Chapter 4

„Fabelhaft“, sagte Maja ganz glücklich, daß sie so viel erfahren sollte.„Zu diesem Zweck“, erklärte Hannibal weiter, „braucht der Mensch seine beiden Flaschen. In die kleine steckt er einen Holzstab, aus der großen trinkt er. Je mehr er trinkt, um so besser geht es voran. Er schreibt natürlich über uns, alles was er weiß, und ist sehr eifrig, aber viel kommt nicht dabei heraus, denn der Mensch hat bisher über uns Insekten nur recht wenig in Erfahrung gebracht. Über unser Seelenleben weiß er fast nichts, und auf unser Herz und seine Ängste nimmt er nicht die kleinste Rücksicht. Sie werden hören.“„Denken Sie nicht gut vom Menschen?“ fragte Maja.„Doch, doch,“ antwortete der Weberknecht und schaute schräg vor sich nieder, „aber mit sieben Beinen wird man bitter.“„Ach so“, sagte Maja.„Eines Abends“, fuhr Hannibal fort, „war ich wie gewöhnlich in den Fensterwinkeln auf der Jagd, und der Mensch saß vor seinen beiden Flaschen und versuchte etwas zustande zu bringen. Ich ärgerte mich schon darüber, daß eine große Anzahl der kleinen Fliegen und Mücken, von deren Fang ich zu meinem Lebensunterhalt abhängig bin, sich auf die künstliche Sonne des Menschen gesetzt hatte und hineinglotzte, ungebildet, wie solche Tiere nun einmal sind.“„Na,“ meinte Maja, „ansehen würde ich mir so was schließlich auch mal.“„Ansehen, meinetwegen. Aber ansehen ist etwas ganz anderes wie glotzen. Schauen Sie sich doch einmal die Torheiten an, die dies Gesindel bei einer Lampe treibt. Daß sie zwanzigmal mit dem Kopf dagegenrennen, ist noch eine Kleinigkeit, manche tun es so lange, bis sie sich ihre Flügel verbrannt haben. Dabei glotzen sie ununterbrochen das Licht an.“„Die armen Tiere,“ meinte Maja, „offenbar können sie sich nicht mehr zurechtfinden.“„Dann bleiben sie besser in den Fensternischen oder unter den Blättern sitzen,“ sagte Hannibal, „dort sind sie vor der Lampe sicher und dort kann ich sie fangen. In jener verhängnisvollen Nacht nun sah ich von der Fensternische aus vereinzelte Mücken neben der Lampe in den letzten Zügen liegen. Ich beobachtete, daß dem Menschenscheinbar nichts daran gelegen war, und beschloß, sie mir zu holen. Ist etwas in der Welt begreiflicher?“„Nein“, sagte Maja.„Und doch, es wurde mein Unglück. Leise und vorsichtig kroch ich am Tischbein empor, bis ich über den Rand schauen konnte. Der Mensch erschien mir fürchterlich groß, und ich betrachtete, was er tat. Langsam setzte ich ein Bein vor das andere und näherte mich der Lampe. Solange ich Deckung hinter der Flasche hatte, ging alles gut, aber kaum trat ich hinter dem Glas hervor, als der Mensch auch schon aufblickte und nach mir griff. Er nahm eins meiner Beine zwischen seine Finger, hob mich daran empor bis dicht vor seine großen Augen und sagte: ‚Ei, sieh da!‘ Und dabei grinste dieser Grobian über das ganze Gesicht, als ob es sich um ein Vergnügen handelte.“Hannibal seufzte und die kleine Maja war ganz still. Endlich fragte sie mit heißem Kopf.„Hat der Mensch so große Augen?“„Denken Sie jetzt gefälligst an mich und an meine Lage“, rief Hannibal erregt. „Versuchen Sie, sich meinen Gemütszustand vorzustellen. Wer hängt gerne an einem Bein vor Augen, die etwa zwanzigmal so groß sind, wie sein eigener Körper? Jeder der Zähne, welcher aus dem Mund des Menschen weiß hervorblitzte, war doppelt so groß wie ich. Nun, was denken Sie?“„Schrecklich,“ sagte Maja, „also entsetzlich!“„Da riß gottlob mein Bein. Es ist nicht abzusehen,was alles geschehen wäre, wenn es gehalten hätte. Ich fiel und lief, so rasch mich meine übrigen Beine trugen, und versteckte mich hinter der Flasche, in deren Schutz ich die furchtbarsten Drohungen gegen den Menschen ausstieß. Deshalb verfolgte er mich weiter nicht. Ich sah, wie er mein Bein auf das weiße Papier legte und zusah, wie es fortlaufen wollte, was es aber ohne mich nicht kann.“„Bewegte es sich noch?“ fragte Maja erschrocken.„Ja,“ erklärte ihr Hannibal, „das tun unsere Beine immer, nachdem sie ausgerissen worden sind. Mein Bein lief, aber weil ich nicht dabei war, wußte es nicht wohin. So zappelte es nur planlos auf demselben Fleck herum, und der Mensch sah zu, faßte seine Nase an und lächelte dabei, herzlos wie er ist, über das Pflichtbewußtsein meines Beins.“„Das ist unmöglich,“ sagte die kleine Biene ganz eingeschüchtert, „ein abbes Bein kann nicht krabbeln.“„Was ist ein abbes Bein?“ fragte Hannibal.Maja sah ihn an. „Das ist ein Bein, das ab ist,“ erklärte sie, „bei uns zu Haus sagte man so.“„Ihre Ausdrücke aus der Kinderstube gewöhnen Sie sich im großen Leben und vor gebildeten Leuten besser ab“, forderte Hannibal mit Strenge. „Man sagt ein ausgerissenes Bein. Jedenfalls ist es wahr, daß unsere Beine noch lange zappeln, nachdem sie ausgerissen sind.“„Nein,“ sagte Maja, „das glaub’ ich nicht ohne Beweis.“„Meinen Sie, ich risse mir Ihretwegen ein Bein aus?“ fragte Hannibal böse. „Ich merke schon, daß man mit Ihnen nicht verkehren kann. So etwas hat mir noch niemand zugemutet, hören Sie.“Maja wurde ganz befangen, sie begriff nicht, weshalb der Weberknecht so verdrießlich wurde und wo ihre Schuld lag. Es ist gar nicht so leicht, mit fremden Leuten zu verkehren, dachte sie, sie denken anders und begreifen oft nicht, daß man es nicht böse meint. Sie wurde traurig und sah bekümmert auf die große Spinne mit ihren langen Beinen und ihrem grämlichen Gesichtsausdruck.„Eigentlich sollte man den Versuch machen, Sie zu fressen“, sagte da plötzlich der Weberknecht, der offenbar die Gutmütigkeit Majas für Schwäche gehalten hatte. Aber da geschah es der kleinen Biene ganz seltsam, ihre Trauer war plötzlich verflogen, und an Stelle von Schreck oder Furcht stieg ein ruhiger Mut in ihrem Herzen empor. Sie richtete sich ein wenig auf, und während sie ihr hohes helles Summen ausstieß, fast ohne zu wissen, daß sie es tat, sagte sie mit glänzenden Augen und hob ihre schönen durchsichtigen Flügel ein wenig:„Ich bin eine Biene, mein Herr.“„Pardon“, sagte Hannibal, drehte sich ohne Gruß um und lief den Stamm so rasch hinunter, wie man nur irgend mit sieben Beinen laufen kann.Maja mußte lachen, ob sie wollte oder nicht. Unten begann Hannibal laut zu schelten.„Sie haben einen schlechten Charakter,“ rief er aufgeregt, „Sie gehen mit Ihrem Stachel gegen Leute vor, die durch harte Schicksalsschläge daran behindert sind, sich in gewohnter Weise von der Stelle zu bewegen. Aber Ihre Stunde wird schlagen, und sobald Sie in Bedrängnisse geraten, werden Sie an mich denken und alles bereuen.“Er verschwand unter den Huflattichblättern am Boden. Die kleine Biene hatte nicht mehr alles verstanden, ihr war wohl zumut, zumal der Wind fast ganz nachgelassen hatte und der Tag schön zu werden versprach. Hoch am Himmel zogen weiße Wolken im tiefen Blau, sie sahen still und glücklich aus, wie gute Gedanken Gottes. Und heiß und unwiderstehlich überfiel die kleine Biene die Sehnsucht nach dem satten Schattengrund der Waldwiesen und nach den besonnten Hängen jenseits des großen Sees, dort mußte längst ein frohes Leben begonnen haben. Sie sah die schlanken Gräser schaukeln, und am Waldrand wuchsen in den schmalen Wassergräben hohe gelbe Schwertlilien. Von ihren Kelchen sah man hinüber in die geheimnisvolle Nacht des Tannenwaldes, aus dem es kühl und traurig wehte. Sie wußte, in seiner finstern Stille, die den Sonnenschein in ein rötliches Schlummerlicht verwandelte, lag das Heimatland der Märchen.Da flog sie schon durch die Luft. Es war ihr gar nicht recht zum Bewußtsein gekommen, daß sie aufgeflogen war. Die Waldwiesen und ihre Blumenhänge hatten sie gerufen. O du lieber Gott, dachte sie, wie herrlich ist es, zu leben.Zehntes KapitelDie Wunder der NachtSo verlebte die kleine Maja unter den Insekten die Tage und Wochen ihres jungen Lebens. Wohl vermißte sie bei ihrem Umhertreiben, bei allen Freuden und Gefahren, in der schönen sommerlichen Welt oft die Gefährten ihrer ersten Kindheit, und zuweilen überfiel sie ein schmerzvolles Heimweh nach dem verlassenen Königreich ihres Volkes. Auch kannte sie Stunden, in denen sie sich nach einer geordneten Tätigkeit sehnte, nach nützlicher Beschäftigung und nach Gesellschaft unter ihresgleichen. Aber sie hatte im Grunde eine ruhlose Natur, die kleine Maja, und sie würde sich wohl kaum schon dauernd in der Gemeinschaft der Bienen wohlgefühlt haben. Bei allen Tieren, wie auch unter den Menschen, kommt es vor, daß einzelne Charaktere sich nicht in die Gewohnheiten aller schicken können, und man muß vorsichtig sein und ernstlich prüfen, bevor man solch ein Wesen verurteilt. Denn es ist keineswegs immer nur Trägheit oder Eigensinn, sondern häufig verbirgt sich hinter solchem Drang eine tiefe Sehnsucht nach Höherem oder Besserem, als der Alltag zu bieten vermag, und aus jungen Durchgängern sind oft erfahrene und kluge Männer geworden oder verständige und gütige Frauen. Und die kleine Maja hatte im Grunde ein reines und empfängliches Herz, und ihre Stellung zur schönen weiten Welt, in der sie zumLeben erwacht war, war getragen von aufrichtiger Wißbegier und großer Freude an den Herrlichkeiten der Schöpfung.Aber selbst im Glück schöner Erlebnisse ist das Alleinsein schwer, und je erfahrener die kleine Maja wurde, um so häufiger sehnte sie sich nach Gemeinschaft und Liebe. Sie war nun keine ganz junge Biene mehr, sondern ein prächtiges, starkes Bienentier, begabt mit blanken, gesunden Flügeln, einem spitzen und gefährlichen Stachel und einem ausgebildeten Sinn für die Gefahren und Freuden ihres Lebens. Sie hatte Erfahrungen gemacht und Kenntnisse gesammelt und wünschte sich nun oft, sie auf rechte Art verwenden zu können. Vielleicht wäre sie eines Tages in den Stock zurückgekehrt, hätte sich der Königin zu Füßen geworfen und ihre Verzeihung erfleht, um wieder in Ehren aufgenommen zu werden. Aber ein brennendes Verlangen hielt sie davon zurück: sie wünschte sich, den Menschen kennenzulernen. Sie hatte so viel Widersprechendes über die Menschen gehört, daß sie eher verwirrter als klüger geworden war, und doch ahnte sie, daß es in der ganzen Schöpfung nichts Mächtigeres, Klügeres und Erhabeneres als den Menschen gäbe.Aus hoher Luft, aus weiter Entfernung hatte sie auf ihren Irrfahrten wohl zuweilen Menschen gesehen, schwarze, weiße und rote, auch solche, die vielfarbig und bunt bekleidet waren, kleine und große. Aber sie hatte sich niemals in die Nähe getraut. Einmal sah sie es rot am Bachschimmern, und da sie den Schein der Farbe für ein Blumenbeet hielt, war sie hinzugeflogen. Da fand sie einen Menschen mit goldenen Haaren und rosigem Angesicht. Er schlief in einem roten Kleid in den Blumen am Bach und sah trotz seiner furchtbaren Größe so gut und lieblich aus, daß ihr vor Entzücken Tränen in die Augen traten. Sie hatte alles um sich her vergessen und nur immer den schlummernden Menschen betrachten müssen. Was sie jemals an Bösem darüber gehört hatte, erschien ihr unmöglich, es war ihr, als müßte alles Schlechte Lüge gewesen sein, was man ihr jemals über solch liebliche Wesen berichtet hatte, wie dort eines im Schatten der flüsternden Birken schlief.Später kam eine Mücke zu ihr und grüßte.„Mein Gott,“ rief Maja, ganz heiß vor Erregung und Freude, „sehen Sie dort den Menschen, wie schön, wie gut. Begeistert es Sie nicht?“Die Mücke sah erst Maja sehr erstaunt an und drehte sich dann langsam nach dem Gegenstand ihrer Bewunderung um:„Ja,“ sagte sie, „er ist gut, gewiß, ich habe ihn eben angebohrt. Schauen Sie, mein Leib schimmert rot von seinem Blut.“Maja mußte ihrem Herzen mit der Hand zur Hilfe kommen, so sehr erschrak sie über die Kühnheit der Mücke.„Wird er sterben?“ rief sie. „Wo haben Sie ihn verletzt? Wie können Sie nur den erforderlichen Mut undzugleich eine so unwürdige Gesinnung aufbringen? Sie sind ja ein Raubtier!“Die Mücke lachte und antwortete mit ihrem hohen hellen Stimmchen sichtlich amüsiert:„Dies ist doch nur ein ganz kleiner Mensch. Diese Größe wird Mädchen genannt, sobald die Beine bis zur Hälfte von einem abstehenden farbigen Panzer bedeckt sind. Ich kann natürlich hindurchstechen, aber in der Regel erreicht man die Haut nicht. — Sie haben ja eine ganz fabelhafte Unkenntnis, glauben Sie denn, die Menschen seien gut? Ich habe niemals einen gefunden, der mir freiwillig auch nur das kleinste Tröpfchen Blut gegönnt hätte.“„Vom Menschen weiß ich allerdings noch nicht sehr viel“, sagte Maja kleinlaut.„Aber Sie geben sich doch von allen Insekten am meisten mit den Menschen ab, Sie lassen sich am weitesten mit ihnen ein, das ist doch bekannt.“„Ich habe das Königreich verlassen“, gestand Maja schüchtern. „Es gefiel mir nicht, ich wollte die Welt kennenlernen.“„I, da sieh einer an“, sagte die Mücke und trat einen Schritt näher. „Wie bekommt Ihnen denn Ihr Umhertreiben? Ich muß sagen, daß es mir gefällt, Sie so unabhängig zu sehen. Ich für mein Teil würde mich niemals entschließen, den Menschen zu dienen.“„Sie dienen auch uns“, sagte Maja, die es nicht ertragen konnte, daß man ihr Volk herabsetzte.„Mag sein,“ antwortete die Mücke, „zu welchem Volk gehören Sie?“„Ich stamme vom Volk der Bienen im Schloßpark. Die regierende Königin ist Helene die Achte.“„So, so,“ machte die Mücke und verbeugte sich, „das ist eine beneidenswerte Abstammung. Alle Achtung. Sie hatten kürzlich Revolution, nicht wahr? Ich hörte das durch die Kundschafter des Schwarms, der ausgebrochen war. Habe ich recht?“„Ja“, sagte Maja stolz. Es erfüllte sie mit Genugtuung und Freude, daß die Ihren so hohes Ansehen genossen und weit bekannt waren. Tief im Herzen wachte wieder das Heimweh nach ihrem Volke auf, sie wünschte sich, etwas Großes und Gutes für ihre Königin und zum Wohl ihres Staates tun zu können. Darüber vergaß sie nach dem Menschen zu fragen. Vielleicht fragte sie auch deshalb nicht mehr, weil sie von der Mücke nichts Gutes zu hören hoffte. Sie empfand die Kleine als frech und naseweis, und solche Leute wissen gewöhnlich über andere nur Schlechtes zu sagen.Die Mücke war damals auch bald weitergeflogen.„Ich nehme noch einen Schluck“, hatte sie gerufen. „Später werde ich mit den Gefährten in der Abendsonne fliegen, damit wir morgen gutes Wetter bekommen.“Maja hatte sich davongemacht, weil es ihr unmöglich war, mit anzusehen, wie die Mücke dem schlafenden Kind Böses zufügte. Sie wunderte sich, daß die Mücke nichtdaran zugrunde ging. Kassandra hatte ihr gesagt. „Wenn du einen Menschen stichst, mußt du sterben.“Maja erinnerte sich dieses Vorfalls noch sehr genau, aber ihr Verlangen danach, vom Menschen soviel als möglich kennenzulernen, war keinesfalls befriedigt, sie beschloß, kühner zu werden und keine Anstrengungen zu scheuen, um zu ihrem Ziel zu gelangen.Diese Wünsche Majas sollten sich auf wunderbare Art erfüllen und viel schöner, als sie es erwartet hatte. Die kleine Biene war an einem warmen Sommerabend früher als gewöhnlich zur Ruhe gegangen, und plötzlich erwachte sie mitten in der Nacht, das war ihr noch niemals geschehen. Ihr Erstaunen war unbeschreiblich, als sie die Augen öffnete und ihren kleinen Schlafraum über und über in ein stilles blaues Licht getaucht sah. Es sank vom Eingang nieder, dessen Öffnung wie unter einem silberblauen Vorhang strahlte. Sie wagte sich anfangs kaum zu rühren, aber sie fürchtete sich nicht, denn mit diesem Schein kam ein seltsam schöner Friede zu ihr hineingezogen. Und es klang etwas draußen in der Luft, was sie so fein und so voller Harmonie noch niemals vernommen hatte. Endlich trat sie schüchtern und ganz benommen vom Glanz dieser ungewöhnlichen Stunde an den Ausgang ihrer Baumhöhle und sah hinaus. Ihr war, als sei die ganze Welt durch ein Wunder verzaubert. Überall glitzerte undfunkeltees von reinstem Silber, tausend helle Perlen leuchteten matt und selig im Gras, das in der Ferne wie unter feinen Schleiern lag, die Stämme der Birken und die schlafenden Blätter waren mit Silber übermalt. Und alles umher, und in der stillen, seligen Weite, war in ein sanftes blaues Licht gehüllt.„Das ist die Nacht, das kann nur die Nacht sein“, flüsterte die kleine Maja und faltete die Hände.Am hohen Himmel, ein wenig verhüllt durch die Blätter eines Buchenastes, stand eine volle, klare Silberscheibe, von der das Licht niedersank, das die ganze Welt verschönte. Erst nun erkannte Maja, daß um den Mond her eine unzählige Menge heller harter Lichtlein am Himmel brannten, schöner und stiller als alles, was sie jemals an Glanz gesehen hatte. Sie wußte nicht, was sie tun sollte vor Glück, daß sie die Nacht, den Mond und die Sterne und ihre lieblichen Wunder erlebte. Sie hatte von alledem nur gehört und niemals recht daran geglaubt.Da vernahm sie wieder in ihrer Nähe ganz laut und weithin schallend den seltsamen Nachtgesang, der sie geweckt haben mußte. Es war ein schwingendes Zirpen in einem hellen Silberton, fast hätte man glauben können, daß das Licht vom Mond im Niederrieseln dies Klingen mit sich brachte. Sie schaute sich um und suchte nach der Ursache, aber im heimlichen Widerspiel von Licht und Schatten war es sehr schwer, etwas deutlich zu erkennen; alles war geheimnisvoll verhüllt und doch so wahr und heldenhaft schön.Es hielt die kleine Maja nicht länger in ihrem Versteck, sie mußte hinaus in diese neue Pracht der Welt. Der liebe Gott wird mich behüten, dachte sie, ich habe ja nichts Böses vor.Eben wollte sie davonfliegen, um in das blaue Licht über der Wiese zu kommen, auf die der volle Mond schien, als sie dicht in ihrer Nähe auf einem Buchenblatt ein kleines geflügeltes Tier ankommen sah, das sie noch niemals gesehen hatte. Und unmittelbar nachdem es angelangt war, richtete es sich auf gegen den Mond, hob den einen schmalen Flügel ein wenig und zog dann mit raschen Strichen sein Beinchen am Rand des Flügels auf und nieder. Es sah aus, als geigte es auf einer versteckten Geige, und richtig entstand jener zirpende Silberton, der die ganze Mondnacht füllte.„Entzückend,“ flüsterte Maja, „nein, so was ist einfach himmlisch.“Sie flog rasch hinüber. Die Sommernacht war lau und milde, so daß die kleine Biene nicht spürte, daß es kühler als am Tage war. Als sie auf dem Blatt bei der Fremden anlangte, brach diese jählings ihr Spiel ab, es schien Maja, als sei es noch nie so still gewesen wie nun. Es war gradezu unheimlich. Durch die dunklen Blätter rieselte das weiße, kühle Licht.„Gute Nacht“, sagte die kleine Maja sehr höflich, denn sie dachte, man müßte ebenso in der Nacht grüßen, wie man es am Tage tut, und sie fügte rasch hinzu. „EntschuldigenSie, bitte, daß ich störe, aber Ihr Spiel hat etwas so Anziehendes, wenn man es hört, muß man dem Klang nachgehen.“Die Fremde schaute Maja mit großen Augen an:„Was sind denn Sie für ein Krabbeltier?“ fragte sie endlich. „So was hab ich noch nie gesehen.“„Ich bin durchaus kein Krabbeltier,“ sagte die Biene ernst, „ich bin Maja vom Volk der Bienen.“„Ach, vom Volk der Bienen, so, so ...“, sagte die Fremde. „Sie leben am Tage, nicht wahr? Ich habe durch den Igel von Ihrem Geschlecht gehört. Er erzählte mir, daß er am Abend die Toten fräße, die aus Ihrem Stock geworfen werden.“„Ja,“ sagte Maja mit leisem Bangen, „das ist wahr, Kassandra hat mir davon erzählt, der Igel kommt in der Abenddämmerung, er schmatzt und sucht die Toten. Die Wächter haben es erzählt. Aber verkehren Sie denn mit dem Igel? Der Igel ist doch ein gradezu fürchterliches Untier.“„Das finde ich nicht“, sagte die Fremde. „Wir Nachtgrillen stehen uns eigentlich ganz gut mit ihm. Natürlich, er versucht es immer wieder, uns zu greifen, aber es gelingt ihm nie. So necken wir ihn oft und treiben unser Spiel mit ihm. Wir nennen ihn Onkel. Leben muß schließlich jeder, nicht wahr? Und solange einer nicht von mir lebt, kann es mir ja gleichgültig sein.“Maja schüttelte das Köpfchen, sie dachte anders darüber,sie aber wollte die Fremde nicht durch Widerspruch verletzen. So fragte sie freundlich:„Sie sind also eine Grille?“„Ja, eine Nachtgrille. Aber Sie dürfen mich nicht länger stören, ich muß spielen. Es ist Vollmond, und die Nacht ist wundervoll.“„Ach, machen Sie eine Ausnahme,“ bat Maja, „erzählen Sie mir von der Nacht.“„Die Sommernacht ist das Schönste in der Welt,“ antwortete die Grille, „sie füllt das Herz mit Seligkeit. Was Sie nicht aus meinem Spiel hören, werde ich Ihnen auch nicht erklären können. Warum muß man immer alles wissen? Wir armen Wesen wissen vom Dasein nur ein kleines Teil, aber fühlen können wir die ganze Herrlichkeit der Welt.“Und sie begann ihr helles, jubelndes Silberspiel, es klang laut und übermächtig, wenn man es so nah hörte, wie Maja saß. Und die kleine Biene saß ganz still in der blauen Sommernacht und hörte zu und dachte sehr tief über das Leben nach.Da wurde es neben ihr still. Es klirrte leise, und sie sah die Grille in den Mondschein hinausfliegen.Die Nacht macht so traurig, dachte die kleine Maja.Sie wollte nun hinunter auf die Blumenwiese. Am Bachrand standen Wasserlilien, sie spiegelten sich in der raschen Flut, die den Mondschein mit sich trug. Es war herrlich anzuschauen. Das Wasser flüsterte und blinkteund die geneigten Lilien schienen zu schlafen. Sie sind eingeschlafen vor lauter Glück, dachte die kleine Biene. Sie ließ sich auf einem weißen Blumenblatt, mitten im Mondschein nieder und konnte den Blick nicht von dem lebendigen Wasser des Baches wenden, das in zitternden Funken aufblitzte und wieder erlosch. Drüben am Ufer schimmerten Birken, und es sah aus, als hingen die Sterne darin.Wohin fließt nur all dies Wasser, dachte sie. Die Grille hat recht, wir wissen so wenig von der Welt.Da hörte sie dicht neben sich im Kelch einer Lilie ein feines singendes Stimmchen, so rein und glockenhell, wie sie noch niemals einen irdischen Klang vernommen hatte; ihr Herz begann laut zu klopfen, und ihr Atem stockte.O, was wird geschehen, dachte sie, was werde ich zu sehen bekommen.Die Lilie schwankte leicht, dann sah sie, daß eines der Blätter sich am Rande ein wenig nach innen bog und sie erblickte eine ganz kleine, schneeweiße Menschenhand, die sich mit winzigen Fingerchen daran festhielt. Dann tauchte ein blondes Köpfchen auf und ein lichtes, zartes Körperchen in einem weißen Kleid. Es war ein ganz kleiner Mensch, der aus der Lilie emporkam.Den Schreck und das Entzücken der kleinen Maja kann niemand schildern. Sie saß wie erstarrt da und konnte ihre Augen nicht von dem Anblick wenden, der sich ihr darbot.Das winzige Menschenwesen erklomm den Rand der Blüte, hob die Ärmchen gegen das Mondlicht und sah mit einem seligen Lächeln in die helle Nacht der Menschenerde. Dann kam ein leises Zittern in das durchscheinende Körperchen, und plötzlich entfalteten sich von den Schultern herab zwei helle Flügel, weißer als das Mondlicht und so rein wie Schnee. Sie überragten das blonde Haupt und sanken bis an die Füße nieder. Nie, nie hat die kleine Maja in ihrem Leben wieder etwas so Liebliches gesehen. Und während das lichte kleine Menschlein so dastand und seine Hände gegen den Himmel reckte, erhob es seine Stimme wieder, und Maja verstand das Lied, das in die Nacht hinausklang:Meine Heimat ist das Licht.Heller Himmel meine Freude.Tod und Leben wechseln beide,aber meine Seele nicht.Meine Seele ist der Hauch,der aus aller Schönheit bricht,wie aus Gottes Angesicht,so aus seiner Schöpfung auch.Die kleine Maja überkam ein heftiges Schluchzen, sie konnte sich nicht erklären, was sie so traurig machte und sie gleichzeitig so beglückte.Da wandte sich das kleine Menschenwesen nach ihr um:„Wer weint denn da?“ fragte es mit seiner klaren Stimme.„Ach, das bin nur ich“, stammelte Maja. „Entschuldigen Sie, daß ich gestört habe.“„Warum weinst du denn?“„Ich weiß es nicht,“ sagte Maja, „vielleicht nur, weil Sie so schön sind. Wer sind Sie, ach sagen Sie es mir, wenn ich nicht zuviel verlange. Sie sind sicher ein Engel.“„O nein,“ sagte das kleine Wesen und blieb ganz ernst, „ich bin nur ein Blumenelf. Aber du kannst ruhig du zu mir sagen. Was machst denn du kleine Biene in der Nacht draußen auf der Wiese?“Der Elf flog zu Maja hinüber, setzte sich auf ein gebogenes Lilienblatt, das ihn sanft schaukelte und betrachtete die kleine Biene ernst und freundlich. Und während Maja ihm erzählte, alles was sie wußte und wollte und was sie getan hatte, sahen immer die großen dunklen Augen aus dem weißen Elfengesicht sie an, unter dem goldenen Haar hervor, das im Mond zuweilen wie Silber glänzte.Der Blumenelf strich Maja über das Köpfchen, als sie ihre Geschichte erzählt hatte und sah sie so innig und liebevoll an, daß die kleine Biene vor Glück die Blicke senken mußte. Und dann erzählte er ihr:„Wir Elfen leben sieben Nächte, aber wir müssen in der Blume bleiben, in der wir geboren sind. Wenn wir die Blume verlassen, so müssen wir im Morgenrot sterben.“Maja riß vor Angst und Schrecken die Augen weit auf.„O rasch, rasch, flieg in deine Blume zurück!“ rief sie.Der Elf schüttelte traurig den Kopf.„Nun ist es zu spät,“ sagte er, „aber höre weiter. Die meisten Elfen verlassen ihre Blumen, denn es verbindet sich ein großes Glück damit. Wer seine Blume verläßt und so einen frühen Tod erleidet, der hat zuvor eine wunderbare Macht. Er kann dem ersten Wesen, das ihm begegnet, seinen liebsten Wunsch erfüllen. Wenn er ernstlich den Willen hat, die Blume zu verlassen, um andere zu beglücken, so wachsen ihm zugleich seine Flügel.“„Ach, wie herrlich,“ rief Maja, „da würde ich auch die Blume verlassen. Das muß wunderschön sein, den liebsten Wunsch eines anderen zu erfüllen.“ Die kleine Biene dachte gar nicht daran, daß sie das erste Wesen war, dem der Elf auf seinem Flug aus der Blume begegnet war.„Und dann,“ fragte sie, „mußt du dann sterben?“Der Elf nickte, aber diesmal gar nicht traurig.„Wir sehen noch das Morgenrot,“ sagte er, „aber wenn der Tau fällt, dann zieht es uns zu den feinen Schleiern hinüber, die über dem Gras der Wiesen schweben. Hast du nicht oft gesehen, daß diese Schleier ganz weiß leuchten, als wäre Licht darin? Das sind die Elfen, ihre Flügel und ihre Kleider. Und mit dem heraufsteigenden Licht verwandeln wir uns in Tautropfen. Die Pflanzen trinken uns und nehmen uns in ihr Blühen und Wachsen auf, bis wir nach Zeiten wieder als Elfen aus ihren Blumenkelchen steigen.“„So warst du früher schon einmal ein anderer Elf?“ fragte Maja in atemloser Spannung.Die ernsten Augen nickten ihr zu:„Ja, aber ich habe es vergessen. Wir vergessen alles in unserm Blumenschlaf.“„O, dein Los ist lieblich“, rief die kleine Maja.„Es ist das Los aller Erdenwesen,“ sagte der Elf, „wenn man es weit und groß betrachtet. Auch wenn es nicht immer Blumen sind, in denen sie aus ihrem Todesschlaf erwachen. Aber davon wollen wir heute nicht sprechen.“„O, ich bin glücklich“, rief Maja.„So hast du keinen Wunsch?“ fragte der Elf. „Weißt du denn nicht, daß du das erste Wesen bist, das mir begegnet und daß ich deinen liebsten Wunsch erfüllen soll?“„Ich?“ rief Maja, „aber ich bin doch nur eine Biene. Nein, das ist zuviel Freude für mich, ich habe nicht verdient, daß man so gut gegen mich ist.“„Niemand verdient das Gute und Schöne,“ sagte der Elf, „es kommt zu uns wie der Sonnenschein.“Majas Herz klopfte stürmisch. O, sie hatte seit lange einen heißen Wunsch, aber sie wagte es nicht, ihn vorzubringen. Aber der Elf schien es zu ahnen, denn er lächelte so, daß man ihm nichts verschweigen konnte.„Nun?“ fragte er und strich sich das goldene Haar aus der reinen Stirn.„Ich möchte die Menschen kennenlernen, wie sie am schönsten sind“, sagte die kleine Biene heiß und rasch und fürchtete, sie würde hören, daß man einen so großen Wunsch nicht erfüllen könnte.Aber der Elf erhob sich ernst und ruhig, und seine Augen bekamen einen Glanz von Zuversicht, er nahm die zitternde Hand der kleinen Maja und sagte:„Komm, wir fliegen zusammen, dein Wunsch soll in Erfüllung gehen.“Elftes KapitelDie ElfenfahrtSo flogen der Blumenelf und die kleine Maja durch die Sommernacht dicht über den blühenden Blumen dahin. Als sie über den Bach kamen, blinkte das weiße Spiegelbild des Elfen im Wasser auf, als zöge ein Stern hindurch.Mit wieviel Beglücktheit vertraute die kleine Biene sich diesem holden Wesen an! Sie hätte gar zu gern eine Menge wichtiger Fragen gestellt, aber sie wagte es nicht. Der Elf würde es schon gut hinausführen, das fühlte sie zuversichtlich.Als sie miteinander durch eine hohe Pappelallee flogen, surrte es über ihnen, und ein dunkler Schmetterling, groß und stark wie ein Vogel, kreuzte ihren Weg. Der Blumenelf rief ihn an:„Warte einen Augenblick, ich bitte dich!“ rief er.Maja war sehr erstaunt, wie bereitwillig der dunkle Falter dem Ruf gehorchte. Sie ließen sich auf einem Astder hohen Pappel nieder. Neben ihnen flüsterte das bewegliche Laub im Mond, und man sah weit in die stille, beschienene Nachtlandschaft. Der Falter saß Maja grade gegenüber mitten im Mondlicht. Er hob seine ausgebreiteten Flügel langsam und senkte sie wieder sanft, als wollte er jemandem Kühlung zufächeln. Maja sah, daß quer über die Flügel breite Streifen liefen von einem hellen, herrlichen Blau. Sein schwarzer Kopf war wie mit dunklem Samt gedeckt, und sein Gesicht, darin ein schwarzes Augenpaar glühte, sah aus, als trüge er eine seltsam geheimnisvolle Maske. Wie wunderbar waren die Tiere der Nacht. Maja fröstelte ein wenig, ihr war zumut, als träumte sie den sonderbarsten Traum ihres Lebens.„Sie sind sehr schön,“ sagte sie zu dem Fremden, „also wirklich ...“ Ihr war ganz feierlich zu Sinn.„Wen hast du denn da bei dir?“ fragte der Nachtfalter den Elf.„Es ist eine Biene“, antwortete der Elf. „Ich bin ihr begegnet, als ich den Blumenkelch verließ.“Der Falter schien zu wissen, was sich damit verband, denn er sah Maja beinahe ein wenig neidisch an und nickte ihr ernst und gedankenvoll zu.„Sie Glückliche“, sagte er dann leise.„Sind denn Sie vielleicht traurig?“ fragte Maja herzlich.Der Falter schüttelte den Kopf.„Nein, das nicht“, sagte er freundlich und dankbar undsah Maja so lieb an, daß sie gern gleich Freundschaft mit ihm geschlossen hätte. Aber dazu war er zu groß.Nun fragte der Blumenelf den Falter, ob die Fledermaus schon zur Ruhe gegangen sei.„O ja,“ antwortete der Falter, „schon längst. Du meinst wohl wegen deiner Begleiterin?“ fügte er hinzu.Der Elf nickte, und Maja hätte gern gewußt, was eine Fledermaus ist, aber der Elf schien es eilig zu haben. In holder Ruhlosigkeit warf er sein schimmerndes Haar zurück. „Eine Nacht ist so kurz,“ sagte er, „komm, Maja, wir müssen eilen.“„Soll ich dich ein Stückchen tragen?“ fragte der Nachtfalter.Der Elf dankte. „Ein andermal!“ rief er.So wird es nie mehr sein, dachte die kleine Biene, als sie weiterflogen, denn im Morgenrot muß der Blumenelf sterben.Der Nachtfalter blieb noch sitzen und sah den beiden nach, bis der Schein des Elfenkleides immer kleiner und kleiner wurde und endlich ganz in den Tiefen der blauen Ferne versank. Dann drehte er sich langsam auf seinem Blatt etwas herum, wandte den Kopf und betrachtete seine großen dunklen Flügel mit den breiten blauen Bändern darauf. Er wurde dabei sehr nachdenklich.Ich habe so oft gehört, sann er, daß ich grau und häßlich bin und daß mein Kleid den prächtigen Gewändern der Tagesfalter nicht zu vergleichen wäre. Die kleineBiene hat an mir nur das gesehen, was schön ist. — Und dann dachte er darüber nach, ob er nicht vielleicht doch traurig sei, Maja hatte ihn danach gefragt. „Nein,“ sagte er endlich, „ich bin es jetzt nicht mehr, so viel ist sicher.“ —Indessen flogen Maja und der Blumenelf durch das dichte Gebüsch eines Gartens. Das war eine Pracht im gedämpften Mondglanz, wie kein irdischer Mund sie nennen kann. Ein betörend süßer Hauch von Taukühle und schlummernden Blumen verzauberte alles zu unaussprechlichen Wohltaten der Natur. Die lila Trauben der Akazien funkelten vor Frische, und der Junirosenbusch sah wie ein kleiner blühender Himmel voller roter Lampen aus. Bleich und traurig glommen die weißen Sterne des Jasmin, sie strömten einen Duft aus, als wollten sie noch in dieser Stunde alles verschenken, was ihr eigen war. Maja wurde ganz verwirrt und preßte die Hand des Elfen, dessen Augen verklärt und selig schimmerten.„Wer hätte das gedacht,“ sagte die kleine Maja, „nein, wer hätte das für möglich gehalten.“ Aber da erblickte sie etwas, das sie von Herzen traurig stimmte.„O,“ rief sie, „sieh, ein Stern ist gefallen! Nun irrt er umher und kann seinen Platz am Himmel nicht wiederfinden.“„Es ist ein Glühkäferchen“, sagte der Blumenelf ernst.Da merkte Maja trotz ihres Erstaunens zum erstenmal, warum ihr der Elf so liebevoll erschien. Er lachte niemals über ihre Unkenntnis, sondern er half ihren armen Gedanken, wenn sie sich nicht zurechtfinden konnten.„Es sind seltsame Tierchen“, fuhr der Elf fort. „Sie tragen ihr eigenes Licht durch die laue Nacht umher, so beleben sie das Dunkel unter den Kuppeln der Büsche, wohin der Mond nicht dringt und finden einander leicht. Später sollst du einen kennenlernen, wenn wir zu den Menschen kommen.“Maja wollte wissen weshalb.„Gleich wirst du es sehen“, sagte der Blumenelf.Sie waren inzwischen an einer Laube angekommen, die über und über von Jasmin und Gaisblatt bewachsen war. Sie ließen sich dicht am Boden nieder, ganz in der Nähe der Laube, aus der ein leises Flüstern klang. Der Blumenelf winkte einem Glühkäferchen. „Sei so gut,“ bat er den Kleinen, „leuchte ein wenig, wir müssen hier durch die dunklen Blätter hindurch, um in das Innere der Jasminlaube zu dringen.“„Aber dein Schein ist ja viel heller als meiner“, sagte der Glühkäfer.„Das finde ich auch“, meinte Maja, eigentlich nur um ihre Erregung zu verbergen.„Ich muß mich in ein Blatt einhüllen,“ erklärte der Elf, „sonst sehen die Menschen mich und sie würden erschrecken. Wir Elfen erscheinen den Menschen nur in ihren Träumen.“„Das ist etwas anderes“, sagte der Glühkäfer. „Mach gütigst Gebrauch von mir. Ich werde tun, was ich kann. Wird das große Tier, das du bei dir hast, mir nichts zu leide tun?“Der Elf schüttelte den Kopf, und der Glühkäfer glaubte ihm gleich.Nun nahm der Blumenelf ein Blatt und wickelte sich sorgfältig hinein, so daß sein weißes Kleid nirgends durchschimmerte. Dann pflückte er eine kleine blaue Glockenblume, die er im Gras fand, und setzte sie wie einen Helm auf sein leuchtendes Haar. Nun war nur sein weißes Gesicht zu sehen, das so klein war, daß sicher niemand es entdeckt hätte. Er bat den Glühkäfer, sich auf seine Schulter zu setzen und sein Lämpchen an der einen Seite mit dem Flügel ein wenig abzudämpfen, damit es die Augen nicht blendete. Dann nahm er Majas Hand und sagte:„Nun komm. Am besten klettern wir hier empor.“Die kleine Maja dachte an das, was der Elf vorhin erzählt hatte, und fragte, während sie in den Ranken aufwärtsstiegen:„Träumen die Menschen, wenn sie schlafen?“„Nicht nur dann,“ sagte der Elf, „sondern sie träumen zuweilen auch, wenn sie wachen. Dann sitzen sie da, etwas in sich zusammengesunken, ihr Kopf neigt sich ein wenig, und ihre Augen suchen in der Ferne, als ob sie bis in den Himmel schauen möchten. Immer sind ihre Träume schöner als das Leben, deshalb erscheinen wir ihnen darin.“Aber da legte der Elf rasch das winzige Fingerchen auf seine Lippen, bog einen keinen blühenden Jasminzweig zur Seite und schob dann Maja ein wenig vor.„Sieh nun hinab,“ sagte er leise, „dort findest du, was du dir gewünscht hast.“Da sah die kleine Biene im Mondschatten auf einer Bank zwei Menschen sitzen. Es waren ein Mädchen und ein Jüngling. Sie hatte ihren Kopf an seine Schulter gelehnt, und sein Arm hielt sie umschlungen, als ob er sie schützen wollte. Sie saßen ganz still da und schauten mit großen Augen in die Nacht. Es war so ruhig, als wären sie beide eingeschlafen, nur in der Ferne hörte man die Grillen und langsam, langsam wanderte das Mondlicht in den Blättern.Die kleine Maja sah voll Entzücken in das Gesicht des Mädchens. Obgleich es bleich und traurig erschien, lag doch ein Schimmer von großem Glück darüber, der wie ein heimliches Leuchten war. Über den großen Augen ruhte goldenes Haar, wie auch der Elf es hatte, und auf dem Haar lag der Himmelsschein der Sommernacht. Von ihren roten Lippen, die ein klein wenig geöffnet waren, ging ein Hauch von Wehmut und Seligkeit, als ob sie alles, was ihr eigen war, zum Glück des Mannes dahingeben wollte der an ihrer Seite saß. Und nun wandte sie sich ihm zu und zog sein Haupt zu sich nieder und sagte etwas, das ein Lächeln in sein Gesicht zauberte, wie Maja nie geglaubt hatte, daß ein Wesen der Erde lächeln könnte. In seinen Augen strahlten ein Glück und eine Kraft, als ob die ganze, große Erde sein Eigentum wäre und als wären Leid und Ungemach für immer aus der Welt verbannt.Es verlangte Maja nicht danach zu wissen, was er dem Mädchen antwortete. Ihr Herz zitterte, als sei die Seligkeit, die von den Menschen unter ihr ausging, auch ihr Eigentum. „Nun habe ich das Herrlichste gesehen,“ flüsterte sie bebend, „was meine Augen jemals schauen werden. Ich weiß nun, daß die Menschen am schönsten sind, wenn sie einander liebhaben.“Sie wußte nicht, wie lange sie so still und in Schaun versunken hinter den Blättern gesessen hatte. Als sie sich umwandte, war der Schein des Glühkäfers erloschen, und der Elf war fort.Da erblickte sie durch den Ausgang der Laube fern über der Landschaft einen schmalen, roten Lichtstreif am Horizont.Zwölftes KapitelDer Dichter Alois SiebenpunktDie Sonne war schon hoch über die Kronen der Buchen emporgestiegen, als Maja am anderen Morgen in ihrer Waldburg erwachte. Anfangs glaubte sie, das ganze Erlebnis der letzten Nacht sei ein schöner Traum gewesen, aber dann entsann sie sich, daß sie in der kühlen Morgendämmerung in ihrer Behausung angelangt war, und nun war es fast schon Mittag. Nein, es war Wirklichkeit gewesen, sie hatte die Nacht mit dem Elfen verbracht unddie Menschen gesehen, die sich in der Jasminlaube im Mondschein umschlungen gehalten hatten.Draußen brannte die Sonne heiß auf den Blättern, es zog ein warmer Wind, und sie hörte die vielerlei Stimmen der Insekten. Ach, was wußten die anderen, und was wußte sie! Sie war so stolz auf ihr Erlebnis, daß sie gar nicht rasch genug hinauskommen konnte, sie meinte, alle müßten es ihr ansehen, was ihr geschehen war.Aber draußen in der Sonne nahm alles den gewohnten Gang. Nichts war verändert, und nichts erinnerte an die blaue Nacht. Die Insekten kamen, grüßten und zogen, drüben auf der Wiese war über den hohen bunten Sommerblumen, im Flimmern der heißen Luft, ein großer Verkehr. Maja ward plötzlich ganz traurig zumut. Sie fühlte, daß es niemand in der Welt gab, der an ihrem Glück oder an ihrer Betrübnis teilnahm. Sie konnte sich nicht entschließen, zu den anderen hinüberzufliegen. Ich will in den Wald, dachte sie, der Wald ist ernst und feierlich, er paßt zu dem Zustand, in welchem mein Herz sich befindet.Wieviel Geheimnisvolles und wie viele Wunder das Waldesdunkel birgt, ahnt wohl niemand, der rasch und gedankenlos auf den gebahnten Wegen dahingeht. Dazu muß man die Zweige der Büsche auseinandergebogen haben, oder seine Blicke zwischen den Brombeerranken hindurch in die hohen Gräser und über das dichte Moos schweifen lassen. Unter schattigen Blättern der Pflanzen, in Erdlöchern und Baumhöhlen, zwischen den morschenRinden verwitterter Holzstümpfe und im krausen Schlingwerk der Wurzeln, die sich wie Schlangenleiber über den Erdboden dahinwinden, ist Tag und Nacht ein reges und vielgestaltiges Leben, voller Freuden und Gefahren, voller Kampf und Leid und Vergnügen.Die kleine Maja ahnte von alledem nur wenig, als sie zwischen den braunen Stämmen und dem grünen Blätterdach dahinflog. Sie erkannte unter sich im Gras eine schmale Spur, die als ein deutlicher Weg durch Dickicht und Lichtungen führte. Zuweilen schien es ihr, als verschwände die Sonne hinter Wolken, so tief wurden die Schatten unter den hohen Kronen und im dichten Buschwerk; dann wieder flog sie in lauter goldgrünem Glänzen dahin, unter sich die breitblätterigen kleinen Wälder der Waldfarren und blühende Brombeerranken.Endlich öffnete der Wald seine überdachten Säulentore, und vor Majas Blicken lag ein weites Kornfeld in der goldenen Sonne. In den Ähren leuchteten Kornblumen und Mohn. Die kleine Biene ließ sich in den Zweigen einer Birke nieder, die am Rand des Feldes stand, und betrachtete entzückt das goldene Meer, das sich im Frieden des stillen Tags vor ihr ausbreitete. Es erschien ihr unabsehbar weit, und es gingen sanfte Wogen darüber hin; das tat der schüchterne Sommerwind, der so liebreich wehte, um nirgends die Ruhe der schönen Welt zu stören.Ein paar kleine braune Schmetterlinge spielten unter der Birke über dem Korn ‚Von Mohn zu Mohn‘. Das istunter jungen Schmetterlingen ein sehr beliebtes Gesellschaftsspiel. Jeder Schmetterling setzt sich auf eine Blume, und es muß ein Spieler mehr da sein, als Blumen in der Nähe stehen. Dieser eine sitzt in der Mitte des Kreises und ruft. Wenn sein Ruf erklingt, müssen alle auffliegen und die Blumen wechseln. Wer zu spät kommt und keine Blume mehr findet, wird in die Mitte geschickt und muß abrufen. Das war sehr unterhaltend.Maja sah eine Weile zu, es machte ihr viel Vergnügen. Das könnte man auch die kleinen Bienen im Stock lehren, dachte sie, da nennen wir es dann ‚Von Zelle zu Zelle‘. Aber Kassandra wird wahrscheinlich zu streng sein.Die kleine Maja wurde plötzlich traurig gestimmt, das kam sicher durch ihre Erinnerung an die Heimat. Als sie darüber nachdenken wollte, sagte neben ihr jemand:„Guten Morgen. Sie sind eine Bestie, wie mir scheint.“Die kleine Maja erschrak sehr und drehte sich rasch um.„Nein,“ sagte sie, „bestimmt nicht!“Neben ihr saß eine kleine braune Halbkugel mit sieben schwarzen Punkten darauf. Unter dieser rotbraunen Kuppel, die übrigens prächtig glänzte, sah man ein winziges schwarzes Köpfchen, in dem zwei helle Äuglein funkelten, und nun erkannte Maja auch die dünnen Beinchen, die, fein wie Fäden, unter der punktierten Kuppel hervorschauten und sie so gut trugen als sie eben konnten. Dieser kleine Dicke war es, der Maja angerufen hatte. Trotzseiner seltsamen Gestalt gefiel er der Biene ausgezeichnet, er hatte etwas gradezu Anmutiges.„Wer sind Sie nur?“ fragte sie, „ich selbst bin Maja, vom Volk der Bienen.“„Wollen Sie mich beleidigen?“ fragte der Kleine. „Dazu liegt kein Grund vor, das merken Sie sich.“„Aber wie sollte ich dazu kommen?“ fragte die kleine Maja ganz erschrocken, „ich kenne Sie in der Tat nicht.“„Das kann jeder sagen“, meinte der Dicke. „Nun, ich will Ihrem Gedächtnis nachhelfen. Zählen Sie.“ Und der Kleine begann sich langsam umzudrehn.„Soll ich Ihre Punkte zählen?“„Ja, bitte schön“, sagte der Käfer.„Es sind sieben Punkte“, sagte Maja.„Nun?“ fragte der Käfer, „also? Sie wissen es immer noch nicht? So will ich es Ihnen sagen. Ich heiße genau so, wie sich nachzählen läßt. Ich gehöre zur Familie der Siebenpunkte, heiße Alois und bin meines Zeichens Dichter. Die Menschen nennen mich auch Marienkäfer. Das ist ihre Sache. Aber das wissen Sie ja jedenfalls.“Maja wagte nicht nein zu sagen, denn sie fürchtete Alois zu kränken.„O,“ sagte Alois, „ich lebe vom Sonnenschein, vom Frieden des Tages und von der Liebe der Menschen.“„Aber essen Sie denn nichts?“ fragte Maja überrascht.„Doch, Blattläuse. Sie nicht?“„Nein,“ sagte Maja, „das ist doch ...“„Was ist es denn? Wie?“„Es ist nicht üblich“, sagte Maja schüchtern.„Natürlich!“ rief Alois und versuchte die eine Schulter hochzuziehen, was ihm aber wegen seiner festen Kuppel nicht gelang, „Sie tun als Bürgerliche selbstverständlich nur das, was üblich ist. Damit kämen wir Dichter nicht weit. Haben Sie Zeit?“„Doch,“ sagte Maja, „gewiß.“„Dann werde ich Ihnen eine Dichtung vortragen. Sitzen Sie still und schließen Sie die Augen, damit die Umgebung Sie nicht stört. Das Gedicht heißt ‚Der Menschenfinger‘. Es ist ein persönliches Erlebnis und von mir. Hören Sie?“„Ja,“ sagte Maja, „jedes Wort.“„Also:Der MenschenfingerEinmal hast du mich entdeckt,als ich Glück im Leben hatte.Du bist rund und langgestreckt.Oben hast du eine glatte,zugespitzte Panzerplatte,welche sich bewegen läßt,aber unten sitzt du fest!Nun?“ fragte Alois nach einem kleinen Schweigen. Er hatte Tränen in den Augen und seine Stimme zitterte.„Der Menschenfinger hat mich sehr ergriffen“, meinteMaja, die etwas verlegen geworden war. Eigentlich kannte sie schönere Lieder.„Wie finden Sie die Form?“ fragte Alois und lächelte wehmütig. Er war sichtlich durch die Wirkung überwältigt, die er hervorgebracht hatte.„Rund und langgestreckt“, antwortete Maja. „Sie haben es ja selbst gedichtet.“„Ich meine die künstlerische Form, ich meine die Form meiner Dichtung.“„Ah,“ sagte Maja, „ach so. Ja, die finde ich gut.“„Nicht wahr?“ rief Alois. „Sie wollten sagen, daß dies Lied dem besten eingereiht werden kann, was Sie kennen, daß man weit zurückgreifen muß, ehe man etwas Verwandtes findet. Die Kunst muß zunächst Neuigkeiten enthalten, das ist es, was die meisten Dichter übersehen. Und dann Größe, nicht wahr?“„Doch,“ sagte Maja, „ich glaube ...“„Ihr zuversichtlicher Glaube an meine Bedeutung, den Sie ausgesprochen haben,“ sagte Alois, „beschämt mich gradezu. Haben Sie Dank. Ich muß nun weiter, denn die Einsamkeit ist die Zierde des Künstlers. Leben Sie wohl.“„Adieu“, sagte Maja, die gar nicht recht wußte, was der Kleine eigentlich gewollt hatte. Nun, er selbst wird es schon wissen, dachte sie. Groß ist er ja eigentlich nicht, aber vielleicht wächst er noch. Sie sah ihm nach, wie er eifrig den Zweig hinaufkrabbelte. Man konnte seinewinzigen Beinchen kaum unterscheiden, so daß es aussah, als schöbe er sich auf kleinen Rollen davon.Dann sah Maja wieder auf das goldene Kornfeld nieder, über dem die Schmetterlinge spielten. Das gefiel ihr weit besser als das Werk des Alois Siebenpunkt.Dreizehntes KapitelDie RäuberburgAch, wie froh hatte dieser Tag begonnen, und wie voller Angst und Schrecken sollte er enden. Maja hatte zuvor noch eine sehr merkwürdige Bekanntschaft gemacht, es war am Nachmittag gewesen, in der Nähe einer großen alten Wassertonne. Sie saß in den duftenden Holunderblüten, die sich in der stillen, schwarzen Wasserfläche der Tonne spiegelten. Über ihr sang ein Rotkehlchen so lieblich und froh, daß die kleine Maja es gradezu trostlos fand, daß man sich mit den Vögeln nicht befreunden konnte. Sie waren zu groß und fraßen einen auf, das war die Sache. Sie hatte sich in der weißen Blütendolde des Holunder versteckt und lauschte und blinzelte dabei mit den Augen, so daß der Sonnenschein ihr spitze Pfeile schickte, als neben ihr jemand seufzte. Als sie sich umdrehte, sah sie das sonderbarste Tier, das ihr jemals begegnet war. Auf den ersten Blick glaubte sie, daß es mindestens hundert Beine an jeder Seite hatte. Es war wohl dreimal solang wie sie selbst, aber schmal und niedrig und ohne Flügel.„Himmel noch mal!“ rief Maja ganz erschrocken, „Sie müssen aber laufen können.“Der Fremde sah sie nachdenklich an.„Ich zweifle daran,“ meinte er, „es könnte besser sein. Ich habe zu viele Beine. Wissen Sie, ehe man sie alle bewegt hat, vergeht zu viel Zeit. Es gab Zeiten, in denen ich das nicht gewußt habe, da ist mir oft der Wunsch gekommen, ich hätte ein paar Beine mehr. Aber wie Gott will. Wer sind denn Sie?“Maja stellte sich vor.Der andere nickte und bewegte einige Beine.„Ich bin Hieronymus,“ sagte er, „von der Familie der Tausendfüßler. Wir sind ein altes Geschlecht und erregen überall Bewunderung. Es gibt keine Tiere, die annähernd unsere Beinzahl aufzuweisen haben. Acht ist das Höchste bei den andern, soviel ich weiß.“„Sie sind fabelhaft interessant,“ sagte die kleine Maja, „und sehr eigenartig in der Farbe. Haben Sie Familie?“„Aber nein! Wieso denn?“ fragte der Tausendfüßler. „Wohin sollte das führen? Wir kriechen aus dem Ei und damit basta. Wenn nicht einmal wir auf eigenen Füßen stehen könnten, wer sollte es dann können?“„Das ist ja richtig,“ meinte Maja nachdenklich, „aber haben Sie gar keinen Anschluß?“„Nein, meine Gute. Ich ernähre mich und zweifle.“„Ach, woran zweifeln Sie denn?“„Es ist mir angeboren,“ entgegnete der Fremde, „ich muß immer zweifeln.“Maja sah ihn mit großen, erstaunten Augen an. Sie verstand nicht, wie er das meinte, und wollte doch nicht allzu neugierig in seine Angelegenheiten eindringen.„Ich zweifle daran,“ sagte nach einer Weile Hieronymus, „daß Sie sich hier einen günstigen Ort zum Aufenthalt ausgesucht haben. Wissen Sie nicht, was drüben in der großen Weide liegt?“„Nein.“„Sehen Sie, ich habe gleich bezweifelt, daß Sie es wissen. Dort liegt die Hornissenstadt.“Maja wäre fast von der Blütendolde gefallen, so furchtbar erschrak sie. Sie wurde totenblaß, und zitternd fragte sie, wo die Stadt läge.„Sehen Sie dort den alten Starenkasten im Gebüsch am Stamm der Weide? Er ist so ungeschickt angebracht, daß ich gleich daran gezweifelt habe, daß er jemals von Staren bezogen wird. Wenn so ein Kasten nicht gegen Sonnenaufgang geöffnet ist, besinnt sich jeder anständige Vogel, ehe er einzieht. Die Hornissen haben nun darin ihre Stadt angelegt und befestigt. Es ist die größte Hornissenburg im Land. Das sollten Sie eigentlich wissen, denn soviel ich beobachtet habe, stellen diese Räuber euch Bienen nach.“Maja hörte kaum noch zu. Sie unterschied deutlich die braunen Mauern der Burg im Grün, und ihr Atem stockte.„Ich muß fort,“ rief sie, „so rasch als möglich.“Aber da klang hinter ihr ein lautes, böses Lachen, und gleich darauf fühlte die kleine Maja sich so energisch am Kragen gepackt, daß sie meinte, ihr Genick sei gebrochen. Nie in ihrem Leben hat sie dies Lachen vergessen können. Es klang wie ein Hohngelächter aus der Finsternis, und ein grauenerregendes Klirren von einem Panzer mischte sich hinein.Hieronymus ließ sich mit allen seinen Beinen zugleich los und purzelte durch die Zweige in die Wassertonne.„Ich zweifle daran, daß es gut geht“, rief er, aber das hörte die arme kleine Biene nicht mehr.Sie konnte sich anfangs kaum umkehren, so fest wurde sie gehalten. Sie sah einen goldgepanzerten Arm und dann plötzlich über sich einen ungeheuren Kopf mit fürchterlichen Zangen. Zuerst glaubte sie, es sei eine riesengroße Wespe, aber dann erkannte sie, daß sie sich in den Fängen einer Hornisse befand. Das schwarz und gelb getigerte Ungeheuer war wohl viermal so groß wie sie selbst.Endlich löste sich ihre Stimme, und sie schrie so laut um Hilfe, als sie konnte.„Laß doch, Kerlchen“, meinte die Hornisse mit einer ganz unausstehlichen Freundlichkeit und lächelte Maja böse an. „Es dauert nur so lange, bis es vorüber ist.“„Lassen Sie mich los,“ schrie Maja, „oder ich steche Sie ins Herz.“„Gleich ins Herz?“ lachte der Räuber, „das ist ja sehr mutig. Aber es hat noch Zeit, meine Kleine.“Maja geriet in furchtbare Wut. Mit Aufwendung aller ihrer Kräfte drehte sie sich herum, stieß ihren hellen, hohen Kampfruf aus und richtete ihren Stachel der Hornisse mitten auf die Brust. Aber da geschah das angsterregende Wunder, daß ihr Stachel sich umbog, ohne einzudringen. Er prallte am Panzer des Räubers ab.Die Augen der Hornisse funkelten vor Zorn.„Ich könnte dir jetzt deinen Kopf abbeißen, Kleine, um dich für diese Unverschämtheit zu strafen,“ sagte sie grimmig, „und ich würde es auch tun, wenn die Königin nicht lieber frische Biene äße, als tote Biene. So einen fetten Bissen, wie du es bist, bringt man der Königin, wenn man ein guter Soldat ist.“Und sie flog mit Maja in die Luft empor und grade auf die Räuberburg zu.Nein, das ist zuviel, dachte die arme Biene, das hält niemand aus. Und sie verlor die Besinnung.Als sie nach längerer Zeit aus ihrer Betäubung erwachte war es um sie her schwül und dämmerig, und die Luft war von einem scharfen durchdringenden Geruch erfüllt, der ihr schrecklicher erschien, als alles was sie kannte. Langsam besann sie sich, und eine lähmende Traurigkeit sank in ihr Herz. Sie wollte weinen und konnte nicht.„Noch bin ich nicht gefressen,“ sagte sie zitternd, „aber es kann jeden Augenblick stattfinden.“Durch die Wände ihres Kerkers vernahm sie deutlich Stimmen. Nun sah sie auch, daß ein wenig Licht durch eine schmale Spalte fiel. Die Hornissen bauten ihre Mauern nicht aus Wachs, wie die Bienen, sondern aus einer trockenen Masse, die wie lockeres graues Papier aussah. Im schmalen Lichtstreifen, der in ihren Kerker drang, erkannte sie nun auch langsam ihre Umgebung, und sie erstarrte beinahe vor Schreck, als sie rings umher Tote liegen sah. Grade zu ihren Füßen lag ein kleiner Rosenkäfer auf dem Rücken, und etwas weiter zur Seite erkannte sie das Gerüst eines großen Laufkäfers, zur Hälfte durchbrochen, und überall lagen Flügel und Panzerdecken hingemordeter Bienen.„Ach, daß mir dies geschehn mußte“, wimmerte die kleine Maja. Sie wagte sich nicht mehr zu rühren und preßte sich frierend vor Entsetzen und Angst in die äußerste Ecke der schrecklichen Kammer.Da hörte sie durch die Wand wieder deutlich die Stimmen der Hornissen, und von Todesangst getrieben kroch sie an den kleinen Spalt und schaute hindurch.Da sah sie einen großen Saal, der ganz mit Hornissen angefüllt war und der von einer großen Anzahl von gefangenen Glühkäfern auf das prächtigste erleuchtet wurde. Auf einem Thron inmitten der Ihren saß die Königin. Es schien eine wichtige Beratung stattzufinden, Maja verstand jedes Wort.Wenn ihr nur diese glitzernden Ungeheuer nicht solch unsägliches Entsetzen eingeflößt hätten, sie würde sicher über ihre Kraft und Pracht in Entzücken geraten sein. Zum erstenmal erkannte sie jetzt deutlich, wie die Räuber aussahen. Mit Staunen und Zittern sah sie den Prunk der goldenen Panzer, die den ganzen Leib hinunter mit herrlichen schwarzen Schienen verziert waren, so daß man einen Eindruck von ihnen hatte, wie wohl ein Kind ihn haben mag, das zum erstenmal einen Tiger erblickt.Ein Wächter ging an den Wänden des Saals umher und forderte die Glühkäfer auf, aus Leibeskräften zu leuchten. Er tat es leise und drohend, um die Beratung nicht zu stören, stieß mit einer langen Stange nach ihnen und zischte jedesmal.„Leuchte, sonst freß ich dich!“Es war ganz fürchterlich, wie es in der Hornissenburg zuging.Da hörte Maja die Hornissenkönigin sagen:„Also bleibt es bei unserer Abmachung: Morgen, eine Stunde vor Sonnenaufgang, versammeln sich die Krieger. Die Stadt der Bienen im Schloßpark wird überfallen. Der Stock wird ausgeraubt und möglichst viele Gefangene werden gemacht. Wer Helene die Achte, die Bienenkönigin, gefangennimmt und mir lebendig überliefert, wird in den Ritterstand erhoben. Haltet euch tapfer und bringt mir gute Beute heim. Und hiermit hebe ich die Versammlung auf. Begebt euch zur Ruhe!“Sie erhob sich nach diesen Worten und verließ mit ihrem Gefolge den Saal.Die kleine Maja hätte beinahe laut aufgeweint.„Mein Volk,“ schluchzte sie, „meine Heimat!“ Sie preßte ihre Hände in den Mund, um nicht zu schreien, ihre Verzweiflung war grenzenlos. „Ach, wäre ich gestorben, ehe ich dies hören mußte“, wimmerte sie. „Niemand wird die Meinen warnen. Sie werden im Schlaf überfallen und ermordet. O lieber Gott, tu ein Wunder, hilf mir, hilf mir und meinem Volk aus unserer Not.“Im Saal wurden die Glühkäferchen ausgelöscht und aufgefressen. Es wurde langsam still in der Burg. An Maja schien niemand mehr zu denken.Langsam kam ein schwaches Dämmerlicht in ihrem Kerker auf, und ihr war, als klänge von außen her das Nachtlied der Grillen. Nie war der Biene etwas furchtbarer erschienen, als dies Burgverließ mit seinen Totengerippen.Vierzehntes KapitelDie FluchtAber die Verzweiflung der kleinen Biene machte bald einer entschlossenen Besinnung Platz. Es war, als erinnerte sie sich wieder daran, daß sie eine Biene war. Hier sitze ich nun und weine und klage, dachte sie plötzlich, als ob ich nicht Gedanken und Kräfte hätte. O, ich mache meinembedrohten Volk und meiner Königin wenig Ehre. Sterben muß ich doch, da will ich es wenigstens stolz und mutig tun und nichts unversucht lassen, die Meinen zu retten.Es war, als vergäße sie ganz die lange Zeit der Trennung von den Ihren und der Heimat, sie fühlte sich ihnen zugehöriger als je, und die große Verantwortung, die plötzlich auf ihr ruhte, weil sie den Plan der Hornissen kannte, verlieh ihr große Entschlossenheit und viel Mut.Müssen die Meinen unterliegen und sterben, so will ich es auch, dachte sie, aber vorher will ich nichts ungetan lassen, sie zu retten.„Es lebe meine Königin!“ rief sie.„Ruhe da drinnen!“ scholl es barsch von außen.Hu, war das eine fürchterliche Stimme. Es mußte der Wächter gewesen sein, der die Runde machte. Offenbar war es längst Nacht.Als der Schritt draußen verhallt war, begann Maja sogleich damit, den Spalt zu erweitern, der in den Saal führte. Es gelang ihr leicht, die mürbe Wand zu zerbeißen, wenn sie auch lange Zeit brauchte, bevor die Öffnung groß genug war. Endlich konnte sie sich hindurchzwängen. Sie tat es vorsichtig und mit pochendem Herzen, sie wußte, daß es ihr Leben kosten würde, wenn man sie entdeckte. Aus unbekannten Gründen der Burg scholl ein tiefes Schnarchen.Der Saal lag in gedämpftem blauen Licht, das vom Eingang hineinsank. Das ist Licht vom Mond, wußteMaja und schritt vorsichtig dahin, wobei sie sich stets in den tiefen Schatten an den Wänden hielt. Vom Saal führte ein schmaler hoher Flur zum Ausgang, von dort kam das Himmelslicht der Nacht. Maja seufzte tief auf, sie sah ganz fern in unendlicher Weite einen Stern am Himmel schimmern. Ach Freiheit, dachte sie.Der Gang war ganz hell. Leise, Schritt für Schritt, schlich sie voran, das Tor kam immer näher. Wenn ich jetzt auffliege, dachte sie, so bin ich draußen. Ihr Herz schlug in der Brust, als ob es sie zersprengen wollte.Da sah sie im Schatten des Tores an einer Säule den Wächter lehnen.Wie angewurzelt blieb sie stehen, alle ihre Hoffnung sank dahin. Dort war kein Vorüberkommen. Was sollte sie tun? Das Beste wird sein, ich kehre um, dachte sie, aber der Anblick des Riesen am Tor hielt sie im Bann. Es schien, als schaute er ganz in Gedanken versunken in die beleuchtete Nachtlandschaft hinaus. Er hatte sein Kinn in die Hand gestützt, und sein Kopf war ein wenig geneigt. Wie der goldene Panzer im Mond glänzte! In seiner Haltung war etwas, das die kleine Maja bewegte. Er sieht so traurig aus, dachte sie, wie schön er ist, wie edel ist seine Haltung und wie stolz funkelt seine Rüstung. Tag und Nacht legt er sie nicht ab, er ist immer bereit zu rauben, zu kämpfen und zu sterben ...Die kleine Maja vergaß ganz, daß es ihr Feind war, den sie vor sich sah. Ach, wie oft war es ihr so gegangen,daß ihr Herz und seine Freude am Schönen sie alle Gefahr vergessen ließ.Da schoß ein goldener Lichtblitz vom Helm des Räubers, er mußte den Kopf bewegt haben.„Lieber Gott,“ flüsterte die kleine Maja, „jetzt ist es aus.“Da sagte der Wächter ganz ruhig:„Komm nur näher, Kleine.“„Was?“ rief Maja, „wie? Sie haben mich gesehen?“„Doch, Kind, schon lange. Du hast ein Loch in die Wand gebissen, und hast dich dann, immer hübsch im Schatten, bis hierher bewegt. Dann hast du mich gesehen und mit deinem Mut war es zu Ende. Ist es so?“„Ja,“ sagte Maja, „Sie haben ganz recht.“ Sie zitterte vor Grauen am ganzen Körper. Also die ganze Zeit über hatte der Wächter sie beobachtet. Sie erinnerte sich nun, davon gehört zu haben, wie scharf die Sinne dieser klugen Räuber sind.„Was willst du denn hier?“ fragte der Wächter gutmütig. Maja fand immer noch, daß er traurig aussah, er schien an ganz andere Dinge zu denken, ihm war dies alles gar nicht so wichtig wie ihr selbst.„Hinaus möchte ich“, antwortete sie. „Ich habe auch nicht den Mut verloren, sondern ich war nur erschrocken über Ihre Kraft und Schönheit und über den goldenen Glanz Ihrer Rüstung. Jetzt werde ich mit Ihnen kämpfen.“Der Wächter beugte sich erstaunt ein wenig vor und sah Maja an und lächelte. Es war gar nicht böse, dies Lächeln,die kleine Biene hatte dabei ein Empfinden, das sie noch niemals im Leben gekannt hatte. Ihr war zumute, als ob dieses Lächeln des jungen Kriegers eine heimliche Gewalt über ihr Herz ausübte.„Kleine,“ sagte er beinahe herzlich, „nein, kämpfen werden wir nicht. Ihr seid ein mächtiges Volk, aber wir sind stärker. Am wenigsten aber wird je eine einzelne Hornisse mit einer einzelnen Biene kämpfen. — Wenn du magst, kannst du gern ein wenig hierbleiben und mit mir plaudern. Aber nur noch kurz, bald werde ich die Soldaten wecken und dann mußt du in deine Zelle zurück.“Seltsam, diese überlegene Freundlichkeit der Hornisse entwaffnete Maja mehr, als Zorn oder Haß es gekonnt hätten. Es war beinahe etwas wie Bewunderung, das sie empfand. Sie sah mit großen traurigen Augen zu ihrem Feind auf, und da sie immer dem Zug ihres Herzens folgen mußte, sagte sie:„Ich habe stets nur Böses von den Hornissen gehört, aber Sie sind nicht böse. Ich kann nicht glauben, daß Sie böse sind.“Der Krieger sah Maja ruhig an:„Es gibt überall böse und gute Leute“, sagte er ernst. „Aber wir sind eure Feinde, das vergiß nicht. Es wird immer so bleiben.“„Muß denn ein Feind immer schlecht sein?“ fragte Maja. „Als Sie vorhin in die Nacht hinausschauten, habe ich vergessen müssen, daß Sie hart und mir feindlich sind. Mirwar zumute, als ob Sie traurig wären, und ich habe immer gemeint, Wesen, die traurig sind, können unmöglich böse sein.“Und als der Wächter schwieg, fuhr Maja um vieles mutiger fort:„Sie sind mächtig. Wenn Sie wollen, können Sie mich wieder in meine Zelle schaffen und ich muß sterben, aber wenn Sie wollen, so können Sie mir auch meine Freiheit schenken.“Da richtete der Krieger sich auf. Sein Panzer klirrte ein wenig, und der Arm, den er hob, blinkte im Mondlicht, das verblassend auf dem Tor lag. Kam schon der Morgen?„Du hast ganz recht,“ sagte er, „diese Macht habe ich. Diese Macht ist mir von meinem Volk und meiner Königin anvertraut worden. Der Befehl lautet, daß keine Biene je wieder die Burg lebendig verlassen darf, die sie einmal betreten hat. Ich werde meinem Volk Treue halten.“ Und nach einer Weile des Schweigens fügte er leiser hinzu, als spräche er zu sich selbst: „Ich habe zu bitter erfahren, wie weh die Untreue tun kann, als Schnuck mich verließ ...“

„Fabelhaft“, sagte Maja ganz glücklich, daß sie so viel erfahren sollte.

„Zu diesem Zweck“, erklärte Hannibal weiter, „braucht der Mensch seine beiden Flaschen. In die kleine steckt er einen Holzstab, aus der großen trinkt er. Je mehr er trinkt, um so besser geht es voran. Er schreibt natürlich über uns, alles was er weiß, und ist sehr eifrig, aber viel kommt nicht dabei heraus, denn der Mensch hat bisher über uns Insekten nur recht wenig in Erfahrung gebracht. Über unser Seelenleben weiß er fast nichts, und auf unser Herz und seine Ängste nimmt er nicht die kleinste Rücksicht. Sie werden hören.“

„Denken Sie nicht gut vom Menschen?“ fragte Maja.

„Doch, doch,“ antwortete der Weberknecht und schaute schräg vor sich nieder, „aber mit sieben Beinen wird man bitter.“

„Ach so“, sagte Maja.

„Eines Abends“, fuhr Hannibal fort, „war ich wie gewöhnlich in den Fensterwinkeln auf der Jagd, und der Mensch saß vor seinen beiden Flaschen und versuchte etwas zustande zu bringen. Ich ärgerte mich schon darüber, daß eine große Anzahl der kleinen Fliegen und Mücken, von deren Fang ich zu meinem Lebensunterhalt abhängig bin, sich auf die künstliche Sonne des Menschen gesetzt hatte und hineinglotzte, ungebildet, wie solche Tiere nun einmal sind.“

„Na,“ meinte Maja, „ansehen würde ich mir so was schließlich auch mal.“

„Ansehen, meinetwegen. Aber ansehen ist etwas ganz anderes wie glotzen. Schauen Sie sich doch einmal die Torheiten an, die dies Gesindel bei einer Lampe treibt. Daß sie zwanzigmal mit dem Kopf dagegenrennen, ist noch eine Kleinigkeit, manche tun es so lange, bis sie sich ihre Flügel verbrannt haben. Dabei glotzen sie ununterbrochen das Licht an.“

„Die armen Tiere,“ meinte Maja, „offenbar können sie sich nicht mehr zurechtfinden.“

„Dann bleiben sie besser in den Fensternischen oder unter den Blättern sitzen,“ sagte Hannibal, „dort sind sie vor der Lampe sicher und dort kann ich sie fangen. In jener verhängnisvollen Nacht nun sah ich von der Fensternische aus vereinzelte Mücken neben der Lampe in den letzten Zügen liegen. Ich beobachtete, daß dem Menschenscheinbar nichts daran gelegen war, und beschloß, sie mir zu holen. Ist etwas in der Welt begreiflicher?“

„Nein“, sagte Maja.

„Und doch, es wurde mein Unglück. Leise und vorsichtig kroch ich am Tischbein empor, bis ich über den Rand schauen konnte. Der Mensch erschien mir fürchterlich groß, und ich betrachtete, was er tat. Langsam setzte ich ein Bein vor das andere und näherte mich der Lampe. Solange ich Deckung hinter der Flasche hatte, ging alles gut, aber kaum trat ich hinter dem Glas hervor, als der Mensch auch schon aufblickte und nach mir griff. Er nahm eins meiner Beine zwischen seine Finger, hob mich daran empor bis dicht vor seine großen Augen und sagte: ‚Ei, sieh da!‘ Und dabei grinste dieser Grobian über das ganze Gesicht, als ob es sich um ein Vergnügen handelte.“

Hannibal seufzte und die kleine Maja war ganz still. Endlich fragte sie mit heißem Kopf.

„Hat der Mensch so große Augen?“

„Denken Sie jetzt gefälligst an mich und an meine Lage“, rief Hannibal erregt. „Versuchen Sie, sich meinen Gemütszustand vorzustellen. Wer hängt gerne an einem Bein vor Augen, die etwa zwanzigmal so groß sind, wie sein eigener Körper? Jeder der Zähne, welcher aus dem Mund des Menschen weiß hervorblitzte, war doppelt so groß wie ich. Nun, was denken Sie?“

„Schrecklich,“ sagte Maja, „also entsetzlich!“

„Da riß gottlob mein Bein. Es ist nicht abzusehen,was alles geschehen wäre, wenn es gehalten hätte. Ich fiel und lief, so rasch mich meine übrigen Beine trugen, und versteckte mich hinter der Flasche, in deren Schutz ich die furchtbarsten Drohungen gegen den Menschen ausstieß. Deshalb verfolgte er mich weiter nicht. Ich sah, wie er mein Bein auf das weiße Papier legte und zusah, wie es fortlaufen wollte, was es aber ohne mich nicht kann.“

„Bewegte es sich noch?“ fragte Maja erschrocken.

„Ja,“ erklärte ihr Hannibal, „das tun unsere Beine immer, nachdem sie ausgerissen worden sind. Mein Bein lief, aber weil ich nicht dabei war, wußte es nicht wohin. So zappelte es nur planlos auf demselben Fleck herum, und der Mensch sah zu, faßte seine Nase an und lächelte dabei, herzlos wie er ist, über das Pflichtbewußtsein meines Beins.“

„Das ist unmöglich,“ sagte die kleine Biene ganz eingeschüchtert, „ein abbes Bein kann nicht krabbeln.“

„Was ist ein abbes Bein?“ fragte Hannibal.

Maja sah ihn an. „Das ist ein Bein, das ab ist,“ erklärte sie, „bei uns zu Haus sagte man so.“

„Ihre Ausdrücke aus der Kinderstube gewöhnen Sie sich im großen Leben und vor gebildeten Leuten besser ab“, forderte Hannibal mit Strenge. „Man sagt ein ausgerissenes Bein. Jedenfalls ist es wahr, daß unsere Beine noch lange zappeln, nachdem sie ausgerissen sind.“

„Nein,“ sagte Maja, „das glaub’ ich nicht ohne Beweis.“

„Meinen Sie, ich risse mir Ihretwegen ein Bein aus?“ fragte Hannibal böse. „Ich merke schon, daß man mit Ihnen nicht verkehren kann. So etwas hat mir noch niemand zugemutet, hören Sie.“

Maja wurde ganz befangen, sie begriff nicht, weshalb der Weberknecht so verdrießlich wurde und wo ihre Schuld lag. Es ist gar nicht so leicht, mit fremden Leuten zu verkehren, dachte sie, sie denken anders und begreifen oft nicht, daß man es nicht böse meint. Sie wurde traurig und sah bekümmert auf die große Spinne mit ihren langen Beinen und ihrem grämlichen Gesichtsausdruck.

„Eigentlich sollte man den Versuch machen, Sie zu fressen“, sagte da plötzlich der Weberknecht, der offenbar die Gutmütigkeit Majas für Schwäche gehalten hatte. Aber da geschah es der kleinen Biene ganz seltsam, ihre Trauer war plötzlich verflogen, und an Stelle von Schreck oder Furcht stieg ein ruhiger Mut in ihrem Herzen empor. Sie richtete sich ein wenig auf, und während sie ihr hohes helles Summen ausstieß, fast ohne zu wissen, daß sie es tat, sagte sie mit glänzenden Augen und hob ihre schönen durchsichtigen Flügel ein wenig:

„Ich bin eine Biene, mein Herr.“

„Pardon“, sagte Hannibal, drehte sich ohne Gruß um und lief den Stamm so rasch hinunter, wie man nur irgend mit sieben Beinen laufen kann.

Maja mußte lachen, ob sie wollte oder nicht. Unten begann Hannibal laut zu schelten.

„Sie haben einen schlechten Charakter,“ rief er aufgeregt, „Sie gehen mit Ihrem Stachel gegen Leute vor, die durch harte Schicksalsschläge daran behindert sind, sich in gewohnter Weise von der Stelle zu bewegen. Aber Ihre Stunde wird schlagen, und sobald Sie in Bedrängnisse geraten, werden Sie an mich denken und alles bereuen.“

Er verschwand unter den Huflattichblättern am Boden. Die kleine Biene hatte nicht mehr alles verstanden, ihr war wohl zumut, zumal der Wind fast ganz nachgelassen hatte und der Tag schön zu werden versprach. Hoch am Himmel zogen weiße Wolken im tiefen Blau, sie sahen still und glücklich aus, wie gute Gedanken Gottes. Und heiß und unwiderstehlich überfiel die kleine Biene die Sehnsucht nach dem satten Schattengrund der Waldwiesen und nach den besonnten Hängen jenseits des großen Sees, dort mußte längst ein frohes Leben begonnen haben. Sie sah die schlanken Gräser schaukeln, und am Waldrand wuchsen in den schmalen Wassergräben hohe gelbe Schwertlilien. Von ihren Kelchen sah man hinüber in die geheimnisvolle Nacht des Tannenwaldes, aus dem es kühl und traurig wehte. Sie wußte, in seiner finstern Stille, die den Sonnenschein in ein rötliches Schlummerlicht verwandelte, lag das Heimatland der Märchen.

Da flog sie schon durch die Luft. Es war ihr gar nicht recht zum Bewußtsein gekommen, daß sie aufgeflogen war. Die Waldwiesen und ihre Blumenhänge hatten sie gerufen. O du lieber Gott, dachte sie, wie herrlich ist es, zu leben.

So verlebte die kleine Maja unter den Insekten die Tage und Wochen ihres jungen Lebens. Wohl vermißte sie bei ihrem Umhertreiben, bei allen Freuden und Gefahren, in der schönen sommerlichen Welt oft die Gefährten ihrer ersten Kindheit, und zuweilen überfiel sie ein schmerzvolles Heimweh nach dem verlassenen Königreich ihres Volkes. Auch kannte sie Stunden, in denen sie sich nach einer geordneten Tätigkeit sehnte, nach nützlicher Beschäftigung und nach Gesellschaft unter ihresgleichen. Aber sie hatte im Grunde eine ruhlose Natur, die kleine Maja, und sie würde sich wohl kaum schon dauernd in der Gemeinschaft der Bienen wohlgefühlt haben. Bei allen Tieren, wie auch unter den Menschen, kommt es vor, daß einzelne Charaktere sich nicht in die Gewohnheiten aller schicken können, und man muß vorsichtig sein und ernstlich prüfen, bevor man solch ein Wesen verurteilt. Denn es ist keineswegs immer nur Trägheit oder Eigensinn, sondern häufig verbirgt sich hinter solchem Drang eine tiefe Sehnsucht nach Höherem oder Besserem, als der Alltag zu bieten vermag, und aus jungen Durchgängern sind oft erfahrene und kluge Männer geworden oder verständige und gütige Frauen. Und die kleine Maja hatte im Grunde ein reines und empfängliches Herz, und ihre Stellung zur schönen weiten Welt, in der sie zumLeben erwacht war, war getragen von aufrichtiger Wißbegier und großer Freude an den Herrlichkeiten der Schöpfung.

Aber selbst im Glück schöner Erlebnisse ist das Alleinsein schwer, und je erfahrener die kleine Maja wurde, um so häufiger sehnte sie sich nach Gemeinschaft und Liebe. Sie war nun keine ganz junge Biene mehr, sondern ein prächtiges, starkes Bienentier, begabt mit blanken, gesunden Flügeln, einem spitzen und gefährlichen Stachel und einem ausgebildeten Sinn für die Gefahren und Freuden ihres Lebens. Sie hatte Erfahrungen gemacht und Kenntnisse gesammelt und wünschte sich nun oft, sie auf rechte Art verwenden zu können. Vielleicht wäre sie eines Tages in den Stock zurückgekehrt, hätte sich der Königin zu Füßen geworfen und ihre Verzeihung erfleht, um wieder in Ehren aufgenommen zu werden. Aber ein brennendes Verlangen hielt sie davon zurück: sie wünschte sich, den Menschen kennenzulernen. Sie hatte so viel Widersprechendes über die Menschen gehört, daß sie eher verwirrter als klüger geworden war, und doch ahnte sie, daß es in der ganzen Schöpfung nichts Mächtigeres, Klügeres und Erhabeneres als den Menschen gäbe.

Aus hoher Luft, aus weiter Entfernung hatte sie auf ihren Irrfahrten wohl zuweilen Menschen gesehen, schwarze, weiße und rote, auch solche, die vielfarbig und bunt bekleidet waren, kleine und große. Aber sie hatte sich niemals in die Nähe getraut. Einmal sah sie es rot am Bachschimmern, und da sie den Schein der Farbe für ein Blumenbeet hielt, war sie hinzugeflogen. Da fand sie einen Menschen mit goldenen Haaren und rosigem Angesicht. Er schlief in einem roten Kleid in den Blumen am Bach und sah trotz seiner furchtbaren Größe so gut und lieblich aus, daß ihr vor Entzücken Tränen in die Augen traten. Sie hatte alles um sich her vergessen und nur immer den schlummernden Menschen betrachten müssen. Was sie jemals an Bösem darüber gehört hatte, erschien ihr unmöglich, es war ihr, als müßte alles Schlechte Lüge gewesen sein, was man ihr jemals über solch liebliche Wesen berichtet hatte, wie dort eines im Schatten der flüsternden Birken schlief.

Später kam eine Mücke zu ihr und grüßte.

„Mein Gott,“ rief Maja, ganz heiß vor Erregung und Freude, „sehen Sie dort den Menschen, wie schön, wie gut. Begeistert es Sie nicht?“

Die Mücke sah erst Maja sehr erstaunt an und drehte sich dann langsam nach dem Gegenstand ihrer Bewunderung um:

„Ja,“ sagte sie, „er ist gut, gewiß, ich habe ihn eben angebohrt. Schauen Sie, mein Leib schimmert rot von seinem Blut.“

Maja mußte ihrem Herzen mit der Hand zur Hilfe kommen, so sehr erschrak sie über die Kühnheit der Mücke.

„Wird er sterben?“ rief sie. „Wo haben Sie ihn verletzt? Wie können Sie nur den erforderlichen Mut undzugleich eine so unwürdige Gesinnung aufbringen? Sie sind ja ein Raubtier!“

Die Mücke lachte und antwortete mit ihrem hohen hellen Stimmchen sichtlich amüsiert:

„Dies ist doch nur ein ganz kleiner Mensch. Diese Größe wird Mädchen genannt, sobald die Beine bis zur Hälfte von einem abstehenden farbigen Panzer bedeckt sind. Ich kann natürlich hindurchstechen, aber in der Regel erreicht man die Haut nicht. — Sie haben ja eine ganz fabelhafte Unkenntnis, glauben Sie denn, die Menschen seien gut? Ich habe niemals einen gefunden, der mir freiwillig auch nur das kleinste Tröpfchen Blut gegönnt hätte.“

„Vom Menschen weiß ich allerdings noch nicht sehr viel“, sagte Maja kleinlaut.

„Aber Sie geben sich doch von allen Insekten am meisten mit den Menschen ab, Sie lassen sich am weitesten mit ihnen ein, das ist doch bekannt.“

„Ich habe das Königreich verlassen“, gestand Maja schüchtern. „Es gefiel mir nicht, ich wollte die Welt kennenlernen.“

„I, da sieh einer an“, sagte die Mücke und trat einen Schritt näher. „Wie bekommt Ihnen denn Ihr Umhertreiben? Ich muß sagen, daß es mir gefällt, Sie so unabhängig zu sehen. Ich für mein Teil würde mich niemals entschließen, den Menschen zu dienen.“

„Sie dienen auch uns“, sagte Maja, die es nicht ertragen konnte, daß man ihr Volk herabsetzte.

„Mag sein,“ antwortete die Mücke, „zu welchem Volk gehören Sie?“

„Ich stamme vom Volk der Bienen im Schloßpark. Die regierende Königin ist Helene die Achte.“

„So, so,“ machte die Mücke und verbeugte sich, „das ist eine beneidenswerte Abstammung. Alle Achtung. Sie hatten kürzlich Revolution, nicht wahr? Ich hörte das durch die Kundschafter des Schwarms, der ausgebrochen war. Habe ich recht?“

„Ja“, sagte Maja stolz. Es erfüllte sie mit Genugtuung und Freude, daß die Ihren so hohes Ansehen genossen und weit bekannt waren. Tief im Herzen wachte wieder das Heimweh nach ihrem Volke auf, sie wünschte sich, etwas Großes und Gutes für ihre Königin und zum Wohl ihres Staates tun zu können. Darüber vergaß sie nach dem Menschen zu fragen. Vielleicht fragte sie auch deshalb nicht mehr, weil sie von der Mücke nichts Gutes zu hören hoffte. Sie empfand die Kleine als frech und naseweis, und solche Leute wissen gewöhnlich über andere nur Schlechtes zu sagen.

Die Mücke war damals auch bald weitergeflogen.

„Ich nehme noch einen Schluck“, hatte sie gerufen. „Später werde ich mit den Gefährten in der Abendsonne fliegen, damit wir morgen gutes Wetter bekommen.“

Maja hatte sich davongemacht, weil es ihr unmöglich war, mit anzusehen, wie die Mücke dem schlafenden Kind Böses zufügte. Sie wunderte sich, daß die Mücke nichtdaran zugrunde ging. Kassandra hatte ihr gesagt. „Wenn du einen Menschen stichst, mußt du sterben.“

Maja erinnerte sich dieses Vorfalls noch sehr genau, aber ihr Verlangen danach, vom Menschen soviel als möglich kennenzulernen, war keinesfalls befriedigt, sie beschloß, kühner zu werden und keine Anstrengungen zu scheuen, um zu ihrem Ziel zu gelangen.

Diese Wünsche Majas sollten sich auf wunderbare Art erfüllen und viel schöner, als sie es erwartet hatte. Die kleine Biene war an einem warmen Sommerabend früher als gewöhnlich zur Ruhe gegangen, und plötzlich erwachte sie mitten in der Nacht, das war ihr noch niemals geschehen. Ihr Erstaunen war unbeschreiblich, als sie die Augen öffnete und ihren kleinen Schlafraum über und über in ein stilles blaues Licht getaucht sah. Es sank vom Eingang nieder, dessen Öffnung wie unter einem silberblauen Vorhang strahlte. Sie wagte sich anfangs kaum zu rühren, aber sie fürchtete sich nicht, denn mit diesem Schein kam ein seltsam schöner Friede zu ihr hineingezogen. Und es klang etwas draußen in der Luft, was sie so fein und so voller Harmonie noch niemals vernommen hatte. Endlich trat sie schüchtern und ganz benommen vom Glanz dieser ungewöhnlichen Stunde an den Ausgang ihrer Baumhöhle und sah hinaus. Ihr war, als sei die ganze Welt durch ein Wunder verzaubert. Überall glitzerte undfunkeltees von reinstem Silber, tausend helle Perlen leuchteten matt und selig im Gras, das in der Ferne wie unter feinen Schleiern lag, die Stämme der Birken und die schlafenden Blätter waren mit Silber übermalt. Und alles umher, und in der stillen, seligen Weite, war in ein sanftes blaues Licht gehüllt.

„Das ist die Nacht, das kann nur die Nacht sein“, flüsterte die kleine Maja und faltete die Hände.

Am hohen Himmel, ein wenig verhüllt durch die Blätter eines Buchenastes, stand eine volle, klare Silberscheibe, von der das Licht niedersank, das die ganze Welt verschönte. Erst nun erkannte Maja, daß um den Mond her eine unzählige Menge heller harter Lichtlein am Himmel brannten, schöner und stiller als alles, was sie jemals an Glanz gesehen hatte. Sie wußte nicht, was sie tun sollte vor Glück, daß sie die Nacht, den Mond und die Sterne und ihre lieblichen Wunder erlebte. Sie hatte von alledem nur gehört und niemals recht daran geglaubt.

Da vernahm sie wieder in ihrer Nähe ganz laut und weithin schallend den seltsamen Nachtgesang, der sie geweckt haben mußte. Es war ein schwingendes Zirpen in einem hellen Silberton, fast hätte man glauben können, daß das Licht vom Mond im Niederrieseln dies Klingen mit sich brachte. Sie schaute sich um und suchte nach der Ursache, aber im heimlichen Widerspiel von Licht und Schatten war es sehr schwer, etwas deutlich zu erkennen; alles war geheimnisvoll verhüllt und doch so wahr und heldenhaft schön.

Es hielt die kleine Maja nicht länger in ihrem Versteck, sie mußte hinaus in diese neue Pracht der Welt. Der liebe Gott wird mich behüten, dachte sie, ich habe ja nichts Böses vor.

Eben wollte sie davonfliegen, um in das blaue Licht über der Wiese zu kommen, auf die der volle Mond schien, als sie dicht in ihrer Nähe auf einem Buchenblatt ein kleines geflügeltes Tier ankommen sah, das sie noch niemals gesehen hatte. Und unmittelbar nachdem es angelangt war, richtete es sich auf gegen den Mond, hob den einen schmalen Flügel ein wenig und zog dann mit raschen Strichen sein Beinchen am Rand des Flügels auf und nieder. Es sah aus, als geigte es auf einer versteckten Geige, und richtig entstand jener zirpende Silberton, der die ganze Mondnacht füllte.

„Entzückend,“ flüsterte Maja, „nein, so was ist einfach himmlisch.“

Sie flog rasch hinüber. Die Sommernacht war lau und milde, so daß die kleine Biene nicht spürte, daß es kühler als am Tage war. Als sie auf dem Blatt bei der Fremden anlangte, brach diese jählings ihr Spiel ab, es schien Maja, als sei es noch nie so still gewesen wie nun. Es war gradezu unheimlich. Durch die dunklen Blätter rieselte das weiße, kühle Licht.

„Gute Nacht“, sagte die kleine Maja sehr höflich, denn sie dachte, man müßte ebenso in der Nacht grüßen, wie man es am Tage tut, und sie fügte rasch hinzu. „EntschuldigenSie, bitte, daß ich störe, aber Ihr Spiel hat etwas so Anziehendes, wenn man es hört, muß man dem Klang nachgehen.“

Die Fremde schaute Maja mit großen Augen an:

„Was sind denn Sie für ein Krabbeltier?“ fragte sie endlich. „So was hab ich noch nie gesehen.“

„Ich bin durchaus kein Krabbeltier,“ sagte die Biene ernst, „ich bin Maja vom Volk der Bienen.“

„Ach, vom Volk der Bienen, so, so ...“, sagte die Fremde. „Sie leben am Tage, nicht wahr? Ich habe durch den Igel von Ihrem Geschlecht gehört. Er erzählte mir, daß er am Abend die Toten fräße, die aus Ihrem Stock geworfen werden.“

„Ja,“ sagte Maja mit leisem Bangen, „das ist wahr, Kassandra hat mir davon erzählt, der Igel kommt in der Abenddämmerung, er schmatzt und sucht die Toten. Die Wächter haben es erzählt. Aber verkehren Sie denn mit dem Igel? Der Igel ist doch ein gradezu fürchterliches Untier.“

„Das finde ich nicht“, sagte die Fremde. „Wir Nachtgrillen stehen uns eigentlich ganz gut mit ihm. Natürlich, er versucht es immer wieder, uns zu greifen, aber es gelingt ihm nie. So necken wir ihn oft und treiben unser Spiel mit ihm. Wir nennen ihn Onkel. Leben muß schließlich jeder, nicht wahr? Und solange einer nicht von mir lebt, kann es mir ja gleichgültig sein.“

Maja schüttelte das Köpfchen, sie dachte anders darüber,sie aber wollte die Fremde nicht durch Widerspruch verletzen. So fragte sie freundlich:

„Sie sind also eine Grille?“

„Ja, eine Nachtgrille. Aber Sie dürfen mich nicht länger stören, ich muß spielen. Es ist Vollmond, und die Nacht ist wundervoll.“

„Ach, machen Sie eine Ausnahme,“ bat Maja, „erzählen Sie mir von der Nacht.“

„Die Sommernacht ist das Schönste in der Welt,“ antwortete die Grille, „sie füllt das Herz mit Seligkeit. Was Sie nicht aus meinem Spiel hören, werde ich Ihnen auch nicht erklären können. Warum muß man immer alles wissen? Wir armen Wesen wissen vom Dasein nur ein kleines Teil, aber fühlen können wir die ganze Herrlichkeit der Welt.“

Und sie begann ihr helles, jubelndes Silberspiel, es klang laut und übermächtig, wenn man es so nah hörte, wie Maja saß. Und die kleine Biene saß ganz still in der blauen Sommernacht und hörte zu und dachte sehr tief über das Leben nach.

Da wurde es neben ihr still. Es klirrte leise, und sie sah die Grille in den Mondschein hinausfliegen.

Die Nacht macht so traurig, dachte die kleine Maja.

Sie wollte nun hinunter auf die Blumenwiese. Am Bachrand standen Wasserlilien, sie spiegelten sich in der raschen Flut, die den Mondschein mit sich trug. Es war herrlich anzuschauen. Das Wasser flüsterte und blinkteund die geneigten Lilien schienen zu schlafen. Sie sind eingeschlafen vor lauter Glück, dachte die kleine Biene. Sie ließ sich auf einem weißen Blumenblatt, mitten im Mondschein nieder und konnte den Blick nicht von dem lebendigen Wasser des Baches wenden, das in zitternden Funken aufblitzte und wieder erlosch. Drüben am Ufer schimmerten Birken, und es sah aus, als hingen die Sterne darin.

Wohin fließt nur all dies Wasser, dachte sie. Die Grille hat recht, wir wissen so wenig von der Welt.

Da hörte sie dicht neben sich im Kelch einer Lilie ein feines singendes Stimmchen, so rein und glockenhell, wie sie noch niemals einen irdischen Klang vernommen hatte; ihr Herz begann laut zu klopfen, und ihr Atem stockte.

O, was wird geschehen, dachte sie, was werde ich zu sehen bekommen.

Die Lilie schwankte leicht, dann sah sie, daß eines der Blätter sich am Rande ein wenig nach innen bog und sie erblickte eine ganz kleine, schneeweiße Menschenhand, die sich mit winzigen Fingerchen daran festhielt. Dann tauchte ein blondes Köpfchen auf und ein lichtes, zartes Körperchen in einem weißen Kleid. Es war ein ganz kleiner Mensch, der aus der Lilie emporkam.

Den Schreck und das Entzücken der kleinen Maja kann niemand schildern. Sie saß wie erstarrt da und konnte ihre Augen nicht von dem Anblick wenden, der sich ihr darbot.

Das winzige Menschenwesen erklomm den Rand der Blüte, hob die Ärmchen gegen das Mondlicht und sah mit einem seligen Lächeln in die helle Nacht der Menschenerde. Dann kam ein leises Zittern in das durchscheinende Körperchen, und plötzlich entfalteten sich von den Schultern herab zwei helle Flügel, weißer als das Mondlicht und so rein wie Schnee. Sie überragten das blonde Haupt und sanken bis an die Füße nieder. Nie, nie hat die kleine Maja in ihrem Leben wieder etwas so Liebliches gesehen. Und während das lichte kleine Menschlein so dastand und seine Hände gegen den Himmel reckte, erhob es seine Stimme wieder, und Maja verstand das Lied, das in die Nacht hinausklang:

Meine Heimat ist das Licht.Heller Himmel meine Freude.Tod und Leben wechseln beide,aber meine Seele nicht.

Meine Seele ist der Hauch,der aus aller Schönheit bricht,wie aus Gottes Angesicht,so aus seiner Schöpfung auch.

Die kleine Maja überkam ein heftiges Schluchzen, sie konnte sich nicht erklären, was sie so traurig machte und sie gleichzeitig so beglückte.

Da wandte sich das kleine Menschenwesen nach ihr um:

„Wer weint denn da?“ fragte es mit seiner klaren Stimme.

„Ach, das bin nur ich“, stammelte Maja. „Entschuldigen Sie, daß ich gestört habe.“

„Warum weinst du denn?“

„Ich weiß es nicht,“ sagte Maja, „vielleicht nur, weil Sie so schön sind. Wer sind Sie, ach sagen Sie es mir, wenn ich nicht zuviel verlange. Sie sind sicher ein Engel.“

„O nein,“ sagte das kleine Wesen und blieb ganz ernst, „ich bin nur ein Blumenelf. Aber du kannst ruhig du zu mir sagen. Was machst denn du kleine Biene in der Nacht draußen auf der Wiese?“

Der Elf flog zu Maja hinüber, setzte sich auf ein gebogenes Lilienblatt, das ihn sanft schaukelte und betrachtete die kleine Biene ernst und freundlich. Und während Maja ihm erzählte, alles was sie wußte und wollte und was sie getan hatte, sahen immer die großen dunklen Augen aus dem weißen Elfengesicht sie an, unter dem goldenen Haar hervor, das im Mond zuweilen wie Silber glänzte.

Der Blumenelf strich Maja über das Köpfchen, als sie ihre Geschichte erzählt hatte und sah sie so innig und liebevoll an, daß die kleine Biene vor Glück die Blicke senken mußte. Und dann erzählte er ihr:

„Wir Elfen leben sieben Nächte, aber wir müssen in der Blume bleiben, in der wir geboren sind. Wenn wir die Blume verlassen, so müssen wir im Morgenrot sterben.“

Maja riß vor Angst und Schrecken die Augen weit auf.

„O rasch, rasch, flieg in deine Blume zurück!“ rief sie.

Der Elf schüttelte traurig den Kopf.

„Nun ist es zu spät,“ sagte er, „aber höre weiter. Die meisten Elfen verlassen ihre Blumen, denn es verbindet sich ein großes Glück damit. Wer seine Blume verläßt und so einen frühen Tod erleidet, der hat zuvor eine wunderbare Macht. Er kann dem ersten Wesen, das ihm begegnet, seinen liebsten Wunsch erfüllen. Wenn er ernstlich den Willen hat, die Blume zu verlassen, um andere zu beglücken, so wachsen ihm zugleich seine Flügel.“

„Ach, wie herrlich,“ rief Maja, „da würde ich auch die Blume verlassen. Das muß wunderschön sein, den liebsten Wunsch eines anderen zu erfüllen.“ Die kleine Biene dachte gar nicht daran, daß sie das erste Wesen war, dem der Elf auf seinem Flug aus der Blume begegnet war.

„Und dann,“ fragte sie, „mußt du dann sterben?“

Der Elf nickte, aber diesmal gar nicht traurig.

„Wir sehen noch das Morgenrot,“ sagte er, „aber wenn der Tau fällt, dann zieht es uns zu den feinen Schleiern hinüber, die über dem Gras der Wiesen schweben. Hast du nicht oft gesehen, daß diese Schleier ganz weiß leuchten, als wäre Licht darin? Das sind die Elfen, ihre Flügel und ihre Kleider. Und mit dem heraufsteigenden Licht verwandeln wir uns in Tautropfen. Die Pflanzen trinken uns und nehmen uns in ihr Blühen und Wachsen auf, bis wir nach Zeiten wieder als Elfen aus ihren Blumenkelchen steigen.“

„So warst du früher schon einmal ein anderer Elf?“ fragte Maja in atemloser Spannung.

Die ernsten Augen nickten ihr zu:

„Ja, aber ich habe es vergessen. Wir vergessen alles in unserm Blumenschlaf.“

„O, dein Los ist lieblich“, rief die kleine Maja.

„Es ist das Los aller Erdenwesen,“ sagte der Elf, „wenn man es weit und groß betrachtet. Auch wenn es nicht immer Blumen sind, in denen sie aus ihrem Todesschlaf erwachen. Aber davon wollen wir heute nicht sprechen.“

„O, ich bin glücklich“, rief Maja.

„So hast du keinen Wunsch?“ fragte der Elf. „Weißt du denn nicht, daß du das erste Wesen bist, das mir begegnet und daß ich deinen liebsten Wunsch erfüllen soll?“

„Ich?“ rief Maja, „aber ich bin doch nur eine Biene. Nein, das ist zuviel Freude für mich, ich habe nicht verdient, daß man so gut gegen mich ist.“

„Niemand verdient das Gute und Schöne,“ sagte der Elf, „es kommt zu uns wie der Sonnenschein.“

Majas Herz klopfte stürmisch. O, sie hatte seit lange einen heißen Wunsch, aber sie wagte es nicht, ihn vorzubringen. Aber der Elf schien es zu ahnen, denn er lächelte so, daß man ihm nichts verschweigen konnte.

„Nun?“ fragte er und strich sich das goldene Haar aus der reinen Stirn.

„Ich möchte die Menschen kennenlernen, wie sie am schönsten sind“, sagte die kleine Biene heiß und rasch und fürchtete, sie würde hören, daß man einen so großen Wunsch nicht erfüllen könnte.

Aber der Elf erhob sich ernst und ruhig, und seine Augen bekamen einen Glanz von Zuversicht, er nahm die zitternde Hand der kleinen Maja und sagte:

„Komm, wir fliegen zusammen, dein Wunsch soll in Erfüllung gehen.“

So flogen der Blumenelf und die kleine Maja durch die Sommernacht dicht über den blühenden Blumen dahin. Als sie über den Bach kamen, blinkte das weiße Spiegelbild des Elfen im Wasser auf, als zöge ein Stern hindurch.

Mit wieviel Beglücktheit vertraute die kleine Biene sich diesem holden Wesen an! Sie hätte gar zu gern eine Menge wichtiger Fragen gestellt, aber sie wagte es nicht. Der Elf würde es schon gut hinausführen, das fühlte sie zuversichtlich.

Als sie miteinander durch eine hohe Pappelallee flogen, surrte es über ihnen, und ein dunkler Schmetterling, groß und stark wie ein Vogel, kreuzte ihren Weg. Der Blumenelf rief ihn an:

„Warte einen Augenblick, ich bitte dich!“ rief er.

Maja war sehr erstaunt, wie bereitwillig der dunkle Falter dem Ruf gehorchte. Sie ließen sich auf einem Astder hohen Pappel nieder. Neben ihnen flüsterte das bewegliche Laub im Mond, und man sah weit in die stille, beschienene Nachtlandschaft. Der Falter saß Maja grade gegenüber mitten im Mondlicht. Er hob seine ausgebreiteten Flügel langsam und senkte sie wieder sanft, als wollte er jemandem Kühlung zufächeln. Maja sah, daß quer über die Flügel breite Streifen liefen von einem hellen, herrlichen Blau. Sein schwarzer Kopf war wie mit dunklem Samt gedeckt, und sein Gesicht, darin ein schwarzes Augenpaar glühte, sah aus, als trüge er eine seltsam geheimnisvolle Maske. Wie wunderbar waren die Tiere der Nacht. Maja fröstelte ein wenig, ihr war zumut, als träumte sie den sonderbarsten Traum ihres Lebens.

„Sie sind sehr schön,“ sagte sie zu dem Fremden, „also wirklich ...“ Ihr war ganz feierlich zu Sinn.

„Wen hast du denn da bei dir?“ fragte der Nachtfalter den Elf.

„Es ist eine Biene“, antwortete der Elf. „Ich bin ihr begegnet, als ich den Blumenkelch verließ.“

Der Falter schien zu wissen, was sich damit verband, denn er sah Maja beinahe ein wenig neidisch an und nickte ihr ernst und gedankenvoll zu.

„Sie Glückliche“, sagte er dann leise.

„Sind denn Sie vielleicht traurig?“ fragte Maja herzlich.

Der Falter schüttelte den Kopf.

„Nein, das nicht“, sagte er freundlich und dankbar undsah Maja so lieb an, daß sie gern gleich Freundschaft mit ihm geschlossen hätte. Aber dazu war er zu groß.

Nun fragte der Blumenelf den Falter, ob die Fledermaus schon zur Ruhe gegangen sei.

„O ja,“ antwortete der Falter, „schon längst. Du meinst wohl wegen deiner Begleiterin?“ fügte er hinzu.

Der Elf nickte, und Maja hätte gern gewußt, was eine Fledermaus ist, aber der Elf schien es eilig zu haben. In holder Ruhlosigkeit warf er sein schimmerndes Haar zurück. „Eine Nacht ist so kurz,“ sagte er, „komm, Maja, wir müssen eilen.“

„Soll ich dich ein Stückchen tragen?“ fragte der Nachtfalter.

Der Elf dankte. „Ein andermal!“ rief er.

So wird es nie mehr sein, dachte die kleine Biene, als sie weiterflogen, denn im Morgenrot muß der Blumenelf sterben.

Der Nachtfalter blieb noch sitzen und sah den beiden nach, bis der Schein des Elfenkleides immer kleiner und kleiner wurde und endlich ganz in den Tiefen der blauen Ferne versank. Dann drehte er sich langsam auf seinem Blatt etwas herum, wandte den Kopf und betrachtete seine großen dunklen Flügel mit den breiten blauen Bändern darauf. Er wurde dabei sehr nachdenklich.

Ich habe so oft gehört, sann er, daß ich grau und häßlich bin und daß mein Kleid den prächtigen Gewändern der Tagesfalter nicht zu vergleichen wäre. Die kleineBiene hat an mir nur das gesehen, was schön ist. — Und dann dachte er darüber nach, ob er nicht vielleicht doch traurig sei, Maja hatte ihn danach gefragt. „Nein,“ sagte er endlich, „ich bin es jetzt nicht mehr, so viel ist sicher.“ —

Indessen flogen Maja und der Blumenelf durch das dichte Gebüsch eines Gartens. Das war eine Pracht im gedämpften Mondglanz, wie kein irdischer Mund sie nennen kann. Ein betörend süßer Hauch von Taukühle und schlummernden Blumen verzauberte alles zu unaussprechlichen Wohltaten der Natur. Die lila Trauben der Akazien funkelten vor Frische, und der Junirosenbusch sah wie ein kleiner blühender Himmel voller roter Lampen aus. Bleich und traurig glommen die weißen Sterne des Jasmin, sie strömten einen Duft aus, als wollten sie noch in dieser Stunde alles verschenken, was ihr eigen war. Maja wurde ganz verwirrt und preßte die Hand des Elfen, dessen Augen verklärt und selig schimmerten.

„Wer hätte das gedacht,“ sagte die kleine Maja, „nein, wer hätte das für möglich gehalten.“ Aber da erblickte sie etwas, das sie von Herzen traurig stimmte.

„O,“ rief sie, „sieh, ein Stern ist gefallen! Nun irrt er umher und kann seinen Platz am Himmel nicht wiederfinden.“

„Es ist ein Glühkäferchen“, sagte der Blumenelf ernst.

Da merkte Maja trotz ihres Erstaunens zum erstenmal, warum ihr der Elf so liebevoll erschien. Er lachte niemals über ihre Unkenntnis, sondern er half ihren armen Gedanken, wenn sie sich nicht zurechtfinden konnten.

„Es sind seltsame Tierchen“, fuhr der Elf fort. „Sie tragen ihr eigenes Licht durch die laue Nacht umher, so beleben sie das Dunkel unter den Kuppeln der Büsche, wohin der Mond nicht dringt und finden einander leicht. Später sollst du einen kennenlernen, wenn wir zu den Menschen kommen.“

Maja wollte wissen weshalb.

„Gleich wirst du es sehen“, sagte der Blumenelf.

Sie waren inzwischen an einer Laube angekommen, die über und über von Jasmin und Gaisblatt bewachsen war. Sie ließen sich dicht am Boden nieder, ganz in der Nähe der Laube, aus der ein leises Flüstern klang. Der Blumenelf winkte einem Glühkäferchen. „Sei so gut,“ bat er den Kleinen, „leuchte ein wenig, wir müssen hier durch die dunklen Blätter hindurch, um in das Innere der Jasminlaube zu dringen.“

„Aber dein Schein ist ja viel heller als meiner“, sagte der Glühkäfer.

„Das finde ich auch“, meinte Maja, eigentlich nur um ihre Erregung zu verbergen.

„Ich muß mich in ein Blatt einhüllen,“ erklärte der Elf, „sonst sehen die Menschen mich und sie würden erschrecken. Wir Elfen erscheinen den Menschen nur in ihren Träumen.“

„Das ist etwas anderes“, sagte der Glühkäfer. „Mach gütigst Gebrauch von mir. Ich werde tun, was ich kann. Wird das große Tier, das du bei dir hast, mir nichts zu leide tun?“

Der Elf schüttelte den Kopf, und der Glühkäfer glaubte ihm gleich.

Nun nahm der Blumenelf ein Blatt und wickelte sich sorgfältig hinein, so daß sein weißes Kleid nirgends durchschimmerte. Dann pflückte er eine kleine blaue Glockenblume, die er im Gras fand, und setzte sie wie einen Helm auf sein leuchtendes Haar. Nun war nur sein weißes Gesicht zu sehen, das so klein war, daß sicher niemand es entdeckt hätte. Er bat den Glühkäfer, sich auf seine Schulter zu setzen und sein Lämpchen an der einen Seite mit dem Flügel ein wenig abzudämpfen, damit es die Augen nicht blendete. Dann nahm er Majas Hand und sagte:

„Nun komm. Am besten klettern wir hier empor.“

Die kleine Maja dachte an das, was der Elf vorhin erzählt hatte, und fragte, während sie in den Ranken aufwärtsstiegen:

„Träumen die Menschen, wenn sie schlafen?“

„Nicht nur dann,“ sagte der Elf, „sondern sie träumen zuweilen auch, wenn sie wachen. Dann sitzen sie da, etwas in sich zusammengesunken, ihr Kopf neigt sich ein wenig, und ihre Augen suchen in der Ferne, als ob sie bis in den Himmel schauen möchten. Immer sind ihre Träume schöner als das Leben, deshalb erscheinen wir ihnen darin.“

Aber da legte der Elf rasch das winzige Fingerchen auf seine Lippen, bog einen keinen blühenden Jasminzweig zur Seite und schob dann Maja ein wenig vor.

„Sieh nun hinab,“ sagte er leise, „dort findest du, was du dir gewünscht hast.“

Da sah die kleine Biene im Mondschatten auf einer Bank zwei Menschen sitzen. Es waren ein Mädchen und ein Jüngling. Sie hatte ihren Kopf an seine Schulter gelehnt, und sein Arm hielt sie umschlungen, als ob er sie schützen wollte. Sie saßen ganz still da und schauten mit großen Augen in die Nacht. Es war so ruhig, als wären sie beide eingeschlafen, nur in der Ferne hörte man die Grillen und langsam, langsam wanderte das Mondlicht in den Blättern.

Die kleine Maja sah voll Entzücken in das Gesicht des Mädchens. Obgleich es bleich und traurig erschien, lag doch ein Schimmer von großem Glück darüber, der wie ein heimliches Leuchten war. Über den großen Augen ruhte goldenes Haar, wie auch der Elf es hatte, und auf dem Haar lag der Himmelsschein der Sommernacht. Von ihren roten Lippen, die ein klein wenig geöffnet waren, ging ein Hauch von Wehmut und Seligkeit, als ob sie alles, was ihr eigen war, zum Glück des Mannes dahingeben wollte der an ihrer Seite saß. Und nun wandte sie sich ihm zu und zog sein Haupt zu sich nieder und sagte etwas, das ein Lächeln in sein Gesicht zauberte, wie Maja nie geglaubt hatte, daß ein Wesen der Erde lächeln könnte. In seinen Augen strahlten ein Glück und eine Kraft, als ob die ganze, große Erde sein Eigentum wäre und als wären Leid und Ungemach für immer aus der Welt verbannt.

Es verlangte Maja nicht danach zu wissen, was er dem Mädchen antwortete. Ihr Herz zitterte, als sei die Seligkeit, die von den Menschen unter ihr ausging, auch ihr Eigentum. „Nun habe ich das Herrlichste gesehen,“ flüsterte sie bebend, „was meine Augen jemals schauen werden. Ich weiß nun, daß die Menschen am schönsten sind, wenn sie einander liebhaben.“

Sie wußte nicht, wie lange sie so still und in Schaun versunken hinter den Blättern gesessen hatte. Als sie sich umwandte, war der Schein des Glühkäfers erloschen, und der Elf war fort.

Da erblickte sie durch den Ausgang der Laube fern über der Landschaft einen schmalen, roten Lichtstreif am Horizont.

Die Sonne war schon hoch über die Kronen der Buchen emporgestiegen, als Maja am anderen Morgen in ihrer Waldburg erwachte. Anfangs glaubte sie, das ganze Erlebnis der letzten Nacht sei ein schöner Traum gewesen, aber dann entsann sie sich, daß sie in der kühlen Morgendämmerung in ihrer Behausung angelangt war, und nun war es fast schon Mittag. Nein, es war Wirklichkeit gewesen, sie hatte die Nacht mit dem Elfen verbracht unddie Menschen gesehen, die sich in der Jasminlaube im Mondschein umschlungen gehalten hatten.

Draußen brannte die Sonne heiß auf den Blättern, es zog ein warmer Wind, und sie hörte die vielerlei Stimmen der Insekten. Ach, was wußten die anderen, und was wußte sie! Sie war so stolz auf ihr Erlebnis, daß sie gar nicht rasch genug hinauskommen konnte, sie meinte, alle müßten es ihr ansehen, was ihr geschehen war.

Aber draußen in der Sonne nahm alles den gewohnten Gang. Nichts war verändert, und nichts erinnerte an die blaue Nacht. Die Insekten kamen, grüßten und zogen, drüben auf der Wiese war über den hohen bunten Sommerblumen, im Flimmern der heißen Luft, ein großer Verkehr. Maja ward plötzlich ganz traurig zumut. Sie fühlte, daß es niemand in der Welt gab, der an ihrem Glück oder an ihrer Betrübnis teilnahm. Sie konnte sich nicht entschließen, zu den anderen hinüberzufliegen. Ich will in den Wald, dachte sie, der Wald ist ernst und feierlich, er paßt zu dem Zustand, in welchem mein Herz sich befindet.

Wieviel Geheimnisvolles und wie viele Wunder das Waldesdunkel birgt, ahnt wohl niemand, der rasch und gedankenlos auf den gebahnten Wegen dahingeht. Dazu muß man die Zweige der Büsche auseinandergebogen haben, oder seine Blicke zwischen den Brombeerranken hindurch in die hohen Gräser und über das dichte Moos schweifen lassen. Unter schattigen Blättern der Pflanzen, in Erdlöchern und Baumhöhlen, zwischen den morschenRinden verwitterter Holzstümpfe und im krausen Schlingwerk der Wurzeln, die sich wie Schlangenleiber über den Erdboden dahinwinden, ist Tag und Nacht ein reges und vielgestaltiges Leben, voller Freuden und Gefahren, voller Kampf und Leid und Vergnügen.

Die kleine Maja ahnte von alledem nur wenig, als sie zwischen den braunen Stämmen und dem grünen Blätterdach dahinflog. Sie erkannte unter sich im Gras eine schmale Spur, die als ein deutlicher Weg durch Dickicht und Lichtungen führte. Zuweilen schien es ihr, als verschwände die Sonne hinter Wolken, so tief wurden die Schatten unter den hohen Kronen und im dichten Buschwerk; dann wieder flog sie in lauter goldgrünem Glänzen dahin, unter sich die breitblätterigen kleinen Wälder der Waldfarren und blühende Brombeerranken.

Endlich öffnete der Wald seine überdachten Säulentore, und vor Majas Blicken lag ein weites Kornfeld in der goldenen Sonne. In den Ähren leuchteten Kornblumen und Mohn. Die kleine Biene ließ sich in den Zweigen einer Birke nieder, die am Rand des Feldes stand, und betrachtete entzückt das goldene Meer, das sich im Frieden des stillen Tags vor ihr ausbreitete. Es erschien ihr unabsehbar weit, und es gingen sanfte Wogen darüber hin; das tat der schüchterne Sommerwind, der so liebreich wehte, um nirgends die Ruhe der schönen Welt zu stören.

Ein paar kleine braune Schmetterlinge spielten unter der Birke über dem Korn ‚Von Mohn zu Mohn‘. Das istunter jungen Schmetterlingen ein sehr beliebtes Gesellschaftsspiel. Jeder Schmetterling setzt sich auf eine Blume, und es muß ein Spieler mehr da sein, als Blumen in der Nähe stehen. Dieser eine sitzt in der Mitte des Kreises und ruft. Wenn sein Ruf erklingt, müssen alle auffliegen und die Blumen wechseln. Wer zu spät kommt und keine Blume mehr findet, wird in die Mitte geschickt und muß abrufen. Das war sehr unterhaltend.

Maja sah eine Weile zu, es machte ihr viel Vergnügen. Das könnte man auch die kleinen Bienen im Stock lehren, dachte sie, da nennen wir es dann ‚Von Zelle zu Zelle‘. Aber Kassandra wird wahrscheinlich zu streng sein.

Die kleine Maja wurde plötzlich traurig gestimmt, das kam sicher durch ihre Erinnerung an die Heimat. Als sie darüber nachdenken wollte, sagte neben ihr jemand:

„Guten Morgen. Sie sind eine Bestie, wie mir scheint.“

Die kleine Maja erschrak sehr und drehte sich rasch um.

„Nein,“ sagte sie, „bestimmt nicht!“

Neben ihr saß eine kleine braune Halbkugel mit sieben schwarzen Punkten darauf. Unter dieser rotbraunen Kuppel, die übrigens prächtig glänzte, sah man ein winziges schwarzes Köpfchen, in dem zwei helle Äuglein funkelten, und nun erkannte Maja auch die dünnen Beinchen, die, fein wie Fäden, unter der punktierten Kuppel hervorschauten und sie so gut trugen als sie eben konnten. Dieser kleine Dicke war es, der Maja angerufen hatte. Trotzseiner seltsamen Gestalt gefiel er der Biene ausgezeichnet, er hatte etwas gradezu Anmutiges.

„Wer sind Sie nur?“ fragte sie, „ich selbst bin Maja, vom Volk der Bienen.“

„Wollen Sie mich beleidigen?“ fragte der Kleine. „Dazu liegt kein Grund vor, das merken Sie sich.“

„Aber wie sollte ich dazu kommen?“ fragte die kleine Maja ganz erschrocken, „ich kenne Sie in der Tat nicht.“

„Das kann jeder sagen“, meinte der Dicke. „Nun, ich will Ihrem Gedächtnis nachhelfen. Zählen Sie.“ Und der Kleine begann sich langsam umzudrehn.

„Soll ich Ihre Punkte zählen?“

„Ja, bitte schön“, sagte der Käfer.

„Es sind sieben Punkte“, sagte Maja.

„Nun?“ fragte der Käfer, „also? Sie wissen es immer noch nicht? So will ich es Ihnen sagen. Ich heiße genau so, wie sich nachzählen läßt. Ich gehöre zur Familie der Siebenpunkte, heiße Alois und bin meines Zeichens Dichter. Die Menschen nennen mich auch Marienkäfer. Das ist ihre Sache. Aber das wissen Sie ja jedenfalls.“

Maja wagte nicht nein zu sagen, denn sie fürchtete Alois zu kränken.

„O,“ sagte Alois, „ich lebe vom Sonnenschein, vom Frieden des Tages und von der Liebe der Menschen.“

„Aber essen Sie denn nichts?“ fragte Maja überrascht.

„Doch, Blattläuse. Sie nicht?“

„Nein,“ sagte Maja, „das ist doch ...“

„Was ist es denn? Wie?“

„Es ist nicht üblich“, sagte Maja schüchtern.

„Natürlich!“ rief Alois und versuchte die eine Schulter hochzuziehen, was ihm aber wegen seiner festen Kuppel nicht gelang, „Sie tun als Bürgerliche selbstverständlich nur das, was üblich ist. Damit kämen wir Dichter nicht weit. Haben Sie Zeit?“

„Doch,“ sagte Maja, „gewiß.“

„Dann werde ich Ihnen eine Dichtung vortragen. Sitzen Sie still und schließen Sie die Augen, damit die Umgebung Sie nicht stört. Das Gedicht heißt ‚Der Menschenfinger‘. Es ist ein persönliches Erlebnis und von mir. Hören Sie?“

„Ja,“ sagte Maja, „jedes Wort.“

„Also:

Der Menschenfinger

Einmal hast du mich entdeckt,als ich Glück im Leben hatte.Du bist rund und langgestreckt.Oben hast du eine glatte,zugespitzte Panzerplatte,welche sich bewegen läßt,aber unten sitzt du fest!

Nun?“ fragte Alois nach einem kleinen Schweigen. Er hatte Tränen in den Augen und seine Stimme zitterte.

„Der Menschenfinger hat mich sehr ergriffen“, meinteMaja, die etwas verlegen geworden war. Eigentlich kannte sie schönere Lieder.

„Wie finden Sie die Form?“ fragte Alois und lächelte wehmütig. Er war sichtlich durch die Wirkung überwältigt, die er hervorgebracht hatte.

„Rund und langgestreckt“, antwortete Maja. „Sie haben es ja selbst gedichtet.“

„Ich meine die künstlerische Form, ich meine die Form meiner Dichtung.“

„Ah,“ sagte Maja, „ach so. Ja, die finde ich gut.“

„Nicht wahr?“ rief Alois. „Sie wollten sagen, daß dies Lied dem besten eingereiht werden kann, was Sie kennen, daß man weit zurückgreifen muß, ehe man etwas Verwandtes findet. Die Kunst muß zunächst Neuigkeiten enthalten, das ist es, was die meisten Dichter übersehen. Und dann Größe, nicht wahr?“

„Doch,“ sagte Maja, „ich glaube ...“

„Ihr zuversichtlicher Glaube an meine Bedeutung, den Sie ausgesprochen haben,“ sagte Alois, „beschämt mich gradezu. Haben Sie Dank. Ich muß nun weiter, denn die Einsamkeit ist die Zierde des Künstlers. Leben Sie wohl.“

„Adieu“, sagte Maja, die gar nicht recht wußte, was der Kleine eigentlich gewollt hatte. Nun, er selbst wird es schon wissen, dachte sie. Groß ist er ja eigentlich nicht, aber vielleicht wächst er noch. Sie sah ihm nach, wie er eifrig den Zweig hinaufkrabbelte. Man konnte seinewinzigen Beinchen kaum unterscheiden, so daß es aussah, als schöbe er sich auf kleinen Rollen davon.

Dann sah Maja wieder auf das goldene Kornfeld nieder, über dem die Schmetterlinge spielten. Das gefiel ihr weit besser als das Werk des Alois Siebenpunkt.

Ach, wie froh hatte dieser Tag begonnen, und wie voller Angst und Schrecken sollte er enden. Maja hatte zuvor noch eine sehr merkwürdige Bekanntschaft gemacht, es war am Nachmittag gewesen, in der Nähe einer großen alten Wassertonne. Sie saß in den duftenden Holunderblüten, die sich in der stillen, schwarzen Wasserfläche der Tonne spiegelten. Über ihr sang ein Rotkehlchen so lieblich und froh, daß die kleine Maja es gradezu trostlos fand, daß man sich mit den Vögeln nicht befreunden konnte. Sie waren zu groß und fraßen einen auf, das war die Sache. Sie hatte sich in der weißen Blütendolde des Holunder versteckt und lauschte und blinzelte dabei mit den Augen, so daß der Sonnenschein ihr spitze Pfeile schickte, als neben ihr jemand seufzte. Als sie sich umdrehte, sah sie das sonderbarste Tier, das ihr jemals begegnet war. Auf den ersten Blick glaubte sie, daß es mindestens hundert Beine an jeder Seite hatte. Es war wohl dreimal solang wie sie selbst, aber schmal und niedrig und ohne Flügel.

„Himmel noch mal!“ rief Maja ganz erschrocken, „Sie müssen aber laufen können.“

Der Fremde sah sie nachdenklich an.

„Ich zweifle daran,“ meinte er, „es könnte besser sein. Ich habe zu viele Beine. Wissen Sie, ehe man sie alle bewegt hat, vergeht zu viel Zeit. Es gab Zeiten, in denen ich das nicht gewußt habe, da ist mir oft der Wunsch gekommen, ich hätte ein paar Beine mehr. Aber wie Gott will. Wer sind denn Sie?“

Maja stellte sich vor.

Der andere nickte und bewegte einige Beine.

„Ich bin Hieronymus,“ sagte er, „von der Familie der Tausendfüßler. Wir sind ein altes Geschlecht und erregen überall Bewunderung. Es gibt keine Tiere, die annähernd unsere Beinzahl aufzuweisen haben. Acht ist das Höchste bei den andern, soviel ich weiß.“

„Sie sind fabelhaft interessant,“ sagte die kleine Maja, „und sehr eigenartig in der Farbe. Haben Sie Familie?“

„Aber nein! Wieso denn?“ fragte der Tausendfüßler. „Wohin sollte das führen? Wir kriechen aus dem Ei und damit basta. Wenn nicht einmal wir auf eigenen Füßen stehen könnten, wer sollte es dann können?“

„Das ist ja richtig,“ meinte Maja nachdenklich, „aber haben Sie gar keinen Anschluß?“

„Nein, meine Gute. Ich ernähre mich und zweifle.“

„Ach, woran zweifeln Sie denn?“

„Es ist mir angeboren,“ entgegnete der Fremde, „ich muß immer zweifeln.“

Maja sah ihn mit großen, erstaunten Augen an. Sie verstand nicht, wie er das meinte, und wollte doch nicht allzu neugierig in seine Angelegenheiten eindringen.

„Ich zweifle daran,“ sagte nach einer Weile Hieronymus, „daß Sie sich hier einen günstigen Ort zum Aufenthalt ausgesucht haben. Wissen Sie nicht, was drüben in der großen Weide liegt?“

„Nein.“

„Sehen Sie, ich habe gleich bezweifelt, daß Sie es wissen. Dort liegt die Hornissenstadt.“

Maja wäre fast von der Blütendolde gefallen, so furchtbar erschrak sie. Sie wurde totenblaß, und zitternd fragte sie, wo die Stadt läge.

„Sehen Sie dort den alten Starenkasten im Gebüsch am Stamm der Weide? Er ist so ungeschickt angebracht, daß ich gleich daran gezweifelt habe, daß er jemals von Staren bezogen wird. Wenn so ein Kasten nicht gegen Sonnenaufgang geöffnet ist, besinnt sich jeder anständige Vogel, ehe er einzieht. Die Hornissen haben nun darin ihre Stadt angelegt und befestigt. Es ist die größte Hornissenburg im Land. Das sollten Sie eigentlich wissen, denn soviel ich beobachtet habe, stellen diese Räuber euch Bienen nach.“

Maja hörte kaum noch zu. Sie unterschied deutlich die braunen Mauern der Burg im Grün, und ihr Atem stockte.

„Ich muß fort,“ rief sie, „so rasch als möglich.“

Aber da klang hinter ihr ein lautes, böses Lachen, und gleich darauf fühlte die kleine Maja sich so energisch am Kragen gepackt, daß sie meinte, ihr Genick sei gebrochen. Nie in ihrem Leben hat sie dies Lachen vergessen können. Es klang wie ein Hohngelächter aus der Finsternis, und ein grauenerregendes Klirren von einem Panzer mischte sich hinein.

Hieronymus ließ sich mit allen seinen Beinen zugleich los und purzelte durch die Zweige in die Wassertonne.

„Ich zweifle daran, daß es gut geht“, rief er, aber das hörte die arme kleine Biene nicht mehr.

Sie konnte sich anfangs kaum umkehren, so fest wurde sie gehalten. Sie sah einen goldgepanzerten Arm und dann plötzlich über sich einen ungeheuren Kopf mit fürchterlichen Zangen. Zuerst glaubte sie, es sei eine riesengroße Wespe, aber dann erkannte sie, daß sie sich in den Fängen einer Hornisse befand. Das schwarz und gelb getigerte Ungeheuer war wohl viermal so groß wie sie selbst.

Endlich löste sich ihre Stimme, und sie schrie so laut um Hilfe, als sie konnte.

„Laß doch, Kerlchen“, meinte die Hornisse mit einer ganz unausstehlichen Freundlichkeit und lächelte Maja böse an. „Es dauert nur so lange, bis es vorüber ist.“

„Lassen Sie mich los,“ schrie Maja, „oder ich steche Sie ins Herz.“

„Gleich ins Herz?“ lachte der Räuber, „das ist ja sehr mutig. Aber es hat noch Zeit, meine Kleine.“

Maja geriet in furchtbare Wut. Mit Aufwendung aller ihrer Kräfte drehte sie sich herum, stieß ihren hellen, hohen Kampfruf aus und richtete ihren Stachel der Hornisse mitten auf die Brust. Aber da geschah das angsterregende Wunder, daß ihr Stachel sich umbog, ohne einzudringen. Er prallte am Panzer des Räubers ab.

Die Augen der Hornisse funkelten vor Zorn.

„Ich könnte dir jetzt deinen Kopf abbeißen, Kleine, um dich für diese Unverschämtheit zu strafen,“ sagte sie grimmig, „und ich würde es auch tun, wenn die Königin nicht lieber frische Biene äße, als tote Biene. So einen fetten Bissen, wie du es bist, bringt man der Königin, wenn man ein guter Soldat ist.“

Und sie flog mit Maja in die Luft empor und grade auf die Räuberburg zu.

Nein, das ist zuviel, dachte die arme Biene, das hält niemand aus. Und sie verlor die Besinnung.

Als sie nach längerer Zeit aus ihrer Betäubung erwachte war es um sie her schwül und dämmerig, und die Luft war von einem scharfen durchdringenden Geruch erfüllt, der ihr schrecklicher erschien, als alles was sie kannte. Langsam besann sie sich, und eine lähmende Traurigkeit sank in ihr Herz. Sie wollte weinen und konnte nicht.

„Noch bin ich nicht gefressen,“ sagte sie zitternd, „aber es kann jeden Augenblick stattfinden.“

Durch die Wände ihres Kerkers vernahm sie deutlich Stimmen. Nun sah sie auch, daß ein wenig Licht durch eine schmale Spalte fiel. Die Hornissen bauten ihre Mauern nicht aus Wachs, wie die Bienen, sondern aus einer trockenen Masse, die wie lockeres graues Papier aussah. Im schmalen Lichtstreifen, der in ihren Kerker drang, erkannte sie nun auch langsam ihre Umgebung, und sie erstarrte beinahe vor Schreck, als sie rings umher Tote liegen sah. Grade zu ihren Füßen lag ein kleiner Rosenkäfer auf dem Rücken, und etwas weiter zur Seite erkannte sie das Gerüst eines großen Laufkäfers, zur Hälfte durchbrochen, und überall lagen Flügel und Panzerdecken hingemordeter Bienen.

„Ach, daß mir dies geschehn mußte“, wimmerte die kleine Maja. Sie wagte sich nicht mehr zu rühren und preßte sich frierend vor Entsetzen und Angst in die äußerste Ecke der schrecklichen Kammer.

Da hörte sie durch die Wand wieder deutlich die Stimmen der Hornissen, und von Todesangst getrieben kroch sie an den kleinen Spalt und schaute hindurch.

Da sah sie einen großen Saal, der ganz mit Hornissen angefüllt war und der von einer großen Anzahl von gefangenen Glühkäfern auf das prächtigste erleuchtet wurde. Auf einem Thron inmitten der Ihren saß die Königin. Es schien eine wichtige Beratung stattzufinden, Maja verstand jedes Wort.

Wenn ihr nur diese glitzernden Ungeheuer nicht solch unsägliches Entsetzen eingeflößt hätten, sie würde sicher über ihre Kraft und Pracht in Entzücken geraten sein. Zum erstenmal erkannte sie jetzt deutlich, wie die Räuber aussahen. Mit Staunen und Zittern sah sie den Prunk der goldenen Panzer, die den ganzen Leib hinunter mit herrlichen schwarzen Schienen verziert waren, so daß man einen Eindruck von ihnen hatte, wie wohl ein Kind ihn haben mag, das zum erstenmal einen Tiger erblickt.

Ein Wächter ging an den Wänden des Saals umher und forderte die Glühkäfer auf, aus Leibeskräften zu leuchten. Er tat es leise und drohend, um die Beratung nicht zu stören, stieß mit einer langen Stange nach ihnen und zischte jedesmal.

„Leuchte, sonst freß ich dich!“

Es war ganz fürchterlich, wie es in der Hornissenburg zuging.

Da hörte Maja die Hornissenkönigin sagen:

„Also bleibt es bei unserer Abmachung: Morgen, eine Stunde vor Sonnenaufgang, versammeln sich die Krieger. Die Stadt der Bienen im Schloßpark wird überfallen. Der Stock wird ausgeraubt und möglichst viele Gefangene werden gemacht. Wer Helene die Achte, die Bienenkönigin, gefangennimmt und mir lebendig überliefert, wird in den Ritterstand erhoben. Haltet euch tapfer und bringt mir gute Beute heim. Und hiermit hebe ich die Versammlung auf. Begebt euch zur Ruhe!“

Sie erhob sich nach diesen Worten und verließ mit ihrem Gefolge den Saal.

Die kleine Maja hätte beinahe laut aufgeweint.

„Mein Volk,“ schluchzte sie, „meine Heimat!“ Sie preßte ihre Hände in den Mund, um nicht zu schreien, ihre Verzweiflung war grenzenlos. „Ach, wäre ich gestorben, ehe ich dies hören mußte“, wimmerte sie. „Niemand wird die Meinen warnen. Sie werden im Schlaf überfallen und ermordet. O lieber Gott, tu ein Wunder, hilf mir, hilf mir und meinem Volk aus unserer Not.“

Im Saal wurden die Glühkäferchen ausgelöscht und aufgefressen. Es wurde langsam still in der Burg. An Maja schien niemand mehr zu denken.

Langsam kam ein schwaches Dämmerlicht in ihrem Kerker auf, und ihr war, als klänge von außen her das Nachtlied der Grillen. Nie war der Biene etwas furchtbarer erschienen, als dies Burgverließ mit seinen Totengerippen.

Aber die Verzweiflung der kleinen Biene machte bald einer entschlossenen Besinnung Platz. Es war, als erinnerte sie sich wieder daran, daß sie eine Biene war. Hier sitze ich nun und weine und klage, dachte sie plötzlich, als ob ich nicht Gedanken und Kräfte hätte. O, ich mache meinembedrohten Volk und meiner Königin wenig Ehre. Sterben muß ich doch, da will ich es wenigstens stolz und mutig tun und nichts unversucht lassen, die Meinen zu retten.

Es war, als vergäße sie ganz die lange Zeit der Trennung von den Ihren und der Heimat, sie fühlte sich ihnen zugehöriger als je, und die große Verantwortung, die plötzlich auf ihr ruhte, weil sie den Plan der Hornissen kannte, verlieh ihr große Entschlossenheit und viel Mut.

Müssen die Meinen unterliegen und sterben, so will ich es auch, dachte sie, aber vorher will ich nichts ungetan lassen, sie zu retten.

„Es lebe meine Königin!“ rief sie.

„Ruhe da drinnen!“ scholl es barsch von außen.

Hu, war das eine fürchterliche Stimme. Es mußte der Wächter gewesen sein, der die Runde machte. Offenbar war es längst Nacht.

Als der Schritt draußen verhallt war, begann Maja sogleich damit, den Spalt zu erweitern, der in den Saal führte. Es gelang ihr leicht, die mürbe Wand zu zerbeißen, wenn sie auch lange Zeit brauchte, bevor die Öffnung groß genug war. Endlich konnte sie sich hindurchzwängen. Sie tat es vorsichtig und mit pochendem Herzen, sie wußte, daß es ihr Leben kosten würde, wenn man sie entdeckte. Aus unbekannten Gründen der Burg scholl ein tiefes Schnarchen.

Der Saal lag in gedämpftem blauen Licht, das vom Eingang hineinsank. Das ist Licht vom Mond, wußteMaja und schritt vorsichtig dahin, wobei sie sich stets in den tiefen Schatten an den Wänden hielt. Vom Saal führte ein schmaler hoher Flur zum Ausgang, von dort kam das Himmelslicht der Nacht. Maja seufzte tief auf, sie sah ganz fern in unendlicher Weite einen Stern am Himmel schimmern. Ach Freiheit, dachte sie.

Der Gang war ganz hell. Leise, Schritt für Schritt, schlich sie voran, das Tor kam immer näher. Wenn ich jetzt auffliege, dachte sie, so bin ich draußen. Ihr Herz schlug in der Brust, als ob es sie zersprengen wollte.

Da sah sie im Schatten des Tores an einer Säule den Wächter lehnen.

Wie angewurzelt blieb sie stehen, alle ihre Hoffnung sank dahin. Dort war kein Vorüberkommen. Was sollte sie tun? Das Beste wird sein, ich kehre um, dachte sie, aber der Anblick des Riesen am Tor hielt sie im Bann. Es schien, als schaute er ganz in Gedanken versunken in die beleuchtete Nachtlandschaft hinaus. Er hatte sein Kinn in die Hand gestützt, und sein Kopf war ein wenig geneigt. Wie der goldene Panzer im Mond glänzte! In seiner Haltung war etwas, das die kleine Maja bewegte. Er sieht so traurig aus, dachte sie, wie schön er ist, wie edel ist seine Haltung und wie stolz funkelt seine Rüstung. Tag und Nacht legt er sie nicht ab, er ist immer bereit zu rauben, zu kämpfen und zu sterben ...

Die kleine Maja vergaß ganz, daß es ihr Feind war, den sie vor sich sah. Ach, wie oft war es ihr so gegangen,daß ihr Herz und seine Freude am Schönen sie alle Gefahr vergessen ließ.

Da schoß ein goldener Lichtblitz vom Helm des Räubers, er mußte den Kopf bewegt haben.

„Lieber Gott,“ flüsterte die kleine Maja, „jetzt ist es aus.“

Da sagte der Wächter ganz ruhig:

„Komm nur näher, Kleine.“

„Was?“ rief Maja, „wie? Sie haben mich gesehen?“

„Doch, Kind, schon lange. Du hast ein Loch in die Wand gebissen, und hast dich dann, immer hübsch im Schatten, bis hierher bewegt. Dann hast du mich gesehen und mit deinem Mut war es zu Ende. Ist es so?“

„Ja,“ sagte Maja, „Sie haben ganz recht.“ Sie zitterte vor Grauen am ganzen Körper. Also die ganze Zeit über hatte der Wächter sie beobachtet. Sie erinnerte sich nun, davon gehört zu haben, wie scharf die Sinne dieser klugen Räuber sind.

„Was willst du denn hier?“ fragte der Wächter gutmütig. Maja fand immer noch, daß er traurig aussah, er schien an ganz andere Dinge zu denken, ihm war dies alles gar nicht so wichtig wie ihr selbst.

„Hinaus möchte ich“, antwortete sie. „Ich habe auch nicht den Mut verloren, sondern ich war nur erschrocken über Ihre Kraft und Schönheit und über den goldenen Glanz Ihrer Rüstung. Jetzt werde ich mit Ihnen kämpfen.“

Der Wächter beugte sich erstaunt ein wenig vor und sah Maja an und lächelte. Es war gar nicht böse, dies Lächeln,die kleine Biene hatte dabei ein Empfinden, das sie noch niemals im Leben gekannt hatte. Ihr war zumute, als ob dieses Lächeln des jungen Kriegers eine heimliche Gewalt über ihr Herz ausübte.

„Kleine,“ sagte er beinahe herzlich, „nein, kämpfen werden wir nicht. Ihr seid ein mächtiges Volk, aber wir sind stärker. Am wenigsten aber wird je eine einzelne Hornisse mit einer einzelnen Biene kämpfen. — Wenn du magst, kannst du gern ein wenig hierbleiben und mit mir plaudern. Aber nur noch kurz, bald werde ich die Soldaten wecken und dann mußt du in deine Zelle zurück.“

Seltsam, diese überlegene Freundlichkeit der Hornisse entwaffnete Maja mehr, als Zorn oder Haß es gekonnt hätten. Es war beinahe etwas wie Bewunderung, das sie empfand. Sie sah mit großen traurigen Augen zu ihrem Feind auf, und da sie immer dem Zug ihres Herzens folgen mußte, sagte sie:

„Ich habe stets nur Böses von den Hornissen gehört, aber Sie sind nicht böse. Ich kann nicht glauben, daß Sie böse sind.“

Der Krieger sah Maja ruhig an:

„Es gibt überall böse und gute Leute“, sagte er ernst. „Aber wir sind eure Feinde, das vergiß nicht. Es wird immer so bleiben.“

„Muß denn ein Feind immer schlecht sein?“ fragte Maja. „Als Sie vorhin in die Nacht hinausschauten, habe ich vergessen müssen, daß Sie hart und mir feindlich sind. Mirwar zumute, als ob Sie traurig wären, und ich habe immer gemeint, Wesen, die traurig sind, können unmöglich böse sein.“

Und als der Wächter schwieg, fuhr Maja um vieles mutiger fort:

„Sie sind mächtig. Wenn Sie wollen, können Sie mich wieder in meine Zelle schaffen und ich muß sterben, aber wenn Sie wollen, so können Sie mir auch meine Freiheit schenken.“

Da richtete der Krieger sich auf. Sein Panzer klirrte ein wenig, und der Arm, den er hob, blinkte im Mondlicht, das verblassend auf dem Tor lag. Kam schon der Morgen?

„Du hast ganz recht,“ sagte er, „diese Macht habe ich. Diese Macht ist mir von meinem Volk und meiner Königin anvertraut worden. Der Befehl lautet, daß keine Biene je wieder die Burg lebendig verlassen darf, die sie einmal betreten hat. Ich werde meinem Volk Treue halten.“ Und nach einer Weile des Schweigens fügte er leiser hinzu, als spräche er zu sich selbst: „Ich habe zu bitter erfahren, wie weh die Untreue tun kann, als Schnuck mich verließ ...“


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