Kapitel XIV.Art und Umfang des Princips.Indem wir die letzte Hoffnung der Zeit ins Auge fassen, begegnet uns zuerst die Frage: ob etwas dem ähnliches, was wir suchen, nicht schon vorhanden sei im Reiche des Geistes? Wir Alle wissen, daß nurdie deutsche Philosophieden Grundstein einer höheren Zukunft uns legen kann. Wir Alle glauben, daß die deutsche Forschung, so mühselig sie vorwärts schreitet, so seltsam der unaufhörliche Wechsel auch Manchen bedünken mag, dennoch ihr stilles Werk noch fördern werde, bis sie, der Vollendunggenesen, aus der unbeachteten, verborgenen Hütte heraustritt an’s Tageslicht, um als Sauerteig die Masse der Zeit zu durchdringen. Wir alle sind überzeugt, daß keine Macht der Welt im Stande ist, die Freiheit der Forschung zu hemmen, daß die Philosophie, wo sie nur die Wahrheit sucht, vor keinem Resultate zu zittern braucht, wäre es auch allen Meinungen des Tages entgegen, daß endlich die einmal gefundene Wahrheit sich Bahn brechen muß durch tausend und aber tausend Hindernisse, um zur Herrschaft zu gedeihen im Leben. Wir alle sind der Meinung, daß es nur Einem vergönnt sein könne, die höchste Blüthe der Wissenschaft heraufzuführen[49], und daß die Natur und Persönlichkeit dieses Einen der ungeheuern Sendung entsprechen müsse, womit er betraut ist.In dem Allen sind wir, wenigstens Viele unter uns, einig, aber um so uneiniger im Einzelnen. Denn während die Einen der Zukunft harren, ergreifen die Andern, was vorhanden ist. Den Letzteren scheint es kurzsichtig, wo nicht sündlich, an der Wahrheit dessen zu zweifeln, was von ihnen anerkannt worden; und sie selbst sind wiederum in viele Parteien gespalten, deren jede die Anderen bekämpft.Eine ähnliche Fehde zu beginnen, dazu die einzelnen Philosopheme nach ihrem logischen Gehalt zu zergliedern, liegt nicht in unserem Bereich; es wäre, selbst wenn wir wollten, ein unerquickliches, unfruchtbares Geschäft: was uns berührt, ist die allgemeine Wirkung auf die Zeit und die Menschen überhaupt. Die Einigkeit,welche ein deutsches Princip uns bringen soll, hat von all den vorhandenen Systemen uns noch keines gebracht. Vielmehr sind in Weltanschauung und Glauben die Deutschen zersplitterter als sie jemals gewesen[50]; die Mannigfaltigkeit, und mit ihr die Verwirrung, hat den höchsten Gipfel erstiegen. Dieses sei weder zum Tadel, noch zum Lobe der bisherigen Philosophie gesagt, nur als einfache, geschichtliche Thatsache ausgesprochen. Wäre sonach das, was wir suchen, schon vorhanden: so müßte nothwendig Eines der jetzigen Philosopheme die anderen übersiegen. Dieß könnte vielleicht erst nach Jahrzehnten, ja nach Jahrhunderten geschehen: denn die Wahrheit pflegt langsam Raum zu gewinnen: gleichviel für uns, wenn nur Hoffnung ist, daß es geschehe. Aus der Mischung des Vorhandenen, das weiß Jedermann, kann uns nimmermehr Heil erwachsen. Nun sind aber, wie die Dinge stehen, nur zwei Systeme vorhanden, welche als künftighin siegend möglicher Weise gedacht werden können: das Schelling’sche und Hegel’sche. Alle andern sind von diesen beiden überflügelt worden; die früheren, weil Schelling und Hegel auch von denen, die nicht zu ihren Schülern gezählt sind, als höhere Phasen der großen Entwicklung betrachtet werden[51]die gleichzeitigen und außer jener Reihe in besonderer Eigenthümlichkeit stehenden (z. B. J. J. Wagner, Herbart), weil sie keine Herrschaft in der öffentlichen Meinung, keinen Einfluß auf die Wissenschaft errungen haben, der jenen vergleichbar wäre. An jene beiden also sind wir beschränkt, den Maßstab der Hoffnung anzulegen. Aber indem wir geneigt sind, dieß zu versuchen, tritt uns eine seltsame Erscheinungentgegen. Das ältere und das neuere Schelling’sche System, die Rechte, das Centrum und die linke Seite der Hegel’schen Schule sind so ganz verschiedenartige Dinge, daß es unmöglich ist, die Ideen, welche von beiden Philosophemen in die Welt gerufen worden, als Einheit anzuschauen. Was hat, um das schärfste Beispiel zu nehmen, die Orthodoxie, ja der Pietismus der Hegel’schen Rechte mit der antikirchlichen Aufklärung der jüngern zu thun?[52]Wie, fragen wir uns, wo ist Schelling, wo ist Hegel selbst — wo ihr Princip — und kaum gefaßt, entsagen wir unserem Vorhaben; denn es sind ja nurdie alten, längst bekannten Gegensätze der Zeit, die uns hier begegnen.Nicht die Zeit zu beherrschen oder zu überwinden, hat die bisherige Philosophie vermocht: sie selbst ist nur ein befangenes Kind der Zeit,sie spiegelt nur eben in philosophischer Weise, in ihrer Art die Kämpfe der Zeit zurück. Kaum geboren, zersetzen sich die modernen Systeme,in dieselbigen Bestandtheile, die zu einigen oder zu bezwingen ihreAbsicht war; kaum geprägt, verfallen sie demselben zernichtenden Einfluß, der allen Geburten des Jahrhunderts den Stempel einer unauflöslichen Zwietracht aufdrückt. Nur zweierlei konnte im Sinn der Meister liegen: entweder Eine von den zwei Tendenzen, welche um die Weltherrschaft kämpfen, zum Siege zu erbeben; oder ein Neues zu schaffen, und hiedurch das Bisherige zu vermitteln oder zu beseitigen. Wenn jenes, wie so wenig gelang es ihnen, da aus ihrem eignen Schooße die besiegte Tendenz mit erneuerter Kraft hervorging; wenn dieses, was soll uns eine Vermittlung, deren Inhalt so arm, deren Umfang so gering ist, daß sie selbst im Nu den Gegensätzen unterliegt, die sie vermitteln wollte?Die neuere Philosophie kann von allen Erscheinungen, welche die Sehnsucht der Zeit und der Kampf der Principien hervorgerufen hat, die größte, sie kann als solche bewundernswürdig und unsterblich sein, sie kann die Wahrheit stückweise geahndet und die Grundlage für eine höhere Hand gelegt haben — und sie ist das und hat das in der That — was wir begehren, ein neues, lebendiges Evangelium, das ist sie nicht, jene erlösende und richtende, jene schlichtende und schaffende Kraft, welche die Menschheit verlangt — die hat sie nicht.Und woher sollte sie ihr auch eigen sein? Bei allem Herrlichen, daß sie geleistet, ist sie doch immerSchulegeblieben, eingeschlossen in die engen Schranken der Form und der Kaste, verständlich nur einem kleinen Kreise des Volkes, gebunden an äußere Bedingungen, ergreifend und erweckend nicht den ganzen Menschen, sondern nur etliche Fächer des Geistes, endlich so gekettet an die Terminologie, daß der formale Gehalt das innere Wissen bedingt, ja leichtlich so sehr überwiegt, daß die Wahrheit selbst, das höchste Ziel des menschlichen Wollens, zum logischen Spielwerk herabsinkt[53]. Daher ist, bei aller Systematik, jene wahre, innere Logik so selten zu finden, welche, ohne ein Zuthun vonkünstlichen Formeln oder rhetorischer Darstellung oder phantasiereicher Anschauung, schon allein durch ihre nackte Reinheit den Geist belebt und erquickt; was hievon vorhanden ist in den Werken der Meister, verliert sich unter den Händen der Schüler, deren größere Masse sich im formalen Gehäuse einnistet, alle Wissenschaften damit bekleidet und sich dann bedünken läßt, sie besitze die Wahrheit, weil sie ein Gerippe von Formeln und Phrasen besitzt, die von ihnen selbst nicht verstanden, von der Menge aber bewundert werden, weil es in der Menschen Art liegt, in Allem, was räthselhaft klingt, einen tieferen Sinn zu suchen[54]. So geschieht, daß in neuerer Zeit die systematische Philosophie mehr des Unheils anrichtet als sie Segen bringt: die Mittelmäßigkeit unterliegt dem Zauber der Formeln, ihre Köpfe werden mit Verwirrung, ihre Gemüther mit Schalheit erfüllt; und ein Geschlecht wächst heran, welches unter der stolzen Einbildung, die schwierigsten Fragen zu bemeistern, die entsetzlichste Hohlheit verbirgt, weil es, durch jene äußere Fertigkeit verführt, noch weniger gedacht und noch oberflächlicher empfunden hat, als es ohne das vielleicht gethan haben würde. Das ist nun zunächst nicht der Meister Schuld (obwohl Hegel durch seine Form Veranlassung genug gegeben hat), wohl aber der heutigen Philosophie überhaupt, d. h. der zunftmäßigen Stellung, die sie unter den Wissenschaften einnimmt, und wodurch sie alle Handwerker der Zunft berechtiget, an der Wahrheit zu pfuschen.Endlich gesetzt auch, der dogmatische Gehalt der heutigen Philosophie sei genügend — was er in keiner Weise ist —: wo ist der Uebergang von der Idee zum Leben? Wo die Brücke zu den socialen und politischen Dingen? Wo ist irgend eine Heilkraft für die Gebrechen, irgend ein Eingriff in die Entwicklungder Zeit? Darin war Fichte ein anderer Mann und ganz einzig; vor ihm lebte in frischer Eigenthümlichkeit ein Staat, eine Erziehung, eine Politik; und obwohl jedes Kind begreifen konnte, wie unmöglich es sei, seine Gedanken praktisch anzuwenden oder auszuführen, so war doch inseinemGeiste die Brücke geschlagen,sichwenigstens hatte er eine sociale Ordnung geschaffen, und in schwerer Zeit konnte er sprechen zu seinem Volk, so sprechen, daß ihn als einen der Retter aus tiefer Noth die deutsche Nation ewig heilig halten soll. Wenn sein Denken, sein Wollen ein Irrthum gewesen, so war es doch ein großer, herrlicher und lebensvoller Irrthum. Die heutigen Systeme sind kraft- und leblos; wo sie wagen, herauszutreten in’s Freie, versinken sie im Strudel der politischen Parteiung. Und das wahrhaftig zum Glück der Zeitgenossen; denn wehe uns, wenn der modernen Schelling’schen Schule oder den alten oder den jungen Hegelianern vergönnt wäre, nach ihrem Sinne den Staat zu modeln! Wir würden in neue und tiefere Verwirrung stürzen; die Unklarheit, noch leidlich auf dem Gebiete des Wissens, würde unerträglich, wenn sie als politisches Evangelium erschiene. Doch — der Hegelianismus selbst hat gefühlt, wie wenig er berufen sei, das Leben und die Wirklichkeit zu reformiren; einer seiner begabtesten Jünger hat ein ehrliches Bekenntniß der socialen Unfähigkeit abgelegt, und die guten Deutschen für die Gegenwart an die französische Revolution für die Zukunft auf die englische verwiesen[55].Auch die höchste Philosophie muß in strenger logischer Gebundenheit ihre Sätze entwickeln, auch sie kann nicht Allen begreiflich sein, auch sie wird zunächst nur den Verstand der Menschen berühren. AberihreLogik muß, unabhängig von scholastischen Formeln und gelehrtem Beiwerk, jedem, der klar zu denken vermag, begreiflich,ihrVerständniß allen höheren Naturen vergönnt sein, welche, gebildet oder ungebildet, weß Standes und Berufes sie sein mögen, nach Wahrheit verlangen[56];ihreWirkung soll alle Seiten der Seele erfassen, so daß die Klarheit, welche geistig über ihr ausgegossen wird, zugleich das Gemüth erwärmt und der ganze Mensch gewandelt wird wie in Verjüngung und Wiedergeburt. Ein tiefes, göttliches Element muß in ihr liegen, welches, auch abgesehen von aller systematischen Entwicklung, die verschiedensten Naturen bewältigt, die Sehnsucht der Geister und der Herzen befriedigt; gleichwie die Religion nicht nur durch ihre Dogmen, sondern mehr noch durch einen innern, kaum auszusprechenden Eindruck die Seelen ergreift.Das Princip, mit Einem Wort, welches wir begehren, muß von allen Philosophemen, die bisher gewesen, nicht nur im Grade, sondern der Wesenheit nach geschieden sein; die ganze Kette von Systemen von Spinoza an bis auf unsere Tage ist eine der vielen Vorarbeiten, die der menschliche Geist durchlaufen mußte, um zum Ziele zu kommen: die größte, ausgesprochenste, und organisch gerundet. Das letzte Glied der Kette, Hegel, ist sowohl durch die überall sichtliche Ahnung[57], die theils in seinen, theils in seinerJünger Ideen lebt, als durch die trostlose Unfähigkeit (wie sie jetzt klar genug der Welt vor Augen liegt), die lebendigste und sicherste Weissagung der kommenden Wahrheit. Der Mann, der die letztere uns brächte, würde unter die Philosophen des Tages hineintreten, wie einst Sokrates unter die Sophisten[58].Ich habe bisher von denen gesprochen, welche des wahren Princips bereits theilhaftig zu sein glauben; aber ungleich größer ist die Zahl der Andern, welche ein solches überhaupt nicht begehren, weil ihnen das Christenthum in seiner Fülle genügend erscheint. Wie weit dieses wahr sei, wie weit nicht, darüber zu rechten, ist hier nicht der Ort; aber so viel ist offenbar: wenn auch Einzelne, und darunter treffliche und redliche Zeitgenossen, einer neuen Erscheinung nicht bedürfen, so kann damit nicht gesagt sein, daß nicht die Zeit im Ganzen eines solchen bedürfe. Ja, sie selbst können, bei vollem Glauben, ein ähnliches Verlangen hegen: sei es, damit der Zweifel, der seit Jahrhunderten die Religion untergräbt, zum Abschluß geführt[59]und der Kampf zwischen Philosophie und Theologie geschlichtet werde; sei es zur Versöhnung der Konfessionen, oder sei es um die socialen undpolitischen Fragen zu lösen. Der letztere Punkt insonderheit ist es, in dem wir Alle, weß Glaubens wir sonst seien, zusammentreffen. Das Christenthum ist seiner Natur nach unfähig, über diese Dinge Licht zu geben; jede Staatsverfassung gilt ihm das Gleiche, in Despotieen wie in Republiken gedeiht sein stilles Walten, und es ist gerade eines seiner größten Merkmale, daß es unabhängig von allen Einrichtungen überall dieselbe Wurzel schlägt. Es ist nicht nur unmöglch, vom christlichen Standpunkt aus den Staat zu konstruiren: noch mehr, das Christenthum zieht uns von dergleichen Bemühungen ab. Ich komme damit auf einen Gegenstand, der in die untersten Tiefen des Lebens und der Gesittung eingreift, der uns mehr als alle andern Dinge den furchtbaren Zwiespalt unsrer Civilisation offenbart. Die christliche Religion hat von Anfang an das irdische Dasein als ein Zwischending betrachtet, das Zweck und Bedeutung nicht in sich trägt, erst durch ein anderes, höheres bekömmt. Hier unten ist Sünde, Elend und Tod; was hier geschieht, ist befleckt von dem Fluch der verdorbenen Kreatur, die Erde ein Jammerthal, aus dem die Seele sich sehnen muß befreit zu werden. Das Christenthum, mit Einem Wort, hat niemalsdie Erdegeheiligt. Der Trieb, auf dem die Fortpflanzung des Geschlechts beruht, obwohl von Gott ursprünglich gegeben, ist eine Unvollkommenheit, welche die Auserwählten um des Himmelreichs willen besiegen können[60]. Wiesollte es nun das menschliche Treiben überhaupt, und die höchste Spitze desselben,den Staat, heiligen?Diese Lehren des Christenthums, so göttlich wirksam in der verderbten, durch Sinnlichkeit untergegangenen römischen Welt und unter den rohen barbarischen Massen, mußten in Widerspruch treten zur menschlichen Ordnung, nachdem das Bekenntniß die allgemeine Herrschaft errungen. Doch die Kirche verhinderte den Zwiespalt. Das Christenthum war sichtbar geworden in der irdischen Welt, es hatte sich zu einem Körper gestaltet, der alle Gebiete des Lebens beherrschte, den weltlichen Mächten gebot, und eben durch diese Beherrschung das Irdische zu sich heraufzog und verklärte. Die Kirche selbst hat die alte Kultur gerettet, sie dem christlichen Unterricht beigegeben; allem konnte sie, als Erzieherin, die Weihe geben.Als aber die Wissenschaft das Gemeingut Aller geworben, als die Kirche dem Staat, als endlich die Religion der Kritik unterlag — da trat der Zwiespalt offen und unversöhnlich hervor. So lange die Gemüthsanschauung des Christenthums mit ihren Dogmen auch den Verstand befriedigte, war die Gefahr noch beseitigt; der Mensch wurde nach allen Kräften, in seinem ganzen Sein von der Einen Wahrheit ergriffen, er blieb, wenn auch der Erde abgewandt, doch gesunde, lebendige Persönlichkeit. In unsern Tagen ist Alles verändert. Wer heute noch festhält am alten Glauben, der muß dieVernunft gefangen gebenunter das höhere Gesetz; er versinkt in ein krankhaftes, einseitiges Gemüthsleben, und wohl ihm, wenn er darin nicht untergeht. Das herrlichste, was der menschliche Geist hervorgebracht hat in Poesie, Wissenschaft, Kunst und Politik, ist für ihn nur mit dem schwarzen Stempel der Sünde gezeichnet; das ganze Naturleben verschließt sich ihm, und er wandelt auf Erden, wie einer der ihr bereits entrückt ist, in trauriger und tragischer Unnatur.Diese Erscheinung ist es, welche man gewöhnlich mit dem Namen „Pietismus“ bezeichnet. Wir wollen es uns nicht verhehlen, wir Protestanten ins Besondere: der so oft geschmähte,von der Menge so leichtsinnig mit dem Vorwurfe der Heuchelei abgefertigte Pietismus[61]ergreift auch die edlen und tiefen Gemüther, erfüllt auch höhere Seelen, (bei denen freilich eine mehr unbewußte als bewußte Freiheit des Geistes ein natürliches Gegengewicht hält); er wurzelt heutzutage mit Nothwendigkeit in dem alten Christenthum, d. h. in dem Mißverhältnisse, worein in Beziehung auf letzteres unsere ganze Kultur gerathen ist. Der Pietismus wird eher nicht aufhören, eine nothwendige Krankheit der Zeit zu sein, als nicht der moderne Verstand, am Ziele der Forschung angelangt, eine klare Stellung zu der christlichen Anschauung gefunden haben wird, eine solche, die dem Gemüthsleben seine Rechte gibt, ohne die Gefangennehmung der Vernunft dabei zu bedingen.Aber nicht nur das heutige Mißverhältniß, überhaupt jenen alten Zwiespalt der religiösen Konsequenzen und des irdischen Lebens soll die Philosophie versöhnen. Sie soll in das flüchtige Dasein einen bleibenden Selbstzweck legen, allen menschlichen Hervorbringungen unvergängliche, selbsteigene Bedeutung verleihen, und die Ewigkeit ins Leben hereintragen, wie das Christenthum das Leben in die Ewigkeit versetzt hat. Dem Gemüth ists eigen, zu ahnden, zu hoffen und zu sehnen, ins Unendliche sich zu verlieren; der Geist ergreift die Gegenwart, durchdringt das Vorhandene und gibt ihm die höhere Weihe. So auch die Religion und die Philosophie. Diese hebt nicht auf, was jene geschaffen, aber sie thut ein Neues hinzu, sie zerstört nicht das ewige Leben, aber sie schafft eine neue Erde. Erst wenn der Mensch der Ewigkeit, die vor ihm liegt, mit freier Seele gewärtig, aber auchdes Augenblicks, worin er befangen ist, im Innersten fröhlich sein kann, erst dann wird sich die Menschheit eines vollkommenen, gerechtfertigten Daseins erfreuen.Wir wollen nun dem Princip selbst noch näher treten.DieSpekulationsoll uns den Grund der Welt, ihre gegenwärtige Bedeutung und ihr Endziel erschließen. Sie soll dieEinheitdes Alls uns beweisen, und aus ihr dieTrennungGottes und der Welt, des Schöpfers und des Geschaffnen herstellen. Sie soll uns einen Gott geben, welcher sein Bewußtsein nicht nur in uns finde, sondern in ihm selbst trage, einen Gott, welcher schrankenlos und unendlich, dennoch für uns ein versönlicher sei,das heißt mit welchem ein unmittelbar persönliches Verhältniß uns möglich und nothwendig sei. Sie soll uns mehr als Unvergänglichkeit, sie soll uns dieUnsterblichkeit des Ichsgeben, und seine Erscheinungsformen konstatiren. Sie soll den Gedankengang Gottes in der Schöpfung nachweisen, und seine ewig nothwendigen Gesetze. Sie sollalleGegensätze, welche die Welt, (somit auch diemoralischeWelt) bewegen, auf Einen Gegensatz zurückführen und diesen Einen in der Ureinheit auflösen: also daß im ewigen Kampf selbst die Versöhnung liege und die Nothwendigkeit zur Freiheit werde. Endlich soll sie das Verhältniß der kosmischen Massen zur organischen Welt, und der Erde zum Weltall einerseits, zu den Erdgeschöpfen andrerseits zeigen[62].In ihr muß die bramanische und buddhistische Weltanschauung aufgehen, der Polytheismus seine Erklärung, der Monotheismus seine Begründung finden, das Christenthum aber gerechtfertigt werden als das höchste Erzeugniß derEinenSeite der menschlichen Seele. Wie diesem mit Nothwendigkeit das Produkt derandernfolgen mußte, wie beide sich bedingen und ergänzen,in welcher Ordnung sie gegenseitig gestellt sind, muß klar hervorgehn.Doch — ich habe bereits vorgegriffen. Wir stehen an dem Punkte, der uns zunächst berührt. Was vor allem die Zeit bedarf, und wovon noch keine Spur vorhanden, istdie Lehre vom Geiste, das ist die Kenntniß der geistigen Gesetze, auf denen aller Organismus, insbesondere der menschliche, als der höchste beruht[63].Die menschliche Seele muß zergliedert, ihr Bau erkannt, ihre Funktionen nachgewiesen, ihre Entwicklung von der Geburt bis zum Tode nach den einzelnen Stadien beschrieben werden.Erst wenn dieses geschehen sein wird, gibt es ein wahrhaftiges Wissen, sowohl von dem, was in uns ist, als von den Dingen außer uns, als welche sich gegenseitig bedingen.Aus diesem geht aber einfach hervordie Wissenschaft von den Individuen, d. h. die Wissenschaft der mannigfaltigen Geister und Charaktere, derverschiedenen Klassen und Abstufungen, welche Gott in die menschlichen (somit in alle) Geschöpfe gelegt hat, und die Auffassung jeder einzelnen Persönlichkeit als Einer, untheilbaren, urmäßigen Natur.Der Kenntniß der einzelnen Individuen folgt die der Gesammtindividuen, das ist der Raçen, der Völker, der Nationen, der Stämme, der Familien. Auf der letztern beruht die Völker- und Staatenstellung auf Erden (denn jeder vollkommene Staat ist derAusdruck eines Gesammtindividuums); auf der ersteren die sociale Ordnung innerhalb des Staates; aus jener entspringt die äußere, aus dieser die innere Politik.So wird die Menschheit, in diesem Sinne zum ersten Male, die Augen aufschlagen:sie wird sich kennen lernen, die Zeit ihrer Mündigkeit ist damit erfüllet. Je mehr sie, auf diese Weise, allmälig an Selbstkenntniß wächst, je allgemeiner das psychologische Bewußtsein in den Massen um sich greift, desto möglicher wird es, das Höchste zu erreichen, was die Geschichte kennt — denvollkommenen Staat.Es soll nämlich der Staat sein das Abbild der natürlichen, ewig dauernden, von Gott gepflanzten Stufenordnung.Da, wo die Stände des Staats zusammenfallen mit den geistigen und moralischen Klassen, wo der Adel wahrhaftigen Adel, wo der Mittelstand die mittleren, der niedere Stand die niederen Naturen und der Pöbel den innern Pöbel in sich begreift[64]; — da ist die äußere Ordnung vollendet, weil sie die innere ausdrückt, da ist das Menschenwerk eins geworden mit der göttlichen Stiftung,da das Reich Gottes lebendig geworden auf Erden.Dieses höchste Ziel, (welches wie ich glaube mit so wenigenWorten scharf genug bezeichnet ist) kann freilich nur im Lauf der Jahrhunderte, nachdem die neue Wahrheit ins Fleisch und Blut der Menschen gedrungen, zur ausgeprägten Darstellung reifen. Aber genug, wenn ein Ideal nur vorhanden ist, wonach mit sichrem, unverrücktem Schritte gestrebt werden kann; und die Wirkung schon allein der psychologischenLehre, wäre sie erst vorhanden, würde für die Gegenwart von unermeßlicher Bedeutung, für die socialen und politischen Fragen schlechthin entscheidend sein.Denn die demokratische Gleichheit, die im Westen, die absolute Vollgewalt, die im Osten gepredigt wird, sind beide dadurch wie mit Einem Schlage vernichtet, als wiedersprechend dem Charakter der menschlichen Natur. Das Königthum (die fürstliche Gewalt) ist gerechtfertigt als die Spitze der pyramidalischen Ordnung; die Person des Herrschers geheiligt als das Symbol der Gesammtindividuums, welches der Staat und das Staatsvolk bildet. Zwischen ihm und dem Volke, (das durch Vertreter spricht, weil es in Masse nicht reden kann) steht als lebendiges, ewig von unten ergänztes, auf und ab wogendes und doch geschlossenes Mittelglied die geborene Aristokratie des Geistes und Charakters, findbar und erkennbar mit Sicherheit, sobald die psychologischen Gesetze ausgesprochen sind.Der Geldadel fällt damit in Nichts zurück. Der alte Erbadel bleibt, obwohl als bedeutend nur so weit, als er mit dem geistigen Adel sich zu paaren vermag. Die Gewalten im Staate sind scharf geschieden[65], weil jede auf einer besonderen innern Funktion beruht. Die Erziehung, der Unterricht und die Volksbildung sind fortan auf die höhere Kenntniß der menschlichen Seele gegründet. Jedes Talent, jeder Charakter kann ungehemmt das Höchste erreichen, dessen er von Natur befähigt ist, so bald der Maßstab der Beurtheilung aus dem äußeren, materiellen, ein inneres geworden. Dem Staate wird möglich, Millionen zu kennen, und unter Millionen jedwede Natur auf den Platz zu stellen, der ihr gebührt. Die reichste Entfaltung der einzelnen Persönlichkeit widerspricht nicht der lebendigsten Herrschaft der Staatsidee (welche ja auf tiefem psychologischem Grunde fußt); die Freiheit ist eins mit der Ordnung; und die Mannigfaltigkeit des mittelalterlichen Lebens vereinigt sich im kommenden Staate mit der bindenden Energie das antiken Gemeinwesen[66].Nicht minder umfassend würde das psychologische Gesetz die äußere Politik berühren; das Verhältniß der Völker und Reiche von Europa, die Organisation der Erde wäre mit ihm gegeben. Die ganze Menschheit bildet ein geschlossenes, innig verbundenes System von Gattungs-, und diese wiederum von Völkerindividuuen. Wenn nun die Bestandtheile des Systems zergliedert, wenn ihre Stellung erkennt, wenn jeder Nation ihre Natur gezeigt, ihr Beruf gewiesen ist, so entsteht jene Ueber- und Unterordnung, aus der, wie wir an andern Orten gesehen, der Friede, die Wohlfahrt und (mit der Zeit) die Staatseinheit des Menschengeschlechts hervorgeht.Und hierin muß der erste Welttheil den übrigen vorangehen. Die Familien und Nationen Europas müssen sich in ihrer Wesenheit, jede die andere anerkennen, damit freiwillig gehorcht jede Volksnatur, so weit sie ein höheres über sich findet, und ohne Uebermuth herrsche, so weit sie zur Herrschaft berufen ist. Eben hiedurch wird es möglich, die niedern Raçen (in Afrika, Australien &c.) zu erziehen und zu derjenigen Stufe von Civilisation zuführen, welche sie ihrem Wesen nach erlernen können; so wie andrerseits innerhalb eines Nationalkörpers den einzelnen Provinzialcharakteren die richtige Geltung und die organische Stellung zum Ganzen zu geben.So bleibt jede Nationalität in unverrückter Eigenthümlichkeit an ihrem Platze, während doch Alle Ein großes Band umschlingt; das Bestehende wird in tieferem Sinne geheiligt; die politische Ordnung gestaltet sich zum Abdruck des innern Völkerorganismus, und die Politik wird (wie wir früher gesagt) die Vollstreckerin der göttlichen Intentionen.Um das letztere ganz zu sein und um ihr Verhältniß zur Kirche zu ordnen, steht ihr noch ein anderes Hülfsmittel zur Seite. Wenn der Entwicklungsgang der Seele am Einzelnen uns vor Augen liegt,so eröffnet sich zugleich die Geschichte des großen Individuums, welches Menschheit heißt. Die erhöhete, ungeahnte Anschauung des Geistes, der bisher durch die Vergangenheit gezogen, wirft ihre Strahlen zurück auf die Gegenwart. Indem wir erfahren, was die Menschheit bisher gewollt und warum sie es gewollt, welche Stadien sie durchlaufen hat, und in welchem Stadium wir selbst uns bewegen: so ergießt sich uns ein neues Licht über unser Thun und Treiben, leuchtend genug, um den Weg, der vor uns liegt, auf Jahrhunderte zu erhalten.Vor allem aber ist es Eine Gestalt, worüber die Zeit belehrt sein will, unbegriffen bis auf diesen Tag, geschmäht von den Einen, vergessen von den Andern, mit Nebel umhüllt vor den Augen der Menge, und auch denen noch unenträthselt, die ihn als ihre Gottheit tiefer im Herzen tragen. Wie soll die Geschichte begriffen werden, so lange Der, welcher den Eckstein aller bisherigen Geschichte bildet und als Eckstein stehen wird bis ans Ende der Tage, entweder als wesenloses Idol von der Mehrzahl angebetet oder als mythische Erscheinung von den Denkenden verfolgt und zersetzt wird? Wie die neue Zeit verstehen, ohne den zu begreifen, mit dessen Stiftung unser ganzes Sein verwebt, unsre ganze Kultur verknüpft ist, auf den Ein ganzes Volklebendige Weissagung gewesen, durch den dasselbe Volk ein lebendiger Fluch tagtäglich vor unsern Augen wandelt?Christusmuß als geschichtliche Individualität begriffen, alspsychologische Persönlichkeiterläutert werden, ehe wir das Christenthum klar zu fassen vermögen[67]. DerMenschensohnmuß vor uns stehn, heilig und erhaben, wie er war und gelebt hat und gestorben ist. Alsdann wird erhellen, wie er unter allen Söhnen Gottes sich den Eingeborenen nennen und als Mittler zwischen Gott und den Menschen in Wahrheit darstellen konnte, warum er sich opfern und warum sein Tod für jene Zeit sowohl als für alle Zeiten eine Versöhnung werden mußte. Es wird sich zeigen, wie weit die Herrschaft eines solchen Geistes über andere Geister sowohl als über die Natur, wie weit die, niemals vorher in solchem Maße gewesene, niemals ähnlich wiederholte, in ihm und um ihn waltende Steigerung des Gemüthslebens jene Vorgänge erzeugen konnte, welche von der Kirche als Wunder bezeichnet[68], von einer Kritik aber, der die geheimen Tiefen der menschlichen Seele verborgen sind, schlechtweg als Mährchen verworfen werden.Endlich wird erhellen, wie an seinem Wesen das Dogma derDreieinigkeit sich entwickelt hat; wie die Gedankenreihe Gottes in der Schöpfung zwei ewig nothwendige, uranfänglich gedachte Spitzen enthält, deren Eine er selbst gewesen; wie erden Geist der Wahrheitals kommenden geahnt, als wirkenden schon gefühlt und als unerläßlich für den Bestand seiner Stiftung erachtet; wie dieser Geist, nachdem er als bildender Verstand in den Dogmen und der Verfassung der Kirche gewirkt, sich zurückgezogen und seinen Weg gewandelt: um endlich als umfassendes Princip zu erscheinen und als heiliger Geist sich im Staate zu verwirklichen.Also wird die Philosophie von der Religion, der Staat von der Kirche anerkannt werden als gleich göttliche, ja als höhere Macht. Wollte die Kirche sich dessen weigern: sie würde sich selbst vernichten, wenn sie den Geist verwürfe, dem sie ihre Rettung verdankt. Staat und Kirche werden hinfort gemeinsam wirken im Menschengeschlecht, gerade so und nicht anders,wie Vater und Mutter sich theilen in die Erziehung der Einzelnen.Wie aber der Staat erwachsen wird zu einer organischen Einheit unzähliger Völker und Gemeinwesen, so soll allerdings auch in der Kirche lebendige Einheit herrschen. Wie dorten der Eine Welttheil über den andern, die Eine Familie über die andere, das Eine Volk über das andere sich stufenweise erheben wird, also daß Eine Nation auf den Gipfel des ungeheuern Baues gestellt ist, so muß auch hier hierarchische Ordnung sein, und an ihrer Spitze (denn die Kirche hat nicht mit den Nationen, sondern mit dem Menschen als solchen zu thun) Ein sichtbares Oberhaupt. Aber so wenig im Staate von einerGewalt, welche keine andere Gewalten neben sich duldet, künftighin gehört werden wird: eben so wenig kann das Papstthum in seiner jetzigen Gestaltung, geschweige denn in den jetzigen Ansprüchen verharren.Mit andern Worten: die Kirche überhaupt unterliegt, so wie das Princip in den Geistern sich Bahn gebrochen hat, einer durchgreifenden Umwandlung. Die römische, lutherische und reformirteKonfession werden fallen, um Einer allgemeinen (katholischen) zu weichen. Wie diese Entwicklung der Dinge, (welche uns heutzutage als unglaublich erscheinen muß) gedenkbar sei — darüber noch einige Worte.Die Philosophie wird die verschiedenen dogmatischen Auffassungsweisen des Christenthums in sich aufsaugen; sie wird die Ideen, welche den einzelnen Konfessionen zum Grunde liegen, jede in ihrer Wahrheit erklären, alle insgesammt aber ihrer Einseitigkeit entledigen, indem die verschiedenen Lehren, wie die Radien des Kreises in Einem Mittelpunkt, in ihr zusammenlaufen. Die Zeit selbst hat sowohl durch die steigende Duldung, als durch innere Vorgänge dendogmatischenUnterschied der Kirchen bereits ungemein gemildert. Es ist dieß in der katholischen Theologie geschehen durch die Bemühung, ihre Dogmen geistig zu verfeinern, ihnen tiefere Begründung zu geben. Die reformirte und lutherische Lehre sind sich schon bis zum Unmerkbaren nahe gerückt, wenigstens haben die noch vorhandenen streitigen Punkte ihre Spitze verloren. Der auf solche Weise dem katholischen Glauben fast einig gegenüberstehende Protestantismns hat wiederum, nach der Lage der Dinge, mit dem ersteren die mannigfachste Berührung. Denn da die große Parteispaltung zwischen rationalistischer und orthodoxer Ansicht auf beiden Seiten mit ähnlicher Macht eingedrungen ist: so fühlt sich die linke Seite der Protestanten zu der ihr entsprechenden unter den Katholiken, und die rechte andererseits zu ihren Geistesverwandten hingezogen; wodurch eine ununterbrochene geistige Verbindung zwischen beiden Theilen erhalten und die Annäherung vorbereitet wird. Die dogmatische Verwandtschaft, um es an Einem Beispiel zu zeigen, ist bereits lebendiger zwischen der katholischen und der lutherisch-orthodoxen Lehre, als zwischen der letztern und den rationalistisch-protestantischen Ansichten. Die Wirkung des kommenden Princips muß sonach naturgemäßer Weise diejenige sein, daß die Denkgläubigen (welcher Konfession sie angehören mögen,) der Kirche entsagen, und der Philosophie und dem Staate als einer andern Kirche sich zuwenden[69],während alle diejenigen, welche am christlichenSymbole(gleichviel, welchem Symbole) und damit an derKirchefesthalten, sich im alten dogmatischen Gehalte des Christenthums wieder begegnen und finden werden.Ist das Letztere geschehen: so bleibt noch Eine Verschiedenheit zurück unter den Konfessionen, die einzige tief eingreifende, schon heutzutage die kardinale Verschiedenheit[70]: ich meine die Theorieen über Verfassung der Kirche und ihre Stellung zum Einzelnen, und der Bestand der Theorieen in der Wirklichkeit. Die absolute Monarchie der römischen Kirche, das Episkopalsystem des aufgeklärten Katholicismus, die Beamtenrepublik der Lutheraner und die Demokratie der Reformirten stehen sich unversöhnt gegenüber. Ob die Kirche zwischen Gott und den Menschen vermittele, oder ob der Einzelne ohne ihre Dazwischenkunft frei mit dem Höchsten verkehre; ob sie dem Staat sich hingeben oder in eigenthümlicher Organisation selbstständig verharren solle, ob sie sichtbar sein müsse oder unsichtbar sein könne, das alles hängt mit den oben genannten Differenzen aufs innigste zusammen.Und hier ist es nun, wo der Einfluß der Philosophie seine volle Wirkung entfalten wird. Von ihr allein können die Verfassungsfragen entschieden werden, worüber weder die Urkunden, noch der Geist des Christenthums Aufschluß geben. Der Geist der Wahrheit, indem er sich im Staate verwirklicht, erleuchtet mit seinem Lichte zugleich das Dunkel der kirchlichen Gestaltung: das Bild des vollendeten weltlichen Staates wird zugleich das Vorbild des geistlichen. Die Kirche mußkonstitutionellwerden, wie der Staat es ist; sie muß gleich ihm ein Gleichgewicht findenzwischen dem monarchischen, aristokratischen und demokratischen Element. Jene absolute Vollgewalt, welche die römische Partei dem Papste vindicirt, ist damit auf immer verloren, es sind alle diejenigen gerichtet, welche der Kirche die vergangene weltliche Tendenz des Mittelalters wieder einflößen und dem deutschen Volke, wie vor Zeiten, einen Götzen der Knechtschaft und der Zwietracht setzen wollen jenseit der Alpen[71]. Wenn hierin der Katholicismus sich gereinigt hat: so wird dagegen der Protestantismus erkennen, daß eine festgeschlossene, einheitliche Organisation allerdings der christlichen Kirche vonnöthen sei, daß sie, um lebendig zu wirken in der Welt, einer zusammenhängenden Verbindung und hierarchischer Gliederung bedürfe, und daß ein sichtbares Oberhaupt mit der Freiheit des Ganzen sich eben sowohl vertrage, als das Königthum im Staate mit der Freiheit des Volkes sich verträgt. Er wird einsehn, wie bei aller Ungebundenheit der Forschung des Einzelnen doch eine Kirche, um Kirche zu bleiben, wenn sie nicht zerfallen soll in unendliche Parteiungen, einBekenntnißaufstellen muß, welches den bindenden Ausdruck ihres Glaubens und ihrer Einrichtung enthält. Und da sowohl die Dogmen als die Verfassung, nach dem lebendigen Charakter des Christenthums, in den verschiedenen Zeiten verschiedener Aenderungen fähig und bedürftig sind: so liegt es an der gesetzgebenden, in den Concilien ruhenden Gewalt, dem Symbole und den Satzungen, dem Bedürfnisse gemäß, die entsprechende Modification zu geben. Auf diese Weise wird die katholische Ansicht von der unbedingten Gewaltder Kirche zur freien und beweglichen; den Protestanten bleibt unbenommen, die Bibel als die einige Quelle der christlichen Lehre zu betrachten, doch ists an ihnen, zuzugestehn, daß diese Quelle eine Auslegung, die Auslegung einer kirchlichen Macht erfordert und daß einiges Gewicht aus eben diesem Grunde auch der kirchlichen Ueberlieferung beiwohnt[72]: gerade wie im Staate das Gesetz nicht bestehen könnte ohne die befugten Ausleger und wie auch hier, neben den geschriebenen Statuten, dem überlieferten (Gewohnheits-) Rechte eine Geltung gegeben wird.Dieses alles kann nur langsam geschehen, im Laufe der Zeit und durch gesteigerte Unbefangenheit der ganzen religiösen Anschauung. Die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts hat eine Toleranz geschaffen, die auf der Gleichgültigkeit oder Verachtung beruhte. Aus der des neunzehnten soll eine höhere Toleranz hervorgehen, welche zur Versöhnung treibt, nicht weil sie die konfessionellen Dinge von sich weiset, sondern weil sie dieselben durchdringt und eben hiedurch die Gemüther zu warmer religiöser Gemeinsamkeit, die Geister zu voller und gerechter Anerkennung erhebt. Es soll aber Deutschland allen übrigen Ländern in dem großen Werke der Versöhnung vorangehen, als dasjenige Land, in dem die Kirchenspaltung ihren Ursprung genommen, in dem die drei Parteien sich in gleicher Blüthe erhalten, in dem endlich heute noch über kirchliche Fragen am tiefsten gedacht, aufs lebhafteste verhandelt und am meisten gestritten wird. Was hier, imMittelpunkte des religiösen Lebens, zur Entscheidung kommt, ergießt sich von selbst in die übrigen Theile von Europa, besonders ins germanische, welches in der altlutherischen Kirche Skandinaviens, in der presbyterianischen Schottlands und in der englischen Hochkirche die verschiedensten Elemente beherbergt[73]. Die erste kirchliche Aufgabe der Zukunft muß also die sein, einedeutsche Nationalkirchezu schaffen, zunächst um die Deutschen zu einigen, weiterhin aber als Grundlage einer umfassenden, europäischen Kircheneinigung.Denn die Kirche muß zuvor gereinigt, sie muß eine andere, neue und höhere sein, ehe Europa der großen Sendung genügen kann, die ihm über die Erde hin angewiesen ist. Der Staat kann erobern, beherrschen, civilisiren und organisiren, die Kirche aber soll durch ihre Missionen den Saamen einer innern Umwandlung unter die barbarischen Völker streuen. Dieses ist unmöglich, der Sieg und die Ausbreitung des christlichen Princips kann nicht gedeihen, so lange die Missionen von kleinlichem Gesichtspunkt geleitet, in kleinlichem Geiste ausgeführt, durch beständige Zwietracht sich selbst zerrütten. Erst wenn es einst eine große, einige und umfassende Mission gibt, kann die Erde durch die Waffe des Princip[74]unter civilisirten, durch das Christenthum unter wilden Völkern, im höchsten Sinnedes Herrn werden.
Indem wir die letzte Hoffnung der Zeit ins Auge fassen, begegnet uns zuerst die Frage: ob etwas dem ähnliches, was wir suchen, nicht schon vorhanden sei im Reiche des Geistes? Wir Alle wissen, daß nurdie deutsche Philosophieden Grundstein einer höheren Zukunft uns legen kann. Wir Alle glauben, daß die deutsche Forschung, so mühselig sie vorwärts schreitet, so seltsam der unaufhörliche Wechsel auch Manchen bedünken mag, dennoch ihr stilles Werk noch fördern werde, bis sie, der Vollendunggenesen, aus der unbeachteten, verborgenen Hütte heraustritt an’s Tageslicht, um als Sauerteig die Masse der Zeit zu durchdringen. Wir alle sind überzeugt, daß keine Macht der Welt im Stande ist, die Freiheit der Forschung zu hemmen, daß die Philosophie, wo sie nur die Wahrheit sucht, vor keinem Resultate zu zittern braucht, wäre es auch allen Meinungen des Tages entgegen, daß endlich die einmal gefundene Wahrheit sich Bahn brechen muß durch tausend und aber tausend Hindernisse, um zur Herrschaft zu gedeihen im Leben. Wir alle sind der Meinung, daß es nur Einem vergönnt sein könne, die höchste Blüthe der Wissenschaft heraufzuführen[49], und daß die Natur und Persönlichkeit dieses Einen der ungeheuern Sendung entsprechen müsse, womit er betraut ist.
In dem Allen sind wir, wenigstens Viele unter uns, einig, aber um so uneiniger im Einzelnen. Denn während die Einen der Zukunft harren, ergreifen die Andern, was vorhanden ist. Den Letzteren scheint es kurzsichtig, wo nicht sündlich, an der Wahrheit dessen zu zweifeln, was von ihnen anerkannt worden; und sie selbst sind wiederum in viele Parteien gespalten, deren jede die Anderen bekämpft.
Eine ähnliche Fehde zu beginnen, dazu die einzelnen Philosopheme nach ihrem logischen Gehalt zu zergliedern, liegt nicht in unserem Bereich; es wäre, selbst wenn wir wollten, ein unerquickliches, unfruchtbares Geschäft: was uns berührt, ist die allgemeine Wirkung auf die Zeit und die Menschen überhaupt. Die Einigkeit,welche ein deutsches Princip uns bringen soll, hat von all den vorhandenen Systemen uns noch keines gebracht. Vielmehr sind in Weltanschauung und Glauben die Deutschen zersplitterter als sie jemals gewesen[50]; die Mannigfaltigkeit, und mit ihr die Verwirrung, hat den höchsten Gipfel erstiegen. Dieses sei weder zum Tadel, noch zum Lobe der bisherigen Philosophie gesagt, nur als einfache, geschichtliche Thatsache ausgesprochen. Wäre sonach das, was wir suchen, schon vorhanden: so müßte nothwendig Eines der jetzigen Philosopheme die anderen übersiegen. Dieß könnte vielleicht erst nach Jahrzehnten, ja nach Jahrhunderten geschehen: denn die Wahrheit pflegt langsam Raum zu gewinnen: gleichviel für uns, wenn nur Hoffnung ist, daß es geschehe. Aus der Mischung des Vorhandenen, das weiß Jedermann, kann uns nimmermehr Heil erwachsen. Nun sind aber, wie die Dinge stehen, nur zwei Systeme vorhanden, welche als künftighin siegend möglicher Weise gedacht werden können: das Schelling’sche und Hegel’sche. Alle andern sind von diesen beiden überflügelt worden; die früheren, weil Schelling und Hegel auch von denen, die nicht zu ihren Schülern gezählt sind, als höhere Phasen der großen Entwicklung betrachtet werden[51]die gleichzeitigen und außer jener Reihe in besonderer Eigenthümlichkeit stehenden (z. B. J. J. Wagner, Herbart), weil sie keine Herrschaft in der öffentlichen Meinung, keinen Einfluß auf die Wissenschaft errungen haben, der jenen vergleichbar wäre. An jene beiden also sind wir beschränkt, den Maßstab der Hoffnung anzulegen. Aber indem wir geneigt sind, dieß zu versuchen, tritt uns eine seltsame Erscheinungentgegen. Das ältere und das neuere Schelling’sche System, die Rechte, das Centrum und die linke Seite der Hegel’schen Schule sind so ganz verschiedenartige Dinge, daß es unmöglich ist, die Ideen, welche von beiden Philosophemen in die Welt gerufen worden, als Einheit anzuschauen. Was hat, um das schärfste Beispiel zu nehmen, die Orthodoxie, ja der Pietismus der Hegel’schen Rechte mit der antikirchlichen Aufklärung der jüngern zu thun?[52]Wie, fragen wir uns, wo ist Schelling, wo ist Hegel selbst — wo ihr Princip — und kaum gefaßt, entsagen wir unserem Vorhaben; denn es sind ja nurdie alten, längst bekannten Gegensätze der Zeit, die uns hier begegnen.
Nicht die Zeit zu beherrschen oder zu überwinden, hat die bisherige Philosophie vermocht: sie selbst ist nur ein befangenes Kind der Zeit,sie spiegelt nur eben in philosophischer Weise, in ihrer Art die Kämpfe der Zeit zurück. Kaum geboren, zersetzen sich die modernen Systeme,in dieselbigen Bestandtheile, die zu einigen oder zu bezwingen ihreAbsicht war; kaum geprägt, verfallen sie demselben zernichtenden Einfluß, der allen Geburten des Jahrhunderts den Stempel einer unauflöslichen Zwietracht aufdrückt. Nur zweierlei konnte im Sinn der Meister liegen: entweder Eine von den zwei Tendenzen, welche um die Weltherrschaft kämpfen, zum Siege zu erbeben; oder ein Neues zu schaffen, und hiedurch das Bisherige zu vermitteln oder zu beseitigen. Wenn jenes, wie so wenig gelang es ihnen, da aus ihrem eignen Schooße die besiegte Tendenz mit erneuerter Kraft hervorging; wenn dieses, was soll uns eine Vermittlung, deren Inhalt so arm, deren Umfang so gering ist, daß sie selbst im Nu den Gegensätzen unterliegt, die sie vermitteln wollte?
Die neuere Philosophie kann von allen Erscheinungen, welche die Sehnsucht der Zeit und der Kampf der Principien hervorgerufen hat, die größte, sie kann als solche bewundernswürdig und unsterblich sein, sie kann die Wahrheit stückweise geahndet und die Grundlage für eine höhere Hand gelegt haben — und sie ist das und hat das in der That — was wir begehren, ein neues, lebendiges Evangelium, das ist sie nicht, jene erlösende und richtende, jene schlichtende und schaffende Kraft, welche die Menschheit verlangt — die hat sie nicht.
Und woher sollte sie ihr auch eigen sein? Bei allem Herrlichen, daß sie geleistet, ist sie doch immerSchulegeblieben, eingeschlossen in die engen Schranken der Form und der Kaste, verständlich nur einem kleinen Kreise des Volkes, gebunden an äußere Bedingungen, ergreifend und erweckend nicht den ganzen Menschen, sondern nur etliche Fächer des Geistes, endlich so gekettet an die Terminologie, daß der formale Gehalt das innere Wissen bedingt, ja leichtlich so sehr überwiegt, daß die Wahrheit selbst, das höchste Ziel des menschlichen Wollens, zum logischen Spielwerk herabsinkt[53]. Daher ist, bei aller Systematik, jene wahre, innere Logik so selten zu finden, welche, ohne ein Zuthun vonkünstlichen Formeln oder rhetorischer Darstellung oder phantasiereicher Anschauung, schon allein durch ihre nackte Reinheit den Geist belebt und erquickt; was hievon vorhanden ist in den Werken der Meister, verliert sich unter den Händen der Schüler, deren größere Masse sich im formalen Gehäuse einnistet, alle Wissenschaften damit bekleidet und sich dann bedünken läßt, sie besitze die Wahrheit, weil sie ein Gerippe von Formeln und Phrasen besitzt, die von ihnen selbst nicht verstanden, von der Menge aber bewundert werden, weil es in der Menschen Art liegt, in Allem, was räthselhaft klingt, einen tieferen Sinn zu suchen[54]. So geschieht, daß in neuerer Zeit die systematische Philosophie mehr des Unheils anrichtet als sie Segen bringt: die Mittelmäßigkeit unterliegt dem Zauber der Formeln, ihre Köpfe werden mit Verwirrung, ihre Gemüther mit Schalheit erfüllt; und ein Geschlecht wächst heran, welches unter der stolzen Einbildung, die schwierigsten Fragen zu bemeistern, die entsetzlichste Hohlheit verbirgt, weil es, durch jene äußere Fertigkeit verführt, noch weniger gedacht und noch oberflächlicher empfunden hat, als es ohne das vielleicht gethan haben würde. Das ist nun zunächst nicht der Meister Schuld (obwohl Hegel durch seine Form Veranlassung genug gegeben hat), wohl aber der heutigen Philosophie überhaupt, d. h. der zunftmäßigen Stellung, die sie unter den Wissenschaften einnimmt, und wodurch sie alle Handwerker der Zunft berechtiget, an der Wahrheit zu pfuschen.
Endlich gesetzt auch, der dogmatische Gehalt der heutigen Philosophie sei genügend — was er in keiner Weise ist —: wo ist der Uebergang von der Idee zum Leben? Wo die Brücke zu den socialen und politischen Dingen? Wo ist irgend eine Heilkraft für die Gebrechen, irgend ein Eingriff in die Entwicklungder Zeit? Darin war Fichte ein anderer Mann und ganz einzig; vor ihm lebte in frischer Eigenthümlichkeit ein Staat, eine Erziehung, eine Politik; und obwohl jedes Kind begreifen konnte, wie unmöglich es sei, seine Gedanken praktisch anzuwenden oder auszuführen, so war doch inseinemGeiste die Brücke geschlagen,sichwenigstens hatte er eine sociale Ordnung geschaffen, und in schwerer Zeit konnte er sprechen zu seinem Volk, so sprechen, daß ihn als einen der Retter aus tiefer Noth die deutsche Nation ewig heilig halten soll. Wenn sein Denken, sein Wollen ein Irrthum gewesen, so war es doch ein großer, herrlicher und lebensvoller Irrthum. Die heutigen Systeme sind kraft- und leblos; wo sie wagen, herauszutreten in’s Freie, versinken sie im Strudel der politischen Parteiung. Und das wahrhaftig zum Glück der Zeitgenossen; denn wehe uns, wenn der modernen Schelling’schen Schule oder den alten oder den jungen Hegelianern vergönnt wäre, nach ihrem Sinne den Staat zu modeln! Wir würden in neue und tiefere Verwirrung stürzen; die Unklarheit, noch leidlich auf dem Gebiete des Wissens, würde unerträglich, wenn sie als politisches Evangelium erschiene. Doch — der Hegelianismus selbst hat gefühlt, wie wenig er berufen sei, das Leben und die Wirklichkeit zu reformiren; einer seiner begabtesten Jünger hat ein ehrliches Bekenntniß der socialen Unfähigkeit abgelegt, und die guten Deutschen für die Gegenwart an die französische Revolution für die Zukunft auf die englische verwiesen[55].
Auch die höchste Philosophie muß in strenger logischer Gebundenheit ihre Sätze entwickeln, auch sie kann nicht Allen begreiflich sein, auch sie wird zunächst nur den Verstand der Menschen berühren. AberihreLogik muß, unabhängig von scholastischen Formeln und gelehrtem Beiwerk, jedem, der klar zu denken vermag, begreiflich,ihrVerständniß allen höheren Naturen vergönnt sein, welche, gebildet oder ungebildet, weß Standes und Berufes sie sein mögen, nach Wahrheit verlangen[56];ihreWirkung soll alle Seiten der Seele erfassen, so daß die Klarheit, welche geistig über ihr ausgegossen wird, zugleich das Gemüth erwärmt und der ganze Mensch gewandelt wird wie in Verjüngung und Wiedergeburt. Ein tiefes, göttliches Element muß in ihr liegen, welches, auch abgesehen von aller systematischen Entwicklung, die verschiedensten Naturen bewältigt, die Sehnsucht der Geister und der Herzen befriedigt; gleichwie die Religion nicht nur durch ihre Dogmen, sondern mehr noch durch einen innern, kaum auszusprechenden Eindruck die Seelen ergreift.
Das Princip, mit Einem Wort, welches wir begehren, muß von allen Philosophemen, die bisher gewesen, nicht nur im Grade, sondern der Wesenheit nach geschieden sein; die ganze Kette von Systemen von Spinoza an bis auf unsere Tage ist eine der vielen Vorarbeiten, die der menschliche Geist durchlaufen mußte, um zum Ziele zu kommen: die größte, ausgesprochenste, und organisch gerundet. Das letzte Glied der Kette, Hegel, ist sowohl durch die überall sichtliche Ahnung[57], die theils in seinen, theils in seinerJünger Ideen lebt, als durch die trostlose Unfähigkeit (wie sie jetzt klar genug der Welt vor Augen liegt), die lebendigste und sicherste Weissagung der kommenden Wahrheit. Der Mann, der die letztere uns brächte, würde unter die Philosophen des Tages hineintreten, wie einst Sokrates unter die Sophisten[58].
Ich habe bisher von denen gesprochen, welche des wahren Princips bereits theilhaftig zu sein glauben; aber ungleich größer ist die Zahl der Andern, welche ein solches überhaupt nicht begehren, weil ihnen das Christenthum in seiner Fülle genügend erscheint. Wie weit dieses wahr sei, wie weit nicht, darüber zu rechten, ist hier nicht der Ort; aber so viel ist offenbar: wenn auch Einzelne, und darunter treffliche und redliche Zeitgenossen, einer neuen Erscheinung nicht bedürfen, so kann damit nicht gesagt sein, daß nicht die Zeit im Ganzen eines solchen bedürfe. Ja, sie selbst können, bei vollem Glauben, ein ähnliches Verlangen hegen: sei es, damit der Zweifel, der seit Jahrhunderten die Religion untergräbt, zum Abschluß geführt[59]und der Kampf zwischen Philosophie und Theologie geschlichtet werde; sei es zur Versöhnung der Konfessionen, oder sei es um die socialen undpolitischen Fragen zu lösen. Der letztere Punkt insonderheit ist es, in dem wir Alle, weß Glaubens wir sonst seien, zusammentreffen. Das Christenthum ist seiner Natur nach unfähig, über diese Dinge Licht zu geben; jede Staatsverfassung gilt ihm das Gleiche, in Despotieen wie in Republiken gedeiht sein stilles Walten, und es ist gerade eines seiner größten Merkmale, daß es unabhängig von allen Einrichtungen überall dieselbe Wurzel schlägt. Es ist nicht nur unmöglch, vom christlichen Standpunkt aus den Staat zu konstruiren: noch mehr, das Christenthum zieht uns von dergleichen Bemühungen ab. Ich komme damit auf einen Gegenstand, der in die untersten Tiefen des Lebens und der Gesittung eingreift, der uns mehr als alle andern Dinge den furchtbaren Zwiespalt unsrer Civilisation offenbart. Die christliche Religion hat von Anfang an das irdische Dasein als ein Zwischending betrachtet, das Zweck und Bedeutung nicht in sich trägt, erst durch ein anderes, höheres bekömmt. Hier unten ist Sünde, Elend und Tod; was hier geschieht, ist befleckt von dem Fluch der verdorbenen Kreatur, die Erde ein Jammerthal, aus dem die Seele sich sehnen muß befreit zu werden. Das Christenthum, mit Einem Wort, hat niemalsdie Erdegeheiligt. Der Trieb, auf dem die Fortpflanzung des Geschlechts beruht, obwohl von Gott ursprünglich gegeben, ist eine Unvollkommenheit, welche die Auserwählten um des Himmelreichs willen besiegen können[60]. Wiesollte es nun das menschliche Treiben überhaupt, und die höchste Spitze desselben,den Staat, heiligen?
Diese Lehren des Christenthums, so göttlich wirksam in der verderbten, durch Sinnlichkeit untergegangenen römischen Welt und unter den rohen barbarischen Massen, mußten in Widerspruch treten zur menschlichen Ordnung, nachdem das Bekenntniß die allgemeine Herrschaft errungen. Doch die Kirche verhinderte den Zwiespalt. Das Christenthum war sichtbar geworden in der irdischen Welt, es hatte sich zu einem Körper gestaltet, der alle Gebiete des Lebens beherrschte, den weltlichen Mächten gebot, und eben durch diese Beherrschung das Irdische zu sich heraufzog und verklärte. Die Kirche selbst hat die alte Kultur gerettet, sie dem christlichen Unterricht beigegeben; allem konnte sie, als Erzieherin, die Weihe geben.
Als aber die Wissenschaft das Gemeingut Aller geworben, als die Kirche dem Staat, als endlich die Religion der Kritik unterlag — da trat der Zwiespalt offen und unversöhnlich hervor. So lange die Gemüthsanschauung des Christenthums mit ihren Dogmen auch den Verstand befriedigte, war die Gefahr noch beseitigt; der Mensch wurde nach allen Kräften, in seinem ganzen Sein von der Einen Wahrheit ergriffen, er blieb, wenn auch der Erde abgewandt, doch gesunde, lebendige Persönlichkeit. In unsern Tagen ist Alles verändert. Wer heute noch festhält am alten Glauben, der muß dieVernunft gefangen gebenunter das höhere Gesetz; er versinkt in ein krankhaftes, einseitiges Gemüthsleben, und wohl ihm, wenn er darin nicht untergeht. Das herrlichste, was der menschliche Geist hervorgebracht hat in Poesie, Wissenschaft, Kunst und Politik, ist für ihn nur mit dem schwarzen Stempel der Sünde gezeichnet; das ganze Naturleben verschließt sich ihm, und er wandelt auf Erden, wie einer der ihr bereits entrückt ist, in trauriger und tragischer Unnatur.
Diese Erscheinung ist es, welche man gewöhnlich mit dem Namen „Pietismus“ bezeichnet. Wir wollen es uns nicht verhehlen, wir Protestanten ins Besondere: der so oft geschmähte,von der Menge so leichtsinnig mit dem Vorwurfe der Heuchelei abgefertigte Pietismus[61]ergreift auch die edlen und tiefen Gemüther, erfüllt auch höhere Seelen, (bei denen freilich eine mehr unbewußte als bewußte Freiheit des Geistes ein natürliches Gegengewicht hält); er wurzelt heutzutage mit Nothwendigkeit in dem alten Christenthum, d. h. in dem Mißverhältnisse, worein in Beziehung auf letzteres unsere ganze Kultur gerathen ist. Der Pietismus wird eher nicht aufhören, eine nothwendige Krankheit der Zeit zu sein, als nicht der moderne Verstand, am Ziele der Forschung angelangt, eine klare Stellung zu der christlichen Anschauung gefunden haben wird, eine solche, die dem Gemüthsleben seine Rechte gibt, ohne die Gefangennehmung der Vernunft dabei zu bedingen.
Aber nicht nur das heutige Mißverhältniß, überhaupt jenen alten Zwiespalt der religiösen Konsequenzen und des irdischen Lebens soll die Philosophie versöhnen. Sie soll in das flüchtige Dasein einen bleibenden Selbstzweck legen, allen menschlichen Hervorbringungen unvergängliche, selbsteigene Bedeutung verleihen, und die Ewigkeit ins Leben hereintragen, wie das Christenthum das Leben in die Ewigkeit versetzt hat. Dem Gemüth ists eigen, zu ahnden, zu hoffen und zu sehnen, ins Unendliche sich zu verlieren; der Geist ergreift die Gegenwart, durchdringt das Vorhandene und gibt ihm die höhere Weihe. So auch die Religion und die Philosophie. Diese hebt nicht auf, was jene geschaffen, aber sie thut ein Neues hinzu, sie zerstört nicht das ewige Leben, aber sie schafft eine neue Erde. Erst wenn der Mensch der Ewigkeit, die vor ihm liegt, mit freier Seele gewärtig, aber auchdes Augenblicks, worin er befangen ist, im Innersten fröhlich sein kann, erst dann wird sich die Menschheit eines vollkommenen, gerechtfertigten Daseins erfreuen.
Wir wollen nun dem Princip selbst noch näher treten.
DieSpekulationsoll uns den Grund der Welt, ihre gegenwärtige Bedeutung und ihr Endziel erschließen. Sie soll dieEinheitdes Alls uns beweisen, und aus ihr dieTrennungGottes und der Welt, des Schöpfers und des Geschaffnen herstellen. Sie soll uns einen Gott geben, welcher sein Bewußtsein nicht nur in uns finde, sondern in ihm selbst trage, einen Gott, welcher schrankenlos und unendlich, dennoch für uns ein versönlicher sei,das heißt mit welchem ein unmittelbar persönliches Verhältniß uns möglich und nothwendig sei. Sie soll uns mehr als Unvergänglichkeit, sie soll uns dieUnsterblichkeit des Ichsgeben, und seine Erscheinungsformen konstatiren. Sie soll den Gedankengang Gottes in der Schöpfung nachweisen, und seine ewig nothwendigen Gesetze. Sie sollalleGegensätze, welche die Welt, (somit auch diemoralischeWelt) bewegen, auf Einen Gegensatz zurückführen und diesen Einen in der Ureinheit auflösen: also daß im ewigen Kampf selbst die Versöhnung liege und die Nothwendigkeit zur Freiheit werde. Endlich soll sie das Verhältniß der kosmischen Massen zur organischen Welt, und der Erde zum Weltall einerseits, zu den Erdgeschöpfen andrerseits zeigen[62].
In ihr muß die bramanische und buddhistische Weltanschauung aufgehen, der Polytheismus seine Erklärung, der Monotheismus seine Begründung finden, das Christenthum aber gerechtfertigt werden als das höchste Erzeugniß derEinenSeite der menschlichen Seele. Wie diesem mit Nothwendigkeit das Produkt derandernfolgen mußte, wie beide sich bedingen und ergänzen,in welcher Ordnung sie gegenseitig gestellt sind, muß klar hervorgehn.
Doch — ich habe bereits vorgegriffen. Wir stehen an dem Punkte, der uns zunächst berührt. Was vor allem die Zeit bedarf, und wovon noch keine Spur vorhanden, istdie Lehre vom Geiste, das ist die Kenntniß der geistigen Gesetze, auf denen aller Organismus, insbesondere der menschliche, als der höchste beruht[63].Die menschliche Seele muß zergliedert, ihr Bau erkannt, ihre Funktionen nachgewiesen, ihre Entwicklung von der Geburt bis zum Tode nach den einzelnen Stadien beschrieben werden.Erst wenn dieses geschehen sein wird, gibt es ein wahrhaftiges Wissen, sowohl von dem, was in uns ist, als von den Dingen außer uns, als welche sich gegenseitig bedingen.
Aus diesem geht aber einfach hervordie Wissenschaft von den Individuen, d. h. die Wissenschaft der mannigfaltigen Geister und Charaktere, derverschiedenen Klassen und Abstufungen, welche Gott in die menschlichen (somit in alle) Geschöpfe gelegt hat, und die Auffassung jeder einzelnen Persönlichkeit als Einer, untheilbaren, urmäßigen Natur.
Der Kenntniß der einzelnen Individuen folgt die der Gesammtindividuen, das ist der Raçen, der Völker, der Nationen, der Stämme, der Familien. Auf der letztern beruht die Völker- und Staatenstellung auf Erden (denn jeder vollkommene Staat ist derAusdruck eines Gesammtindividuums); auf der ersteren die sociale Ordnung innerhalb des Staates; aus jener entspringt die äußere, aus dieser die innere Politik.
So wird die Menschheit, in diesem Sinne zum ersten Male, die Augen aufschlagen:sie wird sich kennen lernen, die Zeit ihrer Mündigkeit ist damit erfüllet. Je mehr sie, auf diese Weise, allmälig an Selbstkenntniß wächst, je allgemeiner das psychologische Bewußtsein in den Massen um sich greift, desto möglicher wird es, das Höchste zu erreichen, was die Geschichte kennt — denvollkommenen Staat.
Es soll nämlich der Staat sein das Abbild der natürlichen, ewig dauernden, von Gott gepflanzten Stufenordnung.Da, wo die Stände des Staats zusammenfallen mit den geistigen und moralischen Klassen, wo der Adel wahrhaftigen Adel, wo der Mittelstand die mittleren, der niedere Stand die niederen Naturen und der Pöbel den innern Pöbel in sich begreift[64]; — da ist die äußere Ordnung vollendet, weil sie die innere ausdrückt, da ist das Menschenwerk eins geworden mit der göttlichen Stiftung,da das Reich Gottes lebendig geworden auf Erden.
Dieses höchste Ziel, (welches wie ich glaube mit so wenigenWorten scharf genug bezeichnet ist) kann freilich nur im Lauf der Jahrhunderte, nachdem die neue Wahrheit ins Fleisch und Blut der Menschen gedrungen, zur ausgeprägten Darstellung reifen. Aber genug, wenn ein Ideal nur vorhanden ist, wonach mit sichrem, unverrücktem Schritte gestrebt werden kann; und die Wirkung schon allein der psychologischenLehre, wäre sie erst vorhanden, würde für die Gegenwart von unermeßlicher Bedeutung, für die socialen und politischen Fragen schlechthin entscheidend sein.
Denn die demokratische Gleichheit, die im Westen, die absolute Vollgewalt, die im Osten gepredigt wird, sind beide dadurch wie mit Einem Schlage vernichtet, als wiedersprechend dem Charakter der menschlichen Natur. Das Königthum (die fürstliche Gewalt) ist gerechtfertigt als die Spitze der pyramidalischen Ordnung; die Person des Herrschers geheiligt als das Symbol der Gesammtindividuums, welches der Staat und das Staatsvolk bildet. Zwischen ihm und dem Volke, (das durch Vertreter spricht, weil es in Masse nicht reden kann) steht als lebendiges, ewig von unten ergänztes, auf und ab wogendes und doch geschlossenes Mittelglied die geborene Aristokratie des Geistes und Charakters, findbar und erkennbar mit Sicherheit, sobald die psychologischen Gesetze ausgesprochen sind.
Der Geldadel fällt damit in Nichts zurück. Der alte Erbadel bleibt, obwohl als bedeutend nur so weit, als er mit dem geistigen Adel sich zu paaren vermag. Die Gewalten im Staate sind scharf geschieden[65], weil jede auf einer besonderen innern Funktion beruht. Die Erziehung, der Unterricht und die Volksbildung sind fortan auf die höhere Kenntniß der menschlichen Seele gegründet. Jedes Talent, jeder Charakter kann ungehemmt das Höchste erreichen, dessen er von Natur befähigt ist, so bald der Maßstab der Beurtheilung aus dem äußeren, materiellen, ein inneres geworden. Dem Staate wird möglich, Millionen zu kennen, und unter Millionen jedwede Natur auf den Platz zu stellen, der ihr gebührt. Die reichste Entfaltung der einzelnen Persönlichkeit widerspricht nicht der lebendigsten Herrschaft der Staatsidee (welche ja auf tiefem psychologischem Grunde fußt); die Freiheit ist eins mit der Ordnung; und die Mannigfaltigkeit des mittelalterlichen Lebens vereinigt sich im kommenden Staate mit der bindenden Energie das antiken Gemeinwesen[66].
Nicht minder umfassend würde das psychologische Gesetz die äußere Politik berühren; das Verhältniß der Völker und Reiche von Europa, die Organisation der Erde wäre mit ihm gegeben. Die ganze Menschheit bildet ein geschlossenes, innig verbundenes System von Gattungs-, und diese wiederum von Völkerindividuuen. Wenn nun die Bestandtheile des Systems zergliedert, wenn ihre Stellung erkennt, wenn jeder Nation ihre Natur gezeigt, ihr Beruf gewiesen ist, so entsteht jene Ueber- und Unterordnung, aus der, wie wir an andern Orten gesehen, der Friede, die Wohlfahrt und (mit der Zeit) die Staatseinheit des Menschengeschlechts hervorgeht.
Und hierin muß der erste Welttheil den übrigen vorangehen. Die Familien und Nationen Europas müssen sich in ihrer Wesenheit, jede die andere anerkennen, damit freiwillig gehorcht jede Volksnatur, so weit sie ein höheres über sich findet, und ohne Uebermuth herrsche, so weit sie zur Herrschaft berufen ist. Eben hiedurch wird es möglich, die niedern Raçen (in Afrika, Australien &c.) zu erziehen und zu derjenigen Stufe von Civilisation zuführen, welche sie ihrem Wesen nach erlernen können; so wie andrerseits innerhalb eines Nationalkörpers den einzelnen Provinzialcharakteren die richtige Geltung und die organische Stellung zum Ganzen zu geben.
So bleibt jede Nationalität in unverrückter Eigenthümlichkeit an ihrem Platze, während doch Alle Ein großes Band umschlingt; das Bestehende wird in tieferem Sinne geheiligt; die politische Ordnung gestaltet sich zum Abdruck des innern Völkerorganismus, und die Politik wird (wie wir früher gesagt) die Vollstreckerin der göttlichen Intentionen.
Um das letztere ganz zu sein und um ihr Verhältniß zur Kirche zu ordnen, steht ihr noch ein anderes Hülfsmittel zur Seite. Wenn der Entwicklungsgang der Seele am Einzelnen uns vor Augen liegt,so eröffnet sich zugleich die Geschichte des großen Individuums, welches Menschheit heißt. Die erhöhete, ungeahnte Anschauung des Geistes, der bisher durch die Vergangenheit gezogen, wirft ihre Strahlen zurück auf die Gegenwart. Indem wir erfahren, was die Menschheit bisher gewollt und warum sie es gewollt, welche Stadien sie durchlaufen hat, und in welchem Stadium wir selbst uns bewegen: so ergießt sich uns ein neues Licht über unser Thun und Treiben, leuchtend genug, um den Weg, der vor uns liegt, auf Jahrhunderte zu erhalten.
Vor allem aber ist es Eine Gestalt, worüber die Zeit belehrt sein will, unbegriffen bis auf diesen Tag, geschmäht von den Einen, vergessen von den Andern, mit Nebel umhüllt vor den Augen der Menge, und auch denen noch unenträthselt, die ihn als ihre Gottheit tiefer im Herzen tragen. Wie soll die Geschichte begriffen werden, so lange Der, welcher den Eckstein aller bisherigen Geschichte bildet und als Eckstein stehen wird bis ans Ende der Tage, entweder als wesenloses Idol von der Mehrzahl angebetet oder als mythische Erscheinung von den Denkenden verfolgt und zersetzt wird? Wie die neue Zeit verstehen, ohne den zu begreifen, mit dessen Stiftung unser ganzes Sein verwebt, unsre ganze Kultur verknüpft ist, auf den Ein ganzes Volklebendige Weissagung gewesen, durch den dasselbe Volk ein lebendiger Fluch tagtäglich vor unsern Augen wandelt?
Christusmuß als geschichtliche Individualität begriffen, alspsychologische Persönlichkeiterläutert werden, ehe wir das Christenthum klar zu fassen vermögen[67]. DerMenschensohnmuß vor uns stehn, heilig und erhaben, wie er war und gelebt hat und gestorben ist. Alsdann wird erhellen, wie er unter allen Söhnen Gottes sich den Eingeborenen nennen und als Mittler zwischen Gott und den Menschen in Wahrheit darstellen konnte, warum er sich opfern und warum sein Tod für jene Zeit sowohl als für alle Zeiten eine Versöhnung werden mußte. Es wird sich zeigen, wie weit die Herrschaft eines solchen Geistes über andere Geister sowohl als über die Natur, wie weit die, niemals vorher in solchem Maße gewesene, niemals ähnlich wiederholte, in ihm und um ihn waltende Steigerung des Gemüthslebens jene Vorgänge erzeugen konnte, welche von der Kirche als Wunder bezeichnet[68], von einer Kritik aber, der die geheimen Tiefen der menschlichen Seele verborgen sind, schlechtweg als Mährchen verworfen werden.
Endlich wird erhellen, wie an seinem Wesen das Dogma derDreieinigkeit sich entwickelt hat; wie die Gedankenreihe Gottes in der Schöpfung zwei ewig nothwendige, uranfänglich gedachte Spitzen enthält, deren Eine er selbst gewesen; wie erden Geist der Wahrheitals kommenden geahnt, als wirkenden schon gefühlt und als unerläßlich für den Bestand seiner Stiftung erachtet; wie dieser Geist, nachdem er als bildender Verstand in den Dogmen und der Verfassung der Kirche gewirkt, sich zurückgezogen und seinen Weg gewandelt: um endlich als umfassendes Princip zu erscheinen und als heiliger Geist sich im Staate zu verwirklichen.
Also wird die Philosophie von der Religion, der Staat von der Kirche anerkannt werden als gleich göttliche, ja als höhere Macht. Wollte die Kirche sich dessen weigern: sie würde sich selbst vernichten, wenn sie den Geist verwürfe, dem sie ihre Rettung verdankt. Staat und Kirche werden hinfort gemeinsam wirken im Menschengeschlecht, gerade so und nicht anders,wie Vater und Mutter sich theilen in die Erziehung der Einzelnen.
Wie aber der Staat erwachsen wird zu einer organischen Einheit unzähliger Völker und Gemeinwesen, so soll allerdings auch in der Kirche lebendige Einheit herrschen. Wie dorten der Eine Welttheil über den andern, die Eine Familie über die andere, das Eine Volk über das andere sich stufenweise erheben wird, also daß Eine Nation auf den Gipfel des ungeheuern Baues gestellt ist, so muß auch hier hierarchische Ordnung sein, und an ihrer Spitze (denn die Kirche hat nicht mit den Nationen, sondern mit dem Menschen als solchen zu thun) Ein sichtbares Oberhaupt. Aber so wenig im Staate von einerGewalt, welche keine andere Gewalten neben sich duldet, künftighin gehört werden wird: eben so wenig kann das Papstthum in seiner jetzigen Gestaltung, geschweige denn in den jetzigen Ansprüchen verharren.
Mit andern Worten: die Kirche überhaupt unterliegt, so wie das Princip in den Geistern sich Bahn gebrochen hat, einer durchgreifenden Umwandlung. Die römische, lutherische und reformirteKonfession werden fallen, um Einer allgemeinen (katholischen) zu weichen. Wie diese Entwicklung der Dinge, (welche uns heutzutage als unglaublich erscheinen muß) gedenkbar sei — darüber noch einige Worte.
Die Philosophie wird die verschiedenen dogmatischen Auffassungsweisen des Christenthums in sich aufsaugen; sie wird die Ideen, welche den einzelnen Konfessionen zum Grunde liegen, jede in ihrer Wahrheit erklären, alle insgesammt aber ihrer Einseitigkeit entledigen, indem die verschiedenen Lehren, wie die Radien des Kreises in Einem Mittelpunkt, in ihr zusammenlaufen. Die Zeit selbst hat sowohl durch die steigende Duldung, als durch innere Vorgänge dendogmatischenUnterschied der Kirchen bereits ungemein gemildert. Es ist dieß in der katholischen Theologie geschehen durch die Bemühung, ihre Dogmen geistig zu verfeinern, ihnen tiefere Begründung zu geben. Die reformirte und lutherische Lehre sind sich schon bis zum Unmerkbaren nahe gerückt, wenigstens haben die noch vorhandenen streitigen Punkte ihre Spitze verloren. Der auf solche Weise dem katholischen Glauben fast einig gegenüberstehende Protestantismns hat wiederum, nach der Lage der Dinge, mit dem ersteren die mannigfachste Berührung. Denn da die große Parteispaltung zwischen rationalistischer und orthodoxer Ansicht auf beiden Seiten mit ähnlicher Macht eingedrungen ist: so fühlt sich die linke Seite der Protestanten zu der ihr entsprechenden unter den Katholiken, und die rechte andererseits zu ihren Geistesverwandten hingezogen; wodurch eine ununterbrochene geistige Verbindung zwischen beiden Theilen erhalten und die Annäherung vorbereitet wird. Die dogmatische Verwandtschaft, um es an Einem Beispiel zu zeigen, ist bereits lebendiger zwischen der katholischen und der lutherisch-orthodoxen Lehre, als zwischen der letztern und den rationalistisch-protestantischen Ansichten. Die Wirkung des kommenden Princips muß sonach naturgemäßer Weise diejenige sein, daß die Denkgläubigen (welcher Konfession sie angehören mögen,) der Kirche entsagen, und der Philosophie und dem Staate als einer andern Kirche sich zuwenden[69],während alle diejenigen, welche am christlichenSymbole(gleichviel, welchem Symbole) und damit an derKirchefesthalten, sich im alten dogmatischen Gehalte des Christenthums wieder begegnen und finden werden.
Ist das Letztere geschehen: so bleibt noch Eine Verschiedenheit zurück unter den Konfessionen, die einzige tief eingreifende, schon heutzutage die kardinale Verschiedenheit[70]: ich meine die Theorieen über Verfassung der Kirche und ihre Stellung zum Einzelnen, und der Bestand der Theorieen in der Wirklichkeit. Die absolute Monarchie der römischen Kirche, das Episkopalsystem des aufgeklärten Katholicismus, die Beamtenrepublik der Lutheraner und die Demokratie der Reformirten stehen sich unversöhnt gegenüber. Ob die Kirche zwischen Gott und den Menschen vermittele, oder ob der Einzelne ohne ihre Dazwischenkunft frei mit dem Höchsten verkehre; ob sie dem Staat sich hingeben oder in eigenthümlicher Organisation selbstständig verharren solle, ob sie sichtbar sein müsse oder unsichtbar sein könne, das alles hängt mit den oben genannten Differenzen aufs innigste zusammen.
Und hier ist es nun, wo der Einfluß der Philosophie seine volle Wirkung entfalten wird. Von ihr allein können die Verfassungsfragen entschieden werden, worüber weder die Urkunden, noch der Geist des Christenthums Aufschluß geben. Der Geist der Wahrheit, indem er sich im Staate verwirklicht, erleuchtet mit seinem Lichte zugleich das Dunkel der kirchlichen Gestaltung: das Bild des vollendeten weltlichen Staates wird zugleich das Vorbild des geistlichen. Die Kirche mußkonstitutionellwerden, wie der Staat es ist; sie muß gleich ihm ein Gleichgewicht findenzwischen dem monarchischen, aristokratischen und demokratischen Element. Jene absolute Vollgewalt, welche die römische Partei dem Papste vindicirt, ist damit auf immer verloren, es sind alle diejenigen gerichtet, welche der Kirche die vergangene weltliche Tendenz des Mittelalters wieder einflößen und dem deutschen Volke, wie vor Zeiten, einen Götzen der Knechtschaft und der Zwietracht setzen wollen jenseit der Alpen[71]. Wenn hierin der Katholicismus sich gereinigt hat: so wird dagegen der Protestantismus erkennen, daß eine festgeschlossene, einheitliche Organisation allerdings der christlichen Kirche vonnöthen sei, daß sie, um lebendig zu wirken in der Welt, einer zusammenhängenden Verbindung und hierarchischer Gliederung bedürfe, und daß ein sichtbares Oberhaupt mit der Freiheit des Ganzen sich eben sowohl vertrage, als das Königthum im Staate mit der Freiheit des Volkes sich verträgt. Er wird einsehn, wie bei aller Ungebundenheit der Forschung des Einzelnen doch eine Kirche, um Kirche zu bleiben, wenn sie nicht zerfallen soll in unendliche Parteiungen, einBekenntnißaufstellen muß, welches den bindenden Ausdruck ihres Glaubens und ihrer Einrichtung enthält. Und da sowohl die Dogmen als die Verfassung, nach dem lebendigen Charakter des Christenthums, in den verschiedenen Zeiten verschiedener Aenderungen fähig und bedürftig sind: so liegt es an der gesetzgebenden, in den Concilien ruhenden Gewalt, dem Symbole und den Satzungen, dem Bedürfnisse gemäß, die entsprechende Modification zu geben. Auf diese Weise wird die katholische Ansicht von der unbedingten Gewaltder Kirche zur freien und beweglichen; den Protestanten bleibt unbenommen, die Bibel als die einige Quelle der christlichen Lehre zu betrachten, doch ists an ihnen, zuzugestehn, daß diese Quelle eine Auslegung, die Auslegung einer kirchlichen Macht erfordert und daß einiges Gewicht aus eben diesem Grunde auch der kirchlichen Ueberlieferung beiwohnt[72]: gerade wie im Staate das Gesetz nicht bestehen könnte ohne die befugten Ausleger und wie auch hier, neben den geschriebenen Statuten, dem überlieferten (Gewohnheits-) Rechte eine Geltung gegeben wird.
Dieses alles kann nur langsam geschehen, im Laufe der Zeit und durch gesteigerte Unbefangenheit der ganzen religiösen Anschauung. Die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts hat eine Toleranz geschaffen, die auf der Gleichgültigkeit oder Verachtung beruhte. Aus der des neunzehnten soll eine höhere Toleranz hervorgehen, welche zur Versöhnung treibt, nicht weil sie die konfessionellen Dinge von sich weiset, sondern weil sie dieselben durchdringt und eben hiedurch die Gemüther zu warmer religiöser Gemeinsamkeit, die Geister zu voller und gerechter Anerkennung erhebt. Es soll aber Deutschland allen übrigen Ländern in dem großen Werke der Versöhnung vorangehen, als dasjenige Land, in dem die Kirchenspaltung ihren Ursprung genommen, in dem die drei Parteien sich in gleicher Blüthe erhalten, in dem endlich heute noch über kirchliche Fragen am tiefsten gedacht, aufs lebhafteste verhandelt und am meisten gestritten wird. Was hier, imMittelpunkte des religiösen Lebens, zur Entscheidung kommt, ergießt sich von selbst in die übrigen Theile von Europa, besonders ins germanische, welches in der altlutherischen Kirche Skandinaviens, in der presbyterianischen Schottlands und in der englischen Hochkirche die verschiedensten Elemente beherbergt[73]. Die erste kirchliche Aufgabe der Zukunft muß also die sein, einedeutsche Nationalkirchezu schaffen, zunächst um die Deutschen zu einigen, weiterhin aber als Grundlage einer umfassenden, europäischen Kircheneinigung.
Denn die Kirche muß zuvor gereinigt, sie muß eine andere, neue und höhere sein, ehe Europa der großen Sendung genügen kann, die ihm über die Erde hin angewiesen ist. Der Staat kann erobern, beherrschen, civilisiren und organisiren, die Kirche aber soll durch ihre Missionen den Saamen einer innern Umwandlung unter die barbarischen Völker streuen. Dieses ist unmöglich, der Sieg und die Ausbreitung des christlichen Princips kann nicht gedeihen, so lange die Missionen von kleinlichem Gesichtspunkt geleitet, in kleinlichem Geiste ausgeführt, durch beständige Zwietracht sich selbst zerrütten. Erst wenn es einst eine große, einige und umfassende Mission gibt, kann die Erde durch die Waffe des Princip[74]unter civilisirten, durch das Christenthum unter wilden Völkern, im höchsten Sinnedes Herrn werden.
Kapitel XV.Beschluß.Es gibt in der Geschichte des Menschengeschlechts drei große Epochen der Erziehung, drei Zeiten, in welchen der göttliche Geist, obwohl beständig und allenthalben wirksam, doch mit besonderer und unmittelbarer Fügung eingegriffen hat in die Entwicklung des Menschengeschlechts.Die erste Zeit ist gewesen, als Moses die ältesten Traditionen fixirte und den Glauben an den Einigen Gott auf Jahrtausende hinaus bewahrte, indem er beides in einem durch Gesetze, Verfassung und Sitten abgeschlossenen Volke niederlegte. Dies war das erste Testament, in welchem Gott noch dunkel verhüllt, und als strenger Vater den unmündigen Kindern erschien — nur vorbereitend, nur Grundlage für die kommenden. Die zweite Zeit war, als Christus die Decke von den Augen nahm, als er aus der symbolischen Hülle die reine religiöse Anschauung hervorzog, und einen ewigen Bund der Liebe aufrichtete zwischen Gott und den Menschen, so daßin ihmunddurch ihnAlle selig werden konnten. Die dritte Zeit ist die unsrige. Mit dem dritten Testamente ist die Erziehung des Geschlechts abgeschlossen: die Menschheit steht nicht nur liebend und versöhnt, sie steht auchbewußtundfreidem Vater gegenüber, das Menschliche wird geheiligt, und die dunkeln Ahnungen eines göttlichen Reiches auf Erden, welche in den Büchern des zweiten Bundes enthalten sind, gehn der Verwirklichung zu[75].Das erste Testament war nur Einem Volke gegeben, daszweite den Menschen schlechthin, das dritte wird durch Ein Volk allen Völkern gegeben werden.Jenes ersten Volkes Schicksal ist uns allen bekannt. Gott hatte sich’s auserlesen zu seinem Eigenthum, es begnadigt mit wunderbarer Führung. Er hatte es großgezogen in der Schule der Knechtschaft, ihm dann ein Gesetz gegeben, ihm viele Helden und große Könige erweckt, später aber, als es in Zwietracht zerfiel, sich spaltete und andern Göttern nachging, fremde Unterjochung aufgelegt, um reiner und geläuterter daraus hervorzugehn. Die ganze Geschichte des Volkes, sein Kultus, sein Glaube, seine Helden und Propheten, seine heiligen Bücher — alles war eine ununterbrochene, lebendige Weissagung eines höheren, neuen Evangeliums. Als aber nun die Zeit erfüllet war, als das Wort erschien — da überhörten sie den Ruf des Höchsten und schlugen den Messias an’s Kreuz. Da ging in Erfüllung, was Moses ihnen verkündigt hatte: sie wurden „zerstreuet unter alle Völker der Erde, von einem Ende der Welt bis an’s andere; sie haben kein bleibendes Wesen unter ihnen, und ihre Fußsohlen keine Ruhe; der Herr hat ihnen ein bebendes Herz und verschmachtete Augen und verdorrete Seelen gegeben.“[76]Das zweite von jenen begnadigten Völkern bist du, deutsches Volk. Auch du bist „ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priesterthum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigenthums dem Herrn.“ Zwar in einem andern Sinne, denn jene waren gleichsam als das halsstarrigste, verkehrteste und unwissendste unter allen auserlesen zu hervorstechenden Werkzeugen der Erziehung, während du vor allen reich gesegnet bist an Gaben des Geistes und Gemüths, am fähigstenihnzu suchen und zu finden, jene durch ein großesGeschickbegnadigt, während du durchNatures bist. Aber doch hat der Herr auch dich so wunderbar geführt, hat auch deine Kindheit in schwerem Druck herangezogen, hat auch dir den Sieg verliehen und dich groß gemacht über alle Feinde, auch dir im Christenthum ein Gesetz gegeben und dir vergönnt, eine neueOrdnung der Dinge drauf zu gründen, auch dir viel große Herrscher und Richter erweckt, auch über dich, als du von der eignen Art zu lassen, falscher nachzujagen und in Zwietracht dich aufzulösen drohtest, das Joch einer fremden Knechtschaft verhängt, damit du reiner und herrlicher wieder auferstündest. Auch deine Geschichte ist eine lebendige, fortlaufende Weissagung, auch sie ist allenthalben erfüllt von Typen, Vorbildern und Ahnungen einer kommenden Herrlichkeit, wenn du sie nur zu deuten verstehst. Sieh hin auf dein Mittelalter. Hast du nicht in deinem Kaiserthume das Vorbild jener umfassenden Hegemonie, jener allgemeinen Völkerordnung? nicht in deinen Kreuzzügen die Ahnung eines großen Sieges über die asiatische Welt, in deinen hierarchischen Kämpfen eines gerechtfertigten Verhältnisses von Staat und Kirche? Ist nicht dein seltsamer, tausendfach abgestufter Lehrerstaat dermaterielleTypus jener wahrhaftigengeistigenStaatsordnung, nicht deine mittelalterliche Aristokratie das Vorzeichen eines höheren Adels[77]? Und deine Reformation, ist sie nicht die Weissagung eines größern Princips, welches gleich ihr die Völker durchdringen und Europa verjüngen soll? Ja, mußtest du nicht, wie die Juden durch persische und babylonische, so durch europäische Knechtschaft hindurchgehn, um reif zu werden für deine höchste Hervorbringung?Jetzt, deutsches Volk, kommt näher und näher die Zeit, da andichder höhere Ruf ergehen wird. In deine Hände hat der Herr dein eigen Schicksal und das der Welt gelegt; durch dich will er’s entscheiden, ob die Völker in leichtsinniger Materialität verderben oder in drückenden Fesseln des Geistes versinken, ob sie an einer falschen Freiheit verbluten oder in knechtischer Niedrigkeit dahin sterben sollen, ob die Civilisation einer Welt sich an den eignen Wunden verzehren oder auf Jahrhunderte hinaus der Barbarei unterliegen soll: — oder ob ein neuer, herrlicher Frühling hereinbrechen soll über das arme Menschengeschlecht. Das Alles hat erdiranheimgestellt, weil du der Heilungvor allen bedürftig, weil dir die Gefahr am ehesten droht, weil, wenn du dich nicht zu retten vermagst, du, in dem die frischesten, moralischen und geistigen Kräfte schlummern, überhaupt keine Rettung mehr vorhanden ist. Wirst du nun auch sein, wie jene, deren unseliges Loos es war, „niemals zu sein, was sie hätten sein sollen und sein können?“Warum rufe ich dir dieß zu? Nicht als ob es in deiner Macht stünde, jenen Gedanken hervorzuzaubern, aus welchem allein eine neue Zeit entsprießen kann: dazu muß dir der Höchste Einen aus den Deinigen erwecken und wird es thun; sondern damit du dich bereitest auf eine große Zukunft und ausfüllest die tiefe Kluft, die zwischen deinem Sein und deinem Können besteht, damit wenn der Weltgeist kömmt, um Wohnung zu machen unter dir, er eine würdige Stätte finde — ein einiges, starkes, enggeschlossenes, stolzes, nach dem Größten begieriges Volk, ein Volk, das sich kenne und achte mehr denn bisher und wisse, wozu es berufen ist unter den Völkern. Glaube nicht, daß dir’s Gott im Schlafe bescheeren werde, wie du lange geglaubt, daß er dich jemals mit einem Glück überschütten werde, dessen du dich nicht würdig gemacht im Schweiß deines Angesichts; im Schlaf gibt ers den Kindern, du aber sollst einMannsein und mitManneskraftdas Schicksal an dich reißen — und das ist’s gerade, was du bisher so wenig gewesen und so selten gethan hast.Es ist zwar allerdings, als ob die neue Zeit sich schon hören ließe, ihr allmächtiger Schritt klingt schon, wenn auch noch aus der Ferne, zu uns herüber. Ein herrlicher Auferstehungsgeist glüht und arbeitet in den deutschen Landen, ein anderer Sinn ist erwacht und das Wehen einer hoffnungsreichen Zukunft zieht hin über die deutsche Erde. Der Anfang ist geschehen, der erste Grund gelegt. Laß diese heilige Begeisterung, deutsches Volk, nicht noch einmal zum Gespötte werden, wie es eine frühere schon geworden, laß sie nicht betasten von ungeweihten Händen, nicht schnöde mißbrauchen zu Parteienzweck, als ein treffliches Werkzeug für die Stunde der Gefahr, welches weggeworfen wird in sicheren Zeiten, oder als Waffe in derer Hand, die dir von Freiheit schwätzen undweiter nichts wollen als sich bereichern an deiner Zerrüttung. Laß nicht erkalten, was einmal glüht, nicht erschlaffen, was einmal lebt; strebe fort und fort, ohne Rast und Ruhe, als gälte es (wie es denn auch gilt) dein Dasein auf Jahrhunderte. Wer immer kämpft für ein gutes deutsches Recht, der thu’ es ohne Unterlaß und unerschütterlich, es werde was da wolle — und das ganze Volk soll ihm zur Seite stehen, und ihn stärken im Kampf. Wer immer arbeitet für die äußere Größe des Vaterlandes, sei es für Zollverein oder Eisenbahnen oder Volksbewaffnung, wenn es nur vaterländische Zwecke sind, deßgleichen und noch mehr, wer es für innere Größe thut, für Mündigkeit und gegen Mißbräuche, für die Heiligkeit des Gesetzes und die Reinheit der Verwaltung, für Förderung des Unterrichts und der Sitten oder fürs freiere Wort, — alle diese sollen unverrückt und unaufhaltsam, wo nicht das Gesetz sie aufhält, dem Ziele nachjagen, das sie einmal sich vorgesetzt. Und wo sie’s nur im rechten Geiste thun, sollen sie nicht zagen oder zweifeln am Erfolg; denn „alle die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.“Es sind aber vorzüglich drei Mächte, in welchen das Wohl oder Weh des Vaterlandes liegt. Die erste sind die Fürsten und die, die in ihrem Rathe sitzen. Der Fürsten Sache ist es, voranzugehen in Allem, was die Ehre, den Ruhm und die Wohlfahrt Deutschlands besonders nach außen betrifft, und, wie sie auch sonst zu den politischen Fragen der Zeit gestellt sein mögen, das Eine nicht zu vergessen, was Einer aus ihrer Mitte ihnen zugerufen hat, daß die Völker nicht um ihrentwillen, sondern sie um der Völker willen da seien. Ihre Rathgeber aber sollen bedenken, welch ein schweres Gewicht der Verantwortung auf ihnen liegt, daß die öffentliche Meinung mit einem ganz andern Maßstabesie, mit einem andern ihre Herren mißt (welche als sterbliche Menschen auf die höchste Höhe gestellt, gerade zumeist dem Straucheln ausgesetzt sind), und daß die Nation um so höher sie ehren wird, je weniger sie ihre Stimme zu meiden, oder mit derHeiligkeit des Thrones ihre Fehler zu bedecken suchen. — Die zweite Macht sind die Kammern. Diesen liegt es ob, die allgemein deutschen Interessen vor allem hervorzuziehen, für sie, wenn es Noth thut, auch Opfer zu bringen, und eswohl zu wägen, ehe sie schwierige (und wie oft fruchtlose) Controversen beginnen; wenn sie aber begonnen werden müssen,ohne Wankenmit dem Recht zu stehen und zu fallen. — Die dritte Macht ist die Presse. Ihr ist Unendliches anvertraut, sie kann die Seelen regieren und die Geister beherrschen. Sie soll daher deutsch sein im schärfsten, ausgeprägtesten Sinn, deutsch vor allen provinziellen Dingen und gegen allen ausländischen Einfluß; welcher Partei sie auch angehöre, ihre Pflicht ist es, nach außen zu nur Eine Stimme zu führen, wenn liberal, dem Westen, wenn konservativ, dem Osten als deutsch gegenüberzustehen, und im Innern unter allen Kämpfen nur dasEine Ziel, die Einigkeitvor Augen zu haben.Wenn dieses geschieht: so können wir hoffen, für eine große Zukunft gerüstet dazustehen und das Schicksal würdig zu empfangen, es mag nun im sanften Wehen oder im wilden Sturme zu uns kommen.Vor allem aber, deutsches Volk,steh’ fest auf dir allein— schau nicht um weder rechts noch links nach Freunden und Nachbaren, geh unverrückt deinen eigenen Weg, und achte nicht auf die, welche scheel seh’n zu Deutschlands steigender Wiedergeburt. Glaube sicherlich, es ist keine unter den mächtigern Nationen Europas, welche dich nicht lieber klein und niedrig sehen wollte denn herrlich und groß, keine, von der du dir Heiles und Freundschaft erwarten könntest, um deinetwillen, keine, die dir nicht den Weg erschweren möchte, den du betreten hast.So ists im Frieden; wie erst, wenn die Gewitterwolken sich entladen, die jetzt schon schwül und dumpf über unsre Häupter hereinhängen? Es kann eine Zeit kommen, wo von allen Gränzen her die Wogen über dich zusammenschlagen, und der Feind dich ängstigt in allen deinen Thoren. Da wirst du keinen Genossen haben als dich selbst, keine Hülfe als die der eigenen Kraft. Denn die Völker, welche dich mit Freuden ehren werden,wenndueinst sein wirst, wozu du berufen bist, werden sich dir entgegenwerfen,ehedu’s bist; und um der Erste zu sein in Europa, mußt du dich vielleicht erproben vor ganz Europa. Ein heißer, schwerer Kampf — und dann wird Friede werden, wahrhaftiger Friede; erst aber sollst du im Feuer geläutert werden, damit die Schlacken von dir gehn und du erfunden werdest als reines Gold.Darum, seid einig, haltet fest und eng an einander, bis die höhere Hülfe kommt. Thut ihr das Eurige — und Gott, der noch nie seine Deutschen verlassen hat, wird das Seinige thun. Vergiß es nie, deutsches Volk, schreib’ es dir tief ins Herz und sag’ es dir täglich und immer wieder: die Zeit, welcher du entgegen gehst, ist eine Zeit auf Leben oder Tod, jetzt oder nie ist deine Stunde gekommen, ist dir die Wahl gegeben, Alles zu sein oder Nichts. Vor dir liegt eine herrliche Zukunft — wo nicht, die tiefste Erniedrigung. Du bist das Salz der Erde. Wenn aber das Salz verdummt, was geschieht? „Es ist hinfort zu Nichts nütze, denn daß man es hinausschütte und lasse es zertreten.“Noch einmal rufe ich dir zu, mit den Worten eines alten Sehers: „Mache dich auf, und werde Licht; denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn gehet auf über dir. Denn siehe, Finsterniß bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir gehet auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheinet über dir. Und die Völker werden in deinem Lichte wandeln, und die Könige in dem Glanz, der über dich aufgeht. Hebe deine Augen auf, und siehe umher: diese alle versammelt kommen zu dir. Deine Söhne werden von Ferne kommen, und deine Töchter zur Seite erzogen werden. Dann wirst du deine Lust sehen und ausbrechen, und dein Herz wird sich wundern und ausbreiten, wenn sich die Menge am Meer zu dir bekehrt und die Macht der Völker zu dir kommt.“
Es gibt in der Geschichte des Menschengeschlechts drei große Epochen der Erziehung, drei Zeiten, in welchen der göttliche Geist, obwohl beständig und allenthalben wirksam, doch mit besonderer und unmittelbarer Fügung eingegriffen hat in die Entwicklung des Menschengeschlechts.
Die erste Zeit ist gewesen, als Moses die ältesten Traditionen fixirte und den Glauben an den Einigen Gott auf Jahrtausende hinaus bewahrte, indem er beides in einem durch Gesetze, Verfassung und Sitten abgeschlossenen Volke niederlegte. Dies war das erste Testament, in welchem Gott noch dunkel verhüllt, und als strenger Vater den unmündigen Kindern erschien — nur vorbereitend, nur Grundlage für die kommenden. Die zweite Zeit war, als Christus die Decke von den Augen nahm, als er aus der symbolischen Hülle die reine religiöse Anschauung hervorzog, und einen ewigen Bund der Liebe aufrichtete zwischen Gott und den Menschen, so daßin ihmunddurch ihnAlle selig werden konnten. Die dritte Zeit ist die unsrige. Mit dem dritten Testamente ist die Erziehung des Geschlechts abgeschlossen: die Menschheit steht nicht nur liebend und versöhnt, sie steht auchbewußtundfreidem Vater gegenüber, das Menschliche wird geheiligt, und die dunkeln Ahnungen eines göttlichen Reiches auf Erden, welche in den Büchern des zweiten Bundes enthalten sind, gehn der Verwirklichung zu[75].
Das erste Testament war nur Einem Volke gegeben, daszweite den Menschen schlechthin, das dritte wird durch Ein Volk allen Völkern gegeben werden.
Jenes ersten Volkes Schicksal ist uns allen bekannt. Gott hatte sich’s auserlesen zu seinem Eigenthum, es begnadigt mit wunderbarer Führung. Er hatte es großgezogen in der Schule der Knechtschaft, ihm dann ein Gesetz gegeben, ihm viele Helden und große Könige erweckt, später aber, als es in Zwietracht zerfiel, sich spaltete und andern Göttern nachging, fremde Unterjochung aufgelegt, um reiner und geläuterter daraus hervorzugehn. Die ganze Geschichte des Volkes, sein Kultus, sein Glaube, seine Helden und Propheten, seine heiligen Bücher — alles war eine ununterbrochene, lebendige Weissagung eines höheren, neuen Evangeliums. Als aber nun die Zeit erfüllet war, als das Wort erschien — da überhörten sie den Ruf des Höchsten und schlugen den Messias an’s Kreuz. Da ging in Erfüllung, was Moses ihnen verkündigt hatte: sie wurden „zerstreuet unter alle Völker der Erde, von einem Ende der Welt bis an’s andere; sie haben kein bleibendes Wesen unter ihnen, und ihre Fußsohlen keine Ruhe; der Herr hat ihnen ein bebendes Herz und verschmachtete Augen und verdorrete Seelen gegeben.“[76]
Das zweite von jenen begnadigten Völkern bist du, deutsches Volk. Auch du bist „ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priesterthum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigenthums dem Herrn.“ Zwar in einem andern Sinne, denn jene waren gleichsam als das halsstarrigste, verkehrteste und unwissendste unter allen auserlesen zu hervorstechenden Werkzeugen der Erziehung, während du vor allen reich gesegnet bist an Gaben des Geistes und Gemüths, am fähigstenihnzu suchen und zu finden, jene durch ein großesGeschickbegnadigt, während du durchNatures bist. Aber doch hat der Herr auch dich so wunderbar geführt, hat auch deine Kindheit in schwerem Druck herangezogen, hat auch dir den Sieg verliehen und dich groß gemacht über alle Feinde, auch dir im Christenthum ein Gesetz gegeben und dir vergönnt, eine neueOrdnung der Dinge drauf zu gründen, auch dir viel große Herrscher und Richter erweckt, auch über dich, als du von der eignen Art zu lassen, falscher nachzujagen und in Zwietracht dich aufzulösen drohtest, das Joch einer fremden Knechtschaft verhängt, damit du reiner und herrlicher wieder auferstündest. Auch deine Geschichte ist eine lebendige, fortlaufende Weissagung, auch sie ist allenthalben erfüllt von Typen, Vorbildern und Ahnungen einer kommenden Herrlichkeit, wenn du sie nur zu deuten verstehst. Sieh hin auf dein Mittelalter. Hast du nicht in deinem Kaiserthume das Vorbild jener umfassenden Hegemonie, jener allgemeinen Völkerordnung? nicht in deinen Kreuzzügen die Ahnung eines großen Sieges über die asiatische Welt, in deinen hierarchischen Kämpfen eines gerechtfertigten Verhältnisses von Staat und Kirche? Ist nicht dein seltsamer, tausendfach abgestufter Lehrerstaat dermaterielleTypus jener wahrhaftigengeistigenStaatsordnung, nicht deine mittelalterliche Aristokratie das Vorzeichen eines höheren Adels[77]? Und deine Reformation, ist sie nicht die Weissagung eines größern Princips, welches gleich ihr die Völker durchdringen und Europa verjüngen soll? Ja, mußtest du nicht, wie die Juden durch persische und babylonische, so durch europäische Knechtschaft hindurchgehn, um reif zu werden für deine höchste Hervorbringung?
Jetzt, deutsches Volk, kommt näher und näher die Zeit, da andichder höhere Ruf ergehen wird. In deine Hände hat der Herr dein eigen Schicksal und das der Welt gelegt; durch dich will er’s entscheiden, ob die Völker in leichtsinniger Materialität verderben oder in drückenden Fesseln des Geistes versinken, ob sie an einer falschen Freiheit verbluten oder in knechtischer Niedrigkeit dahin sterben sollen, ob die Civilisation einer Welt sich an den eignen Wunden verzehren oder auf Jahrhunderte hinaus der Barbarei unterliegen soll: — oder ob ein neuer, herrlicher Frühling hereinbrechen soll über das arme Menschengeschlecht. Das Alles hat erdiranheimgestellt, weil du der Heilungvor allen bedürftig, weil dir die Gefahr am ehesten droht, weil, wenn du dich nicht zu retten vermagst, du, in dem die frischesten, moralischen und geistigen Kräfte schlummern, überhaupt keine Rettung mehr vorhanden ist. Wirst du nun auch sein, wie jene, deren unseliges Loos es war, „niemals zu sein, was sie hätten sein sollen und sein können?“
Warum rufe ich dir dieß zu? Nicht als ob es in deiner Macht stünde, jenen Gedanken hervorzuzaubern, aus welchem allein eine neue Zeit entsprießen kann: dazu muß dir der Höchste Einen aus den Deinigen erwecken und wird es thun; sondern damit du dich bereitest auf eine große Zukunft und ausfüllest die tiefe Kluft, die zwischen deinem Sein und deinem Können besteht, damit wenn der Weltgeist kömmt, um Wohnung zu machen unter dir, er eine würdige Stätte finde — ein einiges, starkes, enggeschlossenes, stolzes, nach dem Größten begieriges Volk, ein Volk, das sich kenne und achte mehr denn bisher und wisse, wozu es berufen ist unter den Völkern. Glaube nicht, daß dir’s Gott im Schlafe bescheeren werde, wie du lange geglaubt, daß er dich jemals mit einem Glück überschütten werde, dessen du dich nicht würdig gemacht im Schweiß deines Angesichts; im Schlaf gibt ers den Kindern, du aber sollst einMannsein und mitManneskraftdas Schicksal an dich reißen — und das ist’s gerade, was du bisher so wenig gewesen und so selten gethan hast.
Es ist zwar allerdings, als ob die neue Zeit sich schon hören ließe, ihr allmächtiger Schritt klingt schon, wenn auch noch aus der Ferne, zu uns herüber. Ein herrlicher Auferstehungsgeist glüht und arbeitet in den deutschen Landen, ein anderer Sinn ist erwacht und das Wehen einer hoffnungsreichen Zukunft zieht hin über die deutsche Erde. Der Anfang ist geschehen, der erste Grund gelegt. Laß diese heilige Begeisterung, deutsches Volk, nicht noch einmal zum Gespötte werden, wie es eine frühere schon geworden, laß sie nicht betasten von ungeweihten Händen, nicht schnöde mißbrauchen zu Parteienzweck, als ein treffliches Werkzeug für die Stunde der Gefahr, welches weggeworfen wird in sicheren Zeiten, oder als Waffe in derer Hand, die dir von Freiheit schwätzen undweiter nichts wollen als sich bereichern an deiner Zerrüttung. Laß nicht erkalten, was einmal glüht, nicht erschlaffen, was einmal lebt; strebe fort und fort, ohne Rast und Ruhe, als gälte es (wie es denn auch gilt) dein Dasein auf Jahrhunderte. Wer immer kämpft für ein gutes deutsches Recht, der thu’ es ohne Unterlaß und unerschütterlich, es werde was da wolle — und das ganze Volk soll ihm zur Seite stehen, und ihn stärken im Kampf. Wer immer arbeitet für die äußere Größe des Vaterlandes, sei es für Zollverein oder Eisenbahnen oder Volksbewaffnung, wenn es nur vaterländische Zwecke sind, deßgleichen und noch mehr, wer es für innere Größe thut, für Mündigkeit und gegen Mißbräuche, für die Heiligkeit des Gesetzes und die Reinheit der Verwaltung, für Förderung des Unterrichts und der Sitten oder fürs freiere Wort, — alle diese sollen unverrückt und unaufhaltsam, wo nicht das Gesetz sie aufhält, dem Ziele nachjagen, das sie einmal sich vorgesetzt. Und wo sie’s nur im rechten Geiste thun, sollen sie nicht zagen oder zweifeln am Erfolg; denn „alle die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.“
Es sind aber vorzüglich drei Mächte, in welchen das Wohl oder Weh des Vaterlandes liegt. Die erste sind die Fürsten und die, die in ihrem Rathe sitzen. Der Fürsten Sache ist es, voranzugehen in Allem, was die Ehre, den Ruhm und die Wohlfahrt Deutschlands besonders nach außen betrifft, und, wie sie auch sonst zu den politischen Fragen der Zeit gestellt sein mögen, das Eine nicht zu vergessen, was Einer aus ihrer Mitte ihnen zugerufen hat, daß die Völker nicht um ihrentwillen, sondern sie um der Völker willen da seien. Ihre Rathgeber aber sollen bedenken, welch ein schweres Gewicht der Verantwortung auf ihnen liegt, daß die öffentliche Meinung mit einem ganz andern Maßstabesie, mit einem andern ihre Herren mißt (welche als sterbliche Menschen auf die höchste Höhe gestellt, gerade zumeist dem Straucheln ausgesetzt sind), und daß die Nation um so höher sie ehren wird, je weniger sie ihre Stimme zu meiden, oder mit derHeiligkeit des Thrones ihre Fehler zu bedecken suchen. — Die zweite Macht sind die Kammern. Diesen liegt es ob, die allgemein deutschen Interessen vor allem hervorzuziehen, für sie, wenn es Noth thut, auch Opfer zu bringen, und eswohl zu wägen, ehe sie schwierige (und wie oft fruchtlose) Controversen beginnen; wenn sie aber begonnen werden müssen,ohne Wankenmit dem Recht zu stehen und zu fallen. — Die dritte Macht ist die Presse. Ihr ist Unendliches anvertraut, sie kann die Seelen regieren und die Geister beherrschen. Sie soll daher deutsch sein im schärfsten, ausgeprägtesten Sinn, deutsch vor allen provinziellen Dingen und gegen allen ausländischen Einfluß; welcher Partei sie auch angehöre, ihre Pflicht ist es, nach außen zu nur Eine Stimme zu führen, wenn liberal, dem Westen, wenn konservativ, dem Osten als deutsch gegenüberzustehen, und im Innern unter allen Kämpfen nur dasEine Ziel, die Einigkeitvor Augen zu haben.
Wenn dieses geschieht: so können wir hoffen, für eine große Zukunft gerüstet dazustehen und das Schicksal würdig zu empfangen, es mag nun im sanften Wehen oder im wilden Sturme zu uns kommen.
Vor allem aber, deutsches Volk,steh’ fest auf dir allein— schau nicht um weder rechts noch links nach Freunden und Nachbaren, geh unverrückt deinen eigenen Weg, und achte nicht auf die, welche scheel seh’n zu Deutschlands steigender Wiedergeburt. Glaube sicherlich, es ist keine unter den mächtigern Nationen Europas, welche dich nicht lieber klein und niedrig sehen wollte denn herrlich und groß, keine, von der du dir Heiles und Freundschaft erwarten könntest, um deinetwillen, keine, die dir nicht den Weg erschweren möchte, den du betreten hast.
So ists im Frieden; wie erst, wenn die Gewitterwolken sich entladen, die jetzt schon schwül und dumpf über unsre Häupter hereinhängen? Es kann eine Zeit kommen, wo von allen Gränzen her die Wogen über dich zusammenschlagen, und der Feind dich ängstigt in allen deinen Thoren. Da wirst du keinen Genossen haben als dich selbst, keine Hülfe als die der eigenen Kraft. Denn die Völker, welche dich mit Freuden ehren werden,wenndueinst sein wirst, wozu du berufen bist, werden sich dir entgegenwerfen,ehedu’s bist; und um der Erste zu sein in Europa, mußt du dich vielleicht erproben vor ganz Europa. Ein heißer, schwerer Kampf — und dann wird Friede werden, wahrhaftiger Friede; erst aber sollst du im Feuer geläutert werden, damit die Schlacken von dir gehn und du erfunden werdest als reines Gold.
Darum, seid einig, haltet fest und eng an einander, bis die höhere Hülfe kommt. Thut ihr das Eurige — und Gott, der noch nie seine Deutschen verlassen hat, wird das Seinige thun. Vergiß es nie, deutsches Volk, schreib’ es dir tief ins Herz und sag’ es dir täglich und immer wieder: die Zeit, welcher du entgegen gehst, ist eine Zeit auf Leben oder Tod, jetzt oder nie ist deine Stunde gekommen, ist dir die Wahl gegeben, Alles zu sein oder Nichts. Vor dir liegt eine herrliche Zukunft — wo nicht, die tiefste Erniedrigung. Du bist das Salz der Erde. Wenn aber das Salz verdummt, was geschieht? „Es ist hinfort zu Nichts nütze, denn daß man es hinausschütte und lasse es zertreten.“
Noch einmal rufe ich dir zu, mit den Worten eines alten Sehers: „Mache dich auf, und werde Licht; denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn gehet auf über dir. Denn siehe, Finsterniß bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir gehet auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheinet über dir. Und die Völker werden in deinem Lichte wandeln, und die Könige in dem Glanz, der über dich aufgeht. Hebe deine Augen auf, und siehe umher: diese alle versammelt kommen zu dir. Deine Söhne werden von Ferne kommen, und deine Töchter zur Seite erzogen werden. Dann wirst du deine Lust sehen und ausbrechen, und dein Herz wird sich wundern und ausbreiten, wenn sich die Menge am Meer zu dir bekehrt und die Macht der Völker zu dir kommt.“