Die Entstehung und Geschichte der Kindertaufe.

Die Entstehung und Geschichte der Kindertaufe.

Die Schreiber des N. Testaments wissen, wie wir im Laufe unserer Untersuchung klar nachgewiesen haben, nichts von einer Kindertaufe. Wir gehen nun zu den Kirchenvätern und Apologeten der nachapostolischen Zeit, und wir werden in ihren Schriften bald finden, wann die Kindertaufe ihren Anfang nahm. Die Vertreter der Kindertaufe sind natürlich auch hier bemüht, so früh als möglich Zeugnisse für die Aufrechterhaltung ihrer Theorie zu finden. Sie schnitzen aus jeglichem Holz Pfeile für ihre Sache. So will man z. B. schon aus einer ÄußerungJustins des Märtyrers(gest. 166) einen Beweis für das Vorhandensein der Kindertaufe gefunden haben.[386]Die Worte Justins lauten: „Es sind gar viele, sowohl männlichen als weiblichen Geschlechts, die von Kindheit auf in der Lehre Christi unterwiesen worden, verblieben mit ihren sechzig, siebzig Jahren noch unversehrt, und rühmend gelobe ich, unter jedem Stande solche aufzuweisen.“[387]Wie wenig diese Worte Justins mit der Kindertaufe zu tun haben, soll uns vorsichtshalberDr.Steitzsagen: „Justins Erwähnung solcher, welche von Kindheit auf Christi Jünger geworden seien, bezeugt nur, daß man schon Kinder im Christentum unterwies; sie verbürgt daher schon dasBestehen des Katechumenats, nicht aber der Kindertaufe.“[388]Aber Justin selbst gibt uns in seiner ersten Apologie, in der er eine ausführliche Beschreibung von den gottesdienstlichen Handlungen der Christen liefert, den unwiderlegbaren Beweis dafür, daß die Kindertaufe zu seiner Zeit noch kein kirchlicher Brauch war. Er schreibt nämlich: „Alle jene, die zurÜberzeugunggekommen sind undglauben, daß das wahr ist, was von uns gelehrt und gesagt wird, und dieangeloben, daß sie es vermögen, so zu leben, werden angeleitet zu beten und unter Fasten von Gott die Vergebung ihrer vorhin begangenen Sünden zu erflehen; dabei beten und fasten wir mit ihnen. Hierauf werden sie von uns hingeführt, wo Wasser ist und werden in jener Art und Weise wiedergeboren, wie auch wir selbst wiedergeboren worden sind.“[389]Nach Justins eigener Erklärung wurden also nur solche getauft, die da „glaubten“ und die aus „eigener Überzeugung“ die Lehre des Evangeliums annahmen und versprachen, ein demselben gemäßes Leben zu führen. Bei einem Kinde aber, bei dem jede persönliche Willensbeteiligung fehlt, kann dies doch nicht der Fall sein.Semisch, der Biograph Justins, sagt mit Recht: „So oft Justin der Taufe gedenkt, erscheinen Erwachsene als Objekte, an welchen die heilige Handlung vollzogen wird. Eine Kindertaufe kennt er noch nicht. Die Spuren von derselben, welche man in seinen Schriften zu entdecken geglaubt hat, sindgrundlos geträumte, künstlich erzeugte.“[390]

Irenäus, Bischof zu Lyon (gest. 202), wird von vielen als Zeuge für das Vorhandensein der Kindertaufe in seinen Tagen angeführt. Der Ausspruch des Irenäus, dem man dies entnehmen will, lautet: „Er kam, alledurch sich selbst zu erlösen, alle, welche durch ihn, in Beziehung auf Gott, wiedergeboren werden: die ganz unmündigen Kinder, die Kleinen, die Knaben, die Jünglinge und die Bejahrteren. Deshalb ging er jedes Alter durch, und er wurde den Kindern ein Kind, die Kinder heiligend, unter den Kleinen ein Kleiner, die in diesem Alter sich Befindenden heiligend, und zugleich wurde er ihnen ein Beispiel der Frömmigkeit, des Rechttuns und des Gehorsams, unter den Jünglingen ein Jüngling, indem er ihnen ein Beispiel wurde und sie dem Herrn heiligte.“[391]

Wie man nun in diesen Worten Irenäus’ etwas zugunsten der Kindertaufe finden will, ist nicht zu ersehen. Denn es findet sich hier ja auch nicht die leiseste Hindeutung auf eine Kindertaufe. Irenäus sagt doch nicht, daß Christus gekommen sei, alle durch die Taufe zu erlösen, auch nicht, daß die unmündigen Kinder durch die Taufe wiedergeboren werden, sondern er sagt: Christus kam, um die Kleinen wie auch die Großen durch sich selbst zu erlösen, alle sollen durch ihn zu Gott wiedergeboren werden. Er ging jedes Lebensalter durch, um jedem ein Beispiel der Frömmigkeit und des Gehorsams zu sein. Er ist der, der in allen Lagen unseres Lebens mit uns Menschenkindern mitfühlen kann, „denn darinnen er gelitten hat und versucht ist, kann er helfen denen, die versucht werden“.[392]Übrigens bringt Irenäus diesen Gedanken in mehreren anderen Stellen seiner Schriften zum Ausdruck. So sagt er zum Beispiel: „Unser Herr brachte den Menschen wieder in Verbindung mit Gott durch seine Menschwerdung.“ Ferner schreibt er: „Indem der Sohn Gottes ein Mensch unter Menschen wurde, hat er das Menschengeschlecht von neuem geschaffen. Wie können wir an der Kindschaft teilhaben, außer wenn wir durch den Sohn dieGemeinschaft mit Gott wiederempfangen — wenn sein Wort, das Fleisch geworden, diese Gemeinschaft uns mitteilt? Daher ging er auch durch jedes Lebensalter, alle zur Gemeinschaft Gottes zurückzuführen.“[393]Münschermacht zu dem zuerst angeführten Ausspruch des Irenäus folgende berechtigte Bemerkung, der wir nur beipflichten können, denn sie ist auf Grund der Sprache des Kirchenvaters allein zulässig: „Aus der Stelle ist sichtbar, daß Irenäus von solchen Kindern redet, die schon Beispiele der Frömmigkeit erkennen und benutzen können.“[394]Und der schweizerische TheologeHagenbachschreibt: „Die früheste patristische Stelle des Irenäus (adv. haer. II.22) ist nicht absolut beweisend [für die Kindertaufe], sie drückt bloß die schöne Idee aus, daß Jesus auf jeder Altersstufe für jede Altersstufe Erlöser gewesen; daß er es aber für die Kinder durch das Taufwasser geworden, sagt sie nicht.“[395]

Die Idee, auch kleine Kinder zu taufen, kam erst zur ZeitTertullians(gest. 230) auf. Er ist auch der erste, der ausdrücklich die Kindertaufe erwähnt, sie aber auch entschieden als eine Neuerung bekämpft. Er führt darüber aus: „Mögen die Kinder kommen, wenn sie herangewachsen sind; sie sollen auch kommen, wenn sie gelernt haben, wenn sie darüber belehrt sind, wohin sie gehen sollen; sie mögen Christen werden, sobald sie imstande sind, Christum zu kennen. Aus welchem Grunde hat das Alter der Unschuld es so eilig mit der Nachlassung der Sünden? Will man etwa in zeitlichen Dingen mit mehr Vorsicht verfahren und die göttlichen Güter einem anvertrauen, dem man irdische noch nicht anvertraut? Sie mögen lernen, um ihr Seelenheil bitten, damit es den Anschein gewinne, daß man nur einem Bittenden gegeben habe.“[396]

In diesen Worten Tertullians muß für jedermann ein unwiderlegbarer Beweis dafür liegen, daß die Kindertaufe zu seiner Zeit noch nicht als apostolische Sitte galt, denn sonst hätte er es nie gewagt, sie so kühn und scharf zu bekämpfen. Dies müssen selbst Verteidiger der Kindertaufe zugeben. So schreibt z. B.Neander: „In den späteren Jahren des 2. Jahrh. erscheint Tertullian als eifriger Gegner der Kindertaufe, ein Beweis, daß dieselbe damals noch nicht als apostolische Einsetzung angesehen zu werden pflegte, denn sonst würde er schwerlich gewagt haben, so stark dagegen zu reden.“[397]Dasselbe Zugeständnis macht auchRuperti.[398]UndBenemasagt: „Tertullian rät ab von der Kindertaufe, welches er nicht würde getan haben, wenn es eine Überlieferung und ein herrschender Gebrauch der Kirche gewesen wäre, indem er sehr an Überlieferung hing; auch würde er, wäre es eine solche gewesen, nicht ermangelt haben, dies zu erwähnen. Daher schließe ich,“ fügt er hinzu, „daß der Gebrauch der Kindertaufe vor den Zeiten Tertullians nicht erwiesen werden kann, und daß es Personen zu seiner Zeit gab, die ihre Kinder getauft zu sehen wünschten, welcher Meinung Tertullian sich widersetzte.“[399]

Es ist eine geschichtliche Tatsache, daß es zur Zeit Tertullians solche gab, welche die Notwendigkeit der Kindertaufe in derTheorieaufrechthielten; es kam aber nicht dahin, sie auch wirklich in der Praxis auszuüben. Dieser Meinung ist auch Neander.[400]

Bald aber, nachdem die warnende Stimme Tertullians in der Christenheit verhallt war, blieb die Idee der Kindertaufe nicht mehr lange eine theoretische Frage sondern bürgerte sich immer mehr ein, und man sprach baldvon ihr als von einer kirchlichen Observanz, die in göttlicher Institution und apostolischer Tradition ihren Grund habe. Dies war z. B. in der Mitte des 3. Jahrh. in den Tagen Cyprians schon in der nordafrikanischen sowie auch in der alexandrinischen Kirche der Fall.

Was nun der eigentliche Grund zur Einführung der Kindertaufe war, entnehmen wir den Schriften des Cyprian und Origenes. Ersterer ist der Ansicht, daß die neugeborenen Kinder durch die fleischliche Abkunft von Adam die Ansteckung des Todes mit auf die Welt gebracht haben. Letzterer sieht in der Geburt überhaupt schon etwas Befleckendes, und beide sind der Meinung, daß diese Befleckung allein durch die Taufe hinweggenommen werden könnte.[401]Ja man sprach in vollem Ernst davon, daß „Kinder, die da ungetauft sterben, können nicht ins Himmelreich kommen“.[402]Man gab sich eben dem abergläubischen Wahne hin, daß die Taufe den Menschen von jeglicher anklebenden Sündenschuld befreie und von den drohenden ewigen Strafen errette.Neanderschreibt dazu noch: „Indem die Idee von den magischen Wirkungen der Sakramente immer mehr Einfluß erhielt, entwickelte sich daraus die Theorie von der unbedingten Notwendigkeit der Kindertaufe. Um die Mitte des 3. Jahrh. war dies in der nordafrikanischen Kirche schon allgemein angenommen.“[403]Und der gelehrte Geschichtschreiber und KritikerClaudius Salmasiusführt aus: „Es herrschte die Meinung, daß keiner selig werden könne, der nicht getauft wäre; daher entstand dann der Gebrauch der Kindertaufe.“[404]

Es ist unzweifelhaft gewiß, daß uns das erste sichere Zeugnis über das Vorhandensein der Kindertaufein der christlichen KircheCypriangibt, also in der ersten Hälfte des 3. Jahrh. Zu seiner Zeit handelte es sich nicht mehr darum, ob Kinder christlicher Eltern getauft werden dürfen und sollen, — damit war man einverstanden — sondern es war nur noch die Frage, ob sie bald nach der Geburt oder erst acht Tage nach derselben, dem Vorbilde der Beschneidung gemäß, getauft werden sollten. Das letztere war die Meinung des BischofsFidus, welcher dem Konzil zu Karthago im Jahre 252 eine Frage darüber vorlegte. Cyprian antwortete darauf im Namen der bei diesem Konzil versammelten 66 Bischöfe. „Seine Antwort zeigt uns,“ schreibt Neander, „wie er voll war von jener oben entwickelten großen christlichen, der Kindertaufe zu Grunde liegenden Idee, wie er aber durch jenen Geist der Veräußerlichung manches Irrtümliche damit zu vermischen sich verleiten ließ.“[405]Cyprian erklärt sich gegen die willkürliche Grenzbestimmung des Fidus, indem er sagt: „Keiner von uns konnte mit deiner Meinung übereinstimmen; wir alle urteilen vielmehr, daß keinem Menschen, sobald er geboren worden, die Barmherzigkeit und Gnade Gottes versagt werden müsse; denn da der Herr in seinem Evangelium sagt: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erhalten“, (Luk. 9, 56) so muß, soviel an uns ist, womöglich keine Seele verloren gehen.“ „Was du gesagt hast, daß die Berührung des Kindes in den ersten Tagen seiner Geburt nicht rein sei, und daß jeder von uns sich noch scheue, ein solches zu küssen, auch dieses darf, wie wir meinen, kein Hindernis sein für die Verleihung der himmlischen Gnade, denn es ist geschrieben: „Alles ist dem Reinen rein;“ und keiner von uns darf einen Ekel haben vor dem, was Gott zu schaffen gewürdigt hat. Wenn auch das Kind eben geboren ist, so ist es doch nicht so, daß jemand einen Ekel haben dürfte, es bei derErteilung der Gnade und der Erteilung des Friedensgrußes (der Bruderkuß, der als Zeichen der Gemeinschaft des Friedens im Herrn den Neugetauften erteilt wurde) zu küssen.“ „Wenn übrigens etwas die Menschen an der Erlangung der Gnade hindern könnte, so könnten vielmehr die Erwachsenen durch die schweren Sünden gehindert werden. Wenn aber auch den schwersten Sündern, welche vorher viel gegen Gott gesündigt haben, nachdem sie zum Glauben gelangt sind, die Vergebung der Sünden verliehen und von der Taufe und der Gnade keiner zurückgehalten wird, um wieviel mehr darf das Kind nicht zurückgehalten werden, welches, neugeboren, nicht gesündigt, sondern durch die fleischliche Abkunft von Adam die Ansteckung des alten Todes mitgebracht hat, welches desto leichter zur Erlangung der Sündenvergebung kommt, weil ihm nicht eigene, sondern fremde Sünden vergeben werden?“[406]

Origenes, der große Kirchenlehrer von Alexandrien, ein Zeitgenosse Cyprians, spricht mehrmals von der Kindertaufe als einer kirchlichen und von den Aposteln her überlieferten Sitte. Es sind drei Stellen bei Origenes, die ausdrücklich vom Vorhandensein und der Berechtigung der Kindertaufe handeln. Wir setzen dieselben hierher, und zwar in der Übersetzung von PfarrerStöber.[407]Die Aussprüche des Origenes lauten: „Gemäß der kirchlichen Regel wird auch den Kindlein die Taufe gespendet.“[408]„Niemand ist rein von Befleckung, sei auch sein Leben auf Erden nur eines einzigen Tages lang. Und weil durch das Taufsakrament die angeborene Beflecktheit abgewaschen wird, darum werden auch die Kindlein getauft.“[409]Und endlich kommt Origenes zu der kühnen Behauptung: „Von denAposteln her hat die Kirche die Überlieferung empfangen, daß auch den Kindlein die Taufe zu spenden sei.“[410]

Wie nun diese willkürliche und unberechtigte Behauptung dieses Kirchenvaters aufzunehmen ist, soll unsNeandersagen: „Origenes, in dessen System die Kindertaufe sehr gut Platz fand, erklärt sie für apostolische Überlieferung,welche Aussage übrigens in diesem Zeitalter nicht viel bedeuten kann, da man so sehr geneigt war, Einrichtungen, die man für besonders wichtig hielt, von den Aposteln abzuleiten, und da schon so manche, den freien Blick hemmende Scheidewand zwischen diesem und dem apostolischen Zeitalter in der Mitte stand.“[411]EbensoMünscher: „Die Versicherung des Origenes, daß die Kindertaufe von der apostolischen Tradition herrühre, möchte ich eben nicht für ein historisch gültiges Zeugnis ansehen. Denn es war damals gar zu gewöhnlich, daß jede Kirche ihre Einrichtungen auf die Apostel zurückführte, um sie dadurch zu bestätigen und ehrwürdiger zu machen.“[412]UndDr.Riehmführt aus: „Daß die schon von Origenes auf apostolische Tradition zurückgeführte Kindertaufe wirklich in der apostolischen Zeit üblich war oder wenigstens vorgekommen ist, läßt sich aus dem N. Testament nicht beweisen.“[413]

Daß die Säuglingstaufe nicht vor der Mitte des 3. Jahrh. eingeführt wurde, bezeugt auchHippolytus, der um diese Zeit schreibt: „Wir haben nie die Taufe von Kindern verteidigt, welche erst in einigen Gegenden anfing, angewandt zu werden.“[414]

Curcellaeus, ein berühmter Theologe und Professor zu Genf, sagt: „Der Gebrauch der Kindertaufe begann nicht vor dem 3. Jahrh. nach Christo. In den früheren Jahrhunderten ist keine Spur davon zu finden, — und sie ward ohne den Befehl Christi eingeführt.“[415]AuchBunsen, einer der größten Gelehrten der Neuzeit, bezeugt: „Die Kindertaufe im Sinne der neueren Zeit, nämlich die Taufe neugeborener Kinder mit stellvertretenden Gelübden von Eltern und andern Taufzeugen, war unter den Christengemeinden der ersten Zeit etwas völlig Unbekanntes, nicht nur bis zu Ende des 2. sondern in der Tat bis in die Mitte des 3. Jahrh.“[416]Und die „Kirchengeschichte des christlichen Vereins im nordischen Deutschland“ gibt zu, daß „Christus die Kindertaufe nicht eingesetzt habe“, und macht das Zugeständnis, daß dieselbe nur eine von „Menschen erfundene Zeremonie“ sei.[417]Wir haben nun eine ganze Kette von historischen Zeugnissen, durch die wir unwiderlegbar nachgewiesen haben, daß die Kindertaufe erst zur Zeit, als Cyprian in Karthago das Episkopat innehatte, eingeführt wurde. Die Kindertaufe hat somit, wie fast alle kirchlichen Neuerungen und Irrtümer, Afrika als Heimat.

Überschreiten wir das 3. Jahrh., so finden wir, daß die Kindertaufe schon eine ziemlich weit verbreitete Sitte war, doch forderten manche Kirchenväter ein bestimmtes Alter. So willGregorius v. Nazianzin den Fällen, wo keine dringende Gefahr vorhanden ist, ein etwa dreijähriges Alter der Kinder abgewartet wissen, damit „sie“, wie er sagt, „etwas bei der Taufe fühlen und antworten können, wenn sie es auch nicht vollkommen verstehen“.[418]

Der ununterbrochene Streit aber und die Verhandlungen vieler Synoden über diesen Punkt beweisen, daß es an Saumseligkeit, ja sogar an heftigem Widerspruch gegen diesen Brauch nicht fehlte. Als gegnerische Parteien wären hier zu erwähnen diePelagianer, dieBongomilen, dieArnoldistensowie diePetrobrusianerund die sich ihnen anschließendenHenricianerin Südfrankreich und Oberitalien.[419]Gegen die ersteren schreibt z. B. die Generalsynode zu Karthago im Jahre 418, auf der nicht weniger als 200 Bischöfe aus allen Teilen Afrikas und Spaniens zugegen waren, Kanon 2: „Wer sagt, die neugeborenen Kinder brauche man nicht zu taufen...., der sei Anathema.“[420]Dasselbe wurde ein Jahr später am 25. Mai, ebenfalls in Karthago, auf einem Konzil wiederholt.[421]Die Bongomilen vom 10. bis 12. Jahrh., die sich unter der allgemeinen Verwirrung dieses Jahrhunderts aus Griechenland nach Italien, Südfrankreich, den Niederlanden, nach Deutschland, Österreich und anderen Ländern verbreiteten, behaupteten: „Die Kindertaufe sei unnütz, weil die Kinder keines Glaubens, keines Vorsatzes der Besserung, keiner Aufnahme des hl. Geistes fähig seien, daher sich auch keine Wirkung davon im Leben der Menschen offenbare.“[422]Die Arnoldisten drangen „auf wahrhafte Sinnesänderung, behaupteten, daß die bloß äußerliche Taufe an und für sich dem Menschen unnütz sei, wenn nicht damit verbunden wäre die allein wesentliche Taufe des hl. Geistes, welche die wahrhaft gläubige Seele vom Bösen reinige und heilige.“[423]VonPeter von Bruys, der im 12. Jahrh. in Südfrankreich als Priester wirkte, schreibt Schröckh: „Er behauptete zuerst, daß Kinder, welche den Gebrauch ihres Verstandes noch nicht hätten, durch die Taufe nicht selig werden könnten; daß ihnen auch ein fremder Glaube nichts helfe, weil der Erlöser von denen eigenen Glauben gefordert habe, welche getauft und selig werden sollten.“[424]Peter von Bruys will nicht den ungetauften Kindern die Seligkeit absprechen, sondern er will beweisen, daß dem Evangelium gemäß nur Erwachsene, die glauben, getauft werden sollten.Neanderschreibt von ihm: „Peter von Bruys wollte eine christliche Taufe nur dann anerkennen, wo das dazu notwendige Erfordernis des Glaubens vorhanden war. Er betrachtete daher die Kindertaufe als eine nichtige, und alle, welche in die von ihm gestiftete Gemeinschaft eintreten wollten, mußten sich von neuem durch die Taufe darin aufnehmen lassen. Die Wassertaufe könne, so lehrte er, wo kein Glaube vorhanden sei, nur den Leib, nicht die Seele reinigen. Wenn seine Anhänger von ihren Gegnern Wiedertäufer genannt wurden, so glaubten sie diesen Namen mit Recht zurückweisen zu können, da von einer Wiederholung der Taufe nicht die Rede sein könne, wo keine wahre Taufe vorhergegangen sei. Wir, sagten sie, erwarten die rechte Zeit für den Glauben, und wenn der Mensch bereit ist, seinen Gott zu erkennen und an ihn zu glauben, so vollziehen wir an einem solchen nicht, wie ihr uns beschuldigt, eine Wiedertaufe, sondern wir taufen ihn, weil er noch nicht mit der Taufe, durch die man von Sünden gereinigt wird, getauft worden ist.“[425]

Es ist noch beachtenswert, daß, trotzdem in der herrschenden Kirche die Kindertaufe allgemein gebilligt und ausgeübt wurde, sich doch Beispiele dafür vorfinden, daß noch Jahrhunderte nach Entstehen der Kindertaufe frommeEltern, ja sogar Bischöfe ihre Kinder im reiferen Alter erst taufen ließen.Dr.Rietschelschreibt darüber: „Gregor von Nazianz und Basilius wurden erst nach Vollendung ihrer weltlichen Bildung getauft, obgleich jener Sohn eines Bischofs, dieser Sohn frommer Eltern war. Auch Chrysostomus und Hieronymus, die aus christlicher Familie stammten, wurden als Erwachsene getauft. Ambrosius und Nektarius empfingen erst nach ihrer Wahl zum Bischof die Taufe. Als Augustin in seiner Jugend todkrank wurde, ließ ihn seine Mutter Monica nicht taufen, sondern ihm nur die Katechumenatsweihe geben.“[426]Augustin erwähnt dies in seinem ersten Buch, Kap. 11.

ImMittelalterfindet man kirchliche Verordnungen vor, woraus zu ersehen ist, daß Eltern bei Unterlassung der Kindertaufe streng bestraft wurden. Eine englische Synode von 691 (oder 692) Kanon 2, schreibt z. B. vor: „Ein Kind muß innerhalb dreißig Tagen nach seiner Geburt bei Strafe von 30 Solidi getauft werden. Stirbt es (nach 30 Tagen) ungetauft, so wird es gesühnt mit dem ganzen Vermögen der Eltern.“[427]Und die Synode von Paderborn 785 beschließt, Kanon 19: „Jeder muß sein Kind innerhalb eines Jahres taufen lassen, bei Strafe.“[428]Namentlich werden auch die Priester dafür verantwortlich gemacht, daß keine Kinder ungetauft sterben.[429]

Hat man im Altertum nur geborene Menschen getauft, so finden sich seit dem 13. Jahrh. auch Spurendafür vor, daß man bei vorhandener Lebensgefahr die Kinder im Mutterleibe taufte. Einige Kirchenlehrer wie Augustin und auch Thomas von Aquino erklärten sich gegen diese Sitte. Luther sprach sich mit Ernst dagegen aus, Kinder eher zu taufen, als bis sie vollständig geboren sind.[430]Die Art und Weise, wie diese Taufe vor sich ging, zu beschreiben, sind wir an dieser Stelle, da diese Dinge schon in das Bereich des allzu Menschlichen gehören, und derartige Beschreibungen ihren Zweck auch viel besser in der „Moraltheologie“ Roms erfüllen, genötigt, mit Stillschweigen zu übergehen.[431]

Aber alle diese Mittel schienen der Kirche noch nicht den erwünschten Erfolg gebracht zu haben. Man ließ sich deshalb zu Handlungen verleiten, welche dem Wesen des Christentums schroff zuwider waren. So wurden z. B. Kinder mit List oder mit Gewalt den Eltern weggenommen, um ihnen die Taufe zu erteilen. Ein Beispiel darüber findet sich bei Scotus in seinem Kommentar über Lombards viertes Buch vor. Scotus, der einer der scharfsinnigsten Denker unter den Scholastikern war, schreibt, „daß ein Fürst, der mit einer gewissen Behutsamkeit die Kinder der Juden und Ungläubigen wider den Willen ihrer Eltern taufen lasse, daran sehr wohl tue, weil Gott an den Kindern ein größeres Recht habe als die Eltern; ja solche Eltern selbst dürften gar wohl durch Drohung zur Taufe gezwungen werden, weil, gesetzt, daß sie auchkeine wahren Gläubigen würden, doch ihre Nachkommen, wenn sie eine gute Erziehung erhielten, es werden könnten“.[432]

Seit dem 6. und 7. Jahrh. kommen derartige Zwangstaufen recht häufig vor und dies nicht nur an unmündigen Kindern sondern sogar an Erwachsenen. KaiserJustinian(527–565) verordnete nachBinghamsAngabe: „Solche Väter, welche die Taufe noch nicht empfangen hätten, sollten sich samt ihren Weibern und Kindern und allen, die ihnen zugehörten, im Gotteshause einfinden und daselbst ihre Kleinen sogleich taufen lassen, die übrigen aber sollten die Taufe empfangen, sobald sie im Wort Gottes nach den heiligen Büchern wären unterrichtet worden. Wenn aber irgend jemand, um ein öffentliches Amt oder eine öffentliche Würde zu erlangen, oder um Besitzungen erwerben zu können, in unaufrichtiger Absicht die Taufe an sich vollziehen, dabei aber Weib oder Kinder oder Dienstboten oder wer immer seinem Hause oder seiner Verwandtschaft angehöre, im alten Irrtum verharren ließe, dessen Güter sollten in solchem Falle eingezogen und seine Person durch den zuständigen Richter gestraft werden, auch sollte er von jedem Amte im öffentlichen Gemeinwesen ausgeschlossen bleiben.“[433]„Der fränkische KönigChilperichließ viele Juden wider ihren Willen und mit Gewalt taufen, und vertrat zuweilen selbst die Taufzeugen- oder Patenstelle. Dasselbe tat der KönigSisebutin Ansehung der spanischen Juden.“[434]Das Konzil zu Toledo im Jahre 633 erklärt sich gegen diesen Brauch.[435]„Es fehlte auch nicht an Eifer zu gewaltsamer Heidenbekehrung. Der FrankenkönigDagobert(628–638) zwang nicht bloß die Juden zur Taufe, sondernerließ auf Anraten des hl. Amandus den Befehl, die heidnischen Einwohner von Gent mit Gewalt zu taufen. Dasselbe geschah auf BefehlKarls des Großenin Ansehung der Sachsen. Auch liefert die Geschichte der Einführung des Christentums unter den Bulgaren, Friesen, Thüringern, Skandinaviern u. a., sowohl von seiten der Regenten als der sogenannten Heidenapostel, mehr als ein Beispiel von Aufnötigung der Taufe durch physische Gewalt, durch List und Überredung. Es wurde für verdienstlich gehalten, das Reich und die Herde Christi zu vermehren, wenn auch die Mittel, dies zu bewirken, nicht eben die edelsten und würdigsten sein sollten.“[436]

Diese Vorgänge sind der beste Beweis, wie gar bald die Staatskirche den Grundsatz Jesu: „Wer dawill, der komme,“ aus dem Auge verlor. Ist es deshalb zu verwundern, daß die Kirche völlig verweltlichte und den göttlichen Charakter mehr und mehr verlor? Doch gab es Kirchenlehrer und dies besonders im 13. Jahrh., welche zu solchen Zwangsmaßregeln weder rieten noch sie billigten. So äußert sich z. B.Thomas von Aquinnach Schröckhs Angabe in diesem Punkt dahingehend, daß die Kinder der Juden oder anderer Ungläubigen wider den Willen der Eltern nicht getauft werden dürften.[437]

DieReformationfand die Kindertaufe als einen festen kirchlichen Gebrauch vor und trat gegen die Verteidigung der Erwachsenentaufe mit Entschiedenheit für sie ein.Zwingli, der mitGrebel,ManzundDr.Balthaser Hubmaier, damals Pfarrer in Waldshut in der Nähe von Zürich, die Gegner der Kindertaufe waren, häufig zusammenkam, hat eine Zeitlang den „Irrtum“ eingesehen und war der Meinung, daß es besser sei, die Taufe bis zu „gutem Alter“ aufzuschieben, jedoch nahmer bald wieder eine entgegengesetzte Stellung ein und wurde von da ab ein eifriger und fanatischer Verteidiger der Säuglingstaufe.[438]Er schritt sogar, als die öffentlichen Besprechungen mit den Wiedertäufern ihr Wachsen nicht aufhielten, 1525 mit seiner „theokratischen Rücksichtslosigkeit zur Gewalt“. „Der Rat verfügte unter Androhung von Landesverweisung die Taufe aller Kinder innerhalb acht Tagen, ließ die Widergesetzlichen einfangen“ und verordnete 1526, daß alle Wiedertäufer „ohne Gnade und Barmherzigkeit ersäuft werden“.[439]

Die Aufgabe der Reformatoren war sicherlich eine große und edle, und ohne Zweifel waren die Männer von Gott berufen, um der in großer Dunkelheit sich befindenden Menschheit das volle Licht göttlicher Wahrheit zu bringen. Allein sie haben diese ihre hohe Aufgabe nicht ganz erfüllt, da sie mit den vielen Irrlehren und Mißbräuchen Roms nicht völlig aufräumten. Man hätte, „um der Einsetzung Christi wieder näher zu treten“, wieDr.Friedrich Schleiermacher sagt, „bei der Reformation die Kindertaufen fahren lassen können“.[440]Das Vorurteil und Mißtrauen, mit dem oft die Reformatoren gegen all das, was in irgend einer Weise mit ihrer Auffassung und Lehrbestimmung nicht übereinstimmte, erfüllt waren, veranlaßte sie oft, dies, ohne es einer genauen Prüfung zu unterziehen, zu verwerfen. Man denke hier z. B. an die ungerechte Behandlung von Grebel, Manz, Balthaser Hubmaier und ihrer Glaubensgenossen. Die einfachen Lehren und Heilsanstalten des Evangeliums wurden zu einem Gewebe dogmatischer Spitzfindigkeiten ausgesponnen und durch äußere Zwangsanstalten, wie dieKindertaufe eine ist, gefesselt. Doch, was die mutigen, im Geiste Gottes kämpfenden Verteidiger der biblischen Wahrheit Großes geleistet haben, erkennen wir herzlich gerne an und sind mit innigem Dank gegen sie selbst und gegen den allweisen Lenker der Weltgeschichte erfüllt. Aber diesen unsern Dank dürfen wir nicht dadurch zum Ausdruck bringen, daß wir sie zur Richtschnur unseres Glaubens machen, sondern wir müssen auch hier den Weg gehen, den uns Gott in seinem Bibelbuch vorschreibt. Sehr richtig und beherzigend sind folgende Worte vonDr.Priestly: „Luther und Calvin reformierten viele Mißbräuche, besonders in der Kirchenzucht, und ebenso verschiedene grobe Verderbnisse in der Lehre; aber sie ließen andere Dinge von weit größerer Bedeutung, gerade wie sie dieselben vorfanden.... Es gereicht ihnen zum großen Verdienst, so weit gegangen zu sein, als sie gingen, und nicht sie, sondern wir sind zu tadeln, wenn ihre Autorität uns am Weitergehen hindert. Wir sollten sie vielmehr nachahmen in der Kühnheit und dem Geiste, womit sie so viele lang geduldete Irrtümer in Frage zogen und berichtigten; und für uns selbst aus ihren Arbeiten Nutzen ziehend, größere Fortschritte machen, als sie imstande waren zu machen. Wir haben wenig Grund, ihren Namen, Autorität und Beispiel anzuführen, wenn sie viel taten und wir durchaus nichts tun. Hierin ahmen wir ihnen nicht nach, sondern denen, welche sich ihnen widersetzten und zuwiderhandelten, indem sie alles so lassen wollten, wie es war.“[441]

Aber ebenso wahr und beherzigend sind auch folgende WorteDr.Gmelins: „Sobald eine Kirche wirklich eine „evangelische“ sein will, so darf sie die Zugehörigkeit zu ihr niemals erzwingen und auch nicht durch scheinbare Freiwilligkeit erschleichen wollen, sondern muß es immer dem tatsächlich freien Willen, der eigenen Überzeugungeines jeden überlassen, ob er sich zu ihr bekennen und ihren Bedingungen unterwerfen will. Den Versuch, durch staatliche „Schutzmaßregeln“ oder durch gewohnheitsmäßige Zwangseinrichtungen, wie die Kindertaufe eine ist, als Symbol des Eintritts in eine kirchlich-religiöse Genossenschaft, sich eine möglichst große Zahl äußerlicher Glieder zu sichern, können wir immer nur als einen im besten Fall katholisch, im tiefsten aber heidnisch-weltlichen, nie aber einen „evangelischen“, dem Evangelium Jesu und seinem ganzen Sinn und Geist entsprechenden, erkennen.“[442]

Wir schließen unsere Untersuchung mit der der Tatsache entsprechenden Ausführung vonDr.Lange: „Die Geschichte beweist, daß die Kindertaufe in der ältesten Kirche nur ein Erzeugnis des schon frühzeitig überhandnehmenden Aberglaubens von der mystischen, übernatürlich wirkenden Kraft des durch den hl. Geist bewegten Taufwassers und von der Gewalt des Teufels und der Dämonen über die Seelen der Ungetauften war, und daß sie erst durch die Vollendung dieses Aberglaubens allgemein eingeführt wurde. Es fragt sich auch aus diesem Grunde, ob es derevangelischenKirche würdig und angemessen sei, ein solchesDenkmal des altchristlichen Aberglaubenslänger zu dulden.“[443]

Ende des Kapitels


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