Einundzwanzigstes Kapitel.

Es war etwas in Tante Pollys Art, als sie Tom küßte, das seinen betrübten Geist wieder aufrichtete und ihn wieder leichtherzig und glücklich machte. Er rannte zur Schule und hatte das Glück, auf Becky Thatcher zu stoßen. Seine Stimmung wechselte beständig. Ohne einen Augenblick der Überlegung rannte er auf sie zu und sagte: „Hab‘ mich heut morgen ganz gemein benommen, Becky, und jetzt bin ich so traurig drüber. Ich will nie, nie wieder so was tun, so lang‘ ich leb‘ — willst du jetzt wieder gut sein?“

Das Mädchen blieb stehen und schaute ihn verächtlich an: „Ich würd‘ dir dankbar sein, wenn du dich um dich selbst kümmern würdst,HerrThomas Sawyer! Ich werd‘niewieder mit dir sprechen.“

Sie hob stolz den Kopf und spazierte davon. Tom war so verblüfft, daß er nicht mal Geistesgegenwart genug hatte, zu sagen: „Wie‘s beliebt, Jungfer Naseweis,“ bis der rechte Augenblick vorüber war. So sagte er gar nichts.

Aber er war nichtsdestoweniger in heller Wut. Er rannte auf den Schulhof, wünschend, sie wär ‘n Junge, und sich vorstellend, wie er sie durchprügeln wollte,wennsie einer wär. Er suchte ihr zu begegnen, und als sie vorbeikam, schleuderte er ihr eine bissige Bemerkung zu. Sie gab sie ihm zurück, und der traurige Bruch war vollständig. Becky glaubte, in ihrem Haß kaum abwarten zu können, bis die Schule begönne, so ungeduldig war sie, Tom seine Prügel für das besudelte Buch bekommen zu sehen. Wenn sie noch ein bißchen gezweifelt hatte, ob sie Alfred Temple anzeigen solle, hatte Toms beleidigendes Benehmen diese Zweifel endgültig beseitigt.

Armes Mädchen, sie wußte nicht, wie nahe sie selbst solchem Unglück sei. Der Lehrer, Mr. Dobbins, hegte trotz seiner mittleren Jahre noch unbefriedigten Ehrgeiz. Sein Lieblingswunsch war gewesen, Doktor zu werden, aber Armut hatte entschieden, daß er nichts weiter werden solle als ein Dorfschulmeister. Täglich zog er ein geheimnisvolles Buch aus seinem Pult und vertiefte sich darin, wenn gerade keine der Klassen aufsagte. Er hielt das Buch unter sicherem Verschluß. Nicht ein Bengel war in der Schule, der nicht darauf gebrannt hätte, einen Blick hineinzuwerfen, aber es bot sich niemals eine Gelegenheit. Alle Buben und Mädel hatten ihre eigene Ansicht über den Inhalt des Buches; aber nicht zwei Ansichten stimmten überein, und es gab kein Mittel, diese Streitfrage zu entscheiden. Jetzt, als Becky am Pult vorbeikam, das nahe der Tür stand, sah sie, daß der Schlüssel steckte. ‘s war ein wundervoller Moment. Sie schaute um sich, sah sich allein und im nächsten Augenblick hielt sie das Buch in der Hand. Das Titelblatt — „Anatomie von Professor Irgendwer“ — brachte ihr keine Aufklärung. So begann sie die Blätter umzuwenden. Plötzlich stieß sie auf eine hübsche gestochene und übermalte Abbildung — eine menschliche Figur. In dem Augenblick fiel ein Schatten aufs Papier, und Tom kam ins Zimmer gerannt und gewahrte ein Eckchen der Abbildung. Becky hielt das Buch rasch beiseite, wollte es zumachen und hatte das Unglück, das Bild bis fast zur Mitte durchzureißen. Sie warf das Buch ins Pult, drehte den Schlüssel um und rannte davon, vor Wut und Schrecken schreiend: „Tom Sawyer, du bist doch so gemein wie nur möglich, jemand so zu erschrecken und zu sehen, was man da grad hat!“

„Aber, wie konnt‘ ich denn wissen,daßdu da was besehen hast?“

„Du solltest dich vor dir selbst schämen, Tom Sawyer! Du weißt wohl, daß du mir aufgepaßt hast! Ach Gott, was soll ich tun, was soll ich tun! Ich werd‘ geprügelt, und ich bin nochnie — malsgeprügelt worden in der Schule —“ Dann stampfte sie mit ihrem kleinen Fuß und heulte: „Sei so gemein, wenn du willst! Ich weiß auch was, wasdukriegst! Wart nur, wirst‘s schon sehn! Scheußlich!“ Und sie rannte aus der Tür, unter einer neuen Flut von Tränen.

Tom stand still, ganz erstaunt über diesen Ausbruch. Dann sagte er zu sich: „Was für ‘n sonderbares Stück von ‘ner Närrin so ‘n Mädel ist. Niemals geprügelt in der Schule! Gott, was sind Prügel! Das ist recht so ‘n Mädel — alle sind sie dünnhäutig und schwachherzig. Na, ich werd‘ nicht hingehn und diese Närrin beim alten Dobbins verklatschen, aber ‘s kommt auf irgend ‘ne andere Art ja doch raus; na, was geht‘s mich an? Der alte Dobbins wird fragen, wer das Buch zerrissen hat. ‘s wird‘s niemand sagen. Dann fragt er der Reihe nach, wie er‘s immer tut — fragt die erste und dann so weiter, und dann, wenn er ans rechte Mädel kommt, weiß er‘s, ohne daß sie‘s sagt. Die Mädel verraten sich ja immer! Sie haben auch gar keinen Schneid. Sie verrät sich gleich. Na, ‘s ist ‘ne nette Patsche für Becky Thatcher, ‘s gibt kein Mittel, da raus zu kommen.“ Tom dachte noch einen Augenblick darüber nach und fügte dann hinzu: „Na, meinetwegen; ‘s wird ihr Spaß machen, mich in so ‘ner Patsche stecken zu sehn — mag sie‘s auch mal ausbaden!“

Tom begab sich wieder zu der Gesellschaft spektakelnder Jungen draußen. Bald kam der Lehrer und die Schule begann. Tom fühlte kein besonderes Interesse fürs Studium. Fortwährend schielte er auf die Mädchenseite, Beckys Gesicht störte ihn. Alles in allem, fühlte er kein Mitleid mit ihr und dann konnte er ihr ja auch nicht helfen. Aber er konnte auch keine rechte Schadenfreude, die diesen Namen wirklich verdient hätte, auftreiben.

Plötzlich wurden die Tintenkleckse in seinem Buche entdeckt, und jetzt war sein Geist mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Becky fuhr aus ihrer Zerstreutheit auf und verfolgte mit großem Interesse die weitere Entwickelung. Sie glaubte nicht, daß sich Tom herausreden könne, und sie hatte recht. Das Leugnen schien die Sache für Tom nur schlimmer zu machen. Becky bemühte sich nach Kräften, sich drüber zu freuen, und versuchte auch, zu glauben,daßsie sich drüber freue, aber sie fand, daß es doch nicht so ganz gewiß sei. Als die Situation ganz kritisch wurde, fühlte sie die Versuchung, aufzuspringen und Alfred Temple anzuzeigen, aber sie machte eine Anstrengung und bezwang sich, zu schweigen, denn, sagte sie zu sich: „Er wird mich mit dem Bild anzeigen, ganz gewiß. Ich würd‘ kein Wort sagen, und könnt‘ ich sein Leben retten.“

Tom nahm seine Prügel in Empfang und ging auf seinen Platz zurück, nicht so ganz mit gebrochenem Herzen, denn er sagte sich, es wäre möglich, daß er selbst die Tinte über das Buch gegossen habe, ohne es zu wissen — in Gedanken; geleugnet hatte er nur der Form wegen und weil‘s mal so Sitte war, und beim Leugnen geblieben war er aus Prinzip.

Eine ganze Stunde schlich herum; der Lehrer saß nickend auf seinem Thron, die Luft wurde nur von dem Gemurmel der Lernenden bewegt. Allmählich richtete sich Mr. Dobbins auf, gähnte, schaute in seinem Reiche umher und griff nach seinem Buch, schien aber unentschlossen, ob er es herausnehmen oder liegen lassen solle. Die meisten Augen leuchteten schwach auf, aber zwei waren unter den Kindern, welche alle seine Bewegungen mit Interesse verfolgten. Mr. Dobbins fingerte ein paar Augenblicke in Gedanken am Buche herum, dann nahm er‘s heraus und setzte sich im Stuhl zurecht, um zu lesen.

Tom schielte auf Becky. Er fing einen suchenden, hilflosen, furchtsamen Blick auf, der wie eine Kugel sein Herz durchbohrte. Sofort vergaß er seinen Streit mit ihr. Ruhig — etwas mußte geschehen! und zwar sofort geschehen! Aber seine Tatkraft wurde durch die Unmittelbarkeit der Gefahr gelähmt. Gott — er hatte eine Idee! Er wollte hinstürzen, das Buch ergreifen, aus der Tür rennen und fort! Aber er zauderte einen einzigen Moment, und die Gelegenheit war vorbei — der Lehrer öffnete das Buch. Hätte Tom doch die Gelegenheit nochmals zurückrufen können! Zu spät — er wußte, für Becky gab‘s keine Rettung mehr! Im nächsten Augenblick hatte der Lehrer das Verbrechen entdeckt. Jedes Auge senkte sich unter seinem starren Blick. Es lag etwas darin, was auch den Unschuldigsten mit Furcht erfüllte. Stillschweigen herrschte, daß man hätte bis wenigstens zehn zählen können. Der Lehrer wurde beständig zorniger. Nun fragte er: „Wer zerriß dieses Buch?“

Kein Ton. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Das Stillschweigen dauerte fort. Der Lehrer prüfte ein Gesicht nach dem anderen auf etwaiges Schuldbewußtsein hin.

„Benjamin Rogers, zerrissest du dieses Buch?“

Kopfschütteln. Neue Pause.

„Josef Harper, tatest du es?“

Wiederum Kopfschütteln. Toms Unruhe wurde größer und größer unter der langsamen Tortur dieses Vorgehens. Der Lehrer betrachtete prüfend die Bänke der Knaben eine Weile, dann wandte er sich zu den Mädchen:

„Amy Lawrence?“

Kopfschütteln.

„Gracie Miller?“

Dasselbe Zeichen.

„Susan Harper, tatest du dies?“

Wiederum Verneinung. Das nächste Mädchen war Becky Thatcher. Tom zitterte von Kopf bis zu Fuß vor Aufregung und dem Gefühl der Machtlosigkeit.

„Rebekka Thatcher“ — (Tom schielte auf ihr Gesicht, es war weiß vor Schreck) — „zerrissest du — nein, sieh mir ins Gesicht“ — (ihre Hände erhoben sich bittend) „zerrissest du dieses Buch?“

Ein Gedanke schoß gleich einer Erleuchtung durch Toms Hirn. Er sprang auf die Füße und rief: „Ichtat‘s! —“

Die ganze Schule war starr vor Staunen über solche Kühnheit. Tom stand einen Moment unbeweglich, um seine Lebensgeister zu sammeln; und als er vorschritt, seine Prügel in Empfang zu nehmen, schienen ihm Überraschung, Dankbarkeit, Anbetung, die aus den Augen der armen Becky zu ihm sprachen, Lohn genug für hundert Trachten Prügel. Begeistert durch den Glanz seiner eigenen Tat, nahm er ohne einen einzigen Schrei die saftigsten Prügel entgegen, die Mr. Dobbins jemals ausgeteilt hatte; ebenso gleichgültig empfing er die grausame Verschärfung der Strafe durch Zuerteilung von zwei Stunden Arrest — denn er wußte, wer draußen auf ihn warten würde, bis seine Gefangenschaft vorüber sei.

Tom ging an diesem Abend zu Bett voll Rachegedanken gegen Alfred Temple; denn voll Scham und Reue hatte Becky ihm alles gesagt, ihre eigene Verräterei nicht vergessend. Aber selbst das Verlangen nach Rache mußte bald weicheren Gefühlen weichen, und er schlief ein, Beckys letzte Worte als süße Musik in seinen Ohren:

„Tom, wiekonntestdu so edel sein!“

Die Ferien nahten heran. Der Lehrer, immer streng, wurde jetzt noch strenger und genauer, denn er wollte sich am Examenstage mit seiner Schule von der besten Seite zeigen. Rute und Lineal kamen jetzt selten zur Ruhe — besonders bei den kleinen Burschen. Nur die größten Jungen und die jungen Damen von achtzehn bis zwanzig kamen ohne Prügel davon.

Und Mr. Dobbins‘ Prügel waren noch dazu ganz ausgesucht. Denn obwohl er unter seiner Perücke einen vollkommen kahlen und glänzenden Schädel barg, stand er doch erst in mittleren Jahren und fühlte durchaus noch keine Schwäche in seinen Muskeln. Als der große Tag herannahte, trat alle Tyrannei, die in ihm war, zutage; er schien ein grausames Vergnügen daran zu finden, das kleinste Verbrechen zu bestrafen. Die Folge davon war, daß auch die kleinsten Burschen ihre Tage in Schrecken und Angst verbrachten, ihre Nächte in finsterem Rachebrüten. Sie ließen sich keine Gelegenheit entgehen, dem Lehrer einen Streich zu spielen. Aber er blieb stets Sieger. Die Vergeltung, welche jeder Rachetat folgte, war so ausgiebig und großartig, daß die Jungen stets schmählich geschlagen den Kampfplatz verließen. Schließlich zettelten sie eine gemeinsame Verschwörung an und heckten einen Plan aus, der einen blendenden Erfolg versprach. Sie entdeckten sich dem Anstreicherlehrling, setzten ihm ihre Idee auseinander und forderten seine Beihilfe. Der hatte seine eigenen Gründe, davon entzückt zu sein, denn der Lehrer wohnte in seines Vaters Familie und hatte ihm hinreichend Anlaß gegeben, ihn zu hassen. Des Lehrers Frau wollte in wenigen Tagen zu einem Besuch aufs Land gehen, und so stand der Ausführung des Planes nichts entgegen. Der Lehrer pflegte sich für große Gelegenheiten dadurch vorzubereiten, daß er sich einen hübschen kleinen Rausch zulegte, und der Anstreicherlehrling sagte, daß, wenn am Examenstage des Lehrers Zustand die rechte Höhe erreicht haben würde, er die Sache schon machen wolle, während jener seinen Nicker mache; er wolle ihn dann noch eben zur rechten Zeit wecken und zur Schule expedieren.

Als die Zeit erfüllet war, trat dann das interessante Ereignis ein. Um acht Uhr des Abends war das Schulhaus festlich erleuchtet und mit Girlanden und Festons von Papier und Blumen geschmückt. Der Lehrer thronte in seinem großen Sessel auf einem erhöhten Podium, die schwarze Tafel hinter sich. Er sah leidlich angeheitert aus. Zwei Reihen Bänke auf jeder Seite und sechs ihm gegenüber wurden durch die Würdenträger des Ortes und die Eltern der kleinen Gesellschaft eingenommen. Zu seiner Linken, hinter den Reihen der Erwachsenen, war für diese Gelegenheit eine geräumige Plattform aufgestellt, auf der die Schüler saßen, die an den Übungen des Abends teilnehmen sollten. Reihen von kleinen Stöpseln zu einem höchst unleidlichen Zustand des Mißbehagens zurecht gewaschen und angezogen; Reihen von tölpelhaften größeren Jungen; weiß-strahlende Bänke von Mädchen und jungen Damen, in Leinen und Musselin gekleidet und augenscheinlich stolz auf ihre nackten Arme, ihren von der Großmama geerbten Schmuck, ihr Spitzwerk von rotem und blauem Band, und die Blumen in ihrem Haar. Der Rest des Saales war von unbeteiligten Schülern und Schülerinnen angefüllt.

Die Prüfung begann. Ein sehr kleiner Bengel stand auf und deklamierte mit schafsmäßigem Gesicht:

Kaum glaubt ihr, daß so‘n kleiner MannHier vor euch stehn und sprechen kann — usw.

sich selbst mit den peinlich abgemessenen, krampfhaften Bewegungen begleitend, wie sie eine Maschine gemacht haben würde — noch dazu eine etwas aus der Ordnung geratene Maschine. Aber er schlüpfte leidlich, wenn auch zu Tode geängstigt, durch und erhielt ‘ne hübsche Menge Applaus, als er seine gezwungene Verbeugung produzierte und sich zurückzog.

Ein kleines, verschämtes Mädchen lispelte darauf: „Mary hat ein kleines Lamm“ usw., machte einen mitleiderregenden Knicks, erhielt ebenfalls ihren Anteil am Beifall und setzte sich, hochrot und glücklich.

Jetzt trat Tom mit gemachter Zuversicht vor und begann mit donnerndem Pathos das unverwüstliche „Gib mir Freiheit oder Tod —“ unter wilden, wahnwitzigen Gebärden zu deklamieren — und blieb in der Mitte stecken. Lähmende Angst packte ihn, die Knie zitterten unter ihm, er war nahe daran, zu ersticken. Es ist wahr, er hatte des Hauses Sympathie für sich, aber auch des Hauses Schweigen, was ebenso schwer wog wie jene. Der Lehrer runzelte die Stirn, und das vervollständigte seine Verwirrung.

Tom kämpfte noch ‘ne Weile und dann marschierte er ab, völlig geschlagen. Ein schwacher Versuch des Beifalls erstarb bald wieder.

Es folgte: „Der Knabe stand auf brennendem Deck“, „Hernieder kam einst Assurs Macht“ und andere deklamatorische Perlen. Dann wurden Leseübungen sowie ein Buchstabier-Gefecht vorgeführt. Die kleine Lateinklasse bestand mit Ehren. Der Hauptschlager des Abends kam jedoch jetzt erst, die „Originalaufsätze“ der jungen Damen. Der Reihe nach trippelten sie vor bis zum Rand der Plattform, räusperten sich, hoben ihr Manuskript (von einem zierlichen Band zusammengehalten) und begannen mit lobenswerter Beachtung des Ausdrucks und der Satzzeichen zu lesen. Die Themata waren dieselben, die bei ähnlichen Gelegenheiten vor ihnen von ihren Mamas, Großmamas und zweifellos all ihren weiblichen Vorfahren bis zurück zu den Kreuzzügen, gewählt worden waren. „Freundschaft“ hieß eins, „Erinnerungen früher Tage“ ein anderes; dann „Die Religion in der Geschichte“, „Das Land der Träume“, „Die Vorteile der Kultur“, „Vergleiche der politischen Staatsformen“, „Melancholie“, „Letzte Liebe“, „Wünsche des Herzens“ usw.

Ein vorwiegender Zug in all diesen Aufsätzen war eine erzwungene, aufdringliche Schwermut; ein anderer verschwenderischer Gebrauch hochtrabender, geschwollener Redensarten; ferner die Manier, Worte und Bilder zu Tode zu hetzen; was sie aber ganz besonders unerträglich machte, waren die unleidlichen, salbungsvollen Moralpauken, womit jeder, aber auch jeder abschloß.

Was auch der Gegenstand sein mochte, jedesmal gab‘s schließlich die krampfhaftesten Anstrengungen, ihn in solche Betrachtungen auslaufen zu lassen, damit Tugend und Frömmigkeit der Verfasserin nur ja gehörig ins rechte Licht gerückt würden. Die offenbare Verlogenheit dieser Machwerke war aber doch nicht imstande, Widerwillen gegen derartige Verwirrungen des Schulunterrichts zu erzeugen, und ist es überhaupt heutzutage nicht; wahrscheinlich war es überhaupt immer so, solange die Welt steht. Es gibt einfach keine Schule unseres Landes, wo sich die jungen Mädchen nicht verpflichtet fühlen, ihre Aufsätze mit solch einem Sermon zu schließen. Und man wird finden, daß die Sermone der verlogensten und am wenigsten wirklich religiösen Mädchen immer und ausnahmslos die längsten und frömmsten sind. Aber genug davon. Ein Prophet gilt ja nichts in seinem Vaterlande. Kehren wir zum Examen zurück. Der erste der vorgelesenen Aufsätze betitelte sich: „Ist dies das Leben?“ Vielleicht kann der Leser einen Auszug daraus vertragen.

„Mit welch überschwenglichen Gefühlen pflegt der jugendliche Geist vorwärts auf all die zu erwartenden Freudenfeste des Lebens zu schauen! Die Einbildungskraft ist geschäftig, rosig gefärbte Bilder der Freude zu malen. Im Geiste sieht sie sich als Günstling des Glückes, sieht sie sich inmitten strahlender Festlichkeiten, „die Siegerin aller Siegerinnen“. Ihre reizende Figur, in entzückende Kleider gehüllt, wirbelt durch alle Irrwege berauschender Tänze. Ihr Auge ist das glänzendste, ihr Fuß der leichteste in der ganzen jugendschönen Gesellschaft. In solch entzückenden Träumen rinnt die Zeit rasch und angenehm dahin, und die ersehnte Stunde ihres Eintrittes in die ersehnte Welt, von der sie so vielversprechend geschwärmt hat, schlägt. Wie märchenhaft erscheint alles ihren entzückten Blicken! Jedes neue Erlebnis scheint ihr schöner als das letzte. Aber bald findet sie, daß unter dieser verlockenden Hülle alles leer und schal ist. Schmeichelei, die einst ihren Stolz kitzelte, wirkt jetzt verletzend auf ihr Ohr. Der Ballsaal hat seinen Reiz eingebüßt; und mit verwüsteter Gesundheit und gebrochenem Herzen wendet sie sich ab, in dem Bewußtsein, daß irdische Freuden die Bedürfnisse der Seele nicht befriedigen können!“

Und so weiter, und so weiter. Von Zeit zu Zeit, während der Vorlesung, gab es kurzes Beifallsklatschen, von leise geflüsterten Ausrufen, wie: „Wie süß!“ „Äußerst gewandt!“ „So wahr!“ usw. begleitet, und nachdem die Sache mit einer besonders niederschmetternden moralischen Nutzanwendung beendet war, war der Applaus geradezu enthusiastisch.

Worauf ein schmächtiges, melancholisches Mädchen, dessen Gesicht die interessante Blässe besaß, die von Pillen und schlechter Verdauung herrührt, vortrat und ein sogenanntes Gedicht vorlas. Zwei Verse davon werden genügen.

Abschied eines Missouri-Mädchens von Alabama

„Leb wohl, Alabama! Wie liebe ich dich!Doch jetzt für ‘ne Weile muß meiden ich dich!Die Trauer um dich erfaßt mich mit Macht,Sie hat mich um alle Freude gebracht!Deine blühenden Wälder, wie oft sah ich sie,Die Ströme und Seen — ich vergesse sie nie!Ich lauschte so gerne dem Rauschen der FlutUnd frischte mich auf in Auroras Glut.Warum verbergen mein übervoll Herz?Warum nicht zeigen den brennenden Schmerz!Ich scheide ja nicht aus fremdem Land,Ich reich‘ ja nur Freunden die scheidende Hand!hier war ich zu Hause, hier liebte man mich,Du Tal meiner Heimat, nun meide ich dich!Und wenn sie dich schmähen, die nie dich gekannt,So muß ich verstummen — mein teures Land!!“

Eine dunkelhäutige, schwarzäugige und schwarzhaarige junge Dame war die nächste, machte eine ausdrucksvolle Pause, nahm eine tragische Pose ein und begann in gehaltenem Ton zu lesen.

Eine Vision

„Dunkel und stürmisch war die Nacht. Am ganzen Himmelszelt glänzte nicht ein einziger Stern, aber der dumpfe, tiefe Ton des rollenden Donners zitterte beständig im Ohr, während schreckliche Blitze in unheimlichen Windungen durch die dunklen Himmelsräume fuhren; und sie schienen die Gewalt zu verspotten, die sich der berühmte Franklin über sie angemaßt hat! Auch die ungestümen Winde fuhren unaufhörlich aus ihrer geheimnisvollen Heimat daher und fuhren herum, als wären sie gerufen worden, um die schreckliche Szene noch schrecklicher zu machen. In solchem Augenblick, so dunkel, so traurig, sehnte sich mein Geist, ach, so sehr nach menschlicher Sympathie; und

„Da plötzlich, ein Wunder, sie neben mir stand,Die Freundin im Kummer, mit tröstender Hand!“

Sie schwebte gleich einer jener Lichtgestalten, die in ihrem Sonnenflug die romantische Phantasie der Jugend malt, daher, eine Königin der Schönheit, nur mit ihrer eigenen überirdischen Lieblichkeit bekleidet. So leicht war ihr Tritt, er schien kein Geräusch hervorzubringen, und ich empfand ihre Gegenwart nur durch den magischen Schauer, der mich bei ihrer Berührung durchrieselte — sonst wäre sie gleich anderen körperlichen Schönheiten unbemerkt, ungesehen entschwebt. Strenge Trauer lag auf ihren Zügen, gleich eisigen Tränen auf dem Gewande des Dezember, als sie auf die kämpfenden Elemente draußen wies und mich aufforderte, die zwei Wesen zu betrachten.“

Zehn Seiten Manuskript waren mit diesem nächtlichen Geisterspuk bedeckt, und sie schlossen mit einem so sehr alle Hoffnungen für jeden Nichtkirchlichgesinnten vernichtenden Sermon, daß die Arbeit den ersten Preis erhielt.

Der Aufsatz wurde für die ausgezeichnetste Arbeit des Abends erklärt. Der Bürgermeister hielt, indem er der Siegerin den Preis überreichte, eine warme Ansprache, worin er sagte, es wäre weitaus „das beredsamste Ding, das er je gehört habe, und Daniel Webster selbst könnte sehr wohl darauf stolz sein.“

Beiläufig möge bemerkt werden, daß die Zahl der Arbeiten, in denen das Wort „wundervoll“ überwog, und menschliche Erfahrung „eine Seite des Lebens“ genannt wurde, die übliche Höhe erreichte.

Nunmehr schob der Lehrer, allmählich bis an die Grenze der Möglichkeit angeheitert, seinen Stuhl beiseite, zeigte dem Publikum seinen Rücken und machte sich dran, eine Karte von Amerika an die Wandtafel zu malen, um die Geographieklasse vorzunehmen. Es wollte ihm aber bei seiner unsicheren Hand nicht gelingen, und ein unterdrücktes Kichern lief durch den Saal. Er wußte, was die Uhr geschlagen hatte, und nahm sich tüchtig zusammen. Er wischte die Linien aus und zog sie nochmals. Aber er machte es diesmal noch schlechter als vorher, und das Kichern wurde lauter. Er nahm sich jetzt innerlich an den Ohren, wandte seine ganze Aufmerksamkeit auf die Arbeit, als gelte es, sich nicht von der allgemeinen Heiterkeit unterkriegen zu lassen. Er fühlte, daß aller Augen an ihm hingen. Er bildete sich ein, daß es ihm diesmal gelänge, und jetzt nahm das Kichern noch mehr, es nahm ganz zweifellos zu. Und es war kein Wunder.

Es gab da eine Dachstube, die gerade über seinem Kopf durch eine Falltür verschlossen war. Durch diese Falltür erschien eine Katze, an einem um ihren Leib gelegten Strick gehalten. Ein Tuch war ihr über den Kopf gebunden, damit sie nicht schreien sollte. Indem sie langsam heruntergelassen wurde, wand sie sich aufwärts und griff nach dem Seil, wand sie sich nach unten und griff in die leere Luft. Das Kichern wurde stärker und stärker, die Katze war keine sechs Zoll mehr vom Kopf des geistesabwesenden Lehrers entfernt; tiefer, tiefer, noch ein bißchen, und sie schlug ihre Krallen in verzweifelter Wut in die Perücke, und wurde im nächsten Moment mit ihrer Trophäe in die Dachstube zurückgezogen. Und welcher Glanz von des Lehrers kahlem Schädel ausging, den der Anstreicherlehrling goldig gefärbt hatte!

Das hob die Versammlung auf. Die Jungen waren gerächt — die Ferien da!

(Anmerkung. Die oben angeführten anspruchsvollen „Aufsätze“ sind ohne jede Änderung einem Buche entnommen, betitelt „Prosa und Poesie, von einer Dame des Westens“, sind aber genau nach der Schulmädelmanier gemacht und daher viel glücklichere Beispiele, als irgendwelche Nachbildungen hätten sein können.)

Tom schloß sich dem neuen Orden der „Kadetten der Enthaltsamkeit“ an, angezogen durch die glänzende Pracht ihrer „Uniform“. Er versprach, sich des Rauchens, Tabakkauens und Fluchens, so lange er Mitglied des Vereins sein würde, zu enthalten. Dabei machte er eine Entdeckung, nämlich, daß das Versprechen, etwas nicht zu tun, das sicherste Mittel von der Welt sei, einen in Versuchung zu bringen, hinzugehen und es gerade zu tun. Tom empfand sehr bald das glühende Verlangen, zu trinken und zu fluchen; der Wunsch wurde bald so stark, daß nichts als die Aussicht, mit seiner roten Schärpe prunken zu können, imstande gewesen wäre, ihn von dem Wiederaustritt aus dem Orden abzuhalten. Der vierte Juli [Anmerkung: Der 4. Juli 1776 ist der Tag der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten.] stand nahe bevor. Bald aber gab er es auf — gab es auf, ehe er seine Fesseln volle 48 Stunden getragen hatte, um seine Aufmerksamkeit dem alten Richter Frazer, dem Friedensrichter, zuzuwenden, der augenscheinlich auf dem Totenbett lag und gewiß ein großartiges öffentliches Begräbnis bekommen würde, da er doch ein so hoher Beamter war. Während dreier Tage war Tom ganz von des Richters Befinden eingenommen und hungrig nach Neuigkeiten darüber. Manchmal stieg seine Hoffnung so hoch, daß er drauf und dran war, seine Uniform hervorzuholen und vor dem Spiegel darin Probe zu halten. Aber der Richter hatte eine abscheuliche Art, sich zu besinnen. Schließlich wurde er besser und schließlich Rekonvaleszent. Tom war sehr verstimmt und fühlte sich obendrein beleidigt. Schließlich „resignierte“ er und in der nächsten Nacht bekam der Richter einen Rückfall und starb. Tom nahm sich vor, in solchen Dingen keinem Menschen mehr zu trauen. Das Begräbnis war großartig. Die Kadetten paradierten auf eine Art, die geeignet war, das bisherige Mitglied vor Neid umkommen zu lassen.

Indessen war Tom wieder ein freier Bursch. Das war das Gute dran. Er konnte trinken und fluchen, fand aber zu seiner Überraschung, daß er gar keine Lust dazu hatte. Die bloße Tatsache, daß er‘sdurfte, nahm ihm den Wunsch dazu und machte die Sache reizlos.

Tom machte plötzlich die überraschende Bemerkung, daß die ersehnten Ferien anfingen, ihn zu langweilen. Er begann ein Tagebuch, aber da sich innerhalb dreier Tage nichts ereignete, so gab er‘s wieder auf.

Dann kam die erste schwarze Sängergesellschaft ins Dorf und erregte Aufsehen. Tom und Joe Harper traten in Verbindung mit der Bande und waren für zwei Tage glücklich.

Selbst der berühmte Vierte war in gewissem Sinne eine Enttäuschung, denn es regnete stark; infolgedessen fand kein Umzug statt, und der größte Mann der Welt (wie Tom glaubte), Mr. Benton, ein Senator der Vereinigten Staaten, bereitete ihm eine niederschmetternde Enttäuschung, denn er war nicht 25 Fuß hoch, auch nicht einmal annähernd.

Ein Zirkus kam. Die Jungen spielten drei Tage Zirkus in Zelten, die aus zerlumpten Teppichen bestanden, — Entree: drei Penny für Jungen, zwei für Mädchen — und dann wurde das Zirkusspielen langweilig.

Ein Phrenologe und ein Taschenspieler kamen — und gingen wieder und ließen das Dorf langweiliger und öder zurück, als es vorher gewesen war.

Becky Thatcher war nach ihrem Konstantinopeler Hause gereist, um während der Ferien bei ihren Eltern dort zu bleiben — so hatte denn das Leben keine einzige Lichtseite mehr.

Das schreckliche Geheimnis des Mordes genoß immer noch trauriges Interesse. Es war ein Gegenstand beständiger Aufregung.

Dann kamen die Masern.

Während zweier langen Wochen lag Tom als Gefangener, tot für die Welt und ihr Treiben. Er war sehr krank, gleichgültig gegen alles. Als er wieder auf den Füßen war und noch ganz schwach durch das Dorf wankte, war eine traurige Veränderung mit allen Dingen und Lebewesen vorgegangen. Es hatte eine „Wiedergeburt“ stattgefunden, und alles war „fromm geworden“, nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Buben und Mädel. Tom strich herum, in der Hoffnung, auf ein Gesicht, das in seiner Sündhaftigkeit sich wohl fühle, zu stoßen. Er fand Joe Harper in der Bibel lesend und floh traurig vor solchem niederdrückenden Schauspiel. Er suchte Ben Rogers und traf ihn, wie er die Armen mit einem Korb voll Traktätchen heimsuchte. Darauf fahndete er auf Jim Hollis, der ihm zeigte, wie seine wunderbare Errettung von den Masern eine Warnung sei. Jeder einzelne Junge, mit dem er zusammenkam, trug das Seinige dazu bei, ihn vollends niedergeschlagen zu machen; und als er in voller Verzweiflung davonrannte, um am Busen Huck Finns Zuflucht zu suchen — und mit einem Bibelspruch empfangen wurde, brach sein Herz, er kroch nach Hause und zu Bett, in der Überzeugung, daß er allein von dem ganzen Dorfe verloren, für immer und ewig verloren sei.

Und in der Nacht setzte es einen schrecklichen Sturm, der den Regen vor sich hertrieb, mit furchtbaren Donnerschlägen und blendenden Blitzen. Er steckte den Kopf unter die Bettdecke und erwartete in ängstlicher Ungewißheit sein Schicksal; denn ihm kam nicht ein Schatten von Zweifel, daß dieses ganze Donnerwetter ihm gelte. Er glaubte, die Geduld der himmlischen Mächte allzuhoch taxiert zu haben — und dies war die Folge davon. Es würde ihm als lächerliche Kraftverschwendung erschienen sein, eine Wanze mit Kanonen töten zu wollen, aber das schien ihm doch noch nichts, wenn er bedachte, daß ein so schreckliches Gewitter nötig sein sollte, um ein Insekt gleich ihm zu vernichten.

Allmählich tobte sich der Sturm aus und legte sich ganz, ohne seinen Zweck erfüllt zu haben. Der erste Antrieb Toms war, dankbar zu sein und sich zu bessern. Sein zweiter war, zu warten — denn vielleicht würde sobald kein Unwetter wieder losbrechen.

Am anderen Tage war der Doktor wieder da. Tom hatte einen Rückfall. Die drei Wochen, die er so still liegen mußte, schienen ihm ein ganzes Menschenalter. Als er schließlich doch wieder aufstand, war er kaum dankbar, daß er geschont worden war, da er sich sagen mußte, wie einsam er sei, wie freundlos und verlassen. Zwecklos strich er durch die Gassen und fand Jim Hollis in einem jugendlichen Gerichtshof, der eine Katze als Mörderin verurteilen sollte, den Richter machend. Das Opfer, ein Vogel, lag dabei. Joe Harper und Huck Finn traf er spazieren gehend und eine gestohlene Melone verzehrend. Arme Jungen — sie hatten, wie Tom, einen Rückfall zu erdulden.

Schließlich wurde die brütende Langeweile ein bißchen aufgestört und erfrischt. Der Mordprozeß kam vor Gericht. Er wurde sofort der alleinige Gegenstand des Gesprächs. Tom konnte es kaum aushalten. Jede Erwähnung des Mörders jagte ihm einen Schauer durch die Glieder, denn sein bedrücktes Gewissen und seine Furcht machten ihm weis, daß alle diese Bemerkungen „Fühler“ sein sollten und auf ihn berechnet. Zwar wußte er durchaus nicht, wie ein Verdacht, etwas über den Mord zu wissen, sollte auf ihn fallen können, trotzdem aber konnte er sich inmitten all des Geklatsches nicht behaglich fühlen. Kalte Schauer schüttelten ihn beständig.

Er schleppte Huck an ein einsames Plätzchen, um sich mit ihm mal darüber auszusprechen. Es würde für ‘ne Weile doch eine Erleichterung sein, seiner Zunge mal freien Lauf gelassen zu haben, die Last seines Kummers mit einem Leidensgefährten zu teilen. Vor allem aber wollte er sich versichern, daß Huck reinen Mund gehalten habe.

„Huck, hast du jemals darüber gesprochen?“

„Worüber?“

„Na — du weißt schon!“

„Ach so — na, gewiß nicht!“

„Kein Wort?“

„Zum Teufel, auch nicht ‘s kleinste Wort! Warum fragst du?“

„Na, ich hatt‘ halt Angst!“

„Weißt du, Tom Sawyer, wir würden keine zwei Tage mehr haben, wenn das raus käm‘! Du weißt doch?“

Tom wurde behaglicher zumute. Nach einer Pause sagte er: „Du, Huck, ‘s wird dich niemand zwingen können, was zu verraten, he?“

„Mich zwingen? Na, wenn ich wollt‘, daß der Halbindianer-Teufel mir den Hals umdrehte,dannkönnten sie mich zwingen, zu schwatzen.“

„Na, ‘s ist schon gut. Denk auch, daß wir sicher sind, so lang‘ wir reinen Mund halten. Aber laß uns nochmal schwören. ‘s ist sicherer!“

„Meinetwegen.“

So schwuren sie nochmals die schrecklichsten Eide.

„Was wird denn eigentlich geschwatzt, Huck?Ichhab‘ so viel durch‘nander gehört!“

„Schwatzen? Na, ‘s ist immer Muff Potter, Muff Potter, Muff Potter. Jedesmal gerat‘ ich ordentlich in Schweiß, daß ich gleich davonlaufen möcht‘!“

„‘s ist grad so wie bei mir. Ich denk‘ wohl, daß er ‘n Gauner ist. Hast du zuweilen Mitleid mit ihm?“

„Fast immer — fast immer. Er taugt ja nicht viel; aber er hat doch nie was getan, um jemand zu verletzen. Er stiehlt wohl zuweilen Fische, um Geld für Branntwein zu kriegen — und treibt sich beständig herum; aber, Herr Gott, das tun wir doch alle — oder wenigstens die meisten — auch die Prediger und solche Leute. Aber er ist doch ‘n guter Kerl — er gab mir mal ‘n halben Fisch, wo‘s doch nicht genug war für zwei, und oft genug war er freundlich gegen mich und half mir, wenn ich in ‘ner Patsche saß.“

„Ja, und mir hat er Drachen gemacht, Huck, und Angelhaken. — Wollt, wir könnten ihm raushelfen —“

„Lieber Gott, Tom, wir können ihm nicht ‘raushelfen. Und dann — ‘s wär‘ auch gar nicht gut; sie kriegten ihn doch wieder.“

„Ja — das täten sie. Aber ich kann‘s nicht hören, daß sie auf ihn schimpfen wie auf ‘nen Teufel, wo er‘s doch gar nicht getan hat.“

„Ich auch, Tom! Gott, ich hört‘, wie einer sagte, er ist der blutgierigste Lump im ganzen Land, und sie wunderten sich nur, daß er noch nicht aufgeknüpft ist.“

„Ja, das sagen sie immer. Ich hab‘ gehört, sie wollten ihn lynchen, wenn er freikäm‘.“

„Und das täten sie auch.“

Die Jungen schwatzten noch lange, aber es brachte ihnen wenig Befreiung. Als das Zwielicht anbrach, fanden sie sich auf einmal in der Nachbarschaft des kleinen, einsamen Gebäudes, vielleicht in der unbestimmten Hoffnung, es könne irgend was geschehen, wodurch ihre Kümmernisse gehoben würden. Aber nichts geschah, weder Engel noch gute Geister schienen sich mit diesem unglücklichen Gefangenen beschäftigen zu wollen.

Die Jungens taten, was sie schon oft vorher getan hatten — gingen zu dem Gitterfenster und steckten Potter ein bißchen Tabak und Zündhölzer zu. Er lag auf dem Fußboden — Wächter waren nicht da.

Seine Dankbarkeit für ihre kleinen Gaben hatte bisher immer ihr Gewissen entlastet — jetzt wurde es nur noch schwerer. Sie fühlten sich im höchsten Grade gemein und treulos, als Potter sagte: „Ihr seid doch immer gut gegen mich gewesen, Jungs, besser als sonst jemand im Dorf. Und ich werd‘s nicht vergessen, werd‘s nicht! Oft denk‘ ich, hab‘ allen Jungen Drachen gemacht und alles, und ihnen gute Fischplätze gezeigt, und ihnen geholfen, wo ich konnt‘, und nu‘ vergessen sie alle den alten Muff, wo er so in der Patsche sitzt, nur der Tom tut‘s nicht, und der Huck tut‘s nicht,dievergessen ihn nicht, sagt‘ ich, und ich werd‘sienicht vergessen! Na, Jungs, ich hab‘ was Schreckliches getan — betrunken und verrückt muß ich gewesen sein; ‘s ist die einzige Art, wie ich‘s mir denken kann, und jetzt soll ich dafür baumeln, und ‘s ist recht so. Recht und ‘sbesteauch, glaub‘ ich, hoff‘ wenigstens. Na, wollen nicht davon sprechen. Möcht‘ euch ‘s Herz nicht schwer machen. Aber wollt euch doch sagen: Trinkt nicht, wenn ihr groß seid, dann kommt ihr nie hierher. Kommt mal näher ran — so, ‘s ist doch schon was, so ‘n paar gute Gesichter zu sehen — gute, freundliche Gesichter. Steigt mal einer auf den anderen und gebt mal eure Patschen her. Kommt leichter durch die Stangen,meineFaust ist zu groß. Kleine Hände — und zart — aber haben Muff Potter ‘ne Menge geholfen und würden noch mehr tun, wenn sie könnten.“

Tom schlich niedergeschlagen nach Hause, und seine Träume waren schrecklich. Am nächsten und übernächsten Tage lungerte er um das Gerichtsgebäude herum, von unwiderstehlichem Verlangen angetrieben, hineinzugehen, und doch sich selbst zwingend, es nicht zu tun. Huck hatte dieselben Versuchungen. Sie gingen sich geflissentlich aus dem Wege. Jeder ging von Zeit zu Zeit mal fort, aber derselbe verzweifelte Zauber trieb ihn immer sehr bald wieder hin. Tom hielt die Ohren offen, wenn irgend ein Müßiggänger herauskam, hörte aber immer nur betrübende Neuigkeiten. Die Schlinge zog sich immer und immer fester zusammen um den armen Potter. Am Abend des zweiten Tages war das Dorfgespräch, daß des Indianer-Joe Erscheinen feststehe, und daß über den zu erwartenden Spruch der Geschworenen nicht der geringste Zweifel entstehe.

Tom war diesen Abend lange aus und gelangte durchs Fenster ins Bett. Er befand sich in schrecklich aufgeregtem Zustande. Es dauerte Stunden, bis er einschlafen konnte.

Am nächsten Morgen strömte das ganze Dorf zum Gerichtsgebäude, denn es würde ein großer Tag sein. Beide Geschlechter waren zu dem aufregenden Verhör erschienen. Nach langer Zeit traten die Geschworenen ein und begaben sich auf ihre Plätze. Kurz danach wurde Muff Potter, blaß und hohläugig, verschüchtert und hoffnungslos, mit Ketten beladen, hereingebracht und setzte sich so, daß all die neugierigen Augen ihn treffen mußten; nicht weniger wurde der Indianer-Joe beobachtet, der gleichgültig, wie immer, dasaß. Noch eine Pause, und dann kam der Richter, und der Sheriff verkündete den Beginn der Sitzung. Es folgte das gewöhnliche Geflüster zwischen den Gerichtspersonen und Papierknistern. Diese Einzelheiten und Umständlichkeiten bewirkten eine erwartungsvolle Stimmung, die ebenso aufregend wie lähmend war.

Jetzt wurde jener Bürger aufgerufen, welcher beschwor, daß er Muff Potter in sehr früher Stunde am Morgen des Mordes getroffen hatte, wie er sich in einem Graben wusch, und daß er sofort davongelaufen sei. Nach einigen weiteren Fragen sagte der Staatsanwalt: „Der Herr Verteidiger hat das Wort.“ Der Gefangene erhob für einen Augenblick die Augen, schlug sie aber sofort nieder, als sein Verteidiger sagte: „Ich verzichte.“

Der nächste Zeuge erzählte die Auffindung des Messers am Tatorte. Der Staatsanwalt sagte abermals: „Der Herr Verteidiger hat das Wort.“

„Ich verzichte,“ entgegnete auch diesmal der Verteidiger.

Ein dritter Zeuge beschwor, daß er das Messer oftmals in Muff Potters Besitz gesehen habe.

„Der Herr Verteidiger hat das Wort.“

Potters Verteidiger dankte wiederum.

Die Gesichter der Zuhörer begannen Unwillen zu zeigen. Wollte dieser Verteidiger das Leben seines Klienten ohne jeden Versuch zu seiner Rettung preisgeben?

Mehrere Zeugen berichteten über Potters verdächtiges Benehmen, als er an den Mordplatz geführt wurde. Sie konnten ebenfalls ohne Gegenverhör den Platz verlassen.

Alle Einzelheiten der gravierenden Vorkommnisse an jenem Morgen, dessen sich alle Anwesenden so gut erinnerten, waren von glaubwürdigen Zeugen bestätigt, und nicht einer war durch Potters Verteidiger einem Gegenverhör unterworfen worden. Die Verblüffung und Unzufriedenheit des Hauses machte sich in Murren bemerklich, was eine Zurechtweisung seitens des Vorsitzenden zur Folge hatte.

Jetzt begann der Staatsanwalt: „Durch den Eid von Bürgern, deren einfaches Wort schon über jeden Zweifel erhaben ist, sehen wir das schreckliche Verbrechen dem unglücklichen Gefangenen dort zur Last gelegt. Die Sachlage ist über jeden Zweifel erhaben.“

Ein Stöhnen entrang sich dem armen Potter, er bedeckte das Gesicht mit den Händen, während sein Körper gleichsam zusammenschrumpfte. Ein peinliches Stillschweigen hatte sich über den Saal gelegt. Alle waren bewegt, und manche Frau verriet ihre Bewegung durch Tränen.

Der Verteidiger erhob sich und sagte: „Euer Ehren! Zu Beginn der gegenwärtigen Verhandlung gaben wir unsere Absicht kund, zu zeigen, daß unser Klient diese schreckliche Tat beging, während er unter dem Einflusse eines blinden, geistesverwirrenden Rausches infolge übermäßigen Trunkes stand. Wir haben unsere Ansicht geändert. Wir können auf diesen Einwand verzichten!“ (Dann zum Gerichtsdiener): „Tom Sawyer!“

In allen Gesichtern malte sich unverhohlenes Erstaunen, Potter nicht ausgenommen. Jedes Auge heftete sich mit verwundertem Interesse auf Tom, als er aufstand und sich auf seinen Platz in der Zeugenloge setzte. Der Junge sah verstört genug aus, er war auch mächtig verschüchtert. Die Eidesformel war gesprochen.

„Thomas Sawyer, wo wart Ihr am 7. Juni um Mitternacht?“

Tom schielte auf des Indianer-Joe eisernes Gesicht, und die Zunge versagte ihm den Dienst. Alle Zuhörer warteten atemlos, aber die Worte kamen nicht heraus. Nach ein paar Augenblicken indessen sammelte der Junge ein bißchen Mut und versuchte genug davon in seine Stimmung zu legen, um sich einem Teil des Saales hörbar zu machen.

„Auf dem Kirchhof.“

„Bitte, etwas lauter. Fürchtet Euch nicht. Ihr wart —“

„Auf dem Kirchhof.“

Ein verächtliches Lächeln flog über des Indianer-Joe Gesicht.

„Wart Ihr vielleicht in der Nähe von William Horses Grab?“

„Ja, Herr!“

„Noch ein bißchen lauter. Wie nahe wart Ihr?“

„So nahe, wie jetzt zu Ihnen.“

„Wart Ihr versteckt oder nicht?“

„Ich war versteckt.“

„Wo?“

„Unter den Ulmen, die am Kopfende des Grabes stehen.“

Der Indianer-Joe fuhr unmerklich zusammen.

„Wart Ihr in Begleitung?“

„Ja, Herr. Ich war da mit —“

„Halt — einen Augenblick. Nennt den Namen Eures Gefährten noch nicht. Wir wollen ihn zur rechten Zeit aufrufen. Hattet Ihr irgend etwas mit?“

Tom zögerte und schaute verwirrt um sich.

„Na, sprich — mein Junge! Nicht zaghaft! Die Wahrheit ist immer achtungswert.Washattest du mit?“

„Nur — nur — ‘ne tote Katze!“

Ein schwaches Kichern entstand, wurde aber sofort vom Gerichtshof unterdrückt.

„Wir werden das Skelett der Katze vorlegen. Jetzt, mein Junge, sag‘ uns, was sich zutrug — sag‘s ganz auf deine Weise — vergiß nichts und fürchte dich nicht.“

Tom begann — zuerst stammelnd, aber als er warm wurde, flossen seine Worte leichter und immer leichter; in kurzem verstummte jeder Laut außer seiner Stimme; jedes Auge heftete sich auf ihn; mit geöffneten Lippen und angehaltenem Atem hingen die Zuhörer an seinen Worten, vollkommen von der Spannung der Erzählung beherrscht. Die Erregung erreichte den höchsten Grad, als er sagte: „Und wie der Doktor mit dem Brett haute und Potter fiel, da sprang der Indianer-Joe mit dem Messer —“

Krach! — Schnell wie der Blitz sprang der Indianer-Joe zum Fenster durch alle Zuschauer hindurch und war im Nu verschwunden!

Tom war schon wieder ein strahlender Held — der Liebling der Alten, der Neid der Jugend. Sein Name gelangte sogar zu den Ehren der Druckerschwärze, denn das Blättchen des Dorfes verherrlichte ihn. Es gab sogar Leute, die in ihm den zukünftigen Präsidenten sahen, ausgenommen, wenn er vorher gehenkt werde.

Wie gewöhnlich, drückte die gedankenlose Welt jetzt Muff Potter an ihre Brust und überschüttete ihn mit Zärtlichkeiten, wie sie ihn bisher verlästert hatte. Aber diese Sinnesänderung spricht für die Welt; deswegen ist‘s besser, keine Glossen drüber zu machen.

Toms Tage waren Tage des Glanzes und des Frohlockens, aber seine Nächte waren Zeiten des Schreckens. Der Indianer-Joe spukte in all seinen Träumen und immer mit haßerfüllten Augen. Schwerlich hätte irgend etwas den Jungen veranlassen können, nach Anbruch der Nacht noch hinauszugehen. Der arme Huck befand sich gleichfalls im Zustand der Verzweiflung und Angst, denn Tom hatte in der Nacht vor der Gerichtsverhandlung dem Verteidiger alles gesagt, und Huck hatte gräßliche Angst, daß seine Beteiligung bei der Sache bekannt werden möchte, obwohl ihn des Indianers Flucht von der Qual befreit hatte, vor Gericht Zeugnis ablegen zu müssen. Der arme Bursche hatte vom Verteidiger das Versprechen des Schweigens erhalten, aber was war das? Seit Tom, durch sein beladenes Gewissen getrieben, in jener Nacht ins Haus des Verteidigers gegangen war und die schreckliche Geschichte, die doch mit den bindendsten, furchtbarsten Eiden in ihm verschlossen sein sollte, gebeichtet hatte, war Hucks Glauben an die menschliche Rasse nahezu vernichtet. Jeden Tag ließen Muff Potters Dankesbezeugungen Tom sich freuen, daß er gesprochen hatte, aber nachts wünschte er, das Geheimnis bewahrt zu haben. Manchmal fürchtete er, der Indianer-Joe möchte niemals gefunden werden, dann wieder zitterte er,daßer gefunden werden könnte. Er fühlte nur zu sicher, daß er nicht mehr ruhig atmen könne, bis dieser Mensch tot sei und er seine Leiche gesehen habe.

Belohnungen waren ausgesetzt, das Land durchsucht, aber kein Joe gefunden. Eins jener geheimnisvollen, ehrfurchtgebietenden Wunder, ein Detektiv, kam von St. Louis herauf, schnüffelte herum, schüttelte den Kopf, tat sehr weise und hatte den überraschenden Erfolg, den Angehörige dieser Berufsklasse stets haben, das heißt, „er fand den Schlüssel“. Aber man kann einen Schlüssel nicht als Mörder hängen und so, nachdem der Detektiv heimwärts gegangen war, fühlte sich Tom genau so unsicher wie vorher. Trübselig schlichen die Tage, aber jeder nahm ein klein wenig von seiner Besorgnis mit sich.

In jedes normal veranlagten Jungen Leben kommt eine Zeit, wo er den rasenden Wunsch empfindet, irgendwo nach vergrabenen Schätzen zu suchen.

Dieser Wunsch überfiel Tom eines Tages ganz plötzlich. Er machte sich auf den Weg, um Joe Harper zu suchen, hatte aber keinen Erfolg. Dann suchte er Ben Rogers; der war zum Fischen gegangen. Plötzlich stieß er auf Huck Finn, den ‚Bluthändigen‘. Tom schleppte ihn an einen versteckten Ort und vertraute sich ihm an. Huck war sofort bereit. Huck war immer bereit, sich an einem Unternehmen zu beteiligen, das Zerstreuung versprach und kein Kapital verlangte, denn er hatte schrecklichen Überfluß von der Art Zeit, dienichtGeld ist.

„Wo wollen wir graben?“ fragte Huck.

„O — halt überall.“

„Was, ist überall welches vergraben?“

„Ach was, das nicht! ‘s ist an ganz besonderen Plätzen vergraben, Huck — manchmal auf Inseln, manchmal in alten verfaulten Kisten, unter den Wurzeln eines abgestorbenen Baumes, grad‘ da, wohin der Schatten bei Mondschein fällt; besonders aber unter dem Fußboden in ‘nem verfallenen Haus.“

„Wervergräbt‘s denn?“

„Na, Räuber selbstverständlich — was dachtst du denn? Sonntagsschul-Lehrer?“

„Weiß nicht. Wenn‘s mir gehörte, ich würd‘s nicht vergraben. Ich würd‘s ausgeben und mir ‘ne lustige Zeit machen.“

„Tät‘ ich auch. Aber Räuber tun‘s nicht, die vergraben‘s immer und lassen‘s liegen.“

„Kommen sie gar nicht mehr hin?“

„Nein, — sie denken wohl, siewollenwieder hinkommen, aber dann haben sie die Zeichen vergessen oder sind auch inzwischen gestorben. Manchmal liegt‘s ‘ne lange, lange Zeit da und wird rostig. Und schließlich find‘ dann mal jemand so ‘n altes vergilbtes Papier, da muß er über ‘ne Woche drüber brüten, denn ‘s sind schwere Zeichen und Hieroglyphen drauf geschrieben.“

„Hiero — was?“

„Hieroglyphen — Bilder und Zeug, weißt du, das gar nichts vorzustellen scheint.“

„Hast du schon mal so ‘n Papier gehabt, Tom?“

„Nee.“

„Na, wie willst du denn die Zeichen rauskriegen?“

„Ach was, brauch‘ keine Zeichen. Sie vergraben‘s ja immer unter ‘nem verfallnen Haus oder auf ‘ner Insel oder unter ‘nem abgestorbenen Baum, der ‘ne Wurzel von sich streckt. Na, wir haben‘s ja schon mal mit der Jackson-Insel versucht und können ja leicht noch mal hingehn; und dann ist da das alte verfallne Haus auf dem Stillhaus-Hügel, und dann gibt‘s ‘ne Menge Wurzeln von toten Bäumen — massenhaft!“

„Ist unter allen was?“

„Was schwatzt du! Nee!“

„Woher kannst du denn wissen, wohin wir gehen müssen?“

„Na — zu allen!“

„Verflucht, Tom — ‘s wird den ganzen Sommer dauern.“

„Na, was schad‘s? Denk‘, du findst ‘nen Messingtopf, ganz rostig oder ‘ne verfaulte Kiste voll Diamanten — he?“

Hucks Augen glänzten.

„Wär‘ grad‘ was für mich, Tom, wär‘ ganz extra was für mich! Ader die Diamanten nehm‘ ich nicht für hundert Dollars!“

„Na, schon gut. Aberichwürd‘ die Diamanten nicht verschmähn! Einige von ihnen sind zwanzig Dollar wert. Alle nicht — aber auch die andern sind sechs Cent bis ‘nen Dollar wert.“

„Nee — ist das so?“

„Sicher — alle sagen‘s. Hast du nie einen gesehn, Huck?“

„Nicht, daß ich wüßte.“

„O, Könige haben Haufen davon.“

„Na, ich kenn‘ aber keinen König, Tom!“

„Denk‘ wohl, daß du keinen kennst. Aber, wenn du nach Europa gingst, würdst du ‘ne Menge rumhüpfen sehn.“

„Hüpfen die?“

„Hüpfen, du Schafskopf? Nee!“

„Na — warumsagtestdu denn, daß sie‘s täten?“

„Nachtmütze! Meint‘ doch nur, du würdst siesehn, — nicht hüpfend natürlich — warum sollten sie denn hüpfen? Meint‘ nur, du würdst sie sehn — überall, verstehst du — überall! Zum Beispiel beim alten buckligen Richard.“

„Richard? Wie ist sein anderer Name?“

„Erhatkeinen anderen Namen — Könige haben nur ‘nen Vornamen.“

„Nicht?“

„Aber nein — sag‘ ich dir!“

„Na, wenn‘s so ist, Tom, meinetwegen. Aber ich möcht‘ nicht König sein und nur ‘nen Vornamen haben wie ‘n Nigger. Aber, sag mal — wo willst du zuerst graben?“

„Weiß noch nicht. Denk‘ wir nehmen den abgestorbenen Baum auf dem Hügel hinter Stillhaus?“

„Mir recht.“

So trieben sie denn eine ausrangierte Hacke und eine Schaufel auf und machten sich auf den Weg von drei Meilen. Sie kamen heiß und erschöpft an und warfen sich im Schatten einer benachbarten Ulme nieder, um auszuruhen und ein bißchen zu rauchen.

„So gefällts mir,“ meinte Tom.

„Mein‘ ich auch.“

„Sag‘, Huck — wenn wir hier ‘nen Schatz finden, was machst du mit deiner Hälfte?“

„Na, dann muß ich jeden Tag ‘ne Pastete und ‘n Glas Sodawasser haben, und dann geh‘ ich in jeden Zirkus, der herkommt. Soll ‘ne famose Zeit werden!“

„Na, und du willst gar nichts sparen?“

„Sparen? Wozu?“

„Nu, damit du später mal was zu leben hast!“

„Ach, das ist ja Unsinn! Pap wird eines schönen Tags in dies liebliche Nest zurückkommen und seine Klauen drüber legen, wenn ich‘s noch nicht verbraucht hätt‘, und ich sag‘ dir,erhätt‘s bald genug durchgebracht. Was willst du tun, Tom?“

„Ich werd‘ mir ‘ne neue Trommel kaufen und ‘n richtiges Schwert und ‘n rotes Halstuch, und ‘ne junge Bulldogge — und dann würd‘ ich heiraten.“

„Heiraten!!?“

„Na ja!“

„Tom, du — na, wenn du nicht recht bei Verstand bist!“

„Wart‘ nur — wirst‘s ja sehn.“

„Na, das ist doch ‘s Dümmste, was du tun könntest. Sieh doch nur meinen Pap und seine Alte. Teufel — was die sich prügeln! Weiß noch ganz gut!“

„Das ist ‘n anderes Ding. Das Mädchen, das ich heiraten will, prügelt sich nicht!“

„Tom — denk‘ doch, sie sind alle gleich! Wollen einen alle striegeln. Wirst nach ‘ner Weile wohl vernünftiger drüber denken. Wie heißt denn ‘s Mädel?“

„‘s ist überhaupt keinMädel— ‘s ist ‘nMädchen!“

„Denk‘ doch, ‘s ist alles eins; die einen sagen Mädel, die anderen Mädchen — ‘s ist ganz gleich. Aber wie heißt sie denn, Tom?“

„‘n andermal, sag‘ ich‘s dir, Huck — jetzt nicht.“

„Na — ‘s auch recht. Aber wenn du heiratest, werd‘ ich noch einsamer sein.“

„Unsinn, Huck, du kommst zu mir und wohnst hier. — Na, genug davon, wollen wir anfangen, zu graben?“

Sie arbeiteten und schwitzten eine halbe Stunde hindurch. Kein Resultat. Sie mühten sich noch eine halbe Stunde. Noch kein Erfolg.

Huck meinte: „Graben sie immer so tief?“

„Manchmal — nicht immer. Denk, wir haben nicht die rechte Stelle erwischt.“ Sie wählten eine andere Stelle und begannen nochmals. Die Arbeit stockte diesmal ein bißchen, aber sie kamen doch vorwärts. Wieder gruben sie stillschweigend eine Zeitlang. Schließlich lehnte sich Huck auf seine Schaufel, wischte den Schweiß von seiner Stirn und sagte: „Wo woll‘n wir graben, wenn wir hier fertig sind?“

„Denk‘, wir woll‘n den alten Baum über Cardiff Hill — hinter dem Haus der Witwe nehmen.“

„Glaub‘s auch, daß dort was ist. Aber, wenn‘s die Witwe uns fortnimmt, Tom? ‘s istihrLand.“

„Sie wegnehmen! Soll sie‘s doch nur versuchen! Wenn einer so ‘nen vergrabenen Schatz findet, gehört er ihm. Ich mach‘ keinen Unterschied, wem das Land grad‘ gehört.“

Das war beruhigend. Die Arbeit wurde fortgesetzt. Dann sagte Huck wieder:

„Verdammt — wir müssen wieder an ‘nem falschen Platz sein. Was meinst du?“

„‘s ist wirklich sonderbar, Huck. Versteh‘s nicht. Manchmal stören‘s die Hexen. Denk‘ ‘s wirddassein, was uns hier stört.“

„Unsinn, Hexen haben tags keine Macht!“

„Na ja, ‘s ist wahr! Dachte nicht dran. Halt — jetzt weiß ich, wie‘s ist! Was für verdammt große Schafsköpfe wir sind! Man muß ja doch erst wissen, wohin der Schatten bei Mondschein fällt, unddamuß man dann graben!“

„Na ja, dann glaub‘ ich‘s, daß wir all die Arbeit umsonst gemacht haben. Jetzt hol‘s der Teufel alles, müssen halt zur Nachtzeit wiederkommen. ‘s ist ‘n verteufelt weiter Weg. Kannst du fortkommen?“

„Werd‘s schon machen. Diese Nacht woll‘n wir‘s also machen, denn wenn jemand diese Gruben da sieht, weiß er doch gleich, was da los ist und gräbt‘s selbst aus.“

„‘s ist gut, ich werd‘ nachts kommen und miauen.“

„Recht — aber jetzt wollen wir noch das Werkzeug in den Büschen verstecken.“

Nachts, zur verabredeten Stunde waren die Jungen wieder da. Wartend saßen sie im Schatten. Es war ein einsamer Platz und eine durch lange Tradition unheimlich gewordene Stunde. Geister wisperten im raschelnden Laub. Geister spukten in allen Ecken, das klagende Heulen eines Hundes tönte aus einiger Entfernung herüber, eine Eule antwortete mit Grabesstimme. Die Jungen fühlten sich von ihrer unheimlichen Umgebung bedrückt und sprachen nur mit leiser Stimme. Schließlich nahmen sie an, es möchte zwölf Uhr sein; sie bezeichneten die Stelle, wohin der Schatten fiel und begannen zu graben. Ihre Hoffnung wuchs; das Interesse wurde lebhafter, und ihr Fleiß hielt gleichen Schritt. Das Loch wurde tiefer und tiefer, aber so oft ihre Herzen zu klopfen begannen, wenn ein scharfer Ton von unten hervordrang, erfuhren sie eine neue Enttäuschung. Jedesmal war‘s nur ein Stein oder Holzstrunk. Schließlich sagte Tom: „‘s ist nicht richtig. Huck, wir haben‘s wieder verfehlt!“

„Unsinn, wirkönnen‘s nicht verfehlt haben. Wir haben doch den Schatten zu genau getroffen.“

„Ja, ich weiß, aber vielleicht ist sonst was schuld.“

„Was denn?“

„Wir haben die Zeit bloß abgeschätzt. Leicht genug war‘s später oder früher.“

Huck ließ die Schaufel sinken. „Das ist‘s.“ sagte er. „Das ist‘s, was uns gestört hat. Wir müssen‘s aufgeben. Wir können doch nicht immer die rechte Zeit abpassen, und dann, das Ding hier ist zu unheimlich, hier diese Nachtzeit mit Geistern und Gespenstern, die um einen rumfliegen. Ich bild‘ mir immer ein, ‘s ist wer hinter mir, und hab‘ doch Angst, mich umzusehn, denn ‘s könnten auch welche vor mir sein und nur auf ‘ne Gelegenheit warten. So lang‘ ich hier bin, läuft‘s mir kalt über.“

„Na, mir ist‘s nicht viel besser gegangen, Huck. Meistens haben sie ‘nen toten Mann begraben, wo sie ihre Schätze hintun, der muß drauf achthaben.“

„Herr Gott!“

„Ja, ‘s ist so. Hab‘ immer so sagen gehört.“

„Tom, möcht mir doch nicht viel zu schaffen machen, wo ‘n Toter liegt. So ‘n toter Schädel könnt‘ einem doch höllisch Angst machen.“

„Möcht‘ keinen aufstöbern, Huck. Zu denken, daß hier plötzlich einer den Kopf rausstreckt und anfängt, zu sprechen.“

„Still, Tom — ‘s ist schrecklich!“

„Na, das ist‘s gewiß, Huck. Würd‘ mich auch nicht gemütlich dabei fühlen!“

„Du, Tom, komm, wollen‘s hier sein lassen, und ‘s wo anders versuchen.“

„Ja, ich denk‘ auch, ‘s wird besser sein.“

„Wo denn?“

Tom dachte eine Weile nach und sagte: „Das Beinhaus — das ist‘s.“

„Teufel! Beinhäuser lieb‘ ich gar nicht, Tom! Da sind Gespenster, und die sind noch schlimmer als Tote. Tote können vielleicht mal ‘n bißchen schwatzen, aber sie fahren nicht herum und kommen nicht ‘rangeschlichen, wenn man nicht dran denkt und gucken einem nicht plötzlich über die Schulter und knirschen nicht mit den Zähnen, wie Gespenster tun. Ich könnt‘s nicht ertragen, Tom — niemand könnt‘s.“

„Ja; aber, Huck, Geister dürfen nur nachts herumhuschen — bei Tage können sie uns nicht hindern, da zu graben.“

„Ja, das ist wohl so. — Aber du weißt wohl, daß überhaupt niemand gern in die Nähe vom Beinhaus geht — weder bei Tag noch bei Nacht.“

„Na, ‘s ist aber doch nur, weil sie nicht hingehen mögen, wo mal einer gemordet worden ist. Aber ‘s hat doch nie jemand was Verdächtiges im Beinhaus gesehn — nur ‘n bißchen blaues Licht im Fenster — keine Geister.“

„Na, ich sag‘ dir, Tom, wo du so ‘n blaues Licht siehst, kannst du sicher sein, daß da ‘n Geist dahinter steckt. ‘s ist doch mal so bekannt. So ‘n Licht, weißt du, braucht niemand als Gespenster.“

„‘s ist wahr, Huck. Aber bei Tag‘ kommen sie doch nicht ‘raus; da brauchen wir uns doch nicht zu fürchten?“

„Na, meinetwegen, wenn du meinst, woll‘n wir ‘s Beinhaus vornehmen — aber — aber ich denk doch, ‘s ist gewagt.“

Inzwischen waren sie den Hügel hinuntergekommen. Dort, mitten im Mondlicht, im Tal stand das Beinhaus vor ihnen, gänzlich einsam, die Umzäunung längst zerbrochen, die Tür umgeben von allerhand Schlinggewächsen, das Dach halb zerfallen, leere Fensterhöhlen und der Schornstein eingesunken. Die Jungen standen eine Weile still, halb in der Erwartung, ein blaues Licht in den Fenstern zu sehen; sie sprachen, wie Zeit und Umstände es verlangten, mit halber Stimme. Dann machten sie, daß sie fortkamen, umkreisten das unheimliche Gebäude in weitem Bogen und schlichen durch den Wald von Cardiff Hill nach Hause.


Back to IndexNext