7. KapitelDAS GROSSE GEHEIMNIS?

7. KapitelDAS GROSSE GEHEIMNIS?

Dem Verfasser dieser Blätter fällt nun die Aufgabe zu, die Erzählung Beverlys, seines Freundes, zu vervollständigen.

Ich war soeben in Paris über Marseille angekommen, nachdem ich dort einige Tage früher von Alexandria über Malta angelangt war. Ursprünglich hatte ich die Absicht, hier zu übernachten, um dann über Rouen und Dieppe nach England und von dort nach Amerika zu reisen. Wie alle anderen Reisenden, gedachte ich eigentlich, eine Woche in Paris zuzubringen, aber leider hielten mich Geschäfte ab und ich hatte mich daher darauf eingerichtet, die Hauptstadt am Tage nach meiner Ankunft wieder zu verlassen.Außerdem sprach noch der Umstand mit, daß ich gern noch länger die Gesellschaft eines Herrn genießen wollte, mit dem ich von Kairo bis Paris zusammen gewesen war, und der sich in Paris nicht lange aufhalten wollte, um so bald wie möglich seine Tochter zu treffen, die seit etwa drei Jahren in Paris erzogen wurde und die er in sein neuerworbenes Haus in New York führen wollte.

Die Geschichte des Herrn Im Hokeis und seiner Tochter, die er mir auf der Reise erzählte, ist wohl wert, wiedergegeben zu werden, und so will ich, selbst auf die Gefahr hin, dieses Kapitel ungebührlich zu erweitern, einen kurzen Abriß davon geben:

»Ich bin an den Ufern des Kaspischen Meeres geboren«, hatte Hokeis mir erzählt, »und entstamme der Familie der Hokeis, einer heiligen Familie, die den höchsten Priesterstand bekleidete und der die Sorge für das heilige Feuer oblag, denn wir waren Parsen, und das Feuer durfte nie erlöschen und ist auch seit vielen Tausenden von Jahren nicht erloschen, wie unsere Überlieferungen erzählen, denn Religion ist bei uns etwas ganz anderes als bei den Männern des Islams oder den Bewohnern Indiens oder Roms oder des Westens. Wir sind stolz auf die Reinheit unseres Glaubens und auf seine Überlegenheitüber alles, was von den Kindern Adams bekannt geworden ist, ebenso wie auf unsere Abstammung von Ich, dem großen Begründer unseres Stamms und mächtigen präadamitischen König und Eroberer.«

Es mangelt mir hier Raum und Zeit, die Gründe anzuführen, mit denen Im Hokeis seine Behauptung bewies, es gebe auf der Erde noch andere Menschen als solche, die von Adam abstammten. Er sagte, er sei von Geburt an zum ersten Priester seines Glaubens bestimmt gewesen, und habe im Alter von 17 Jahren ein Weib seines Stammes geheiratet. Um die Zeit, als er eingekleidet werden sollte, war zwischen den Parsen und ihren persischen Tyrannen ein Krieg ausgebrochen. Er und sein Weib wurden gefangen genommen, nach Herat gebracht und verurteilt, geblendet zu werden, doch wurden sie von einem Mitglied der englischen Gesandtschaft vor diesem schrecklichen Schicksal bewahrt. Sie blieben dann fast drei Jahre lang bei ihrem Retter und lernten während dieser Zeit die englische Sprache. Hokeis hatte später das Glück, seinem Wohltäter das Leben retten zu können, und die Folge war, daß zwischen ihnen eine so herzliche Freundschaft entstand, daß die beiden mitgehen durften, als die Gesandtschaft nach England zurückkehrte. In London nahmHokeis eine Stellung als Dolmetscher an und war bald so wohlhabend geworden, daß er Handelsgeschäfte mit Persien anfangen konnte. Während der neun Jahre, die er so verlebte, schenkte ihm der Himmel kein einziges Kind, wohl aber ungeheuren Reichtum.

Im dreizehnten Jahre ihrer Ehe wurden endlich die Gebete des Ehepaares erhört, denn es wurde ihm ein hübsches Mädchen geboren. In dem Augenblick jedoch, als es das Licht der Welt erblickte, schlossen sich die Augen seiner Mutter für immer.

Eines Tages fuhr die Amme, die eine Verwandte der Frau war, das Kind in den Straßen von Hampstead spazieren. Sie geriet dabei in ein Zigeunerlager und ließ sich überreden, sich ihre und des Kindes Zukunft weissagen zu lassen. Aus den Gesichtszügen und der Hautfarbe der beiden ließ sich leicht auf ihre Nationalität schließen und das Zigeunerweib überzeugte sich durch geschicktes Fragen, daß sie Parsen vor sich hatte. Als der Schwindel vorüber war und die Amme bezahlt hatte, kehrte sie mit ihrem Schützling wieder nach Hause zurück. Die Zigeuner aber schlichen ihr nach und in derselben Nacht wurde das Kind entführt, während die Amme schlief. Man stellte Nachforschungen nach den Zigeunern an – aber vergebens – die ganzeGesellschaft war am folgenden Tage auf einem Paketboot nach Amerika unter Segel gegangen.

Viele Jahre waren verflossen und eines Tages ging der trostlose Vater in dem Garten des Hauses spazieren, aus dem das Kind geraubt worden war, als er von einer alten Frau angesprochen wurde, die ihn fragte, wieviel er für eine Nachricht über sein Kind zahlen würde. Das Folgende mag übergangen werden, es genügt, wenn ich berichte, daß der Vater und die Zigeunerin innerhalb 24 Stunden bereits an Bord eines Schiffes waren, das sie nach der neuen Welt führen sollte. Das Kind, das sich inzwischen zu einer Jungfrau von wunderbarer Schönheit entwickelt hatte, wurde gefunden und Vater und Tochter wohnten eine Zeitlang in New York, wo er sich einen schönen Landsitz gekauft hatte. Der alte Herr liebte Amerika so sehr, daß er beschloß, sich dort für den Rest seines Lebens niederzulassen, nachdem seine Tochter in Europa eine sorgfältige Erziehung genossen hätte. Er brachte sein Vermögen nach Amerika und machte dann noch eine Abschiedsreise nach Persien zu seinen Freunden und Glaubensgenossen im Osten. Auf seiner Rückkehr hatte ich ihn, wie schon erzählt, getroffen und ihn von Ägypten bis nach Frankreich begleitet.

Das bringt mich wieder auf die Nacht meiner Ankunft in Paris zurück. Da es nicht mehr möglich war, sogleich die Tochter aufzusuchen, begaben wir uns in ein Hotel beim Palais Royal. Wir hatten dort soeben unser Souper beendet, als ein Mann, der uns beiden gänzlich unbekannt war, den Speisesaal betrat, eine tiefe Verbeugung machte und sagte: »Heil! Ich komme um dir, Im Hokeis, zu sagen, daß du morgen Paris nicht verlassen wirst. Um die vierte Stunde wirst du deine Tochter nach dem Hause bringen, das das vorletzte ist, wenn du den Boulevard de Luxembourg hinaufgehst. Du wirst keine Fragen stellen, sondern gehorchen. Daß ich das Recht habe, dir zu gebieten, will ich sogleich beweisen«, und er flüsterte Hokeis drei Worte ins Ohr, die diesen aufspringen machten, wie wenn er von einer Kugel getroffen worden wäre.Er hatte ihm das geheime Losungswort der Priester des Feuers gesagt!Dann wandte er sich an mich und sagte: »Und du wirst morgen in aller Frühe in das Hotel Fleury gehen. Dort wirst du deinen Freund Beverly finden. Gehe, wohin er geht, und verlaß ihn während der nächsten zwei Tage nicht einen Augenblick – seine Rettung hängt davon ab! Ich gehe jetzt. Vergiß die Worte des Fremden nicht!«

Ich war grenzenlos verblüfft und man kann sich leicht denken, wovon wir beide diese Nacht sprachen, bevor wir schlafen gingen.

Das führt mich auf meine nächste Zusammenkunft mit Beverly, dessen Geschicken wir jetzt folgen wollen.

Man wird sich erinnern, daß Ravalette ihm ein Papier gegeben hatte, bevor sie Belleville verließen, und daß Vatterale ebenfalls etwas für ihn im Hotel zurückgelassen hatte.

Die Worte auf dem Zettel Ravalettes waren in einer kühnen, kräftigen Handschrift geschrieben und lauteten: »Wenn Sie mich brauchen, wenn Sie bereit sind, einer der unsrigen zu werden – wenn Sie alle Hoffnung aufgegeben haben, je das Geheimnis meiner und Ihrer Existenz zu ergründen – dann suchen Sie mich in dem Hause, das das vorletzte ist, wenn Sie den Boulevard de Luxembourg hinaufgehen – Ravalette.«

Also dieselbe Anweisung – und fast in den gleichen Worten – wie die, die jener geheimnisvolle Fremde Hokeis in der vorhergehenden Nacht erteilt hatte. Dieser Umstand machte auf mich einen starken Eindruck, aber die Klugheit verbot, ihn Beverly gegenüber zu erwähnen. Er schien sehr glücklich über diese Aussicht auf eine Lösung des seltsamen Rätsels zu sein und batmich zu meiner großen Freude, den Tag mit ihm zu verbringen; am Abend wollten wir dann gemeinsam der Sache nachgehen. Mehrere Gründe veranlaßten mich, das regste Interesse an diesen Vorgängen zu nehmen – Freundschaft, Neugier und eine unbestimmte Hoffnung, das, was Beverly als seinen Fluch bezeichnete, unwirksam zu machen. Man wird sich erinnern, daß Beverly mich einst hatte überzeugen wollen, es sei an der seltsamen Legende von dem König, der Prinzessin, dem Rätsel, dem Mord und dem Fluch und seiner Erfüllung mehr, als die meisten Leute wohl zugeben würden. Ich war wohl geneigt, an Dhoula Bel und die anderen Verdammten zu glauben, aber ich hatte kein rechtes Vertrauen zu Miakus, Ravalette, dem italienischen Grafen und Vatterale. Noch glaubte ich nicht, daß irgend etwas Übernatürliches in die Sache hereinspiele, und da ich das ganze nur geschickten Tricks zuschrieb, beschloß ich, den Zauberkünstlern eine Falle zu stellen, um sie während der Vorführung zu fangen. »Hoho! Herr Vatterale, Sie sollen einmal etwas erleben!« rief ich, als ich Beverlys Hand schüttelte. Als ich ihn dann verließ – da er ein Bad zu nehmen wünschte –, tat ich, als ginge ich zur Post, in Wirklichkeit aber eilte ich zur Polizeidirektion, wo ich kurz und bündig erklärte, daß ein Freundvon mir einem ungeheuren Betrug zum Opfer fallen solle. Der diensttuende Beamte hörte mir aufmerksam zu, instruierte mich, wie ich es einzurichten hätte, um die Verdächtigen nicht vorzeitig zu warnen, und versprach mir, er werde zur genannten Stunde mit einer Abteilung Polizisten in der Nähe des Hauses auf dem Boulevard de Luxembourg sein. Auf meinem Rückweg zum Hotel Fleury sprach ich noch bei Hokeis vor, traf ihn aber nicht und erhielt die Auskunft, er sei nach Versailles zu seiner Tochter gegangen. So suchte ich Beverly wieder auf.


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