Chapter 2

Dritter Auftritt.

Beatrice und der Chor.

Chor. (Bohemund.)Heil dir, o Jungfrau,Liebliche Herrscherin!Dein ist die Krone,Dein ist der Sieg!

Als die ErhalterinDieses Geschlechtes,Künftiger HeldenBlühende Mutter begrüß' ich dich!

(Roger.)Dreifaches Heil dir!Mit glücklichen Zeichen,Glückliche, trittst duIn ein götterbegünstigtes, glückliches Haus,Wo die Kränze des Ruhmes hängen,Und das goldene Scepter in stetiger ReiheWandert vom Ahnherrn zum Enkel hinab.

(Bohemund.)Deines lieblichen EintrittsWerden sich freuenDie Penaten des Hauses,Die hohen, die ernsten,Verehrten Alten.Au den Schwelle empfangenWird dich die immer blühende HebeUnd die goldne Victoria,Die geflügelte Göttin,Die auf der Hand schwebt des ewigen Vaters,Ewig die Schwingen zum Siege gespannt.

(Roger.)Nimmer entweichtDie Krone der SchönheitAus diesem Geschlechte;Scheidend reichtEine Fürstin der andernDen Gürtel der AnmuthUnd den Schleier der züchtigen Scham.Aber das SchönsteErlebt mein Auge,Denn ich sehe die Blume der Tochter,Ehe die Blume der Mutter verblüht.

Beatrice (aus ihrem Schrecken erwachend).Wehe mir! In welche HandHat das Unglück mich gegeben!Unter allen,Welche leben,Nicht in diese sollt' ich fallen!

Jetzt versteh' ich das Entsetzen,Das geheimnißvolle Grauen,Das mich schaudernd stets gefaßt,Wenn man mir den Namen nannteDieses furchtbaren Geschlechtes,Das sich selbst vertilgend haßt,Gegen seine eignen GliederWüthend mit Erbittrung rast!Schaudernd hört' ich oft und wiederVon dem Schlangenhaß der Brüder,Und jetzt reiße mein SchreckenschicksalMich, die Arme, Rettungslose,In den Strudel dieses Hasses,Diese Unglücks mich hinein! (Sie flieht in den Gartensaal.)

Vierter Auftritt.

Chor. (Bohemund.)Den begünstigten Sohn der Götter beneid' ich,Den beglückten Besitzer der Macht!Immer das Köstlichste ist sein Antheil,Und von Allem, was hoch und herrlichVon den Sterblichen wird gepriesen,Bricht er die Blume sich ab.

(Roger.)Von den Perlen, welche der tauchender FischerAuffängt, wählt er die reinsten für sich.Für den Herrscher legt man zurück das Beste,Was gewonnen ward mit gemeinsamer Arbeit,Wenn sich die Diener durchs Loos vergleichen,Ihm ist das Schönste gewiß.

(Bohemund.)Aber eines doch ist sein köstlichstes Kleinod,Jeder andre Vorzug sei ihm gegönnt,Dieses beneid' ich ihm unter allem,Daß er heimführt die Blume der Frauen,Die das Entzücken ist aller Augen,Daß er sie eigen besitzt.

(Roger.)Mit dem Schwerte springt der Corsar an die KüsteIn dem nächtlich ergreifenden Überfall;Männer führt er davon und FrauenUnd ersättigt die wilde Begierde.Nur die schönste Gestalt darf er nicht berühren,Die ist des Königes Gut.

(Bohemund.)Aber jetzt folgt mir, zu bewachen den EingangUnd die Schwelle des heiligen Raums,Daß kein Ungeweihter in dieses GeheimnißDringe und der Herrscher uns lobe,Der das Köstlichste, was er besitzet,Unsrer Bewahrung vertraut.(Der Chor entfernt sich nach dem Hintergrunde.)

Die Scene verwandelt sich in ein Zimmer im Innern des Palastes.

Fünfter Auftritt.

Donna Isabella steht zwischen Don Manuel und Don Cesar.

Isabella.Nun endlich ist mir der erwünschte Tag,Der langersehnte, festliche, erschienen—Vereint seh' ich die Herzen meiner Kinder,Wie ich die Hände leicht zusammenfüge,Und im vertrauten Kreis zum erstenmalKann sich das Herz der Mutter freudig öffnen.Fern ist der fremden Zeugen rohe Schaar,Die zwischen uns sich kampfgerüstet stellte—Der Waffen Klang erschreckt mein Ohr nicht mehr,Und wie der Eulen nachtgewohnte BrutVon der zerstörten Brandstatt, wo sie langMit altverjährtem Eigenthum genistet,Auffliegt in düsterm Schwarm, den Tag verdunkelnd,Wenn sich die lang vertriebenen BewohnerHeimkehrend nahen mit der Freude Schall,Den neuen Bau lebendig zu beginnen:So flieht der alte Haß mit seinem nächtlichenGefolge, dem hohläugigten Verdacht,Der schellen Mißgunst und dem bleichen Neide,Aus diesen Thoren murrend zu der Hölle,Und mit dem Frieden zieht geselligesVertraun und holde Eintracht lächelnd ein. (Sie hält inne.)—Doch nicht genug, daß dieser heut'ge TagJedem von beiden einen Bruder schenkt,Auch eine Schwester hat er euch geboren.—Ihr staunt? Ihr seht mich mir Verwundrung an?Ja, meine Söhne! Es ist Zeit, daß ichDas Siegel breche und das Siegel löseVon einem lang verschlossenen Geheimniß.—Auch eine Tochter hat' ich Eurem VaterGeboren—eine jüngre Schwester lebtEuch noch—Ihr sollt noch heute sie umarmen.

Don Cesar.Was sagst du, Mutter? Eine Schwester lebt uns,Und nie vernahmen wir von dieser Schwester!

Don Manuel.Wohl hörten wir in früher Kinderzeit,Daß eine Schwester uns geboren worden;Doch in der Wiege schon, so ging die Sage,Nahm sie der Tod hinweg.

Isabella. Die Sage lügt!Sie lebt!

Don Cesar.Sie lebt, und du verschwiegest uns?

Isabella.Von meinem Schweigen geb' ich Rechenschaft.Hört, was gesäet ward in frührer ZeitUnd jetzt zur frohen Ernte reifen soll.—Ihr wart noch zarte Knaben, aber schonEntzweite euch der jammervolle Zwist,Der ewig nie mehr wiederkehren möge,Und häufte Gram auf eurer Eltern Herz.Da wurde eurem Vater eines TagesEin seltsam wunderbarer Traum. Ihm däuchte,Er säh' aus seinem hochzeitlichen BetteZwei Lorbeerbäume wachsen, ihr GezweigDicht in einander flechtend—zwischen beidenWuchs eine Lilie empor—Sie wardZur Flamme, die, der Bäume dicht GezweigUnd das Gebälk ergreifend, prasseln aufschlugUnd, um sich wüthend, schnell das ganze HausIn ungeheurer Feuerfluth verschlang.

Erschreckt von diesem seltsamen Gesichte,Befragt' der Vater einen sternekundigenArabier, der sein Orakel war,An dem sein Herz mehr hing, als mir gefiel,Um die Bedeutung. Der ArabierErklärte: wenn mein Schooß von einer TochterEntbunden würde, tödten würde sie ihmDie beiden Söhne und sein ganzer StammDurch sie vergehn—Und ich ward Mutter einer Tochter;Der Vater aber gab den grausamenBefehl, die neugeborene alsbaldIns Meer zu werfen. Ich vereitelteDen blut'gen Vorsatz und erhielt die TochterDurch eines treuen Knechts verschwiegnen Dienst.

Don Cesar.Gesegnet sei er, der dir hilfreich war!O, nicht an Rath gebricht's der Mutterliebe!

Isabella.Der Mutterliebe mächt'ge Stimme nichtAllein trieb mich, das Kindlein zu verschonen.Auch mir ward eines Traumes seltsamesOrakel, als mein Schooß mit dieser TochterGesegnet war: Ein Kind, wie Liebesgötter schön,Sah ich im Grase spielen, und ein LöweKam aus dem Wald, der in dem blut'gen RachenDie frisch gejagte Beute trug, und ließSie schmeichelnd in den Schooß des Kindes fallen.Und aus den Lüften schwang ein Adler sichHerab, ein zitternd Reh in seinen Fängen,Und legt es schmeichelnd in den Schooß des Kindes,Und beide, Löw' und Adler, legen, frommGepaart, sich zu des Kindes Füßen nieder.—Des Traums Verständniß löste mir ein Mönch,Ein gottgeliebter Mann, bei dem das HerzRath fand und Trost in jeder ird'schen Noth.Der sprach: "Genesen würd' ich einer Tochter,"Die mir der Söhne streitende Gemüther"In heißer Liebesgluth vereinen würde."—Im Innersten bewahrt' ich mir dies Wort;Dem Gott der Wahrheit mehr als dem der LügeVertrauend, rettet' ich die Gott verheißne,Des Segens Tochter, meiner Hoffnung Pfand,Die mir des Friedens Werkzeug sollte sein,Als euer Haß sich wachsend stets vermehrte.

Don Manuel (seinen Bruder umarmend).Nicht mehr der Schwester braucht's, der Liebe BandZu flechten, aber fester soll sie's knüpfen.

Isabella.So ließ ich an verborgner Stelle sie,Von meinen Augen fern, geheimnißvollDurch fremde Hand erziehn—der Anblick selbstDes lieben Angesichts, den heißerflehten,Versagt' ich mir, den strengen Vater scheuend,Der, von des Argwohns ruheloser PeinUnd finster grübelndem Verdacht genagt,Auf allen Schritten mir die Späher pflanzte.

Don Cesar.Drei Monde aber deckt den Vater schonDas stille Grab—Was wehrte dir, o Mutter,Die lang Verborgne an das Licht hervorZu ziehn und unsre Herzen zu erfreuen?

Isabella.Was sonst, als euer unglücksel'ger Streit,Der, unauslöschlich wüthend, auf dem GrabDes kaum entseelten Vaters sich entflammte,Nicht Raum noch Stätte der Versöhnung gab?Konnt' ich die Schwester zwischen eure wildEntblößten Schwerter stellen? Konntet ihrIn diesem Sturm die Mutterstimme hören?Und sollt' ich sie, des Friedens theures Pfand,Den letzten heil'gen Anker meiner Hoffnung,An eures Hasses Wuth unzeitig wagen?—Erst mußtet ihr's ertragen, euch als BrüderZu sehn, eh' ich die Schwester zwischen euchAls einen Friedensengel stellen konnte.Jetzt kann ich's, und ich führe sie euch zu.Den alten Diener hab' ich ausgesendet,Und stündlich harr' ich seiner Wiederkehr,Der, ihrer stillen Zuflucht sie entreißend,Zurück an meine mütterliche BrustSie führt und in die brüderlichen Arme.

Don Manuel.Und sie ist nicht die Einz'ge, die du heutIn deine Mutterarme schließen wirst.Es zieht die Freude ein durch alle Pforten,Es füllt sich der verödete PalastUnd wird der Sitz der blühnden Anmuth werden.—Vernimm, o Mutter, jetzt auch mein Geheimniß.Eine Schwester gibst du mir—Ich will dafürDir eine zweite liebe Tochter schenken.Ja, Mutter! Segne deinen Sohn!—Dies Herz,Es hat gewählt; gefunden hab' ich sie,Die mir durchs Leben soll Gefährtin sein.Eh dieses Tages Sonne sinkt, führ' ichDie Gattin dir Don Manuels zu Füßen.

Isabella.An meine Brust will ich sie freudig schließen,Die meinen Erstgebornen mir beglückt;Auf ihren Pfaden soll die Freude sprießen,Und jede Blume, die das Leben schmückt,Und jedes Glück soll mir den Sohn belohnen,Der mir die schönste reicht der Mutterkronen!

Don Cesar.Verschwende, Mutter, deines Segens FülleNicht an den einen erstgebornen Sohn!Wenn Liebe Segen gibt, so bring' auch ichDir eine Tochter, solcher Mutter werth,Die mich der Liebe neu Gefühl gelehrt.Eh dieses Tages Sonne sinkt, führt auchDon Cesar seine Gattin dir entgegen.

Don Manuel.Allmächt'ge Liebe! Göttliche! Wohl nenntMan dich mit Recht die Königin der Seelen!Dir unterwirft sich jedes Element,Du kannst das Feindlichstreitende vermählen;Nichts lebt, was deine Hoheit nicht erkennt,Und auch des Bruders wilden Sinn hast duBesiegt, der unbezwungen stets geblieben. (Don Cesar umarmend.)Jetzt glaub' ich an dein Herz und schließe dichMit Hoffnung an die brüderliche Brust;Nicht zweifl' ich mehr an dir, denn du kannst lieben.

Isabella.Dreimal gesegnet sei mir dieser Tag,Der mir auf einmal jede bange SorgeVom schwer beladnen Busen hebt—GegründetAuf festen Säulen seh' ich mein Geschlecht,Und in der Zeiten UnermeßlichkeitKann ich hinabsehn mit zufriednem Geist.Noch gestern sah ich mich im Wittwenschleier,Gleich einer Abgeschiednen, kinderlos,In diesen öden Sälen ganz allein,Und heute werden in der Jugend GlanzDrei blühnde Töchter mir zur Seite stehen.Die Mutter zeige sich, die glückliche,Von allen Weibern, die geboren haben,Die sich mit mir an Herrlichkeit vergleicht!—Doch welcher Fürsten königliche TöchterErblühen denn an dieses Landes Grenzen,Davon ich Kunde nie vernahm?—denn nichtUnwürdig wählen konnten meine Söhne!

Don Manuel.Nur heute, Mutter, fordre nicht, den SchleierHinwegzuheben, der mein Glück bedeckt.Es kommt der Tag, der Alles lösen wird,Am besten mag die Braut sich selbst verkünden,Deß sei gewiß, du wirst sie würdig finden.

Isabella.Des Vaters eignen Sinn und Geist erkenn' ichIn meinem erstgebornen Sohn! Der liebteVon jeher, sich verborgen in sich selbstZu spinnen und den Rathschluß zu bewahrenUm unzugangbar fest verschlossenen Gemüth!Gern mag ich dir die kurze Frist vergönnen;Doch mein Sohn Cesar, deß bin ich gewiß,Wird jetzt mir eine Königstochter nennen.

Don Cesar.Nicht meine Weise ist's, geheimnißvollMich zu verhüllen, Mutter. Frei und offen,Wie meine Stirne, trag' ich mein Gemüth;Doch, was du jetzt von mir begehrst zu wissen,Das, Mutter—laß mich's redlich dir gestehn,Hab' ich mich selbst noch nicht gefragt. Fragt man,Woher der Sonne Himmelsfeuer flamme?Die alle Welt verklärt, erklärt sich selbst,Ihr Licht bezeugt, daß sie vom Lichte stamme.Ins klare Auge sah ich meiner Braut,Ins Herz des Herzens hab' ich ihr geschaut,Am reinen Glanz will ich die Perle kennen;Doch ihren Namen kann ich dir nicht nennen.

Isabella.Wie, mein Sohn Cesar? Kläre mir das auf.Zu gern dem ersten mächtigen GefühlVertrautest du, wie einer Götterstimme.Auf rascher Jugendthat erwart' ich dich,Doch nicht auf thöricht kindischer—Laß hören,Was deine Wahl gelenkt.

Don Cesar.Wahl, meine Mutter?Ist's Wahl, wenn des Gestirnes Macht den MenschenEreilt in der verhängnißvollen Stunde?Nicht, eine Braut zu suchen, ging ich aus,Nicht wahrlich solches Eitle konnte mirZu Sinne kommen in dem Haus des Todes,Denn dorten fand ich, die ich nicht gesucht.Gleichgültig war und nichts bedeutend mirDer Frauen leer geschwätziges Geschlecht,Denn eine zweite sah ich nicht, wie dich,Die ich gleich wie ein Götterbild verehre.Es war des Vaters ernste Todtenfeier;Im Volksgedräng verborgen, wohnten wirIhr bei, du weißt's, in unbekannter Kleidung;So hattest du's mit Weisheit angeordnet,Daß unsers Haders wild ausbrechendeGewalt des Festes Würde nicht verletze.—Mit schwarzem Flor behangen war das SchiffDer Kirche, zwanzig Genien umstanden,Mit Fackeln in den Händen, den Altar,Vor dem der Todtensarg erhaben ruhte,Mit weißbekreuztem Grabestuch bedeckt.Und auf dem Grabtuch sahe man den StabDer Herrschaft liegen und die Fürstenkrone,Den ritterlichen Schmuck der goldnen Sporen,Das Schwert mit diamantenem Gehäng.—Und Alles lag in stiller Andacht knieend,Als ungesehen jetzt vom hohen ChorHerab die Orgel anfing sich zu regen,Und hundertstimmig der Gesang begann—Und als der Chor noch fortklung, stieg der SargMit sammt dem Boden, der ihn trug, allmählichVersinkend in die Unterwelt hinab,Das Grabtuch aber überschleierte,Weit ausgebreitet, die verborgne Mündung,Und auf der Erde blieb der ird'sche SchmuckZurück, dem Niederfahrenden nicht folgend—Doch auf den Seraphsflügeln des GesangsSchwang die befreite Seele sich nach oben,Den Himmel suchend und den Schooß der Gnade.—Dies alles, Mutter, ruf' ich dir, genauBeschreibend, ins Gedächtniß jetzt zurück,Daß du erkennest, ob zu jener StundeEin weltlich Wünschen mir im Herzen war.Und diesen festlich ernsten AugenblickErwählte sich der Lenker meines Lebens,Mich zu berühren mit der Liebe Strahl.Wie es geschah, frag' ich mich selbst vergebens.

Isabella.Vollende dennoch! Laß mich Alles hören!

Don Cesar.Woher sie kam, und wie sie sich zu mirGefunden, dieses frage nicht—Als ichDie Augen wandte, stand sie mir zur Seite,Und dunkel mächtig, wunderbar ergriffIm tiefsten Innersten mich ihre Nähe.Nicht ihres Wesens schöner Außenschein,Nicht ihres Lächelns holder Zauber war's,Die Reize nicht, die auf der Wange schweben,Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt—Es war ihr tiefste und geheimstes Leben,Was mich ergriff mit heiliger Gewalt,Wie Zaubers Kräfte unbegreiflich weben—Die Seelen schienen ohne WorteslautSich ohne Mittel geistig zu berühren,Als sich mein Athem mischte mit dem ihren;Fremd war sie mir und innig doch vertraut,Und klar auf einmal fühlt' ich's in mir werden,Die ist es oder Keine sonst auf Erden!

Don Manuel (mit Feuer einfallend).Das ist der Liebe heil'ger Götterstrahl,Der in die Seele schlägt und trifft und zündet,Wenn sich Verwandtes zum Verwandten findet,Da ist kein Widerstand und keine Wahl,Es löst der Mensch nicht, was der Himmel bindet.—Dem Bruder fall' ich bei, ich muß ihn loben,Mein eigen Schicksal ist's, was er erzählt,Den Schleier hat er glücklich aufgehobenVon dem Gefühl, das dunkel mich beseelt.

Isabella.Den eignen freien Weg, ich seh' es wohl,Will das Verhängniß gehn mit meinen Kindern.Vom Berge stürzt der ungeheure Strom,Wühlt sich sein Bette selbst und bricht sich Bahn,Nicht des gemeßnen Pfades achtet er,Den ihm die Klugheit vorbedächtig baut.So unterwerf' ich mich—wie kann ich's ändern?—Der unregiersam stärkern Götterhand,Die meines Hauses Schicksal dunkel spinnt.Der Söhne Herz ist meiner Hoffnung Pfand,Sie denken groß, wie sie geboren sind.

Sechster Auftritt.

Donna Isabella. Don Manuel. Don Cesar. Diego zeigt sich an der Thüre.

Isabella.Doch, sieh, da kommt mein treuer Knecht zurück!Nur näher, näher, redlicher Diego!Wo ist mein Kind?—Sie wissen Alles! HierIst kein Geheimniß mehr—Wo ist sie? Sprich!Verbirg sie länger nicht! Wir sind gefaßt,Die höchste Freude zu ertragen. Komm!

(Sie will mit ihm nach der Thüre gehen.)

Was ist das? Wie? Du zögerst? Du verstummst?Das ist kein Blick, der Gutes mir verkündet!Was ist dir? Sprich! Ein Schauder faßt mich an.Wo ist sie? Wo ist Beatrice?(Will hinaus.)

Don Manuel. (für sich betroffen).Beatrice!

Diego. (hält sie zurück).Bleib!

Isabella.Wo ist sie? Mich entseelt die Angst.

Diego.Sie folgtMir nicht. Ich bringe dir die Tochter nicht.

Isabella.Was ist geschehn? Bei allen Heil'gen, rede!

Don Cesar.Wo ist die Schwester? Unglücksel'ger, rede!

Diego.Sie ist geraubt! Gestohlen von Corsaren!O, hätt' ich nimmer diesen Tag gesehn!

Don Manuel.Faß dich, o Mutter!

Don Cesar.Mutter, sei gefaßt!Bezwinge dich, bis du ihn ganz vernommen!

Diego.Ich machte schnell mich auf, wie du befohlen,Die oft betretne Straße nach dem KlosterZum letztenmal zu gehn—Die Freude trug michAuf leichten Flügeln fort.

Don Cesar.Zur Sache!

Don Manuel.Rede!

Diego.Und da ich in die wohlbekannten HöfeDes Klosters trete, die ich oft betrat,Nach deiner Tochter ungeduldig frage,Seh' ich des Schreckens Bild in jedem Auge,Entsetzt vernehm' ich das Entsetzliche.

(Isabella sinkt bleich und zitternd auf einen Sessel, Don Manuel ist um sie beschäftigt.)

Don Cesar.Und Mauren, sagst du, raubten sie hinweg?Sah man die Mauren? Wer bezeugte dies?

Diego.Ein maurisch Räuberschiff gewahrte manIn einer Bucht, unfern dem Kloster ankernd.

Don Cesar.Manch Segel rettet sich in diese BuchtenVor des Orkanes Wuth—Wo ist das Schiff?

Diego.Heut frühe sah man es in hoher SeeMit voller Segel Kraft das Weite suchen.

Don Cesar.Hört man von anderm Raub noch, der geschehn?Dem Mauren gnügt einfache Beute nicht.

Diego.Hinweg getrieben wurde mit GewaltDie Rinderheerde, die dort weidete.

Don Cesar.Wie konnten Räuber aus des Klosters MitteDie Wohlverschloßne heimlich raubend stehlen?

Diego.Des Klostergartens Mauern waren leichtAuf hoher Leiter Sprossen überstiegen.

Don Cesar.Wie brachen sie ins Innerste der Zellen?Denn fromme Nonnen hält der strenge Zwang.

Diego.Die noch durch kein Gelübde sich gebunden,Sie durfte frei im Freien sich ergehen.

Don Cesar.Und pflegte sie des freien Rechtes oftSich zu bedienen? Dieses sage mir.

Diego.Oft sah man sie des Gartens Stille suchen;Der Wiederkehr vergaß sie heute nur.

Don Cesar (nachdem er sich eine Weile bedacht).Raub, sagst du? War sie frei genug dem Räuber,So konnte sie in Freiheit auch entfliehen.

Isabella (steht auf).Es ist Gewalt! Es ist verwegner Raub!Nicht pflichtvergessen konnte meine TochterAus freier Neigung dem Entführer folgen!—Don Manuel! Don Cesar! Eine SchwesterDacht' ich euch zuzuführen; doch ich selbstSoll jetzt sie eurem Heldenarm verdanken.In eurer Kraft erhebt euch, meine Söhne!Nicht ruhig duldet es, daß eure SchwesterDes frechen Diebes Beute sei—ErgreiftDie Waffen! Rüstet Schiffe aus! DurchforschtDie ganze Küste! Durch alle Meere setztDem Räuber nach! Erobert euch die Schwester!

Don Cesar.Leb wohl! Zur Rache flieg' ich, zur Entdeckung!

(Er geht ab. Don Manuel aus einer tiefen Zerstreuung erwachend, wendet sich beunruhigt zu Diego.)

Don Manuel.Wann, sagst du, sei sie unsichtbar geworden?

Diego.Seit diesem Morgen erst ward sie vermißt.

Don Manuel. (zu Donna Isabella).Und Beatrice nennt sich deine Tochter?

Isabella.Dies ist ihr Name! Eile! Frage nicht!

Don Manuel.Nur Eines noch, o Mutter, laß mich wissen—

Isabella.Fliege zur That! Des Bruders Beispiel folge!

Don Manuel.In welcher Gegend, ich beschwöre dich—

Isabella (ihn forttreibend).Sieh meine Thränen, meine Todesangst

Don Manuel.In welcher Gegend hieltst du sie verborgen?

Isabella.Verborgner nicht war sie im Schooß der Erde!

Diego.O, jetzt ergreift mich plötzlich bange Furcht.

Don Manuel.Furcht, und worüber? Sage, was du weißt.

Diego.Daß ich des Raubs unschuldig Ursach sei.

Isabella.Unglücklicher, entdecke, was geschehn!

Diego.Ich habe dir's verhehlt, Gebieterin,Dein Mutterherz mit Sorgen zu verschonen.Am Tage, als der Fürst beerdigt ward,Und alle Welt, begierig nach dem Neuen,Der ernsten Feier sich entgegendrängte,Lag deine Tochter—denn die Kunde warAuch in des Klosters Mauern eingedrungen—Lag sie mir an mit unabläß'gem Flehn,Ihr dieses Festes Anblick zu gewähren.Ich Unglückseliger ließ mich bewegen,Verhüllte sie in ernste Trauertracht,Und also war sie Zeugin jenes Festes.Und dort, befürcht' ich, in des Volks Gewühl,Das sich herbeigedrängt von allen Enden,Ward sie vom Aug des Räubers ausgespäht,Denn ihrer Schönheit Glanz birgt keine Hülle.

Don Manuel (vor sich, erleichtert).Glücksel'ges Wort, das mir das Herz befreit!Das gleicht ihr nicht! Dies Zeichen triff nicht zu.

Isabella.Wahnsinn'ger Alter! So verriethst du mich!

Diego.Gebieterin! Ich dacht' es gut zu machen.Die Stimme der Natur, die Macht des BlutsGlaubt' ich in diesem Wunsche zu erkennen;Ich hielt es für des Himmels eignes Werk,Der mit verborgen ahnungsvollem ZugeDie Tochter hintrieb zu des Vaters Grab!Der frommen Pflicht wollt' ich ihr Recht erzeigen,Und so, aus guter Meinung, schafft' ich Böses!

Don Manuel (vor sich).Was steh' ich hier in Furcht und Zweifelsqualen?Schnell will ich Licht mir schaffen und Gewißheit. (Will gehen.)

Don Cesar (der zurückkommt).Verzieh, Don Manuel; gleich folg' ich dir.

Don Manuel.Folge mir nicht! Hinweg! Mir folge Niemand! (Er geht ab.)

Don Cesar (sieht ihm verwundert nach).Was ist dem Bruder? Mutter, sage mir's.

Isabella.Ich kenn' ihn nicht mehr. Ganz verkenn' ich ihn.

Don Cesar.Du siehst mich wiederkehren, meine Mutter;Denn in des Eifers heftiger BegierVergaß ich, um ein Zeichen dich zu fragen,Woran man die verlorne Schwester kennt.Wie find' ich ihre Spuren, eh' ich weiß,Aus welchem Ort die Räuber sie gerissen?Das Kloster nenne mir, das sie verbarg.

Isabella.Der heiligen Cecilia ist's gewidmet,Und hinterm Waldgebirge, das zum ÄtnaSich langsam steigend hebt, liegt es versteckt;Wie ein verschwiegner Aufenthalt der Seelen.

Don Cesar.Sei guten Muths! Vertraue deinen Söhnen!Die Schwester bring' ich dir zurück, müßt' ichDurch alle Länder sie und Meere suchen.Doch eines, Mutter, ist es, was mich kümmert:Die Braut verließ ich unter fremdem Schutz.Nur dir kann ich das theure Pfand vertrauen,Ich sende sie dir her, du wirst sie schauen;An ihrer Brust, an ihrem lieben HerzenWirst du des Grams vergessen und der Schmerzen. (Er geht ab.)

Isabella.Wann endlich wird der Fluch sich lösen,Der über diesem Hause lastend ruht?Mit meiner Hoffnung spielt ein tückisch Wesen,Und nimmer stillt sich seines Neides Wuth.So nahe glaubt ich mich dem sichern Hafen,So fest vertraut' ich auf des Glückes Pfand,Und alle Stürme glaubt' ich eingeschlafen,Und freudig winkend sah ich schon das LandIm Abendglanz der Sonne sich erhellen;Da kommt ein Sturm, aus heitrer Luft gesandt,Und reißt mich wieder in den Kampf der Wellen!

(Sie geht nach dem innern Hause, wohin ihr Diego folgt.)

Dritter Aufzug.

Die Scene verwandelt sich in den Garten.

Erster Auftritt.

Beide Chöre. Zuletzt Beatrice. (Der Chor des Don Manuel kommt in festlichem Aufzug, mit Kränzen geschmückt und die oben beschriebnen Brautgeschenke begleitend; der Chor de Don Cesar will ihm den Eintritt verwehren.)

Erster Chor. (Cajetan.)Du würdest wohl thun, diesen Platz zu leeren.

Zweiter Chor. (Bohemund.)Ich will's, wenn beßre Männer es begehren.

Erster Chor. (Cajetan.)Du könntest merken, daß du lästig bist.

Zweiter Chor. (Bohemund.)Deßwegen bleib' ich, weil es dich verdrießt.

Erster Chor. (Cajetan.)Hier ist mein Platz. Wer darf zurück mich halten?

Zweiter Chor. (Bohemund.)Ich darf es thun, ich habe hier zu walten.

Erster Chor. (Cajetan.)Mein Herrscher sendet mich, Don Manuel!

Zweiter Chor. (Bohemund.)Ich stehe hier auf meines Herrn Befehl.

Erster Chor. (Cajetan.)Dem ältern Bruder muß der jüngre weichen.

Zweiter Chor. (Bohemund.)Dem Erstbesitzenden gehört die Welt.

Erster Chor. (Cajetan.)Verhaßter, geh und räume mir das Feld.

Zweiter Chor. (Bohemund.)Nicht, bis sich unsre Schwerter erst vergleichen.

Erster Chor. (Cajetan.)Find' ich dich überall in meinen Wegen?

Zweiter Chor. (Bohemund.)Wo mir's gefällt, da tret' ich dir entgegen.

Erster Chor. (Cajetan.)Was hast du hier zu horchen und zu hüten?

Zweiter Chor. (Bohemund.)Was hast du hier zu fragen, zu verbieten?

Erster Chor. (Cajetan.)Dir steh' ich nicht zur Red und Antwort hier.

Zweiter Chor. (Bohemund.)Und nicht des Wortes Ehre gönn' ich dir.

Erster Chor. (Cajetan.)Ehrfurcht gebührt, o Jüngling, meinen Jahren.

Zweiter Chor. (Bohemund.)In Tapferkeit bin ich, wie du, erfahren!

Beatrice (stürzt heraus).Weh mir! Was wollen diese wilden Schaaren?

Erster Chor. (Cajetan.) zum zweitenNichts acht' ich dich und deine stolze Miene!

Zweiter Chor. (Bohemund.)Ein beßrer ist der Herrscher, dem ich diene.

Beatrice.O, weh mir, weh mir, wenn er jetzt erschiene!

Erster Chor. (Cajetan.)Du lügst! Don Manuel besiegt ihn weit!

Zweiter Chor. (Bohemund.)Den Preis gewinnt mein Herr in jedem Streit.

Beatrice.Jetzt wird er kommen, dies ist seine Zeit.

Erster Chor. (Cajetan.)Wäre nicht Friede, Recht verschafft' ich mir!

Zweiter Chor. (Bohemund.)Wär's nicht die Furcht, kein Friede wehrte dir.

Beatrice.O, wär' er tausend Meilen weit von hier!

Erster Chor. (Cajetan.)Das Gesetz fürcht' ich, nicht deiner Blicke Trutz.

Zweiter Chor. (Bohemund.)Wohl thust du dran, es ist des Feigen Schutz.

Erster Chor. (Cajetan.)Fang' an, ich folge!

Zweiter Chor. (Bohemund.)Mein Schwert ist heraus!

Beatrice (in der heftigsten Beängstigung).Sie werden handgemein, die Degen blitzen!Ihr Himmelsmächte, haltet ihn zurück!Werft euch in seinen Weg, ihr Hindernisse,Eine Schlinge legt, ein Netz um seine Füße,Daß er verfehle diesen Augenblick!Ihr Engel alle, die ich flehend bat,Ihn herzuführen, täuschet meine Bitte,Weit, weit von hier entfernet seine Schritte!

(Sie eilt hinein. Indem die Chöre einander anfallen, erscheint Don Manuel.)

Zweiter Auftritt.

Don Manuel. Der Chor.

Don Manuel.Was seh' ich! Haltet ein!

Erster Chor (Cajetan, Berengar, Manfred) zum zweiten.Komm an! Komm an!

Zweiter Chor. (Bohemund, Roger, Hippolyt.)Nieder mit ihnen! Nieder!

Don Manuel (tritt zwischen sie, mit gezogenem Schwert).Haltet ein!

Erster Chor. (Cajetan.)Es ist der Fürst.

Zweiter Chor. (Bohemund.)Der Bruder! Haltet Friede!

Don Manuel.Den streck' ich todt auf dieses Rasens Grund,Der mit gezuckter Augenwimper nurDie Fehde fortsetzt und dem Gegner droht!Rast ihr? Was für ein Dämon reizt euch an,Des alten Zwistes Flammen aufzublasen,Der zwischen uns, den Fürsten abgethanUnd ausgeglichen ist auf immerdar?—Wer fing den Streit an? Redet! Ich will's wissen.

Erster Chor. (Cajetan, Berengar.)Sie standen hier—

Zweiter Chor (Roger, Bohemund unterbrechend).Sie kamen—

Don Manuel (zum ersten Chor).Rede du!

Erster Chor. (Cajetan.)Wir kamen her, mein Fürst, die HochzeitgabenZu überreichen, wie du uns befahlst.Geschmückt zu einem Feste, keineswegsZum Krieg bereit, du siehst es, zogen wirIn Frieden unsern Weg, nichts Arges denkendUnd trauend dem beschworenen Vertrag;Da fanden wir sie feindlich hier gelagertUnd uns den Eingang sperrend mit Gewalt.

Don Manuel.Unsinnige, ist keine Freistatt sicherGenug vor eurer blinden, tollen Wuth?Auch in der Unschuld still verborgnen SitzBricht euer Hader friedestörend ein? (Zum zweiten Chor.)Weiche zurück! Hier sind Geheimnisse,Die deine kühne Gegenwart nicht dulden. (Da derselbe zögert.)Zurück Dein Herr gebietet dir's durch mich,Denn wir sind jetzt ein Haupt und ein Gemüth,Und mein Befehl ist auch der seine. Geh! (Zum ersten Chor.)Du bleibst und wahrst des Eingangs.

Zweiter Chor. (Bohemund.)Was beginnen?Die Fürsten sind versöhnt, das ist die Wahrheit,Und in der hohen Häupter Spahn und StreitSich unberufen, vielgeschäftig drängen,Bringt wenig Dank und öfterer Gefahr.Denn wenn der Mächtige des Streits ermüdet,Wirft er behend auf den geringen Mann,Der arglos ihm gedient, den blut'gen MantelDer Schuld, und leicht gereinigt steht er da.Drum mögen sich die Fürsten selbst vergleichen,Ich acht' es für gerathner, wir gehorchen.

(Der zweite Chor geht ab, der erste zieht sich nach dem Hintergrund der Scene zurück. In demselben Augenblicke stürzt Beatrice heraus und wirft sich in Don Manuels Arme.)

Dritter Auftritt.

Beatrice. Don Manuel.

Beatrice.Du bist's. Ich habe dich wieder—Grausamer!Du hast mich lange, lange schmachten lassen,Der Furcht und allen Schrecknissen zum RaubDahin gegeben—Doch nichts mehr davon!Ich habe dich—in deinen lieben ArmenIst Schutz und Schirm vor jeglicher Gefahr.Komm! Sie sind weg! Wir haben Raum zur Flucht,Fort, laß uns keinen Augenblick verlieren!(Sie will ihn mit sich fortziehen und sieht ihn jetzt erst genau an.)Was ist dir? So verschlossen feierlichEmpfängst du mich—entziehst dich meinen Armen,Als wolltest du mich lieber ganz verstoßen?Ich kenne dich nicht mehr—Ist dies Don Manuel,Mein Gatte, mein Geliebter?

Don Manuel. Beatrice!

Beatrice.Nein, rede nicht! Jetzt ist nicht Zeit zu Worten!Fort laß uns eilen, schnell der AugenblickIst kostbar—

Don Manuel.Bleib! Antworte mir!

Beatrice.Fort, Fort!Eh diese wilden Männer wiederkehren!

Don Manuel.Bleib! Jene Männer werden uns nicht schaden.

Beatrice.Doch, doch! Du kennst sie nicht. O, komm! Entfliehe!

Don Manuel.Von meinem Arm beschützt, was kannst du fürchten?

Beatrice.O, glaube mir, es gibt hier mächt'ge Menschen!

Don Manuel.Geliebte, keinen mächtiger als mich.

Beatrice.Du, gegen diese Vielen ganz allein?

Don Manuel.Ich ganz allein! Die Männer, die du fürchtest—

Beatrice.Du kennst sie nicht, du weißt nicht, wem sie dienen.

Don Manuel.Mir dienen sie, und ich bin ihr Gebieter.

Beatrice.Du bist—Ein Schrecken fliegt durch meine Seele!

Don Manuel.Lerne mich endlich kennen, Beatrice!Ich bin nicht Der, der ich dir schien zu sein,Der arme Ritter nicht, der unbekannte,Der liebend nur um deine Liebe warb.Wer ich wahrhaftig bin, was ich vermag,Woher ich stamme, hab' ich dir verborgen.

Beatrice.Du bist Don Manuel nicht! Weh mir, wer bist du?

Don Manuel.Don Manuel heiß' ich—doch ich bin der Höchste,Der diesen Namen führt in dieser Stadt,Ich bin Don Manuel, Fürst von Messina.

Beatrice.Du wärst Don Manuel, Don Cesars Bruder?

Don Manuel.Don Cesar ist mein Bruder.

Beatrice.Ist dein Bruder!

Don Manuel.Wie? Dies erschreckt dich? Kennst du den Don Cesar?Kennst du noch sonsten Jemand meines Bluts?

Beatrice.Du bist Don Manuel, der mit dem BruderIn Hasse lebt und unversöhnter Fehde?

Don Manuel. Wir sind versöhnt, seit heute sind wir Brüder,Nicht von Geburt nur, nein! von Herzen auch!

Beatrice.Versöhnt, seit heute!

Don Manuel.Sage mir, was ist das?Was bringt dich so in Aufruhr? Kennst du mehrAls nur den Namen bloß von meinem Hause?Weiß ich dein ganz Geheimniß? Hast du nichts,Nichts mir verschwiegen oder vorenthalten?

Beatrice.Was denkst du? Wie? Was hätt' ich zu gestehen?

Don Manuel.Von deiner Mutter hast du mir noch nichtsGesagt. Wer ist sie? Würdest du sie kennen,Wenn ich sie dir beschriebe—dir sie zeigte?

Beatrice.Du kennst sie—kennst sie und verbargst sie mir?

Don Manuel.Weh dir und wehe mir, wenn ich sie kenne!

Beatrice.O, sie ist gütig, wie das Licht der Sonne!Ich seh' sie vor mir, die ErinnerungBelebt sich wieder, aus der Seele TiefenErhebt sich mir die göttliche Gestalt.Der braunen Locken dunkle Ringe seh' ichDes weißen Halses edle Form beschatten,Ich seh' der Stirne rein gewölbten Bogen,Des großen Auges dunkelhellen Glanz,Auch ihrer Stimme seelenvolle TöneErwachen mir—

Don Manuel.Weh mir! Du schilderst sie!

Beatrice.Und ich entfloh ihr! Konnte sie verlassen,Vielleicht am Morgen eben dieses Tags,Der mich auf ewig ihr vereinen sollte!O, selbst die Mutter gab ich hin für dich!

Don Manuel.Messinas Fürstin wird dir Mutter sein.Zu ihr bring' ich dich jetzt; sie wartet deiner.

Beatrice.Was sagst du? Deine Mutter und Don Cesars?Zu ihr mich bringen? Nimmer, nimmermehr!

Don Manuel.Du schauderst? Was bedeutet dies Entsetzen?Ist meine Mutter keine Fremde dir?

Beatrice.O unglückselig traurige Entdeckung!O, hätt' ich nimmer diesen Tag gesehn!

Don Manuel.Was kann dich ängstigen, nun du mich kennst,Den Fürsten findest in dem Unbekannten?

Beatrice.O, gib mir diesen Unbekannten wieder,Mit ihm auf dem Eiland wär' ich selig!

Don Cesar (hinter der Scene).Zurück! Welch vieles Volk ist hier versammelt?

Beatrice.Gott! Diese Stimme! Wo verberg' ich mich?

Don Manuel.Erkennst du diese Stimme? Nein, du hastSie nie gehört und kannst sie nicht erkennen!

Beatrice.O, laß uns fliehen! Komm und weile nicht!

Don Manuel.Was fliehn? Es ist des Bruders Stimme, derMich sucht; zwar wundert mich, wie er entdeckte—

Beatrice.Bei allen Heiligen des Himmels, meid' ihn!Begegne nicht dem heftig Stürmenden,Laß dich von ihm an diesem Ort nicht finden.

Don Manuel.Geliebte Seele, dich verwirrt die Furcht!Du hörst mich nicht, wir sind versöhnte Brüder!

Beatrice.O Himmel, rette mich aus dieser Stunde!

Don Manuel.Was ahnt mir! Welch ein Gedanke faßtMich schaudernd?—Wär es möglich—Wäre dirDie Stimme keine fremde?—Beatrice,Du warst?—Mir grauet, weiter fort zu fragen!Du warst—bei meines Vaters Leichenfeier?

Beatrice.Wer mir!

Don Manuel.Du warst zugegen?

Beatrice.Zürne nicht!

Don Manuel.Unglückliche, du warst?

Beatrice.Ich war zugegen.

Don Manuel.Entsetzen!

Beatrice.Die Begierde war zu mächtig!Vergib mir! Ich gestand dir meinen Wunsch;Doch, plötzlich ernst und finster, ließest duDie Bitte fallen, und so schwieg auch ich.Doch weiß ich nicht, welch böses Sternes MachtMich trieb mit unbezwinglichem Gelüsten.Des Herzens heißen Drang mußt' ich vergnügen;Der alte Diener lieh mir seinen Beistand,Ich war dir ungehorsam, und ich ging.

(Sie schmiegt sich an ihn, indem tritt Don Cesar herein, von dem ganzen Chor begleitet.)

Vierter Auftritt.

Beide Brüder. Beide Chöre. Beatrice.

Zweiter Chor (Bohemund) zu Don Cesar.Du glaubst uns nicht—Glaub deinen eignen Augen!

Don Cesar (tritt heftig ein und fährt beim Anblick seines Brudersmit Entsetzen zurück.)Blendwerk der Hölle! Was? In seinen Armen!(Näher tretend, zu Don Manuel.)Giftvolle Schlange! Das ist deine Liebe!Deßwegen logst du tückisch mir Versöhnung!O, eine Stimme Gottes war mein Haß!Fahre zur Hölle, falsche Schlangenseele! (Er ersticht ihn.)

Don Manuel.Ich bin des Todes—Beatrice—Bruder!

(Er sinkt und stirbt. Beatrice fällt neben ihm ohnmächtig nieder.)

Erster Chor. (Cajetan.)Mord! Mord! Herbei! Greift zu den Waffen alle!Mit Blut gerächet sei die blut'ge That! (Alle ziehen den Degen.)

Zweiter Chor. (Bohemund.)Heil uns! Der lange Zwiespalt ist geendigt.Nur einem Herrscher jetzt gehorcht Messina.

Erster Chor. (Cajetan, Berengar, Manfred.)Rache! Rache! Der Mörder falle! falle,Ein sühnend Opfer dem Gemordeten!

Zweiter Chor. (Bohemund, Roger, Hippolyt.)Herr, fürchte nichts, wir stehen treu zu dir.

Don Cesar (mit Ansehen zwischen sie tretend).Zurück—Ich habe meinen Feind getödtet,Der mein vertrauend redlich Herz betrog,Die Bruderliebe mir zum Fallstrick legte.Ein furchtbar gräßlich Ansehn hat die That,Doch der gerechte Himmel hat gerichtet.

Erster Chor. (Cajetan.)Weh die, Messina! Wehe! Wehe! Wehe!Das gräßlich Ungeheure ist geschehnIn deinen Mauern—Wehe deinen MütternUnd Kindern, deinen Jünglingen und Greisen!Und wehe der noch ungebornen Frucht!

Don Cesar.Die Klage kommt zu spät—Hier schaffet Hilfe!(Auf Beatricen zeigend.)Ruft sie ins Leben! Schnell entfernet sieVon diesem Ort des Schreckens und des Todes.—Ich kann nicht länger weilen, denn mich ruftDie Sorge fort um die geraubte Schwester.—Bringt sie in meiner Mutter Schloß und sprecht:Es sei ihr Sohn Don Cesar, der sie sende!

(Er geht ab; die ohnmächtige Beatrice wird von dem zweiten Chor auf eine Bank gesetzt und so hinweg getragen; der erste Chor bleibt bei dem Leichnam zurück, um welchen auch die Knaben, die die Brautgeschenke tragen, in einem Halbkreis herumstehen.)

Fünfter Auftritt.

Chor. (Cajetan.)Sagt mir! Ich kann's nicht fassen und deuten,Wie es so schnell sich erfüllend genaht.Längst wohl sah ich im Geist mit weitenSchritten das Schreckensgespenst herschreitenDieser entsetzlichen, blutigen That.Dennoch übergießt mich ein Grauen,Da sie vorhanden ist und geschehen,Da ich erfüllt muß vor Augen schauen,Was ich in ahnender Furcht nur gesehen.All mein Blut in den Adern erstarrtVor der gräßlich entschiedenen Gegenwart.

Einer aus dem Chor. (Manfred.)Lasset erschallen die Stimme der Klage!Holder Jüngling!Da liegt er entseelt,Hingestreckt in der Blüthe der Tage,Schwer umfangen von Todesnacht,An der Schwelle der bräutlichen Kammer!Aber über dem Stummen erwachtLauter, unermeßlicher Jammer.

Ein Zweiter. (Cajetan.)Wir kommen, wir kommenMit festlichem PrangenDie Braut zu empfangen,Es bringen die KnabenDie reichen Gewande, die bräutlichen Gaben,Das Fest ist bereitet, es warten die Zeugen;Aber der Bräutigam höret nicht mehr,Nimmer erweckt ihn der fröhliche Reigen,Denn der Schlummer der Todten ist schwer.

Ganzer Chor.Schwer und tief ist der Schlummer der Todten,Nummer erweckt ihn die Stimme der Braut,Nimmer des Hifthorns fröhlicher Laut,Starr und fühllos liegt er am Boden!

Ein Dritter. (Cajetan.)Was sind die Hoffnungen, was sind Entwürfe,Die der Mensch, der vergängliche, baut?Heute umarmtet ihr euch als Brüder,Einig gestimmt mit Herzen und Munde,Diese Sonne, die jetzo niederGeht, sie leuchtete eurem Bunde!Und jetzt liegst du, dem Staube vermählt,Von des Brudermords Händen entseelt,In dem Busen die gräßliche Wunde!Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe,Die der Mensch, der flüchtige Sohn der Stunde,Aufbaut auf dem betrüglichen Grunde?

Chor. (Berengar.)Zu der Mutter will ich dich tragen,Eine unbeglückende Last!Diese Cypresse laßt uns zerschlagenMit der mörderischen Schneide der Axt,Eine Bahre zu flechten aus ihren Zweigen,Nimmer soll sie Lebendiges zeugen,Die die tödtliche Frucht getragen,Nimmer in fröhlichem Wuchs sich erheben,Keinem Wandrer mehr Schatten geben;Die sich genährt auf des Mordes Boden,Soll verflucht sein zum Dienst der Todten!

Erster. (Cajetan.)Aber wehe dem Mörder, wehe,Der dahin geht in thörichtem Muth!Hinab, hinab in der Erde RitzenRinnet, rinnet, rinnet sein Blut.Drunten aber im Tiefen sitzenLichtlos, ohne Gesang und Sprache,Der Themis Töchter, die nie vergessen,Die Untrüglichen, die mit Gerechtigkeit messen,Fangen es auf in schwarzen Gefäßen,Rühren und mengen die schreckliche Rache.

Zweiter. (Berengar.)Leicht verschwindet der Thaten SpurVon der sonnenbeleuchteten Erde,Wie aus dem Antlitz die leichte Geberde—Aber nichts ist verloren und verschwunden,Was die geheimnißvoll waltenden StundenIn den dunkel schaffenden Schooß aufnahmen—Die Zeit ist eine blühende Flur,Ein großes Lebendiges ist die Natur,Und alles ist Frucht, und alles ist Samen.

Dritter. (Cajetan.)Wehe, wehe dem Mörder, wehe,Der sich gesät die tödtliche Saat!Ein andres Antlitz, eh sie geschehen,Ein anderes zeigt die vollbrachte That.Muthvoll blickt sie und kühn dir entgegen,Wenn der Rache Gefühle den Busen bewegen;Aber ist sie geschehn und begangen,Blickt sie dich an mit erbleichenden Wangen.Selber die schrecklichen Furien schwangenGegen Orestes die höllischen Schlangen,Reizten den Sohn zu dem Muttermord an;Mit der Gerechtigkeit heiligen ZügenWußte sie listig sein Herz zu betrügen,Bis er die tödtliche That nun gethan—Aber, da er den Schooß jetzt geschlagen,Der ihn empfangen und liebend getragen,Siehe, da kehrten sieGegen ihn selberSchrecklich sich um—Und er erkannte die furchtbaren JungfraunDie den Mörder ergreifend fassen,Die von jetzt an ihn nimmer lassen,Die ihn mit ewigem Schlangenbiß nagen,Die von Meer zu Meer ihn ruhelos jagenBis in das delphische Heiligthum.

(Der Chor geht ab, den Leichnam Don Manuels auf einer Bahre tragend.)

Vierter Aufzug.

Die Säulenhalle.—Es ist Nacht; die Scene ist von oben herab durch eine große Lampe erleuchtet.

Erster Auftritt.

Donna Isabella und Diego treten auf.

Isabella.Noch keine Kunde kam von meinen Söhnen,Ob eine Spur sich fand von der Verlornen?

Diego.Noch nichts, Gebieterin!—doch hoffe AllesVon deiner Söhne Ernst und Emsigkeit.

Isabella.Wie ist mein Herz geängstiget, Diego!Es stand bei mir, dies Unglück zu verhüten.

Diego.Drück' nicht des Vorwurfs Stachel in dein Herz.An welcher Vorsicht ließest du's ermangeln?

Isabella.Hätt' ich sie früher an das Licht gezogen,Wie mich des Herzens Stimme mächtig trieb!

Diego.Die Klugheit wehrte dir's, du thatest weise;Doch der Erfolg ruht in des Himmels Hand.

Isabella.Ach, so ist keine Freude rein! Mein GlückWär' ein vollkommnes ohne diesen Zufall.

Diego.Dies Glück ist nur verzögert, nicht zerstört;Genieße du jetzt deiner Söhne Frieden.

Isabella.Ich habe sie einander Herz an HerzUmarmen sehn—ein nie erlebter Anblick!

Diego.Und nicht ein Schauspiel bloß, es ging von Herzen,Denn ihr Geradsinn haßt der Lüge Zwang.

Isabella.Ich seh' auch, daß sie zärtlicher Gefühle,Der schönen Neigung fähig sind; mit WonneEntdeck' ich, daß sie ehren, was sie lieben.Der ungebundnen Freiheit wollen sieEntsagen, nicht dem Zügel des GesetzesEntzieht sich ihre brausend wilde Jugend,Und sittlich selbst blieb ihre Leidenschaft.—Und will dir's jetzo gern gestehn, Diego,Daß ich mit Sorge diesem Augenblick,Der aufgeschloßnen Blume des GefühlsMit banger Furcht entgegen sah—Die LiebeWird leicht zur Wuth in heftigen Naturen.Wenn in den aufgehäuften FeuerzunderDes alten Hasses auch noch dieser Blitz,Der Eifersucht feindsel'ge Flamme schlug—Mir schaudert, es zu denken—ihr Gefühl,Das niemals einig war, gerade hierZum erstenmal unselig sich begegnet—Wohl mir! Auch diese donnerschwere Wolke,Die über mir schwarz drohend niederhing,Sie führte mir ein Engel still vorüber,Und leicht nun athmet die befreite Brust.

Diego.Ja, freue deines Werkes dich. Du hastMit zartem Sinn und ruhigem VerstandVollendet, was der Vater nicht vermochteMit aller seiner Herrscher Macht—Dein istDer Ruhm; doch auch dein Glücksstern ist zu loben!

Isabella.Vieles gelang mir! Viel auch that das Glück!Nichts Kleines war es, solche HeimlichkeitVerhüllt zu tragen diese langen Jahre,Der Mann zu täuschen, den umsichtigstenDer Menschen, und ins Herz zurückzudrängenDen Trieb des Bluts, der mächtig, wie des FeuersVerschloßner Gott, aus seinen Banden strebte!

Diego.Ein Pfand ist mir des Glückes lange Gunst,Daß Alles sich erfreulich lösen wird.

Isabella.Ich will nicht eher meine Sterne loben,Bis ich das Ende dieser Thaten sah.Daß mir der böse Genius nicht schlummert,Erinnert warnen mich der Tochter Flucht.—Schilt oder lobe meine That, Diego!Doch dem Getreuen will ich nichts verbergen.Nicht tragen konnt' ich's, hier in müß'ger RuhZu harren des Erfolgs, indeß die SöhneGeschäftig forschen nach der Tochter Spur.Gehandelt hab' auch ich—Wo MenschenkunstNicht zureicht, hat der Himmel oft gerathen.

Diego.Entdecke mir, was mir zu wissen ziemt.

Isabella.Einsiedelnd auf des Ätna Höhen haustEin frommer Klausner, von Uralters herDer Greis genannt des Berges, welcher, näherDem Himmel wohnend, als der andern MenschenTief wandelndes Geschlecht, den ird'schen SinnIn leichter, reiner Ätherluft geläutertUnd von dem Berg der aufgewälzten JahreHinabsieht in das aufgelöste SpielDes unverständlich krummgewundnen Lebens.Nicht fremd ist ihm das Schicksal meines Hauses,Oft hat der heil'ge Mann für uns den HimmelGefragt und manchen Fluch hinweggebetet.Zu ihm hinauf gesandt hab' ich alsbaldDes raschen Boten jugendliche Kraft,Daß er mir Kunde von der Tochter gebe,Und stündlich harr' ich dessen Wiederkehr.

Diego.Trügt mich mein Auge nicht, Gebieterin,So ist's derselbe, der dort eilend naht,Und Lob fürwahr verdient der Emsige!

Zweiter Auftritt.

Bote. Die Vorigen.

Isabella.Sag' an und weder Schlimmes hehle mirNoch Gutes, sondern schöpfe rein die Wahrheit!Was gab der Greis des Bergs dir zum Bescheide?

Bote.Ich soll mich schnell zurückbegeben, warDie Antwort, die Verlorne sei gefunden.

Isabella.Glücksel'ger Mund, erfreulich Himmelswort,Stets hast du das Erwünschte mir verkündet!Und welchem meiner Söhne war's verliehn,Die Spur zu finden der Verlornen?

Bote.Die Tiefverborgne fand dein ältster Sohn.

Isabella.Don Manuel ist es, dem ich sie verdanke!Ach, stets war dieser mir ein Kind des Segens!—Hast du dem Greis auch die geweihte KerzeGebracht, die zum Geschenk ich ihm gesendet,Sie anzuzünden seinem Heiligen?Denn, was von Gaben sonst der Menschen HerzenErfreut, verschmäht der fromme Gottesdiener.

Bote.Die Kerze nahm er schweigend von mir an,Und zum Altar hintretend, wo die LampeDem Heil'gen brannte, zündet' er sie flugsDort an, und schnell in Brand steckt' er die Hütte,Worin er Gott verehrt seit neunzig Jahren.

Isabella.Was sagst du? Welches Schreckniß nennst du mir?

Bote.Und dreimal Wehe! Wehe! rufend, stieg erHerab vom Berg; mir aber winkt' er schweigend,Ihm nicht zu folgen, noch zurückzuschauen.Und so, gejagt von Grausen, eilt' ich her!

Isabella.In neuer Zweifel wogende BewegungUnd ängstlich schwankende VerworrenheitStürzt mich das Widersprechende zurück.Gefunden sei mir die verlorne TochterVon meinem ältsten Sohn, Don Manuel?Die gute Rede kann mir nicht gedeihen,Begleitet von der unglücksel'gen That.

Bote.Blick' hinter dich, Gebieterin! Du siehstDes Klausners Wort erfüllt vor deinen Augen;Denn Alles müßt' mich trügen, oder diesIst die verlorne Tochter, die du suchst,Von deiner Söhne Ritterschaar begleitet.

(Beatrice wird von dem zweiten Halbchor auf einem Tragsessel gebracht und auf der vordern Bühne niedergesetzt. Sie ist noch ohne Leben und Bewegung.)

Dritter Auftritt.

Isabella. Diego. Bote. Beatrice. Chor. (Bohemund, Roger, Hippolyt und die neun andern Ritter Don Cesars.)

Chor. (Bohemund.)Des Herrn Geheiß erfüllend, setzen wirDie Jungfrau hier zu deinen Füßen nieder,Gebieterin—Also befahl er unsZu thun und dir zu melden dieses Wort:Es sei dein Sohn Don Cesar, der sie sendet.

Isabella (ist mit ausgebreiteten Armen auf sie zugeeilt und tritt mit Schrecken zurück.) O Himmel! Sie ist bleich und ohne Leben!

Chor. (Bohemund.)Sie lebt! Sie wird erwachen! Gönn' ihr Zeit,Von dem Erstaunlichen sich zu erholen,Das ihre Geister noch gebunden hält.

Isabella.Mein Kind! Kind meiner Schmerzen, meiner Sorgen!So sehen wir uns wieder! So mußt duDen Einzug halten in des Vaters Haus!O, laß an meinem Leben mich das deinigeAnzünden! An die mütterliche BrustWill ich dich pressen, bis, vom TodesfrostGelöst, die warmen Adern wieder schlagen! (Zum Chor.)O, sprich! Welch Schreckliches ist hier geschehn?Wo fandst du sie? Wie kam das theure KindIn diesen kläglich jammervollen Zustand?

Chor. (Bohemund.)Erfahr' es nicht von mir, mein Mund ist stumm.Dein Sohn Don Cesar wird dir Alles deutlichVerkündigen, denn er ist's, der sie sendet.

Isabella.Mein Sohn Don Manuel, so willst du sagen?

Chor. (Bohemund.)Dein Sohn Don Cesar sendet sie dir zu.

Isabella (zu dem Boten).War's nicht Don Manuel, den der Seher nannte?

Bote.So ist es, Herrin, das war seine Rede.

Isabella.Welcher es sei, er hat mein Herz erfreut;Die Tochter dank' ich ihm, er sei gesegnet!O, muß ein neid'scher Dämon mir die WonneDes heiß erflehten Augenblicks verbittern!Ankämpfen muß ich gegen mein Entzücken!Die Tochter seh' ich in des Vaters Haus,Sie aber sieht nicht mich, vernimmt mich nicht,Sie kann der Mutter Freude nicht erwiedern.O, öffnet euch, ihr lieben Augenlichter!Erwärmet euch, ihr Hände! Hebe dich,Lebloser Busen, und schlage der Lust!Diego! Das ist meine Tochter—DasDie Langverborgne, die Gerettete,Vor aller Welt kann ich sie jetzt erkennen!

Chor. (Bohemund.)Ein seltsam neues Schreckniß glaub' ich ahnendVor mir zu sehn und stehe wundernd, wieDas Irrsal sich entwirren soll und lösen.

Isabella (zum Chor, der Bestürzung und Verlegenheit ausdrückt).O, seid ihr undurchdringlich harte Herzen!Vom ehrnen Harnisch eurer Brust, gleichwieVon einem schroffen Meeresfelsen, schlägtDie Freude meines Herzens mir zurück!Umsonst in diesem ganzen Kreis umherSpäh' ich nach einem Auge, das empfindet.Wo weilen meine Söhne, daß ich AntheilIn einem Auge lese; denn mir ist,Als ob der Wüste unmitleid'ge Schaaren,Des Meeres Ungeheuer mich umständen!

Diego.Sie schlägt die Augen auf! Sie regt sich, lebt!

Isabella.Sie lebt! Ihr erster Blick sei auf die Mutter!

Diego.Das Auge schließt sie schaudernd wieder zu.

Isabella (zum Chor).Weichet zurück! Sie schreckt der fremde Anblick!

Chor (tritt zurück). (Bohemund.)Gern meid' ich's, ihrem Blicke zu begegnen.

Diego.Mit großen Augen mißt sie staunend dich.

Beatrice.Wo bin ich? Diese Züge sollt' ich kennen.

Isabella.Langsam kehrt die Besinnung ihr zurück.

Diego.Was macht sie? Auf die Kniee senkt sie sich.

Beatrice.Ich, schönes Engelsantlitz meiner Mutter!

Isabella.Kind meines Herzens! Komm in meine Arme!


Back to IndexNext