Mihi est propositumIn taberna mori …
Mihi est propositum
In taberna mori …
Später verlor ich ihn aus den Augen; ich wurde Hilfslehrer in Lammsdorf, er ging auf die Universität. Da saß ich eines Abends und untersuchte Moose durch die Lupe, als mich plötzlich jemand auf die Schulter klopfte, und eine Bierbaßstimme — wie weiland Leibgeber zum Armenadvokat Siebenkäs — ‚’n Morgen, Roder,‘ hinter mir sagte. Es war Wimmer, der wegen Übertretung der Duellgesetze relegiert, ‚die große Tour machte,‘ wie er sagte. Geld besaß er schon damals nicht, aber viel Humor und guten Mut, und so hat das Schicksal uns öfters wieder einander in den Weg geführt, und immer war der Doktor Wimmer — derselbe …“
„Und aussterben wird diese Art nicht in Deutschland, so lange man noch die Namen: Bier, Romantik und Politik nennen hört,“ sagte ich.
„Halt,“ rief der Lehrer, „welch ein prächtigesAconitum, entschuldigen Sie!“ Damit sprang er ins Gebüsch, die Pflanze auszugraben, während ich in den Bart murmelte:
Und auch deine Art, deutsche Seele, wird nicht ausgehen, so lange noch ineineBlüte das deutsche Gemüt sich versenken kann zwischen Weichsel und Rhein.
„Onkel Wachholder, Onkel Wachholder; kommt alle schnell, schnell einmal her!“ rief jetzt Lischen in der Ferne.
„Was gibt’s denn Lise?“ ruft Roder, seine Blume in die Botanisierbüchse legend.
„Ein wunder-wunderhübsches Vogelnest hat der Onkel Doktor gefunden!“ schallte es wieder, und wir setzten uns in Trab.
Auf einem kleinen sonnigen Platz seitab vom Wege stand der Doktor, hochrot vom Singen und Rennen und ließ die Kleine in einen Fliederbusch schauen. Lise, den Atem anhaltend, um die kleine piepende Welt nicht zu stören, guckte selig durch die Zweige; während der Rezensent das Wunder weiter unten suchte und, den Kopf und Leib im Laubwerk verborgen, nur die Hinterbeine und den wedelnden Husarenbusch zeigte.
„Nicht wahr, Lise, das mußte ich Dir doch zeigen? ’s ist doch prächtig, wenn einen die Polizei so früh hinausjagt in den Wald!“
Ein Buch guckte dem Doktor hinten aus der Rocktasche, und der Lehrer zog’s ihm heraus. Es war Reineke de Voß, des Doktors ewiger Begleiter auf allen seinen Fahrten, den er fast auswendig wußte. Bei der Berührung des Lehrers sah er sich auch sogleich um und begann:
„De quad deyt, de schuwet gern dat licht:Also dede ok Reinke de bösewicht.He hadde in de stad so vele missdan,Dat he dar nicht dorfte kamen noch gan.He schuwede seer des Konniges hoffDarin he hadde seer kranken loff!“ —
„De quad deyt, de schuwet gern dat licht:
Also dede ok Reinke de bösewicht.
He hadde in de stad so vele missdan,
Dat he dar nicht dorfte kamen noch gan.
He schuwede seer des Konniges hoff
Darin he hadde seer kranken loff!“ —
„Aber hier, Lise, ist’s was andres; wenn wir hier ein Vogelnest finden, so dürfen wir auch hineingucken und unsere Meinung darüber sagen.“
„O das ist wunder-wunderhübsch,“ ruft die Kleine, welche gar nicht hört, was der Doktor sagt. „Sieh, der alte Vogel fürchtet sich gar nicht — o, welche große Schnäbel — er sitzt ganz still zwischen seinen Jungen und sieht nur nach dem Rezensenten hinunter! — Er tut Dir nichts, kleiner Vogel, bleib ruhig sitzen!“ —
Jetzt ließ der Doktor das Kind auf den Boden gleiten: „Nun lauf zu Fuß,“ sagte er, „das Gras ist trocken.“
Welch ein Tag! Noch zogen weiße Wölkchen über die Baumwelt weg, bald aber hatte die Sonne sie verzehrt, und das ewige Blau lächelte rein und klar auf uns herab. Immer tiefer versenkten wir uns in die duftende Wildnis: „Wo lassen wir alle die Blumen, die wir pflücken, Lischen?“ — Die Händchen sind schon so voll, daß wir bei jedem Schritt eine verlieren, und daß der Doktor sagen muß:
„Ist’s nicht wie im Märchen, wo der Vater die verlorenen Kinder durch hingestreute Steinchen wiederfindet? Ein verfolgter Zeitungsschreiber — schrecklich — die Häscher sind ihm auf den Fersen — wo hat er sich hingewendet? — ‚Ha,‘ sagte der erfahrenste der Spürer, ein wahrer Pfadfinder auf der Vagabondenjagd — ‚seht die Blumen — untermischt mit Zigarrenenden! Laßt uns dieser Spur folgen, Brüder! — Ha, seht hier im weichen Boden die Hundetapfen? — Er ist’s, er ist’s — Fort, ihm nach!‘ — Schrecklich!“
„Bravo, Wimmer!“ lachte der Lehrer, der wieder eine Pflanze im Gehen zerlegte. „Welcher Stoff für Dein nächstes Werk; wo Du es auch schreiben magst, ich hoffe auf ein Exemplar.“
„In München werde ich es schreiben, Verehrtester! Habe ich nicht einen Kontrakt mit dem Buchhändler und Eigentümer der ‚Knospen‘ — Gabriel Pümpel, in der Tasche? Ist nicht Gabriel Pümpel mein Onkel? Ist nicht Nanette Pümpel meine Cousine? Wetter, ich sehne mich ordentlich nach dem Nannerl!“
„Doktor! Doktor!“ rufe ich lächelnd.
„Wahrhaftig,“ seufzt der eliminierte Schriftsteller, „ich habe heute ordentlich Lust solid zu werden.“
Ehrlicher alter Bursch!
„Alsodaswaren Deine Gedanken,“ sagte der Lehrer lächelnd und gerührt, „als Du gestern den ganzen Nachmittag auf meinem Sofa lagst? Ich konnte Dich vor Tabaksqualm nicht recht sehen, aber Du schienst mir außergewöhnlich nachdenklich und träumerisch. Gottlob, wenn diese Exilierung so ausschlüge.“
„Hurra,“ schreit der Doktor, den Hut in die Luft werfend: „Es leben die Knospen! Es lebe das Bockbier! Es lebe das Haus Pümpel und Kompanie!“
Der Exredaktionspudel ist außer sich; jetzt hat er die größte Lust, Elise vor Wonne über den Haufen zu werfen, jetzt springt er an seinem Herrn in die Höhe, jetzt ist er im Gebüsch verschwunden, jetzt kommt er auf der andern Seite wieder zum Vorschein! Bumms — da liegt er imGrase, wälzt sich, daß man nicht weiß, was oben oder unten, Beine oder Rücken, Kopf oder Schwanz ist!
„Wer hat eine Uhr? Niemand? Desto besser, der Magen ist unsere Uhr. Hier unter dieser prächtigen Buche wollen wir uns lagern. Wie das Moos so weich ist! Ausgepackt die Taschen, den Korb, die Botanisierbüchse! Eine Flasche Wein erscheint. Wer hat einen Korkzieher? Niemand? Desto besser, wir schlagen ihr den Hals ab; ein niedliches Glas hat Elise mitgebracht.“
„Holla, Roder, aufgepaßt! Rezensent hat den Kopf in Ihrer Rocktasche!“
„Welch Behagen, sich so im weichen Grase auszustrecken! Wie das schmeckt im grünen Walde; — die alte Martha soll leben, sie hat prächtig gesorgt!“
„Komm, Kind, unsere kleinen Beine sind doch wohl müde! Was bedeuten diese Faden? Aha, jetzt werden wir Kränze winden. Welche prächtigen wilden Rosen!“
„Sieh, da kriecht ein Marienkäfer auf Deinem Arm, Lischen; — er entfaltet die Flügel — prr, dahin geht er, ein kleines rotes Pünktchen im Sonnenstrahl.“
Elise schaut ihm nach und fängt an zu singen:
Marienvogel kleine,Rühre deine Beine,Kriech an meinem Finger nauf,Setz dich als das Knöpflein drauf!Ist er nicht ein hoher TurmFür so kleinen roten Wurm?
Marienvogel kleine,
Rühre deine Beine,
Kriech an meinem Finger nauf,
Setz dich als das Knöpflein drauf!
Ist er nicht ein hoher Turm
Für so kleinen roten Wurm?
Und dann mit ganz feiner Stimme:
Roten Purpur trag’ ich,Flüglein viere schlag’ ich!Gar kein Flüglein regst du,Nur zwei Bein’ bewegst du —Sechs Beine rühr’ ich,Sieben Punkte führ’ ich,Fliege höher als der Turm!Wer ist nun der kleine Wurm? — Etsch!
Roten Purpur trag’ ich,
Flüglein viere schlag’ ich!
Gar kein Flüglein regst du,
Nur zwei Bein’ bewegst du —
Sechs Beine rühr’ ich,
Sieben Punkte führ’ ich,
Fliege höher als der Turm!
Wer ist nun der kleine Wurm? — Etsch!
Die Sonne muß draußen gar heiß und drückend sein, sie steht hoch im Mittag. Hier aber hat sie die Herrschaft mit dem Schatten zu teilen und zwar so, daß man gar nicht mehr weiß, wo Dunkel, wo Licht ist, so flimmert und zuckt beides durcheinander.
„Wirst Du müde, Lischen? Berauscht Dich der Waldduft, kleines Herz? Komm, lege Dein Köpfchen hierher; keine Mücke, keine Fliege, und wenn sie noch so golden wäre, soll Dich im Schlummer stören. Schließe dreist die Augen und träume einen hübschen Elfentraum von Schmetterlingen und Blumen und kleinen Vögeln.“
Wie behaglich der Pudel gähnt und, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt, mit den Augen blinzelt.
„’s ist doch ein ganz ander Ding ohne Maulkorb, nicht wahr Rezensent?“
Wie der Doktor so nachdenklich die blauen Zigarrenwölkchen von sich bläst! Denkt er an seinen ersten Aufsatz in den ‚Knospen‘, denkt er an die Münchener Cousine?
Wie sich der Lehrer mit leuchtenden Augen in die Pflanzenschätze seiner Botanisierbüchse vertieft!
„Heda, Roder, was für ein Heft schaut da zwischen den Blättern und Wurzelwerk hervor?“
„Her damit!“
Der Lehrer errötet und reicht lächelnd das Heft herüber.
„Was sehe ich! Vermag der Schulstaub solche Blüten zu treiben?!“
Grinsend streckte der Doktor Wimmer den Kopf über meine Schulter und machte nach einigen Blicken auf das Manuskript sogleich Anstalt, es für die ‚Knospen‘ mit Beschlag zu belegen, aber der Lehrer tat gewaltig Einsprachedagegen. Später schenkte er es mir. Soll ich ein Blatt daraus der Chronik einschieben?
Es sei! Da ist eins.
Ich lag am Rande des Baches und sann nach über die Geschicke der Völker und Könige und über — meine Liebe. Hinten in der Türkei lagen jene einander in den Haaren, und drüben in der kleinen Gartenlaube saß mein Schatz und schmollte. Ah!
Lippe-Detmold ist mein Vaterland, — was geht mich die orientalische Frage an und der General Sabalkanskoi und die Schlacht bei Navarino?!
Aber das Frauenzimmer dort?
Beim großen Pan,damitmuß es anders werden!
Rot wie die Liebe ist der Abendhimmel; goldne Wölkchen, weiße Tauben schweben darin hin und wider wie Liebesgedanken … Wo sind meine Diplomaten, wo meine Kabinettskuriere?
Es schwanken die Gräser — es regt sich — es läuft, es kriecht, es klettert, es hüpft, es flattert und fliegt — tausendbeinig, tausendflügelig! Es zwitschert und summt — tausendtönig!
Dichterminister, Frühlingsräte, Liebesgesandte versammeln sich um mich zu Rat und Tat.
Wohlan — die Konferenzen sind eröffnet! Allen Gegenwärtigen und Zukünftigen Gruß! Wen send’ ich zuerst an jene dort, hinter den Hollunderblüten?
Ach! Du da — fort mit dir zu ihr hin — du mein leichtgeflügelter, magenloser Herold, du, den sie den „roten Augenspiegel“ nennen, zeig ihr auf deinen weißen Schwingen die beiden Purpurtropfen, sag ihr, es sei Herzblut —meinHerzblut aus dem wilden Kampf um die Liebe, die rote Liebe! … Da flattert der Bote der Laube zu; es zittert mein Herz, mein banges Herz. — (Sie — niest!!!) O Dank, Dank ihr ewigen guten Götter, Dank für das Omen! (Erkälte dich nicht, Luise, nimm ein Tuch um, hörst du?)
Wer ist der zweite meiner Boten? Schnell, schnell, meine kleine emsige Biene; — hin zu ihr — summe ihr ins Ohr, Honiggedanken, Hausgedanken, Leinen- und Drellgedanken!
(Was hat das Frauenzimmer zu lachen über ihrem Nähzeuge, in der kleinen Laube?)
Und nun mein letzter Bote, mein schwarzer Trauermantel, flattere hin zu ihr! Hör’, was du ihr sagen sollst. Sag ihr: Luise, Luise, der Tag ist zu Ende — die Eintagsfliegen wurden müde, todmüde — der Bach schaukelt ihre armen kleinen Leiber fort, vorüber an den Blumen, an denen sie noch vor einer Stunde tanzten und spielten. Luise, Luise, das Leben ist kurz; Luise, die Nacht bricht herein; sieh den rotfinstern Streifen im Westen, sieh, wie es im Osten unheimlich zuckt und leuchtet — horch, wie es grollt!
(Es regt sich in der kleinen Laube! Sie seufzt!) Luise, Luise!
(Sie tritt heraus!)
Luise, Luise!
Die Bäume schütteln ihre Blüten herab auf sie:Ave Louisa!Der Abendwind flüstert ihr zu:Ave Louisa!Die Blumen des Tages neigen sich ihr:Ave Louisa!Die Blumen der Nacht öffnen ihre Weihrauchkelche ihr —Ave Louisa! Ave Louisa!(Sie winkt … sie lächelt …)
Friede?
Friede!
Friede! Läutet die Glocken im Reich! Erleuchtet die großen Städte, die Dörfer; erleuchtet jedes einsame Haus, Orgelklang in allen Domen, Kirchen und Kapellen! Auf die Knie, auf die Knie alles Volk! Männer, Weiber, Greise, Kinder, Jünglinge und Jungfrauen:
Herr Gott! Dich loben wir!Herr Gott! Wir danken dir!
Herr Gott! Dich loben wir!
Herr Gott! Wir danken dir!
Friede! Friede im Himmel und auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!
Ich kannte diese „Luise“ des Lehrers gar gut. War sie nicht Gouvernante bei den Kindern des Baron Silberheim? Hat sie nicht später den Lehrer Roder geheiratet? Hat sie nicht Glück und Kummer und Verbannung mit ihm geteilt?
Seid gegrüßt, Otto und Luise Roder, wo ihr auch weilen mögt!
„Ei, das war schön!“ sagte Lischen erwachend und das Köpfchen aufrichtend. Sie dachte an ihren Traum im Grünen, nicht an des Lehrers Phantasien — die hatte sie richtig verschlafen.
„Was hat Dir denn geträumt, Lischen?“ fragte der Doktor, und das Kind blickte ihn verwundert an.
„Hab ich denn geschlafen?“ fragte sie.
„Das kann man bei solchem kleinen Mädchen wie Du bist, Lise, niemals recht wissen. Was hast Du denn gesehen und gehört? Erzähle mal!“ sagte ich.
„O es war wunderschön, was ich gesehen habe! Ich konnte gar nicht über das Gras weggucken; es war wie ein kleiner Wald, und welch eine Menge kleiner Tiere lief darin herum! Und wenn ich die Augen zumachte, wurde alles so rot, als brennte der ganze Himmel, daß ich sie schnell wieder aufmachen mußte. Ich dachte, ich wäre ganz allein, da kam auf einmal ein wunderschöner gelber Schmetterling mit zwei großen Augen in den Flügeln, die unten ganz spitz zuliefen, der setzte sich dicht vor meinem Gesicht auf einen Halm und sagte mit ganz feiner, feiner Stimme:
‚Ein schönes Kompliment, kleines Fräulein, und ob Sie nicht zum Tee kommen wollten, zur Waldrosenkönigin?‘
Der Herr Lehrer las in diesem Augenblick was vor, ich hätte gern weiter zugehört und sagte es dem Schmetterling auch. Der aber sagte: bei der Königin säße ein gelehrter Herr, namens Brennessel, der hielte gar nichts von der Geschichte, ich soll daher nur dreist mitkommen.Ich fragte den Schmetterling, ob’s sehr weit wäre; er meinte: weit wär’s nicht, aber wir müßten einen Umweg machen, da läge ein groß schwarz Tier im Grase, das habe greulich nach ihm geschnappt, als er vorübergeflogen sei. Das war der arme Rezensent! Dann sagte der Schmetterling: er müsse auch den giftigen Wolken ausweichen, die da herumzögen und ihm seine hübschen Flügel ganz schwarz machten. Das war des Onkel Wimmers Zigarrendampf! — Ich war auf einmal so klein geworden, daß mich der schöne gelbe Schmetterling ganz leicht auf seinen Rücken nehmen und forttragen konnte zudemRosenbusch dort beiderBuche. Da war eine gar niedliche vornehme Gesellschaft bei der Königin. Da war der brummige, böse, alte Herr Brennessel, dem jeder gern auswich; da war die dicke Madame Klatschrose, welche dicht hinter der hübschen Königin stand. ‚Fräulein Elise,‘ sagte die Königin, ‚ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ist das Ihr Onkel dort unten, welcher den häßlichen Dampf ausbläst?‘ ‚Nein,‘ sagte ich, ‚das ist der Onkel Doktor, den sie weggejagt haben aus der Stadt; er schreibt Bücher und ist unartig gewesen und hat zuviel Kleckse und Schreibfehler gemacht!‘ ‚So, er schreibt Bücher? Dann will ich ihn mal besuchen!‘ sagte der kluge Herr Brennessel böse …“
„Alle Wetter,“ lachte der Doktor hier, halb ärgerlich über Lisens Traum, und griff mit der Hand hinter sich, um sich aufzurichten. „Au, Teufel!“ schrie er plötzlich. Er hatte wirklich mit der Hand in einen Brennesselbusch gefaßt!
Wir lachten herzlich, und nur Lischen sagte ganz ernst: „Siehst Du, Onkel Wimmer,daswar er!“ Dann fuhr sie fort:
„Wir tranken nun Tee aus wunderniedlichem Geschirr (Onkel Wachholder gibt mir noch ein Butterbrot!) und jeder erzählte eine hübsche Geschichte vom Frühling, Sommer oder Herbst; vom Winter aber wußten sie nichts — da schlafen sie. Dabei hörte ich aber immer den Herrn Lehrer lesen, und Herr Brennessel brummte dann dazwischen. Der war auch der einzige, welcher vom Winter erzählen wollte, es ward aber nicht gelitten. — Auf einmal hörte Herr Roder auf zu lesen, und ich lag wieder bei Dir, Onkel Wachholder, im Grase, und Rezensent steckte dicht vor meinem Gesicht seine schwarze Nase zwischen den Halmen durch und guckte mich groß an. Das habe ich gesehen! — War das nicht hübsch? Und nun, Herr Roder — lesen Sie Ihre Geschichten noch einmal — bitte, bitte!“
„Danke schön,“ sagte lachend der Lehrer. „Der kluge Herr Brennessel hatte ganz recht, undjetztsehe ich auch ein;meineGeschichten sind gar nicht hübsch.“
Wie lange haben wir so geträumt, und erzählt, und im grünen Gras und weichen Moos gelegen? — Schon steigt die Sonne wieder abwärts am blauen Himmel! Muß nicht der Doktor heute noch durch den Wald nach der nächsten Eisenbahnstation? — Auf, Lise, winde dem Rezensenten den letzten Kranz um den schwarzen Pelz! Laßt nichts zurück von euern Sachen! Vorwärts! — Auf engen schattigen Waldpfaden geht’s nun quer durch dasHolz, bis wir endlich das Rollen der Wagen auf der großen Landstraße hören und zuletzt den weißen Streif durch die Stämme schimmern sehen. Horch, Geigen- und Hornmusik! Im Weißen Roß mitten im Wald an der Chaussee ist Tanz. Die Haustür ist mit Laubgewinden geschmückt; Stadtvolk und Landvolk drängt sich allenthalben davor und dadrinnen, im Haus und im Garten. Wir erobern noch eine schattige Laube, und der Doktor gerät in sein Element. Jetzt ist er oben im Saal, schwenkt sich lustig herum mit einer frischen Landdirne oder einer kleinen bleichen Näherin aus der Stadt; jetzt erregt er unter den Kegelnden ein schallendes Gelächter durch einen wohlangebrachten Witz. Jetzt sitzt er wieder bei uns, den Rock ausgezogen, glühend, pustend, fächelnd. Und überall, wo der Doktor ist, ist auch der Pudel. Jetzt oben im Saal wie toll zwischen die Tanzenden fahrend; jetzt, ausgewiesen, wie sein Herr aus der Stadt, steckt er seine feuchte Schnauze unter unserm Tische hervor.
Immer tiefer sinkt die Sonne herab. Doktor, Doktor, wir müssen scheiden!
Und der Doktor zieht den Rock wieder an und hängt die Reisetasche um. Wir alle stehen auf.
„Also mußt Du wirklich fort, Onkel Wimmer?“ fragt Elise weinerlich.
„Ja ja, liebes Kind!“ sagt der wunderliche Mensch plötzlich ernst. Er hebt die Kleine empor, die sich diesmal nicht sträubt, sondern selbst ihm einen herzhaften Kuß gibt.
„Wirst Du auch wohl zuweilen an den Pudel und mich denken, Lischen?“
„Ganz gewiß,“ schluchzt Lischen, „und ich will schreiben, und der Pudel — nein, Du mußt’s auch tun!“ Der Doktor setzt die Kleine vorsichtig wieder auf ihren Stuhl: „Lebt wohl, Wachholder,“ sagt er, „leb’ wohl, Roder, alter Freund!“
Der Pudel blickt ganz verblüfft von seinem ernsten Herrn auf uns und wieder zurück: es muß etwas nicht ganz in der Ordnung sein.
„Lebt alle wohl! Ein fröhliches Wiedersehn! Alle!En avant, Rezensent!“ schreit der Doktor, über die Gartenhecke und den Chausseegraben springend, und rennt, ohne sich umzusehen, dem Walde zu. Am Rande bleibt er noch einmal stehen und schwenkt den Hut.
„Smollis!“ ruft der Lehrer, ihm mit einem Glase zuwinkend. „Grüß die Münchener Cousine, die hübsche Nannerl!“
„Fiducit!Soll geschehen!“ ruft der Doktor zurück und verschwindet hinter den Büschen. Rezensent steht noch am Rande, blickt nach uns herüber und stößt ein kurzes Gebell aus.
Jetzt ist auch er verschwunden.
Wir sitzen noch eine Weile still allein.
„Gott gebe dem ehrlichen alten Gesellen Glück!“ sagt der Lehrer vor sich hin. Ein Omnibus will eben nach der Stadt abfahren. Was sollen wir noch hier? Wir nehmen Plätze und steigen ein.
Zurück geht’s nun nach der großen Stadt, die staubige Landstraße hinunter. Fröhliche Gesichter jedes Alters und Geschlechts um uns her im dichtbepackten Wagen! Wie die Sonne so prächtig untergeht! Ade, du schöner Wald! Ade, du alter Freund Wimmer! —
Da sind wir schon in den Anlagen. Welche sonntäglich geputzte Menge noch ein- und ausströmt! Wir steigen aus auf dem freien Platz vor dem Tor; den Weg durch die Stadt bis in unsere Sperlingsgasse können wir wohl noch zu Fuße machen.
Da sind wir, als es eben dämmerig wird. Sieh, dort steht die alte Martha strickend vor der Tür; sie erblickt uns und ruft:
„Guten Abend, guten Abend!“
„Ach, Martha, das war schön — und — der Onkel Doktor ist fort!“ sagt die kleine müde Elise. Auch der Lehrer sagt jetzt gute Nacht und kehrt zurück in sein einsames Stübchen, eine lange Woche mühsamer Arbeit vor sich.
Das war ein Sommertag im Walde, den ich hier aufzeichne in einer öden, kalten Winternacht.
Die Kälte ist aufs höchste gestiegen. Wenige Nasen werden in der Sperlingsgasse herausgestreckt, und die es werden, laufen rot und blau an. Welch Künstler derWinter ist; die Spatzen färbt er gelb, und den freien Deutschen macht er ausrufen: mein Haus ist meine Burg!
Was kann ein Chronikenschreiber bei so bewandten Umständen besseres tun, als sein Haus einzig und allein zum Gegenstand seiner Aufzeichnungen zu machen und die große Welt draußen, die allgemeine Gassengeschichte, gehen zu lassen wie sie will?
Im Jahre der Gnade 1619 verbrannten sie zu Rom einen Gottesleugner, genannt Julius Cäsar Vanini, der hob, auf seinem Scheiterhaufen stehend, einen Strohhalm zwischen den Holzklötzen auf und sagte lächelnd: „Wennichauch das Dasein Gottes leugnen würde, dieser Halm würde es beweisen!“ — Die Geschichte eines Hauses ist die Geschichte seiner Bewohner, die Geschichte seiner Bewohner ist die Geschichte der Zeit, in welcher sie lebten und leben, die Geschichte der Zeiten ist die Geschichte der Menschheit, und die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte — Gottes! Wohin führt uns das? Kehren wir schnell um, und steigen wir die Treppen hinunter in das unterste Stockwerk.
Da sitzt in dem vorderen Zimmer des Hauswirts und Tischlermeisters Werner eine weißhaarige gebückte Frau in ihrem Lehnstuhl hinter dem Ofen, spinnend vom Morgen bis zum Abend. Das ist die alte Mutter der Hausfrau, die Tochter des Erbauers des Hauses, welche den Grundstein legen und den Knopf auf die Giebelspitze setzen sah und mit dem Hause und seiner Geschichte verwachsen ist durch und durch.
Manche Leiche hat sie in den langen Jahren ihres Lebens hinaustragen sehen: ihre Eltern und alle ihre Geschwister, ihren Mann und alle ihre Kinder bis auf eins, die Anna, die Frau des jetzigen Besitzers. Sie hat den Sarg Mariens mit schmücken helfen und den Sarg Franzens; sie hat ihre Freundin, meine alte Martha, mit hinausbegleitet zum Johanniskirchhof, wo dieselbe begraben ward an der Seite ihrer Herrin, und manchen andern vom Dachstübchen bis zur Kellerwohnung.
Einst war sie das schönste Mädchen der Gasse — wie sie jetzt noch die schönste alte Frau ist — und als der Hausknopf geschlossen werden sollte, und jedes Glied der damals zahlreichen Familie ein Gedenkzeichen hineintat, legte sie errötend und unbemerkt ein kleines Blättchen hinzu, welches aus fernem Land gekommen war, und die Überschrift trug:
„Dieses kleine Briefelein kommt an dieHerzallerliebste in Herz und Liebe.“
und schloß:
„… meiner Liebsten noch einen Gruß und Kuß und hoff ich zu kommen im Frühling mit den Schwalben und Hochzeit zu feiern freudiglich mit meinem Schatz, den grüßt und küßt in Gedankensinn sein herzlieberGottfried Karsten,Tischlergeselle.“
„… meiner Liebsten noch einen Gruß und Kuß und hoff ich zu kommen im Frühling mit den Schwalben und Hochzeit zu feiern freudiglich mit meinem Schatz, den grüßt und küßt in Gedankensinn sein herzlieber
Gottfried Karsten,Tischlergeselle.“
Oft, wenn der Wind die alte Wetterfahne knirschen und kreischen läßt, mag sie wohl an das Blättchen im Knopf darunter denken und an den, der’s schrieb, und der nun auch schon so lange tot und begraben ist.
An wie manches Kindbett im Hause aber auch ist die alte Margarete Karsten gerufen, und wie manches junge Leben hat sie aufblühen sehen im Hause Nr. Sieben in der Sperlingsgasse.
Wer weiß so viele Wiegenlieder wie sie; wer weiß so viele Märchen, die alle anfangen: „Es war einmal“ und damit enden, daß jemand in ein Faß mit Nägeln und Ottern gesteckt und den Berg hinabgerollt wird? Wer im Hause hat zu allen Tageszeiten so viele Kinder um sich, die den Geschichten lauschen, dem schnurrenden Rade zusehen und abends mit der zunehmenden Dämmerung immer dichter an den großen Lehnstuhl sich drängen? Wie oft habe ich einst da die kleine Elise mit Rezensent an ihrer Seite gefunden, andächtig lauschend, und wie oft, wenn ich mit der besten Absicht kam, sie heraufzuholen zu Bett, bin ich selbst sitzen geblieben, den Schluß einer Historie abwartend, bis endlich auch noch Martha herabkam, und es uns fast ging wie dem Herrn, welcher den Jochen ausschickte, den Pudel zu holen.
Heute freilich treffe ich die kleine Lise nicht auf der Fußbank am Lehnstuhl sitzend, auch die alte Martha kommt nicht mehr herunter, uns beide abzuholen; aber einen andern treffe ich häufig genug seit Mitte des vorigen Herbstes, und dieser andre ist kein geringerer als unser Freund und Nachbar, der Karikaturenzeichner Strobel. In der Werkstatt bei Meister und Gesellen, in der Küche bei der Hausmutter, überall ist der Zeichner ein willkommener Gast. Die Gesellen porträtiert er für ihre respektivenSchätze, mit dem Meister politisiert er, die Meisterin lehrt er neue Gerichte fabrizieren — er hat unter seiner Bibliothek ein dickes Kochbuch — und der Großmutter — hört er zu.
So traf ich ihn heute abend, als ich herunterkam, einen geborgten Leimtopf wieder abzuliefern. Da es Feierabend war, so war die ganze Familie in der Stube versammelt, der Zeichner hatte alle seine Gesprächselemente bei einander und plätscherte mit Wonne darin herum.
„… Also Meister,“ sagte er, als er eintrat, „wer, meinen Sie, kriegt dabei die Prügel?“
„Der Russe nicht!“ antwortet nach einer kleinen Pause bedächtig der Meister, der mit der Brille auf der Nase die Zeitung hinter das Licht hielt, um besser zu sehen.
„Also die Alliierten?“
Der Meister nimmt eine Prise, und da seine Erinnerungen nur bis zu den Befreiungskriegen gehen, sieht er verwundert auf, es scheint ihm auch das unwahrscheinlich. Plötzlich aber besinnt er sich:
„Donnerwetter, dabei sind ja jetzt auch die Franzosen!“ ruft er. „Himmel! das hat sich ja auf einmal ganz umgedreht!“
„Richtig, Meister,“ sagt der Zeichner, den Tischlermeister auf die Schulter klopfend. „Richtig! Alles in der Welt dreht sich von Zeit zu Zeit um.“
„Meisterin, die Kartoffeln brennen an!“ unterbricht Anton, der Lehrjunge, die Politik.
„Wir kommen gleich!“ ruft Strobel lachend. — „Ichgehe auch mit, Meisterin, und die Kinder auch! Vorwärts!En avant! On with you, boys!Hinaus in — die Küche!“
So werden die Kartoffeln gerettet, der Meister studiert seine Zeitung weiter, und das Spinnrad summt und schnurrt im Winkel wie immer. Endlich kommen Strobel, die Frau Anna und die Kinder zurück, und die Alte fragt:
„Also der Franzos ist auch wieder dabei? Ist das derselbe, der Anno Sechs hier war?“
„Nein,“ sagt Strobel, „jetzt trägt er rote Hosen.“
„Und der Napoleon — ich meine, der ist lange tot?“
„Ja, Mutter,“ sagt der Meister von seiner Zeitung aufsehend, „das ist auch ein andrer.“
„Gott,“ sagt die Großmutter, „wenn ich noch daran denke, wie das kleine, gelbe, schwarze Volk hier war und in den Straßen kauderwelschte, und eine Sorte hatte in ihren Hüten große Kochlöffel stecken, und acht hatten wir hier im Haus.“
Strobel, der jetzt die Alte da hat, wo sie ihm interessant wird, rückt einen Schemel an ihren Lehnstuhl und sagt: „Großmutter, es ist noch früh, erzählen Sie uns noch etwas von den achten; wenn der Meister seine Zeitung liest, ist gar kein Auskommen mit ihm. Kommen Sie, Wachholder, rücken Sie her. Burschen, seht, wo ihr Plätze findet und haltet das Maul, die Großmutter will von den acht Franzosen in Nummero Sieben erzählen!“
Die Alte lächelt und bringt ihr Rad wieder in Gang: „Solchen gelehrten Herren soll ich erzählen? Die habenja alles viel besser in Büchern gelesen; von allen achten weiß ich auch nichts.“
„Großmutter, was ich in Büchern gelesen, habe ich Gottlob nun bald wieder vergessen,“ sagt der Zeichner, „und wenn Sie auch von allen achten nichts wissen, so sind wir auch mit vier zufrieden, oder mit soviel, als Sie wollen; erzählen Sie nur.“
„Nun, wenn Sie’s denn wollen, so muß ich mich mal besinnen. — Gut!
Also es war Anno Sechs, als der Franzos im Lande rumorte und drunten schrecklich hausen sollte, denn er hatte einen großen Sieg erfochten und glaubte das Recht dazu zu haben. Die Leute fürchteten sich alle sehr, gruben ihre Löffel weg und näheten ihren Kindern jedem ein Goldstück in den Rocksaum, auf den Fall, daß sie abhanden kämen oder mitgenommen würden. Aber mein Seliger tat gar nicht, als obihndas was anginge. — Wenn sie kommen, sind sie da — sagte er, und dabei blieb er, und wenn die Nachbarn kamen und klagten und jammerten, sagte er nur: Einmal wir, einmal sie! Und wenn sie ihm die Ohren zu voll schrieen, zog er eine weiße Zipfelmütze, die er zu meiner Verwunderung seit kurzer Zeit immer in der Tasche führte — darüber und tat, als ob er einschliefe. Es war immer ein sonderlicher Mann, Annchen, Dein Vater.
Gut. Eines Morgens erhub sich ein Lärm: Sie sind da! Heiliger Gott, mir fuhr’s ordentlich in die Knie; meine Jungen (Gott hab’ sie selig) in allen Gassen, Gottweiß wo, und nur mein Annchen hatt’ ich in der Wiege; mein Alter hatte mal wieder die Zipfelmütze hervorgekriegt und übergezogen und sägete im Hofe.
‚Gottfried, Gottfried!‘ schreie ich, ‚sie sind da! sie sind da!‘ Er tat, als ob er’s nicht hörte, obgleich ich dichte bei ihm stand. In meiner Angst und auch vor Ärger riß ich ihm die dumme Mütze ab, warf sie auf die Erde und schrie wieder: ‚Und die Jungen sind auf der Straße — heiliger Vater! — und unsere Löffel — Mann — Mann!‘
Er hob ganz ruhig seine Mütze auf, klopfte die Sägespäne an mir ab, setzte sie ruhig wieder auf und sagte: ‚Ja, — wenn’s so ist, so werden sie wohl durchs Wassertor kommen, daher geht der Weg von Jena.‘ Ich glaube so hieß es. Dann sägt’ er weiter.
Richtig, da trommelte es schon die lange Straße vom Wassertor her, herunter — mir zitterte das Herz immer mehr! —
‚Meister Karsten! Meister Karsten! Schnell, schnell!‘ schrieen plötzlich mehrere Nachbarn, die in den Hof stürzten im besten Sonntagsstaat. ‚Ihr sollt kommen, Ihr sollt mit zur Depentatschon an den französischen General.‘
‚So?!‘ sagt mein Gottfried, stellte seine Säge hin und ging langsam in das Haus, gefolgt von den Nachbarn, dem Herrn Sekretär Schreiber, dem Herrn Rat Pusteback, dem Schornsteinfeger Blachdorf und dem Schmied Pruster und andern. Alle zogen mit meinem Alten in die Stuben, weil sie dachten, er würde nun gleich in den Bratenrock fahren und mitrennen. Aber proste Mahlzeit! — An denTabakskasten ging mein Alter, stopfte sich eine Pfeife, schlug langsam Feuer und sagte:
‚Nun, so kommt, meine Herren!‘
Die standen alle mit offenen Mäulern da, aber mein Gottfried ließ sich nicht irre machen. In Schlafrock und Pantoffeln marschierte er ruhig — ich sehe ihn wie heute — voran bis an die nächste Straßenecke. Da blieb er stehen und die Nachbarn um ihn herum; zeigte mit der Pfeifenspitze auf einen Zettel, der da klebte und auf welchem stand:
‚Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!‘
oder so was, — ich hab’s vergessen — klappte seinen Pfeifendeckel zu, drehte sich langsam um und ging ins Haus zurück. Meine beiden Jungen brachte er mit, worüber ich seelenfroh war. ‚Da, Mutter,‘ sagte er, als er sie in die Türe schob. ‚Heb sie mir auf,‘ sagte er, ‚wir brauchen sie einstmal.‘
Ich wußte damals nicht, was das heißen sollte; später erfuhr ich’s!“
Hier traten der alten Frau die Tränen in die Augen, und ihr Spinnrad hörte auf zu schnurren. Es herrschte eine tiefe Stille im Zimmer.
„Gut. Von nun ab bekümmerte sich mein alter Seliger um nichts mehr draußen, sondern ging wieder zu seinem Sägebock und sägte weiter, bis die Einquartierung kam. Herr meines Lebens, da hättet ihr den Mann sehen sollen! Das ganze Haus kam in Aufruhr; das beste, was Küch’ und Keller hielt, ward aufgetischt, und je mehr die kleinen gelben Kerle schwadronierten und sakramentierten, desto fröhlicher wurde mein Alter.
‚Das ist die rechte Sorte!‘ rief er immer, sich die Hände reibend. ‚Solche mußten’s sein! Wenn nur genug von ihnen da sind!‘
Französisch hatt’ er etwas von der Wanderschaft mitgebracht, und so waren sie bald die besten Freunde miteinander und auf du und du, daß die Nachbarn ordentlich die Nasen rümpften. Die aber gingen zu allen Depentatschonen und illuminierten und bekränzten ihre Häuser und so — das tat aber mein Gottfried nicht, und wenn er einen vom Rat der Stadt sah, zog er jedesmal richtig die Zipfelmütze herunter über die Ohren. Gut, da war ein Franzos zwischen den andern, der war von daher, wo sie halb deutsch, halb französisch sprechen, den konnt’ ich auch verstehen, und es war so gut, als wenn ich französch’ gekonnt hätte. Was geschieht? Eines Abends sitzen sie alle zusammen, und mein Alter mitten drinnen, und kauderwelschten, daß einem Hören und Sehen verging, und saß ich im Winkel und strickte, und die Jungen spielten im Winkel. Spricht mein Alter auf einmal zu dem Deutschfranzos: ‚Nun sagt mal, Kamerad, wie lange denkt ihr denn eigentlich noch in Deutschland zu bleiben?‘
Der Deutschfranzos stieß mit den andern den Kopf zusammen, und sie schnatterten was in ihrer Sprache. Dann lachten sie aus vollem Halse.
‚Immer bleiben wir da!‘ sagt der Deutschfranzos. ‚Wir sein einmal da; wir gehen nit raus wieder!‘
‚Woui!‘ schrieen die andern und hielten sich die Bäuche. ‚Nit raus! nit raus!‘
‚Ne,‘ sagt mein Alter, ‚immer nicht. Ihr seid zwar da, und unsereins kann unserm Herrgott nur dankbar sein, daß er euch geschickt hat, aber immer —‘
‚Nit raus! nit raus!‘ schrieen die Franzosen.
‚Lasset euch handeln!‘ sagt mein Alter, ‚ich biete zwölf Jahr — höchstens!‘
‚Nit raus! nit raus!‘ kauderwelschten die wieder.
‚Wilhelm! Ludwig! kommt mal her!‘ rief mein Alter jetzt die Jungen, die sogleich angesprungen kamen und sich an seine Knie stellten.
‚Richt’ euch!‘ rief mein Alter. ‚Augen rechts! Seht mal, Jungens, die da — das sind Franzosen, die eigentlich hier nicht in unsere Stube gehören. Das kleine Annchen kann gar nicht schlafen vor ihrem Spektakel — und doch haben sie Lust, immer dazubleiben. Was meint ihr, Jungens — wenn ihr stark genug wäret?‘
Guckten meine Jungen gewaltig wunderbar aus den Augen und die Franzmänner an, und dann sich und dann meinen Alten!
‚Das sich finden — ich groß werden — ich schon Pustebacks Theodor zwinge,‘ sagte Wilhelm, mein Kleinster. Ludwig, mein Ältester, sagte gar nichts, aber auf einmal rann ihm eine dicke Träne über die Backe, und sein Vater klopfte ihn auf die Schulter und sagte:
‚Warte nur, mein Junge, Du kommst zuerst.‘
Die Franzosen hatten ihren Heidenjubel; und besonders einer — sie nannten ihn Piär oder so — wußte sich gar nicht zu helfen vor Lachen. Mein Alter aber warsehr ernst geworden und sprach den ganzen Abend kein Wort mehr. Die andre Woche zogen die Franzmänner ab und lachten noch beim Abschied, als sie uns allen die Hand drückten und ordentlich sich bedankten für gute Bewirtung:
‚Nit raus! Nit raus!‘
‚Wird sich finden,‘ sagte mein Alter. ‚Wird sich finden!‘ schrieen meine beiden Jungen.
Gut, nun kamen lange Jahre und immer andre Franzosen.
‚Bald ist’s genug,‘ brummte mein Gottfried. Und einmal zogen sie alle hinauf nach Norden, aber zurück kam keiner. Und dann fing’s auf einmal an zu rumoren im Lande, und an den Ecken klebten ganz andre Zettel, die mein Alter immer las und wobei er mit dem Kopf nickte. Er war die Zeit nicht viel zu Haus.
Da kam er eines Tages zurück und rief den Ludwig aus der Werkstatt, und sie kamen beide in die Küche zu mir.
‚Sieh, Mutter‘ sagte mein Gottfried, ‚’s ist gut, daß Dein Feuer brennt! Paß auf, Ludchen!‘ Damit zog mein Alter seine Zipfelmütze aus der Tasche und warf sie unter meinen Topf, daß sie verschwielte und das ganze Haus voll Qualm ward; dann ging er mit meinem Ludwig fort und kam allein und ganz still wieder.
Am andern Morgen zog ein Trupp schwarzer Reiter in die Stadt — auch durch das Wassertor. Einer kam zu Pferd hier in die Sperlingsgasse vor unser Haus und stieg ab — mir sank das Herz in die Knie — es war mein Ludwig! —
‚Adjes, Mutter! Adjes, Vater!‘ rief er — ‚behüt Euch Gott, ’s wird sich schon machen!‘ — und dann ritt er fort, den andern nach, die schon durch das Grüne Tor zogen.
‚Da geht’s nach Frankreich, Alte!‘ rief mein Mann, während ich heulte und jammerte. Aber es war noch so weit nicht.
Wir hörten lange Zeit nichts, bis eines Tages alle Glocken in der Stadt läuteten, und auch im ganzen Land, wie sie sagten. Es war eine große Schlacht gewesen, und unsere hatten gewonnen, und mein Ludwig war — tot!
‚Der Erste,‘ sagte mein Alter.
Wieder ging ein Jahr hin, und einmal kam das Kanonenschießen so nahe, daß die Leute vor das Tor liefen, es zu hören; natürlich liefen mein Gottfried und ich mit. Da kamen bald aus der Gegend her, wo es so rollte und donnerte, Wagen mit Verwundeten, Freund und Feind durcheinander, und immer mehr und mehr. Die wurden alle in die Stadt gebracht.
‚Herr, mein Heiland!‘ muß ich auf einmal ausrufen, ‚ist das nicht der Piär von damals, von Anno Sechs?‘
Richtig, er war’s. Mit abgeschossenem Bein lag er auf dem Stroh und wimmerte ganz jämmerlich. ‚Den nehm’ ich mit,‘ sagte mein Alter und bat ihn sich aus, und wir brachten ihn hier ins Haus — in Ihre Stube, Herr Wachholder. Da kurierten wir ihn. Als er besser wurde, hatte mein Mann oft seine Reden mit ihm. Einmal war der Franzos oben auf, einmal mein Alter. Da hieß es plötzlich, die Deutschen seien wieder geschlagen undder Napoleon abermals Obermeister. Mein Alter sah den Wilhelm bedenklich an, als ginge er mit sich zu Rat; als aber in der Nacht die Sturmglocken auf allen Dörfern läuteten, wußte ich, was geschehen würde, und weinte die ganze Nacht, und am Morgen zog auch mein Wilhelm fort mit den grünen Jägern zu Fuß, und Minchen Schmidt, die mit ihrer alten Mutter in Ihrer Stube drüben wohnte, Herr Strobel, weinte auch und winkte mit dem Taschentuch. Vorher aber führte ihn mein Alter noch an das Bett des Franzosen und sagte: ‚Das ist der Zweite!‘ — Der Franzos schaute ganz kurios und bewildert drein und sagte gar nichts, sondern drehte sich nach der Wand.
Das Kanonenschießen kam nun nicht wieder so nah, und der Wilhelm schrieb von großen Schlachten, wo viele tausend Menschen zu Tod kamen, aber er nicht, und die Briefe kamen immer ferner her, und auf einmal standen gar welsche Namen darauf. Die brachte mein Alter dem Franzos herauf, der nun schon ganz gut Deutsch konnte, und sagte lachend zu ihm: ‚Nun, Gevatter! Nit raus? Nit raus?‘ Und der Franzos machte ein gar erbärmlich Gesicht und sagte, den Brief in der Hand: ‚Das sein mein ’Eimatsort, da wohnen mein Vatter und mein Mutter.‘ Mein Alter aber saß am Bett und rechnete an den Fingern: ‚Eins, zwei, vier — acht. Acht Jahr, Gevatter Franzos! Warum habt Ihr dunnemalen meine Zwölf nicht genommen?‘
Die Briefe von unserm Wilhelm kamen nun immer seltener, und auf einmal blieben sie ganz aus, und eines Tages — kommt mein Alter nach Haus, setzet sich anden Tisch, legt den Kopf auf beide Arme und — weint. Ich dachte der Himmel fiele über mich — — — —derund Weinen!
‚Der andre!‘ stöhnte mein Alter in sich hinein, und ich fiel in Ohnmacht zu Boden.
Da vor der großen Franzosenstadt Paris muß ein Berg sein — ich kann den Namen nicht ordentlich aussprechen — von wo man die Stadt ganz übersehen kann. Da schossen sie zum letztenmal aufeinander, und da ist auch dem Wilhelm eine Kugel mitten durch die Brust gegangen, wie der Kamerad schrieb, und ist er da begraben mit vielen, vielen andern aus Deutschland. — Das ist meine Geschichte! Den Franzosen aber kurierten wir aus, und mein Alter gab ihm einen Zehrpfennig und brachte ihn an das Tor, wo der Weg nach Frankreich geht, den auch meine Jungen gezogen waren, sah ihn da abhumpeln und kam wieder nach Haus, murmelnd: ‚Nit raus, nit raus!‘ — Gott hab ihn selig, den Mann, es war ein wunderlicher, Dein Vater, Annchen.“
So erzählte die alte Margarete Karsten, und wir alle saßen um sie herum, als sie geendet hatte, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend. Der Meister hatte längst seine Zeitung weggelegt, und auch die Gesellen, die nach und nach eingetreten und gewöhnlich ziemlich fröhlich und laut waren, standen und saßen diesmal ganz still umher.
„Nun will ich noch was erzählen!“ rief plötzlich die Alte, deren Augen durch die wachgewordenen Erinnerungen in einem seltsamen Glanz leuchteten. „Ich will was erzählen,was lange nachher geschah und doch mit dazu gehört! — Wenn die Fensterscheiben nicht so gefroren wären, könntet ihr den Turm der neuen Sophienkirche sehen, die gebaut wurde, nachdem die alte abgebrannt ist. In der alten war’s, wo eine Tafel an der Wand hing, wo die Namen aller der drauf standen, welche in dem Franzosenkriege aus unserem Viertel gefallen waren, und worunter auch meine Jungen waren: Ludwig Friedrich Karl Karsten und Wilhelm Johannes Albert Karsten. Die Tafel hatten wir unserm Kirchenstuhl gerade gegenüber, und des Sonntags schauten wir immer darauf und dachten an unsre braven Jungen, und mein Alter war stolz auf die Tafel und ich auch, wenn ich auch genug darüber geweint habe und noch weinte. Aber es blieb nicht so bei meinem Gottfried. Es kam eine Zeit, da schlich er an der Tafel vorbei, ohne aufzugucken, und wenn wir an unserm Platze saßen und sein Blick fiel mal drauf hin, sah er schnell weg, oder auf den Boden, oder murmelte etwas, was ich nicht verstand.
Gut, eines Tages gegen Abend stand ein schreckbares Gewitter über der Stadt; es donnerte und blitzte unbändig, und auf einmal hieß es: in der Sophienkirche hat’s eingeschlagen! — Richtig — da brannte sie lichterloh. Mein Alter, der sonst bei so was immer vorn dran war, rührte diesmal nicht Hand nicht Fuß, und es hätte auch nichts geholfen. Er hatte mich unterm Arm, und wir standen in der Menschenmenge und sahen zu. Auf einmal schwankt der Turm, der wie eine Fackel war, hinund her und stürzt dann herunter auf das Kirchendach mit einem Krach, daß Menschen und Pferde in die Knie schossen und ich mit. Mein Alter aber blieb aufrecht stehen und kehrte sich um und brachte mich nach Hause. Als wir in unserer Stube waren, ging er den ganzen Abend auf und ab, bis er plötzlich vor mir stehen blieb und sagte:
‚Mutter, Gottlob, die Tafel ist verbrannt! Mutter, ich konnt’ sie nicht mehr ansehen! — Gute Nacht, Mutter!‘ — Ich verstand ihn gar nicht und fragte, was das bedeuten solle, aber er schüttelte nur mit dem Kopf und ging zu Bett. Und das will ich auch tun, mein Flachs ist zu Ende! Gute Nacht, ihr Herrn, gute Nacht, Kinder! — Komm, Annechen!“ — Damit erhob sich die alte Frau, und ging, auf ihren Stock und den Arm ihrer Tochter gestützt, hinaus, ihrer kleinen Kammer zu, um von ihrem alten Gottfried mit dem eisernen Herzen, um von den beiden erschossenen Freiheitskämpfern weiter zu träumen. Der Karikaturenzeichner machte heute Abend keinen Witz mehr, der Meister sog an der erloschenen Pfeife. Es war, als wage keiner sich von seinem Platz zu rühren; es war, als müsse nun gleich die Tür sich öffnen, und der alte, gewaltige Mann hereintreten mit dem schwarzen Reiter und dem grünen Jäger an seiner Seite, von denen der eine an der Oder und der andre dicht vor Paris begraben liegt auf dem Montmartre.
„Ich weiß, warum der Meister Karsten die Tafel nicht mehr ansehen konnte!“ rief plötzlich eine klangvolle Mannesstimme, daß alle fast erschrocken aufsahen. Es warRudolf, der Altgeselle, der sich in seinem Winkel hoch aufgerichtet hatte.
„Ich auch!“ rief Bernhard, der zweite Gesell, seinem Gefährten die Hand auf die Schulter legend.
„Ich auch!“ rief Strobel aufspringend. „Wie viel Wissende noch?“
„Ich auch!“ rief der Meister. „Ich auch!“ sagte ich. „IndemWissen liegt die Zukunft — Gott segne das Vaterland!“ Und dann — — kam die Meisterin mit den Kartoffeln.
Und wieder überschreibe ich ein Blatt der Chronik:
Elise.
Wir haben gejubelt und gelacht; auch wohl geweint über kleine Schmerzen und verunglückte Freuden! — Wie die Jahre kommen und gehen!
Der Efeu hat nun eine ordentliche, schattige, grüne Laube gebildet; rote und blaue Wachsbilder hat eine kleine schmückende Hand zwischen das Blätterwerk gehängt; wieder flattert ein zahmer Kanarienvogel in der Stube hin und her, von meinen Büchern und Schreibereien auf eine hübsche runde Schulter im Fenster, oder auf einen niedlichen Finger, der ihm winkend hingehalten wird. — Elise ist nun dreizehn Jahre alt auf den Blättern dieser Chronik. Oft wenn ein lustiger Sonnenstrahl über das Blätterwerk schießt, zwitschert wohl Flämmchen — so heißt der neue kleineFreund — fröhlich auf, hüpft aus seinem Bauer, dreht das Köpfchen mit den funkelnden kohlschwarzen Äuglein einigemal hin und her und flattert dann zum offenen Fenster hinaus. Einen Augenblick glänzt es, hin und her schießend, wie ein Goldpünktchen im Sonnenschein, dann flattert es nach der jenseitigen Häuserreihe und verschwindet in einem Fenster des mittleren Stockwerkes in Nr. Zwölf. Von dort ward es herübergebracht, auch dort hat es ein kleines Messingbauer.
Neue Gesichter sind aufgetaucht, neue Fäden schlingen sich wundersam in unser Leben und damit heute an diesem regnichten, windigen Februartage auch in diese Blätter.
Was tot war, wird lebendig; was Fluch war, wird Segen; die Sünde der Väter wird nicht heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied!
Eine helle frische Stimme erschallt unten im Hause; ein leichter Schritt kommt die Treppe herauf — Elise horcht. Nach einigen Minuten erschallt plötzlich draußen ein Gepolter, Marthas Stimme läßt sich hören, klagend und ärgerlich. Da ist er — der Taugenichts der Gasse!
Die Tür wird halb aufgerissen, und herein schaut ein lachendes, kerngesundes, mit unzähligen Sommerflecken bedecktes Knabengesicht.
„Nun, Gustav, was gibt’s wieder?“
„O gar nichts!“ sagt dasmauvais sujet, den Mund von einem Ohr bis zum andern ziehend, während Martha jetzt kläglich draußen nach Elisen ruft. „Was mag er nur angefangen haben?“ sagt diese aufspringend und hinausgehend.Ein helles herzliches Gelächter, in welches ich sie draußen ausbrechen höre, zwingt auch mich, von meinen Büchern aufzustehen, während Gustav sich ganz ehrbar in einen Band von Beckers Weltgeschichte vertieft zu haben scheint. Ich nehme die möglich ernsteste Miene an und schreite hinaus. Welch ein Anblick erwartet mich!
Die gute Alte hat höchst wahrscheinlich ihre Mittagsruhe gehalten und ist, das Strickzeug im Schoß, eingeschlafen. Diesen günstigen Augenblick zu benutzen, hat der Taugenichts, der vielleicht mit sehr guten Vorsätzen die Treppe heraufkam, doch nicht unterlassen können.
Festgebunden sitzt die Unglückliche in ihrem Stuhle; Handtücher, Bindfaden, das Garn ihres Strickzeuges, kurz alles nur mögliche Bindematerial ist benutzt, sie unvermögend zu machen, sich zu rühren. Vor ihr auf einem, noch dazu sehr zierlich gedeckten Tischchen, steht ein großer Napf Milch, der höchst wahrscheinlich zu den wichtigsten kulinarischen Zwecken bestimmt war, und um ihn im Kreis sitzt schlürfend und schmatzend — die ganze Katzenwelt des Hauses, von Zeit zu Zeit einen höhnenden Blick nach dem Lehnstuhl werfend, von welchem aus die gefesselte Küchentyrannin strampelt und droht, in wahrhaft tantalischen Qualen.
„Lischen — so jag sie doch weg — (Elise hat vor Lachen die Kraft gar nicht dazu und sitzt atemlos auf einem Schemel) — o der Schlingel — aber, Herr Wachholder, jagenSiesie doch weg — es bleibt ja nichts übrig — o meine schöne Milch — der Bösewicht!“ Ja der Bösewicht — wo war er, als diese Tragikomödie zu Endegekommen war, und man sich nach dem Urheber umsah? Der Band von Beckers Weltgeschichte lag freilich noch aufgeschlagen da, aber von Gustav — nirgends eine Spur!
Wer ist dieser Gustav?
Der Enkel eines Mannes, dessen Name schon einmal gar unheimlich in diese Blätter hineingeklungen ist, der Enkel des Grafen Friedrich Seeburg.
Es war im Jahr 1842, als in die Wohnung drüben in Nr. Zwölf, in deren Fenster später der Kanarienvogel so oft hinüberflatterte, eine schöne, schwarz gekleidete, bleiche Frau zog, welche sich Helene Berg nannte, die Witwe eines vor kurzem verstorbenen Mediziners. Sie war es, die schon einmal durch unser Leben und durch die Blätter dieser Chronik geglitten ist, mit jenem Sonnabend im Sommer 1841, an welchem wir den toten kleinen Vogel auf dem Johanniskirchhof begruben zu den Füßen der Gräber von Franz und Marie. Sie küßte damals die kleine Elise, aber wir kannten einander nicht. — „Georg Berg“ stand auf dem Grabstein, an welchem sie gekniet und geweint hatte, und in der ärmlichen Wohnung drüben in Nr. Zwölf, in der engen, dunkeln Sperlingsgasse verklingt die letzte Saite der unheilvollen wilden Geschichte, die einst der sterbende Jäger dem Maler Franz Ralff erzählte. — Ist das Lied vorbei? Eine junge fröhlichere Weise nahm den letzten Ton auf, und „Gustav und Elise Berg“ wird die neue Melodie lauten!
Wie die Letzte aus dem stolzen Hause der Grafen Seeburg das Zusammenhängen ihres Schicksals mit dem kleinen Mädchen an meiner Seite erfuhr? — Ihre Geschichte?
Ich fürchte mich fast, die Decke, die über so viel kaum vergessenem und begrabenem Unheil liegt, wieder aufzuritzen.
„Sieh, welch ein schöner Ring!“ sagte einmal Elise, der Frau Helene, die bei uns saß, jenen Reif zeigend, welchen vor langen langen Jahren der alte Burchhard am Hungerteiche im Ulfeldener Walde der toten Luise aus der erstarrten Hand gezogen hatte, welcher so lange Jahre unter jenem bekreuzten Stein gelegen hatte, und der das Wappen des Grafen von Seeburg trug! — Ich habe nicht nötig aufzuschreiben, was folgte! — — — Wir trennten uns damals so bald nicht. Den ganzen Abend ließ die weinende Helene die kleine Elise nicht aus den Armen, und Gustav, — Gustav, der Taugenichts der Gasse, begrüßte jubelnd seine Cousine auf seine Weise.
Nachdem er lange unstät sich umhergetrieben hatte, heiratete in Italien der Graf Friedrich Seeburg eine schöne, vornehme, aber arme Italienerin; sie ward die Mutter Helenens und starb sie gebärend im zweiten Jahr ihrer Ehe. Die Griechen dachten sich die Kluft zwischen Gott und dem Menschtum ausgefüllt durch ein Vermittelndes, das Dämonische: da schwebten, „damit das Ganze in sich selbst verbunden sei,“ Geister „viel und vielerlei“ auf und nieder; strafende und lohnende Boten der Gottheit, und niemand entging seinen Taten. Diese Geister verfolgtenauch den Grafen: Reue, Ruhelosigkeit, Lebensüberdruß hießen sie, und auf jede Lebensfreude legten sie ihre ertötende Hand. Wieder zog der Graf über die Alpen nach Deutschland. Das Schloß Seeburg war verkauft, — er kam nach Wien, wo er menschenscheu und finster in einem einsamen, kleinen Hause wohnte. Oft hörte ihn seine Tochter auf- und abgehen in der Nacht; sie hatte keine Bekanntinnen, keine Freundin; eine alte Dienerin ihrer Mutter war ihr ganzer Umgang. So verlebte sie ihre ersten Jugendjahre fast ganz sich selbst überlassen; während ihr Vater immer finsterer und finsterer ward. Er verbot ihr zu singen, zu spielen; sie seufzte und fügte sich. Da wurde eines Morgens der alte Graf Seeburg tot im Bett gefunden; kein Mensch war bei seinen letzten Augenblicken zugegen gewesen, er war gestorben wie ihn Helene nur gekannt hatte — einsam und allein. Einsam und verlassen war aber auch sie jetzt, ein junges Mädchen in einer großen, fremden Stadt, die sie nicht kannte, wo niemand sie kannte. Es fand sich, daß die Hinterlassenschaft ihres Vaters kaum hinreichte, die während seines Aufenthalts in Wien gemachten Schulden zu bezahlen.
Unter den wenigen, die von Zeit zu Zeit das Haus ihres Vaters betreten hatten, war ein Doktor Berg, ein nicht mehr ganz junger Mann, und dieser war der einzige, welcher, an das Totenbett des alten Grafen gerufen, nachdem er ihm die Augen zugedrückt hatte, sich der jungen Waise annahm. Er brachte ihre Vermögensverhältnisse in Ordnung; er führte sie, die ebenfalls fast menschenscheuGewordene, zu guten Menschen, zu seiner alten, freundlichen Mutter. Er schien alles, was er tat, nur als seine Pflicht anzusehen, und er, der ihr anfangs gleichgültig war, gewann ihre Zuneigung mehr und mehr. Da bot er ihr seine Hand, und die Gräfin Helene Seeburg ward seine zufriedene, glückliche Gattin, bald noch glücklicher durch die Geburt eines Sohnes, der Gustav genannt wurde. Da zwangen Verhältnisse — auch seine Mutter war gestorben — den Doktor Berg, Wien zu verlassen; er zog hieher und bemühte sich, eine Praxis zu gewinnen. Eben schien es ihm zu gelingen, als eine heftige Seuche, die verheerend von Osten kam und über das ganze Land todbringend zog, auch ihn wegraffte; er ließ seine Frau und seinen Sohn fast unbemittelt zurück. Auf dem Johanniskirchhof, zwanzig Schritte von Franz und Marie Ralff, ward er begraben.
Das war es, was die Frau Helene Berg erzählte, während der Ring mit dem Wappen der Grafen Seeburg, die Schlange, welche den Rubin umwand, vor ihr auf dem Tische funkelte. Noch an demselben Abend trug ich ihn auf die Königsbrücke und warf ihn weithin in den Strom, nachdem ich ihn in zwei Stücke zerbrochen hatte. Helene lehnte neben mir am Geländer, und schweigend gingen wir zurück in die Sperlingsgasse zu unsern Kindern.
War’s nicht ein hübsches, ein glückliches Vorzeichen, dieser kleine goldgelbe Vogel, der zwischen den beiden Wohnungen hin und her flatterte, der seine Wohnung dort undhier hatte, oft ein kleiner treuer Bote war, und an seinem beweglichen Hälschen gar wichtige Nachrichten, Fragen oder Antworten hinüber- und herübertrug?
„Schau mal nach, Lise, das Flämmchen trägt wieder einen Zettel am Halse. Jetzt werden wir wohl erfahren, wo der Bösewicht, über den ich die alte Martha draußen noch brummen höre, steckt.“
Zwitschernd hüpft Flämmchen auf Elisens Hand. Sie nimmt ihm den Zettel ab, und in einer weitbeinigen Knabenhandschrift lautet die Botschaft: