VIIUltima ratio

„Der Reiche hat sich vergriffen am heiligsten Menschentum — und will nicht einmal bezahlen.“

„Doch,“ rief der Reiche.

„Aber nicht reell,“ tönte die unerbittliche Richterstimme. „Darum wehe! Der Rächer steht hinter dir!“

Die Stimme sagte du. Auch Balrich ward von ihr geduzt.

„Du aber, mein Rächer, packe zu, pack ihn an!“ Dies wartete der Reiche nicht ab, er nahm Reißaus.

Balrich sah jäh: „Auch um den steht es nicht gut.“ Er hatte gemeint, das sei ein Sieger, — da er selbst doch besiegt war. Aber sind wir besiegt, wenn der Sieger Furcht hat? Der Heßling hat nun die Gewalt, ich bin verlassen, ihm glauben sie. Nur glaubt er sich selbst nicht. Die Sieger wissen, sie bleiben es nicht. Sie müssen immer schlechter werden, damit sie es eine Weile noch bleiben. Abhängen von Gellert und mit Klinkorum einen dunklen Handel haben: sieht so der Sieg aus, um was kämpft man?

Indessen glühte es auf, durch den kahlen Garten, als bräche Feuer aus. Klinkorum stürzte auf seinen Balkon hinaus, und Balrich, der umkehrte, sah es lodern über die Wiese her: Fackeln. Da schmetterte auch Blechmusik los, zum Empfang des Autos; denn mit vielem Schnauben hatte es sich aus dem Feldweg losgearbeitet und kam zum Vorschein. Es fuhr langsam, voran die Musik, und die Fackeln umringten es. Welch sieghafter Anblick; Heßling, aus dem Wagen heraus den Zylinderhut hebend und sein überall hin dankendes Gesicht, glutüberflogen wie von den Bränden einer Schlacht! Die Arbeiter, grell ausgeschnitten aus der Nacht, mit toten Schatten unter den Wangenknochen undhölzern klappenden Mündern, brüllten ihm zu. Vorn brüllte Jauner, und Polster hinten, in der Mitte aber brüllte der Sohn Kraft. Eine geschwenkte Fackel warf Streiflichter in sein wankendes Gebiß, in die Nasenlöcher, gebläht, um den Geruch dieser Menge von Männern aufzunehmen, — und wohin verlangten seine verstörten Augen? Zu Balrich; ihn suchte er, ihm winkte seine schwache Hand, ihm selbstvergessen jauchzte der Sohn Kraft . . . „Abgesehen, ich weiß, ist es auf mich,“ sagte Balrich. „Die ganze Mache doch nur auf mich!“ Das Gebrüll um den Heßling verfing sich in dem der Musik, Takt ward das Stampfen, dahin zog Heßling, welch sieghafter Anblick!

Jemand war im Schatten zurückgeblieben, Herbesdörfer; er trat zu Balrich. „Da hast du es,“ stammelte er wild. „Du hast ihm kein Feuer machen wollen, jetzt machen die es ihm. Einen Fackelzug dem edlen Spender der Gewinnbeteiligung. Was willst du tun. Mit den niedrigen Löhnen beziehen sie heute mehr als sonst mit den höheren. Da fährt er hin auf sein Fürstenschloß und hat uns alle in der Tasche.“

„Da hat er etwas Rechtes,“ sagte Balrich und trat fort, in die Nacht, die sich schloß.

Der Generaldirektor hielt noch, von der Terrasse seiner Villa Höhe, ein berauschter Herrscher, dieAnsprache, befahl Bier für alle aufzufahren in den Räumen der Dienerschaft und rühmte noch feierlich vor den Seinen das Hochgefühl der Verantwortung, die er trage. Dann aber, er hatte mit seinen Söhnen „die Runde“ gemacht und im Haus nach den Selbstschüssen gesehen, schloß auch um ihn sich die Nacht.

Er lag im Bett und geschwellt bedachte er, daß die Liebe des Volkes wert sei was sie koste. Ergreifend diese Menschen in ihrem Vertrauen, die Gewinnbeteiligung werde dauern, das Leben friedlich und glücklich bleiben. Ach! so war es nicht gewollt von Gott. „Ich wäre reif, erledigt zu werden, verstände ich mein Interesse so schlecht. Was sie sich wünschen, würde das in meiner Person verkörperte Ganze verzwergen, ich aber bin von meinem Gewissen verpflichtet, es zu erweitern, immer zu erweitern, mag der einzelne bestehen oder nicht. Was zählt, ist nur das Ganze; das Ganze um seiner selbst willen; und ich bin das Ganze.“

Dem einzelnen, erklärlicherweise, machte allein der Zwang dies begreiflich. Waren jene großen Kinder ergreifend, nicht weniger waren sie gefährlich, denn der Glaube an Frieden und Glück ist äußerst gefährlich. Sie waren, bis sie verstanden was nottat, noch rauhe Wege zu führen, vielleicht blutige. Inzwischen trage der Verantwortliche Sorge, ihren Wahn einzuschläfern durch eine Gewinnbeteiligung.Schon haben sie den Aufwiegler vergessen — vergessen den, der ihnen das Ganze versprach, und das Ganze als Mittel zum Frieden und Glück!

Der Generaldirektor drehte das Licht an und ab, es half nicht, er selbst vergaß nicht jenen. Dahinten saß er, ein heller Punkt in der Nacht, saß wach und arbeitete für den alten Brief in seiner Tasche. Ein Wisch Papier, zum Lachen wertlos vor der angesammelten Macht, die besteht, — aber wenn Tausende eines Tages in seinem Namen das Recht anriefen, was gab es dagegen? Es gab die Aussperrung, v. Popp, das Zuchthaus. Das war nicht genug. Er hatte immer geglaubt, es sei genug, — bis jener kam. Der mußte fort, um jeden Preis. Freilich, Klinkorum, der ihn beherbergte, erriet die Lage und verlangte für seine Baracke jetzt einen Betrag, — wer ihn bezahlt hätte, gestand offen ein, er fürchte sich . . . Aber er mußte fort zum Heil des Ganzen, und damit nicht länger ein Phantom umgehe, das sie Recht nannten — ungreifbar, verderblich den Gemütern, wesenlos vor der Macht, die besteht, und dennoch sie lähmend.

Grausig, träumte ächzend der Generaldirektor, als sie noch ihr Geheimnis behüteten, mystische Sage vom Erbrecht der Enterbten, überliefert durch einen alten Tunichtgut, vertreten von dem Arbeiter,der Latein lernt. Man ging wie auf geladenen Minen, kein Schritt ohne Angst. Jetzt wissen wir. Die Minen sind entladen, der geheime Feind ein Nachhilfslehrer im blanken Gehrock. Die Welt kann nur die Achseln zucken, würdest du glauben. Statt dessen —

„Statt dessen!“ stöhnte der Aufgeschreckte; — und er sah Gesichter, hörte Stimmen, er kämpfte in seinem zerwühlten Bett gegen den Alpdruck der Gerüchte, die ihm zugingen, den Stachel der Fragen, die man stellte, gegen die Verleumdungen und ihren würgenden Griff. Viel Feind, viel Ehr’! Aber wenn jeder, der ihm die Hand drückte und noch der an seinem Tisch zum Gichtkranken gewordene v. Popp ihn als bedroht hinstellte, seinen Besitzstand anzweifelte und in Gausenfeld, diesem ehernen Fels, nichts Festgegründetes mehr sehen wollte: dann kam ein Augenblick — und war er nicht schon da? Bei den Verhandlungen über große Aufträge, ja, mit den Behörden, gebrauchten die Gegner die Waffe, die jener Arbeiter in der Tasche trug. In seiner eigenen Aktionärsversammlung war es erwähnt worden. Dies war nicht Mystik mehr, nicht Utopie; die Wirklichkeit selbst will dir an den Hals. Herangewühlt haben sich die Feinde. Katilinarische Existenzen reißen an sich, was heilig in deine Hand gelegt ist, Besitz und Macht!

Der Generaldirektor warf die Decke ab und trank Wasser. Er wußte Bescheid um solche Existenzen und was die Begehrlichkeit, so arm sie sei, vermag, — die Lebensgier. Da bringt man die Beneideten wegen eines Wortes ins Gefängnis und enteignet sie. Was du selbst gekonnt hast, wird auch jener können! . . . Jetzt klapperte er, das Fieber kam . . . Damals warst du jung, jetzt ist er es. Der Feind schwingt das Messer, was rettet dich noch. Komm ihm zuvor, kein Mittel, das nicht gut wäre! Bluten soll er! Auf ihn!

Der Generaldirektor drückte den Knopf, er läutete Sturm. Indes im Hause ein Laufen begann, wappnete er sich mit der geballten Seidendecke, schwang ein Rasiermesser und brüllte „Auf ihn!“ Frau und Söhne, die ihn in ganz erschöpftem Zustand vorfanden, schickten zum Arzt. Das Auto raste.

Balrich, wach sitzend, hörte es rasen, sein Lichtkegel fiel in die Finsternis und zerfiel, — und so schnell und so klar wußte Balrich: jetzt ängstigt sich der Feind. Dies gilt dir, — wie zuletzt nur dir der Fackelzug galt. Der Reiche hat alles für sich, er liegt auf dem Grab der Gerechtigkeit wie ein Tier aus Stein, zu schwer, um es fortzuwälzen. Aber das Tier, obwohl aus Stein, hat Angst, gern würde es dir dein Recht abkaufen. „Ihm war es ernst mit den Hunderttausend, die er bot; ich kann sie haben.“

Da stand er auf und drückte sich in den Winkel. Das Recht deiner Brüder verkaufen, — dahin führten dich deine Zweifel. Zum eigenen lichtscheuen Vorteil! Für das Recht nicht mehr kämpfen, es nur gebrauchen wie einen Dietrich — und sein, wozu sie dich machen, ein Erpresser! . . . Er hielt sich die Stirn. „Das dachte nicht ich! Aber ich muß doch schlau werden wie er. Ich kann ihm eine Fälschung verkaufen, oder kann heimlich Zeugen bestellen zu dem Handel, dann halte ich ihn. Jedes Mittel ist gut. Das Messer in seinen Bauch!“

Die Nacht inzwischen verging, die auch dem anderen verging.

Am Tag in der Stadt hatte Balrich wieder einmal den Hans Buck hinter sich, das Bürschlein ließ sich nicht abschütteln. „Ich kann dir etwas verraten,“ sagte es. „Er hat Angst.“

„Lassen Sie mich in Ruhe!“ verlangte Balrich. Das Bürschlein sagte trotzdem Du.

„Es geht dich an. Er gibt her, was du willst.“

„Er soll nur hergeben, was mein Recht ist.“

„Hunderttausend Mark hat er wieder gesagt.“

Balrich fuhr auf. „Du lügst!“ worauf das Bürschlein befriedigt lächelte.

„Du weißt es also noch. Nimm sie!“

Rauh drohend sagte Balrich: „Auf solche Gedanken kommt nur ein reiches Bürschlein.“ Haßerfülltgegen seine eigenen Nachtgedanken stieß er hervor:

„Diebe seid ihr, jeder für sich. Mein Recht ist das Recht aller!“

Da ward der Sechzehnjährige rot und sagte fest:

„Sei nicht zu stolz! Du sollst noch sehen, ob ich schlechter bin als du. Ein Enterbter bin ich auch, und ich hasse den Heßling. Du aber —“

Er reckte sich.

„— kannst nur noch hassen. Du liebst niemand.“

Jetzt versuchte Balrich nicht mehr zu entkommen, er ging ganz langsam. „Nicht einmal sie,“ sagte leise der Knabe.

„Hast du sie gesehen?“ fragte der Bruder, auch leise. „Geht es ihr denn schlecht?“

Er war bei dem Haus, wo er eine Stunde geben sollte, aber er ging vorüber. Der Knabe flüsterte jagend sein brünstiges Geheimnis.

„Ich würde für sie betteln oder die Leute anfallen. Ich liebe sie, wie noch kein Mensch geliebt hat. Wenn ich von weitem sie kommen sehe, zittern mir die Knie; ich bin schon hingefallen, wo sie ging. Vorüber — da lauf’ ich, will sie packen und forttragen. Um vier Jahre älter zu sein als ich bin, gäbe ich den ganzen Rest meines Lebens! Du weißt noch nicht, was ich tue. Nachts schleiche ich mich in das Haus und liege vor ihrer Tür.“

„Sie läßt dich nicht ein?“ fragte der Bruder angstvoll; denn er fragte für sich.

„Ich war bei ihr. Ihr wurden die Sachen verkauft, Möbel und Kleider. Er gibt ihr nichts mehr. Er hat nichts mehr. Er liebt sie nicht, der Schuft. Im Gedränge kam ich mit hinein. Ich sah sie weinen wegen eines Kleides und habe es mit meiner Uhr bezahlt, damit sie es behielt. Da hat sie mich umarmt.“

Der Knabe blieb stehen, bleich und die Augen geschlossen.

„Dann hat sie mich fortgejagt.“

„Warum?“ fragte der Bruder. Der Knabe machte plötzlich lange Schritte. „Ich weiß es nicht,“ sagte er hastig, — aber er hatte es vor Augen, wie sie ihn fortstieß und ihm nachrief: „Dich kann ich nicht brauchen, du hast nichts!“ . . . Er sagte:

„Weil ich bezahlt hatte“; — und bei dem Wort zu ihren Ehren war es ihm, als küßte er sie.

Plötzlich mit Zorn: „Du aber, ihr Bruder, kannst Geld haben und bringst es ihr nicht. Was weißt du also!“

Dabei lief er schon, — lief davon. Der Zurückgebliebene dachte: „Weiß ich denn nichts? Das Bürschlein wüßte mehr? Es spricht, als habe es den Trojanischen Krieg gesehen, und sei selbst ein Held, der für Helena stirbt. Was nützt es Leni . . .

Aber alle sind für sie in die Unterwelt gestiegen, Ajax, der so stark war, Hektor, der so schön war, — und endlich kam wohl auch sie. Soll es nicht für sie sein, wozu dann all mein Bemühn!“

Er sah, es war schwer, lange, lange und gar das Leben lang nach einem Gedanken zu zielen, und inzwischen, abseits von unserem einzigen Weg altern und verderben die, die wir lieben sollten. Der Versucher kam nachts, er sagte nur immer, daß es kein Recht und kein Gewissen gäbe vor dem Leben, seinem und ihrem. Bei Tage, neu erstarkt, fürchtete er einzig, sie wiederzusehen.

Nach Neujahr 1914 ließ er sich zum letzten Mal von Klinkorum prüfen. Hiernach hielt Klinkorum ihn, ungewöhnlicherweise, zurück, er ließ sogar Kaffee bringen; und dann eröffnete er dem Schüler, seine Gönner seien besorgt um ihn. Er sehe überanstrengt aus und stehe nun vor dem Examen. In den drei Monaten, die fehlten, habe er soviel zu lernen, wie andere in dem ganzen letzten Jahr. Klinkorum wolle ihm keine übertriebenen Hoffnungen machen. Nach seinen schulmännischen Erfahrungen —. Hierüber verbreitete er sich. Als Balrich ihn unterbrach, schnappte er nach Luft und sagte: „Ach so. Sie bekommen ein Theaterbillett.“

Was das solle? Zur Ablenkung und Auffrischung.Klinkorum würde es nicht empfohlen haben, aber die Gönner —. Welche Gönner? Nun, sie seien unter den Vätern seiner jungen Schüler. Balrich aber erriet wohl, wie immer war es Buck. Vielleicht konnte auch Klinkorum dies nur erraten. Der Professor rief ihm nach über die Treppe: „Auch einen neuen Anzug bekommen Sie.“

Neu gekleidet begab Balrich sich in das Apollo-Theater. Es hatte schon im Vestibül geschliffene Spiegel nebst vergoldeten Stukkaturen, und unter diesen die Hauptrollen spielten Kronen und Füllhörner. Der Platz sodann, der ihm auf die Nennung seines Namens an der Kasse ausgefolgt ward, war ein Balkonplatz, der teuerste im Hause, — was ihn zuerst sehr drückte, als sei es Hohn und Versuchung. Die Treppe war weich belegt und ganz flach, man kam hinauf wie von selbst. Die warme Luft, schon im Gang vor den Logen, duftete. Den Duft verbreiteten die Damen, die aus ihren Pelzen mit nackten Schultern hervorkamen. Von weicher Hand wird dir der Mantel abgenommen; sanft, hinter einer Tür, die nicht klappt, läßt dich der glatte Diener in deinen samtenen Sessel. Lau und wohlverwahrt wie im Bade sitzt man. Ein jeder hier bewegt sich gelassen, niemals kann es ihm fehlen. Die Herren im Frack erstiegen heimisch die Stufen zu den rot gepolsterten Logen, sie küßten den Damendie langen Handschuhe, und wurden diese abgestreift, die beängstigend weißen Hände. Manche Dame neigte sich so dreist hervor, als hätte sie gar nichts zu fürchten für ihre Blöße; und an ihren langen Perlenketten spielten sie alle so satt und unachtsam, als könnte in alle Ewigkeit niemand sie ihnen entreißen. „Ihr seid nicht so sicher, wie ihr denkt,“ dachte Balrich — und wich ihnen doch aus, wenn sie das Lorgnon auf ihn richteten. Buck hatte ihn wohl hergeschickt, damit er sich seine Opfer ansehe? Oder sollte er nur irre gemacht werden — irrer noch, als schon so vieles ihn machte?

An ihm wollte einer vorbei. Um Platz zu machen, stand er auf, fand sich nicht schnell genug in die Lage und drehte sich um, — was jener übel zu nehmen schien. Er wartete, bis Balrich wieder Front machte und musterte ihn mit toten Augen frech durch sein Monokel. Balrich zeigte finstere Brauen und eine Faust, worauf der Herr, den Versuch zu lächeln in seinen starren Mundfalten, weiter ging. „Ihr seid reif,“ dachte Balrich. „Doch gut, daß ich hier sitze, einer von uns, auf deren Kosten ihr euer freches Leben führt.“ Das Orchester begann zu spielen in seinen Haß hinein, das reizte noch mehr. Den leeren Sessel neben ihm wollte jemand aus der Reihe ziehen, aber Balrich lag auf der Balustrade und rührte sich nicht. „Na wollen Sie oder wollen Sienicht?“ sagte da zornig eine Stimme — ihn lähmte der Schrecken — die Stimme Lenis. Sie schob ihn fort, daß es krachte; „hat man das erlebt,“ sagte sie, so kam sie auf ihren Platz. Hier aber machte sie plötzlich „Ach!“ — und warf sich zur Seite, als suchte sie zu fliehen. Inzwischen ging der Vorhang auf.

Da zeigte es sich, daß die Bühne nur eine Fortsetzung des Saales war. Zwischen feinen Möbeln bewegten sich dort dieselben Herren und Damen, benahmen sich wie diese hier und redeten. Was sie redeten, schien fein zu sein wie die Möbel, es schien feiner als es in Wirklichkeit bei Heßlings gehört ward, und war wohl auch unterhaltend und leicht, wenigstens für sie, die es so hurtig sprachen und verstanden. Balrich folgte nur langsam, war immer in Gefahr, den Faden zu verlieren, und kaum daß er die Gefahr einen Augenblick überlegte, hatte er ihn wirklich verloren. „Ich stehe vor dem Abiturium,“ überlegte er;„und ich habe nicht nur gelernt, habe auch erlebt. Hat der Herr mit den Mundfalten so viel erlebt? Dennoch kann er folgen. Sie haben etwas, das ich nicht ersetzen kann“ . . . Eingeschüchtert hielt er still, — indes neben ihm Leni immer unruhiger ward. Endlich wandte sie den Kopf nach ihm, zog ihn aber zurück und sagte laut zu sich selbst:

„Was ist hier denn los heute? Wo sind die Amerikaner?“

„Welche Amerikaner?“ fragte Balrich, bevor er es bedacht hatte.

„Die komischen. Hier wird wohl jemand begraben?“

„Kann sein,“ sagte Balrich, um zu schließen. Aber ihr schien das Gespräch nun angeknüpft. Sie sah ihn an.

„Zu merkwürdig doch. Ich komme her, weil ich denke, hier ist noch das Variété, sonst komme ich natürlich nicht her, — und da sitzt du.“

Auch er fand dies merkwürdig, mehr als sie es wissen konnte in ihrem leichteren Herzen; aber da er sich nicht rührte, mußte sie weiter versuchen. „Wie das Leben spielt,“ sagte sie, schüchtern lächelnd; und sogleich, damit nur das Gespräch nicht einschlafe:

„Bist du mir noch böse?“

Auch er sah nun hin, in ihr Gesicht, das sie verführerisch machte. Aber da erschrak es; sie sah, er weinte. „Karl!“ rief sie unterdrückt. Nie hatte sie ihn weinen gesehen. Und flehentlich: „Wenn ich gewußt hätte, so sehr geht es dir nach, ich hätte es nicht getan.“

„Doch,“ sagte er und sah sie immer an. „Abernicht das geht mir nach. Mir geht es nach, daß ich dir nicht soll helfen können.“

Sie begriff, er hatte erfahren, wie es mit ihr stand. Er fühlte, sie sei nun gedemütigt. Beide ratlos, sahen sie auf die Bühne, wo mittlerweile ein Herr und eine Dame aufeinander losgingen, bis er die Tür warf und sie hinfiel.

„Was haben sie?“ flüsterte Leni. „Sie sind doch reich?“

Statt seiner Antwort fiel der Vorhang, — und nun es hell ward, schrak links von ihm jemand auf, er sah hin, eine Dame, halb alt und noch schön — wie die Frau Buck; und auch verstört und schmerzensreich wie jetzt diese, hatte die Mutter des Bürschleins wohl schon ausgesehen . . . Leni zog ihn am Arm und raunte:

„Sieh her, der Mensch mit den Leichenaugen.“

Balrich überzeugte sich, daß der Herr von vorhin ihn anstarrte.

„Der ist hier, weil ich hier bin,“ raunte Leni. „Ich brauche nur zu pfeifen,“ sagte sie schon lauter und spitzte wirklich nach dem dort die Lippen. Er lächelte wie eine Maske, und Leni sagte erfreut:

„Du siehst, auf einen, der sich dünn macht, kommt es nicht an.“ Schnell fragte Balrich: „Dann liebst du den Heßling nicht?“ Hierüber erschrak sie.Ihre schönen Goldaugen zuckten, er hatte Mitleid mit ihr, noch bevor sie sprach. Sie sagte aber, ergeben wie eine Magd:

„Einen lieben? Das darf ich noch nicht. Das darf ich erst, wenn ich reich bin.“

Worauf sie zum erstenmal die Augen senkte.

„Man weiß doch schon viel,“ murmelte sie, und hiernach schwieg er. Eine lange Weile, dann erst bemerkte sie, daß die Musik längst aufgehört hatte und daß auf der Bühne wieder gespielt ward. Die Herren und Damen gingen durcheinander, drehten und rieben sich wie die Teile einer Maschine, — die man aber kennen mußte. Jeder hatte mit jedem etwas vor; und obwohl doch alles nur Worte waren, lauerten vorgeblich überall die aufreibendsten Schwierigkeiten und Gefahren. Hörte man jenen Herrn mit seinen Markzigarren, diese schmuckbedeckte Dame, es ließ sich für sie kaum leben. „Warum? Was wollen sie,“ fragte Balrich. Leni hatte wohl schon Wind bekommen, sie erklärte:

„Es juckt sie innerlich — sie suchen einander die Flöhe ab.“

Dazu lachte sie höhnisch, und ihr Bruder lachte mit. Links von ihm die Dame, bei der man an Frau Buck dachte, beugte sich vor und zischte ihm in das Gesicht. Leni, um ihn zu rächen, zischte zurück. Halblaut machten sie sich so lange lustigüber die Alte, bis auch der zweite Akt aus war und sie sich eilends davon machte.

Dies erhöhte die Stimmung der Geschwister. „Bin ich schön?“ fragte Leni; und in ihrem Kleid, das die reichen Frauen genau nachahmte, machte sie schaukelnde Schritte, die Arme vom Leibe, das Gesicht in der Luft, — als spaziere sie noch durch Gausenfeld, am Sonntag, wenn alle ihre Verehrer unterwegs waren. Der Bruder lachte, tief überzeugt. Ob sie schön war! Bedeckt die Hüften und die Schenkel mit gestickten Silberblumen, die Büste prahlerisch glänzend aus den Spitzen und falschen Perlen, das Gesicht aber, nie hatte es so freche Farben gehabt. Der Bruder unwillkürlich schaukelte wie sie und trug den Kopf hoch. Einige Gänse an ihrem Wege wollten Gesichter schneiden und die zu ihnen gehörigen Hämmel wollten aufmucken; da machte der Bruder seine drohenden Brauen und die Ellenbogen hielt er steif, so ging es. Die Schwester sagte:

„Ich kaufe uns Bier. Die Alte dort, mit dem massierten Busen, hat es auf dich abgesehen. Sie denken, dich halte ich mir aus. Du kannst dein Glück machen,“ worauf er leichtsinnig mitlachte.

„Wir müssen grade so gemein werden wie sie,“ sagte die Schwester, in dem spiegelnden Foyer, weithin reiche Leute. „Du willst ihr Recht studieren,damit du sie enteignen kannst. Auch ich tue nichts, was ihre eignen Weiber nicht schon tun. Die Nichte des Generals —“

„Die Anklam?“

„Die hat eine andere Klaue.“

Flüchtig sah sie ihre geschminkten Nägel an.

„Solche Rechnungen, bei Gott, hat er für mich nicht bezahlt. Ich habe ihm, zu meiner Strafe, die Quittungen gestohlen und lese sie manchmal.“

Zweites Glockenzeichen, das Gedränge lief ab, noch blieben die Geschwister. Da sah er ihre gefärbte Lippe wanken, auf den schwarzen Rand der Augen trat ein heller Tropfen. Hilfesuchend griff sie nach seinem Arm, — und ihm sagte ihr Zittern, dieser kurze Atem, die Hast: sie liebt jenen Mann! Was immer sie tut, was aus ihr noch wird, die Schuld hat der Mann. Nur ihn hat sie geliebt — und hat durch ihn nun schon ein Herz, das nur noch haßt.

Brüderliches Schicksal! Erschreckend wie ein Vorzeichen! Stumm aneinander gedrängt hasteten sie durch den leeren Gang und kamen als letzte auf ihre Plätze. Da fragte die Schwester noch einmal wie zu Anfang:

„Bist du mir noch bös?“ — aber er hörte es diesmal, als fragte sie: „Jetzt, da du weißt? Jetzt, da du sogar vorausweißt?“

Er ergriff ihre Hand. Auf der Bühne trugen sie nachgerade schon Trauer, infolge von Schmerzen, die man nicht begreifen konnte, — und waren sie es wert, daß man sie begriff? Meine Schwester, sah Balrich, liebt einen Reichen. Er hat sie gehabt. Jetzt verläßt er sie, denn sie ist arm . . . Er stieß hervor:

„Er soll dich heiraten! Sonst —!“

„Was sonst?“ Sie lächelte erfahren. „Auch ich habe schon auf ihn schießen wollen — erst heute früh. Und abends bin ich hier. Das Leben spielt,“ sagte sie nachlässig. Er sagte streng:

„Das soll es nicht. Komm heim! Du mußt wieder heimkommen!“

„Und du, würdest du wieder in die Fabrik gehen? Ich kann nicht mehr so werden wie Malli.“

Er wollte widersprechen, sie ließ ihn nicht. „Heirate doch Thilde!“ Er versicherte, er tue es, aber darauf achtete sie nicht. „Wir können uns die Hand reichen!“ Hochtrabend streckte sie ihm die Hand hin. Er wandte sich zornig ab. Bevor sie es sich versahen, war das Theater aus.

„Was denn,“ machte Leni. „Die Schauspielerin ist wirklich ins Wasser gegangen?“

„Mit einem Autopelz,“ sagte Balrich. „Damit es nicht so kalt ist.“

Er wußte, wie man ins Wasser geht. Es war zuschwer für die Reichen . . . Nun sie aber aufstanden, sah er rückwärts unter den Logen die Dame noch sitzen, die ihn an Frau Buck erinnerte. Vor ihm und seiner Schwester hatte sie sich dorthin geflüchtet, saß als letzte noch da und sah auf den geschlossenen Vorhang . . . Da sie nahe vorbeikamen: nein, sie sah nicht, auch ihre Augen waren geschlossen, und aus den Lidern hervor weinte sie.

Er brachte Leni zu einem Mietsauto. Sie sagte:

„Nun, es war schön. Es war doch etwas anderes . . . Fährst du nicht mit?“

Da er es ablehnte, sagte sie, wieder einmal demütig:

„Also auf ein anderes Mal. Alles kommt, wie es muß.“

Trotzdem wartete sie noch. In seine Augen spähend endlich wagte sie sich heraus.

„Du weißt, wenn du vielleicht Geld brauchst —“

Da sie die Antwort schon las, sprach sie schnell weiter. „Obwohl erst gestern bei mir der Gerichtsvollzieher war.“

Sie lachte; und damit es ihr leichter sei, lachte auch er. So fuhr sie.

Balrich, nach Gausenfeld wandernd, das Gesicht zerschnitten von der Eisluft, dachte: „Warum weinte die Frau? . . . Die ins Wasser ging in dem Stück, war eine Junge. Weinte die Alte, weil sieselbst einmal fast gegangen wäre? Oder im Gegenteil, weil sie nie den Mut gehabt hat? Was fehlt ihr? Hat sie wirklich ihr ganzes Leben verfehlt, obwohl sie doch reich ist?“ Eine andere Welt, dir unzugänglich; nur dieses siehst du, auch die dort leiden. So wären sie denn nicht die Unwissenden, auf jeden Fall Glücklichen. Was immer sie wirken oder tun, das Leiden würde selbst sie rechtfertigen, du hast es jetzt schwerer, ihre Vernichtung zu wollen.

Da erschrak er tief. Du hast nun schon erfahren, daß die Nächsten dich verlassen und daß es unmöglich ist, mit ihnen eins zu sein. Du weißt schon, der Sieg — der Sieg, für den du doch lebst, bleibt immer zweifelhaft und ist nichtswürdig. Du weißt, dein Kampf hat dich nicht besser gemacht. Jetzt sollst du auch noch lernen, daß die Feinde so viel Recht haben wie du . . .

Er war in seinem Zimmer, aber er machte nicht Licht, und noch im Dunkeln verhüllte er sein Gesicht. So stand es, so und nicht anders trat er nächstens in die Prüfung ein, jene Schulprobe, die für die meisten vor allen ihren Lebensproben liegt.

Fortan arbeitete er schwerer als sonst und um so heftiger. Er wollte nichts wissen von den Schmerzen, die ihm den Kopf in Reifen spannten, noch von den schlaflosen Stunden der Todesangst. Er sagte: „Ich will nicht wehrlos werden. Sie sollen michnicht entwaffnen. Mögen sie leiden, sie sind dafür bezahlt! Ihr Leiden ist nicht genug, sie müssen gutmachen! Herausgerissen aus ihren Samtlogen, sollen sie werden wie alle. Mit allen aber soll es besser werden. Vielleicht, im Grunde hat dann auch die Dame es besser, die im Theater geweint hat.“

Und nachdem er aufgetrumpft hatte und um sich gedroht in seiner Einsamkeit, kam es endlich doch so, daß er sich hinbeugte und weinte. Auch er, wie jene Fremde, weinte, weil wir zu sterben nicht wagen, zu sterben nicht einmal wünschen, wennschon wir erkannt haben. Beweine uns Armen, und auch die Reichen! Du wendest nicht ihr Geschick, und unser Elend ist unsterblich. Herausgerissen diese aus den Logen des Übermuts, werden andere sich hineinsetzen. Die Armut aber ist mehr, viel mehr, als ein Gesetz der Wirtschaft; die Seele will sie.

Nie hatte er sich so schwach gefühlt, — da sprachen draußen vor dem Hause bekümmerte Genossen ihn an. Sie hatten, nach der ersten Üppigkeit, nun weniger mit der Gewinnbeteiligung als früher ohne sie. Das Geschäft ging reißend zurück. Sie waren betrogen und darbten wie nie. Herbesdörfer verlangte den Ausstand, Polster wollte noch hoffen; wer sie hetzte, war Gellert. „Bedankt euch bei dem Balrich! Er hat euch die Gewinnbeteiligung verschafft, er bringt euch noch weiter fort!“

Balrich zuckte auf, er wollte rufen: „Der Alte sinnt nur, euch zu verkaufen!“ Aber er selbst? Worauf hatte er selbst schon gesonnen? . . . Er stammelte demütig:

„Ich habe mich wohl geirrt und es falsch gemacht. Wollt ihr, so gehe ich und bitte den Heßling, er möge es sein lassen wie früher.“

„Das wird uns helfen!“ murrten sie.

„Er verhöhnt uns noch!“ stieß wie einen Tierlaut der Herbesdörfer hervor. Sie drängten Balrich in den Feldweg, wo das Automobil des Generaldirektors sich bereit gehalten hatte, damals für den Fackelzug. Der Jauner war da und stieß mit. Gegen die Mauer warfen sie den Verlassenen, sprangen zurück und hoben Steine auf. Nach demselben Stein griffen Herbesdörfer der Fanatiker und der Spitzel Jauner. Balrich hielt still und wartete. Aber Polster mit Dinkl riß ihre schon erhobenen Arme herab.

Balrich trat wieder unter sie, mit der festen Miene, die sie kannten.

„Sogar jetzt noch bin ich mit euch. Euer Recht habt ihr abgelegt und mich verlassen.“

„Wenn unsere Kinder Hunger leiden! Ein feines Recht!“

Polster, vernünftig und breitbeinig, faßte ihr Geschrei in richtige Worte.

„Du, Balrich, denkst nicht mehr wie wir. Du hastetwas gelernt, brauchst nicht zu sorgen, und willst durch dick und dünn, weil du eine Idee hast. Wir aber sollen hungern für deine Idee.“

„Nein!“ rief Balrich.

„Hättest du einem einzigen geholfen auf der Stelle, wir würden mehr von dir halten, als selbst wenn du uns alle endlich reich machst in zwanzig Jahren.“

„Es ist wahr!“ riefen sie. „Nimm, was du kriegst!“

Da sagte auch Balrich: „Es ist wahr“; und zur Bekräftigung ging er mit ihnen trinken.

Als Erster heraustretend aus der Kantine, stieß er auf Napoleon Fischer. Der Abgeordnete machte sein weltkundigstes Gesicht.

„Da sind wir,“ sagte er. „Ich muß den Karren aus dem Dreck ziehen, worin Sie ihn verfahren haben, Sie junges Talent.“

Er grinste, — und Balrich sah ihn schon wieder auf der Tribüne, geschäftsmäßig keifend, in seinem Herzen aber kaltblütig und ganz ohne Glauben. Der Abgeordnete seinerseits hatte Balrich gemustert.

„Sie haben wohl auch schon manches erlebt diesen Winter?“ fragte er, mit einem falschen Blick.

Balrich nickte. Auch schon! Dies alles erlebte man demnach üblicherweise: Sendung, Verrat, Erkenntnis und Abdankung, — bis endlich du dich darein ergibst, nur eben dein Schäfchen zu scheren,gewöhnlicher Mensch, der du bist . . . Er bäumte sich auf.

„Sie aber lügen! Sie halten unsArme hin, und Ihr Geschäft ist Tücke. Sonst würden Sie sagen: Glaubt nichts, aber handelt!“

Napoleon Fischer lehnte ab.

„Dann wäre ich kein zielbewußter Sozialdemokrat, sondern gradezu ein Anarchist.“

„Das bin ich!“ sagte Balrich.

Die Kinder schrieen tosend vor dem großen Arbeiterhaus, rannten, zappelten, prügelten sich; nur polterten sie nicht mehr gegen den Zaun der Villa Klinkorum, denn die Planken waren jetzt bedeckt mit Stacheldraht. Die alten Männer, die nicht mehr arbeiteten, wärmten sich an der Mauer, in der Sonne des Vorfrühlings. Dann wuchsen die Schatten, die Greise verschwanden mit den Kindern, von der Arbeit kamen die, die Kraft hatten; — nur Balrich verharrte noch immer in dem feuchten Garten, ging und stand, grübelte, horchte. Malli drinnen im Keller saß beisammen mit Thilde, sie bejammerten das Geschick und wurden erzürnt, übertönte sie einmal das Lachen der Kleinen. Der alte Gellert lachte mit den Kleinen.

Da streckte Balrich den Kopf durch einen Busch; nun galt es, dort kam er. Horst Heßling kam daher,ohne Monokel, mit einem dummen Gesicht, und sein Gang sah aus wie stotternd vor Verlegenheit. Dies war der Moment! Balrich tat einen Gleitschritt, unvorhergesehen stand er vor ihm.

„Sie haben mich erwartet,“ sagte er rauh. „Früher oder später. Jetzt bin ich da und fordere. Heiraten Sie meine Schwester!“

Horst Heßling lächelte schlaff, als sagte er: „Hätte ich sonst keine Sorgen!“ Dann gab er sich einen Ruck, sogar nach dem Monokel faßte er und bemerkte: „Komisch, das müßte doch ihr selbst einfallen.“

„Oder Ihnen,“ sagte Balrich. „Denn Sie haben die Schuld.“ Er ließ sich nicht unterbrechen. „Nur Sie! — obwohl sie schon vorher nicht mehr unschuldig war. Ein Reicher kann keine Unschuld verlangen. Aber was ihr geschieht und was immer aus ihr wird, kommt alles auf Sie; denn Sie —“

Die gekrampften Fäuste hob er bis unter das Gesicht des Andern.

„— sind der, den sie liebt.“

Horst Heßling fuhr zurück. „Sie sind außer sich,“ sagte er und wollte weiter. Balrich, ihm nach mit einem Sprung, warf ihn an den Schultern herum. Horst Heßling war plötzlich tiefrot, den Angreifer stieß er fort.

„Achtung! Hier ist mein Stockdegen;“ — und er zog ihn. „Ich bin in Notwehr.“

„Lump!“ sagte Balrich. „Feigling!“ Mit Schimpfworten wich er vor den gereizten Ausfällen des Feindes zurück, immer zurück, bis an die Planke. Da, ein Schlag, der Degen klirrte und fiel hin, die Handgelenke des Feindes wanden sich unter den Fäusten Balrichs.

„Los!“ sagte Balrich. „Stoßen Sie mich in den Stacheldraht! Wer übt jetzt Notwehr? Mit den Stichen im Nacken darf ich Sie totschlagen.“

Horst Heßling sah es ein, er hörte auf, sich zu winden. „Verhandeln wir!“ keuchte er, worauf Balrich ihn losließ. Sogleich hatte der Reiche wieder seine überlegene Fresse. „Hunderttausend,“ warf er hin. Balrich schnob: „Heiraten!“

„Hunderttausend. Ich fange dort an, wo mein Vater aufgehört hat.“

„Ihr Vater hat beileibe nicht aufgehört. Er bietet mir noch ganz Gausenfeld.“

„Also ganz Gausenfeld,“ bot der Sohn, korrekt und höhnisch. Balrich schnob:

„Wenn Sie auch könnten, es wäre noch nicht genug. Heiraten!“

„Ihre Schwester ist mehr wert als ganz Gausenfeld?“ — Hierbei streckte er den Kopf vor, um das Gesicht des Bruders zu unterscheiden in der Dämmerung. Der Bruder schrie auf. „Das wissen Sie noch nicht?“

Leise, schnell und mit Knirschen sprach er.

„Wenn Sie es nicht wissen, müssen Sie es lernen. Heiraten Sie nicht Leni, soll Ihr Leben, verstehen Sie mich, Ihr ganzes Leben nur noch Angst sein. In kurzem bin ich Student, dann fordere ich Sie; aber Sie dürfen nicht sterben, nur Krüppel werden sollen Sie. Versuchen Sie nicht, zu lachen! Sie sind der Feigste nicht, ich weiß. Gegen mich aber können Sie nichts, denn ich will, hören Sie, ich will.“

Da der Feind zurückbebte, folgte er ihm mit dem Körper.

„Sie sollen mich finden, wo immer Sie zu atmen wagen. Stückweis sollen Sie absterben unter meiner Hand. Sie sollen erfahren, was einer kann, der nur noch lebt, um Ihr Feind zu sein.“

„Prahlerei,“ stammelte der Feind, aber er wich, wie vor einem Feuer. „Auch Sie,“ stammelte er, „haben etwas zu verlieren.“

„Aber gerächt ist meine Schwester.“

„Was nützt es Ihnen?“

Balrich, aufgereckt:

„So lieb werden Sie nie jemand haben, daß Sie mich verstehen.“

Da sah er im Schatten den Feind kleiner werden. Horst Heßling fragte, raunend:

„Wie sollen wir es denn machen?“

„Ihre Sache, Geld zu beschaffen.“

„Sie haben gesehen, in welchem Zustand ich aus der Stadt kam. Die Wucherer lassen sich kaum noch hinhalten.“

„Ihre Sache,“ wiederholte Balrich. „Beschaffen Sie Geld, fahren Sie nach England mit meiner Schwester, heiraten Sie sie!“

Eine schwankende Handbewegung, der Reiche sagte:

„Ich will es versuchen.“

„Und glauben Sie nicht, Sie könnten mir entkommen! Ich treffe Sie noch im hintersten Versteck der Erde — leichter als hier. Ich habe mich aus der Lohnsklaverei befreit, sagen Sie sich das! Wo sind für den die Grenzen.“

Vor sich hin sagte der Sohn: „Was bleibt übrig, ich breche in die Kasse ein.“

„Und Sie reisen erst, wenn kein Verdacht gegen uns mehr aufkommen kann.“

„Gegen uns,“ wiederholte Horst Heßling, von unten. Dann wuchs er wieder. „Aber wieviel verlangen Sie eigentlich selbst?“

„Sie bekommen keinen Fußtritt. Meinem Schwager gebe ich keinen.“ Und Balrich drehte sich schroff um.

Er wollte um die Ecke, da vertrat ihm den Weg ein machtvoller Wuchs.

„Ei ei,“ sagte die Schattengestalt Klinkorums. „Erpresser, Mordbube und Dieb, ei ei! Das wäre nun der Prophete.“

Balrich, überrascht, sah ihn eine Art Tanz beginnen, als wackelte ein Turm . . . Aber Klinkorum bezwang sich, er senkte die Hand auf die Schulter Balrichs. „Mein Sohn!“ rief er aus.

Erschreckt durch dies sein Bekenntnis, horchte er in das Dunkel, es schwieg tief. Da legte er los.

„Sohn meines Geistes! Hast ererbt von mir, was ich als Letztes, Tiefstes in mir trug, den Haß der Mächtigen, die Todfeindschaft gegen die Macht.“

Er umfaßte auch die zweite Schulter Balrichs.

„Sohn! Was hat sie aus mir gemacht. Ein Narr ich, ein Spielzeug der Reichen, — ich, der Intellektuelle! Der Geist selbst ihr Spielzeug, verhöhnt und benutzt! Räche mich! Ich werde gelebt haben durch dich!“

Hier fiel er vollends über Balrich her; auf der Wange Balrichs schallte ein Kuß. Balrich ließ es vorbeigehen. Dann sagte er:

„Tue ich es aber, wer weiß, so verleugnen Sie mich.“

„Nie! Bei den Flügeln des heiligen Geistes, nie!“

Wie ein Turm in der Nacht. Balrich tastete sich um ihn herum und schnell zur Pforte. Noch nichterreicht, und einem Vorsprung im Zaun, entstieg noch einer.

„Ich habe den Drang, Ihnen zu sagen —“ Es war Kraft Heßling.

„— daß ich meinen Bruder nur mißbilligen kann. Er ist nicht feinfühlig, nicht edelgesinnt. In Ihnen vermute ich eine verwandte Seele.“

Da Balrich zweifelte, woran er sei, beteuerte Kraft: „Sie dürfen mir glauben. Nie wäre ich so unzart gewesen, Ihre Schwester zu verführen.“

Allerdings. In dieser Beziehung war ihm zu glauben. „Was wollen Sie denn?“ fragte Balrich.

„Ihnen helfen, Sie Lieber.“

„Die Reichen sind verrückt,“ dachte Balrich. „Kommst du ihnen mit Gewalt, geben sie nicht nur ihr Geld her, sondern sogar ihr Herz.“

Kraft versuchte seiner hohlen Stimme Wohllaut zu verleihen. „Ihnen ist es doch wohl lieber, wenn man nicht erst die Kasse erbrechen muß? Da weiß ich nun Rat. Mein Bruder Horst weiß sich keinen mehr, er ist verkauft an die Weiber. Ich aber habe Ersparnisse.“

„Und Sie wollen ihm helfen,“ stellte Balrich fest, „daß er handeln kann wie ein anständiger Mensch.“

„Das ist schön, nicht wahr? Ich liebe so sehr die Schönheit der Menschen, die seelische — und auch die des Körpers,“ — wobei, Kraft, leicht rankend,den Arm um die Schulter Balrichs schlang. Balrich schüttelte ihn ab, Kraft lispelte noch: „Darf ich denn nicht den Freundeslohn erhoffen?“ — da hatte er eine Ohrfeige, und sofort drohte er dem Seelenfreund, ihn anzuzeigen auf der Stelle, zu zeugen gegen ihn, ihn zu vernichten. Hierbei lief er schon.

Kraft eilte heim, in Finsternis gehüllt und seine Rache bedenkend. Der Mut, den sein stärkerer Bruder hier nicht hatte, Kraft fand ihn in seiner enttäuschten Liebe . . . Er meldete sich krank und ging ohne Essen schlafen. Stundenlang harrte er in Geduld, bis Horst kam. Horst tat, als entkleidete er sich, wobei er aber Blicke auf den Schläfer warf. Kraft atmete seufzend, darauf gab Horst es auf, sich zu verstellen, zog das Jackett wieder an, und beim Mondschein wartete nun auch er. Das letzte Licht in der Fassade war erloschen, da machte er sich auf, in biegsamen Hausschuhen.

Kraft, kaum war sein Bruder fort über die Treppe, schlug einen anderen Weg ein. Das Schlafzimmer betrat er unhörbar, woraus das Stöhnen seines Vaters drang. Die Lampe brannte auf dem Betttisch des Generaldirektors, sie beschien sein vom Traum zerrüttetes Gesicht; mit dumpfem Murmeln aus seinen Lippen kamen Worte, kamen Zahlen . . . Da lief ein jäher Schrecken durch alle Massen seines schlafenden Leibes, hoch fuhr er, und gestützt aufbeide Hände, starrte er weiß. Wie zum Angriff krümmte dort sich ein schwarzer Mensch. „Lieber Gott!“ hauchte er und sank hin.

Kraft sagte heiser: „Papa;“ da sah der Vater ihn sich an, den schwarzseidenen Schlafanzug, die hohlen Augen und den Schatten unter der Höckernase, — worauf er in Zorn geriet und noch nachträglich zu dem Revolver griff. Kraft, erfüllt von seinem Geschäft, wich keinen Fußbreit. „Komm, Papa!“ sagte er beharrlich und winkte langsam, winkte knochig. „Komm, Papa, du sollst dich wundern.“

Der Generaldirektor, ohne mehr zu erfahren, stand endlich auf und folgte. Kraft, eins mit der Dunkelheit, führte ihn an der Hand über die Treppe. Drunten schien der Mond in die golden bespannte Halle. Kraft wich ihm aus; die Wände entlang schlichen sie in den weißseidenen Barocksaal. Hier nun, grauenvoll, lag Lampenschimmer! Aus der angelehnten Tür fiel er, vom Herrenzimmer! Der Generaldirektor wollte einwurzeln, Kraft riß ihn mit. Der eine lang und schwarz, überquellend aus seinem weißen Hemd der andere, so traten sie auf. Horst sah ihnen entgegen, mit dummem Gesicht. Er stand halb versteckt hinter der geöffneten Schiebetür, die das Allerheiligste barg, mit dem Kassenschrank, — und der Kassenschrank klaffte, und in den Fingern Horsts zitterten Banknoten.

Der Generaldirektor, bei diesem Anblick, ward ein Anderer. Sicherheit und Tatkraft prägten sein Gesicht, „Hände hoch!“ rief er stark und erhob den Revolver.

„Pardon,“ äußerte Horst, „ich bin es nur.“

Der Generaldirektor, der hieran nicht zweifelte, trat sachlich vor, er untersuchte den Kassenschrank.

„Unverletzt,“ sagte er. „Wie hast du das gemacht?“

Horst konnte sich der Auskunft nicht entziehen. Er hatte die Zahl, die den Kassenschrank öffnete, aus dem Schlaf seines Vaters erlauscht, aus dem von seinem Feind beschwerten Schlaf des Arbeitgebers — schon längst. „Schon längst?“ Denn Horst, dessen erlaubte Hilfsquellen nicht ausreichten, sah keineswegs erst seit heute der Tat in die Augen, die nun vorlag. Er zeigte keine unangemessene Reue, er beklagte nur, in männlicher Form, die Kargheit der ihm gewährten Lebenshaltung. Der Generaldirektor, als Antwort, entnahm dem Kassenschrank ein Buch, stellte Ziffern zusammen und nannte eine Summe, der er zuzutrauen schien, sie werde Horst zum Wanken bringen. Horst aber wankte nicht. Statt seiner fiel der Vater in einen Klubsessel, er seufzte auf, ganz Vater.

„Was schiert mich das Geld, soll es nehmen wer will, nur gerade du! Mein Sohn ein Einbrecher! Mein Ältester ein Dieb! Nagel zu meinem Sarge,nur noch totschlagen mußt du jemanden, dann liegt deine Verbrecherlaufbahn abgeschlossen hinter dir.“

Dies hörte der Sohn mit aller gebotenen Achtung an. Dem Vater hingen die Arme wie abgehackt von den Lehnen, er war so tief verfallen in seinem Klubsessel, daß der Bauch auf dem Sitz lag wie ein Luftkissen. Da er sich wiederholte und von neuem bei dem Geld anfing, das jeder nehmen könne, sah Horst diesen Teil der Zeremonie für beendet an und beschäftigte sich damit, die Banknoten in den Geldschrank einzuordnen. Eine Note entfiel ihm, flatterte fort und glitt unter eine Tür — die Verbindungstür nach der Wohnung der Bucks. Horst ließ sie vorläufig dort liegen, in Voraussicht jedes möglichen Verlaufes, den der Auftritt des Vaters etwa nahm.

„Und alles wäre noch verzeihlich,“ winselte der Vater, „hätte mein Sohn nicht als Kanal für die Vergeudung meines Besitzes jene Person gewählt. Denn glaube nur nicht, dein Vater täuschte sich über den Grad deiner Gemütlosigkeit. Die Schwester meines ärgsten Feindes, gerade um ihretwillen hast du den Kassenschrank deines leiblichen Vaters nicht mehr für heilig erachtet.“

Endlich etwas Neues, Horst sah die Möglichkeit, das unfruchtbare Feld der Gefühle zu verlassen.„Ich muß dich aufmerksam machen, Papa,“ äußerte er, „daß deine Informiertheit, so sehr ich sie bewundere, hier gerade in der Hauptsache versagt: Der Posten, auf den du anspielst, hat in meinem Haushalt eine verhältnismäßig unbedeutende Rolle gespielt; Ehrenwort. Bei weitem das meiste nahm andere und ich darf sagen, rühmlichere Wege.“

„Welche?“ fragte der Vater, aber weiter zu gehen in seinen Eröffnungen, erklärte Horst aus Kavaliersgründen für unzulässig. Kraft sagte höhnisch: „Ich kann vielleicht aushelfen“; aber ein Griff, und Horst schickte ihn in einen entfernten Winkel. Dort ward seine hohle Stimme verschlungen von dem Gepolter der Möbel, die sein Vater in Bewegung setzte. Denn der Vater winselte nicht mehr, sondern brüllte, und aufgesprungen warf er mit den Möbeln. Horst, dem gegenüber, fand es um so leichter Kavalier zu bleiben. Schon sein korrekter Jackettanzug setzte ihn in Vorteil vor den schwach Bekleideten . . . Da erschien, von dem Lärmen angelockt, in einem Schlafrock mit Spitzenschleppe Guste, die Gattin und Mutter. Sie sah, ahnte, griff ein.

„Es ist die kleine Anklam, daß du es nur endlich weißt, du Ärmster,“ herrschte sie. „Nun also, da machst du andere Augen. Von meinen Söhnen wirst du nicht erleben, daß sie sich wegwerfen!“

Der Vater versuchte: „Er gibt zu, daß er auch jene Person —“

„Es ist nicht wahr,“ herrschte Guste.

„Aber Mama, ich habe doch ihre Einrichtung gesehen“; — und auch Gretchen fand sich ein, süß verschlafen in ihrem langen Nachtkleid. „Ich war bei der Auktion, denn Horst gab ihr unanständig wenig, das muß wahr sein.“

Dies bekam Gretchen schlecht. „Unanständig?“ fragte der Bruder und erhob die Hand. Die Mutter drang gegen sie vor. „Ein junges Mädchen weiß das nicht. Es glaubt es nicht einmal, wenn es dabei ist. Fort, unpassendes Geschöpf!“ — und Gretchen war entwichen so schnell wie aufgetaucht.

Der Generaldirektor inzwischen sah Licht, einen Weg und offenen Himmel. In voller Manneskraft riß er die Zügel an sich.

„Die Dinge stehen so,“ befahl er, „daß mein Sohn den niederträchtigsten Erpressungen unterliegt.“

„Mann!“ kreischte Guste. „So spricht man nicht von einer Dame. Unser Sohn hat Glück bei der Nichte des Generals.“

Aber der Generaldirektor blitzte furchtbar. „Schweig! und folge deiner Tochter. Wo der Ernstfall eintritt, ist nicht der Ort für Weiber.“ Er fuhr fort zu blitzen, bis Guste es einsah, siehabe ausgespielt, und sich, rauschend so gut sie konnte, zurückzog. Der Generaldirektor schloß selbst die Tür.

„Du unterliegst den niederträchtigsten Erpressungen,“ befahl er.

„Zu Befehl, Papa,“ sagte Horst

„Und zwar von seiten einer liederlichen Person, deren Bruder gegen mich den Umsturz mobil macht. In seine Hände gelangen die Unsummen.“

Horst verstand. „Wenn wir das beweisen können —“

„Wir beweisen es,“ befahl der Generaldirektor. „Er hat dich tätlich angegriffen. Er hat dich bedroht, falls du nicht seinen Willen tust.“

Erschreckend sagte Horst: „Das ist sogar wahr.“ Der Generaldirektor blühte auf. „Wo sind deine Zeugen?“

„Wie viel bekomme ich?“ fragte Kraft, dumpf von hinten. Schon hatte der Generaldirektor ihn beim Wickel.

„Maulschellen nach Belieben, oder du redest. Was hast du gesehen, wie kamst du dorthin. Deine Beziehungen zu dem Menschen will ich wissen.“

Kraft, die Gefahr erkennend, leugnete alles. Klinkorum sei es gewesen. „Gleich nach Horst hat er verhandelt mit dem Balrich.“

„Er ist Mitwisser!“ Der Generaldirektor frohlockte.„Vielleicht Mittäter. Auch ihn hab’ ich in der Hand. Los! Wir räumen auf in einem. Morgen früh die Verhaftung.“

Er hielt sich das Herz.

„Ah! es wurde Zeit. Ich dachte wahrhaftig schon —“. Der Generaldirektor faßte Fuß seinem Kassenschrank gegenüber. Feierlich nickte er ihm zu.

„Der Brief! Der Brief, der mich enteignen soll! Ihn zurückholen und dort einsperren, — damit noch meine spätesten Enkel gewarnt werden durch den Anblick der entsetzlichen Drohung, die über dem Haupt ihres Ahnen hing. Dafür bin ich zu allem entschlossen.“ Höher gereckt und lauter: „Ich schwöre es, zu allem; — denn der mir aufgezwungene Kampf um mein Dasein rechtfertigt auch das härteste Mittel. Und sollte ich den Brief aus rauchenden Trümmern hervorziehen . . .“ Er brach ab.

„Drei Stunden können wir noch schlafen,“ stellte er fest. „Ich brauche es.“

Zwischen Kraft, der voranging, und Horst, der folgte, machte er sich auf den Rückweg, durch den weißseidenen Barocksaal und die golden bespannte Halle. Auf der Treppe wiederholte er noch: „Entschlossen zu allem,“ — da hielt Horst ihn an. Kraft war droben verschwunden. „Erlaube, Papa,“ sagte Horst leichthin. „Nur zu deiner persönlichen Information.Er hat nichts weiter gewollt, als daß ich seine Schwester heirate.“

Der Generaldirektor sah ihn schroff an. „Ich habe keinen Grund, dir zu glauben. Wir sind übereingekommen, daß er Geld von dir wollte. Der Wert geschäftlicher Abschlüsse scheint dir noch nicht klar zu sein.“

Horst schluckte hinunter. „Als Kavalier,“ begann er wieder, „empfinde ich es peinlich —.“ Der Generaldirektor machte „Haha! Die Ehre des Fräulein Balrich. Sie muß wiederhergestellt werden.“

„Nicht mehr und nicht weniger,“ sagte der Sohn; er war erbleicht; „und im Weigerungsfall ist nichts gewonnen, im Gegenteil.“

Der Generaldirektor sah angestrengt in die Augen des Sohnes. Was drohte hier, oder was ließ sich in Anschlag bringen? Er fragte lieber nicht. Vielleicht, daß auf eine gewisse Art die Sache sich stillschweigend abtat. Sicherer und endgiltiger, als durch eine leichte Gefängnisstrafe des Erpressers. „Ich werde schwer getroffen,“ überlegte der Generaldirektor, „wenn dem Jungen ein Unglück zustößt. Aber bezahlen muß jeder, und es gibt Geschäfte, die nicht zu teuer liquidiert wären mit der Darangabe eines Sohnes.“ So kaufte man dem Feinde sein Recht ab, und die Macht verblieb, wo sie war.Der Vater blinzelte, der Sohn erriet ihn; es durchschnitt ihn kalt . . . Beide zugleich traten voneinander zurück, — worauf der Generaldirektor etwas beschleunigt in sein Zimmer drang.

Der Sohn setzte, obwohl allein in der Weite, das Monokel ein, und in leidlicher Haltung kehrte er wieder um. Was auch Entscheidendes vorgefallen war, die Banknote unter der Tür hatte es ihn nicht vergessen lassen. Da lag sie noch, — wie er aber hingriff, riß sie aus und war drüben, bei den Bucks. Eine neue Gefahr. Er kauerte und wagte sich nicht zu rühren. Dann kam von drüben ein Pfiff — der bedrohliche Pfiff, den man in dunklen Nächten wohl hörte, aus einem Graben oder Busch, war man allein noch unterwegs. Horst begriff, Hans Buck war es, und er drohte. Er konnte weitersagen, was er erhorcht hatte hinter dieser Tür. Rätlich war es, ihn stillschweigend abziehen zu lassen mit dem Schein. Horst, in seiner Lage, sah keinen Anlaß, sich tiefer einzulassen in die halsbrecherische Politik des Generaldirektors. Noch immer kauernd, zog er sich sacht zurück.

Hans Buck, der durch das Schlüsselloch dies feststellte, tat einen Sprung, und dann lief er. Sie konnten ihn fangen wollen, — rasch fort, nach hinten durch den Park, den Wald, den Arbeiterwaldund querfeldein über Gausenfeld hin, fliegen zu ihr! In die Stadt, jene Straße, das Haus und zu ihr! Ihre Arme, ihr Mund! Du hast Geld. Lauf’, lauf’, mit dem Geld zu der Liebe!

Er war schon durch den Torweg zwischen den Arbeiterhäusern; die Wiese; die Landstraße, — da hielt er an, wollte weiter, stockte — und trat endlich doch ein in das große Haus der Armen. Das Tor ward gerade geöffnet, es dämmerte; sie standen auf, schon waren sie auf den Treppen. Hans Buck hielt an, wen er traf. Schnell ein Wort, und auch dort eins. Zurück nun, und zu Klinkorum. Die Lampe Balrichs glomm gelb im Morgen. An das Fenster gepocht und hastig hinein geraunt, was nottat. Schon lief er, es spritzte der Kies. Zwischen ihm und ihr nichts mehr als der Lauf.

Er lief, und ihm voran lief sein Herz. Es war schon angelangt, es sah sie schon, sein Herz sah ihr Gesicht schon, das es so sehr fürchtete um seiner Schönheit willen, — und wie sie ihre weißen Arme auseinanderschlug . . . Plötzlich fand er sich auf der Landstraße, noch immer hier, kaum hinaus über Klinkorum. Am Himmel, der sich erhellte, flitzten Schwalben dahin bis über die Stadt, bis über ihr Haus, — kehrten um, waren zurück und bebten noch. So war sein Herz.

„Wenn ich hinkomme,“ fühlte er, „wenn ich nochhinkomme!“ Nur dies, dann nichts mehr. Nach diesem das Ende, was sonst. Ihr Haus, auf das er zulief, von jenseits lief der Tod auf es zu, — sie mußten sich treffen in ihren Armen. Jauchzend lief er auf den Tod zu, der die Liebe war.

Aber kaum eine Stunde, da schlich er hilflos wieder herbei. Sein Herz war unbeflügelt, in den Staub auf seinem Gesicht rannen Tränen. So kam er zu der Villa Klinkorum. Im Garten stand Polizei; auch die Familie Dinkl, die aus ihrem Keller herausstrebte, ward im Zaum gehalten von einem Schutzmann. Hans Buck gab an, sein Lehrer erwarte ihn, und durfte hinaufgehn. Droben begegnete er Männern ohne Uniform und mit schlechteren Gesichtern als die Uniformierten; sie suchten oder lauerten auf. Ein Höherer stand in dem Studierzimmer vor Klinkorum. Der Generaldirektor Heßling saß sogar auf dem Schreibtisch und warf Papiere durcheinander, wer weiß wegen welches Papiers. Beide herrschten Klinkorum an. Mit Würde hielt er ihnen stand. Den Balrich, den sie suchten, habe er nicht gesehn. Er wisse nichts von Attentaten des Balrich. Er, sein Helfershelfer? Er würde lachen, — wenn er nicht fürchten müßte, noch mehr verkannt zu werden in seiner staatstreuen Gesinnung.

Der Generaldirektor sagte schneidend: „Die wird an einem anderen Ort geprüft werden. Wir habenZeugen für Ihre staatstreue Gesinnung;“ — und er zeigte in jenen dunklen Winkel, wo nichts zu erkennen war. Klinkorum aber, noch immer unerschüttert, ging hin und legte jemandem die Hand auf die Schulter. Kraft Heßling war es, mit dem er hervorkam. „Zeugen,“ sagte Klinkorum nicht ohne Ironie, „hat jeder, und wäre es nur Gott. So dunkel sind selbst nicht die verstohlensten Herzenstriebe. Wohlan, deutscher Jüngling!“ Mit einem leichten Schub schickte er Kraft seinem Vater zu — und hatte dabei um seinen Haifischrachen einen so vielsagenden Zug, daß der Generaldirektor ohne weiteres vom Tisch rutschte. Wohl brachte er noch einige Drohungen hervor, war aber schon im Rückzug begriffen, mitsamt Kraft und den Kriminalern.

Die Luft war rein; Hans Buck, hinter der Tür, machte Huhu! — um zu sehen, wie Klinkorum erschräke. Doch erschrak er nicht, er hob gegen seinen Schüler den Finger und lehrte: „So hast du denn mit angesehen, Knabe, was aus den armseligen Machthabern wird, wenn das Wissen gegen sie aufsteht. Wir Intellektuellen tragen in unserem Geist den Sprengstoff für sie alle.“

Hiermit entlassen, machte der junge Buck sich aus dem Hause, das er inzwischen umringt fand, nicht mehr von Polizei, vom Volk, zumeist Frauen. Sie drangen in den Garten, Dinkls berichtetenihnen, — und schon, von ihnen herbeigeholt, liefen Männer über die Wiese. Sie hatten, von der Arbeit weg, die Fabrik verlassen, sie wollten selbst sich überzeugen, ob der Heßling es wagte, den Balrich zu verhaften, ihren Balrich, ihren Führer, den, auf den sie hofften. Denn sie hofften wieder auf ihn allein. In Gruppen standen sie und sagten halblaut, als würden sie bewacht: „Er ist der Wahre. Er hat es immer gewußt, der Heßling mit seiner Gewinnbeteiligung werde uns nur hineinlegen. Jetzt hat er etwas vorgehabt, wozu verhaften sie ihn sonst.“

„Was wird er vorhaben.“ Herbesdörfer wühlte umher. „Den Streik, was sonst soll uns helfen. Er hat ihn nie gewollt. Will er ihn jetzt, dann weiß er das Seine, dann los!“

Sie teilten sich, die einen zogen nach der Fabrik, die Genossen zu holen. Andere, leis eingeweiht von den Frauen, kamen mit in das Haus, sie verteilten sich über Treppen und Gänge. Den Spitzel Jauner drängten mehrere in ein Gelaß und versprachen ihm für diesmal das Schlimmste, falls er sehe oder höre. Es währte lange, bis alle sich wiederfanden, vor dem Zimmer 101 im Haus B. In seinem alten Zimmer saß Balrich.

Er sah ihnen entgegen, die Hand auf seinem fichtenen Tisch, an einem Revolver.

„Ich kann hier nur Freunde gebrauchen,“ sagte er, die Brauen gefaltet. „Wenn andere mich hier finden, ich habe etwas zu viel für euch getan, mir bleibt nur der da.“

Hierauf, so wild sie waren, schwiegen sie, — bis einer sagte, es sei nun gleich, so stünd’ es um sie alle, sie seien die Seinen. Auf Gedeih und Verderb, sagte Herbesdörfer. Nicht einer mache flau, sagte Polster.

Da riet er ihnen: die Arbeit niederlegen und still sein. „Keine Gewalt — nur warten, bis er tut, was ihr wollt.“

„Tarif!“ verlangten sie. „Mindestlohn 28 Mark.“ Er riet ihnen:

„Keinen Tarif, aber fünfunddreißig . . . Das tut er nicht? Abwarten! Ich habe eine Sache mit seinem Sohn.“ Eindringlich fragte er umher.

„Ihr glaubt doch nicht, er läßt seinen Sohn im Stich. Wo nichts von ihm verlangt wird, als daß er euch nicht mehr betrügt und euer Blut saugt, da sollte er es ausschlagen, seinen Sohn zu retten? Wer glaubt das!“

Ein alter Arbeiter legte auf die Schulter eines jungen seine Hand und sagte: „Das glaubt keiner.“

„Das gibt es in der Welt nicht,“ sagte einer nach dem andern; — und einzeln und umsichtig brachen sie auf.

Ein Geräusch hinter dem Bett, Balrich faßte nach der Waffe; aber hervor kam das Bürschlein. Da lief Balrich hin und umarmte ihn. „Du gutes Bürschlein! Ohne dich wäre es nun schon aus mit mir.“ Aber er fühlte einen Widerstand. Der junge Reiche wollte dies nicht hören, er machte sich los.

„Danke mir nicht,“ sagte er zornig, mit Augen, groß und von Tränen schimmernd wie die eines Mädchens. „Nur nebenher und nicht gern habe ich mich aufgehalten bei den Arbeitern und bei dir. Ich lief zu einer Anderen —“

Er krümmte sich über den Bettpfosten.

„— und die war es nicht wert.“

Schluchzen, über dem Bettpfosten. Dann stellte er sich vor ihrem Bruder auf und fragte:

„Sie hat mich weggeschickt, kannst du es ihr verzeihn, der du mein Freund bist?“

„Du Bürschlein,“ sagte der Bruder mit Nachsicht. Der Siebenzehnjährige rang die Hände.

„Welch ein Unglück! So ist es denn möglich, daß ein Mädchen nicht fühlt, kein Mensch, in ihrem ganzen Leben kein Mensch werde so sehr sie lieben! Ich hätte es nie geglaubt. Für mich geht die Welt unter.“

Der Bruder umspannte seine gerungenen Hände. Es rang auch in ihm, er sagte gequält: „Laß sie!Du bist der Bessere. Ich liebe sie auch, aber wir sind nicht gut, wir lieben das Geld.“

Da schäumte der Liebende auf gegen ihn. „Das Geld? Das hatte ich, und sie wollte es nicht!“ Er zeigte den Schein her. „Nicht einmal den, — und welche würde den ausschlagen. Wir Reichen haben sie erzogen, daß sie Geld nehmen, warum beschimpfst du nun sie?“

Jetzt weinte der Bruder. Er legte dem Siebenzehnjährigen die Hand auf die Locken und murmelte: „Du Bürschlein.“ Jener warf die Arme zum Himmel.

„Wir würden geflohen sein und wären in der Welt nun allein. In der Menge der Menschen nicht einer wüßte um uns. Ich würde arbeiten, harte Arbeit, schmutzige Arbeit, ich würde arbeiten für sie, um jedes ihrer süßen Glieder zu bekleiden und ihrem süßen Mund die Nahrung zu bringen. Ich würde leben für ihre Küsse, — und wäre es nicht erlaubt, so selig zu leben, würde ich sterben in ihrem Kuß. Wir wären gestorben, besiegt und arm; aber so viel Leben, so unvergängliches Glück wäre ausgeströmt aus uns, daß unsere Dachkammer, lägen wir tot, noch strahlen sollte!“

Er war niedergesunken; vor dem Bett kniete er und sagte sein Herz der einen, die er sah. Balrich, hinter ihm, fragte mitleidig:

„Warum wollte sie dein Geld nicht?“

Der Knabe stand auf, er sah zu Boden. „Weil es gefährlich sei für mich. Weil ich es gestohlen habe, und ich solle es zurückgeben. Aber ich weiß —“

Feindlich richtete er sich auf. „Sie meinte: gefährlich für dich. Ich? Was kümmere ich sie! Einen Kuß hat sie mir gegeben — für dich. Aber du bekommst ihn nicht. Ich behalte ihn, damit ich nicht doch die Lust verliere, zu sterben.“

Heftig wandte er sich fort. Balrich zog ihn wieder herum. „Was sprichst du denn!“ Der Knabe machte einen Mund, bitter wie ein Greis.

„Du denkst wohl, das alles soll hingehen und vergebens sein? Eines Tages soll ich sie vergessen haben? Für wie schlecht und feige hältst du mich denn? Könntest etwa du selbst vergessen, was dein Ziel und Leben ist?“

Hierauf schwieg Balrich. Hans Buck streckte wild die Hand hin. „Sie will mich nicht, jetzt bin ich dein — bis an das Ende. Du sollst sehen, was ich kann.“

Er sah nach, ob niemand horchte.

„Du gehst nicht aus dem Zimmer, niemand wird dich finden, ich bürge dir. Ich führe sie auffalsche Fährten. Deine Leute sollen wieder so fest zusammenhalten wie damals, als sie das Geheimnis hatten und Heßling sich fürchtete.“

„Auch jetzt hat er etwas zu fürchten,“ sagte Balrich. Hans Buck schüttelte den Kopf. „Jetzt treibt er zum äußersten, er kann nicht anders. Alles treibt zum äußersten, auch du, auch ich. Nicht länger darf es ohne Gewalt gehen und ohne daß ich sterbe.“ Bleich und feierlich; — aber er faßte sich und sagte mit Beweglichkeit:

„Laß alles mir! Ich melde dir alles, was vorgeht. Durch mich befehligst du sie. Du sollst nur mich sehen. Ich bin der einzige, der überall durchkommt, und niemand bemerkt ihn.“

Er flüsterte, spähte, glitt aus der Tür.

Balrich hatte auf seinem Tisch die Bücher, er wollte arbeiten wie immer; aber ihm klopfte das Herz. Hierher hatte er sie geführt, auf Wegen, die an soviel Größerem enden sollten, unwissentlich nun doch hierher; und konnte bei ihnen nicht sein. Gewalt stiften — und dann zusehen, wie sie sich vollzog: eine Führerrolle. „Aber ich bin kein Führer; das war. Ich will nur noch dreinschlagen, es soll nur noch drunter und drüber gehn — zu welchem Ende? Zu keinem.“

Er versteckte sich hinter dem Vorhang des Fensters. „Die Pfennige, um die ihr kämpft, sind meineStrafe. Wie sehr habe ich einst euch geliebt, und das ist nun alles. Wie groß war meine Sendung, und nun die Pfennige.“

Er sah durch den Vorhang, sie kämpften schwer und täglich schwerer. Gegenüber am Hause C hing einer der Zettel, worauf die Verwaltung Stellung nahm zum Streik. Von weitem lesbar ein großes Wort: Erpressung. Arbeiter standen davor, die ersten Tage lachten sie. Vor der Fabrik hin und her gingen Streikposten; sie wurden verhaftet für das Verbrechen, die Arbeitswilligen aufzureizen. Sie mußten im Dunkeln werben, — indes auf offener Straße die Herren ihren Kriegsrat hielten, der Heßling und sein Freund v. Popp. Der Heßling und seine Leute gingen in die Arbeitervillen, dort wohnten jetzt die fremden Streikbrecher, — und brachten ihnen Geschenke. Laßt aber nur einmal zwei Streikende hingehen, das ist Hausfriedensbruch. Die Gerichte haben Arbeit, und hier denken sie: was du tun willst, tue gleich. Ein Arbeiter, vorbestraft, stiehlt eine Wurst, sie kostet anderthalb Jahre. Kleine Kohlenstücke, von den steifen Fingern der Frauen in ihre Schürze gelesen, sind ein halbes Jahr wert.

Grau schlichen drunten die Frauen, am gestreckten Arm Kinder nachschleppend mit hohlen Augen. Wenige Wochen erst, und nicht einer lachte mehrvon den Männern. Vor den Befehlen und Drohungen auf den Mauern spieen sie aus, aber mit einem Blick rundum nach dem Schutzmann. Hungere doch, und bleibe stark! Hungere, und behaupte dein Recht! Der Heßling auf seiner Villa Höhe tafelte mit v. Popp. Dabei verging ihm die Zeit, — und inzwischen ließ er in der Fabrik neue Maschinen aufstellen, Maschinen von einer Art, die man nicht kannte. In einem eigenen Gebäude, ganz hinten am letzten Hof standen sie, wie ein Geheimnis, eine neue Gefahr, über die man raunte, die noch mehr aufhetzt.

Als alle schon müde waren, erschien Napoleon Fischer und wollte vermitteln. Er riet ihnen, anzunehmen, was Heßling bot, dreißig Mark ohne Tarif. Es sei gerecht; die Partei lehne es ab, Streikgelder zu geben zugunsten gewissenloser Hetzer. Napoleon wisse, wen er meine. Wo sei der Mensch, wohin habe er sich verkrochen . . . Dies erfuhr er nicht, und er ward, zum erstenmal in seinem parlamentarischen Leben, von seinen Wählern fortgeprügelt. Das Bewußtsein nahm er mit, er habe gerecht gesprochen, — und heimlich wußten auch sie es. Dreißig Mark Mindestlohn, das war mehr als früher. Aber dazwischen lag jener Betrug der Gewinnbeteiligung, lagen Erbitterung, Gewalt und Hunger. Dazwischen lagmehr. Wir haben den Kopf erhoben einmal im Leben und haben geglaubt, nahe bevor, uns und den Kindern bevor stehe der Tag der Gerechtigkeit. Gezählt seien die Tage der Reichen. Wir wären, mit dem, was so lange sie uns kosteten, nun selbst bald reich, hätten in gelüfteten Sälen gemeinsam unser gutes Essen, und Maschinen, die uns gehörten, arbeiteten für uns. Wir haben geglaubt, es gebe das Glück, und es sei da. Dies büßet nun, Arme!

Karl Balrich, in seiner Brust das Abbild ihres gemeinsamen Herzens, fühlte: wir büßen mit Trotz, mit der Verzweiflung unseres Lebens, und will es Gott, mit unserem Untergang. Vom Feind umringt, stündlich enger bedrängt und zum Ausbruch bereit, zum Todeskampf, so leben wir. Die fremden Streikbrecher mit ihren Knütteln marschieren in Reihen und wollen uns überrennen. Frech höhnen sie uns für ihren Schandlohn, sie werfen alte Brotrinden nach unseren hungernden Frauen. Da, eines Abends stellt Polster, der Maschinenmeister, sich auf, bei dem Torweg, wo sie hindurch müssen. „Ihr Lumpenhunde!“ sagt er laut. Keinen hat er hinter sich als einige Frauen, die vor Schwäche an der Mauer lehnen, die Kinder in ihren Rockfalten. Was kommt ihn an, den ruhigen Mann? Er steht, die Fäuste geballt, undläßt sie heran, als sei es nichts und ihn schütze sein Recht. Gibt sich Halt, der gesetzte Mann, stemmt sich fest auf seine Beine, die mutig in diesem harten Leben standen. Ihm schlottern die Kleider seit diesen Wochen, die Wangen hängen ihm grau herab. „Ihr Lumpenhunde!“ Da prallen sie an ihn, entblößt wird sein kahler Kopf, seine Fäuste stoßen in sie hinein, sie werfen sich auf ihn, er verschwindet.


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