The Project Gutenberg eBook ofDie AhnfrauThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Die AhnfrauAuthor: Franz GrillparzerRelease date: October 1, 2005 [eBook #9181]Most recently updated: October 11, 2014Language: GermanCredits: Produced by Delphine Lettau, from files obtained from Gutenberg Projekt-DE*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AHNFRAU ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Die AhnfrauAuthor: Franz GrillparzerRelease date: October 1, 2005 [eBook #9181]Most recently updated: October 11, 2014Language: GermanCredits: Produced by Delphine Lettau, from files obtained from Gutenberg Projekt-DE
Title: Die Ahnfrau
Author: Franz Grillparzer
Author: Franz Grillparzer
Release date: October 1, 2005 [eBook #9181]Most recently updated: October 11, 2014
Language: German
Credits: Produced by Delphine Lettau, from files obtained from Gutenberg Projekt-DE
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Produced by Delphine Lettau, from files obtained from
Gutenberg Projekt-DE.
Die Ahnfrau
Franz Grillparzer
Trauerspiel in fünf Akten (1817)
Personen:
Graf Zdenko von BorotinBerta, seine TochterJaromirBoleslavGünther, KastellanEin HauptmannEin SoldatMehrere Soldaten und DienerDie Ahnfrau des Hauses Borotin
Erster Aufzug
Gotische Halle. Im Hintergrunde zwei Türen. An beiden Seitenwänden,links und rechts, ebenfalls eine Türe. An einer Kulisse desVorgrundes hängt ein verrosteter Dolch in seiner Scheide. SpäterWinterabend. Licht auf dem Tische.
Graf Borotin. Berta.
Der Graf (am Tische sitzend und auf einen Brief hinstarrend, den er inbeiden Händen hält).Nun Wohlan, was muß geschehe!Fallen seh ich Zweig' auf Zweige,Kaum noch hält der morsche Stamm.Noch ein Schlag, so fällt auch dieserUnd im Staube liegt die Eiche,Die die reichen SegensästeWeit gebreitet rings umher.Die Jahrhunderte gesehenWerden, wachsen und vergehen,Wird vergehen so wie sie;Keine Spur wird übrigbleiben;Was die Väter auch getan,Wie gerungen, wie gestrebt,Kaum daß fünfzig Jahr' verfließenWird kein Enkel mehr es wissenDaß ein Borotin gelebt!
Berta (am Fenster).Eine grause Nacht, mein Vater!Kalt und dunkel wie das Grab.Losgerißne Winde wimmernDurch die Luft, gleich Nachtgespenstern;Schnee soweit das Auge trägt,Auf den Hügeln, auf den Bergen,Auf den Bäumen, auf den Feldern,Wie ein Toter liegt die ErdeIn des Winters Leichentuch;Und der Himmel, sternelos,Starrt aus leeren AugenhöhlenIn das ungeheure GrabSchwarz herab!
Graf.Wie sich doch die Stunden dehnen!Was ist wohl die Glocke, Berta?
Berta (vom Fenster zurückkommend, und sich, dem Vater gegenüber, zurArbeit setzend).Sieben Uhr hat's kaum geschlagen.
Graf.Sieben? Und schon dunkle Nacht!Ach, das Jahr ist alt geworden,Kürzer werden seine Tage,Starrend stocken seine PulseUnd es wankt dem Grabe zu.
Berta.Ei, kommt doch der holde Mai,Wo das Feld sich kleidet neu,Wo die Lüfte sanfter wehenUnd die Blumen auferstehen!
Graf.Wohl wird sich das Jahr erneuen,Diese Felder werden grünen,Diese Bäche werden fließen,Und die Blume, die jetzt welket,Wird vom langen Schlaf erwachenUnd das Kinderhaupt erhebenVon dem weißen, weichen Kissen,Öffnen ihre klaren AugenFreundlich lächelnd wie zuvor.Jeder Baum, der jetzt im SturmeSeine nackten, dürren ArmeHilfeflehend streckt zum Himmel,Wird mit neuem Grün sich kleiden.Alles was nur lebt und webtIn dem Hause der Natur,Weit umher, in Wald und Flur,Wird sich frischen Lebens freuen,Wird im Lenze sich erneuen:Nie erneut sich Borotin!
Berta.Ihr seid traurig, lieber Vater!
Graf.Glücklich, glücklich nenn ich den,Dem des Daseins letzte StundeSchlägt in seiner Kinder Mitte.Solches Scheiden heißt nicht Sterben;Denn er lebt im Angedenken,Lebt in seines Wirkens Früchten,Lebt in seiner Kinder Taten,Lebt in seiner Enkel Mund.O es ist so schön, beim ScheidenSeines Wirkens ausgestreuten SamenLieben Händen zu vertraun,Die der Pflanze sorglich warten,Und die späte Frucht genießen;Im Genusse doppelt fühlendDen Genuß und das Geschenk.O es ist so süß, so labend,Das was uns die Väter gabenSeinen Kindern hinzugebenUnd sich selbst zu überleben!
Berta.Über diesen bösen Brief!Ihr wart erst so heiter, Vater,Schienet seiner Euch zu freuen,Und nun, da Ihr ihn gelesen,Seid mit eins Ihr umgestimmt.
Graf.Ach, es ist nicht dieses Schreiben,Seinen Inhalt konnt' ich ahnen.Nein es ist die Überzeugung,Die sich immer mehr bewährt;Daß das Schicksal hat beschlossen,Von der Erde auszustoßenDas Geschlecht der Borotin!Sieh, man schreibt mir, daß ein Vetter,Den ich kaum einmal gesehen,Der der einz'ge außer mirVon dem Namen unsers Hauses,Kinderlos, ein welker Greis,Gählings über Nacht gestorben.Und so bin ich denn der LetzteVon dem hochberühmten Stamme,Der mit mir zugleich erlischt.Ach, kein Sohn folgt meiner Bahre,Trauernd wird der LeichenheroldMeines Hauses Wappenschild,Oft gezeigt im Schlachtgefild,Und den wohlgebrauchten DegenMir nach in die Grube legen.Es geht eine alte Sage,Fortgepflanzt von Mund zu Mund,Daß die Ahnfrau unsers Hauses,Ob begangner schwerer Taten,Wandeln müsse ohne Ruh',Bis der letzte Zweig des Stammes,Den sie selber hat gegründet,Ausgerottet von der Erde.Nun wohlan, sie mag sich freuen,Denn ihr Ziel ist nicht mehr fern!Fast möcht' ich das Märchen glauben,Denn fürwahr ein mächt'ger FingerWar bemüht bei unserm Fall.Kräftig stand ich, herrlich blühendIn der Mitte dreier Brüder;Alle raubte sie der Tod!Und ein Weib führt' ich nach Hause,Schön und gut und hold wie du.Hochbeglückt war unsre EheUnd ein Knabe und ein MädchenSproßten aus dem keuschen Bund.Bald wart ihr mein einz'ger Trost,Meine einz'ge Lebensfreude,Denn mein Weib ging ein zu Gott.Sorgsam, wie mein Augenlicht,Wahrte ich die teuern Pfänder;Doch umsonst! Vergeblich Streben!Welche Klugheit, welche Macht,Mag das Opfer wohl erhalten,Das die finsteren GewaltenZiehen wollen in die Nacht!Kaum drei Jahre war der Knabe,Als er in dem Garten spielendVon der Wärtrin sich verlief.Offen stand die Gartentüre,Die zum nahen Weiher führt.Immer sonst war sie geschlossen,Eben damals stand sie offen, (bitter)Hätt' ihn sonst der Streich getroffen!
Ach, ich sehe deine TränenTreu sich schließen an die meinen.Weißt du etwa schon den Ausgang?Ach, ich armer, schwacher Mann,Habe dir wohl oft erzähletDie alltägliche Geschichte.Was ist's weiter?—Er ertrank!Sind doch manche schon ertrunken!Daß es just mein Sohn gewesen,Meine ganze, einz'ge Hoffnung,Meines Alters letzter Stab;Was kann's helfen!—Er ertrank—Und ich sterbe kinderlos!
Berta.Lieber Vater!
Graf.Ich versteheDeiner Liebe sanften Vorwurf.Kinderlos konnt' ich mich nennen,Und ich habe dich, du Treue!Ach, verzeih dem reichen Manne,Der sein Habe halb verlorenIn des Unglücks hartem Sturm,Und nun mit der reichen Hälfte,Lang an Überfluß gewöhnet,Sich für einen Bettler hält.Ach verzeih, wenn das VerlorneIn so hellem Lichte glüht,Ist doch der Verlust ein Blitzstrahl,Der verklärt was er entzieht!Ja fürwahr, ich handle unrecht!Ist mein Name denn das Höchste?Leb ich nur für meinen Stamm?Mag ich kalt das Opfer nehmen,Das du mit der Jugend Freuden,Mit des Lebens Glück mir bringst!Meines Daseins letzte TageSeien deinem Glück geweiht.Ja an eines Gatten Seite,Der dich liebt, der dich verdient,Werde dir ein andrer NameUnd mit ihm ein andres Glück!Wähle von des Landes Söhnen,Frei den künftigen Gemahl,Denn dein Wert verbürgt mir deine Wahl!Wie du seufzest!—Hast wohl schon gewählet?Jener Jüngling?—Jaromir—Jaromir von Eschen denk ich.Ist's nicht also?
Berta.Wag ich es?—
Graf.Glaubtest du dem VateraugeBleib' ein Wölkchen nur verborgen,Das an deinem Himmel hängt?Sollt' ich gleich wohl eher schelten,Daß ich erst erraten mußWas ich längst schon wissen sollte:War ich je ein harter Vater,Bist du nicht mein teures Kind?Edel nennst du sein Geschlecht,Edel nennt ihn seine Tat,Bring ihn mir, ich will ihn kennen,Und besteht er auf der ProbeSo kann manches noch geschehn.Fallen gleich die weiten LehenAls erloschen heim dem Thron,Ein bescheidnes Los zu gründenHat noch Borotin genug.
Berta.O wie soll ich—
Graf.Mir nicht danke!Zahl ich doch nur alte Schulden.Hast nicht du's um mich verdient,Hat nicht er's, der wackre Mann?Denn er war's doch, der im WaldeDir das Leben einst gerettet,Und mit eigener Gefahr?Ist's nicht also, liebe Tochter?
Berta.Oh, mit augenscheinlicher Gefahr!Hab ich's Euch doch schon erzählet,Wie in einer SommernachtIch dort in dem nahen WaldeMich lustwandelnd einst erging,Und vom Schmeichelhauch der Lüfte,Von dem Duft der tausend BlütenEingelullt in süß VergessenWeiter ging als je zuvor.Wie mit einmal durch die NachtEiner Laute Klang erwacht,Klagend, stöhnend, Mitleid flehendMit der Tonkunst ganzer Macht;Girrend bald gleich zarten TaubenDurch die dichtverschlungnen Lauben,Bald mit langgedehntem SchallLockend gleich der Nachtigall,Daß die Lüfte schweigend horchtenUnd das Laub der regen EspeSeine Regsamkeit vergaß.Wie ich so da steh und lausche,Ganz in Wehmut aufgelöst,Fühl ich mich mit eins ergriffen,Und zwei Männer, angetanMit des Mordes blut'ger Farbe,Mit dem Dolch, den Augen dräuend,Seh ich gräßlich neben mir.Schon erheben sie die Dolche,Schon glaub ich die Todeswunde,Schreiend, in der Brust zu fühlen:Da teilt schnell sich das Gebüsche,Reißend springt ein junger Mann,Hoch den Degen in der Rechten,In der Linken eine LauteAuf die bleichen Mörder zu.Wie er ihnen obgesieget,Wie er, einzeln, sie bezwang,Wie die kühne Tat gelangWeiß ich nicht. In starre OhnmachtWar ich zagend hingesunken.Ich erwacht' in seinen Armen,Und zum Leben neu geboren,Unbehilflich, schwach und duldendWie ein Kind am MutterbusenHing ich an des Teuren LippenSeine heißen Küsse trinkend.Und mein Vater, für das allesWas er erst für mich getan,Konnt' ich wen'ger als ihn lieben?
Graf.Und ihr saht euch öfter?
Berta.ZufallLieß mich drauf ihn wieder finden.Bald—nicht bloß der Zufall mehr.
Graf.Warum flieht er deines Vaters,Seines Freundes Angesicht.
Berta.Obgleich edlem Stamm entsprossen,Nur des Hauses edler Stolz,Nicht sein Gut kam auf den Erben.Arm und dürftig wie er ist,Fürchtet er, hört' ich ihn sagen,Daß der reiche BorotinAndern Lohn für seine Tochter,Als die Tochter selber zahle.
Graf.Ich weiß Edelmut zu ehren,Wenn er sich und andre ehrt.Bring ihn mir, er soll erfahren,Daß dem reichen BorotinEr sein reichstes Gut erhalten,Soll erfahren, daß dein VaterFür das Gold der ganzen WeltDich nicht für bezahlet hält.—Doch jetzt, Berta, nimm die HarfeUnd versuch es, meinen KummerUm ein Stündchen zu betrügen.Spiel ein wenig, liebe Tochter!
(Berta nimmt die Harfe. Bald nach den ersten Akkorden nickt der Alte und schlummert ein. Sobald er schläft stellt Berta die Harfe weg.)
Berta.Schlummre ruhig, guter Vater!Daß doch all die süßen Blumen,Die du streust auf meinen Pfad,Dir zum Kranze werden möchtenAuf dein sorgenschweres Haupt.—Ich soll also ihm gehören,Mein ihn nennen, wirklich mein?Und das Glück, das schon als HoffnungMir der Güter größtes schien,Gießt in freudiger ErfüllungMir sein schwellend Füllhorn hin!
Ich kann's nicht fassen,Mich selber nicht fassen,Alles zeigt mir und spricht mir nur ihn,Den Wolken, den WindenMöcht' ich's verkünden,Daß sie's verbreiten so weit sie nur ziehn!
Mir wird's zu engeIn dem GedrängeFort auf den Söller, wie lastet das Haus;Dort von den StufenWill ich es rufenIn die schweigende Nacht hinaus.
Und naht der Treue,Dem ich mich weihe,Künd ich ihm jubelnd das frohe GeschickAn seinem MundePreis ich die StundePreis ich die Liebe, preis ich das Glück. (Ab.)
(Pause.—Die Ahnfrau, Bertan an Gestalt ganz ähnlich, und in der Kleidung nur durch einen wallenden Schleier unterschieden, erscheint neben dem Stuhle des Schlafenden und beugt sich schmerzlich über ihn.)
Graf (unruhig im Schlafe).Fort von mir!—Fort!—Fort! (Er erwacht.)Ah—bist du hier meine Berta?Ei das war ein schwerer Traum,Noch empört sich mir das Innre!Geh doch nach der Harfe, Berta,Mich verlangt's Musik zu hören!
(Die Gestalt hat sich aufgerichtet und starrt den Grafen mit weitgeöffneten toten Augen an.)
Graf (entsetzt).Was starrst du so graß nach mir,Daß das Herz im MännerbusenSich mit bangem Grausen wendet,Und der Beine Mark gerinnt!Weg den Blick! Von mir die Augen!Also sah ich dich im TraumeUnd noch siedet mein Gehirn.Willst du deinen Vater töten?
(Die Gestalt wendet sich ab und geht einige Schritte gegen die Türe.)
Graf.So!—Nun kenn ich selbst mich wieder!—Wohin gehst du Kind?
Die Gestalt (wendet sich an der Türe um. Mit unbetonter Stimme).Nach Hause. (Ab.)
Der Graf (stürzt niedergedonnert in den Sessel zurück. Nach einerWeile).Was war das?—Hab ich geträumt?—Sah ich sie nicht vor mir stehn,Hört' ich nicht die toten Worte,Fühl ich nicht mein Blut noch starrenVon dem grassen, eis'gen Blick?—Und doch, meine sanfte Tochter!—Berta! Höre, Berta!
(Berta und Kastellan kommen.)
Berta (hereinstürzend).Ach, was fehlt Euch, lieber Vater?
Graf.Bist du da! Was ficht dich an,Sprich, was ist's, unkindlich Mädchen,Daß du wie ein NachtgespenstDurch die öden Säle wandelstUnd mit seltsamen BeginnenLebensmüde Schläfer schreckst?
Berta.Ich, mein Vater?
Graf.Du, ja du!Wie, du weißt nicht? Und noch haftenDeine starren LeichenblickeMir gleich Dolchen in der Brust.
Berta.Meine Blicke?
Graf.Deine Blicke!Zieh nicht staunend auf die Augen!Siehst du, so!—doch nein, viel starrer!Starr?—die Sprache hat kein Wort!Blickst du mich liebkosend an,Um den Eindruck wegzuwischenJenes finstern Augenblicks?All umsonst! So lang ich lebeWird das Schreckbild vor mir stehn,Auf dem Todbett werd ich's sehn!Scheint dein Blick gleich MondenschimmerÜber einer Abendlandschaft,O ich weiß, er kann auch töten!
Berta.Ach, was hab ich denn begangen,Das Euch also aufgeregt,Und Euch heißt die Augen schelten,Die den Euern bang begegnendSich mit Wehmutstränen füllen.Daß ich Euch im Schlaf verlassen,Unbedachtsam fortgegangen—
Graf.Daß du fortgingst?—Daß du hier warst!
Berta.Daß ich hier war?
Graf.Standst du nichtHier auf dieser, dieser StelleSchießend deine kalten PfeileNach des grauen Vaters Brust.
Berta.Als Ihr schliefet?
Graf.Kurz erst, jetzt erst!
Berta.Eben komm ich von dem Söller!Als der Schlummer Euch umfingGing ich sehnsuchtsvoll hinausNach dem Teuern umzuschauen.
Graf.Schändlich!—Mädchen, höhnst du mich?
Berta.Höhnen?—ich, mein Vater?—ich?
(Mit überströmenden Augen zu Günther.)
Ach sprich du!—Ich weiß nicht—kann nicht!
Günther.Ja fürwahr, mein gnäd'ger Herr,Ja, das Fräulein kömmt vom Söller.Ich stand bei ihr, und wir schautenIn die schneeerhellte GegendOb kein Wanderer sich nahe.Erst als Ihr sie gellend rieft,Eilte sie mit mir herbei.
Graf (rasch).Und ich sah—
Günther.Ihr sahet—?
Graf.Nichts!
Günther.Ihr saht etwa—?
Graf.Nichts! nichts sag ich!
(Vor sich hin.)
Es ist klar, ich hab geträumt!Wenn sich gleich die Sinne sträuben,Das Gedächtnis es verneint,Doch ist's so; ich hab geträumt!Kann der Schein sich also hüllenIns Gewand der Wirklichkeit?Diese Hand seh ich nicht klarerAls ich jenes Bild gesehn!Und doch, meine sanfte Berta!Es ist klar, ich hab geträumt!—Was stehst du so ferne, Berta?Hast du keinen Vorwurf, Liebe,Für den harten, rauhen VaterDer so bitter dich gekränkt?Ach, so warst du schon als Kind,Trugest immerdar zugleichDer Beleid'gung herben SchmerzUnd das Unrecht des Beleid'gers.Immer gut und immer schuldlos,Schienst du stets die Schuldige—
Berta (an seiner Brust).Und bin ich nicht wirklich schuldig?Wenn auch nicht als Grund des Zornes,Ach, doch als sein Gegenstand!
Graf.Du verzeihst mir also, Berta?
Berta.Ihr habt wohl geträumt, mein Vater!Es gibt gar lebend'ge Träume!Oder dieser Halle DunkelMatt vom Kerzenlicht erhelltTäuscht' in trügender GestaltungEuer schlummertrunknes Aug'.
Oh, ich hab es oft erfahren,Wie die Sinne, aufgeregt,Stumpfe Diener unsrer Seele,Gern für wahr und wirklich haltenDie verworrenen Gestalten,Die der Geist in sich bewegt.Gestern nur, mein Vater, ging ichIn des Zwielichts mattem StrahlDurch den alten Ahnensaal.In der Mitte hängt ein Spiegel,Halb erblindet und voll Flecken.Wie ich ihn vorüber geheBleib ich, meinen Anzug musternd,Vor dem matten Glase stehn.Eben senk ich nach dem GürtelNieder meine beiden Hände,Da—Ihr werdet lachen, Vater!Und auch ich muß jetzt fast lächelnMeiner kindisch schwachen Furcht,Doch in jenem AugenblickeKonnt' ich nur mit Schreck und GrauenDas verzerrte Wahnbild schauen.Wie ich senke meine HändeUm den Gürtel anzuziehn,Da erhebt mein Bild im SpiegelSeine Hände an das Haupt,Und mit starrendem EntsetzenSeh ich in dem dunkeln GlaseMeine Züge sich verzerren.Immer sind es noch dieselbenUnd doch anders, furchtbar anders,Und mir selbst nicht ähnlicherAls ein Lebend'ger seiner Leiche.Weit reißt es die Augen aufStarrt nach mir, und mit dem FingerDroht es warnend gegen mich.
Günther.Weh, die Ahnfrau!
Graf (wie von einem plötzlichen schrecklichen Gedanken ergriffen, vomSessel aufspringend).Ahnfrau!
Berta (verwundert).Ahnfrau?
Günther.Saht Ihr nie ihr Bild im Saale,Euch so ähnlich, gnäd'ges Fräulein,Gleich als hättet Ihr dem Maler,Lieblich wie Ihr seid, gesessen?
Berta.Oftmals hab ich's wohl gesehn,Es mit Staunen mir betrachtet,Und es war mir immer teuerWegen dieser Ähnlichkeit.
Günther.Und Ihr kennet nicht die Sage,Die von Mund zu Munde geht?
Berta.Schon als Kind hört' ich's erzählen,Doch ein Märchen nennt's der Vater.
Günther.Ach, er fühlt's zu dieser Frist,Wie er sich's auch selbst verhehle,Fühlt's im Tiefsten seiner Seele,Daß es mehr als Märchen ist.Ja, die Ahnfrau Eures Hauses,Jung und blühend noch an Jahren,Berta, so wie Ihr geheißen,Schön und reizend, so wie Ihr,Von der Eltern Hand gezwungen,Zu verhaßter Ehe Bund,Sie vergaß ob neuen PflichtenLanggehegter Liebe nicht;In den Armen ihres BuhlenÜberfiel sie der Gemahl.Durstend seine Schmach zu rächen,Straft' er selber das VerbrechenStieß ins Herz ihr seinen Stahl,Jenen Stahl, den in der BlindeMan dort aufgehangen hat,Zum Gedächtnis ihrer Sünde,Zum Gedächtnis seiner Tat.Ruhe ward ihr nicht vergönnet,Wandeln muß sie ohne Rast,Bis das Haus ist ausgestorben,Dessen Mutter sie gewesen,Bis weit auf der Erde hinSich kein einz'ger Zweig mehr findetVon dem Stamm den sie gegründet,Von dem Stamm der Borotin.Und wenn Unheil droht dem Hause,Sich Gewitter türmen auf,Steigt sie aus der dunkeln KlauseAn die Oberwelt herauf.Da sieht man sie klagend gehen,Klagend, daß ihr Macht gebricht,Denn sie kann's nur vorhersehen,Ab es wenden kann sie nicht!
Berta.Und das ist es—?
Günther.Das ist allesWas ich hier zu sagen wage,Wenn gleich all nicht was ich weiß.Eines ist noch übrig, eines,Das des Hauses ältre Diener,Das der Gegend welke GreiseBang sich in die Ohren raunen,Das der Sage heil'ger MundAus der Väter fernen TagenIn die Enkelwelt getragen.Eines, das den Schlüssel gibtZu so manchem finstern Rätsel,Das ob diesem Hause brütet.Aber wag ich es zu sagenHier an diesem, diesem OrtWo noch kurz zuvor der Schatten—
(Mit scheuen Blicken umhergehend. Berta schmiegt sieh an ihn, und folgt mit ihren Augen den seinigen.)
Runzelt Ihr die hohen BrauenEdler Herr? Ich kann nicht anders!Meinen Busen will's zerbrechenUnd es drängt mich's auszusprechenBeb ich selber gleich zurück.—Kommt hierher, mein Fräulein, hierherUnd vernehmt und staunt und bebt.—Mit der Ahnfrau blut'ger LeicheWard der Sünde Keim begraben,Aber nicht der Sünde Frucht.Das Verbrechen, das des GattenBlut'ger Rachestahl bestraft,War, wie jene Sage spricht,Wohl das Letzte ihres LebensAber ach, ihr erstes nicht.Ihres Schoßes einz'ger Sohn,Den Ihr unter Euren Ahnen,Unter Euren Vätern zählt,Der des mächt'gen BorotinLehen, Gut und Namen erbte,Er—
Graf.Schweig!
Günther.Es ist ausgesprochen.Er, dem Vater unbewußt,War ein Pfand geheimer Lust,War ein Denkmal ihrer Sünde!Darum muß sie klagend wallenDurch die weiten, öden Hallen,Die das Werk von Trug und NachtAuf ein fremd Geschlecht gebracht.Und in jedem Enkelkinde,Das entsproßt aus ihrem Blut,Haßt sie die vergangne Sünde,Liebt sie die vergangne Glut.Also harret sie seit Jahren,Wird noch harren jahrelangAuf des Hauses Untergang;Und ob der sie gleich befreiet,Hütet sie doch jeden Streich,Der dem Haupt der Lieben dräuet,Den sie wünscht und scheut zugleich.Darum wimmert es so kläglichIn den halbverfallnen Gängen,Darum pocht's in dunkler Nacht—
(Entferntes Getöse.)
Berta.Himmel!
Günther.Weh uns!
Graf.Was ist das?
(Das Getöse wiederholt sich.)
Fast gefährlich scheint dein WahnsinnEr steckt auch Gesunde an.An die Pforte wird geschlagenEinlaß fordernd. Geh hinabUnd sieh zu, was man begehrt!
(Günther ab.)
Berta.Vater, du siehst bleich! Ist's WahrheitWas der alte Mann da spricht?
Graf. Was ist wahr, was ist es nicht?Laß uns eignen Wertes freuenUnd nur eigne Sünden scheuen.Laß, wenn in der Ahnen ScharJemals eine Schuld'ge war,Alle andre Furcht entweichenAls die Furcht ihr je zu gleichen.—Und jetzt komm, mein liebes Kind,Führe mich nach meinem Zimmer.Ist's gleich noch nicht Schlafens ZeitRuhe heischt der müde KörperHat er doch in einer StundeMehr als manchen Tag gelebt. (Ab mit Berta.)
(Pause.—Dann stürzt wankend, mit verworrenem Haar und aufgerissenemWams, einen zerbrochenen Degen in der Rechten, Jaromir herein.)
Jaromir (atemlos).Bis hierher!—Ich kann nicht weiter!Wankend brechen meine Kniee,Es ist aus!—Ich kann nicht weiter!
(Sinkt gebrochen auf den Sessel hin.)
Günther (nachkommend).Sagt doch Herr, ist das wohl Sitte?Einzudringen so ins HausAchtlos auf mein mahnend Wehren.Sprecht, was wollt Ihr? was begehrt Ihr?
Jaromir.Ruhe!—Nur ein Stündchen Ruhe,Nur ein kurzes Stündchen Ruhe!—
Günther.Was ist Euch begegnet, Herr?Woher kommt Ihr?
Jaromir.Dort—vom Walde—Wurde—wurde überfallen—
Günther.Ach man hört so manches UnheilVon den Räubern dort im Walde!Wie bedaur' ich Euch, mein Herr!Ach verzeihet, wenn ich anfangsEure bange Hast mißdeutendUnd das Fremde Eures EintrittsAnders sprach, als ich gesollt.Wenn's Euch gutdünkt, folgt mir HerrNach den oberen Gemächern,Wo Euch würdig Speis und TrankUnd willkommne Lagerstätte—
Jaromir.Nein, ich kann—ich mag nicht schlafen!Laß mich hier in diesem Stuhl,Bis die Sinne sich gesammeltUnd ich wieder selber bin.
(Er legt den Arm auf den Tisch, und den Kopf darauf.)
Günther.Was soll ich mit ihm beginnen?Ganz verwirrt hat ihn der Schreck.Bleib ich? geh ich? Laß ich ihn?Ich will's nur dem Grafen melden,Mag er selber doch empfangenSeinen sonderbaren Gast. (Ab.)
Jaromir.Ha, er geht, er geht!—Was soll ich?Sei es denn!—Nun Fassung, Fassung!
(Der Graf und Günther kommen.)
Günther.Hier mein gnäd'ger Herr, der Fremde!
Jaromir (steht auf).
Graf.Laßt Euch doch nicht stören, Herr,Und genießt der nöt'gen Ruhe.Hoch willkommen seid Ihr mir,Doppelt wert, denn Euch empfiehltEure Not und Euer Selbst—
Jaromir.Ihr verzeihet wohl die StundeUnd die Weise meines Eintritts.Mag mein Unfall mich entschuld'genWo ich selbst es nicht vermag.Dort in jenem nahen WaldeWard ich räubrisch überfallen.Ich und meine beiden DienerWehrten lang uns ritterlich:Aber wachsend stieg die Menge,Meine treuen Diener lagenHingestreckt in ihrem Blut.Da gewahr ich meines Vorteils,Und ins dunkle Dickicht springend,Schnell, die Räuber auf der Ferse,Such ich fliehend zu entrinnenUnd das Freie zu gewinnen.Gibt die Hoffnung schnelle FüßeLeiht dafür das Schrecken Flügel.Bald gewinn ich einen Vorsprung,Und heraus ins Freie tretendBlinkt mir Euer Schloß entgegen.Gastfrei schien 's mich einzuladen,Zögernd folgt' ich,—und bin hier.
Graf.Halten wird Euch der BesitzerWas sein Eigentum versprach.Was nur dieses Haus vermagIst das Eure, Euch zu Dienste.
Berta (kommt,).Hört' ich hier nicht seine Stimme?Ja er ist's!—Mein Jaromir!
Jaromir.Berta!
(Eilt auf sie zu. Plötzlich hält er ein, und tritt mit einerVerbeugung zurück.)
Graf.Wär' es etwa dieser?—
Berta.Ja er ist's, er ist's, mein Vater!Ja er ist's, der mich gerettet,Ja er ist's der teure Mann!
Graf.Zieht Euch nicht so fremd zurück,Seid Ihr doch nicht unter Fremden!Schließt sie immer in die Arme;Ihr habt Euch ein Recht erworben,Daß sie lebt ist Euer Werk!Wohl mir, daß mir ward vergönntDen zu sehen, dem zu danken,Der mir meine letzten Tage,Mir mein Sterbebett verschönt,Mit dem Glücke mich versöhnt.Komm an meine Brust, du Teurer,Lebensretter, Segensengel!Könnt' ich dankbar nur mein LebenFür dich hin, du Guter, geben,Wie du deines gabst für sie!
Jaromir.Staunend steh ich und beschämt—
Graf.Du? An uns ist's so zu stehn!Ist doch unser Dank so wenig,Ach, und deine Tat so viel!
Jaromir.Viel? O daß ich's sagen könnte!Daß es etwas mich gekostet!Daß ich eine Wunde trüge,Eine kleine, kleine NarbeNur als Denkmal jener Tat!Es kränkt tief das KöstlicheUm so schlechten Preis zu kaufen!
Graf.Ziert Bescheidenheit den Jüngling,Nicht verkenn er seinen Wert!
Berta.Glaubt ihm nicht, o glaubt ihm nicht!Er liebt selber sich zu schmähen,Ich weiß das von lange her!Wie so oft lag er vor mir,Meine Kniee heiß umfassend,Und mit schmerzgebrochner StimmeRief er klagend, weinend aus,Ich verdiene dich nicht Berta!Er nicht mich, er mich nicht!—
Jaromir.Berta!
Graf.Wolltet Ihr wohl, daß sie minderDes Geschenkes Wert erkennte!Trieb Euch gleich zu jener TatNur des Herzens edles StrebenRecht zu tun und groß und gut,Laßt uns glauben, laßt uns schmeicheln,Daß auf uns, auf unsre NotAuch ein flücht'ger Blick gefallen,Daß Ihr nicht nur bloß beglücken,Daß ihr uns beglücken wolltet.Wer sich ganz dem Dank entzieht,Der erniedrigt den Beschenkten,Freund, indem er sich erhebt!
Jaromir.Was erwidr' ich auf das alles!Wie ich bin, vom Kampf ermüdet,Von den Schrecken dieser Nacht,Taug ich wenig zu bestehenIn der Großmut edlem Wettstreit.
Graf.Mußtet Ihr mich erst erinnernDaß Ihr müd und ruhedürstend!
Berta.Ach, was ist ihm denn begegnet?
Graf.Das auf morgen, liebes Kind.Berta komm und laß uns gehn.Unser Günther mag ihn weisenIn das köstlichste Gemach.Dort umhülle tiefer FriedenMit der Segenshand den MüdenBis der späte Morgen naht.O er hat ein weiches KissenEin noch unentweiht Gewissen,Das Bewußtsein seiner Tat!—So, noch diesen Händedruck,So, noch diesen Segenskuß,So, mein Sohn jetzt geh zur Ruh'Ein Engel drück' das Aug' dir zu!
Berta (den Alten abführend).Schlummre ruhig!
Jaromir.Lebe wohl'
Berta (an der Türe umwendend).Gute Nacht denn!
Jaromir.Gute Nacht!
(Graf und Berta ab.)
Günther.So, nun kommt mein wackrer HerrIch will Euch zur Ruhe leiten.
Jaromir (in den Vorgrund tretend).Nehmt mich auf Ihr Götter dieses Hauses,Nimm mich auf du heil'ger Ort,Von dem Laster nie betreten,Von der Unschuld Hauch durchweht.Unentweihte, reine StelleWerde wie des Tempels SchwelleMir zum heiligen Asyl!—
Unerbittlich strenge Macht,Ha nur diese, diese Nacht,Diese Nacht nur gönne mir,Harte! und dann steh ich dir!
(Mit Günther ab.)
Ende des ersten Aufzuges
Zweiter Aufzug
Halle wie im vorigen Aufzuge. Dichtes Dunkel.
Jaromir (stürzt herein).Ist die Hölle losgelassenUnd knüpft sich an meine Fersen?Grinsende Gespenster seh ichVor mir, an mir, neben mir,Und die Angst mit VampirrüsselSaugt das Blut aus meinen Adern,Aus dem Kopfe das Gehirn!Daß ich dieses Haus betreten!Engel sah ich an der SchwelleUnd die HölleHauset drin!—Doch wo bin ich hingeratenVon der innern Angst getrieben?Ist dies nicht die würd'ge Halle,Die den Kommenden empfing?Still! Die Schläfer nicht zu stören!Stille! Wenn sie würden innenHier mein seltsames Beginnen!
(An des Grafen Gemach horchend.)
Alles stille.
(An der Türe zur linken Seite des Hintergrundes.)
Welche Laute!Süße Laute, die ich kenne,Die ich einzuschlürfen brenne!Horch!—ha!—Worte!—Ach sie betet!Betet!—Betet wohl für mich!Habe Dank du reine Seele! (Horchend.)»Heil'ger Engel steh uns bei!«Steh mir bei du heil'ger Engel!»Und beschütz uns!«—O beschütz uns!Ja beschütz mich vor mir selber!O du süßes, reines Wesen!Nein, ich kann mich nicht mehr halten,Ich muß hin, ich muß zu ihr.Will vor ihr mich niederstürzenUnd an ihrer reinen SeiteRuh' und Frieden mir erflehn!Ja sie möge über mirWie ob einem Leichnam beten,Und in ihres Atems WehnWill ich heilig auferstehn!
(Er nähert sich der Türe; sie geht auf und die Ahnfrau tritt heraus, mit beiden Händen ernst ihn fortwinkend.)
Jaromir.Ach, da bist du ja du Holde!Ich bin's Teure, zürne nicht!Wink mich nicht so kalt von dir,Gönne dem gepreßten HerzenDie so lang entbehrte Lust,An der engelreinen Brust,Aus den himmelklaren AugenTrost und Ruhe einzusaugen!
(Die Gestalt tritt aus der Türe, die sich hinter ihr schließt, und winkt noch einmal mit beiden Händen ihm Entfernung zu.)
Jaromir.Ich soll fort? Ich kann nicht, kann nicht!Wie ich dich so schön, so reizendVor den trunknen Augen seheReißt es mich in deine Nähe!Ha ich fühle, es wird TagIn der Brust geheimsten TiefenUnd Gefühle, die noch schliefen,Schütteln sich und werden wach.—Kannst du mich so leiden sehn?Soll ich hier vor dir vergehn?Laß dich rühren meinen Jammer,Laß mich ein in deine Kammer!Hat die Liebe je verwehrtWas die Liebe heiß begehrt?
(Auf sie zueilend.)
Berta! Meine Berta!
(Wie er sich ihr nähert, hält die Gestalt den rechten Arm mit dem ausgestreckten Zeigefinger ihm entgegen.)
Jaromir (stürzt schreiend zurück).Ha!
Berta (von innen).Hör ich dich nicht Jaromir?
(Beim ersten Laut vom Bertas Stimme seufzt die Gestalt und bewegt sich langsam in die Szene. Ehe sie diese noch ganz erreicht hat, tritt Berta aus der Türe, ohne aber die Gestalt zu sehen, da sie nach dem in der entgegengesetzten Ecke stehenden Jaromir blickt.)
Berta (mit einem Lichte kommend).Jaromir du hier?
Jaromir (die abgehende Gestalt mit den Augen und dem ausgestrecktenFinger verfolgend).Da! Da! Da! Da!
Berta.Was ist dir begegnet, Lieber?Warum starrst du also wildHin nach jenem düstern Winkel?
Jaromir.Hier und dort, und dort und hier!Üb'rall sie und nirgends sie!
Berta.Himmel, was ist hier geschehn?
Jaromir.Ei bei Gott, ich bin ein Mann!Ich vermag was einer kann.Stellt den Teufel mir entgegenUnd zählt an der Pulse SchlägenOb die Furcht mein Herz bewegt!Doch allein soll er mir kommen.Grad als grader Feind. Er werbeNicht in meiner Phantasie,Nicht in meinem heißen HirnHelfershelfer wider mich!Komm' er dann als mächt'ger Riese,Stahl vom Haupte bis zum Fuß,Mit der Finsternis Gewalt,Von der Hölle Glut umstrahlt;Ich will lachen seinem WütenUnd ihm kühn die Stirne bieten.Oder komm' als grimmer LeuWill ihm stehen ohne Scheu,Auge ihm ins Auge tauchen,Zähne gegen Zähne brauchen,Gleich auf gleich. Allein er übeNicht die feinste Kunst der Hölle,Schlau und tückevoll, und stelleNicht mich selber gegen mich!
Berta (auf ihn zueilend).Jaromir, mein Jaromir!
Jaromir (zurücktretend).O ich kenn dich, schönes Bild!Nah ich mich wirst du vergehnUnd mein Hauch wird dich verwehn!
Berta (ihn umfassend).Kann ein Wahnbild so umarmen?Und blickt also ein Phantom?Fühle, fühle ich bin's selberDie in deinen Armen liegt!
Jaromir.Ja, du bist's! Ich fühle freudigDeine warmen Pulse klopfen,Deinen lauen Atem wehn.Ja, das sind die klaren Augen,Ja, das ist der liebe Mund,Ja, das ist die süße Stimme,Deren wohlbekannter LautFrieden auf mich niedertaut.Ja, du bist's, du bist's, Geliebte!
Berta.Wohl bin ich's, o wärst du's auch!Wie du zitterst!
Jaromir.Zittern! zittern!Wer sieht das und zittert nicht?Bin ich doch nur Fleisch und Blut,Hat doch keine wilde BärinMich im rauhen Forst geborenUnd mit Tigermark genährt,Steht auf meiner offnen StirneDoch der heitre Name: Mensch!Und der Mensch hat seine Grenzen!Grenzen, über die hinausSich sein Mut im Staube windet,Seiner Klugheit Aug' erblindet,Seine Kraft wie Binsen brichtUnd sein Innres zagend spricht:Bis hierher und weiter nicht!
Berta.Du bist krank, ach geh zurück,Geh zurück nach deiner Kammer.
Jaromir.Eher in die heiße HölleAls noch einmal auf die Stelle!Ehrt Ihr so die Pflicht des HausesUnd des Gastes heilig Recht?Arglos und vertrauensvollFolgt' ich meinem Führer nachIn das weite Prunkgemach.Müde, ruhelechzend steig ichSchnell das hohe Bett hinanUnd das Licht ist ausgetan.Wehend fühl ich schon den Schlummer,Mild wie eine FriedenstaubeMit dem Ölzweig in dem Munde,Über meinem Haupte schweben,Und in immer engern KreisenSich auf mich herniederlassen.Jetzo, jetzo senkt sie sich,Süße Ruhe fesselt mich.Da durchzuckt es meine Glieder,Ich erwache, horch und lausche.Laut wird's in dem öden Zimmer,Rauschend wogt es um mich herWie ein wehend Ährenmeer,Seltsam fremde Töne wimmern,Zuckend fahle Lichter schimmern,Es gewinnt die Nacht BewegungUnd der Staub gewinnt Gestalt.Schleppende Gewänder rauschenDurch das Zimmer auf und nieder,Hör es weinen, hör es klagenUnd zuletzt in meiner NäheWimmert es ein dreifach Wehe!Da reiß ich des Bettes VorhangAuf in ungestümer Hast;Und mit tausend FlammenaugenStarrt die Nacht mich glotzend an.Lichter seh ich schwindelnd drehenUnd mit tausend fahlen RingenSchnell sich ineinander schlingen,Und nach mir streckt's hundert Hände,Kriecht an mich mit hundert Füßen,Fletscht auf mich aus hundert Fratzen.Und an meines Bettes FüßenDämmert es wie Mondenlicht,Und ein Antlitz tauchet aufMit geschloßnen Leichenaugen,Mit bekannten, holden Zügen,Ja, mit deinen, deinen Zügen.Jetzt reißt es die Augen auf,Starrt nach mir hin, und EntsetzenZuckt mir reißend durchs Gehirn.Auf spring ich vom Flammenlager,Und durchs flirrende GemachStürz ich fort, der Spuk mir nach.Wie von Furien gepeitschtLang ich an hier in der Halle.Da hört' ich dich Holde beten,Will zu dir ins Zimmer treten,Da verstellt mir—Siehst du? Siehst du?
Berta.Was Geliebter?
Jaromir.Siehst du nicht?Dort im Winkel, wie sich's regt,Wie's gestaltlos sich bewegt!
Berta.Es ist nichts Geliebter, nichts,Als die wilde AusgeburtDer erhitzten Phantasie.Du bist müde, ruh ein wenig,Setz dich hier in diesen Stuhl.Ich will schützend bei dir stehn,Labekühlung zu dir wehn.
Jaromir (sitzend, an ihre Brust gelehnt).Habe Dank, du treue Seele!Süßes Wesen, habe Dank!Schling um mich her deine Arme,Daß der Hölle Nachtgespenster,Scheu vor dem geweihten Kreise,Nicht in meine Nähe treten.Lieg ich so in deinen Armen,Angeweht von deinem Atem,Über mir dein holdes Auge;Dünkt es mich auf RosenbettenIn des Frühlings Hauch zu schlummern,Klar den Himmel über mir.
(Der Graf kömmt.)
Graf.Wer ist hier noch in der Halle?Berta, du? Und ihr?
Berta.Mein Vater!—
Jaromir.Weiß ich doch kaum was ich sagen,Weiß kaum wie ich's sagen soll.Töricht werdet Ihr mich nennen,Und fast möcht' ich's selber tun,Fühlt' ich nicht im tiefsten InnernJede meiner Fibern beben,Beben, ja; und Ihr mögt glauben,Es gibt Menschen, welche leichterZu erschüttern sind als ich.
Graf.Wie versteh ich?—
Berta.Ach, so hört nur,Oben in der ErkerstubeHatte man ihn hingewiesen.Schon senkt schlummernd sich sein Auge,Da erhebt sich plötzlich—
Graf.Ah!Zählt man dich schon zu den Meinen?Ist's in jenen dunkeln OrtenAlso auch schon kundgewordenSohn, daß du mir teuer bist.Warum kamst du auch hierher!Glaubtest du, getäuschter Jüngling,Wir hier feiern Freudenfeste?Sieh uns nur einmal beisammenIn der weiten, öden Halle,An dem freudelosen Tische;Wie sich da die Stunden dehnen,Das Gespräch in Pausen stockt,Bei dem leisesten GeräuscheJedes rasch zusammenfährt,Und der Vater seiner TochterNur mit Angst und innerm GrauenWagt ins Angesicht zu schauen,Ungewiß, ob es sein Kind,Ob's ein höllisch NachtgesichtDas mit ihm zur Stunde spricht.Sieh, mein Sohn, so leben die,Die das Unglück hat gezeichnet!Und du willst den mut'gen Sinn,Willst die rasche LebenslustUnd den Frieden deiner Brust,Köstlich hohe Güter, werfenRasch in unsers Hauses Brand?O mein Kind, du wirst nicht löschen,Wirst mit uns nur untergehn.Flieh, mein Sohn, weil es noch Zeit ist:Nur ein Tor baut seine HütteHin auf jenes Platzes Mitte,Den der Blitz getroffen hat.
Jaromir.Möge was da will geschehn,Ich will Euch zur Seite stehn,Muß es, mit Euch untergehn!
Graf.Nun wohlan, ist das dein Glaube,So komm her an meine BrustSo, und dieser VaterkußSchließt dich ein in unsre Leiden,Schließt dich ein in unsre Freuden.Ja in unsre Freuden, Sohn,Ist kein Dorn doch also schneidend,Daß er nicht auch Rosen trägt.
(Der Alte setzt sich, von Jaromir und Berta unterstützt, in den Stuhl.Die beiden stehen Hand in Hand vor ihm.)
So, habt Dank, habt Dank, ihr Lieben!—Seh ich euch so vor mir stehen,Mit dem freudetrunknen Auge,Mit dem lebensmut'gen Blick,Will die Hoffnung neu sich regen,Und erloschne, dunkle BilderAus entschwundnen, schönern TagenDämmern auf in meiner Brust.Seid willkommen Duftgestalten,Froh und schmerzlich mir willkommen!
(Er versinkt in Nachdenken.)
Jaromir.Berta, sieh doch nur, dein Vater!
Berta (mit ihm etwas zurücktretend).Laß ihn nur, er pflegt so öfterUnd sieht ungern sich gestört.Aber, Lieber, sei vergnügt!Sieh, mein Vater weiß schon alles.
Jaromir (rasch).Alles?
Berta.Ja, und scheint's zu bill'gen!Heute nur—er war so gut,Ach so gut, so mild und sanft.Sanfter, gütiger als du,Der du kalt und trocken stehst,Während ich nicht Worte finde,Für mein Fühlen, für mein Glück.
Jaromir.Glaube mir—
Berta.Ei, glauben, glauben!Besser stünd' es dem zu schweigen,Der nicht weiß wie Liebe spricht:Kann der Blick nicht überzeugen,Überred't die Lippe nicht.Sieh, man hat mir wohl erzählet,Daß es leichte Menschen gebe,Deren Liebe nicht bloß brenntAuch verbrennt, und dann erlischt:Menschen, die die Liebe lieben,Aber nicht den Gegenstand;Schmetterlinge, bunte Gaukler,Die die keusche Rose küssen,Aber nicht weil sie die Rose,Weil sie eine Blume ist.Bist du auch so, Stummer, Böser?
(Vom Nährahmen eine Schärpe nehmend.)
Ich will dir die Flügel binden,Binden—binden Trotz'ger—bindenDaß kein Gott sie lösen soll!
Jaromir.Süßes Wesen!—
(Sie bindet ihm die Schärpe um.)
Graf (hinüberblickend).Wie sie glüht!Wie es sie hinüberzieht!Aller Widerstand genommenUnd im Strudel fortgeschwommen.Nun Wohlan, es sei! Der HimmelScheint mir selbst den Weg zu zeigen,Den ich wandeln soll und muß.Stemmt gleich manches sich entgegen,Glimmt gleich in der tiefsten BrustNoch verborgen mancher FunkeVon der einst so mächt'gen Glut.Töricht Treiben! Eitles Trachten!Der Palast ist eingesunken,Kaum noch geben seine TrümmerEine Hütte für mein Kind.Wohl es sei! Ach wie so schwerLösen sich die Hoffnungen,In der Jugend Lenz empfangen,Holde Zeichen, eingegrabenIn des Bäumchens frische Rinde,Aus des Alters morscher Brust.Als sie mir geboren wardUnd vor mir lag in der WiegeFreundlich lächelnd, schön und hold,Wie durchlief ich im GedankenDie Geschlechter unsers Landes,Sorgsam wählend, kindisch suchendNach dem künftigen Gemahl.Fand den Höchsten noch zu niedrig,Kaum den Besten gut genug:Damit ist's nun wohl vorbei!Ach, ich fühl es wohl, wir scheidenKaum so schwer von wahren Freuden,Als von einem schönen Traum!
Berta (an der Schärpe musternd).Halt mir still, du Ungeduld'ger!
Graf.Und ziemt mir so ekles Wählen?Wenn es wahr was er gesprochen,Was im Nebel der ErinnrungAus der fernen JugendzeitUnbestimmt, in sich verfließendMeine Stirn vorüberschwebt;Wenn sie wahr die alte Sage,Daß der Name, den ich trage,Der mein Stolz war und mein Schmuck,Nur durch tief geheime Sünden—Fort Gedanke!—Ha, und doch, und doch!
Berta (ihr Werk betrachtend).So nun steht es schön und gut.Aber nun sei mir auch freundlich,Daß mich nicht die Arbeit reue!
Graf.Jaromir!
Jaromir (aufgeschreckt).Was!—Ihr Herr Graf!
Graf.Noch bist du uns Kunde schuldigVon den Deinen, deiner Abkunft.Jaromir von Eschen heißt du,Fern am Rhein wardst du geboren,Dienste suchst du hier im Heer,So erzählte mir mein Mädchen,Aber weiter weiß ich nichts.
Jaromir.Ist doch weiter auch nichts übrig.Mächtig waren meine Ahnen,Reich und mächtig. Arm bin ich.Arm, so arm, daß wenn dies Herz,Ein entschloßner kräft'ger SinnUnd ein schwergeprüfter, doch vielleichtGrade darum festrer WilleNicht für etwas gelten können,Ich nichts habe und nichts bin.
Graf.Du sagst viel mit wenig Worten.Also recht! Du bist mein Mann!Sieh, mein Sohn, ich bin ein Greis.Die Natur winkt mir zu Grabe,Und ein dunkel, dumpf GefühlNennt mir nah des Lebens Ziel.Nie hab ich dem Tod gezittert,Und auch jetzt schreckt er mich nicht.Doch dies Mädchen, sie mein Kind.Könntest du in meinen Tränen,Hier in meinem Herzen lesenWas sie alles mir gewesen,Du verstündest meinen Schmerz.Daß ich sie allein muß lassenIn der unbekannten Welt,Macht dem Tode mich erblassen,Das ist's was so tief mich quält.Sohn, auf dich ist ihrer NeigungSchlaferwachtes Aug' gefallen;Du weißt ihren Wert zu schätzen,Weißt zu schützen was dir wert;Du gabst einmal schon dein LebenUnd wirst's freudig wieder geben,Wenn das Schicksal winkt, für sie.Dir vertrau ich dieses Kleinod,Sohn du liebst sie?
Jaromir.Wie mein Leben!
Graf.Und du ihn?
Berta.Mehr als mich selbst.
Graf.Mög' denn Gottes Finger walten!Nimm sie hin, die du erhalten!
(Schläge ans Haustor.)
Graf.Was ist das?—Wer naht so spätNoch sich dieses Schlosses Toren!
Berta.Gott, wenn etwa—
Graf.Sei nicht kindisch.Glaubst du wohl, verdächtig VolkWage sich an feste Schlösser,Wohlverwahrt und wohlbemannt.
Günther (kömmt).Herr, ein königlicher HauptmannAn der Spitze seines HaufensBittet Einlaß an der Pforte.
Graf.Wie? Soldaten?
Günther.Ja, Herr Graf.
Graf.Weiß ich gleich nicht was sie suchen,Öffne ihnen schnell die Pforten,Stets willkommen sind sie mir.
(Günther geht.)
Graf.Was führt den hierher zu uns?Und in dieser Stunde? Gleichviel.Wird doch seine GegenwartWohl die Stunden uns beflügelnDieser peinlich langen Nacht.
Berta.Jaromir, geh doch zu Bette.O du bist noch gar nicht wohl!Sieh, ich fühl's an diesem Zucken,An dem Stürmen deiner Pulse,Daß du krank, bedenklich krank!
Jaromir.Krank? ich krank? Was fällt dir ein!Stürmen gleich die raschen Pulse,Grad im Sturme ist mir wohl!
(Günther öffnet die Türe. Der Hauptmann tritt ein.)
Hauptmann.Ihr verzeihet, mein Herr Graf,Daß ich noch in später NachtEures Hauses Ruhe störe.
Graf.Wer des Königs Farben trägtDem ist stets mein Haus geöffnet;Euch, mein Herr, auch ohne sie.
Hauptmann.Hier grüß ich wohl Eure Tochter?
Graf.Ja, es ist mein einzig Kind.
Hauptmann.Wie soll ich mich hier entschuld'gen?Doch bringt meine Ankunft Schrecken,Soll sie Schrecken auch zerstreun.Jene mächt'ge Räuberbande,Die die Geißel dieser Gegend—
Graf.Ja, fürwahr, 'ne schwere Geißel!Dieses Mädchen, meine Tochter,Daß sie lebt noch, daß sie ist,Dankt sie nur dem kühnen MuteIhres wackern BräutigamsJaromir von Eschen hier.Ja er selbst, noch diese NachtWard im Forst er überfallen,Seine Diener ihm erschlagen,Kaum entging er gleichem Los.
Hauptmann.Diese Nacht?
Jaromir.Ja, diese Nacht.
Hauptmann.Und wann—
Jaromir.Vor drei Stunden etwa!
Hauptmann (ihn ins Auge fassend, dann zum Grafen).Euer Eidam?
Graf.Ja, mein Herr.
Hauptmann.Reistet Ihr ein Stündchen späterWar euch jene Angst erspart.
(Zu den übrigen.)
Fürder mögt Ihr ruhig seinUnd nichts Arges mehr befahren,Denn die Euer Schrecken waren,Jene Räuber, sind nicht mehr!Lange schon auf ihren Fersen,Überfielen wir sie heute.Nach beherztem, blut'gem StreiteTrat der Sieg auf unsre SeiteUnd die Mörderschar erlag.Teils getötet, teils gefangen,Retteten sich wen'ge nur;Wir verfolgen ihre Spur.
Graf.Nun habt Dank, ihr wackern Krieger,Habt den wärmsten, besten Dank!
Hauptmann.Jetzt noch nicht, bis es vollendet.Ist der Stamm gleich schon gefallen,Haften doch noch manche Wurzeln;Und ich hab mir's selbst geschworen,Als man mich zur Tat erkoren,Auszurotten diese Brut.Bauern haben ausgesagt,Daß hier in des Schlosses Nähe,In des nahen Weihers Schilf,Den verfallnen AußenwerkenSich verdächtig Volk gezeigt.Drum erlaubt, mein edler Graf,Daß ich hier aus Euerm Schlosse,Meiner Späher Suchen leite,Stets bereit nach jeder SeiteWo es Not tut abzugehn.Bald, so hoff ich, ist's vorüber.Ringsum stehen meine Posten;Wenn sich auch in Busch und FeldEiner noch verborgen hältSollen sie ihn tüchtig fassen,Ihm ist nur die Wahl gelassenZwischen Ketten, zwischen Tod.
Graf.Dieses Schloß ist nicht mehr mein.Bis Ihr Euer Werk vollendet,Ist es Euer, ist des Königs.O wie lieb ich diesen Eifer,Der das Rechte schnell ergreiftUnd fest hält, was er ergriffen.
Hauptmann.Nicht mehr Lob, als ich verdiene.Führ ich hier des Rechtes SacheFühr ich meine auch zugleich.Hat doch dieses RäubervolkMir mein Stammschloß überfallen,Und geraubt, gebrannt, gemordet,Daß noch jetzt bei der ErinnrungMir das Herz im Busen bebt.O mich drängt es, zu bezahlenWas ich schwer nur schuldig bin.Ich will schonen, grimmig schonen!Nicht der Tod in Kampf und SchlachtWerde dieser Brut zu Teile,Nein, dem Rad, dem HenkerbeileSei ihr schuldig Haupt gebracht.
Berta.Nicht doch! Wollt Ihr Menschen richten,Geht als Mensch ans blut'ge Werk!
Hauptmann.Hättet Ihr gesehn, mein Fräulein,Was ich sah, mit Schauder sah,Ihr verschlösset Euer Herz,Wieset das geschäft'ge MitleidGleich 'nem unverschämten BettlerVon der streng geschloßnen Tür.Jene rauchenden Ruinen,Von der Flamme Glut beschienen,Greise zagend,Weiber klagend,Kinder weinendAn erschlagner Mütter BrüstenDurch die leergebrannten Wüsten.Und dazu nun der Gedanke,Daß die Geldgier, daß die HabsuchtWen'ger feiger Bösewichter—
Jaromir (vortretend und ihn hart anfassend).Wollt Ihr dieses holde Wesen,Ihrer Seele schönen Spiegel,Der auf seiner klaren FlächeRein die Schöpfung stellet dar,Weil er selber rein und klar,Mit der Rachsucht gift'gem Hauch,Mit des Hasses Atem trüben!Laßt sie süßes Mitleid üben,Und in dem Gefallnen auchDen gefallnen Bruder lieben.O es läßt der Binse wohlDer gebrochnen Eiche spotten!
Hauptmann.Rasch ins Feuer, wenn sie brach.
Jaromir.Eure Zunge richtet scharf;Doch was vorschnell sie gesündigtMacht der Arm wohl zögernd gut.
Hauptmann.Ha, wie nehm ich diese Worte?
Jaromir.Nehmt sie, Herr, wie ich sie gab.
Hauptmann.Wär' es nicht an diesem Orte—
Jaromir.Legtet Ihr den Trotz wohl ab!
Hauptmann.Warm seh ich Euch Räubern dienen!
Jaromir.Wer in Not ist, zähl' auf mich!
Hauptmann.Nah der Beste unter ihnen—
Hauptmann.Ruft ihn! Vielleicht stellt er sich!
Graf.Jaromir, was muß ich hören!Führt der Eifer dich so weit.Magst du meinen Gast beleid'gen,Kannst du Menschen wohl verteid'gen,Welche selber sich verdammt.Doch was gilt's, trotz dieser HitzeHab ich richtig dich erkannt,Braucht es wen'ge Worte nurUnd dem Fehlgriff folgt die Reue,Ja du folgst uns selbst ins FreieAuf der Bösewichter Spur.
Jaromir.Ich?
Graf.Ja, du!
Jaromir.Ich, nimmermehr!Wie? Ich sollte einen Armen,Einen Stiefsohn des Geschicks,Den die unnatürlich harte MutterStiefgesinnt hinausgetrieben,Fern von Wesen seiner ArtZu des Waldes NachtrevierenWo im Kreis von RaubgetierenSelber er zum Raubtier ward,Wie, ich sollt' ihm, wenn er naht,Alles bietend was er hat,Mit der Reue herben Zeichen,Statt der Hand, um die er bat,Meinen blut'gen Degen reichen?Wer tut das, und ist ein Mann?Einen Feind mir, der noch ficht,Doch zum Häscher taug ich nicht!
Graf.Und wenn ich nun selber gehe,Und, des Königs Lehensmann,Diese Häscher führe an,Wirst du folgen?
Jaromir.Ihr?
Graf.Ja, ich.Ich mag Menschenleben schonen,Weiß zu schätzen Menschenwert:Doch laß uns nicht grausam seinGegen unsre bessern BrüderUm den Schlimmen mild zu sein.Ob das Herz auch ängstlich bebe,Laß uns tun die strenge Pflicht,Und damit der Gute lebeMit dem Mörder zum Gericht!
Jaromir.Recht gesprochen! Recht gesprochen!Daß die Kindlein ruhig schlafen,Mit den Hunden vor die Tür!Mir ein Schwert! Ich will hinaus,Will hinaus auf Menschenleben!Ei, sie werden tüchtig fechten!Ist das Leben doch so schön,Aller Güter erstes, höchstes,Und wer alles setzt daran,Wahrlich, der hat recht getan!Waffen, Waffen! Gebt mir Waffen!Fort, hinaus! auf Menschenleben!Laßt die Treiber fertig sein,Und dann wacker losgejagt,Bis der späte Morgen tagt!Waffen! Waffen! Heda Waffen!
Berta.Sagt' ich Euch es nicht, mein Vater?Er ist krank, gefährlich krank.
Jaromir.Ist's doch nur gerechte Strafe!Seht doch! Konnten sie es wagenDie Verruchten, rückzuschlagen,Da auf sie das Schicksal schlug!Menschen, Menschen!—Toller Wahn!Außer uns wer geht uns an?Fort hinaus aus unserm Kahn,Der nur uns und Unsre faßt,Fort hinaus unnütze Last!Wenn empor ein Schwimmer taucht,Schnell das Ruder wohl gebraucht.Weg vom Rande deine Hände,Daß sich unser Kahn nicht wende,In dem Wellenstrudel ende!
Graf.Jaromir, was ficht dich an?
Jaromir.Ach verzeiht! Kaum weiß ich's selber!Es ward mir die Jagdlust regeBei der fröhlichen ErzählungWie die Netze sei'n gestelltUnd nun bald das Wild gefällt.
Graf (zum Hauptmann).Ihr verzeihet wohl, mein Herr,Seht, der Unfall dieser Nacht,Und dann noch so manches andre,Hat sein Wesen so zerrüttet,Daß er kaum er selber noch.
Hauptmann.So bewegt, in dieser StimmungIst nicht von Beleidigung,Von Verzeihen nicht die Rede.Pflegt der Ruhe, Herr von Eschen.Unser widriges Geschäft,Hat's gleich seine gute Seite,Taugt für kein bewegt Gemüt.
Berta.Wohl, mein Lieber, folge mir.
Jaromir.Nicht doch! Laß mich! Laß mich! Sieh,Mir ist wohl, wahrhaftig wohl.
Hauptmann.Uns geziemt es vorzuschlagen,Anzunehmen steht bei Euch,Und so nehm ich denn jetzt UrlaubZu vollenden mein Geschäft.
Graf.Doch Herr, kennt Ihr auch die Räuber?Daß Ihr arglos stille WandrerNicht belästigt ohne Not.
Hauptmann.Kennen? Ich nicht. Denn im DunkelnÜberfielen wir sie heute,Und in Kampfes blut'gem RingenSieht man auf der Feinde KlingenMehr als auf ihr Angesicht:Doch im Vorgemache draußenHarret einer meiner Leute,Der, von seinem Trupp getrennt,Einst in ihre Hand geraten,Der oft Zeuge ihrer Taten,Und die Räuber alle kennt.Heda! Holla!
(Soldat kommt.)
Hauptmann.Walter komme!
(Soldat ab.)
Graf.Zwinge dich doch länger nicht,Jaromir, und geh zu Bette.Leichenblaß ist dein GesichtUnd aus deinem düstern AugeBlickt des Fiebers dumpfe Glut.Geh zu Bette, lieber Sohn!
(Auf die Seitentüre rechts zeigend.)
Hier in diesem stillen ZimmerSoll nichts deine Ruhe stören.
Berta.Jaromir, laß dich erbitten.
Jaromir.Wohl, ihr wünscht es, und es sei!Fast fühl ich mich selber unpaß.
(Das Schnupftuch an die Stirne pressend.)(Walter kömmt.)
Hauptmann.Komm! Wir machen jetzt die Runde,Und du folgst mir!
Walter.Wohl Herr Hauptmann.
Hauptmann.Ist dir dein Gedächtnis treu;Wirst du jeden dieser RäuberWieder kennen, der sich zeigt?
Walter.Sicher werd ich, sorget nicht!
Berta (Jaromir führend).Wie du wankst! Sieh, hier hinein!
(Jaromir geht durch die Seitentüre rechts ab.)
Graf.So, und jetzt geht denn mit Gott!
Hauptmann.Eins ist vorher noch zu tun,Meines Auftrags leichtste Hälfte,Die mir hier zur schwersten wird.Aber sei's, ich muß.—Gar manchesScheint dem Menschen überflüssigUnd ist's dem Soldaten nicht.Mein Herr Graf, Ihr mögt erlauben,Daß ich Eures Schlosses InnresNoch vor allem erst durchforsche.
Graf.Dieses? Meines Schlosses, Herr?
Hauptmann.Streng gemessen ist mein Auftrag,Jede Wohnung zu durchsuchen,Wem sie sei, wem sie gehöre,Nach der flücht'gen Räuber Spur.Mag ich ungestüm erscheinen,Ich erfülle meine Pflicht.Und zudem, Ihr mögt verzeihen,Wer bürgt Euch für Eure Leute?
Graf.Und wer Euch, denkt Ihr, für mich!
Hauptmann.Hätt' ich wirklich Euch beleidigt,So bedenkt—
Graf.O laßt das! laßt das!Wird es mir denn nimmer klarWelcher weite Abgrund scheidetDas was ist von dem was war.Muß es mich denn immer mahnen!Ich gedachte meiner Ahnen,Deren Wort hier, weit und breitMehr galt, als der höchste Eid,Unter denen der VerdachtUnd des Argwohns finstre Macht,Schamrot sich geweigert hättenDiese Hallen zu betreten.Doch ich bin der Letzte und ein Greis!Nun so glaubt denn Euren Augen!