4. KapitelDER MAGISCHE SPIEGEL
»Ich will Ihnen einen Rat geben«, sagte er, »denn Sie brauchen ihn. Zunächst: vertrauen Sie niemals einem Freunde irgendein Geheimnis an, das Unglück oder Sorge bringen kann, wenn es verraten wird. Mischen Sie sich nie in einen Streit ein, ganz gleichgültig, auf wessen Seite Recht oder Unrecht ist, sondern lassen Sie die Welt ihren Kampf allein austragen, während Sie abseits stehen und sorgfältig auf jeden Vorteil achten, den Ihnen der Zufall verschafft. Und zuletzt: behalten Sie für sich, was Sie wissen, bis die Zeit dazu gekommen ist. So, und jetzt wollen wir unsere magnetischen Spiegel befragen.«
Sogleich gingen wir in das Hinterzimmer, das inzwischen wieder instand gesetzt worden war, wenigstens was Fenster und Teppich betraf. Der Alte hielt das Rosenholzkästchen eine Weile in der Hand und stellte es sodann auf den Tisch. Dann schloß er die Fenster und spannte einen seidenen Vorhang rings um das ganze Zimmer auf, um so jedem Lichtstrahl den Zutritt zu wehren.
»Das ist ein magischer Vorhang«, erklärte er. »Sie haben jedenfalls schon eine Laterna magica-Vorführung gesehen. Nun, ich werde Ihnen hier etwas ganz Ähnliches zeigen, aber ohne Laterne. Ich öffne jetzt dieses Kästchen, wie Sie sehen, und nehme den Spiegel heraus. Er besteht aus zwei französischen Glasplatten, die durch eine Holzumrahmung etwa einen halben Zoll voneinander entfernt gehalten werden, so daß ein gewisses Fluidum zwischen ihnen nicht entweichen kann. Das Kästchen, der Vorhang und die beiden Gläser sind durchaus unwichtig; alles hängt lediglich von dem Fluidum ab, das von dunkelbrauner Farbe ist, aus der Entfernung aber tintenschwarz erscheint.
Ich hänge jetzt den Spiegel mit seinem Haken an den in den Vorhang eingenähten Ring. Dann verriegle ich die beiden Türen und stelle zwei Stühle für Sie und mich davor. Dann nehme ichdiesen Reflektor hier und stelle ihn so, daß er einen starken Lichtkegel wirft, damit in der Mitte des Spiegels eine kreisrunde, glänzende Lichtfläche erscheint.« Wir setzten uns vor dem Vorhang nieder und ich bemerkte, daß die Flüssigkeit zwischen den Gläsern in einer opalisierenden Farbe schillerte.
»Bevor wir die Richtigkeit von Hamlets Bemerkung gegenüber Horatio beweisen,« fuhr der Experimentator an meiner Seite fort, »will ich Ihnen einige Erklärungen geben. Zwischen dem menschlichen Körper und allen Dingen der Außenwelt desselben besteht nicht nur eine geheimnisvolle mächtige Sympathie, sondern eine noch größere zwischen diesen Dingen der Außenwelt und der Seele, was durch die erstaunliche Macht bewiesen wird, die verschiedene Substanzen auf sie ausüben, von denen die meisten für immer von der Erde verbannt und verflucht werden sollten, – so z. B. Belladonna, Cantharidin, Bang, Opium, Haschisch, Dewammeskh, Hyndee, Tartooroh, Hab-zafereen, Mah-rubah, Gunjah und viele andere Pflanzengifte, von denen jedes nicht nur den Körper, sondern auch die Seele beeinflußt. Steigen wir jetzt von den greifbaren Körpern zu den flüchtigen Erscheinungen herab, z. B. zum Licht. Mit konkaven Spiegeln können wir Bilder in den Raum senden,die von Tausenden gesehen werden können. Wir fesseln sozusagen einen Schatten, und wer immer eine photographische Kamera besitzt, hat einen solchen Gefangenen. Wir machen damit ein paar magnetische Striche über ein Glas Wasser, sättigen es so mit irgend einer bestimmten, von uns gewünschten, angenehmen oder unangenehmen Eigenschaft, und es bringt sofort bei dem Patienten, der es zu sich nimmt, die entsprechende Wirkung hervor. Da haben Sie Geist und Außenwelt in einem einfachen Willensakt vereinigt. Aber wir gehen noch weiter: Wir nehmen gewisse Stoffe und machen damit das Wasser noch viel empfindlicher. Wir übertragen unsere Seele darauf, und zwar in einem solchen Grade, daß es den Körper eines Menschen völlig einschläfert und seine Seele zum höchsten Grade des Hellsehens erhebt. Noch mehr: es ist möglich, eine Flüssigkeit herzustellen, die jedes auf sie geworfene geistige Bild erfaßt und für eine gewisse Zeit festhält. Noch mehr: es gibt unmittelbare Beziehungen zwischen jedem Ding und jeder Person auf dieser Erde und über ihr. Durch gewisse Kenntnisse vermögen manche Personen jene Substanzen zu finden, die zu den Bewohnern der oberen Welten und des Weltraumes eine innere Verwandtschaft haben. Die Glasscheibe vor Ihnen nun enthält eine solcheFlüssigkeit, die folgendermaßen zusammengesetzt ist …«
Hier gab er mir eine genaue Erklärung des Verfahrens zur Herstellung solcher Spiegel und der Art der Einbringung der Flüssigkeit, die, wie ich bemerkte, gleichzeitig eine elektrische, magnetische und ätherische sein mußte. Dann erklärte er mir, wie der Spiegel für die verschiedenen Gebrauchsarten zu präparieren sei – als Spielzeug, als ein Mittel für ärztliche Diagnose, zum Zwecke der Traumdeutung, dann um irdische Dinge zu sehen, verlorene Schätze zu entdecken, Vergangenheit und Zukunft zu erfahren und vieles andere –, da kein Spiegel zur gleichen Zeit zu mehr als einem dieser Zwecke dienen kann, wenn er nicht besonders für allgemeinen Gebrauch eingerichtet ist, was aber seine Herstellung zu teuer machen dürfte.
»Richtig behandelt«, fuhr er dann fort, »wird Ihr Spiegel so ungeheuer empfindlich, daß er nicht nur Dinge festhält, die für das Sonnenlicht zu subtil sind, sondern sie sogar reproduziert und sichtbar macht. Das ist aber noch nicht alles. Es gibt Licht im Lichte, Luft in der Luft und intelligente Wesen, die darin wohnen und mit den Menschen nur durch solche Spiegel verkehren können, in dem sie durch darin nachgebildete Vorgänge und darauf projizierte Wortedie Nachricht hervorbringen, die sie zu übermitteln wünschen. Jetzt geben Sie gut acht! Gedanken sind Stoff, sind körperhafte Wirklichkeiten. Sie werfen Schatten, haben Gestalt, Umrisse, Masse, manche sind flach, andere scharfkantig, schneidend, spitz und bohren sich ihren Weg durch die Welt von Jahrhundert zu Jahrhundert. Wieder andere sind fest, rund, massig und wanken, wenn sie an Ihnen vorbeistreichen und gegen die Dinge der Welt stoßen. Gedanken leben, sterben und wachsen. Hören Sie zu! Blicken Sie fest und starr! Wünschen Sie sich irgend etwas zu sehen, ganz gleichgültig, was!«
Ich lächelte ungläubig und meinte, man könne sein Gesicht auch in jedem andern Glase sehen.
»Gewiß,« erwiderte er, »aber Sie haben noch niemals Ihre Seele gesehen und diese Kleinigkeit will ich Ihnen heute zeigen.
Ich will jetzt noch verborgene Ereignisse enthüllen, die bald oder auch in späterer Zukunft auf der Erde oder über ihr geschehen werden.«
Ich erklärte ihm, daß ich der Sache sehr skeptisch gegenüberstünde und mein Glauben erst erzwungen werden müßte.
Ich lachte geradezu, worauf Miakus bemerkte: »Lachen Sie nur zu, lachen Sie immerhin; aber geben Sie acht, daß das Lachen sich nicht gegenSie wende. Die Wahrheit ist eine recht eifersüchtige Dame und findet niemals Geschmack an Scherzen, die man auf ihre Kosten macht. Aber sehen Sie zu! Der Spiegel beginnt zu wirken.« Und sogleich beugte er sich nieder, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, blieb ungefähr eine Minute lang in dieser Stellung und fragte dann:
»Was sehen Sie in dem Glas?«
»Nichts,« erwiderte ich, »als unsere eigenen Bilder.«
»Geduld! Sehen Sie noch einmal hin! Versuch's!«
Ein kurzes Schweigen folgte.
»Sehen Sie jetzt etwas?«
»Ja, aber nichts Außergewöhnliches. Nur eine helle Stelle, eine Öffnung in der Mitte des Glases. Ja! Jetzt ändert sich etwas – schwache, nebelhafte, dämmerige Schatten huschen darüber, aber nichts Deutliches und Unterscheidbares.«
»Ist das alles?«
»Ja.«
»Sehen Sie weiter!«
»Jetzt sehe ich klar und deutlich den Vorderteil eines großen, grauweißen Hundes. Er wird größer! Jetzt ist er ganz sichtbar! Das Bild steht voll und scharf außerhalb des Spiegels!«
Während ich nun in den Spiegel blickte, wunderteich mich im stillen darüber, wie es möglich sein sollte, mit Hilfe dieses Glases das große Geheimnis aller Menschenalter zu lösen. Aber gleich darauf fühlte ich einen gewissen Unwillen darüber, ein solches Bild zu sehen, während er mir doch versprochen hatte, ich würde meine eigene Seele erblicken. Ich sagte es ihm. »Nehmen Sie daran keinen Anstoß«, sagte er, »dieses Bild ist nicht wirklich, sondern nur ein Symbol. Ist der Hund nicht ein Muster ausdauernder Freundschaft, vollkommenen Vertrauens und unbegrenzter Liebe? Dies sind die Eigenschaften Ihrer Seele.«
Jetzt erschien auf dem Glas ein breiter, leerer Raum und das Ganze wurde klar und durchsichtig wie der feinste Kristall und gerade in der Mitte zeigte sich ein kleiner, strahlender Lichtfleck, dessen Glanz sich immer mehr steigerte, bis mein Auge vom Hinsehen geblendet wurde. Allmählich breitete er sich aus und wiederum in der Mitte erstrahlte ein Lichtpunkt heller als der hellste Mittag, in den ich mit Entzücken hineinblickte, denn das intensive Licht hatte sich in eine Art von nebligem Dampf verwandelt.
»In diesem Dampf und durch diesen will ich Sie vor mir sehen. Aber nicht jetzt. Die Zeit ist nicht günstig. Was Sie erblicken, ist die Linse eines mystischen Teleskops, mit dem ich dieRegionen durchforschen kann, wo Myriaden von Welten gleich der unserigen rollen, die der Mensch noch nicht kennt. Mit ihm können Sie nicht nur diese Welten, sondern auch ihre Bewohner und alles, was sie tun, beobachten.«
»Wie! Wollen Sie damit sagen, daß ein lebender Mensch mit diesem Teleskop, wie Sie es nennen, alles, was auf dem Mars oder Jupiter geschieht, wahrnehmen kann?«
»Gewiß! Und noch eine Million anderer Planeten, Sonnen und Sonnensysteme. Es wird Ihnen das Schicksal jedes Lebenden und Toten enthüllen. Schreiten wir gleich zum Beweis.«
Bei seinen Worten schien sich ein röhrenförmiges Lichtgebilde meinem Auge zu nähern, und ich erblickte dadurch wie in einem Diorama all die schrecklichen und schmerzlichen Szenen dessen, was ich für mein jüngstes Leben auf der Erde halte. Ich sah meine wenigen Freuden und Erfolge und die unzählbaren Schmerzen des Leibes und der Seele, von denen sie umrahmt waren. Und Menschen begegneten dem Phantom meines Ichs mit lächelndem Antlitz, die honigsüße Worte zu sprechen schienen, damit man ihnen vertraue; und dann erdolchten diese Wesen den Zuhörer. Er fiel wohl, aber er schien nicht zu sterben, denn ein scheußliches Gespenst schwebte beständig über ihm, zögerte aber ausMitleid oder Bosheit, ihm den tödlichen Streich zu versetzen.
Die Szene änderte sich. Ein Landstädtchen erschien – das Datum stand in feurigen Ziffern in der Ecke: 1852. In einem Barbierladen übte ein fröhlicher, leichtherziger Jüngling seinen Beruf aus.
Dann zeigte der Spiegel denselben Mann im öffentlichen Leben; man nützte ihn aus, schmeichelte seiner Eitelkeit und er beging so manchen Fehler. In dem Augenblick jedoch, wo sein Irrtum entdeckt wurde und er ihn eingestand, erhoben sich tausend Dolche gegen ihn, zehntausend Zungen schmähten ihn – und warum? Weil er seiner Vernunft, seinem Gewissen und seinem Gott treu geblieben war. Ich sehe ihn jetzt mit gequältem Herzen.
Wieder eine Veränderung: sieh da, derselbe Mann erscheint wieder. Von der Glut des Hasses, des Neides und des Undanks und der Bosheit seiner früheren Freunde niedergeschmettert, hatte er sich allmählich wieder aufgerichtet. »Ich erstehe neu aus meiner Asche« war der Wahlspruch auf dem Banner, das er im Winde flattern ließ. Er änderte seine Lebensweise. Einer von denen, die ihn zuerst von seiner Arbeit weg in die Welt geführt hatten, klammerte sich noch immer an ihn und erklärte, nicht einmalder Tod könne sie trennen. Die Pantomime war so klar verständlich wie gesprochene Rede und jener glaubte dem Lügner.
Wieder änderte sich das Bild. Der Barbier und Redner war zu Ansehen gelangt, hatte viel Geld verdient, er hatte für ein Weib, das aber seine Liebe nicht erwiderte, zu sorgen, dem sein Herz zugeneigt war. Sein »Freund« eignete sich durch Betrug alles an, was jener besaß und verleumdete dann die Frau bei seinem Opfer, das er zum Bettler gemacht hatte. Dies brachte den ehemaligen Barbier fast um seinen Verstand, während der andere ihn auslachte und in Freuden lebte. Wieder entflog das Bild; Jahre waren vergangen: der Böse hatte den Boden unter den Füßen verloren, sein Opfer, der Barbier, war in der Welt der Wissenschaft emporgestiegen, die Menschen ehrten ihn und verachteten den anderen.
»Der Weg der Welt!« rief Miakus, »aber erinnern Sie sich, daß stets das Recht den Sieg erringt und immer die Gerechtigkeit das letzte Wort behält. Was konnten Sie anders von einem so schwachen Menschen erwarten? Vertrauen Sie niemand! Das war Schicksal und dem Schicksal kann man nicht entgehen. Unterwerfen Sie sich ihm! Es wird für die Folge gut sein. Wir können doch glücklich sein!«
Schon wieder diese Worte! Und noch dazu aus Miakus' Munde!
Mein Geist begehrte etwas von der Zukunft zu sehen, was ebenso klar sein würde wie die Bilder der Vergangenheit, und wollte wissen, ob es kein Mittel gebe, um die Schläge des Schicksals zu mildern, und als mein Auge wieder durch die magische Röhre blickte, glitt der Kopf und die Büste eines jungen Mädchens über das Sehfeld. So schnell floh es dahin, daß nur ein elektrischer Strahl seiner Schönheit in mir zurückblieb. Doch eine unbestimmte Ahnung sagte mir, daß ich das Haupt Eulampias gesehen hatte, daß mir vom Weibe allein die Erlösung kommen könnte. Aber in jenem Fluch hieß es doch: »eine Tochter Ichs« und sie war ein Kind Japhets!
Kaum war dieses Bild entschwunden, als das Glas wolkig und dunkel zu werden begann, bis es schließlich wieder genau das Aussehen hatte wie vorher, als es aus dem Kästchen genommen worden war.
»Heute können wir nichts mehr sehen«, sagte Miakus, »aber ich habe Ihnen schon jetzt unbezahlbare Gaben verliehen. Sie können in die Welt hinausgehen und die Kranken heilen, die Wahnsinnigen wieder zu Verstand bringen, Sie können Spiegel machen und das Elixier bereiten, Sie können Vergangenheit und Zukunft lesen.Und doch ist das alles nichts gegen das, was Sie erwartet, wenn Sie feierlich geschworen haben, den Schlaf Sialam für mich zu schlafen.«
Ich erkannte bereitwillig alles an, was er sagte, und die Dankbarkeit drängte mich, zuzustimmen. Die Worte schwebten mir schon auf den Lippen, als plötzlich dasselbe Haupt und dieselbe Büste wie vorhin langsam vor mir, etwa einen Fuß von meinem Gesicht entfernt, vorbeizog. Es war unzweifelhaft Eulampia und ihr Gesicht war traurig und tränenfeucht, als sie wieder verschwand. Während dies geschah, sprach eine leise, sanfte, wohlklingende Stimme: »Wenn ich in Gefahr bin, wirst du es wissen, wo immer du auch sein magst. Wenn du in Gefahr bist, wirst du mich sehen, und wenn Meere zwischen unseren Körpern lägen.« Genau die Worte, die das Mädchen an der Tür der Hütte des alten Häuptlings gesprochen hatte, als wir so traurigen Abschied nahmen.
So auf geheimnisvolle Weise gewarnt, hielt ich mit meiner Zustimmung zurück. Miakus warf mir einen kläglichen und enttäuschten Blick zu. Er sagte jedoch nichts, sondern packte schweigend seine Instrumente wieder zusammen, wünschte mir ferneres Wohlergehen und dann ging ich mit ihm bis auf die Straße hinab, wowir uns die Hände schüttelten und Abschied nahmen.
Ich konnte nicht umhin, dem rätselhaften Alten für die Gunst, die er mir erwiesen hatte, dankbar zu sein und doch war ich fest überzeugt, daß ich durch Geisterhilfe aus einer großen Versuchung siegreich hervorgegangen war, wenn auch Miakus mich nach allem für undankbar halten würde. Unwillkürlich klammerte ich mich an die Erinnerung an das Mädchen im Tale, segnete sie von ganzem Herzen und sandte ein Gebet empor, sie möchte, wenn es möglich wäre, der rettende Engel sein, nach dem meine einsame Seele so heiß verlangte und seufzte.