Am 10. Januar.

„Denken Sie, Wachholder“ — sagt der Doktor zu mir — „da hatte die Herostratin vorgestern einen ganzen Bogen Manuskript, das ganze zwanzigste Kapitel der Flodoardine zu dem eben von ihr erwähnten Zwecke vermißbraucht! Denken Sie sich meine Verblüfftheit, als der Köter so geschmückt aus seinem Winkel mir entgegenstolziert, auf den Stuhl mir gegenüber springt und einen verachtenden Blick über den Schreibtisch und die noch übrigen Bogen wirft, als wolle er sagen: Pah, aus dem andern Schund machen wir eine ganz famose Jacke!“

„Kriege ich mein Geschirr?“ ruft der kleine Verzug zwischen uns ungeduldig.

„Ja,“ sagte der Doktor gravitätisch; „mit der zweiten Auflage der Flodoardine!“

„Ach,“ mault die Kleine, wehmütig über diese dunkle, ihr unverständliche Vertröstung, „ich sehe schon, Du hast wieder mal kein Geld!“

Lachend marschierte ich weiter, während der Doktor ebenfalls etwas Unverständliches in den Bart brummte.

Und jetzt sind wir am Eingange der buntgeschmückten Bude angekommen und einen Augenblick darauf auch drinnen. Affen und Äffinnen, Hunde und Hündinnen machten ihre Kunststücke, und die Bretter bedeuteten auch hier eine Welt, und Affe und Äffin, Hund und Hündin betrugen sich wie Menschen. Die kleine Elise jauchzte, und Rezensent starrte verwundert seinen Stammesgenossen auf der Bühne zu. Er schien ganz perplex, und von Zeit zu Zeit stieß er einen heulenden Laut aus, den der Doktor verdolmetschte:

„Berichterstatter war außer sich vor Entzücken.“

Bellte der gelehrte Pudel kurz und schroff, so meinte der Doktor, das bedeute:

„Berichterstatter war außer sich über die Insolenz eines so unreifen Künstlers, vor einem so kritisch gebildeten Publikum, wie das unserer Residenz, zu erscheinen.“

Wedelte das rezensierende Vieh mit seinem Husarenbusch, so hieß das:

„Diese junge Künstlerin verdient alle Ermunterung. Bei fortgesetztem, fleißigem Studium verspricht sie etwas Großes zu leisten.“

Gähnte der Köter, so sagte der Doktor:

„Berichterstatter rät dem Verfasser dieses geistvollen Stücks, sein elendes Machwerk nicht für dramatische Poesie auszugeben. Mit einer Tragödie hat es nichts gemein als fünf Akte!“

Als am Schluß der Vorstellung das große und kleine Publikum sich erhob und Beifall klatschte, der Pudel aber, wie von einer großen Verpflichtung befreit, unter die Bank sprang, erklärte der Doktor, das bedeute:

„Gottlob, daß die Geschichte vorbei ist. Jetzt kann man sich doch mit Gemütsruhe eine Zigarre anzünden und zu Butter und Wagener am Gänsemarkt gehen.“

Und das tat der Doktor auch. Vorher aber hob er die kleine Elise noch zu sich empor und gab ihr — wie sehr sie sich auch sträubte — einen tüchtigen Schmatz.

„Also bei der zweiten Auflage der Flodoardine schaffen wir uns ein neues Teeservice an,“ sagte er lachend.

Rezensent schien erst im Zweifel mit sich zu sein, welcher von beiden Parteien er folgen solle. Zuletzt gewann aber der Gedanke an Wurstschelle und so weiter die Oberhand. Er trabte dem Doktor nach.

Wir aber gehen nicht zu Butter und Wagener am Gänsemarkt. Wir kaufen noch Obst von der alten Hökerfrau an der Ecke, und kehren glücklich — das kleine Herzvoll vom Affen Kätz mit der Laterne und dem Spitz Hudiwudri, der lustigen Madame Pompadour und all den andern Wundern, zurück in unsere Sperlingsgasse und schlafen, müde vom Gehen, Lachen und Jubeln, schon beim Auskleiden ein.

Dann steigt der volle reine Mond über den Dächern auf. Der Abendwind weht frischere Lüfte über die große Stadt. Der Lärm des Tages ist vorbei; manche bedrückte Brust atmet leichter in der dämmerigen Kühle. Mancher sehnige Mannesarm, welcher den Tag über den Hammer, das Beil, die Feile regierte, legt sich sanft um ein befreundetes Wesen, das ihm neuen Mut im harten Kampf gegen die Materie gibt; manche harte Hände heben kleine, schlaftrunkene Kindchen aus den ärmlichen Bettchen, um an den kleinen Lippen Hoffnung und Mut zum neuen Schaffen zu saugen! Und auch ich beuge mich dann über meine schlafende Pflegetochter, den leisen, ruhigen Atemzügen der kleinen Brust lauschend, während die alte Martha am Fußende des Bettes strickt.

Das Lockenköpfchen des Kindes liegt auf dem rechten Ärmchen, das Gesichtchen ist in dem Kopfkissen vergraben; ich kann die lieblichen, reinen Züge nicht sehen.

— — — — — —

Da sieh! Plötzlich wendet sich das Kind um und dreht mir voll das Gesicht zu — es murmelt etwas. „Mama!“ flüstert es leise, und ein heiliges, glückseliges Lächeln gleitet über das Gesichtchen.

Wer raunt der Waise das süße Wort zu? — Die alte Martha hat die Hände gefaltet und betet leise. — „Mama, liebe, liebe Mama!“ flüstert das Kind wieder, das Ärmchen ausstreckend.

Ist es ein Traum, oder kommt die erdentote Mutter zurück, über ihrem Kinde zu schweben?

Dann fällt wohl ein Mondstrahl glänzend durch das Efeugitter auf das Bild Mariens, der Kanarienvogel zwitschert auch wie im Traume auf, eine Wolke legt sich vor den Mond, der Strahl verschwindet, — das Kind versenkt, sich umdrehend, das Köpfchen wieder in die Kissen.

„Gute Nacht, Elise!Felicissima notte, sagen sie in dem schönen Italien, wo Du heute weilst, eine glückliche, liebende Frau:Felicissima notte, Elise!“

Seit ich jene Mappe, überschrieben: Ein Kinderleben, — hervorgenommen habe, ist in meinem bisherigen Fenster- und Gassenstudium eine Pause eingetreten. Es soll draußen sehr kalter Winter sein; Strobel behauptet es, auch Rosalie ist nicht dagegen. Ich kann nicht sagen, daß ich viel davon wüßte. In diesen vergilbten Blättern hier vor mir ist es sonniger Frühling und blühender Sommer. Es macht mir Freude, mich darin zu verlieren, und ich erzähle deshalb weiter.

Da ist so ein altes Blatt:

Wir sind sehr ungnädig. Ein alter, dicker, lächelnder Herr ist dagewesen, hat uns den Puls gefühlt, noch mehr gelächelt, einigemal mit seinem spiegelblanken Stockknopf seine Nasenspitze berührt, hat Tinte und Papier gefordert und kurze Zeit auf einem länglichen Papierstreifchen gekritzelt. Martha hat diesen Zettel darauf fortgetragen, der Alte hat uns auf das Köpfchen geklopft und gesagt: „Schwitzen, schwitzen!“

„Brr!“ — —

Mühe genug hat’s dem Onkel Wachholder gekostet, einen solchen kleinen strampelnden Wildfang zur Räson und ins Bett zu bringen. ’S ist auch zuviel verlangt, die Arme so ruhig unter die Decken zu halten und nur den Kopf frei zu haben. — Himmel, was bringt Martha da für einen kleinen braunen Kerl an! Er gleicht fast: dem Sem, dem Ham oder dem Japhet aus dem Noahkasten, trägt ein rotes Mützchen über das Gesicht gezogen und mit einem Faden umbunden, und schleppt hinter sich her einen langen papiernen Zopf. Was ist’s für ein Glück, daß wir noch nicht imstande sind, die Inschrift darauf zu lesen:

Fräulein Elise Ralff.Alle 2 St. einen Eßlöffel voll.

Wir sehen den Burschen aber doch mißtrauisch genug aus unserm Bettchen an, und der Doktor Wimmer, der zur Hilfe herübergekommen ist (natürlich begleitet vom Rezensenten), meint gegen mich gewandt:

„Geben Sie acht, Wachholder, ohne Spektakel wird’s nicht abgehen. Das Volk hat sich erkältet oder erhitzt;einerlei! Schwitzen, schwitzen! Schweiß und Blut!Probatum est.“

Martha kommt nun mit einem Löffel, einem Glas Wasser und einem Stück Zucker, während die Kleine in ihrem Bette immer unruhiger wird, und Rezensent immer gespannter auf die Entwicklung der Dinge zu warten scheint.

„Ich mag nicht einnehmen!“ wehklagt jetzt Lise, als ich dem Meister Sem die rote Mütze abziehe — „es schmeckt so scheußlich!“

„Aha,“ lacht der Doktor Wimmer — „die oktroyierte Verfassung!“

Während ich mich mit dem Löffel voll Medizin der Kleinen, die sich immer weiter zurückzieht, nähere, suche ich vergeblich alle möglichen Gründe für das schnelle Herunterschlucken hervor.

„Gib’s dem Rezensenten, er war auch gestern mit im Regen!“ ruft Lischen endlich weinerlich.

„Ja, das ist auch wahr; kommen Sie, Onkel Wachholder! Der Redaktionspudel soll’s wenigstens kosten, damit die Lise sieht, daß es den Hals nicht gilt.“

Und der Doktor nimmt, den Rücken der Kleinen zukehrend, den Köter zwischen die Kniee, tut als ob er ihm einen Löffel voll Mixtur eingösse und liebkost den Pudel dabei, daß dieser freudig aufspringt und lustig bellt.

„Siehst Du, Jungfer, wie prächtig es ihm geschmeckt hat! Allons, kleine Donna! Frisch herunter! — — — Eins! zwei! drei! und“ …

Herunter war’s. Schnell das Glas Wasser und das Stück Zucker dahinterher!

„Du häßlicher Hund!“ sagt die Kleine ärgerlich, den Mund in dem Deckbett abwischend, während die alte Martha sie fester wieder zudeckt.

Der Doktor geht nun zurück zu seinen Korrekturbogen, aber der Hund begleitet ihn diesesmal nicht, sondern springt auf den Stuhl neben dem Bettchen seiner grollenden Gespielin und schaut gar ehrbar auf sie herab.

„Ja, gucke mich nur so an und lecke Deinen Schnurrbart,“ sagt Lischen. „Es schmeckte ja doch bitter?! Warte nur, wenn ich erst wieder aus dem Bette darf.“

Da Rezensent nicht antwortet, so nehme ich für ihn das Wort:

„Vielleicht freute sich das arme Tier nur, daß es nun auch bald wieder gesund werden könne, es war doch ebenso naß geworden wie Du und hat gewiß auch die ganze Nacht hindurch gehustet.“

„Nein,“ sagte die Kleine, „er tat’s nur, weil ich ihm meine Schürze über den Kopf gebunden hatte. Sieh nur, wie er sich freut, wie er seinen Schnurrbart leckt!“

Dagegen läßt sich nichts einwenden, das Redaktionsvieh leckt wirklich mit ungeheuerm Behagen die Schnauze, und ich ziehe es vor, die moralische Seite herauszukehren.

„Das war aber auch sehr unrecht von Dir, Elise! Was hatte Dir denn das arme Tier getan? Eigentlich dürfte ich Dir nun die schöne Geschichte, die ich weiß, gar nicht erzählen.“

„Wir wollen uns wieder vertragen,“ sagt Elise wehmütig und nickt dem Pudel zu. „Nicht wahr, Du?“

Glücklicherweise legt Rezensent gravitätisch seine schwarze Pfote auf die Bettdecke, und so nehme ich den Frieden für geschlossen an.

„Gut denn, wenn Du hübsch artig und still liegen bleiben und weder Händchen noch Füßchen hervorstrecken willst, so werde ich Dir eine wunderbare Geschichte erzählen, die noch dazu ganz und gar wahr ist.

Höre:

Es war einmal ein — Küchenschrank: ein sehr vortrefflicher, alter, ehrenfester Küchenschrank, und er stand und steht — draußen in unserer Küche, wo wir ihn uns morgen ansehen wollen! — Er war fest verschlossen, welches von zwei sehr wichtigen und angesehenen Personen, die davor standen, für das einzige Übel an ihm erklärt wurde. Martha hatte aber die Schlüssel in ihrer Tasche, und beide Personen, die ich Dir sogleich näher beschreiben will, erklärten das einstimmig — sie waren sonst selteneinerMeinung — für sehr unangenehm, sehr unrecht und sehr Mißtrauen und Verachtung erregend.

Ich habe schon gesagt, daß beide davor sitzende Personen von großem Ansehen und Gewicht waren, sowohl in der Küche wie auf dem Hofe und dem Boden. Beide machten sich oft nützlich, oft aber auch sehr unnütz. Jede hatte ein Amt zu verwalten und verwaltete es auch — das war ihre Pflicht; jede mischte sich aber auch nur zu gern in Dinge, die sie durchaus nichts angingen, unddas — war sehr unartig. Vor dem Küchenschrank zum Beispiel hatten sie in diesem Augenblick durchaus nichts zu tun, und doch waren sie da, guckten ihn an, guckten darunter, guckten an ihm herauf. Es roch aber auch gar zu lieblich daraus hervor!

Die eine dieser Personen war mit einem schönen weißen Pelz bekleidet, einen kleinen Schnurrbart trug sie um das Stumpfnäschen und schritt ganz leise, leise auf vier Pfoten mit scharfen Krallen einher. Einen schönen, langen, spitzen Schwanz hatte sie auch, und sie schwang ihn in diesem Augenblick heftig hin und her, denn sie ärgerte sich eben sehr und zwar über drei Dinge:

erstens: über den verschlossenen Schrank,zweitens: über die andre Person,drittens: über sich selbst.

Es war, es war … nun, Lischen, wer war es?“

„Die Katze, die Katze!“

„Richtig, die Katze, Miez, der Madame Pimpernell Katze. (Holla, Rezensent! Du brauchst nicht aufzustehen!) Die andre Person war etwas größer als Miez, hatte einen braunen Pelz an, marschierte auch auf vier Beinen einher, wie Miez, aber lange nicht so leise, und sie ärgerte sich auch über drei Dinge: das Schloß am Schranke, die Katze und sich selbst. Ihren Schwanz hätte sie ebenfalls gern hin und her geschleudert, aber sie konnte es leider nicht, denn sie besaß nur einen ganz kleinen Stummel, nicht der Rede wert. Das machte sie fast noch ergrimmter als Miez, denn die konnte doch wenigstens ihrem Zorn Luft machen.

Nun, wer mochte diese zweite Person wohl sein Lise?“

„Der Hund, Marquarts Bello!“ schrie Elise ganz entzückt.

„Geraten, es war Bello, der Edle; ein weitläufiger Verwandter vom Rezensenten und sonst auch ein ganz netter Kerl, aber — wie gesagt — vor dem Schrank hatte er nichts zu suchen!

‚Nun?‘ sagte Miez, den Bello anguckend.

‚Nun?‘ sagte Bello, die Miez anguckend.

‚Miau!‘ klagte Miez, den Schrank anguckend.

‚Wau!‘ heulte Bello, den Schrank anguckend.

So weit waren sie; sie wollten aber dabei nicht bleiben.

‚Packen Sie sich auf den Hof,‘ sagte die Katze, ‚was haben Sie hier zu gaffen?‘

‚Siehätte ich Lust zu packen,‘ schrie der Hund, ‚scheren Sie sich gefälligst auf Ihren Boden und fangen Sie Mäuse. AufkriegenSieihn doch nicht!‘

‚Pah!‘ sagte die Katze und schleuderte ihren schönen Schweif dem Hunde zu, welches so viel heißen sollte, als: ‚Armer Kurzstummel, wenn ich nur wollte!‘ Das war aber dem armen Bello zu viel, denn jede Anspielung auf seinen Stummel machte ihn wütend, wie auch der Swinegel, der, wie Du weißt, mit dem Hasen auf der Buxtehuder Heide um die Wette lief, nichts auf seine krummen Beine kommen ließ.

Auf sprang also Bello, heulte furchtbar und wollte eben der Miez an ihr schönes glattes Fell, als auf einmal …

Piep, Piep, Piep! es im Schranke ertönte.

‚Mause, Mi—ause, Mi—ause am Braten drinnen — und ich dri—außen, dri—außen, dri—i—i—außen!‘ jammerte die Katze.

‚Wau, wau; das kommt von Ihrem albernen Betragen und Ihrer Nachlässigkeit!‘ heulte der Hund, und dann — kam Martha vom Markte zurück, und Hund und Katze gingen hin, wo sie her gekommen waren.

Jetzt aber, mein Kind, schlaf ein und schwitze recht tüchtig, damit wir morgen die Stelle besehen können, wo diese merkwürdige Geschichte vorgefallen ist.“ Und so geschah’s; Lischen schlief ein, ich aber freute mich, wieder einmal ein Märchen beendet zu haben, wie ein wahres Märchen enden muß; nämlich ohne allzu klugen Schluß und Moral. Daß der Doktor nicht bei meiner Erzählung zugegen war, konnte mir ebenfalls nur lieb sein. Jedenfalls hätte er wieder schnöde politische Vergleiche und Anspielungen losgelassen, was mir sehr unangenehm gewesen wäre.

„Herr Wachholder,“ sagte Martha auf einmal ganz treuherzig — „das Loch im Schranke hat der Tischler Rudolf schon wieder zugemacht. Die Mäuse können nun nicht mehr hinein.“

„Bis sie sich wieder durchgefressen haben, Martha!“ Ich dachte an den Doktor und seine Anspielungen.

Wie der Efeu aus dem Ulfeldener Walde höher und höher hinaufsteigt an der Wand des Fensters, geküßt von der warmen Sonne, getränkt von kleinen sorgenden Händen, welche alle verwelkten gelben Blätter abpflückten, daß die Pflanze immer frisch und jung dastehe!

Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre, und das junge Menschenkind wächst und entfaltet sich schöner und blühender als die köstlichste, wundersamste Pflanze. Die alte Martha wird immer älter und gebückter, und graues Haar mischt sich mehr und mehr unter mein braunes. Zum erstenmal ist der Tod an mein Kind herangetreten. Es hat über der ersten Leiche geweint. Der hübsche goldgelbe Kanarienvogel, der so zahm und lieb war, lag eines Morgens kalt und erstarrt auf dem Boden seines kleinen Hauses.

So fand ihn Elise und schrie auf, nahm ihn in ihre Hände, hauchte ihn an und suchte ihn zu erwärmen, — ach, armes Kind: die Toten kommen nicht wieder!

Leg ihn nieder, deinen kleinen Freund; auch dir jungem Wesen ist es jetzt schon nicht mehr vergönnt, zu klagen und zu trauern, wie du wohl möchtest; auch dich hat das Leben jetzt schon erfaßt und in seine Wirbel gezogen; — gehe hin mit deinem gedrückten kleinen Herzen, daß du die Schule nicht versäumst! — Elf Jahre alt ist mein Kind jetzt in den Blättern der Chronik. Das runde Gesichtchen zieht sich schon mehr und mehr zu jenem Oval, welches das Bild dort an der Wand so lieblich macht;aus Lischens Kinderstimme klingt mir nun oftmals — wenn sie sich wundert, sich freut oder klagt — ein Ton entgegen, der mich fast erschreckt auffahren läßt. Es ist derselbe Ausruf, densiean sich hatte! Wer hat ihn dich gelehrt, kleines Herz? Diesen Ton, den ich für ewig verklungen hielt, und welcher jetzt nach so langen Jahren wieder frisch und lebendig wird?

Weine nicht mehr, Lischen, sieh, ich will dich an ernstere Gräber führen, draußen vor der Stadt. Da wollen wir uns hinsetzen unter die blühenden Rosenbüsche und denken, daß die Welt so groß, so unendlich groß sei, und doch nichts darin verloren gehe! Da wollen wir auch dem toten Vogel sein kleines Grab graben und uns vorstellen, daß im nächsten Frühlinge aus seinem Leibe eine hübsche goldgelbe Blume aufsprießen werde: zur Freude des bunten winzigen Schmetterlings und des großen, ewigen Gottes.

Stecke dein Butterbrot in deine Korbtasche, Lischen (wenn du es heute vielleicht auch verschenken wirst) — gib mir einen Kuß und grüße den Herrn Lehrer Roder. Du kannst ihn auch fragen, ob er nicht morgen am Sonntag mit uns hinausgehen wolle in den Wald und vielleicht noch weiter.

Lischen nickte und ging — noch immer schluchzend; ich aber machte mich auf den Weg zur Expedition der ‚Welken Blätter‘, ohne eine Ahnung von dem neuen tragischen Ereignis, welches den Tag noch wichtig machen sollte.

Mohrenstraße Nr. 66 war damals schon und ist auch heut noch das Bureau dieses bekannten Blattes. Ich hattebald meine Geschäfte abgemacht mit dem Hauptredakteur, dem Doktor Brummer, einem kleinen, quecksilbrigen Individuum mit goldener Brille und roter Perücke — jetzt lange tot — und schwatzte noch mit den anwesenden Journalisten und den Künstlern beiderlei Geschlechts, die gelobt sein wollten, als plötzlich die Türe aufgerissen wurde, und der Doktor Wimmer erschien, begleitet von dem uns nur zu wohl bekannten dicken, hochrotgesichtigen Polizeikommissar Stulpnase. Da sie miteinander eintraten, war es nicht ausgemacht, wer von beiden den andern eigentlich mitschleppe.

„Meine Herren,“ schrie einen gestempelten Bogen schwingend der Doktor, „ausgewiesen!“

„Ausgewiesen!?“ ertönte es im Chor verwundert und fragend.

„Auskewiesen? Was das sein, Signore dottore?“ fragte Signora Lucia Pollastra, die jüngst angekommene Baßsängerin.

„Ausgewiesen — ausgewiesen — das heißt —cela veut dire: —eliminito!“ sagte der Hauptredakteur, der alle Sprachen zu kennen glaubte.

„Dio mio!“ rief die Sängerin, die so klug als zuvor war.

„Sehen Sie, Wimmer, ich hab’s mir gleich gedacht!“ schrie eine feine sächsische Stimme, die dem zweiten Redakteur Flußmann aus „Dresen“ zugehörte — „wie konnten Sie aber auchdasschreiben?“

Der Journalist nahm die letzte Nummer der ‚Welken Blätter‘ und las:

… Und wenn alle Esel dieser Maßregel Beifall brüllen sollten: ich kann sie nur „bewimmern!“

— „Und er hatte seinen Lohn dahin und wurde selbst gemaßregelt!“ sagte der Doktor, welcher sehr gemütlich, den Hut auf einem Ohr, die Zigarre im Munde, auf einem hohen Dreibein saß.

„Ich hätte das Deinetwegen schon nicht aufnehmen sollen, Wimmer!“ sagte Brummer.

„Dann hättest Du ja selbst unter die Beifallsbrüller gehört, Alter!“

Jetzt mischte sich aber die hohe Polizei ein, welche bis dahin stillgeschwiegen und nur mit Würde geschnauft hatte.

„Also in vierundzwanzig Stunden, Herr Doktor“ …

„Habe ich das Nest hinter mir, Edelster! Seien Sie unbesorgt!“ lachte der Doktor. „Aber halt, Verehrtester, würden Sie mir vielleicht wohl erlauben, Ihnen jetzt noch eine kleine Rede zu halten? — Fritze, Lümmel! Gib dem Herrn Kommissar einen Stuhl!“

Fritze, der unendlich selig grinste, kam dem Gebote nach; die Polizei ließ sich schnaufend nieder, und ihr Opfer — begann:

„Ich habe in Jena studiert, Herr Polizeikommissarius. Das ist eine allgemein historische Tatsache, aber es knüpft sich Bemerkenswertes daran. Damals gab es dort einen raffiniert groben Philister, Deppe genannt, der alle Augenblicke eine sehr drastische Redensart herausdonnerte, übrigens aber der Gott aller der wilden Völkerschaften: Vandalen, Hunnen, Alanen, Viso-, Möso- und Ostrogoten u. s. w.u. s. w. war. Verehrtester Herr Kommissarius, der deutsche Student, viel zu zartfühlend, viel zu sehr von Albertis Komplimentierbuch angekränkelt, konnte unmöglichdieseRedensart adoptieren. Ebensowenig aber konnte er auch den Effekt derselben auf Pedelle, Manichäer und dergleichen Gesindel entbehren. Was tat er? — Er deckte Rosen auf den Molch und sagte: Deppe! — Deppe überall! Deppe konnte jeder Rektor magnificus, Deppe jeder Professor, Deppe jede Professorentochter sagen. Also, Herr Polizeikommissarius:Deppe!— ’n Morgen, meine Herren, Addio, Signora Pollastra, brüllen auch Sie wohl! Ich muß packen!“

Damit schob sich der Doktor der Philosophie Heinrich Wimmer und verließ das Expeditionszimmer der ‚Welken Blätter‘, um es nie wieder zu betreten.

Nie aber habe ich ein solches Gesicht wiedergesehen, als das des edlen Stulpnase. Sprachlos saß er da; auf einmal aber sprang er auf, stülpte den Dreimaster über und schrie:

„Man soll ja nicht denken, seinen Spaß mit einer hohen Behörde treiben zu können!“ Damit stürzte auch er fort.

„Wenn er nur nicht herausbringt, was Deppe heißt!“ sagte der Hauptredakteur unter dem unendlichen Gelächter der Redaktion und der Anwesenden, und die Versammlung löste sich auf.

Nach Hause zurückgekehrt, traf ich die kleine Lise, die bereits aus ihrer Schule heimgekommen war, über einerbunten Pappschachtel an, in welche Martha den Vogel gelegt hatte. Den Doktor hörte ich drüben gewaltig rumoren, und von Zeit zu Zeit erschien er am Fenster, blies eine Rauchwolke zum blauen Sommerhimmel hinauf oder pfiff eine Passage aus dem österreichischen Landsturm, seinem Lieblingsstück. Der kleinen Lise sagte ich von dem Schicksal ihres dicken Freundes noch nichts; ich wollte ihr das Herz nicht noch schwerer machen. Mittags konnte sie schon so vor Betrübnis nichts essen, obgleich sie ihr Butterbrot richtig weggeschenkt hatte. Alle Augenblicke richteten sich ihre Augen auf die bunte Schachtel, worin das tote Tier lag.

Am Abend begruben wir es unter dem blühenden Rosenstrauch zu den Füßen der Gräber von Franz und Marie. Die roten Abendwolken segelten über uns weg, die Rosen dufteten so herrlich; überall Licht und Blumen. Ich saß auf dem Bänkchen neben den Gräbern; Elise hatte ihr Köpfchen an meine Brust gelegt, sie hatte sich so müde getrauert, daß sie — o glückliche Kindheit! — die Augen schloß und einschlummerte.

Eine schöne, ältere, bleiche, schwarzgekleidete Dame kam und kniete an einem einfachen Denkmale nieder; arme Kinder legten weiter weg an der Kirchhofsmauer Waldblumenkränze auf das Grab des toten Vaters; ein Greis schritt gebückt unter den Steinen und Kreuzen umher, die Aufschriften lesend.

In der Stadt verkündeten alle Glocken den morgenden Sonntag; voll und rein wogten die feierlichen Klänge, die in den Straßen im Rollen und Rauschen der Arbeit ersticken,über diese stille Welt hinweg. Immer goldner glänzte der Himmel im Westen, immer tiefer sank die Sonne dem Horizont zu. Nacht ward’s auf der einen Hälfte dieses drehenden Balles, während auf dem großen atlantischen Ozean vielleicht eben ein Schiff dem jungen Amerika entgegensegelnd, die Sonne aufsteigend begrüßte. Vielleicht ist es nureinSchiff, das jetzt im jungen Tage segelt, während hier die Nacht sich über so viele Millionen legt. Dort steht der Führer auf dem Verdeck, das Fernrohr in der Hand; im Mastkorb schaut ein freudiges Auge nach dem ersehnten Lande aus, überall Leben und Bewegung. — Hier zündet der einsame Denker seine Lampe an und schlägt die Bücher der Vergangenheit auf, die Zukunft daraus zu enträtseln, und findet vielleicht, daß die Nacht, die auf den Völkern liegt, ewig dauern wird, in demselben Augenblick, wo auf jenem einsamen Schiff der Willkommensschuß donnert: „Amerika!“ die zu dem Schiffsrand stürzende Auswandererschar ruft, und eine Mutter ihr kleines lächelndes Kind in die Morgensonne und dem neuen Vaterland entgegenhält!

Das Gras fängt an feucht zu werden, ich muß meine kleine Schläferin aufwecken. Die bleiche Frau erhebt sich ebenfalls; sie kommt auf uns zu. Wir kennen uns nicht; aber hier auf dem Kirchhof scheut sie sich nicht, sich über mich und das schlummernde Kind zu beugen.

„Lassen Sie mich die Kleine küssen!“ sagt sie.

Ich sehe sie unter den Bäumen verschwinden, ein Tuch vor den Augen.

Elise erwacht: „O wie schön!“ ruft sie, in die Glut des Abends schauend.

„Gute Nacht, Franz! Gute Nacht, Maria!“

— — —

Holla! Was ist in der Sperlingsgasse los? Als wir nach Haus kommen, herrscht ein Tumult darin, wie ich ihn noch nie darin erlebt habe. In allen Haustüren schwatzende Gruppen, jede Arbeit eingestellt: Salatwaschen, Schuhflicken, Strümpfestopfen, Hämmern, Sägen, Federkritzeln, alles ins Stocken geraten, nur nicht — die Zungen!

„O je, o je, Herr Wachholder, sehen Sie mal da oben!“ schreit Martha, die auf der Treppe unserer Haustür, umgeben von einem Kreis Nachbarinnen, Posto gefaßt hat, mir schon von weitem zu.

„Was gibt’s denn, Martha? Was ist los?“ rufe ich ihr entgegen.

„Der Herr Doktor Wimmer ist los!“ jubeln zwanzig Stimmen um mich her, und zwanzig Finger zeigen nach dem Fenster des vortrefflichen Burschen, welcher bis jetzt der „bunte Hund“ der ganzen Gasse war.

Ein großer Bogen Papier flattert dort oben, und darauf steht mit gewaltigen Buchstaben:

Dr. WIMMERP. P. C.

Aus dem offenen Fenster aber beugt sich — Herrn Polizeikommissarius Stulpnases ehrwürdiges Vollmondgesicht,und seine weißbehandschuhten Hände sind bemüht, den Zettel abzunehmen.

Ich überliefere schnell die verwunderte Lise der alten Martha und steige die Treppen zu der Wohnung des Doktors hinauf, welches sehr langsam geht, denn vor mir her schiebt sich eine unbeschreibliche, wunderbare Masse von Kleidungsstücken ächzend und stöhnend den engen Weg langsam, langsam hinauf.

Das war die dicke Madame Pimpernell, welche das Ereignis seit langen Jahren zum erstenmal wieder in die obern Räume ihres Hauses trieb.

Das Zimmer beschrieb ich neulich bei meinem Besuch des Zeichners Strobel und brauchte daher jetzt nur zu sagen, daß der Nachlaß des Doktors in einem zerspaltenen Stiefelknecht, einer leeren ZigarrenkisteFumadores regalia, und — einem Exemplar der Flodoardine bestand.

Stulpnase saß da auf einem Stuhl, schaute das leere Nest wehmütig-grimmig an und ächzte:

„Ausgewiesen! Nun gar ausgekniffen! Donnerwetter — ohne erst für seinen ‚Deppe‘ gesessen zu haben.“

„Jotte, einer armen Witfrau ihren besten Mieter abzutreiben, is das in der Ordnung, Herr Kumzarius? Habe ich darum Ihrer Frau die Butter immer um nen Dreier billiger gelassen?“ greint die dicke Madame Pimpernell, die ebenfalls dem Beamten gegenüber auf einen Stuhl gesunken ist.

„Halte Sie das Maul, Frau!“ schnauzt Stulpnase, worauf die Dicke ein Gesicht macht, wie es einst jenes bravekorinthische Weib geschnitten haben muß, als es das Wort des Apostel Paulus hörte:Mulier taceat in ecclesia.

Nach einer feierlichen Stille von einigen Minuten stößt Stulpnase ein dumpfes Geheul aus und seufzt in sich: „Deppe.“ Plötzlich aber, mit Wut auf seine Brusttasche schlagend, schreit er: „Und hier hab’ ich den Verhaftsbefehl: Beleidigung eines Beamten im Dienst, und — ausgekniffen!“

Ich wage es nicht, den aufgebrachten Leuen durch Lachen noch mehr zu reizen, verschwinde und platze erst auf der Treppe los, die beiden Würdigen einander gegenüber sitzen lassend.

In der Gasse steckt mir Marquart ein Billet zu und flüstert geheimnisvoll, nach dem Fenster des Doktors deutend:

„Das haterzurückgelassen für Sie, Herr Wachholder!“

Der Zettel lautet:

„Liebster Freund!Eine hohe Polizei weiß, was ‚Deppe‘ heißt, obgleich es nicht im Konversationslexikon steht. Ein Freund hat mich gewarnt; — ich verschwinde! — In den böhmischen Wäldern sehen wir uns wieder!Dr.Wimmer.P. S.Der Redaktionspudel begleitet mich!“

„Liebster Freund!

Eine hohe Polizei weiß, was ‚Deppe‘ heißt, obgleich es nicht im Konversationslexikon steht. Ein Freund hat mich gewarnt; — ich verschwinde! — In den böhmischen Wäldern sehen wir uns wieder!

Dr.Wimmer.

P. S.Der Redaktionspudel begleitet mich!“

„Onkel, was soll denn das alles bedeuten, wo ist denn der Onkel Doktor?“ fragt die kleine Lise, welche, obgleich schon im Nachtzeug, nicht vom Fenster weggekommen ist.

Ich schreibe:pour prendre congéauf einen Zettel, und Lischen, die jetzt schon eine kleine Gelehrte ist, hat mit Hilfe eines Diktionärs noch vor dem Schlafengehen heraus:

„Um — nehmen — Abschied.“

„Der Onkel Wimmer muß eine kleine Reise machen, Schatz!“

Damit geht Elise getröstet zu Bette und verschläft und verträumt sanft ihren ersten Schmerz. In diesem Alter genügt nocheine Nacht, ihn zu begraben.

Ich hab’s mir wohl gedacht, als ich diese Bogen falzte, und ich hab’s auch wohl mit aufgeschrieben, daß ihr Inhalt nicht viel Zusammenhang haben würde. Ich weile in der Minute und springe über Jahre fort; ich male Bilder und bringe keine Handlung; ich breche ab, ohne den alten Ton ausklingen zu lassen: ich will nicht lehren, sondern ich will vergessen, ich — schreibe keinen Roman!

Heute werfe ich zum erstenmal einen prüfenden Blick zurück und muß selber lächeln. Alter Kopf, was machst du? Was werden die vernünftigen Leute sagen, wenn diese Blätter einmal das Unglück haben sollten, hinauszugeraten unter sie?

Doch — einerlei! Laß sie sprechen, was sie wollen: ich segne doch die Stunde, wo ich den Entschluß faßte, diese Blätter zu bekritzeln, mit einem Fuß in der Gegenwartund Wirklichkeit, mit dem andern im Traum und in der Vergangenheit! — Wie viel trübe, einsame Stunden sind mir dadurch nicht vorüber geschlüpft sonnig und hell, ein Bild das andere nachziehend, dieses festgehalten, jenes entgleitend: ein buntes freundliches Wechselspiel! So schreibe ich weiter.

Manche alte verstaubte Mappe mit Büchern, Heften, Zeichnungen, vertrockneten Blumen und Bändern liegt da; ich brauche nur hineinzugreifen, um eine süße oder traurige Erinnerung aufsteigen zu lassen, keine aber so duftig, so waldfrisch, als die folgende, welche ich überschreibe:

Ein Tag im Walde.

„Fahren wir, oder gehen wir?“ hatte Lischen am Abend jenes auf den vorigen Seiten beschriebenen so ereignisvollen Tages noch gefragt.

„Wir fahren!“ war die Antwort gewesen, und glücklich darüber hatte das Kind das Näschen nach der Wand gekehrt und war eingeschlafen.

Mit dem Wagen erschien am andern Morgen auch Roder, der Lehrer Elisens, den leichten Strohhut auf dem Kopf, die grüne Botanisierbüchse auf dem Rücken, schon an der Ecke lustig nach dem Fenster hinaufwinkend.

Die alte Martha hatte den Kaffee fertig, und Lischen, die bei ihrem Eifer, ebenfalls fertig zu sein, diesmal mehr Hilfe als gewöhnlich nötig gehabt hatte, sprang die Treppe hinunter und erschien nun, den Lehrer hinter sich herziehend.

Roder ist einer jener Volkslehrer, wie sie nur Deutschland hervorbringt. Er ist, wie es sich fast von selbst versteht, der Sohn eines Schulmeisters, der wiederum der Sohn eines Schulmeisters war; denn wenn es einen Stand gibt, welcher sich durch Generationen fortpflanzt, so ist es das deutsche Volkslehrertum. Da bringt der Vater vom Lande einen seiner gewöhnlich sehr zahlreichen Söhne in die Stadt; mit einer Bibel, einem Gesangbuch und vor allem einem Choralbuch als Bibliothek. Der Junge ist der Stolz seines Vaters. Wer hat ein größeres Talent, die Orgel zu spielen? Wer hat eine bessere Stimme — wenn sie auch gerade sich setzt? So ausgerüstet betritt der junge Gelehrte den Schauplatz seiner weitern Ausbildung; gewaltig packt ihn anfangs das Heimweh unter der wilden Bande seiner Mitschüler, die ihn hänseln und zum besten haben in seiner Gutmütigkeit und Unerfahrenheit. Das Leben ist ihm anfangs nur ein erster April, wo man die Narren „umherschickt — in den April“. Selbst der Zuwachs seiner Bibliothek, bestehend aus den Schulbüchern seiner Klasse und Funkes Naturgeschichte, vermag ihn nur mittelmäßig zu trösten; ein größerer Freund ist ihm in dieser Epoche seines Daseins das alte wacklige Klavier, welches ihm der Vater für ein billiges gemietet und in sein Dachstübchen gestellt hat. Davor sitzt der Arme und spielt seine Choräle und Volksweisen — letztere nach dem Gehör, und denkt zurück an sein Dorf, an seine Eltern und Geschwister, und vor allem an die Schule, in welcher er der erste war — ja sogar in der Ernte den Vater zuweilenvertreten durfte; während er hier — er der große Bengel! — ganz unten seinen Platz unter den Kleinsten, Dümmsten und Faulsten bekommen hat!

Warte nur, armer Kerl — sieh, da bricht schon der erste freudige Strahl in dein dunkles Sein. Gewöhnlich gibt es auf jeder Schule einen Lehrer, der ein Original, ein Sammler, vielleicht ein leidenschaftlicher Naturfreund ist, womit meistens die Gabe der Mitteilung sich verbindet, dem begegne, du armes einsames Gemüt, und du wirst einen Freund gefunden haben. Jetzt verändert sich alles!

Welch ein Schweifen nun über Berg und Tal; welch ein Versenken in all die kleinen und kleinsten gewaltigen Wunder in der Luft, im Wasser, auf und unter der Erde! Wie sich das Dachstübchen füllt mit Käfern, Schmetterlingen, Herbarien u. s. w. Welch eine selige Ermüdung an jedem Abend, welch ein Träumen in der Nacht, welch ein Erwachen am Morgen!

Nun zieht eine Wissenschaft alle andern nach sich; die Klassen werden durchflogen — den Schiller lernen wir auswendig, und die Welt dehnt sich immer schöner und weiter vor uns aus. — Ach ein Faust zu sein, ist es nicht nötig alles studiert zuhaben: dasWollenallein genügt, den Mephistopheles aus dem Nebel hervortreten zu lassen!

Stütze nur die heiße Stirn auf die Hand, du Sohn Deutschlands, in langen durchwachten Nächten, beschwöre nur die Geister alter und neuer Zeit herauf, sie sind dochstets um dich, die Gespenster: Lebensnot und Zweifel und vergebliches Streben!

Der Arm der Notwendigkeit faßt dich und schleudert dich mit deinem Wissensdrang in ein abgelegenes Walddorf oder an die Armenschule einer großen Stadt; da begrab dein volles Herz und suche — zu vergessen!

Glücklich, wenn du’s kannst; glücklicher aber vielleicht doch, wenn es dir gegeben ist, auch hier weiter zu suchen. Der Pulsschlag des Weltgeistes pocht ja überall: „Suchet, so werdet ihr ihn finden!“ sagt das schönste der Bücher, das so leicht zu verstehen ist und so schwer verstanden wird.

Ungeduldig klatscht der Kutscher unten vor der Tür, ungeduldig treibt Elise; während Martha noch immer Zurüstungen macht wie zu einer Reise nach dem Nordpol. Endlich aber steigen wir in den Wagen.

Unsere Sonntagsodyssee beginnt.

„Hätte der Onkel Doktor nicht morgen abreisen können?“ fragt noch Lischen nach dem Zettel droben schauend, aufwelchem die Madame Pimpernell ankündigt:

„Hier ist eine Stube mit Kabinett zu vermieten.“

Roder lächelt, scheint etwas auf dem Herzen zu haben, aber sich gegenwärtig auf weiteres nicht einlassen zu wollen, und so rollen wir durch die noch stillen Straßen dem Tore zu. An den Wochentagen ist’s um diese Zeit schon lebendig genug, heute aber schläft das Volk der Arbeit in den Morgen und den Sonntag hinein; es hat das Recht dazu nach sechs Schöpfungstagen.

Jetzt sind wir in den grünen Anlagen, die sich rings um die Stadt ziehen. Landhäuser und Gärten fassen auf beiden Seiten die Straße ein. Eine Eisenbahnlinie geht mitten über den Weg, und wir müssen anhalten, denn ein Zug fliegt eben brausend und schnaubend dem Bahnhofe zu. Der Sonntag, welcher den Städter hinausführt, bringt den Landmann hinein in die Stadt, und alle die Tausende, die heute ein- und ausfliegen werden, suchen alle ein andres Ziel des Genusses; jeder die Freude auf eine andre Weise.

Schon haben wir die letzten Gärten hinter uns und fahren nun langsam die Pappelallee hinauf den Höhen zu, welche im weiten Umkreis die große Ebene und die große Stadt umgrenzen. Die Sonne steigt empor über dem Walde; die Knospen, die Blätter, die Blumen tragen alle einen Tautropfen, das Geschenk der Nacht; die Lerche erhebt sich jubelnd in die blaue, frische Luft, und auch sie schüttelt Tau von den Flügeln. Wenn wir zurückblicken, liegt die große Stadt noch verhüllt in dem silbergrauen Duftschleier, den sie selbst sich webt, und den sie, wie Penelope den ihrigen, nur zertrennt, um ihn von neuem zu knüpfen. Wie eingewebte Goldsterne blitzen die Kreuze der Türme — die Zeichen des Leids — darauf. — Wir aber fahren schon im vollen Sonnenschein, und jetzt sind wir am Rande des Waldes angekommen; nun brauchen wir den Wagen nicht mehr, und schnell rollt er die Höhen wieder hinab, der Stadt zu.

Was trappelt auf einmal vor uns und raschelt durch das welke Laub des vorigen Jahres, das den Boden bedeckt?Was bricht da durchs Gebüsch, die Ohren und den schwarzen Pelz naß vom Morgentau, lustig jetzt um uns her bellend und springend und die hellen blitzenden Tropfen abschüttelnd?

„Hurra! Willkommen im Walde!“ ruft eine wohlbekannte Baßstimme.

Wer trabt da lachend her — hinter einer kleinen Rauchwolke, eine hohe schwankende Königskerze auf dem Hut, — auf dem Fußpfade, der seitab tiefer ins Holz führt?

„Willkommen, fahrender Recke!“ ruft Roder, den Hut schwingend.

„Allerseits schönsten guten Morgen!“ grüßt der ausgewiesene Doktor, den abgenommenen Maulkorb des Pudels in die Höhe schleudernd und wiederfangend.

„Hast Du mit Rezensent im Walde geschlafen?“ fragt die kleine Lise.

„Der Herr Polizeikommissarius läßt Sie grüßen, Wimmer!“ lache ich.

Jeder hat zu gleicher Zeit zu fragen und zu antworten, und jeder tut es auch, während Rezensent sich immer dicht an Elise hält, von Zeit zu Zeit ein kurzes fideles Gebell ausstößt und fest unsern Proviantkorb im Auge behält.

Mit pathetischer Gebärde tritt jetzt der Doktor an den Rand der Höhe, streckt den Arm gegen die Stadt aus und deklamiert: „Ha, da liegt sie — die Undankbare, sie, in welcher ich meine Nächte durchwachte und meine Tage verschlief — Sänger und Sängerinnen, Schauspieler undSchauspielerinnen, Ballettänzer und Ballettänzerinnen lobte oder herunterriß — in welcher ich so manchen Leitartikel schrieb — in welcher ich so manche Pfeife rauchte! Da liegt sie wollüstig träumend im Morgenschlummer, während ich umherirre, verbannt, vertrieben, an die Luft gesetzt,eliminito, wie der Doktor Brummer sagte; gejagt, gemaßregelt — ein Lamm im scharfen Nordwind. Nest! — Brüste Dich mit Deinen Gardeleutnants, Deiner famosen Musenbude, die ich dort über die Dächer zwischen dem Pfeffer- und Salzfasse ragen sehe; ich verachte Dich, ein deutscher Zeitungsschreiber! Mache in der Liste Deiner unter polizeilicher Aufsicht Stehenden ein dickes Kreuz hinter dem Namen: Heinrich Theobald WimmerDr. phil., setze ein dreimal unterstrichenes ‚Ausgewiesen‘ dahinter; ich schüttle Deinen Staub von meinen Füßen, ich verachte Dich! — Bin ich nicht heimatsberechtigt in München an der Isar, stehen nicht viele Löcher offen im edlen Was-ist-des-Deutschen-Vaterland? Zeugt nicht dieser solide Bauch (hier schlug sich der Doktor auf den erwähnten Körperteil) von Bayern? Es lebe München! — Ha, prophetisch verkünde ich Dir, ausweisender Pascha von soundsoviel Roßschweifen: ein Schmächtigerer aber Giftigerer wird meine Stelle einnehmen. Erfahren sollst Du zeitungenüberwachende Behörde, daß das, was Ihr Unkraut nennt, wenigstens auch die Tugend desselben hat: nämlich nicht zu verderben und auszugehen! Fort in die Bresche, mein unbekannter Mitkämpfer! Mein Segen begleitet Dich!Dixi, ich habe gesprochen! — Komm, Lischen!“

Damit warf der Doktor den Maulkorb den Berg hinunter der Stadt zu, hob die Kleine empor, setzte sie mit ihrer Tasche und den ersten während seiner Rede von ihr gepflückten Blumen auf seine Schulter und schrie: „Allons, meine Herren; hinein in den Wald! Kehren wir dem Nest den Rücken zu!“

Mit diesen Worten trabte der tolle Geselle auf dem Fußpfad, auf dem er gekommen war, zurück ins Holz; Roder und ich folgten lachend. Der Exredaktionspudel sprang auch wie toll hinter uns her;gaudeamus igiturtönte des Doktors Baß in das beginnende Konzert der Vögel, unser Sommersonntag im Walde hatte begonnen.

Welch ein Tag war das!

Dieses erste Eintreten in die grüne Blätterwelt — dieses Aufatmen aus voller Brust! Der Doktor hatte mit der sich gewaltig sträubenden Lise einen ordentlichen Galopp angeschlagen und war unsern Augen entschwunden, unsern Ohren aber nicht. Die Kleine lachte — wurde ärgerlich — bat; der Pudel bellte aus Leibeskräften, und der Doktor fiel aus einem seiner Studentenlieder ins andre.

Mit seiner Ausweisung schien der alte Jenenser Bursch alle gesellschaftlichen Bande für aufgelöst zu halten.

„Das ist ein sonderbarer Menschentypus,“ sagte Roder lächelnd, als wir langsamer hinterhergingen; „die personifizierte Gutmütigkeit unter dieser tollen, barocken Maske. Wir sind Jugendfreunde, welches sonderbar scheinen kann, da er in Lumpenhausen das Gymnasium besuchte, während ich auf dem Seminar mich zum Schulmeisterlein einpuppte.Ebensogut hätte ein Guelfe mit einem Ghibellinen Arm in Arm auf dervia dei malcontentiin Florenz spazieren gehen können. — Aber es war so, er lehrte mich Zigarren drehen, ich dagegen brachte ihm bei: sich auf dem Klavier mit einem Finger zu dem famosen Liede zu begleiten:


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