3. KapitelCHEMIE UND LEBENSELIXIER
Von Staunen erfüllt über die seltsamen Ereignisse jenes Tages und jener Nacht, die ich eben erzählt habe, zog ich mich in mein Zimmer zurück, aber nicht, um zu Bette zu gehen, denn noch vor Tagesanbruch ereignete sich etwas,was den Verlauf und den Charakter meines Lebens vollständig veränderte.
An dem Morgen, der dieser ereignisreichen Nacht folgte, begab ich mich zu einem Zahnarzt, der im Rufe stand, ein Philosoph zu sein und dessen Gehirn ein weit interessanteres Museum war als das wirkliche Museum in der Nähe seiner Wohnung. Ich plauderte eine Weile mit ihm und lernte durch ihn einen bedeutenden Denker kennen, dessen Name, glaube ich, Blood war. Nachdem wir in seinem Laboratorium eine Zigarre geraucht hatten, ging ich zu dem Apotheker Nichol, wo ich einige kleine Einkäufe machte, und dann in mein Sprechzimmer.
Ich hatte einige Zeit vorher einen chemischen Apparat gekauft, mit dem ich im Geheimen experimentierte – hauptsächlich nach 12 Uhr nachts –, und zwar mit der Absicht, La Brières großen Versuch zur Entfernung der feurigen und giftigen Bestandteile des Protozoons auszuführen, ohne daß dabei seine belebenden medizinischen Eigenschaften gleichfalls zerstört würden. Ich hatte schon fünf Monate lang unermüdlich und mit größten, meine Verhältnisse weit übersteigenden Kräften experimentiert, aber ich hielt noch immer an der unerschütterlichen Überzeugung fest, daß ich Erfolg haben müßte.
Der Versuch war mir sehr wichtig. Churchill hatte seine Hypophosphate hergestellt und sie hatten kläglich versagt; daher vermied ich bei meinen Arbeiten seine und andere Formeln. Der Erfolg, das fühlte ich, würde nicht nur meiner eigenen privaten Praxis zugute kommen, sondern auch der großen Menge der Nervenkranken und damit der gesamten Medizin nützen. Ich wußte, daß diese Entdeckung den Ärzten ein wirksames und gleichzeitig doch völlig harmloses nervenstärkendes Reizmittel in die Hand geben würde. Der Versuch war daher die Zeit, die Mühe und die Ausgaben, die ich ihm widmete, wohl wert. Tatsächlich war es La Brière gelungen, Erfolge zu erzielen, aber sein Geheimnis war verloren gegangen. Ich beschloß, es wieder zu erwecken. Und nach hunderten von Fehlschlägen gelang es mir endlich, das herzustellen, was er Protozoon genannt hatte.
Ich versuchte seine Wirkung an mir selbst, verschiedene andere Ärzte taten desgleichen; schließlich wurde es an Patienten auf deren eigenen Wunsch ausprobiert und das Ergebnis ließ keinen Zweifel darüber, daß ich vollauf berechtigt war, »Heureka« zu rufen. Diese Vorrede ist zum Verständnis des Folgenden notwendig. Einige Tage vorher nämlich, ehe ich Mrs. Graham gesehen, war es geschehen, daß ichetwa vier Pfund Protozoon zusammen mit dem fünffachen Gewicht anderer Stoffe in einem starken Glasgefäß in ein Sandbad getan hatte, so daß alles für die Bereitung von etwa einem Viertelliter des kostbaren Trankes bereit war. Als ich vom Zahnarzt heimkam und mein Zimmer betrat, war es natürlich mein erstes, das Gas anzuzünden. Einige Minuten lang beobachtete ich, wie der schöne scharlach- und purpurfarbene Dampf aufstieg und sich durch den Hals der Retorte und die langen gläsernen Röhren zum Kondensator wand. Mitten in dieser interessanten Tätigkeit wurde ich plötzlich durch den Ruf: »Sorgloser Narr! Gib acht! Lauf hinaus!« erschreckt. Ich gehorchte mechanisch und sprang in das äußere Zimmer, als auch schon eine heftige Explosion erfolgte, die Retorte war in Millionen Stücke zersprengt, der Apparat und die Fenster in kleine Trümmer geschlagen und einige Pfund glühend heißer Chemikalien auf den Boden verspritzt worden. Ein wüstes Durcheinander herrschte – aber nicht für den Sprecher, denn mit Gedankenschnelle packte er den Teppich auf dem Boden mit samt den darauf geschütteten Chemikalien und warf alles auf den Schneehaufen unten im Hofe hinaus, der unter der Einwirkung der intensiven Glut dieses fastunlöschbaren Feuers alsbald zu schmelzen begann. Endlich fiel es in sich zusammen und nur ein weißer Rauch erzählte noch von der Gefahr, in der ich und das Haus sich befunden hatten. Als das Feuer erloschen und mein Schrecken einigermaßen geschwunden war, sah ich mich endlich um, wer mich eigentlich so gerade im rechten Augenblick noch gerettet hatte und sah den kleinen Alten lächelnd vor mir stehen.
»Wie! Sie sind es?« fragte ich, ihm herzlich meine Hand entgegenstreckend.
»Ich glaube beinahe,« sagte er, »und es war ein Glück für Sie, daß ich zufällig schon so früh am Morgen hier war. Sie sind kein allzu geschickter Chemiker, mein lieber Doktor, sonst würden Sie niemals damit gerechnet haben, daß Ihr Protozoongas den Kondensator erreicht, wenn der Hahn geschlossen ist, oder daß eine gesprungene Glasretorte dem ungeheuren Druck des überhitzten Dampfes widerstehen kann. Ich sehe, daß Sie Alchimist und Hermetist geworden sind – wie ja so viele Rosenkreuzer! Und daß Sie dazu bestimmt sind, sich selbst in die Luft zu sprengen, oder
Das große Elixier zu findenUnd über den Stein der Weisen zu stolpern.«
Das große Elixier zu findenUnd über den Stein der Weisen zu stolpern.«
Dabei schlug der kleine Alte seine Hände zusammenund tanzte in ausgelassener Freude im Zimmer umher.
»Aber, mein Freund,« sagte er dann, »da ausdauernde Versuche ein Mittel zum möglichen Erfolg sind, habe ich nicht den geringsten Zweifel, daß Sie eines Tages ein reicher Mann sein und ein hohes Alter erreichen werden; denn um Ihnen die Wahrheit zu sagen: Sie sind heute früh der Zusammensetzung des Lebenselixiers – dieses wahren Elixiers, um das sich die Weisen aller Jahrhunderte vergebens abgemüht haben – näher gekommen als irgendein Mensch, der je gelebt. Hätten Sie nur eine geringere Menge von Elementen in die Retorte getan, von dem ersten und dritten Ingrediens mehr und vom zweiten, vierten und fünften weniger, dabei etwas weniger Hitze entwickelt, und zwei Unzen … und … eine Unze … (er nannte dabei die betreffenden Stoffe), so hätten Sie das Wasser der ewigen Jugend und Gesundheit gefunden – das wunderbare Mittel, das die Säfte reinigt, Verkalkung der Adern beseitigt und den Menschen gegen Miasmen und Krankheiten und überhaupt gegen alle lebenzerstörenden Einflüsse – außer natürlich gegen Körperverletzung – wappnet. Was meinen Sie dazu? Haha!« Und wieder brach er in ein heulendes Kreischen aus:
»Den Mittelpunkt der Schwere will ich suchen,Du aber sollst den Stein der Weisen finden.«
»Den Mittelpunkt der Schwere will ich suchen,Du aber sollst den Stein der Weisen finden.«
Wie groß war mein Erstaunen, als mir der ausgemergelte Alte ins Ohr flüsterte, daß ich vor der größten überhaupt denkbaren Entdeckung stehe, daß der Schlüssel zum Geheimnis aller Geheimnisse in meiner Hand läge!
Eine große Erregung bemächtigte sich meiner. Bald aber wurde ich ruhiger und fragte mich: Wieso kannte er die Stoffe, die ich für das Elixier verwendet hatte? Vielleicht hatte er den Rauch gesehen und daraus Schlüsse gezogen. Aber wie konnte er den Inhalt des Kondensators kennen, durch den der Dampf hindurch mußte, um seine schädlichen Eigenschaften zu verlieren? Kein Mensch hatte mir bei den Vorbereitungen zugesehen. Woher wußte er, zu welchem Zweck ich die Flüssigkeit zusammengebraut hatte? Wie konnte er den Traum, die Hoffnung, das einzige Ziel meiner Seele während langer mühseliger Jahre kennen?
All dies diente nur dazu, ihn selbst noch tiefer in den Schleier des Geheimnisses zu hüllen, und während ich so von Zweifeln hin und her geworfen wurde, stand er an meiner Seite und blickte neugierig durch die zerbrochenen Fenster auf den aufsteigenden Rauch, der sich in die Luft emporkräuselte.
Bald darauf hatten wir die Trümmer beiseite geräumt, der Alte verließ mich mit dem Versprechen, am selben Tag noch einmal herzukommen, und ich ging fort, um einen neuen Apparat, neue Fensterscheiben und einen neuen Teppich zu bestellen und einige Patienten zu besuchen. Dann kehrte ich wieder zurück. Es schlug drei Uhr und ich war noch nicht lange zu Hause, als Miakus, seinem Versprechen getreu, ebenfalls erschien.