, wo es jetzt besteht, eine Wahrheit, es solle nirgends mehr der Deckmantel der Willkühr oder das Spielwerk der Launen sein, es solle ungehemmt seine Blüthen und Früchte treiben; setzet, der Westen von Deutschland überwände, so gekräftigt, den Osten. Preußen habe seine Stände, Oestreich eine Charte, der Bund die umgekehrte Tendenz gewonnen; setzet, das Unglaubliche, ja das Unmögliche — und geht nun mit mir noch einen Schritt weiter. —Ihr seid einig geworden nach innen, der Zollverein umschlingt euch nach außen, mehr und mehr erhebt sich eine deutsche Politik, immer mächtiger wird das Nationalgefühl, immer lebendiger die Allmacht des Bundes — wie nun? Je höher die Einheit, desto größer die Opfer, die das einzelne Glied dem Ganzen zu bringen hat: desto beschränkter die Souveränetät der Staate: desto gebundener die Wirksamkeit der Kammern: desto unmöglicher die Wahrung der konstitutionellen Rechte. „Das unvermeidliche Resultat jeder Bundesverfassung ist Beschränkung der ständischen Steuerbewilligungin einem der wichtigsten Punkte, der will sagen, Beschränkung der Ausführbarkeit der guten Verfassung.“[40]Armes, armes Vaterland! Die Freiheit kannst du nur zum Schaden der Einheit, die Einheit nur auf Kosten der Freiheit erringen. Jeder Fortschritt nach außen ist für dich ein Rückschritt nach innen, und derselbe Weg, den du im Schweiß des Angesichts zum Ziele der Vollendung gehst, führt dich immer weiter von diesem Ziele hinweg.Ja, der Staat überhaupt, wie er heute ist, widerspricht der Gestaltung von Deutschland. Denn was in früheren Zeiten in ungeordneter Freiheit lose zusammenhing, ist in der neuen zum festgeschlossenen Ganzen geworden; in absoluten, wie in konstitutionellen Ländern übt die Staatsidee ihre Gewalt, sie verlangt einheitliche Grundlagen, Freiheit nach außen und unabhängige Entwickelung; zusammengesetzte Monarchien bestehen eben so wenig vor ihr als zerrissene Völker. Einen Staatenbund, der in gemessenen Graden sich abstuft, so daß in der Spitze sich alles vereinigt und am Ende nur ein Wille das Ganze beseelt, — den mag sie noch gestatten, wo aber gleiche Berechtigung herrscht, da untergräbt die Föderation sich selber. Je mehr die Staaten sich bestreben wahrhaftig zu sein, was sie sind, desto loser wird die Verbindung, je enger die letztere, desto unmöglicher politische und sociale Ausbildung. Das Ganze blüht nur, wenn das Einzelne, das Einzelne nur, wenn das Ganze welkt.Und hier ist es, wo ein Abgrund vor den Blicken sich zu öffnen, wo die Zukunft des Vaterlandes sich in ein undurchdringliches Dunkel zu verhüllen scheint. Wenn wir die frühere Geschichte betrachten, so zeigt sie uns, daß Deutschland nur in den Zeiten groß und mächtig gewesen, da die Reichsgewalt in Eines Hand vereinigt lag, daß die höchste Blüthe der „germanischen Freiheit“ von jeher mit dem tiefsten politischen Elend verschwistert war, und daß die neuere Zeit eine Entwicklung geschaffen hat,durch welche bereits aus den frühern dreihundert Staaten eine kleinere Zahl von sechs und dreißig geworden; daß endlich dieser Zug, wenn er in gleichem Maße sich in den deutschen Staaten forterhalten würde, allmählig sie alle in Eins verringern kann. Die Einheit von Deutschland — wer unter uns wünschte sie nicht, ja, welcher ist von unsern Fürsten, dem sie nicht als das höchste Ziel, als das theuerste Gut erscheinen müßte? Aber wie dazu gelangen?Unter den Fürsten, wie unter dem Volke sind Versuche gemacht worden. Das erste deutsche Fürstengeschlecht, dasErzhaus, hat zeitenweise den Gedanken verfolgt, durch immer steigende Erweiterung seines Einflusses die Deutschen zur Einheit zu führen. Sehr thöricht ist es, wie viele gethan haben, die östreichische Politik um eines Gedanken willens, der so nahe lag, dessen Durchführung so großartig und belohnend scheinen müßte, zu tadeln. Aber die damaligen Zeiten waren hiefür nicht reif, und wären sie gewesen — so war die höhere Gefahr vorhanden, daß Deutschland in Oestreich sich verloren haben würde, während Oestreich in Deutschland sich hätte verlieren sollen. Es sollte nicht sein und eine weise Fügung hat es verhindert, welche nicht wollte, daß Großes und Herrliches mit Verletzung heiliger innerer Rechte erzielt werde.Seit der Konstituirung des Bundes hat Oestreich auf alle Plane der Art, auch für Süddeutschland (der Norden ist durch Preußen gesperrt) verzichtet, und das mit Recht. Denn da die deutschen Staaten Oestreichs nicht so geartet sind, daß sie den innern Gang von Deutschland vorbezeichnen könnten, vielmehr durch ihre Verbindung mit der großen Monarchie darauf beschränkt sind, den übrigen nachzugehen — so würde eine solche Politik nur verderblich wirken. Ganz anders ist Preußen gestellt. Preußen kann vorangehn; es ist im Zollverein bereits vorangegangen, und wäre fähig, auch in der innern Politik voranzugehn. Die deutsche Hegemonie liegt (wenn das letztere geschähe), in seiner Hand. Allein gerade dieser geistige Einfluß ist es, der eine materielleAusbreitung den Preußen so unmöglich macht, als den Oestreichern. Die höchste Idee der preußischen Politik kann lediglichdiesein, in Deutschland aufzugehn, nicht umgekehrt Deutschland preußisch zu machen. Wäre dieß nicht an sich schon klar genug: so fühlt man doch, daß jeder äußere Versuch im letzten Grund an Oestreich scheitern würde, und thut wohl, nach diesem Gefühle zu handeln. So wird eine Großmacht durch die andere, und alle übrigen Staaten eben durch die Großmächte gehindert, in Deutschland um sich zu greifen. Es ist keine partiale Tendenz vorhanden, welche mächtig genug wäre, das Ganze zu überwältigen.Auch Einzelne aus dem Volke haben den Gedanken gehegt, die deutsche Einheit zu schaffen, aber der Weg, den sie einschlugen, konnte nur über Leichen gehen. Die Versuche, die seit 1815 in diesem Sinne gemacht wurden, waren nicht nur unreif und kindisch, sie waren auch naturwidrig, und die ganze Vorstellung, die ihnen zu Grunde lag, beruhte auf einem tiefen Irrthum[41]. Ehe nicht die einzelnen Staaten selbst so mächtig von dem Gemeingefühl durchdrungen sind, daß die partiale Tendenz in der allgemeinen aufgeht oder sich organisch einfügt, ist keine Einheit gedenkbar. Eine äußere Revolution, gesetzt auch, sie wäre mächtig genug, den bestehenden Zustand aufzuheben und einen Staat zu schaffen, würde unfähig sein, die Verschiedenheit der Tendenzen aufzuheben. Das geeinigte Deutschland würde sofort wieder in ähnliche Theile zerfallen. Die partialen Tendenzen, der alten Form beraubt, worin sie gegossen waren, würden sofort sich neue erschaffen. Wir würden unendlich verloren, Nichts gewonnen haben.Wenn es sonach den einzelnen Staaten unmöglich ist, sich selbst zum Ganzen zu erweitern, dem Volke noch unmöglicher, von unten herauf die einzelnen Staaten ohne ihr Zuthun aufzuheben —was bleibt uns übrig? Nur das eine, daß beide Hand in Hand gehen. Wenn die Staaten selbst ihren beschränkten Trieb dem Allgemeinen in so steigendem Maße unterordnen[42], daß der erstere im letzteren verschwindet, und wenn die Völker durch ein festgeschlossenes einheitliches Bewußtsein diesen Proceß beschleunigen und wo er nicht von selbst beginnt, ihn dem Staate mittheilen; dann ist eine Einheit gedenkbar, welche, obwohl nur innerlich, doch durch gesteigerte Wirksamkeit Deutschlands nach außen, durch große Ereignisse im Laufe der Zeiten, der politischen gleich werden kann, indem sie die Energie des gewöhnlichen Centralstaates sich aneignet, ohne seine Fehler zu theilen[43]. Da aber von sechs und dreißig Staaten nur die wenigern, d. h. die größeren eine Seite des deutschen Wesens (eine Staatsidee) darstellen: so ergibt sich als natürlicher Gang, daß die kleineren, je nach der innern Verwandtschaft, mehr und mehr in die größeren verwachsen, während letztere, indem jeder in seiner Weise den besondern Ausdruck der Einen Gesammtheit bildet, sich in Ecksteine des großen Ganzen verwandeln.Wie wollt ihr nun einen so deutschen Sinn den Regierendenund den Gehorchenden zugleich einflößen? Wie den Einzelnen zumuthen, sich für’s Ganze zu opfern, wenn nicht ein deutsches Gesammtgefühl sich erhebt von so gewaltiger Art, wie es in früheren Zeiten gar nicht gewesen ist? Wie eine Politik erschaffen, die nichts kennt, als die deutschen Rücksichten, diesen letzteren alles andere schlechtweg hintansetzend? Dieß geschieht nicht auf dem gewöhnlichen, breit getretenen Wege — nur durch eine unerhörte, harmonische Bewegung der Geister und Gemüther — auf Thronen wie in Hütten — durch unzertrennliche Einigkeit des gebildeten Kerns der Nation, durch ein scharfes und inniges Bewußtwerden des Berufs von Deutschland.Deutschlands innere Einheit ist bedingt durch die Vereinbarung der politischen Principien, die äußere durch die unbedingteste Gleichheit des Nationalwillens. Beides, die Vereinbarung und die Gleichheit erfordert ein deutsches Princip.Wenn wir, vom Ganzen absehend, die inneren Bestandtheile der Staaten betrachten, so tritt uns dieselbe Forderung und noch lebendiger entgegen.Es ist zunächst die bürgerliche Gesellschaft selbst, und die Schichten des Volkes, aus denen der Staat zusammengesetzt ist, was uns mit der tiefsten Besorgniß erfüllt. Zwischen dem Königthum, als Spitze, und der ackerbauenden Klasse, als dem Fundament des Staates, liegt der Adel und der Mittelstand — die beiden Stände, welche der bürgerlichen Gesellschaft Seele und Richtung geben. Nun hat die Zeit den alten Erbadel untergraben. Seine geistige Bedeutung ist verloren, und keine menschliche Kraft vermag sie wieder hervorzuzaubern[44]. Er ist nur der Schatten von dem, was er war, und mit ihm fehlt uns ein wesentliches, unentbehrliches Element des Staats —eine Mittelmacht zwischen Fürst und Volk, wie sie früher von ihm gebildet worden ist. Wie wahr dieses sei, zeigt ein Blick auf die ersten Kammern der konstitutionellen Länder in Deutschland. Im Gefühl der Nothwendigkeit einer Mittelmacht hat man die Pairien geschaffen — aber was sind sie?Der hohe Adel der ersten Kammern (auch der reichsunmittelbare, so sehr er sonst sein eigenthümliches Interesse zu wahren hat) verstärkt in der Regel lediglich das monarchische Element, ja er steht oftmals dem Volke noch absoluter entgegen als die Krone selbst, und indem er aufhört, selbständiges Mittelglied zu sein, zerstört er die Harmonie des Staatsgebäudes und schärft den Gegensatz, den zu mildern seine Bestimmung war. Vom bureaukratischenAdel gilt dieß in noch höherem Grade, weil er sich mit dem Throne mehr und mehr identificirt.Was unsere Zeit beherrscht, die wahre Großmacht der Staaten, vornehmlich in Deutschland und Frankreich, ist derMittelstand. Durch Talente, Thätigkeit und Erfindungen hat er unbestreitbar die Herrschaft errungen. Aber wehe uns, wenn im Laufe der Jahrzehnten diese Herrschaft in gleichem Maße und in gleicher Weise, wie bisher sich verbreitet. Ihr Hebel ist der Handel, die Industrie und der Reichthum. Die gefallene Erbaristokratie ist einer andern gewichen — aber in Wahrheit keiner bessern: demGeld-Adel. Von diesem Gift des Mammons ist jeder Fortschritt der Civilisation getränkt, und je weiter wir der Vervollkommnung uns zu nähern scheinen, desto unwiederbringlicher gehen die höchsten Güter der Menschheit, die alten Tugenden und die alte Kraft dem Untergange zu. Alles löst sich auf in der allgemeinen Sucht unserer Tage, in der Sucht nach Erwerb. Ja, die edelsten Bestrebungen des deutschen Patriotismus, jene Reihe von vaterländischen Entwürfen, die sich an denZollverein, an deutschen Handel und deutsche Industrie knüpft, die ganze sonst so tröstliche Agitation, führt uns nur eben noch tiefer an den Abgrund, sie wirft uns dem Götzen des Tages, der Geldmacht, in die versengenden Arme.Dieses Alles bedenkend, sucht der redliche Mann nach dem einzigen Troste der übrig bleibt, nach der erquickenden Hoffnung, die uns so vielfach gerühmt und als das höchste Zeichen der Zeit gepriesen wird: ich meine die Macht der Intelligenz. Doch ist’s gerade dieser Trost, der uns in die tiefste Trostlosigkeit zu versenken gemacht ist. Denn im Gewirr der Principien, im Gewühl der Parteien, in der Fluth der Leidenschaften, ist dieWahrheitverloren worden: die Intelligenz eine käufliche Waare, dem Meistbietenden Preis gegeben, der Geist das niedrige Werkzeug der augenblicklichen Plane — Alles verstrickt in einem gräulichen Knäuel unreiner Leidenschaften, den die Edelsten kaum mehr zu entwirren vermögen, Alles verwickelt in ein Gewebe von Lügen,das auch die Reinsten unbewußt umfängt. Und mit der Wahrheit, wie immer, ist auch die Gesundheit dahin. Der Geist, wo nicht feil, unterliegt doch der allgemeinen Krankheit; er beginnt ein buhlerisches Spiel mit sich selbst zu treiben, versenkt sich in heuchlerische Schmerzen oder ekle Selbstvergötterung; das Höchste und Heiligste, was Gott dem Menschen gegeben hat, wird auf diese Weise in einer Art von Selbstbefleckung entweiht.Unter allen Wunden unserer Zeit ist diese die tiefste. Denn die Religion, welche früherhin den Geistern ihr Maaß, den Gemüthern ihren Halt und ihre Wahrheit, und allem menschlichen Thun das Gepräge eines gesunden einheitlichen Charakters gegeben hat, ist durch den Zweifel untergraben; die Moral, von den alten Gesetzen entbunden, bleibt dem Einzelnen überlassen, und das heutige Geschlecht geht frei und ungezügelt seine tausendfältige Bahn. Talente, die sonst das allgemeine Beste befördert haben würden, gehen dadurch unter, und die Intelligenz gereicht dem Vaterlande fast ebenso sehr zum Verderben als zum Heile. Wenn erst der Geist sich selbst verliert, wenn die Grundlage, aus der er sich entwickeln soll, Frische und Natürlichkeit der Gemüther, zerfressen ist, wenn er sich künstlich steigern muß, um noch Etwas zu sein[45]— dann ist das höchste Verderben der Civilisation erreicht, und die ganze Welt scheint gereift entweder zum Tod oder zur Vernichtung durch eine neue Barbarei.So herrscht in unsern Tagen entweder die Militärmacht, das ist dieGewalt— oder dasGeld— oder dieLüge[46]. — Dasist das fürchterliche Bild der heutigen Zeit: dasselbe Bild, das uns, wenn wir in die Geschichte zurückschauen, die letzten Stadien der größten Epochen zur ewigen Warnung enthüllen. Denn die Lüge der Sophisten und der entwickeltste Luxus hat geherrscht als Griechenland fiel; militärische Gewalt verbunden mit der pikanten Verdorbenheit der Geister und der Hingebung an denComfort war übermächtig im sinkenden römischen Reich; und die Unwahrheit war es, nebst jener geistigen Buhlerei, was am Ende des Mittelalters (im Zeitalter Leos X.) die Hierarchie dem Untergang überliefert hat. Wer diese Dinge nicht fühlt, dem werden sie mit Worten nicht in die Seele getränkt, aber wer sie fühlt, (und gewiß sind deren nicht wenige) der wird auch fühlen, daß unsere Zeit, wenn jemals eine, der rettenden Kraft von oben bedarf um nicht unterzugehen; nach dieser Kraft, nach Erlösung wird er seufzen.Was ist’s also, dessen die bürgerliche Gesellschaft bedarf, um sich zu reinigen? Statt des alten erstorbenen Adels will sie einen neuen, höheren, der zwischen Völkern und Fürsten lebendig vermittle, gegen die Geldmacht ein ungeheures geistiges Gegengewicht, damit die industrielle Bewegung, die uns ohne dieses ins Verderben zu führen droht, einem höheren Leben diene, gegen die militärische Gewalt das einfache aber unbesiegliche Bewußtsein freier Bürger und gegen die Lüge die Wahrheit selbst. Denn die Wahrheit allein, wie sie frei macht von dem Taumel der Leidenschaft und dem Gewirre der Parteien, kann auch dem Geist die Gesundheit wieder geben, die er verloren hat, seit das Bestreben der neuern Zeit, in ihm allein das Heil zu finden, uns dem Gemüthe entfremdet und ihn, gesondert, seiner eigenen, zehrenden Unruhe überlassen hat. Jenes Bestreben ist ein wahres, und die Civilisation, um ihre Spitze zu erreichen, müßte wirklich durch eine Anzahl krankhafter Auswüchse hindurch gehen. Die Ueberbildung führt uns zur Natur zurück. Erst wenn der Geist erreicht hat, wornach er trachtet, erst entledigt der schweren Bürde, die er trägt, kann er wieder gefunden, und mit ihm tritt von selbst das Gemüth in seine alten Rechte; denn die Harmonie stellt sofort sich wieder her,und die höchste Kunst ist gleich der höchsten Einfalt.Das Alles will sagen: ein Princip verlangt die Zeit, um die falschen Gewalten zu zerstören, neue zu schaffen, und die Wahrheit zu verkünden.Wir sind noch nicht zu Ende. Setzt, die Uebel, wovon bisher die Rede, seien geheilt. Die bürgerliche Gesellschaft sei vollkommen in ihren Bestandtheilen und ihrer Verfassung; setzt, der Staat könne ohne einen höhern Durchgang sich selbst im Laufe der Zeiten genug thun: so bleibt euch Eine Frage zurück, ungelöst und unauflöslich, sie allein gewichtig genug um alle Vollkommenheiten, die ihr nach Jahrhunderten erreicht habet, zu nichte zu machen — ich meine dasVerhältniß des Staats zur Kirche. Ein solches zu schaffen, organisch, bestimmt und friedsam, wie es sein soll, dahin reicht kein gewöhnliches Wissen, wenn es noch so tief, keine bisherige Kunst, ob sie noch so hoch ist. Wollt ihr die Kirche belassen in ihrer Wesenheit, so steht euch ein ewiger Kampf bevor, denn der Kirche ist unmöglich der Staat als gleich geschweige als überlegen anzuerkennen, so lange sie ihres göttlichen Ursprunges eingedenk sich selbst als von oben herreinragend in alle menschliche Entwickelung, als Erzieherin des Menschengeschlechts betrachtet. Wollt ihr sie aufheben, so habt ihr die Wahl, entweder sie zu zerstören oder ihr durch euere Kraft einen Impuls zu geben von so gewaltiger Art, daß sie selbst sich in dem Staat zersetzt, in freiwilliger Opferung sich dem Tode weiht. Jenes vermögt ihr nicht, ihr müßtet denn die Axt an die Wurzel legen[47]; dieses noch weniger, es wäre denn, daß der Glaube der Menschen eine Umwälzung erführe, wovon selbst die ungläubigsten Zeiten keine Spur offenbaren. In allen Fällen, die Kirche mag bleiben oder fallen, bedarf der Staat, um mit ihr ins Klare zu kommen, einesgeistigen Mittels, von dem bis jetzt noch keine Ahnung vorhanden. Was diese Sache zur wichtigsten der Zukunft macht, ist nicht sowohl der äußere Kampf um die Macht und Kompetenz, der seit Jahrhunderten auf beiden Gebieten geführt wird, als vielmehr die tief eingreifende Wirkung, welche das Verhältniß des Staats zur Kirche auf Erziehung, Bildung und Gesittung, auf Schule, Unterricht und Leben ausübt.Diese Beziehungen allein, zu geschweigen des innern Einflusses auf Glauben und Weltansicht, sind von so umfassender Natur, daß ohne ihr Feststehen weder die Staatsordnung gedeihen, noch die Volkseinheit lebendig fortschreiten kann.Ja denket euch, auch diese Frage sei wie durch ein Wunder geschlichtet, wir wären im Innern befriedigt, nach außen im Besitz einer anerkannten Hegemonie, das glücklichste, freiste und größte Volk — selbst dann noch müßtet ihr, wenn auch nicht für euch, doch für die Völker, an deren Spitze ihr gestellt seit, einen Gedanken, eine Idee, ein Wort verlangen, um es als Banner voranzutragen, wo die äußere Macht euch verläßt, und eine tiefere Anziehung vonnöthen ist. Wo nichts ist als die äußere Macht, da erkalten bald die Herzen; die Macht der Natur, die euch die wahre Berechtigung gibt, vergessen sie, wenn ihr nicht durch ein geistiges Erzeugniß tief und unauslöschlich den Eindruck der Hoheit ihnen einprägt. Noch mehr aber ihr selbst, würdet im Besitze der Macht, ob noch so gemäßigt von Natur, noch so gerecht und wohlwollend, nur zu bald der Versuchung unterliegen, der kaum ein Sterblicher widersteht. Die Lockungen des Uebermuths, die Gelüste des Despotismus würden auch euch ergreifen und euern herrlichsten Werken den bittern Beigeschmack der Sünde einimpfen. So könnte, was ursprünglich zum Segen der Völker bestimmt war, zuletzt zu ihrem Fluche werden. Davor schützt euch und sie nur ein Gesetz, welches von höherer Hand geschrieben, unantastbar für euch selbst und gleich heilig den Andern, als das Palladium der Zukunft in alle Herzen geschrieben, als das unumstößliche Testament an die Spitze der ganzen kommenden Entwickelung gestellt werden soll. Ueberhaupt jene neue Aera, auf die wir alle hoffen, kann dadurch nicht geschaffen werden, daß, wie früher Frankreich, dann England und Rußland eine Art von Hegemonie errungen, so die wechselnde Laune des Geschicks sich auf einige Zeit zu Deutschland neigte; dergleichen ephemere Zukunft wäre nicht würdig mit Feuer gepredigt und mit Liebe umfaßt zu werden: ein flüchtiger Tagesglanz, in dem wederdas Vaterland noch die Menschheit sich sonnen könnte. Die wahre Hegemonie muß von allen, die vorher gewesen, durch Wesen, Bestand und Wirkung geschieden sein: nur auf die umfassendste Grundlage, aus dem tiefsten Kern menschlichen Denkens und Wollens kann sie erhoben werden.So weiset jede Seite der Gegenwart, weiset jede Frage der Zukunft, weisen die politischen und socialen Gebrechen auf ein gemeinsames Ziel. Und es wäre thöricht, zu erwarten, daß irgend eines der großen Probleme, die uns vorgegeben sind, sich abgetrennt von den übrigen oder zu theilweiser Genüge lösen ließe. Das bezeichnende Merkmal der heutigen Kultur, ihr höchster Vorzug und ihre tiefste Gefahr liegt eben darin, daß unsere sämmtlichen Zustände in wunderbarer Verkettung sich durchkreuzen und umschlingen. Und das am mehrsten in unserm Vaterlande und bei dem deutschen Volk, als dem innerlichsten unter allen. Für uns gibt es keine äußere Größe ohne innere Vollendung, keine politische Einheit ohne die Einheit des Glaubens und Denkens, keine sociale Vervollkommnung ohne philosophische Klarheit, keine industrielle Blüthe ohne sittliche Hoheit, keine Hegemonie ohne geistigen Vorgang. Die feinsten Verzweigungen des praktischen Lebens schlagen ihre Wurzeln in die untersten Tiefen des Geistes. Uns ist nur vergönnt, entweder der Welt ein Schauspiel zu geben, wie sie niemals gesehen hat, und so Großes hervorzubringen, wie es noch keine Geschichte kennt — oder in elendem Siechthume unsre Uebel hinzuschleppen bis der Tod uns erwartet.Was wir jetzt leben, ist ein trauriges, halbes, freudloses Leben; was wir können, ein Kleines und Weniges, nicht zu heilen unsre Wunden, nur auf Augenblicke den Schmerz zu lindern; was wir wollen, ein Wollen ohne Vollbringen, ohne Halt, Begründung und Einheit. Mitten unter den höchsten Gütern der Kultur, unter den üppigsten Schätzen der Civilisation, umgeben von den lockendsten Früchten der Politik, dulden wir tantalische Qual; die Wasser des Lebens rauschen in der Tiefe und wir verschmachten vor Durst. „Wir gehen alle in der Irre, wie die Schafe, einjeglicher seinen Weg.“ „Wir tappen nach der Wand wie die Blinden und tappen als die keine Augen haben. Wir stoßen uns in Mittag als in der Dämmerung; wir sind im Düstern wie die Todten. Wir brummen Alle wie die Bären und ächzen wie die Tauben; denn wir harren auf das Recht, so ist es nicht da, auf das Heil, so ist es fern von uns.“[48]In diesem Dunkel scheinet uns nur jenes einzige Licht. Es hat uns überall geleuchtet, wo alle andern Sterne verbleicht sind und dumpfe Finsterniß uns umfing.Noch einmal wie vor achtzehnhundert Jahren muß das Wort als der Morgenstern aufgehen in den Herzen der Völker, muß es die Welt erretten als eine Kraft Gottes, selig zu machen alle die daran glauben.Laßt uns nun in Kürze sehen, von welcher Art es sein müsse. So weit die Eigenthümlichkeit unserer Leiden auf die Gestalt der Heilmittel schließen läßt, so weit können wir errathen, wie etwa das Princip beschaffen sein möge, das die kommenden Jahrhunderte beseligen, das unsrige erlösen soll.
Wir haben Europa durchwandert und stehen jetzt still. Was sich aus der Betrachtung ergeben hat, ist in Kurzem folgendes:
In allen Ländern Europa’s, und zumeist in den zivilisirtesten, ringt das Bewußtsein und der Glaube der Völker, ringt der Instinkt und der Wille der Staaten nach neuen Haltpunkten. Solche zu schaffen sind die Einen zu erschöpft, die Andern zu jung und zu unreif, die Dritten von zu einseitiger Kraft. Deutschland allein ist durch Natur und Gegenwart befähigt, ein Princip zu erzeugen von europäischer Wirkung.
Ganz Europa strebt nach einer festen Organisation seiner Glieder, und findet sie nur in natürlicher Ueber- und Unterordnung. Deutschland allein kann diese Organisation dem Welttheile geben, weil nur eine germanisch-deutsche Hegemonie jenes wahre Gleichgewicht bestehen, ja erst entstehen läßt, dem jede andere, sei es englische, französische oder russische zuwiderläuft, weil nursiein den natürlichen Grenzen bleiben kann, aus welchen jede andere, um zu herrschen, heraustreten muß.
Es ist also nun von dem Volke die Rede, welches Holland, Belgien und die Schweiz in erster Linie, Skandinavien in zweiter,England in dritter Linie sich verbünden, welches den Polen und Ungarn ihre wahre Bedeutung verleihen, die Russen ihrer falschen entkleiden, welches Frankreich und Spanien neu beleben, Italiens Zukunft bestimmen, die griechisch slavische Halbinsel organisiren, die Schicksale des Orients leiten und die fortschreitende Okkupation des Erdkreises überwachen soll: eine Nation, deren Einwirkung hie und da geahnt, selten gefürchtet, nirgend begehrt wird, deren Gegenwart allen Hoffnungen solcher Art Hohn zu sprechen scheint, deren Zukunft den Völkern verschlossen und von ihr selbst nur wenig begriffen ist.
Denn in Deutschland selbst findet die Idee, die hier gepredigt wird, ihre ersten Gegner. Zaghafte Verkennung der eigenen Natur, eingerostete Schwäche, hergebrachte Faulheit, zuweilen auch Billigkeit und Gefühl des Rechtes, mit dem nach bisherigen Erfahrungen jede Superiorität unvereinbar sei. — Alles das erhebt sich schreiend gegen den Gedanken einer deutschen Hegemonie. „Wie, sagt man, in einem Augenblick, wo Deutschland seit Jahren zum ersten Male erwacht, nach innerer Vervollkommnung ringt, wo es den Willen gefunden hat sich selbst zu leben, und schädlichen Außenzwecken zu entsagen, in diesem Augenblick werden die erloschenen Ideen des Mittelalters aus dem Staube der Jahrhunderte hervorgezogen, mit halb Europa soll der Kampf beginnen, Glück, Friede und Wohlstand einem Trugbilde geopfert werden, dessen Verwirklichung, wäre sie möglich, uns zuletzt nur elend machen würde. Wenn auch der Gedanke selbst zu sehr in der Luft schwebt, um je für seine Ausführung Bangen zu erwecken, so verdient doch schon, ihn nur gehegt zu haben, den herbsten Tadel, denn nicht die Ueberspannung der Kräfte, sondern ihr richtiger Gebrauch ist es, was dem deutschen Volke noththut.“
Darauf gibt es nur eine Antwort: Nicht nach außen zu gehen, Eroberungen nachzujagen, draußen die Größe zu suchen, die daheim nicht ist, nicht dazu habe ich die Deutschen ermahnt. Das aber habe ich gesagt: wenn Deutschlandin sich und aus sichalle die Kräfte entwickelt, die ihm Gott gegeben hat, wenn essich selbstzu der Stufe der Vollkommenheit geführt haben wird, die es erreichen will — dann ist es im Nu, und eben dadurch zugleich die erste Macht in Europa. So innig, wollte ich zeigen, ist der Zusammenhang Deutschlands mit Europa, so allumfassend sein Einfluß, daß es sich selbst nicht verändern kann, ohne ganz Europa zu verändern. Trachtet nach dem Einen, habe ich gesagt, undalles andere wird Euch von selbst zufallen.
Seid einig, wollte ich sagen — und zwei Großmächte werden von eurem Willen beseelt und es wird nureineMacht sein mit zwei Armen. Seid einig — und Holland wird euch den alten Starrgeist opfern, und was deutscher Natur ist, in Belgien und der Schweiz, wird sich mit oder ohne Verlangen nach dem neuen Lichte kehren. Seid einig — und Skandinavien wird euere Hand ergreifen. Seid einig — und England wird euer Bündniß suchen in der ersten Zeit der Gefahr. Seid einig — und Rußland wird zittern, und Polen wird hoffen. Seid einig — und Oestreich auf die doppelte Grundlage von Deutschland und Ungarn gestützt, wird euern Willen zum Gesetz erheben in der Frage der Orients. Seid einig — und Italien begehrt von Euch seine Zukunft; ja durch Eure Einigkeit zwingt ihr Portugal, Spanien und Frankreich einig zu sein. Seid nur ihr selbst — und ihr seid das erste Volk der Erde.
Soll ich den Zweiflern erst zeigen, welche Vorbedingungen der Größe, äußere und innere, materielle und geistige, Deutschland in sich trägt? Ein Blick auf die Karte sagt mehr, als es mit Worten geschehen kann. Sind wir nicht in der Mitte des Welttheils gesetzt, als dessen natürliche Mediatoren? Sind wir nicht das einzige Land Europa’s, das mit seinen vier Enden, wie ein Riese hingestreckt, alle Völkerfamilien zugleich berührt? Liegt nicht Polen und Ungarn uns zur Seite und ist nicht Italien wie ein anderer Zweig aus derselbigen Wurzel mit uns verkettet? Zieht sich nicht Eine Linie deutscher Pflanzungen von Preußen bis nach Finnland hinauf? Ist nicht der Rhein ein deutscher Strom, und ist nicht durch unsere Verbrüderung mitUngarn auch die Donau? und wenn’s die Ströme sind, warum sollen nicht auch die Mündungen unser sein? Liegt nicht die Nord- und die Ostsee, das adriatische und das schwarze Meer in unserm Bereich? Und ist nicht der Welthandel auf Deutschland als eine seiner ersten Straßen mit Nothwendigkeit gewiesen?
Das sagt uns die Karte, — und wenn wir weiter schauen, welch’ eine Fülle von Macht liegt nicht in dem einzigen WorteZollverein! Der Zollverein, wenn er erst die sämmtlichen Staaten umfaßt, kann den Holländern, Belgiern und Schweizern Gesetze geben, kann Dänemark, Schweden und Norwegen an seine Spuren fesseln, kann England zwingen mit uns, statt gegen uns zu gehen. Es ist nicht genug, daß er uns erlöse vom holländischen und englischen Joch, daß er unsern Handel, unsre Industrie so groß und frei mache, wie vor Zeiten und die gesunkene Achtung des deutschen Namens in fühlbarer Weise den Nationen wieder einpräge: noch höher ist seine Bestimmung, er soll mit den reichen Mitteln, die ihm zu Gebote stehen,jenes germanische Bündniß heraufführen, worauf unsere politische Zukunft beruht.
Und auch der Schöpfer einer Seemacht kann er uns werden, und muß er uns werden. Denn den Handel, den er geschaffen hat, wird die Nothwendigkeit selbst ihn lehren zu schützen. Sie wird ihm zeigen, daß es kein freies Verhältniß, kein selbstständiges Bündniß mit England gibt,ohne die gleiche Waffe, daß ein vorwiegend kontinentaler Staat, wie Deutschland es ist, einer Seemacht so wenig entrathen kann, als ein Seestaat, wie England es ist, der Landmacht es kann. Wenn die Franzosen, bei ihrem geringen nautischen Talent, zur See groß geworden sind, wie vielmehr wir Deutsche, denen das Geschick in so hohem Maße angeboren ist. Was uns bisher gehindert, war weder Unlust noch Armuth an Mitteln; es war die Zersplitterung, und daß die größeren Staaten, die auch einzeln zur See wohl Einiges vermocht hätten (wie Preußen) in unverhältnißmäßiger Militärmacht sich erschöpfen mußten. Jedes Volk, dem die Natur eine langeKüstenstrecke und dazu Talent für Handel und Seefahrt verliehen hat, kann sofort ohne Anstrengung einseemächtigeswerden, ja die Römer sind es allein auf die erstere Bedingung hin geworden. Es ist lächerlich zu sagen, eine doppelte Streitkraft überschreite unser Können, und zersplittere die Macht, die in Einem Feld sich ungetheilt entfalten könne. So lange dies nicht bewiesen ist, glauben wir billig dem Gegentheil, das die Geschichte gelehrt hat, das unsere Natur uns versichert[34]. Gerade eine Seemacht wird, weil sie nur von Deutschland, nicht von Oestreich, Preußen und Hannover ausgehen kann, eine Einheit nach Außen begründen, von der jetzt noch kaum die Ahnung vorhanden ist.
Alles dieses, sagt man weiter, bestehe nicht ohneKolonieen, welche zu erwerben in der jetzigen Lage der Dinge unnütz und schwierig, ja fast unmöglich sei. Vielleicht hätten wir bereits eine Anzahl von Kolonieen, die in ihrer Art genügend sein würden,wenn seit einem Jahrhundert nur die deutsche Auswanderung überwacht, geleitet und auf gewisse Punkte koncentrirt worden wäre. Daß dieses künftig geschehe, ist eine der dringenden Anforderungen, unabweislich geboten durch die Menschlichkeit, welche für die, die das Vaterland verlassen, ein neues bereiten, durch die Klugheit, welche daheim der Uebervölkerung steuern soll, ohne den Volkscharakter draußen Preis zu geben, endlich durch die Politik, welche den deutschen Namen auch außerhalb Europa’s zu beschützen und groß zu machen hat. Es ist wahr, für eine gewisse Höhe der Macht sind Kolonieen unentbehrlich. Ohne die Lasten des Mutterlandes zu tragen, können wir durch die Auswanderung ihre Vortheile uns schaffen. Wenn die Deutschen in Amerika und Australien auf bestimmte Gebiete, und zu so kompakten Massen vereinigt werden, daß die Sprache in ihrer Reinheit und die Nationalität in ihrem Wesen unversehrtbleibt, so werden im Laufe der Zeit deutsche Töchterstaaten heranwachsen, welche, obwohl unabhängig, und außerhalb des nominellen Verbandes, doch dem Mutterstaate durch die natürliche Freundschaft des Blutes so viel, und noch mehr ersetzen können, als ihm militärische Stationen in den wichtigsten Theilen der neuen Welt, und im Süden von Asien gewährt haben würden. Eine mächtige Grundlage, um Großes darauf zu bauen, ist in den nordamerikanischen Freistaaten bereits gelegt. Das allein thut unumgänglich Noth, daß von Deutschland aus Alles nach einem umfassenden Plane einheitlich geleitet werde. Alsdann sind wir im Stande Kolonieen zu haben, — und wir werden sie haben.
Nehmet dazu einedeutsche Heerverfassung, wie sie nach dem Muster der preußischen in den übrigen Staaten eingeführt werden kann,eine Volksbewaffnung, in der die Pflicht der Waffen Allen und Jeden gemeinsamist (die einzige die dem deutschen Naturell entspricht[35],) und die materiellen Bedingungen der Größe sind gegeben. Dem Westen gleich an kommercieller Bedeutung, dem Osten an militärischer Stärke, sind wir beiden vereinigt gewachsen, weil wir beider Stärke in einem Maße vereinigen, wie kein anderes Volk in Europa.
Ueber dem allem hat uns die Vorsehung mit einer Natur begabt, welche, obwohl verdunkelt und verhüllt im Laufe widriger Zeiten, dennoch bis auf diesen Tag eine Kraft in sich birgt, die weder an Art noch an Umfang in der heutigen Welt einen Nebenbuhler zu scheuen hat. Wollte Gott, ich könnte sie schildern, diese Natur, schildern wie sie ist in den innersten Tiefen, und den Schleier hinwegheben, dessen trübe Hülle sie den Augen der Deutschenselbst verdeckt. Aus dem finstern Umhange von tausend entstellenden Fehlern würde rein und klar ein wunderbares Bild herauftauchen. Denn jetzt zwar liegen die schwachen Seiten der Welt vor Augen, und jene Art von Tugenden, die sich nach dem gegebenen Fall nur zu leicht in Fehler wandeln, aber den Kern der Natur, den sieht sie nicht, faßt sie nicht und ahnt sie nicht. Noch ist deutsche Treue und Ehrlichkeit gepriesen, und soll es, so Gott will, immerdar bleiben; doch die, die sie zum Theil spottend preisen, wissen nicht, daß in den geduldigen Gemüthern eine Stärke und Ausdauer wurzelt, die am Ende aus dem schlammigsten Grunde ihre Blüthen treibt. Man bewundert wohl den deutschen Geist und das deutsche Wissen, erstaunt über die Tiefe der Gedanken und den unermüdlichen Fleiß, der alle Zeiten und Völker an sich zieht; aber welch erschütternder Thatkraft die denkende Innerlichkeit, welch allumfassender Wirkung das hingebende Verständniß fähig sei, das ahnen sie nicht.
Ja wir dürfen es offen uns selber sagen: die deutsche Individualität, so sehr sie in einzelnen Stücken von den übrigen Völkern erreicht und übertroffen wird, überragt, als Ganzes betrachtet, sie alle. Es gibt nur zwei Nationen in Europa, die mit der deutschen sich zu messen vermögen: die englische und französische, denn die andern sämmtlich sind trotz eigenthümlicher Vorzüge niedriger gestellt. Mehr Witz, Feinheit des Geistes und logische Leichtigkeit alles das wasEspritheißt, haben die Franzosen; nichts destoweniger ist an Stärke, Umfang und Tiefe der deutsche Geist dem französischen hoch überlegen[36]. Die Engländer haben, was man gewöhnlich Charakter nennt, in höherem Grade, aber das englische Gemüth ist härter, egoistischer, unreiner als das deutsche, und die reelle Thatkraft der Engländer wird von unserer idealen aufgewogen.Ja wäre selbst der französische Geist dem deutschen und der englische Charakter dem deutschen Charakter gleich oder überlegen: — immer noch würde das deutsche Volk einzig, würde es das größte bleiben durch das ihm eigene Gleichgewicht beider Elemente, durch jene seltene Harmonie von Geist und Gemüth, wie sie, die Römer ausgenommen, bei keinem Volk der Weltgeschichte erschienen ist. Diese Harmonie ist so groß, daß uns beinahe keine Eigenschaft zugemessen werden kann, die nicht den Geist und Charakter zugleich träfe. Die Tiefe, Pietät, die Stärke, das Langsame, Bedächtige, Durchdringende, die Allseitigkeit und Schmiegsamkeit — alles das, und noch mehr, ist beiden eigen. Daher ist unsere Natur eine ganze, vollendete, aus Einem Stück gegossene; daher jene wunderbare, Andern unerklärliche Mischung von philosophischer Strenge und religiösem Glauben, spekulativer Kühnheit und kirchlicher Frömmigkeit. Es ist unser Größestes, und was noch niemals in diesem Maße vorhanden gewesen, daß unser Denken keine Gränze kennt, unser Zweifel, wo es Wahrheit gilt keine Schranke, wäre sie noch so heilig geglaubt, — und wir doch bleiben wie die Kinder gottesfürchtig und fromm; daß unser Glaube so maßlos ist in der Hingebung, so ängstlich in der Demuth, — und dennoch so trotzig den Himmel bestürmt in der Stunde der Noth und mit so freier Kraft den höchsten Willen bezwingt. Ja auch wir Deutsche haben einen Muth, — es ist nicht der sinnliche Muth der Ehre, nicht die Begierde nach Ruhm, es ist auch nicht die schnelle Entschlossenheit, der praktische Trieb des vollen Lebens — es ist der Muth einer höhern Begeisterung, entzündbar nur für die heiligen Güter des Lebens, für die Wahrheit und das Recht, für das geistige und nationale Dasein, unüberwindlich und siegreich, so lange er mit Gott geht, dem aber kraftlos das Schwert entsinkt, so wie er sich von Gott verlassen, oder nur in losem Zusammenhange steht mit höheren Zwecken. Und wie mit dem Muthe, so ist’s mit allem Thun und Lassen des Deutschen. Allüberall will er eine höhere Beziehung; wo diese fehlt, ist er lässig, uneinig, träge und elend, wo sie ist, kräftig,energisch und groß auch in den kleinsten Dingen. Deßhalb, weil wir gewohnt sind, alles Beschränkte zu heiligen durch höhere Bande, sind wir geborne Weltbürger, gehen hinaus über den Kreis des Vaterlandes und suchen die Menschheit, ringen unaufhörlich zwischen Patriotismus und Kosmopolitismus umher. Und glaubet nicht, daß dieser Zug zum Allgemeinen, eines der stärksten Merkmale des deutschen Naturells, sich jemals verlieren, oder durch ein einseitiges Bestreben vernichtet werden könne. Das, was einmal unzerstörlich in der Natur liegt, wäre vergebens ausreißen zu wollen: wohl aber soll unsere Sorge sein, ihm die rechte Richtung, den wahren Gehalt zu geben. Wir lieben unser Vaterland, aber wir lieben auch die Menschheit; den selbstischen Trieb wodurch der Mensch dem Stamme zugethan ist, der ihn erzeugt hat, wollen wir verklärt wissen durch allumfassende Liebe.Je mehr daher an dem Vaterlande selbst das Schicksal der Menschheit hängt, desto heißer, je weniger, desto schwächer lieben wir’s.Ja es ist bitter zu sagen, und doch ist’s geschehen und wird ewig geschehen, sobald eine andere Nation uns vom Willen der Menschheit und vom Wehen des Weltgeistes beseelter erscheint als wir, — sobald auch verlassen wir uns selbst, und eilen ihr zu. So haben wir den Franzosen gethan, — nicht dem kleinen beschränkten, französischen Volk, sondern dem Geiste der Menschheit, den wir in ihrer Philosophie, in ihrer Freiheit zu finden vermeinten. Darum ist der Deutsche unendlich groß entweder, oder unendlich klein; und sein Vaterland, obwohl er sich so treu, wie die andern alle dafür zu opfern weiß, wird ihm dann nur Alles sein, wenn er in ihm die Menschheit zugleich lieben, wenn er es als Centrum der Menschheit betrachten darf[37]. O tadelt ihn nicht, diesen großen herrlichen Zug, dies einzigeGeschenk, das der Höchste uns allein unter allen Völkern der Geschichte und für alle verliehen hat[38]. Denn obwohl wir schon Jahrhunderte lang sein Opfer gewesen,so ist es doch, einmal erkannt, nur der Stachel, uns zum Höchsten zu treiben, nur der ewige Mahner, der uns gebietet, entweder hin oder her zu schwankenzwischen dem Vaterlande, das uns theuer, und der Menschheit die uns theuer —oder selbst die Erstlinge der Menschheit, zu sein, und den Geist der Geschichte mit unserm Geiste zu verschmelzen, damit wir uns selbst im Ganzen, und das Ganze in uns umfassen mögen. Darum aber, wenn das Letztere geschieht — wo ist eine Kraft, die sich dieser vergleichen ließe, wo eine Gewalt, die nicht vor dem Hauche der dreifach gegürteten Liebe, der Vaterlands-, der Menschheits- und der Gottesliebe in den Staub sänke?
Wenn so die deutsche Natur im Allgemeinen den Stempel der geistigen Oberhoheit trägt: so ist sie überdieß im Einzelnen mit einer Fülle von Talenten gesegnet, wie sie in solcher Vereinigungkeine Nation besitzt. Politische und militärische, philosophische und wissenschaftliche, poetische und künstlerische, musikalische und sprachliche, industrielle und nautische, merkantile und technische Gaben — alles das ist uns so reichlich zugetheilt, daß wir es in den einzelnen Stücken jedem Volke gleich, in einigen zuvor thun. Politische Gaben habe ich zuvörderst gesagt, und das mit Absicht, weil dem größten und wichtigsten Talente der erste Platz gebührt. Es ist nicht von den diplomatischen Künsten, von dem Spiele der Intriguen die Rede, welche Franzosen und Italiener in Europa gelehrt, (obwohl wir leider auch hier unsere Meister gehabt) noch auch von der Habsucht oder der Gewalt, welche leichtlich zum Ziele kommt, weil sie kein Mittel scheut: ich meine die Politik als die hehrste aller Künste. Wenn das ausgesprochenste Talent zu organisiren und zu verwalten, die ausgebreitetste Uebersicht, die größte Allseitigkeit, die angeborne Leichtigkeit, sich in alle auswärtigen Verhältnisse und Charaktere zu finden, der höchste geschichtliche Sinn, und die reichsten Fülle der leitenden Gedanken (noch abgesehen von den moralischen Bedingungen) zur Politik befähigt; dann gewiß ist kein Volk Europa’s dazu in dem Grade befähigt als das deutsche.
Zu all diesen Eigenschaften gesellt sich noch eine schon oben berührte: das gehaltene Maaß von intentionellem Reize, das unsern Kräften beigegeben ist. Unser Wille überschreitet niemals unsere Kraft; ja vielleicht ist er zu träge für sie. Das hat uns Manches gekostet, darin liegt zum Theil das Phlegma, womit gemeinhin der Deutsche charakterisirt wird, darin, daß wir nur durch innere Vorgänge getrieben werden können zu handeln, Großes zu thun, die Kraft zu brauchen, nicht durch äußern Anreiz; und Thoren mögen die Lebhaftigkeit der französischen Intention bewundern, wenn sie beständig hinausgeht über die innere Kraft und beständig wieder zurücksinkt;unsist jene Eigenschaft der Bürge des deutschen Berufs in Europa, der Bürge der Hegemonie. Darin gerade, daß Deutschland niemals die Gränzen seiner Sendung überspringen, niemals erobern und umwälzen,niemals in frevelhaften Versuchen die Welt erschüttern wird, darum findet Europa den Frieden, die Erde den Segen. Ja die Deutschen selbst würden, auch im Besitze der höchsten Macht, sich nicht als regierende Gewalthaber, nur als die ersten Diener einer höhern Ordnung, als die Priester eines göttlichen Reiches würden sie sich betrachten. Konservativ sind sie, und sollen sie sein im höchsten Sinne des Worts, kein heiliges Verhältniß soll von ihnen betastet, keine Gränzen der Natur verrückt werden. Im Gegensatz zur Diktatur, welche Rom einstmals geübt hat, ist Deutschland zumkonstitutionellen Königthumin dem großen Gemeinwesen bestimmt, das Europa heißt. Gleich der fürstlichen Macht im wohlgeordneten Staat, soll das königliche Volk, als die Spitze des germanischen Adels, in Eintracht mit den andern Gewalten die oberste Leitung führen, die bindende Einheit wahren, den aristokratischen Druck der Einen, die demokratische Unruhe der Andern ermäßigen, den Mittelstand beschützen, den Pöbel erziehen, ohne doch die Freiheit Aller zu beschränken.
So ist Deutschland das gesegnetste Land Europas, wuchernd von innern und äußern Schätzen, der Mittelpunkt der civilisirten Erde; das deutsche Volk, das geistigste, edelste, in allen Theilen gleich gebildetste, talentvollste Volk in Europa, ausgestattet mit königlichen Gaben,das gottbegnadigtste, das die Geschichte kennt.
Und dieses Land ist der Spielball der Nationen, dieses Volk ohne Leben und Würde — ja beide, Deutschland und das deutsche Volk, sind in einem gewissen höchst wichtigen, im offensiv-politischen Sinnegar nicht vorhanden in Europa.
Wäre dies nicht Thatsache, täglich fühlbare Thatsache — der Verstand des Verständigsten könnte daran zerscheitern. Und er würde es, bliebe nicht eben der Trost, daß die Deutschen nur sehr klein oder sehr groß zu sein verstehen. Ich habe gezeigt, was Deutschlandsein kann, und sollte nun zeigen, was esist. Man erlasse mir den Beweis unserer Nichtigkeit zu führen, denAbstand zu schildern. Sagt mir nichts von Oestreich und Preußen! Wenn sie Deutschland in Wahrheit vertreten, warum herrscht doch die russische Gewalt, warum der englische Egoismus in Europa, warum brüstet sich französische Anmaßung? Wenn sie in außer-deutschem, in eignem Geiste handeln, wie gehören sie hierher? Was jetzt vorhanden ist von Deutschland gleicht einer unsichtbaren Kirche, vielleicht wirksam hin und wieder, aber unfähig sich lebendig zu bethätigen und zum kräftigen Körper zu gestalten. In dem einzigen Worte „Ohnmacht“, Ohnmacht nach Innen, Ohnmacht nach Außen, kann sich das deutsche Volk bespiegeln, wie es leibt und lebt. „Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt.“
Wo das Uebel im Ganzen so tief liegt, da fruchtet’s weniger die einzelnen Mängel zu beleuchten; nicht als wäre das nicht nothwendig oder der Mühe werth, sondern weil die Beleuchtung hier nimmermehr wirkt, was sie anderswo wirkt; weil es zahllose Dinge gibt, worein die Nation von oben bis unten die klarste Einsicht hat, deren Abschaffung dem simpelsten Verstande sich aufdrängt, und welche dennoch fortwuchern trotz dem ausgesprochendsten Willen der öffentlichen Stimme. Die Jahre zu berechnen, welche auf dem herkömmlichen Wege hingehen werden, ehe der Zollverein Hannover und Meklenburg bezwingt, die Jahrzehnten ehe er das Meer und ganz Deutschland umfaßt, ehe er auch dann noch ohne kleinliche Rücksichten und mit Kraft zu handeln beginnt, ehe unsere Ströme von Zöllen und ihre Mündungen von Lasten entledigt sind, unsere Auswanderung überwacht und organisirt ist, ehe wir gleiche, öffentliche Gerichtsverfassung, ehe wir gleiche, volksthümliche Wehrverfassung haben; die Jahrhunderte endlich, ehe die außerordentlichen Zeitläufte vorüber sind, in Anbetracht derer die Presse belastet worden ist — alles das zu berechnen wäre thöricht. Denn da die Nation über die meisten ihrer Gebrechen, wenigstens der äußern, nur Eine Meinung hat seit Jahren, und dennoch unfähig ist, diese Meinung geltend zu machen, so fehlt ihr wohl weiter nichts als die Kraft. DerStader-Zollallein, ganz allein wäre hinreichend, den andern Nationen die tiefste Verachtung gegen unsere Erbärmlichkeit einzuflößen.
Wenden wir uns hinweg von dem traurigen Anblick und betrachten die Aussicht, die die Zukunft uns bietet. Laßt uns sehen, welche Art von Entwicklung die innern Zustände Deutschlands versprechen.
Es gibt in den deutschen Staaten zwei Systeme, die sich schroff gegenüber stehen: das monarchisch-konstitutionelle und das monarchisch-absolute. Die Geschichte sagt uns, daß das erste, obwohl in der heutigen Gestalt kein deutsches Erzeugniß, der deutschen Natur mehr angemessen sei. Die Rechte der Freien an der Staatsgewalt sind so alt als das deutsche Volk, und die ständische Verfassung des Mittelalters hat nicht nur Gesetzgebung- und Besteurungs-, sie hat Regierungsrechte und das Recht des bewaffneten Widerstandes geübt, während die neuen Konstitutionen der Krone eine wahrhaftige Souveränetät gegeben haben. Diejenigen also, welche nicht müde werden uns zu sagen, es liege darin ein Grund von Freiheit, der dem Charakter des deutschen Volks widerspreche, verdienen mit Verachtung abgewiesen zu werden. Ganz anders die kleinere Zahl von ehrenwerthen Männern, denen die konstitutionelle Verfassung widrig erscheint, weil sie vom Ausland her ohne tiefere Begründung auf deutschen Boden verpflanzt worden, und weil die deutschen Kammern, trotz den edlen Bestrebungen, die sich vielfältig geoffenbart, trotz so mancher Verhandlungen, die an Gediegenheit, Muth und Kenntnissen allen andern gleich zu achten sind, dennoch im Ganzen und Großen die Sache des Vaterlandes, das Wohl und die Freiheit von Deutschland nur wenig gefördert haben. Sie haben Recht[39], aber Unrechtwürden sie haben, zu verkennen, daß die Gebrechen des konstitutionellen Systems uns nicht berechtigen, das absolute zu preisen.Jenesist aus einer Mischung des romanisch-liberalen Princips mit der germanischen Freiheit, aus derZusammensetzung französischer und englischer Bestandtheilehervorgegangen,dieses aus der bureaukratisch-militärischen Monarchie, welche vonRichelieu und Mazarin gegründet, von Ludwig XIV. vollendet, nach dem dreißigjährigen Kriege um sich gegriffen hat, und freilich wohl durch die Verfallenheit des alten ständischen Staats vorbereitet gewesen ist. Beide also theilen den romanischen Ursprung, das letztere noch in höherem Grade, und wenn das eine uns in eine geistige Verbindung mit Frankreich setzt, welche ihr Uebles hat, so bringt uns das andere in eine Abhängigkeit von Rußland, welche dreifach von Uebel ist. Genug: welches von beiden das deutschere, und daher unser würdigere sei, darüber kann kein Zweifel sein.
Aber eben so wenig darüber: welches von beiden in der Gegenwart das Uebergewicht behaupte. Die Großmächte, mit andern Worten, das bureaukratische System, beherrscht den Bund. Es liegt in der Natur der Dinge, daß die zwei ersten Staaten von Deutschland die Richtung der andern maßgebend bestimmen, daß das konstitutionelle System von dem ihm entgegengesetzten verhindert wird, seine Konsequenzen auszubilden.
In diesem Zustande, in so ungesundem Zwiespalt, kann Deutschland nun und nimmer verharren. Entweder die östliche Hälfte muß über die westliche oder diese über jene siegen. Da aber dasundeutsche Element zu kraftlos ist, um das deutschere zu besiegen, so bleibt nur der letztere Fall. Und wie soll nun der Sieg errungen werden?
Woher soll Euch die öffentliche Meinung kommen, so stark, so allmächtig, daß sieganzDeutschland ergreift von oben bis unten, unwiderstehlich und doch friedlich und gesetzlich? Wo findet ihr die geistige Macht, die solches vermag? Merket wohl: Eure Kraft ist nur die verhältnißmäßig größere, sie steht nur als deutschere der minder deutschen, nicht als deutsche der undeutschen gegenüber. Und da die Großmächte Deutschlands Beschirmer nach außen, da sie die Horte der Nationalehre sind, da es eure Pflicht ist, in der Stunde der Gefahr vertrauungsvoll nur ihnen zu folgen — so haben sie überdieß ein Gewicht, das Euch fehlt und ihre Schwäche ersetzt.
Wie also wollt ihr siegen, als nur durch ein neues, drittes deutsches Element? Und woher es erhalten, wo nicht auf dem Wege des Geistes?
Doch es sei. — Setzet, das konstitutionelle System solle allenthalben, wo es jetzt besteht, eine Wahrheit, es solle nirgends mehr der Deckmantel der Willkühr oder das Spielwerk der Launen sein, es solle ungehemmt seine Blüthen und Früchte treiben; setzet, der Westen von Deutschland überwände, so gekräftigt, den Osten. Preußen habe seine Stände, Oestreich eine Charte, der Bund die umgekehrte Tendenz gewonnen; setzet, das Unglaubliche, ja das Unmögliche — und geht nun mit mir noch einen Schritt weiter. —
Ihr seid einig geworden nach innen, der Zollverein umschlingt euch nach außen, mehr und mehr erhebt sich eine deutsche Politik, immer mächtiger wird das Nationalgefühl, immer lebendiger die Allmacht des Bundes — wie nun? Je höher die Einheit, desto größer die Opfer, die das einzelne Glied dem Ganzen zu bringen hat: desto beschränkter die Souveränetät der Staate: desto gebundener die Wirksamkeit der Kammern: desto unmöglicher die Wahrung der konstitutionellen Rechte. „Das unvermeidliche Resultat jeder Bundesverfassung ist Beschränkung der ständischen Steuerbewilligungin einem der wichtigsten Punkte, der will sagen, Beschränkung der Ausführbarkeit der guten Verfassung.“[40]
Armes, armes Vaterland! Die Freiheit kannst du nur zum Schaden der Einheit, die Einheit nur auf Kosten der Freiheit erringen. Jeder Fortschritt nach außen ist für dich ein Rückschritt nach innen, und derselbe Weg, den du im Schweiß des Angesichts zum Ziele der Vollendung gehst, führt dich immer weiter von diesem Ziele hinweg.
Ja, der Staat überhaupt, wie er heute ist, widerspricht der Gestaltung von Deutschland. Denn was in früheren Zeiten in ungeordneter Freiheit lose zusammenhing, ist in der neuen zum festgeschlossenen Ganzen geworden; in absoluten, wie in konstitutionellen Ländern übt die Staatsidee ihre Gewalt, sie verlangt einheitliche Grundlagen, Freiheit nach außen und unabhängige Entwickelung; zusammengesetzte Monarchien bestehen eben so wenig vor ihr als zerrissene Völker. Einen Staatenbund, der in gemessenen Graden sich abstuft, so daß in der Spitze sich alles vereinigt und am Ende nur ein Wille das Ganze beseelt, — den mag sie noch gestatten, wo aber gleiche Berechtigung herrscht, da untergräbt die Föderation sich selber. Je mehr die Staaten sich bestreben wahrhaftig zu sein, was sie sind, desto loser wird die Verbindung, je enger die letztere, desto unmöglicher politische und sociale Ausbildung. Das Ganze blüht nur, wenn das Einzelne, das Einzelne nur, wenn das Ganze welkt.
Und hier ist es, wo ein Abgrund vor den Blicken sich zu öffnen, wo die Zukunft des Vaterlandes sich in ein undurchdringliches Dunkel zu verhüllen scheint. Wenn wir die frühere Geschichte betrachten, so zeigt sie uns, daß Deutschland nur in den Zeiten groß und mächtig gewesen, da die Reichsgewalt in Eines Hand vereinigt lag, daß die höchste Blüthe der „germanischen Freiheit“ von jeher mit dem tiefsten politischen Elend verschwistert war, und daß die neuere Zeit eine Entwicklung geschaffen hat,durch welche bereits aus den frühern dreihundert Staaten eine kleinere Zahl von sechs und dreißig geworden; daß endlich dieser Zug, wenn er in gleichem Maße sich in den deutschen Staaten forterhalten würde, allmählig sie alle in Eins verringern kann. Die Einheit von Deutschland — wer unter uns wünschte sie nicht, ja, welcher ist von unsern Fürsten, dem sie nicht als das höchste Ziel, als das theuerste Gut erscheinen müßte? Aber wie dazu gelangen?
Unter den Fürsten, wie unter dem Volke sind Versuche gemacht worden. Das erste deutsche Fürstengeschlecht, dasErzhaus, hat zeitenweise den Gedanken verfolgt, durch immer steigende Erweiterung seines Einflusses die Deutschen zur Einheit zu führen. Sehr thöricht ist es, wie viele gethan haben, die östreichische Politik um eines Gedanken willens, der so nahe lag, dessen Durchführung so großartig und belohnend scheinen müßte, zu tadeln. Aber die damaligen Zeiten waren hiefür nicht reif, und wären sie gewesen — so war die höhere Gefahr vorhanden, daß Deutschland in Oestreich sich verloren haben würde, während Oestreich in Deutschland sich hätte verlieren sollen. Es sollte nicht sein und eine weise Fügung hat es verhindert, welche nicht wollte, daß Großes und Herrliches mit Verletzung heiliger innerer Rechte erzielt werde.
Seit der Konstituirung des Bundes hat Oestreich auf alle Plane der Art, auch für Süddeutschland (der Norden ist durch Preußen gesperrt) verzichtet, und das mit Recht. Denn da die deutschen Staaten Oestreichs nicht so geartet sind, daß sie den innern Gang von Deutschland vorbezeichnen könnten, vielmehr durch ihre Verbindung mit der großen Monarchie darauf beschränkt sind, den übrigen nachzugehen — so würde eine solche Politik nur verderblich wirken. Ganz anders ist Preußen gestellt. Preußen kann vorangehn; es ist im Zollverein bereits vorangegangen, und wäre fähig, auch in der innern Politik voranzugehn. Die deutsche Hegemonie liegt (wenn das letztere geschähe), in seiner Hand. Allein gerade dieser geistige Einfluß ist es, der eine materielleAusbreitung den Preußen so unmöglich macht, als den Oestreichern. Die höchste Idee der preußischen Politik kann lediglichdiesein, in Deutschland aufzugehn, nicht umgekehrt Deutschland preußisch zu machen. Wäre dieß nicht an sich schon klar genug: so fühlt man doch, daß jeder äußere Versuch im letzten Grund an Oestreich scheitern würde, und thut wohl, nach diesem Gefühle zu handeln. So wird eine Großmacht durch die andere, und alle übrigen Staaten eben durch die Großmächte gehindert, in Deutschland um sich zu greifen. Es ist keine partiale Tendenz vorhanden, welche mächtig genug wäre, das Ganze zu überwältigen.
Auch Einzelne aus dem Volke haben den Gedanken gehegt, die deutsche Einheit zu schaffen, aber der Weg, den sie einschlugen, konnte nur über Leichen gehen. Die Versuche, die seit 1815 in diesem Sinne gemacht wurden, waren nicht nur unreif und kindisch, sie waren auch naturwidrig, und die ganze Vorstellung, die ihnen zu Grunde lag, beruhte auf einem tiefen Irrthum[41]. Ehe nicht die einzelnen Staaten selbst so mächtig von dem Gemeingefühl durchdrungen sind, daß die partiale Tendenz in der allgemeinen aufgeht oder sich organisch einfügt, ist keine Einheit gedenkbar. Eine äußere Revolution, gesetzt auch, sie wäre mächtig genug, den bestehenden Zustand aufzuheben und einen Staat zu schaffen, würde unfähig sein, die Verschiedenheit der Tendenzen aufzuheben. Das geeinigte Deutschland würde sofort wieder in ähnliche Theile zerfallen. Die partialen Tendenzen, der alten Form beraubt, worin sie gegossen waren, würden sofort sich neue erschaffen. Wir würden unendlich verloren, Nichts gewonnen haben.
Wenn es sonach den einzelnen Staaten unmöglich ist, sich selbst zum Ganzen zu erweitern, dem Volke noch unmöglicher, von unten herauf die einzelnen Staaten ohne ihr Zuthun aufzuheben —was bleibt uns übrig? Nur das eine, daß beide Hand in Hand gehen. Wenn die Staaten selbst ihren beschränkten Trieb dem Allgemeinen in so steigendem Maße unterordnen[42], daß der erstere im letzteren verschwindet, und wenn die Völker durch ein festgeschlossenes einheitliches Bewußtsein diesen Proceß beschleunigen und wo er nicht von selbst beginnt, ihn dem Staate mittheilen; dann ist eine Einheit gedenkbar, welche, obwohl nur innerlich, doch durch gesteigerte Wirksamkeit Deutschlands nach außen, durch große Ereignisse im Laufe der Zeiten, der politischen gleich werden kann, indem sie die Energie des gewöhnlichen Centralstaates sich aneignet, ohne seine Fehler zu theilen[43]. Da aber von sechs und dreißig Staaten nur die wenigern, d. h. die größeren eine Seite des deutschen Wesens (eine Staatsidee) darstellen: so ergibt sich als natürlicher Gang, daß die kleineren, je nach der innern Verwandtschaft, mehr und mehr in die größeren verwachsen, während letztere, indem jeder in seiner Weise den besondern Ausdruck der Einen Gesammtheit bildet, sich in Ecksteine des großen Ganzen verwandeln.
Wie wollt ihr nun einen so deutschen Sinn den Regierendenund den Gehorchenden zugleich einflößen? Wie den Einzelnen zumuthen, sich für’s Ganze zu opfern, wenn nicht ein deutsches Gesammtgefühl sich erhebt von so gewaltiger Art, wie es in früheren Zeiten gar nicht gewesen ist? Wie eine Politik erschaffen, die nichts kennt, als die deutschen Rücksichten, diesen letzteren alles andere schlechtweg hintansetzend? Dieß geschieht nicht auf dem gewöhnlichen, breit getretenen Wege — nur durch eine unerhörte, harmonische Bewegung der Geister und Gemüther — auf Thronen wie in Hütten — durch unzertrennliche Einigkeit des gebildeten Kerns der Nation, durch ein scharfes und inniges Bewußtwerden des Berufs von Deutschland.
Deutschlands innere Einheit ist bedingt durch die Vereinbarung der politischen Principien, die äußere durch die unbedingteste Gleichheit des Nationalwillens. Beides, die Vereinbarung und die Gleichheit erfordert ein deutsches Princip.
Wenn wir, vom Ganzen absehend, die inneren Bestandtheile der Staaten betrachten, so tritt uns dieselbe Forderung und noch lebendiger entgegen.
Es ist zunächst die bürgerliche Gesellschaft selbst, und die Schichten des Volkes, aus denen der Staat zusammengesetzt ist, was uns mit der tiefsten Besorgniß erfüllt. Zwischen dem Königthum, als Spitze, und der ackerbauenden Klasse, als dem Fundament des Staates, liegt der Adel und der Mittelstand — die beiden Stände, welche der bürgerlichen Gesellschaft Seele und Richtung geben. Nun hat die Zeit den alten Erbadel untergraben. Seine geistige Bedeutung ist verloren, und keine menschliche Kraft vermag sie wieder hervorzuzaubern[44]. Er ist nur der Schatten von dem, was er war, und mit ihm fehlt uns ein wesentliches, unentbehrliches Element des Staats —eine Mittelmacht zwischen Fürst und Volk, wie sie früher von ihm gebildet worden ist. Wie wahr dieses sei, zeigt ein Blick auf die ersten Kammern der konstitutionellen Länder in Deutschland. Im Gefühl der Nothwendigkeit einer Mittelmacht hat man die Pairien geschaffen — aber was sind sie?
Der hohe Adel der ersten Kammern (auch der reichsunmittelbare, so sehr er sonst sein eigenthümliches Interesse zu wahren hat) verstärkt in der Regel lediglich das monarchische Element, ja er steht oftmals dem Volke noch absoluter entgegen als die Krone selbst, und indem er aufhört, selbständiges Mittelglied zu sein, zerstört er die Harmonie des Staatsgebäudes und schärft den Gegensatz, den zu mildern seine Bestimmung war. Vom bureaukratischenAdel gilt dieß in noch höherem Grade, weil er sich mit dem Throne mehr und mehr identificirt.
Was unsere Zeit beherrscht, die wahre Großmacht der Staaten, vornehmlich in Deutschland und Frankreich, ist derMittelstand. Durch Talente, Thätigkeit und Erfindungen hat er unbestreitbar die Herrschaft errungen. Aber wehe uns, wenn im Laufe der Jahrzehnten diese Herrschaft in gleichem Maße und in gleicher Weise, wie bisher sich verbreitet. Ihr Hebel ist der Handel, die Industrie und der Reichthum. Die gefallene Erbaristokratie ist einer andern gewichen — aber in Wahrheit keiner bessern: demGeld-Adel. Von diesem Gift des Mammons ist jeder Fortschritt der Civilisation getränkt, und je weiter wir der Vervollkommnung uns zu nähern scheinen, desto unwiederbringlicher gehen die höchsten Güter der Menschheit, die alten Tugenden und die alte Kraft dem Untergange zu. Alles löst sich auf in der allgemeinen Sucht unserer Tage, in der Sucht nach Erwerb. Ja, die edelsten Bestrebungen des deutschen Patriotismus, jene Reihe von vaterländischen Entwürfen, die sich an denZollverein, an deutschen Handel und deutsche Industrie knüpft, die ganze sonst so tröstliche Agitation, führt uns nur eben noch tiefer an den Abgrund, sie wirft uns dem Götzen des Tages, der Geldmacht, in die versengenden Arme.
Dieses Alles bedenkend, sucht der redliche Mann nach dem einzigen Troste der übrig bleibt, nach der erquickenden Hoffnung, die uns so vielfach gerühmt und als das höchste Zeichen der Zeit gepriesen wird: ich meine die Macht der Intelligenz. Doch ist’s gerade dieser Trost, der uns in die tiefste Trostlosigkeit zu versenken gemacht ist. Denn im Gewirr der Principien, im Gewühl der Parteien, in der Fluth der Leidenschaften, ist dieWahrheitverloren worden: die Intelligenz eine käufliche Waare, dem Meistbietenden Preis gegeben, der Geist das niedrige Werkzeug der augenblicklichen Plane — Alles verstrickt in einem gräulichen Knäuel unreiner Leidenschaften, den die Edelsten kaum mehr zu entwirren vermögen, Alles verwickelt in ein Gewebe von Lügen,das auch die Reinsten unbewußt umfängt. Und mit der Wahrheit, wie immer, ist auch die Gesundheit dahin. Der Geist, wo nicht feil, unterliegt doch der allgemeinen Krankheit; er beginnt ein buhlerisches Spiel mit sich selbst zu treiben, versenkt sich in heuchlerische Schmerzen oder ekle Selbstvergötterung; das Höchste und Heiligste, was Gott dem Menschen gegeben hat, wird auf diese Weise in einer Art von Selbstbefleckung entweiht.
Unter allen Wunden unserer Zeit ist diese die tiefste. Denn die Religion, welche früherhin den Geistern ihr Maaß, den Gemüthern ihren Halt und ihre Wahrheit, und allem menschlichen Thun das Gepräge eines gesunden einheitlichen Charakters gegeben hat, ist durch den Zweifel untergraben; die Moral, von den alten Gesetzen entbunden, bleibt dem Einzelnen überlassen, und das heutige Geschlecht geht frei und ungezügelt seine tausendfältige Bahn. Talente, die sonst das allgemeine Beste befördert haben würden, gehen dadurch unter, und die Intelligenz gereicht dem Vaterlande fast ebenso sehr zum Verderben als zum Heile. Wenn erst der Geist sich selbst verliert, wenn die Grundlage, aus der er sich entwickeln soll, Frische und Natürlichkeit der Gemüther, zerfressen ist, wenn er sich künstlich steigern muß, um noch Etwas zu sein[45]— dann ist das höchste Verderben der Civilisation erreicht, und die ganze Welt scheint gereift entweder zum Tod oder zur Vernichtung durch eine neue Barbarei.
So herrscht in unsern Tagen entweder die Militärmacht, das ist dieGewalt— oder dasGeld— oder dieLüge[46]. — Dasist das fürchterliche Bild der heutigen Zeit: dasselbe Bild, das uns, wenn wir in die Geschichte zurückschauen, die letzten Stadien der größten Epochen zur ewigen Warnung enthüllen. Denn die Lüge der Sophisten und der entwickeltste Luxus hat geherrscht als Griechenland fiel; militärische Gewalt verbunden mit der pikanten Verdorbenheit der Geister und der Hingebung an denComfort war übermächtig im sinkenden römischen Reich; und die Unwahrheit war es, nebst jener geistigen Buhlerei, was am Ende des Mittelalters (im Zeitalter Leos X.) die Hierarchie dem Untergang überliefert hat. Wer diese Dinge nicht fühlt, dem werden sie mit Worten nicht in die Seele getränkt, aber wer sie fühlt, (und gewiß sind deren nicht wenige) der wird auch fühlen, daß unsere Zeit, wenn jemals eine, der rettenden Kraft von oben bedarf um nicht unterzugehen; nach dieser Kraft, nach Erlösung wird er seufzen.
Was ist’s also, dessen die bürgerliche Gesellschaft bedarf, um sich zu reinigen? Statt des alten erstorbenen Adels will sie einen neuen, höheren, der zwischen Völkern und Fürsten lebendig vermittle, gegen die Geldmacht ein ungeheures geistiges Gegengewicht, damit die industrielle Bewegung, die uns ohne dieses ins Verderben zu führen droht, einem höheren Leben diene, gegen die militärische Gewalt das einfache aber unbesiegliche Bewußtsein freier Bürger und gegen die Lüge die Wahrheit selbst. Denn die Wahrheit allein, wie sie frei macht von dem Taumel der Leidenschaft und dem Gewirre der Parteien, kann auch dem Geist die Gesundheit wieder geben, die er verloren hat, seit das Bestreben der neuern Zeit, in ihm allein das Heil zu finden, uns dem Gemüthe entfremdet und ihn, gesondert, seiner eigenen, zehrenden Unruhe überlassen hat. Jenes Bestreben ist ein wahres, und die Civilisation, um ihre Spitze zu erreichen, müßte wirklich durch eine Anzahl krankhafter Auswüchse hindurch gehen. Die Ueberbildung führt uns zur Natur zurück. Erst wenn der Geist erreicht hat, wornach er trachtet, erst entledigt der schweren Bürde, die er trägt, kann er wieder gefunden, und mit ihm tritt von selbst das Gemüth in seine alten Rechte; denn die Harmonie stellt sofort sich wieder her,und die höchste Kunst ist gleich der höchsten Einfalt.
Das Alles will sagen: ein Princip verlangt die Zeit, um die falschen Gewalten zu zerstören, neue zu schaffen, und die Wahrheit zu verkünden.
Wir sind noch nicht zu Ende. Setzt, die Uebel, wovon bisher die Rede, seien geheilt. Die bürgerliche Gesellschaft sei vollkommen in ihren Bestandtheilen und ihrer Verfassung; setzt, der Staat könne ohne einen höhern Durchgang sich selbst im Laufe der Zeiten genug thun: so bleibt euch Eine Frage zurück, ungelöst und unauflöslich, sie allein gewichtig genug um alle Vollkommenheiten, die ihr nach Jahrhunderten erreicht habet, zu nichte zu machen — ich meine dasVerhältniß des Staats zur Kirche. Ein solches zu schaffen, organisch, bestimmt und friedsam, wie es sein soll, dahin reicht kein gewöhnliches Wissen, wenn es noch so tief, keine bisherige Kunst, ob sie noch so hoch ist. Wollt ihr die Kirche belassen in ihrer Wesenheit, so steht euch ein ewiger Kampf bevor, denn der Kirche ist unmöglich der Staat als gleich geschweige als überlegen anzuerkennen, so lange sie ihres göttlichen Ursprunges eingedenk sich selbst als von oben herreinragend in alle menschliche Entwickelung, als Erzieherin des Menschengeschlechts betrachtet. Wollt ihr sie aufheben, so habt ihr die Wahl, entweder sie zu zerstören oder ihr durch euere Kraft einen Impuls zu geben von so gewaltiger Art, daß sie selbst sich in dem Staat zersetzt, in freiwilliger Opferung sich dem Tode weiht. Jenes vermögt ihr nicht, ihr müßtet denn die Axt an die Wurzel legen[47]; dieses noch weniger, es wäre denn, daß der Glaube der Menschen eine Umwälzung erführe, wovon selbst die ungläubigsten Zeiten keine Spur offenbaren. In allen Fällen, die Kirche mag bleiben oder fallen, bedarf der Staat, um mit ihr ins Klare zu kommen, einesgeistigen Mittels, von dem bis jetzt noch keine Ahnung vorhanden. Was diese Sache zur wichtigsten der Zukunft macht, ist nicht sowohl der äußere Kampf um die Macht und Kompetenz, der seit Jahrhunderten auf beiden Gebieten geführt wird, als vielmehr die tief eingreifende Wirkung, welche das Verhältniß des Staats zur Kirche auf Erziehung, Bildung und Gesittung, auf Schule, Unterricht und Leben ausübt.
Diese Beziehungen allein, zu geschweigen des innern Einflusses auf Glauben und Weltansicht, sind von so umfassender Natur, daß ohne ihr Feststehen weder die Staatsordnung gedeihen, noch die Volkseinheit lebendig fortschreiten kann.
Ja denket euch, auch diese Frage sei wie durch ein Wunder geschlichtet, wir wären im Innern befriedigt, nach außen im Besitz einer anerkannten Hegemonie, das glücklichste, freiste und größte Volk — selbst dann noch müßtet ihr, wenn auch nicht für euch, doch für die Völker, an deren Spitze ihr gestellt seit, einen Gedanken, eine Idee, ein Wort verlangen, um es als Banner voranzutragen, wo die äußere Macht euch verläßt, und eine tiefere Anziehung vonnöthen ist. Wo nichts ist als die äußere Macht, da erkalten bald die Herzen; die Macht der Natur, die euch die wahre Berechtigung gibt, vergessen sie, wenn ihr nicht durch ein geistiges Erzeugniß tief und unauslöschlich den Eindruck der Hoheit ihnen einprägt. Noch mehr aber ihr selbst, würdet im Besitze der Macht, ob noch so gemäßigt von Natur, noch so gerecht und wohlwollend, nur zu bald der Versuchung unterliegen, der kaum ein Sterblicher widersteht. Die Lockungen des Uebermuths, die Gelüste des Despotismus würden auch euch ergreifen und euern herrlichsten Werken den bittern Beigeschmack der Sünde einimpfen. So könnte, was ursprünglich zum Segen der Völker bestimmt war, zuletzt zu ihrem Fluche werden. Davor schützt euch und sie nur ein Gesetz, welches von höherer Hand geschrieben, unantastbar für euch selbst und gleich heilig den Andern, als das Palladium der Zukunft in alle Herzen geschrieben, als das unumstößliche Testament an die Spitze der ganzen kommenden Entwickelung gestellt werden soll. Ueberhaupt jene neue Aera, auf die wir alle hoffen, kann dadurch nicht geschaffen werden, daß, wie früher Frankreich, dann England und Rußland eine Art von Hegemonie errungen, so die wechselnde Laune des Geschicks sich auf einige Zeit zu Deutschland neigte; dergleichen ephemere Zukunft wäre nicht würdig mit Feuer gepredigt und mit Liebe umfaßt zu werden: ein flüchtiger Tagesglanz, in dem wederdas Vaterland noch die Menschheit sich sonnen könnte. Die wahre Hegemonie muß von allen, die vorher gewesen, durch Wesen, Bestand und Wirkung geschieden sein: nur auf die umfassendste Grundlage, aus dem tiefsten Kern menschlichen Denkens und Wollens kann sie erhoben werden.
So weiset jede Seite der Gegenwart, weiset jede Frage der Zukunft, weisen die politischen und socialen Gebrechen auf ein gemeinsames Ziel. Und es wäre thöricht, zu erwarten, daß irgend eines der großen Probleme, die uns vorgegeben sind, sich abgetrennt von den übrigen oder zu theilweiser Genüge lösen ließe. Das bezeichnende Merkmal der heutigen Kultur, ihr höchster Vorzug und ihre tiefste Gefahr liegt eben darin, daß unsere sämmtlichen Zustände in wunderbarer Verkettung sich durchkreuzen und umschlingen. Und das am mehrsten in unserm Vaterlande und bei dem deutschen Volk, als dem innerlichsten unter allen. Für uns gibt es keine äußere Größe ohne innere Vollendung, keine politische Einheit ohne die Einheit des Glaubens und Denkens, keine sociale Vervollkommnung ohne philosophische Klarheit, keine industrielle Blüthe ohne sittliche Hoheit, keine Hegemonie ohne geistigen Vorgang. Die feinsten Verzweigungen des praktischen Lebens schlagen ihre Wurzeln in die untersten Tiefen des Geistes. Uns ist nur vergönnt, entweder der Welt ein Schauspiel zu geben, wie sie niemals gesehen hat, und so Großes hervorzubringen, wie es noch keine Geschichte kennt — oder in elendem Siechthume unsre Uebel hinzuschleppen bis der Tod uns erwartet.
Was wir jetzt leben, ist ein trauriges, halbes, freudloses Leben; was wir können, ein Kleines und Weniges, nicht zu heilen unsre Wunden, nur auf Augenblicke den Schmerz zu lindern; was wir wollen, ein Wollen ohne Vollbringen, ohne Halt, Begründung und Einheit. Mitten unter den höchsten Gütern der Kultur, unter den üppigsten Schätzen der Civilisation, umgeben von den lockendsten Früchten der Politik, dulden wir tantalische Qual; die Wasser des Lebens rauschen in der Tiefe und wir verschmachten vor Durst. „Wir gehen alle in der Irre, wie die Schafe, einjeglicher seinen Weg.“ „Wir tappen nach der Wand wie die Blinden und tappen als die keine Augen haben. Wir stoßen uns in Mittag als in der Dämmerung; wir sind im Düstern wie die Todten. Wir brummen Alle wie die Bären und ächzen wie die Tauben; denn wir harren auf das Recht, so ist es nicht da, auf das Heil, so ist es fern von uns.“[48]
In diesem Dunkel scheinet uns nur jenes einzige Licht. Es hat uns überall geleuchtet, wo alle andern Sterne verbleicht sind und dumpfe Finsterniß uns umfing.
Noch einmal wie vor achtzehnhundert Jahren muß das Wort als der Morgenstern aufgehen in den Herzen der Völker, muß es die Welt erretten als eine Kraft Gottes, selig zu machen alle die daran glauben.
Laßt uns nun in Kürze sehen, von welcher Art es sein müsse. So weit die Eigenthümlichkeit unserer Leiden auf die Gestalt der Heilmittel schließen läßt, so weit können wir errathen, wie etwa das Princip beschaffen sein möge, das die kommenden Jahrhunderte beseligen, das unsrige erlösen soll.