»Aber war denn das auch gewiß ihre Mutter? — Kann sie nicht eben so gut mit einer Fremden gegangen sein?«
»Das glaubte ich auch und fragte Leute auf der Straße, die sie kannten: das ist die Gräfin Baulen mit ihrer Tochter, die bald den Herrn von Pulteleben heirathen wird — so lautete die Antwort, die ich erhielt, und als ich ihr Haus von da an wie ihr eigenes böses Gewissen umschlich, sah ich sie wieder und wieder am Fenster und in ihrem Garten. Nein, Freund, der Sache bin ich gewiß, und — laß sie jetzt todt und begraben sein — ichwillnicht weiter an sie denken!«
Günther schüttelte mit dem Kopfe. — »Und daß sich irgend ein dünkelhaftes Frauenzimmer, von Stolz und Hochmuth oder aus sonst einem Beweggrunde getrieben, einen höheren Rang anmaßt, als ihr gebührt — was außerdem Tausende vonMännernjeden Tag ungestraft thun —, dadurch läßt Du Dich aus Deinem Leben reißen? Dem magst Du nicht begegnen und flüchtest vor Dir selbst in eine Stellung, dieDireben so wenig gebührt, alsihrder Grafentitel? — Felix, Felix, Du warst im Begriff in den nämlichen Fehler zu fallen, den sie begangen hat, denn ich kann mir kaum denken, daß Du unter Deinem eigenen Namen Knecht bei einem Bauer geworden.«
»Du wirst mir doch nicht einreden wollen,« rief Felix, aber doch leicht erröthend, »daß es nicht etwas ganz Anderes ist, wennichincognito…«
»Bah,« unterbrach ihn Günther, »treibe keine Sophisterei! Große Herren reisen incognito, um lästigen Empfangsfeierlichkeiten zu entgehen; wennDuDich aber Deines Namens unter solchen Verhältnissen begiebst, so geschieht es, weil Du Dich Deiner neuen Thätigkeitschämst,und deshalb allein nicht gekannt sein willst!«
»Günther!«
»Sei mir nicht böse, daß ich das Kind beim rechten Namen rufe; Du weißt ja doch, daß ich es ehrlich mit Dir meine, und der Arzt muß mit der schmerzenden Sonde in die Wunde fahren, wenn er im Stande sein soll sie zu heilen. — Hast Du nie nach Hause geschrieben?«
»Ich? — ja,« sagte der junge Mann zögernd; »ich — muß gestehen, daß ich schwach genug war, mich nicht von allen Banden losreißen zu können, die mich noch daheim fesseln — an meine Schwester.«
»Merkwürdiger Mensch,« sagte Günther seufzend, »er schämt sich alles Dessen, was gut und edel in ihm ist!«
»Und machstDumir einen Vorwurf daraus, daß ich mir ehrlich, mit meiner Hände Arbeit mein Brod verdienen will?«
»Ich? Bei Gott nicht! Aber Du sollst Dir dafür eine Sphäre suchen, die Deiner mehr würdig ist. Selbst der Handwerker setzt einen Stolz darein, nicht als Tagelöhner zu dienen, weil er etwas Besseres versteht. Willst Du Dich weniger als er dünken?«
»Und was anderskönnteich ergreifen?« sagte der junge Graf finster; »denn ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich, sobald ich meine Sphäre verließ, zu der Überzeugung kam, daß ich weit weniger wisse als ein Handwerker. Den Platz aber, welchen ich hier einnehme, fülle ich aus, und mit dem festen Willen führ' ich's durch.«
»Und bist Dugezwungensolche Arbeit zu thun? — Fehlt es Dir hier an Geld? — Ich kann mit Leichtigkeit…«
»Bah,« lachte der junge Mann verächtlich, »ich habe Geld genug bei mir, um drei solcher Bauern auszukaufen, wie der ist, bei dem ich jetzt um Monatslohn arbeite. Nein, was mich hieher trieb, war der Ekel an dem ganzen geselligen Treiben der Menschen, und vielleicht auch das Bewußtsein, daß ich selber eigentlich zu Nichts nütze sei auf der Welt. — Ich wollte versuchen, ob ich nicht im Stande sei mich selber am Leben zu erhalten und — selbstwennich einmal nach Deutschland zurückkehren sollte, doch wenigstens das Gefühl mitzunehmen,daßich im Stande war mich zu erhalten. Kannst Du mich deshalb tadeln?«
»Ich wahrhaftig nicht,« sagte Günther; »aber so weit wirst Du doch der Vernunft Gehör geben, daß Du Dich nicht gerade darauf capricirst Tagelöhner zu bleiben, wenn Du in einer andern, Dir mehr zusagenden Laufbahn das nämliche Ziel mit den nämlichen Mitteln erreichen kannst?«
»Und welche wären das?«
»Höre mir zu, und in wenigen Worten mache ich Dir unsere beiderseitige Stellung klar. Nach dem schleswig-holsteinischen Kriege wie viele meiner Kameraden aus meiner Stellung geworfen, außerdem durch den Bankerott des Hauses, in dem ich mein ganzes Vermögen liegen hatte, um Alles gebracht was ich mein nannte, verließ ich Deutschland — aber nicht mehr als freier Mann — ich liebte. — Daheim lebt mir ein Wesen, dem mein Herz gehört und das treu zu mir gehalten hat die lange, lange Zeit, während ich hier für uns Beide arbeitete, unsere Zukunft zu sichern.Jetzthabe ich mein Ziel erreicht — vierzehn Tage höchstens noch, und meine Arbeit ist hier vollendet; dann kehre ich nach Deutschland zurück, zu meiner Braut, um das an ihrer Seite zu genießen, was ich mir hier, Gott weiß es, mit Mühe, Arbeit und Entbehrungen genug zusammengespart und was unser Beider Zukunft mit bescheidenen Ansprüchen sichert. Das Geschäft eines Landvermessers ist aber in Brasilien ein lohnendes, wenn man es eben ordentlich und geschickt angreift. Du hast, wie ich recht gut weiß, alle die nöthigen Vorkenntnisse dazu, und willigst Du ein, so lehre ich Dich in den wenigen Wochen auch den praktischen Betrieb so weit, daß Du recht gut in meine Stelle treten kannst. Dieselbe Dir zu verschaffen, laß meine Sorge sein, und Du hast dabei nicht etwa eine todte Anstellung, die ihren Mann nährt, sondern mußt Dir, was Du bekommst, Vara bei Vara durch schwere Arbeit verdienen. Nur die Plätze bekommst Du von der Regierung angewiesen, wo Du vermessen sollst, in jeder andern Weise bist Du Dein eigener Herr — willigst Du ein?«
»Laß mir Zeit zur Überlegung, Günther,« sagte Felix überrascht, »Dein Antrag kommt so plötzlich — so unerwartet…«
»Hast Du hier noch Verbindlichkeiten?«
»Keine — gestern war mein Monat abgelaufen, und wie ich Dir schon vorher gesagt, überlegte ich mir eben, ob ich den neuen an dieser Stelle antreten solle oder nicht.«
»Und Du gehst mit?«
»Du bist ein wunderlicher Dränger, Freund,« lächelte Felix, »daß Du Dich so eifrig bemühst, Dir eine vielleicht fatale Last aufzubürden.«
»Wenn ich Dir aber nun versichere, daß ich vielleicht weit mehr Egoist als irgend etwas Anderes bin, und Dir möglicher Weise den Vorschlag nur gemacht habe, um mir selber aus einer Verlegenheit zu helfen?«
»So würde ich Dir nicht glauben.«
»Und doch ist dem so. Eigentlich bin ich der Regierung gegenüber noch einige Verbindlichkeiten eingegangen, die Vermessungen in einer andern Colonie zu beenden, und wenn ich mich auch davon losmachen könnte, würde das doch immer mit Schwierigkeiten verbunden sein. Alles regulirt sich aber mit der größten Leichtigkeit, wenn ich Dich als meinen Stellvertreter zurücklassen kann, und während Du selber in eine vortheilhafte Beschäftigung eintrittst, ist uns zu gleicher Zeit Beiden geholfen. — Komm mit!«
»Und hast Du die feste Überzeugung, Günther, daß ich im Stande bin, die Stellung mit Ehren auszufüllen?«
»Ja — ich würde Dir sonst nicht dazu rathen.«
»Topp dann,« rief Felix und schlug in die ihm dargebotene Hand des Freundes — »ich bin der Deine!«
»Und wann kannst Du fertig sein, mich zu begleiten?« fragte Günther.
»Mein Bündel ist in zwei Minuten geschnürt,« lächelte der junge Mann, »und wenn ich von meinem bisherigen »Brodherrn« Abschied genommen habe, bin ich fertig.«
»Desto besser; und nun zum Hause, daß wir das rasch besorgen, denn ich möchte so bald als möglich in Santa Clara sein.«
»In Santa Clara?« rief Felix und sah rasch zu ihm auf; »willst Dudorthinzurück?«
»Fürchtest Du Dich vor dem Platz?« lachte Günther; »die Frau Gräfin hat Dir doch am Ende imponirt.«
»Du hast Recht,« sagte Felix finster — »wen hätte ich zu scheuen? Also vorwärts zu einem neuen Leben — was es auch bringen mag, es soll mich vorbereitet finden!« — Und seinen Hut vom Boden greifend und das lockige Haar aus der Stirn werfend, schritt er dem Freunde voran dem Wohngebäude zu, wo dasjenige, was sie zu thun hatten, allerdings rasch abgemacht war. Nur darauf, daß sie noch bei ihm frühstücken sollten, bestand der Brasilianer, und auf zwei frischen Pferden — da Günther das an der Mündung des Santa Clara geborgte von hier aus wieder zurückschickte — trabten sie bald darauf der Colonie zu.
Der Weg war ziemlich rauh, da sie einen der kleinen Höhenzüge zu passiren hatten, und der Reitpfad steil den Hang hinanlief. Wo sich aber ein kleines Thal oder eine Ebene bildete, lagen auch überall freundliche Wohnungen mit blühenden Orangenhecken und breitblätterigen Bananen, von Palmenwipfeln malerisch überragt, und mitten dazwischen, im Schatten der Fruchtbäume und Palmen, kleine, freundliche, weißangestrichene Häuser mit rothen Ziegeldächern und blanken Fenstern, durch die Sauberkeit der ganzen Umgebung, den kleinen Garten, die Reben am Hause und die schattige Laube deutlich die WohnungdeutscherColonisten verkündend.
Jetzt näherten sie sich der Colonie. Im Wege, der hier oben auf dem Hügelrücken hin von anderen Colonien herüberführte, überholten sie deutsche Fuhrwerke, die sich, von kräftigen Pferden gezogen, mühsam auf der noch immer nicht ganz abgetrockneten Straße durcharbeiteten; auch ein paar Maulthiere mit einem Sacke querüber und einem unverkennbar deutschen Jungen oben drauf.
Hier am Wege trafen sie aber auch die Schneußen, die Günther bei seiner Vermessung durch den Wald gehauen, und einer von diesen folgten sie jetzt, indem sie dadurch nicht allein dem etwas zerfahrenen Wege auswichen, sondern auch ein tüchtiges Stück nach der Colonie zu abschnitten.
In der Schneuße selber mußten sie allerdings hinter einander reiten; bald aber erreichten sie wieder einen betretenen Weg, und hier hielt Felix sein Pferd an und schaute zurück.
»Alle Wetter,« sagte er, »ich glaube wahrhaftig wir haben uns verirrt, denn das hier kann doch nicht der Weg zur Colonie sein!«
»Ein Landmesser und verirren,« lachte Günther, »das wäre nicht übel! — Kennst Du den Platz hier nicht? — Gleich dort drüben liegt die Chagra jenes wunderlichen Menschen, jenes Meier, der sich wie ein Einsiedler in seinem Hause vergraben hat, und das wahre Muster eines Maulwurfs sein muß.«
»Ach richtig, jetzt erinnere ich mich wo wir sind — aber warst Du nie bei ihm?«
»Bei Meier? — ich nie, obgleich ich sein Land sogar vermessen habe; aber er ist nicht ein einziges Mal herausgekommen, um sich die Gränzen anzusehen, und ich selber hatte weder Zeit noch Lust dazu, mich ihm aufzudrängen…«
Günther schwieg und sah die Straße hinauf, die nach dem erwähnten Hause führte; auch Felix wandte den Kopf dorthin, ja selbst die Thiere spitzten die Ohren und schauten nach jener Richtung, denn wildklappernde Hufschläge wurden laut, und im nächsten Moment flog ein reiterloses Pferd, von einem andern, auf dem sich der bügellose Reiter noch krampfhaft festhielt, dicht gefolgt, wie ein Sturmwind an ihnen vorüber, daß sie kaum Zeit behielten, auszuweichen.
»Ein paar durchgegangene Pferde,« rief Günther, der Mühe hatte, das eigene Thier vom Folgen abzuhalten — »ruhig, Alter, mußt Du denn auch alle Dummheiten mitmachen?«
»Das war der junge Baulen,« sagte Felix, ohne auf den Freund weiter zu achten — »und da kommt noch ein Thier — bei Gott, und mit seiner Reiterin!« Und noch während er sprach, sprang er aus dem Sattel, sein Pferd vollkommen rücksichtslos sich selber überlassend.
Er hatte Recht; mit vorgestrecktem Kopf und schnaubenden Nüstern folgte der Schimmel den vorangeeilten Kameraden, und mit flatternden Haaren, das Antlitz marmorbleich, aber keine Spur von Furcht verrathend, saß Helene auf seinem Rücken, und klammerte sich an dem Sattel fest, während das eine Ende des zerrissenen Zügels den Hals des Pferdes peitschte.
»Hab' Acht, Felix,« schrie Günther, der mit Besorgniß sah, wie sich der Freund dem wild heranbrausenden Thiere entgegenwarf — »Du kannst es nicht halten!«
Aber Felix hörte ihn nicht. Der Weg war hier eng, denn das Dickicht an beiden Seiten mit ein paar aus der Bahn geschobenen umgestürzten Bäumen hemmte ihn ein; das durchgehende Pferdkonntenicht ausweichen. Als es aber die mitten im Wege wartende Gestalt des Menschen erblickte, parirte es plötzlich und bäumte in die Höhe. In demselben Moment griff des Unerschrockenen linke Hand in sein Gebiß, und während es zur Seite schreckte, verlor Helene das Gleichgewicht und stürzte in Felix' linken Arm. Allerdings konnte er ihren Fall nicht hindern, denn das Pferd, welches er nicht losließ, riß ihn zur Seite, aber er brach doch die Schwere des Sturzes, so daß das junge Mädchen mehr zu Boden glitt als fiel, und Felix jetzt nur den Schimmel von ihr zurückdrängte, damit sie nicht durch dessen Hufe beschädigt würde.
Aber die Aufregung war zu viel für sie gewesen. So stark und besonnen sie sich bis dahin, trotz des zerrissenen Zügels, im Sattel gehalten hatte, vergingen ihr jetzt die Sinne, und als der ebenfalls abgestiegene Günther hinzusprang, um wo möglich noch Hülfe zu leisten, lag sie ohnmächtig vor ihm im Wege.
Das Ganze war natürlich das Werk nur weniger Secunden gewesen, und noch war Felix mit dem nicht so leicht beruhigten Schimmel beschäftigt, um ihn aus dem Wege zu halten, als Günther schon die ohnmächtige Jungfrau aufgehoben hatte und sie in seinen Armen hielt.
»Und was nun?« rief er halb verlegen, halb lachend; »das ist eine vortreffliche Situation für ein paar Junggesellen! Was fangen wir mit der Ohnmächtigen an? — Hier können wir sie doch nicht liegen lassen!«
Der Schimmel stand endlich; er schnaubte zwar noch und warf den Kopf herüber und hinüber, aber die Gefahr war vorbei, und er wußte, daß er sich wieder in der Gewalt seiner Herren befand. Felix führte ihn ruhig heran und sagte:
»Meier's Haus ist ja, wie Du sagst, dicht bei — da drüben kann ich sogar die Pinie erkennen, die in der Ecke seiner Umzäunung steht — trage die junge Dame dorthin, indessen ich hier den Zügel des Pferdes wieder in Ordnung bringe. In dem Hause findet sie auch weibliche Hülfe und kann später, wenn sie sich erholt hat, in die Colonie zurückkehren.«
»Aber sie werden mich nicht einlassen.«
»Klopf' nur an die Thür; einem solchen Unfall kann der alte Misanthrop sein Haus nicht verschließen!« — Und ohne sich weiter um die Bewußtlose zu kümmern, ja, ohne sie anzusehen, schritt er, den Schimmel noch immer am Gebiß haltend, zu Günther's Pferd, dessen Zaum sein Reiter über einen Ast geworfen hatte, löste den Lasso, der um dessen Hals befestigt war, mit der rechten Hand, und sicherte sich dann den Schimmel, indem er das andere Ende durch den Ring seines unter dem Zaum sitzenden Halfters zog.
Günther war indessen, weil er selber keinen besseren Rath wußte, mit seiner schönen Bürde Meier's Chagra zugeschritten. An der Gartenthür angelangt, hörte er Stimmen im Garten, und mit dem Fuße gegen das Holzwerk tretend, bat er, ihm zu öffnen, da er eine ohnmächtige Dame trage, die Hülfe verlange. Zuerst antwortete Niemand; dann aber auf seine wiederholte Bitte rief eine weibliche Stimme von innen: »Gleich, gleich!« — Der Riegel wurde zurückgeschoben, die Thür ging auf, und Günther sah sich im nächsten Augenblick Könnern und Elisen gegenüber.
Graf Felix indessen, ohne sich weiter darum zu kümmern was aus der jungen Dame wurde, befestigte den Schimmel mit dem Lasso an eine der jungen Palmen, knüpfte den Zügel wieder fest, daß er wenigstens den Ritt hinunter hielt, und schritt dann, da ihm sein eigenes Pferd ebenfalls davon und den anderen nachgelaufen war, zu Fuß in die Colonie hinab.
Eine Viertelstunde mochte er wohl den Platz verlassen haben, als eine klägliche Gestalt denselben Weg herabgehinkt kam, den vorher die Pferde genommen hatten. Es war Herr von Pulteleben, sein Gesicht blutig und mit einigen Rissen, die Dorn oder Stein darauf zurückgelassen, seinen Rock beschmutzt und zerfetzt, und das Gewicht seines Körpers einzig und allein seinem rechten Beine vertrauend.
Er hielt einen Augenblick, als er zu der Stelle kam wo der Schimmel angebunden stand, und schüttelte den Kopf. Er mochte sich wohl nicht recht erklären können, wie der hierher gekommen, und wo die Reiterin geblieben; aber er schien auch nicht in der Stimmung, sich lange bei Vermuthungen aufzuhalten, denn in diesem Zustande konnte er doch Niemandem seine Hülfe anbieten — er sah zu unanständig aus, und mit einem Seufzer seine unteren Kleidungsstücke betrachtend, setzte er sehr betrübt seinen Weg nach der Colonie fort.
Könnern verbrachte eine unruhige Nacht. Nicht etwa, daß Sarno's Warnung irgend einen Zweifel in seiner Brust wachgerufen oder seinen Entschluß erschüttert hätte, aber die Aufregung, daß sich mit dem morgenden Tage sein Schicksal entscheiden sollte, ließ ihn nicht schlafen, und erst gegen Morgen fielen ihm die müden Augen zu, nur um einer Masse von tollen und abenteuerlichen Traumbildern Raum zu geben. Mit Sonnenaufgang war er auch schon wieder munter und konnte die Zeit jetzt nicht erwarten, wo er Elise endlich sehen und sprechen würde; denn heute, das hatte er sich fest vorgenommen, ließ er sich von dem Alten nicht abweisen, mochte daraus werden was da wollte.
Vor zehn Uhr durfte er aber keinesfalls hinüber; selbst das schien ihm noch eine etwas frühe Stunde, aber seine Ungeduld ertrug eben nicht mehr, und mit dem Schlage Zehn sprang er auf das schon fertig gesattelte Pferd und trabte lustig der Richtung nach Meier's Chagra zu.
Dicht vor der Colonie überholte ihn eine kleine Cavalcade von Reitern, die mit ihm denselben Weg ritten, und an der jungen, reizenden Dame, die den Zug führte, erkannte er bald die Gesellschaft. Er war aber heute Morgen nicht dazu aufgelegt, irgend eine neue Bekanntschaft anzuknüpfen, hielt deshalb sein Pferd an, grüßte und ließ die Drei an sich vorbei passiren, die dann auch bald in den Büschen verschwanden, welche bis zum Fuße der nächsten Hügel herabliefen.
Da die drei Reiter übrigens mit ihm einen und denselben Weg verfolgten, beeilte er sich nicht mehr so sehr; er wollte gern vermeiden, mit ihnen wieder zusammenzutreffen, und ließ sein Pferd erst wieder austraben, als er sich der Chagra näherte. Dort führte er es seitwärts auf einem schmalen Kuhpfade in den Wald, band es fest und setzte nun von hier ab seinen Weg zu Fuß fort.
Und wie ihm das Herz schlug! Als ob er ein Verbrechen begangen hätte und jeden Augenblick Entdeckung fürchtete, so schlich er auf dem Wege dahin und sah scheu hinauf und hinab, ob Niemand käme, der ihn stören könnte. Und mit dieser Angst auf dem Herzen sollte er dem alten Mann entgegentreten und ihn um die Hand seiner Tochter bitten? Er wagte es nicht, und zweimal war er an der Thür und hob den Arm, und zweimal schlich er zurück in den dichten Busch hinein, um sich erst wieder zu sammeln und das zu überdenken, was er Elisens Vater sagen wollte.
Das zweite Mal war er der Hecke nahe gekommen, welche den Garten umschloß, unfern von da, wo er an jenem Morgen Elisens Citherspiel gelauscht und ihr zuletzt die beiden Waldhühner hinüber geworfen; und überdachte er sich jetzt, daß er das Mädchen seit der ganzen langen Zeit nicht ein einziges Mal wieder gesehen, ja, daß er eigentlich nicht einmal einen einzigen bestimmten Grund für sich anzugeben vermochte, nach dem er sicher schließen konnte, sie sei ihm gut, so kam ihm seine ganze Werbung eigentlich wie halber Wahnsinn vor, und er stand sogar auf dem Punkte, sie vollständig aufzugeben.
Was wußte sie denn von ihm? Was konnte sie von ihm wissen, das ihm ein Recht gab, sie für sich zu fordern? Wenn sie ihm nun geradezu in's Gesicht lachte, wenn sie ihm sagte — — da drangen wieder die weichen Töne der Cither heraus an sein Ohr, undihreStimme war es, welche sie begleitete.Wassie sang oder spielte, er hörte es nicht mehr; die Leidenschaft der ersten heißen Liebe hatte ihn übermannt, und kaum sich dessen klar was er selber that, kletterte er im nächsten Augenblicke schon an einer der dünnen, schlanken Palmen nächst der Hecke empor, schwang sich dort hinauf, ergriff den überhängenden Zweig eines im inneren Garten stehenden größeren Baumes, welcher sich unter seinem Gewichte bog und langsam brach, und stand nur wenige Secunden später im Garten selber, und kaum fünfzig Schritte von der Stelle entfernt, an der Elise mit ihrem Instrumente im Schatten eines breitästigen Mandelbaumes saß.
Das junge Mädchen hatte aber ebenfalls das Brechen und Rauschen in den Zweigen gehört und den Kopf dorthin gewandt, und sprang erschreckt empor, als sie die Gestalt eines Fremden bemerkte, welcher also gewaltsam in ihr Heiligthum brach. Aber es war nur ein Augenblick; bald erkannte sie den Eindringling, und zitternd stand sie neben ihrem kleinen Tische, als Könnern rasch auf sie zuging und wenige Schritte vor ihr mit achtungsvollem Gruße stehen blieb.
»Mein Fräulein,« sagte er, noch immer halb verlegen, aber doch jetzt schon mit dem festen Entschluß, das nun Begonnene auch wacker durchzuführen — »vor allen Dingen muß ich tausendmal um Entschuldigung bitten, mich auf solche rauhe Weise in Ihre Nähe gedrängt zu haben, aber ich — konnte mir nicht mehr helfen; ichmußteSie sprechen, und da mir Ihr Vater, Gott weiß aus welchem Grunde, hartnäckig den Zutritt zu Ihnen weigerte, nahm ich endlich meine Zuflucht zu einem verzweifelten Mittel und — hier bin ich jetzt.«
»Ich weiß nicht,« stammelte Elise in schüchterner Verlegenheit, während sich der purpurne Strom über ihre Wangen und ihren Nacken ergoß und ihren Zügen einen noch viel höheren Liebreiz gab — »ich weiß in der That nicht, weshalb Vater — Sie müssen ihn entschuldigen — er — er ist kränklich, und in der — in der letzten Zeit besonders so leidend gewesen, daß er sich scheu vor allen, selbst den ihm liebsten Menschen zurückgezogen hat.«
»Ich zürne ihm nicht, liebes Fräulein,« sagte Könnern herzlich — »welches Recht hätte ich auch, Etwas von ihm zu verlangen, was er allen übrigen Menschen eben so gut verweigert: den Zutritt zu seinem Hause — und dennoch bin ich hier« — setzte er leise und zögernd hinzu, während auch seine Züge jetzt ein leichtes Roth färbte — »dennoch habe ich den Bann gebrochen, der auf dem Platze liegt, und — vielleicht Unrecht damit gethan, aber ich konnte mir nicht helfen, Elise,« fuhr er leidenschaftlich fort — »ich mußteSiesprechen, ichmußteIhnen sagen, daß, seit ich Sie zum ersten Male gesehen und gesprochen, nur der Eine Gedanke mich erfüllt hat, Tag und Nacht —Sie— mußte Ihnen sagen, daß ich mir kein Leben länger denken kann fern von Ihnen, und mir die Entscheidung meines künftigen Schicksals von Ihren eigenen Lippen holen.«
»Herr Könnern!« sagte Elise erschreckt, und jeder Blutstropfen verließ in dem Augenblick ihre Züge.
»Sie haben Recht,« sagte Könnern abwehrend — »es war ein tollkühner Schritt — ein Schritt, der in dieser Weise kaum auf Erfolg rechnen konnte, und erst jetzt, wo ich vor Ihnen stehe, wo es zu spät ist ihn zurück zu thun, fühle ich das Ungehörige desselben in seiner ganzen Schwere. Aber sein Sie auch versichert, Elise, daß ich ihn nicht ganz leichtsinnig gethan, daß ich mir vorher erst ganz klar geworden, ob ich, was mich selber betraf, die Verantwortung übernehmen konnte, Sie aus Ihrem elterlichen Hause zu führen. Meine gesellschaftliche Stellung im Leben ist eine ehrenvolle; ich besitze Vermögen genug, der Zukunft sorgenfrei in's Auge zu schauen, selbst wenn ich nicht mehr die Kraft in mir fühlte, mich durch meine Kunst zu erhalten. — Aber das Alles sind Eigenschaften, welche nur die Existenz selber — nicht das Herz berühren, und ich hatte nicht bedacht, daß Siemichja noch gar nicht kennen, daß Sie also auch kein Vertrauen zu mir haben können, ob ich es wirklich so ehrlich und treu meine, wie meine Worte sagen.«
Elise athmete kaum. Der Blick, den sie im Anfange schüchtern zu ihm aufgehoben, hatte schon lange den Boden wieder gesucht, und wenn sich auch ihre Lippen ein paar Mal theilten, als ob sie irgend Etwas erwiedern wollte, wurde doch keine Silbe laut. Auch Könnern schwieg jetzt und Beide standen einander stumm, in peinlicher Pause gegenüber. Da nahm Könnern das Wort wieder auf und sagte leise:
»Sie haben Recht, Elise — die tolle Frage bedarf keiner Antwort. Lassen Sie mich gehen und als einzige Erinnerung Ihr liebes Bild im Herzen mit forttragen für die weite, öde Welt. Nur um das Eine bitte ich Sie, recht aus Grund meiner tiefsten Seele,zürnenSie mir nicht. Vergessen Sie, daß ich leichtsinnig und unüberlegt gehandelt, und denken Sie, daß ich fortan nur ein einsamer, armer Wandersmann sein werde, der — so fortfahren wird die Welt zu durchziehen, wie er begonnen, weil er eben — nirgends Ruhe finden kann. Leben Sie wohl, Elise — ich werde Ihnen nie wieder störend in den Weg treten und — Gottes reichster Segen über Sie!«
Mit den Worten nahm er ihre Hand, welche sie ihm willenlos überließ, drückte einen innigen Kuß darauf, ließ sie los und wandte sich rasch ab, um den Garten wieder zu verlassen.
»Könnern,« rief da Elise mit leiser, zitternder Stimme — »gehen Sie nicht so!«
»Elise — darf ich glauben, daß Sie mir nicht zürnen?« bat der junge Mann, welcher sich ihr bei dem Laute rasch wieder zudrehte.
»Zürnen?« flüsterte das junge Mädchen, den Kopf traurig zu Boden gesenkt — »zürnen?wiederholte sie, »wo es das erste Freundeswort ist, das ich seit langen, langen Jahren gehört? Gehen Sie, Könnern, gehen Sie in Ihre Welt hinein, welche ich nicht kenne — welche ich nie kennen soll, aber nehmen Sie die Versicherung mit, daß Sie einer Unglücklichen einen lieben, lieben Trost gebracht, daß Sie ihr einen Augenblick des Glückes geschaffen haben, an dem sie, mag er so kurz gewesen sein wie er will, noch lange Jahre freudig zehren wird. Gehen Sie, Könnern, mein Vater wird mir nie erlauben, mich von ihm zu trennen — er könnte auch nicht ohne mich leben, aber denken auch Sie manchmal freundlich eines armen Mädchens, das….«
Könnern hielt sich nicht länger. Mit frohlockendem Herzen hatte er den Worten des lieben Kindes gelauscht — die Hindernisse, welche sie ihm in den Weg warf, er achtete ihrer nicht, er hörte sie kaum, und jetzt rasch zu ihr zurückkehrend, rief er jubelnd aus:
»Elise —meineElise — Du bist mir gut? Du zürnest nicht dem kecken Fremden, der es wagte, an Dein Herz zu pochen, Du läßt mich hoffen, daß ich Dich gewinnen kann? O, nun ist Alles gut, Alles gewonnen, denn der Vater wird und muß Dich mir geben. O, wenn ich Dir jetzt nur mit Worten sagen könnte, wie herzlich ich Dich liebe; wie all mein Sehnen und Trachten, all' meine Gedanken die ganze lange Zeit, in der wir uns nicht gesehen, gesprochen, nur Dir gehört, nur Dein gedacht! Sieh mich an, Elise, o, laß mich in Deinen lieben treuen Augen das Glück auch lesen, das Du mir mit Deinen herzlichen Worten gegeben, laß mich darin die Bestätigung finden, daß ich nicht mehr allein stehe auf der Welt und ein Herz gefunden habe, das mein sein will in Lust und Leid, in Sorge und in Glück.«
Elise schlug das thränengefüllte Auge zu ihm auf und lehnte ihr Haupt dann schwer und seufzend an seine Brust.
»Es kann nicht sein,« flüsterte sie — »ich darf nicht glücklich werden — werd' es nicht!«
»Du wirst es — mit diesem Kusse gewinn' ich Dich zur Braut, und wie mich Gott verlassen soll in meiner letzten Stunde, wenn ich je von Dir lasse, so vertraue auch mir! Leg' Dein Geschick getrost in meine Hände, und steht uns auch noch eine Prüfung bevor, sollten uns auch noch Hindernisse in den Weg treten, laß Dich nicht entmuthigen. Was es auch sei, wir werden's überwinden, und wie ich jetzt mein ganzes Leben Dir zu eigen gebe, so sei versichert, daß Dein künftiges Glück in guten und treuen Händen ist.«
»Und wenn uns der Vater trennt?«
»Er kann, er darf es nicht, Herz,« sagte Könnern, wieder und wieder ihre Stirn küssend, denn sie hielt das Antlitz noch fest an seiner Brust geborgen — »er wird auch in der Kinder Glück das eigene wieder finden, wieder vergessen lernen, was ihm die Welt vielleicht zu Leid gethan, und so nur können wir auch ihn dem Leben wieder gewinnen, dem er jetzt ja fast vollständig entsagt. Fürchtest Du Dichnoch?«
»In Deiner Nähe nicht,« flüsterte die Jungfrau — »hier an Deiner Brust ist mir wohl — o, so möcht' ich sterben. Wenn ich aber weiter denke — wenn ich glauben muß, daß uns ein böses Geschick je wieder trennt — o, gehe nicht von mir,« bat sie, ihn leidenschaftlich umschlingend — »laß mich nicht wieder allein, denn jetzt erst, in diesem Augenblicke erst fühl' ich, was ich mein ganzes Leben lang entbehrt — Liebe! — Liebe! — Liebe!«
Ein lindernder Thränenstrom machte ihrem Herzen Luft, und zitternd, weinend lag sie lange in Könnern's Armen. Endlich rang sie sich gewaltsam von ihm los, und ihre Thränen trocknend, sagte sie, mit einem gar so lieben wehmüthigen Lächeln zu ihm aufschauend:
»Bin ich nicht ein Kind, daß ich dem ersten Glück entgegenweine — und doch — der Allwissende dort oben sieht es — trage ich es mit bitter schwerem Herzen — o, Bernard, willst Du michnievergessen, wenn uns auch — das Schicksal wieder auseinander reißt?«
»Nie, nie soll das Eine noch das Andere geschehen!« rief leidenschaftlich der junge Mann — »und jetzt banne die trüben Gedanken aus Deiner Seele, Du süßes Lieb — oder« — fuhr er leise flüsternd und lächelnd fort — »soll ich Dich daran erinnern, daß Du — Dein Vielliebchen gefunden hast? Wie hieß doch der letzte Vers, Schelm?«
Elise barg das erröthende Antlitz wieder an seine Brust und sagte:
»Wie Du mich damals erschreckt hast!«
»Und Du wußtest, von wem es kam?«
Sie antwortete nicht, aber er fühlte, wie sie leise mit dem Kopfe nickte und sich dem Versuche hartnäckig widersetzte, ihr Antlitz zu dem seinen emporzuheben.
»Du wußtest, was es bedeutete?« flüsterte er so leise, daß sie die Worte kaum verstand, und wieder nickte sie und schmiegte sich fester an ihn — und, o der Seligkeit dieser Stunde, in der sich zwei Herzen fanden und verstanden und des reinen Glückes inne wurden, nur in sich selber Eins zu sein! Was kümmerte sie auch jetzt die Außenwelt, was Sorge und Gefahr der nächsten Stunde? Könnern's muthiges Herz setzte sich leicht darüber weg und Elise selbst war zu selig, um nicht dem Augenblicke auch sein Recht zu gönnen.
Könnern führte die Geliebte jetzt zu der kleinen Bank unter dem Mandelbaume, vor welchem ihr Cithertisch stand, und Hand in Hand, Auge in Auge saßen die jungen Leute und plauderten und fanden des Himmels Seligkeit in der Liebe Glück.
Da tönte vom Hause her ein kleines Horn, und erschreckt fuhr Elise empor. Das war das Zeichen zum Frühstück, und sie mußte fort aus dem Garten.
»Die Mutter ruft,« sagte sie ängstlich — »ich darf nicht länger säumen, und — großer Gott, es ist so spät geworden und der Vater jetzt auch schon im Garten — wenn er Dich sieht….«
»Fürchtest Du Dich, Elise? Fürchtest Du Dich an meiner Seite,« sagte Könnern herzlich — »und haben wir denn etwas Böses gethan, daß wir den Blick der Eltern zu scheuen hätten? Offen will ich vor sie treten — jetzt, in diesem Augenblick, nicht im Geheimen mag ich zu ihrem Kinde schleichen und mir dessen Liebe stehlen, wie ein unrecht Gut! Nein, ich habe sie mir ehrlich gewonnen und will sie ehrlich wahren, als meinen höchsten und theuersten Schatz.«
»Aber der Vater….«
»Früher oder später müßte er doch wissen, daß wir einander angehören wollen für das ganze Leben; weshalb dann eine Zeit in Angst und Sorge verleben, die nur dem reinsten Glück gehören sollte? Glaube mir, mein süßes Herz, Dein Vater ist lange nicht so schlimm, wie Du zu denken scheinst. Auch er hat einst mit treuer Liebe um Deine Mutter geworben, undderZeit mag er gedenken, wenn ich vor ihn trete. Außerdem stehe ich selbstständig in der Welt, und der Director Sarno, welcher meine Familie genau kennt, mag ihm bezeugen, daß er um die Zukunft seiner Tochter nicht besorgt zu sein braucht. Fürchtest Du noch, daß er Dich mir verweigern wird?«
»Ja,« hauchte Elise, während ihre Züge wieder erbleichten — »trotz alle dem; Du kennst den Vater nicht.«
»Und Deine Mutter?«
Elise stand unschlüssig vor ihm, den Blick zu Boden gesenkt. Endlich schlug sie die treuen Augen zu ihm auf und sagte mit einem gar so rührenden Blick voll Vertrauen und Liebe:
»So geh' zu ihm, Bernard — sprich mit ihm — ich vertraue Dir ganz! Wie Dir mein Herz von jetzt allein gehört, will ich mich auch vonDeinemHerzen leiten lassen. Ich fühle Du hast Recht; wir dürfen kein Geheimniß vor den Eltern haben — ich wenigstens nicht, nach Allem, was sie schon für mich gethan. Gehe zu ihnen und Gott möge des Vaters Sinn lenken, daß er das Glück des Kindes, zum ersten Mal wo es in seine Hand gelegt, nicht selbst zerstört. Aber noch Eins, Bernard,« fuhr sie fort, als er sie mit sich dem Hause zu ziehen wollte — »wasauch der Vater beschließt — wie auch sein Urtheil lautet — und wenn mein eigen Herz darüber brechen müßte — ich kann und darf nicht ungehorsam sein.«
»Elise!«
»Ich bleibe Dir treu,« bat die Jungfrau — »nie wird sich diese Hand in eines andern Mannes Rechte legen, aber wenn mich des Vaters Gebot an seine Seite zwingt, so werd' ich bleiben, was auch mit mir geschehe.«
»Es sei,« sagte Könnern nach einer kurzen, peinlichen Pause — »wie leicht ich aber auch vorher, als ich mich Deiner Liebe versichert wußte, dem entscheidenden Schritt entgegen ging, so schwer gehe ich jetzt, wo ich fürchten muß Dich wieder zu verlieren, in demselben Augenblick, wo ich Dich mein auf immer geglaubt. Aber die erste Bitte kann und will ich Dir nicht abschlagen — ich fühle, daß ich Dich nicht zwingen darf, wenn ich damit nicht Deinen Frieden für spätere Zeiten zerstören sollte. Ich will alleinDeinGlück — und daß ich nurdaswill, kann ich Dir jetzt beweisen.«
»Ach, Bernard,« sagte das junge Mädchen traurig — »nur an Deiner Seite find' ich das, und gehst Du von mir, ist es doch vorbei — aber trotzdem danke ich Dir — danke ich Dir recht von Herzen für Deine Liebe, welche Du mir jetzt stärker als vorher gezeigt — und nun zum Vater, daß wir unsere Bitten dort vereinen.«
Schon vor einiger Zeit hatten sie draußen vor dem Garten wildes Pferdegestampfe und Stimmen gehört, aber, zu sehr mit sich selber beschäftigt, nicht weiter darauf geachtet. Jetzt eben hatte sich das wiederholt, und sie blieben horchend stehen. Könnern dachte an sein eigenes Pferd, ob sich das vielleicht losgerissen haben könnte, aber das war fest und sicher angebunden — vielleicht waren es trunkene Colonisten, die hier dem Städtchen zujagten — was kümmerte es sie — Seite an Seite, Könnern seinen rechten Arm um der Geliebtem Schulter geschlagen, schritten sie langsam den Kiesweg an der Hecke entlang hin, welcher dem Hause zuführte. Kaum aber waren sie in der Nähe der Thür angelangt, die hinaus in's Freie führte und stets sorgfältig verriegelt gehalten wurde, als ein paar heftige Stöße dagegen erfolgten und eine Stimme draußen, welche Könnern bekannt schien, um Einlaß bat.
»Was ist das?« sagte Elise, ängstlich seinen Arm ergreifend — »wir dürfen nicht öffnen.«
»Es ist ein Unglück geschehen!« rief Könnern »sollen wir nicht nachsehen?«
»Ein Unglück?« wiederholte das junge Mädchen erschreckt.
»Ich halte eine Ohnmächtige hier im Arme!« rief da Günther's Stimme wieder — »wollt Ihr sie hier im Wege sterben lassen?«
»Eine Ohnmächtige?! Gleich, gleich!« rief Elise, jede weitere Furcht bei Seite setzend — »der dürfen wir ja doch unsere Hülfe nicht versagen« — und zu der Thür springend, schob sie die beiden großen Riegel zurück. Könnern drückte zugleich das breite Schloß auf, das nach außen keine Klinke hatte, und sah erstaunt den Freund mit seiner Bürde.
»Günther!« rief er überrascht aus — »Sie hier und mit einer Dame im Arm?«
»Ich könnte, glaub' ich, so ziemlich dieselbe Frage an Sie richten, Könnern,« lachte der Freund, »wenn wir jetzt Zeit zur Unterhaltung hätten, aber die Arme sind mir schon erlahmt — mein Fräulein, dürft' ich Sie bitten, sich der armen Dame anzunehmen?«
»O, das Haus ist nur wenige Schritte von hier entfernt,« rief Elise, welche mit gefalteten Händen vor der bleichen Fremden stand — »ach, das bildschöne, unglückliche Kind — kommen Sie rasch mit mir, dort ist Alles was ihr Hülfe bringen kann« — und mit flüchtigen Schritten flog sie ihnen voran, den Gang hinauf. Könnern hatte indessen, dem Freunde die Last zu erleichtern, den Oberkörper der Bewußtlosen in seinen Arm genommen, so daß sie rasch der Jungfrau folgen konnten, und unterwegs erzählte ihm Günther mit kurzen Worten, was draußen vor dem Garten geschehen.
Jetzt hatten sie das Haus erreicht, und stiegen die wenigen Stufen zu dem untern Gartensaale hinauf — die Mutter war schon durch ein paar flüchtige Worte Elisens von dem Unfall unterrichtet und in ihr Zimmer gegangen, englisches Salz zu holen — nur Elise erwartete sie am Eingang, und die beiden Freunde legten die Ohnmächtige jetzt auf das an der entgegengesetzten Wand stehende Sopha.
Günther hatte ihre Kleider etwas geordnet, und richtete sich eben auf, als die Thür links geöffnet wurde, und Meier eilig hereintrat.
»Was geht denn hier vor?« rief er bestürzt — »was ist geschehen? Das ist ja ein Lärm« — sein Auge begegnete Günther's fest und erstaunt auf ihm haftenden Blick, und Könnern, welcher sich eben bei ihm entschuldigen wollte, bemerkte zu seinem Erstaunen, daß der alte Mann zurückschrak, als ob er einen Geist gesehen hätte.
Noch standen sie sich so gegenüber, während Elise mit der Bewußtlosen beschäftigt war und ihr das Kleid zu öffnen suchte, als die andere Thür aufging, und Elisens Mutter mit dem herbeigeholten Fläschchen eintrat — nur Einen Blick aber warf sie auf die Gruppe der beiden Männer, als auch das Flacon ihrer zitternden Hand entfiel.
»Mutter, liebe, beste Mutter!« rief Elise, zu dieser springend — »es ist Nichts — nur eine Ohnmacht — sie schlägt die Augen schon wieder auf.«
»HerrSellbach!« sagte Günther mit ruhiger, kalter Stimme — »ich hatte allerdings keine Ahnung, daß wir so lange schon nahe Nachbarn gewesen waren, und kann dem Zufall nicht genug danken, der uns hier zusammenführt.«
Der alte Mann stand wie zu Stein erstarrt — seine Lippen hatten sich getheilt, aber er sprach kein Wort; seine Augen, vor denen er heute nicht die blaue Brille trug, schienen aus ihren Höhlen drängen zu wollen, und die beiden Arme hielt er wie abwehrend vorgestreckt.
»Sie kommt zu sich!« rief Elise, welche das ihr entgegengerollte Flacon aufgehoben und der Kranken vorgehalten hatte — »Gott sei Dank! Beruhige Dich, liebe Mutter, und Vater« — sie wandte sich, während sie sprach, dem Vater zu und stieß einen Angstschrei aus, als sie den Zustand sah, in welchem er dem Fremden gegenüber stand.
»Vater!« rief sie — »lieber, bester Vater — um des barmherzigen Gottes willen, was ist geschehen?« und in Windeseile war sie an seiner Seite und umschlang ihn mit ihren Armen. Erst die Berührung schien den Zauber zu lösen, von dem er befangen war. — »O, mein Gott!« stöhnte er — »endlich! endlich!« und wäre jetzt zu Boden gesunken, hätte ihn die Tochter nicht in ihren Armen gehalten und zu dem nächsten Stuhl geführt, in den er, in einander gebrochen, zusammensank.
»Um Gottes willen, was geht hier vor?« rief Könnern, des Freundes Arm ergreifend — »welch' Geheimniß lagert zwischen Euch?«
»Hier ist jetzt weder Platz noch Zeit, das zu erklären,« drängte Günther — »das Fräulein richtet sich auf und — braucht eben nicht zur Mitwisserin gemacht zu werden. Bitten Sie die junge Dame, daß sie die Fremde in ihr Zimmer führt, bis sie sich vollständig erholt hat und das Haus verlassen kann. Wir werden draußen auf sie warten, um sie sicher nach Hause zu geleiten.«
»Aber ich begreife gar nicht!«
»Thun Sie, wie ich Ihnen sage. Alles Andere nachher.«
»Aber wir können die Familie doch nicht jetzt, nicht in diesem Zustande verlassen?«
»Wir können ihr keinen größeren Gefallen thun. Folgen Sie mir nur dieses Mal, Könnern — des jungen Mädchens wegen, wenn Sie sonst nicht wollen!«
Helenens starke Natur hatte indessen vollständig die augenblickliche Schwäche abgeschüttelt. Möglich, daß sie beim Sturze doch vielleicht mit dem Kopf auf einen Stein getroffen und davon nur betäubt gewesen war; aber sie richtete sich empor und sah erstaunt auf ihre Umgebung. Günther, der in diesem Augenblick für Alle zu denken schien, benutzte den günstigen Augenblick, und auf sie zutretend, bot er ihr seinen Arm.
»Ich sehe zu meiner Freude, daß Sie sich erholt haben, Comtesse; erlauben Sie mir, Sie an die frische Luft zu führen, die wird Ihnen wohler thun, als alle Medicamente der Welt.« Leise setzte er dann hinzu: »Die alten Leute sind außer sich über Ihre Ohnmacht, die sie für weit gefährlicher hielten als sie war. Zeigen Sie sich kräftig, daß wir sie beruhigen.«
»Ichbinkräftig,« sagte das junge Mädchen, aber ich begreife nur nicht wo ich bin, wie ich hierher gekommen.«
»Ich erzähle Ihnen die Geschichte unterwegs,« lachte Günther, ihren Arm ohne weitere Umstände in den seinen ziehend. »Könnern, thun Sie mir den Gefallen, und sehen Sie draußen nach dem Pferd, daß kein weiteres Unglück geschieht — Sie können ja dann zurückkehren, wenn Sie wollen,« flüsterte er ihm zu.
Könnern war wie betäubt. Er sah wohl, daß etwas Außergewöhnliches — etwas Furchtbares hier vorgegangen sei, aber er begriff nicht was; Elise war dazu, ohne auch nur weiter seiner zu achten, mit dem Vater beschäftigt, und ehe er selber zu einem recht klaren Bewußtsein gekommen war, hatte Günther, während er an dem rechten Arme Helenen führte, mit der Linken ihn ergriffen, und zog den keinen Widerstand mehr Versuchenden mit sich hinaus in's Freie, durch den Garten und auf die Straße, wo er ohne Weiteres die Thür hinter sich in's Schloß warf, und ihnen dadurch Allen den Rückzug vollkommen abschnitt.
Hier aber half ihnen Helenens Bruder aus der augenblicklichen Verlegenheit, was sie mit der jungen Dame anfangen sollten. Als sie auf den Weg hinaustraten, kam er, da er indeß seines Pferdes wieder Herr geworden, zurückgesprengt, um die Schwester zu suchen.
Allerdings fürchtete Könnern, daß sie sich noch nicht allein im Sattel halten könne, und bat sie, das Pferd, welches noch an dem Lasso befestigt stand, lieber zur Stadt führen zu lassen. Helene schlug das aber lächelnd aus.
»Ich bin an derlei Abenteuer gewöhnt,« sagte sie freundlich; »nur Eins beunruhigt mich: so ganz ohne einen Dank von der Familie zu scheiden, die mir so gütige Hülfe geleistet, und die ich dafür so erschreckt und gestört habe.«
»Ich werde Sie entschuldigen,« wehrte Günther ab, »und Sie können ihr immer später einen Besuch abstatten. Jetzt halte ich es selber für besser, daß Sie so rasch als möglich nach Hause zurückkehren und sich dort erst vollständig ausruhen. Die Folgen eines solchen Zufalls fühlt man gewöhnlich erst später, und es ist immer besser, sich etwas vorzusehen.«
Günther setzte seinen Willen durch. Könnern holte den Schimmel; der Stamm eines umgestürzten Baumes machte es ihr leicht, in den Sattel zu kommen — und bald hielt sie den Zügel wieder fest in der Hand.
Von dem Moment an aber, als sie wieder die Straße betreten, hatte Helene, als ob sie Jemanden suche, auf und ab gesehen, und selbst ihr Bruder, der jetzt neben ihr hielt, bemerkte dies.
»Suchst Du Freund Pulteleben?« fragte er lachend; »dem bin ich vorher in einem traurigen Zustand zu Fuß begegnet, und ihn selber hat der Rappe bös zwischen Dornen und Geröll abgesetzt. Wenn er es hindern könnte, ließ er sich gewiß vor keinem Menschen sehen, ehe er frische Toilette gemacht hat; er ist bitterböse zugerichtet.«
»War nicht noch ein anderer Herr mit Ihnen?« wandte sich Helene aber an den noch neben ihr stehenden Günther, ohne die Leidensgeschichte von Pulteleben's weiter zu beachten — »derselbe — wenn ich nicht irre — der sich meinem Pferd entgegenwarf?«
»Allerdings,« erwiederte der Gefragte — »sein eigenes Thier war ihm aber indeß davongelaufen, und er wird wohl nachgegangen sein, um es zu suchen.«
»Ich bin Ihnen zu vielem Dank verpflichtet!« sagte das junge schöne Mädchen herzlich.
»Mir nicht im Geringsten,« wehrte Günther lächelnd ab; »ich habe kein Verdienst, als daß ich Sie in's Haus getragen habe, und das — trug schon seine eigene Belohnung in sich selbst.«
Helene erröthete, aber sagte freundlich: »Und darf ich hoffen Sie wiederzusehen, wenn Sie hier auf frischer That meinen Dank verschmähen?«
»Wenn Sie mir erlauben, werde ich sicher morgen bei Ihnen nachfragen, ob der kleine Unfall, wie ich fest hoffe, keine weiteren nachtheiligen Folgen für Sie gehabt.«
»Und« — sagte Helene, aber sie hielt das Wort zurück, neigte sich gegen die beiden Freunde und rief: »Auf Wiedersehen denn!« als der Schimmel schon den Druck ihrer Hacken fühlte und mit ihr in scharfem Trab der Colonie zuflog. Oskar hielt sich an ihrer Seite, und Günther nahm Könnern's Arm, und führte den, wenn auch im Anfang Widerstrebenden trotz seinem Sträuben mit sich die Straße hinab, die Jene vorangeritten waren.
Könnern folgte dem Freunde wie in einem halben Traume. Die letzten Scenen waren so rasch auf einander gefolgt, daß er sie kaum von einander zu scheiden vermochte, und des Freundes sonderbares Betragen mußte noch mehr dazu beitragen ihn zu verwirren. Dieser sollte ihm aber jetzt Rede stehen, denn er fühlte daß Elise in diesem Augenblick seiner Hülfe bedurfte, und ermußtewissen, weshalb Günther so darauf drang, sie gerade jetzt sich selber zu überlassen.
Mit diesem Entschlusse stehen bleibend, hielt er Günther's Arm und sagte vorerst: »Nicht einen Schritt weiter geh' ich mit Ihnen, bis Sie mir Ihr Betragen erklären, Günther, bis Sie mir das Geheimniß lichten, das Sie und jenen alten Mann verbindet.«
»Glauben Sie, daß ich es gut mit Ihnen meine, Könnern?« fragte Günther herzlich, der Beantwortung der Frage für jetzt noch ausweichend.
»Ja, das glaube ich fest.«
»Gut, dann folgen Sie mir auch jetzt in die Colonie. Wir müssen Beide mit einander berathen, was zu thun, und ehe das nicht geschehen, dürfen Sie jenes Mannes Haus nicht betreten.«
»Nicht betreten?«
»Nein — doch Sie sollen Alles hören — nur zuerst beantwortenSiemir eine Frage: Wie stehen Sie mit jenem jungen Mädchen? Glauben Sie um Gottes willen nicht, daß es bloße Neugier sei!«
»Sie brauchen keine Entschuldigung und ich kein Geheimniß für einen ehrlichen Handel,« sagte Könnern erröthend. »Ich liebe Elisen von ganzer Seele — heute Morgen habe ich ihr das Geständniß meiner Liebe abgelegt und bin ihrer Gegenliebe sicher — wir waren auf dem Wege zum Hause, um die Einwilligung ihrer Eltern einzuholen, als Sie an die Thür klopften.«
»So haben Sie mit Elisens Eltern noch nicht gesprochen?« rief Günther rasch.
»Mißdeuten Sie meine Worte nicht, Günther,« erwiederte Könnern ruhig — »welcher Art auch Ihr Geheimniß sei, ich halte mich fest gebunden an das Mädchen, dem ich mit Leib und Leben zugehöre!«
Günther seufzte tief auf und schwieg für wenige Augenblicke; endlich sagte er herzlich: »Sie haben mir einfach und wahr geantwortet, Bernard, und es soll Sie nicht gereuen. Eben so klar und aufrichtig will ich Ihnen jetzt Alles mittheilen — aber lassen Sie uns zu unseren Pferden gehen;wollenSie nachher unmittelbar zurückkehren, steht es ja immer in Ihrer Macht.«
»Und was wollten Sie mir sagen?« fragte Könnern, der jetzt an des Freundes Seite, ihre Pferde am Zügel führend, langsam den Weg hinabschritt — »Sie müssen begreifen können, in welche Unruhe mich jene eben erlebte Scene versetzt hat.«
»Ich begreife es,« sagte Günther ruhig, »und will dabei so kurz als möglich sein, denn nur die Umrisse meiner Mittheilung haben Interesse für Sie. Erinnern Sie sich noch, daß ich Ihnen früher einmal erzählte, wie ich in Deutschland mein ganzes Vermögen durch den Bankerott eines Kaufmannes verlor?«
»Ich erinnere mich dessen.«
»Eben im Begriffe, zu heirathen, zertrümmerte dieser furchtbare Schlag alle meine Hoffnungen. Meine Braut war arm, ich selber besaß Nichts mehr auf der weiten Welt als meine Kenntnisse, die mich aber in Europa nicht über Wasser gehalten hätten. So nahm ich den Kampf mit dem Leben auf und ging nach Brasilien, um hier von vorn zu beginnen. Wie ich hier gearbeitet habe wissen Sie, und ich stehe jetzt im Begriff, mit meinem erworbenen kleinen Capital nach Deutschland zurückzukehren und mein wackeres Mädchen, das treulich für mich ausgeharrt hat, zu heirathen.«
»Aber was hat das Alles mit jenem alten Mann zu thun?«
»Der Bankerott jenes Banquiers,« sagte Günther finster, »wurde durch die Flucht seines Cassirers herbeigeführt. In jener Zeit, wo fast kein Geschäft sicher war und die Kaufleute Alles einziehen mußten, was sie an Geld ausstehen hatten, nur um ihre Verbindlichkeiten zu decken, entfloh er eines Tages mit der Casse — man behauptet, mit mehr als hunderttausend Thalern — und konnte trotz der größten Mühe, die man sich gab, nicht wieder eingeholt werden. Einige der Gläubiger setzten damals Alles in Bewegung, um wenigstens den Ort zu erfahren, wohin sich der Verbrecher gewandt — es blieb Alles umsonst. Wir kamen allerdings einmal auf eine Spur, die nach Brasilien und sogar in diese Gegend führte, und ein Agent, der jenen Menschen kannte, wurde herüber geschickt, um die genauesten Nachforschungen anzustellen — aber ohne Erfolg. Da endlich heute…«
»Heute?« — wiederholte Könnern und fühlte, daß ihm das Blut wie Eis zum Herzen zurücktrat.
»Heute,« fuhr Günther leise fort — »begegnete ich ihm. Zu fest hatten sich seine Züge meinem Gedächtniß eingeprägt, denn daheim war ich oft in seinem Hause, an seinem Tische gewesen. — Auch er erkannte mich wieder — Sie sahen sein Erschrecken, das Erbleichen der Schuld, die ihm das Antlitz so weiß färbte, wie sie in ihrem Bewußtsein sein Haar gebleicht hat. Hätte es übrigens noch einer Bestätigung bedurft, so lieferte seine Frau dieselbe. Auch sie — die, wie man damals allgemein behauptete, die größte Schuld an ihres Mannes Verbrechen trug, ja ihn dazu allein verleitet haben soll — erkannte mich wieder, und wenn sie auch Beide kaum ahnen,wieelend sie mich damals gemacht haben, trieb doch dieFurchtvor der endlichen Entdeckung das Blut aus ihren Wangen, die Kraft aus ihren Sehnen.«
»Entsetzlich, entsetzlich!« stöhnte Könnern und barg sein Angesicht in den Händen — »und meine arme, arme Elise!«
»Das arme Mädchen dauert mich!« fuhr Günther leise fort — »sie kann auch keine Ahnung von dem Verbrechen haben, denn sie war damals noch ein Kind. Der Schlag wird sie jetzt, mit dem vollen Bewußtsein der Schuld, um so furchtbarer treffen.«
»Und was wollen Sie thun?« fragte Könnern, rasch zu ihm aussehend.
»Ich weiß es selber noch nicht,« erwiederte Günther leise — »das Ganze brach so überraschend schnell herein, daß mir noch gar nicht Zeit geblieben, zu überlegen, zu denken. — Ich — wollte das eigentlich auch mit Ihnen besprechen, Könnern.«
»Mitmir?«
»Gerade mit Ihnen. Der alte Sünder verdient allerdings keine Schonung, denn er hat damals viele Menschen unglücklich gemacht, nicht mich allein — aber des Mädchens wegen die…«
»Und wird Elise dadurch den Schlag weniger furchtbar fühlen, wird sie weniger unglücklich sein?«
»Lassen Sie mir Zeit zum Überlegen,« bat Günther, nachdem sie wieder schweigend eine Zeit lang ihren Weg verfolgt hatten; »lassen Sie mir Zeit zu überdenken, wie sich Alles am Besten richten lasse. Aber Sie müssen selber fühlen daß jetzt, in diesem Augenblick, Ihre Gegenwart da draußen überflüssig war. DerFremdein einem solchen Kreise hätte das Furchtbare der Situation nur noch erhöht, davon ganz abgesehen, daß es für Sie selber peinlich gewesen wäre.«
»Aber die Ungewißheit ihres Schicksals wird jetzt noch so viel entsetzlicher auf den Armen lasten!«
»Das haben sie reichlich verdient,« sagte Günther düster, »und das Schwerste was sie treffen könnte, wöge das Elend das sie gestiftet, noch nicht zum tausendsten Theile auf!«
Könnern seufzte tief und starrte vor sich nieder, als Günther den Arm um seine Schulter legte und sagte:
»Armer Freund — auch Sie sind schwer, schwer getroffen, denn es muß hart, recht hart sein, der Liebe erste Blüthe so geknickt zu sehen!«
»Und glauben Sie, daß ich Elise je verlassen könnte?« rief Könnern, rasch zu ihm aufschauend — »soll das Kind die Schuld der Eltern büßen, dem alttestamentarischen Rachespruche nach? Was würde aus ihr, wenn sie allein stände in der Welt mit dem Gedanken, daß sich selbstdertreulos von ihr abgewandt, dem sie ihr ganzes, reiches Herz zu eigen gab?«
»Das ist schön und edel von Ihnen gedacht,« sagte Günther seufzend; »aber wollen Sie IhreFrauder Bosheit des Leumunds aussetzen, wenn Sie nach Deutschland zurückkehren? Halten Sie die Abstammung Ihrer Frau so geheim Sie wollen, ein unglücklicher Zufall kann sie stets verrathen, und könnten Sie — selbst nur mit dem Bewußtsein solcher Gefahr — Ihres Lebens auch nur einen Augenblick froh werden?«
»Und was kümmertmichdas Urtheil der Menge,« rief Könnern trotzig, »die ja immer nur Freude an dem Unglücke des Nächsten hat?«
»Sie vielleicht nicht, aber glauben Sie, daß Ihre Frau die Verachtung der Gesellschaft ertragen könnte, ohne sich wenigstens unglücklich und elend zu fühlen?«
»Dann kehren wir zurück nach Brasilien!« rief Könnern aus. »Verweigert mir die Heimath das Glück, das ich in ihr genießen könnte, dann hat sie auch kein Recht, meine weitere Liebe zu fordern, und die Fremde mag dann mein Vaterland werden und bleiben. Verlieren Sie kein Wort weiter darüber, Günther — ich weiß, Sie meinen es gut und haben in Ihrer Art vielleicht auch Recht — aber Sie thun mir nur weh und sind nicht im Stande, Etwas an meinem festen Entschlusse zu ändern.«
»Genug davon, mein lieber Könnern,« sagte Günther, ihm die Hand reichend und die seine herzlich drückend; »ich ehre Ihr edles Herz, und diese Stunde wird uns fortan nur fester binden! Vielleicht läßt sich auch Alles noch günstiger gestalten, als wir jetzt glauben. Noch weiß Niemand um das Geheimniß, als wir Beide, denn glücklicher Weise haben wir die Comtesse noch zur rechten Zeit beseitigt. Was aber jetzt geschehen muß, kann hier nicht auf offener Straße besprochen werden — zu übereilen ist außerdem Nichts, und wir wollen Beide die Sache ruhig beschlafen. Morgen sehen wir Alles mit kälterem Blute und können dann ruhig beschließen, was geschehen soll. Hier nähern wir uns überdies auch der Colonie, und es ist besser wir sitzen auf. Der neue Director ist schon angekommen, nicht wahr? Ich sehe da wenigstens seine würdigen Untergebenen, ein paar betrunkene Soldaten, die sich jetzt müßig in der Stadt herumtreiben und Nichts als Unheil anstiften werden.«
»Allerdings — schon vor einigen Tagen, und es ist sogar möglich, daß Sarno heute Abend die Colonie verläßt, um mit dem Dampfer nach Rio hinauf zu fahren. Jedenfalls wird er im Laufe des morgenden Tages abreisen.«
»Dann lassen Sie uns ein wenig rascher austraben,« sagte Günther, »denn ich möchte ihn gern noch sprechen« — und seinem Pferde die Sporen gebend, sprengte er im Galopp die Straße entlang. — Unterwegs sah er sich wohl nach Felix um, denn er hatte sich mit ihm kein Rendez-vous gegeben und wußte gar nicht, wohin er sich heute Abend gewandt haben konnte. Aber Santa Clara war auch nicht so groß, daß er lange nach ihm hätte suchen müssen, und im Laufe des Tages war er ziemlich sicher ihn irgendwo zu treffen.
Sarno fanden sie zu Hause und eifrig mit Packen beschäftigt. Als sie zu ihm in's Zimmer traten, drehte er sich nach Günther um und rief lachend: »Beinahe hätten Sie mich hier gar nicht mehr gefunden. Alle Wetter, die Frau Präsidentin hat Eile gehabt!«
»Wenn Sie meinem Rathe folgen, gehen Siegarnicht,« sagte Günther. »Der Präsident hat kein Recht, Sie so ohne Weiteres, ohne wichtige Gründe Ihres Dienstes zu entlassen. Bleiben Sie hier und schicken Sie mich mit dem Dampfer nach Rio. Ich garantire Ihnen, daß ich einen Gegenbefehl bringe.«
»Ich danke Ihnen, Herr von Schwartzau,« sagte Sarno trocken — »aber ich habe nicht Lust, mich hier mit dem Herrn Director herum zu zanken, nur der unter solchen Umständen sehr zweifelhaften Ehre wegen, Director zu bleiben. Außerdem hat der Herr sich auch gleich eine Abtheilung Soldaten mitgebracht und würde nicht säumen, selbst gewaltsamen Besitz von dem Directionsgebäude zu nehmen.«
»Darauf ließe ich es ankommen.«
»Ich nicht. Mit diesem Präsidenten, oder vielmehr seiner Frau Gemahlin an der Spitze danke ich außerdem für den Posten. Ja, wäredaeine Änderung getroffen, dann von Herzen gern, aber wie die Verhältnisse jetzt stehen,nicht.Ich bin fest entschlossen, mit dem Dampfer nach Rio zu fahren.«
»Gut, dann aber folge ich Ihnen. In kurzer Zeit kann ich meine sämmtlichen Arbeiten hier beendet haben, und dann sprechen wir ein weiteres Wort über diese Präsidialwirthschaft, der unter jeder Bedingung ein Ende gemacht werden muß. Ich habe haarsträubende Dinge in Santa Catharina gehört und Beweise dafür in Händen, mit den achtbarsten Leuten der Insel zu Zeugen. Denen wird die Regierung in Rio ihr Ohr nicht verschließen.«
»Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Bemühungen, aber es wird Nichts helfen,« sagte Sarno achselzuckend — »hier in Brasilien geht nun einmal Alles seinen gewohnten Schlendrian, und nur wer keine schmutzigen Hände scheut, kann sich allein emporarbeiten. Ich passe aber zu derlei Intriguen nicht, und werde ruhig wieder meine Vermessungen beginnen, bei denen ich doch wenigstens nur Arbeit und keinen Ärger habe.«
»Aber Sie bleiben, bis ich komme, in Rio?«
»Ich werde unter fünf oder sechs Wochen nicht von dort wegkommen.«
»Desto besser — dann treffen wir uns jedenfalls. Sie wohnen?«
»Im Hotel Pharoux.«
»Schön; weiter brauche ich Nichts.«
»Und Könnern?« fragte Sarno und sah lächelnd zu seinem jungen Freunde auf — »haben Sie reussirt? Aber zum Henker, Mann, Sie sehen so melancholisch aus! Ich will doch nicht hoffen, daß Sie einen Korb nach Hause bringen?«
»Elise wird mein Weib,« sagte Könnern fest.
»Und dabei schneiden Sie ein Gesicht,« lachte Sarno, »als ob Ihnen das größte Unglück begegnet wäre. Sie haben Etwas auf dem Herzen…«
»Ja« sagte Könnern zögernd — »es ist — Etwas vorgefallen, das mein Glück nicht stört, aber doch hinausschiebt; gestatten Sie mir jedoch, daß ich jetzt noch darüber schweige.«
»Mein lieber, bester Freund!« rief Sarno gutmüthig — »Sie glauben doch um Gottes willen nicht, daß ich Sie habe aushorchen wollen?«
»Sie sollen Alles erfahren, denn ich bin es Ihnen schuldig,« erwiederte Könnern, »aber — ich muß erst selbst mit mir im Klaren sein. Ehe Sie Rio verlassen, sehe ich Sie jedenfalls dort, denn auch mich werden bis dahin meine Geldgeschäfte nöthigen, die Hauptstadt zu besuchen. Wen habe ich denn auch noch in Santa Clara, wenn Sie Beide den Ort verlassen?«
»Dann treffen wir uns also Alle in Rio, und nun kommen Sie her und helfen Sie mir ein Wenig mit packen, daß ich die verwünschten Kisten und Koffer in Ordnung kriege. Das weiß der Böse, was man für eine Quantität Gepäck zusammenbringt, wenn man sich erst einmal ein paar Jahre an einem Platze aufgehalten! Ein Glück nur, daß mir Herr von Reitschen — durch einen Unterhändler natürlich — meine Möbel hat abkaufen lassen, ich müßte sonst wahrhaftig eine Auction anstellen.«
Könnern wie Günther halfen jetzt Beide dem Freunde seine Sachen ordnen, da die Abfahrt des Dampfers auf heute Abend festgesetzt war, und Sarno sich gegen vier Uhr, um die rückgehende Fluth zu benutzen, einschiffen mußte. Eine Menge Leute, und zwar die achtbarsten der Colonie, kamen auch heute noch, ihrem bisherigen Director Adieu zu sagen und ihm zu versichern, wie leid es ihnen thue, daß er sie verließe. Dann kam der Transport des Gepäcks zum Boote, welchen Jeremias übernommen hatte, und mit seinem Handkarren wahre Wunder leistete.
Der Weg zur Landung war allerdings nicht so nahe, aber er ging von der Thür des Directionsgebäudes an immer leise bergab, und der kleine kräftige Bursche lud enorme Quantitäten von Koffern und Kisten auf, mit denen er dann im scharfen Trabe und in Schweiß förmlich gebadet, aber immer guter Laune, seinem Bestimmungsorte zueilte.
Der letzten Fuhre folgten die drei Freunde zusammen, und unten an der Bootlandung lagen sämmtliche Soldaten faul ausgestreckt im Schatten und sahen zu, »wie der alte Director fortgeschickt wurde.« Sie lachten auch unter einander und machten ihre frechen Bemerkungen, aber keiner der Drei achtete auf sie. Die verschiedenen Colli wurden an Bord genommen, und Sarno wandte sich jetzt erst noch einmal zu seinem bisherigen treuen Factotum, Jeremias, welcher sich bescheiden zurückgezogen hatte und neben seinem leeren Karren stand.
»Hieher, alter Freund,« sagte er zu ihm — »Du bist der Letzte, der noch eine Forderung an mich hat.«
»Wenn Sie's nur gar nicht erwähnen wollten, Herr Director,« sagte Jeremias, und die Thränen standen ihm dabei in den Augen — »hol's der Teufel, ich wollte — es wäre der Andere, den ich hätte herunterkarren müssen! Hurrje, mit welchem Vergnügen wäre das geschehen — aber Gott straf' mich, wenn er hier in der Colonie eine Stunde seines Lebens froh werden soll!Daist er, das ist richtig, aber er wird froh sein, wenn er den Platz hier erst wieder mit dem Rücken ansieht!«
»Mach' keine dummen Streiche,« warnte ihn Sarno, »und gebt dem Herrn keine gegründete Ursache zur Klage; Ihr habt es Euch sonst selber zuzuschreiben, wenn er Euch das Leben sauer macht.«
»Ja, aber…«
»Schon gut, Jeremias — hier ist eine Kleinigkeit für Deinen letzten Monat und die heutige Arbeit…«
»Aber Herr Director!« rief Jeremias ordentlich erschreckt, als ihm Sarno eine ganze Hand voll Milreis in den Hut warf — »das kann ich ja gar nicht nehmen — ich bin so den letzten Monat schmählich faul gewesen — das müßte mir ja auf der Seele brennen!«
»Dann betrachte es als Strafe,« lächelte Sarno — »und nun Adieu, Ihr lieben Freunde, die Ihr noch bis zuletzt bei mir ausgehalten habt. Adieu, Könnern, Adieu, Schwartzau, auf Wiedersehen in Rio!« und in das Boot springend, gab er das Zeichen zum Abstoßen. Die Ruderer ließen ihre Riemen einfallen; der Bug des trefflich gebauten Bootes fiel vom Lande ab, und während noch ein freundliches Lebewohl herüber- und hinübergewinkt wurde, schoß das kleine Fahrzeug seine Bahn entlang dem Dampfer zu.
Hinter ihm aber folgte ein anderes kleineres, von vier Soldaten gerudert, welches den Befehl gehabt zu warten, bis der bisherige Director unterwegs sei. Es brachte die Briefe und Depeschen des neuen Directors an Bord.
Herr von Reitschen hatte sich dem Abschied von seinem Vorgänger entzogen.
Könnern und Günther waren zusammen Arm in Arm in der Richtung nach Bohlos' Hotel, wo sie jetzt wohnten, zurückgegangen, und Jeremias folgte ihnen in einiger Entfernung mit dem leeren Karren. Er hatte das erhaltene Silber in seine Hosentasche gesteckt und fühlte von Zeit zu Zeit danach, sah sich auch wohl manchmal in der Straße um, ob ihm das Gewicht nicht etwa die Tasche zerrissen hätte und er jetzt, zum Besten der Colonisten, Milreis auf den Weg streue. Unterwegs aber, als er sich ziemlich allein sah, blieb er stehen, hob seine Tasche etwas mit der rechten Hand und sagte leise vor sich hin:
»Verwünscht schwer geworden heute — kann's wahrhaftig nicht mehr länger so am Beine herumtragen und muß wieder einmal damit auf die »Bank« gehen — und kann ich abkommen? Hm! Bei meinem jungen Herrn Grafen die Pferde abreiben, denn die werden wieder schön abgehetzt nach Hause gekommen sein — aber das kann warten — thu' ich hernach beim Füttern — bei Bodenlos sollte ich heute Flaschen spülen — das hat auch bis morgen Zeit — beim Baron die Pfeifen rein machen — er mag heute noch einmal aus einer alten rauchen — und beim Tischler Bitter — Donnerwetter, der hat heute Kindtaufe und dem sollt' ich den Kuchen vom Bäcker holen, das hab' ich doch in den Boden hinein vergessen! Na, jetzt ist's doch zu spät und er wird sich ihn nun wohl selber geholt haben, der Kindtaufsvater — man kann ja auch nicht an Alles denken, und heute ist's überhaupt zugegangen wie in Sodom und Gomorrha. Also abgemacht — zuerst geh' ich auf die Bank und deponire meine Capitalien — dann müssen vor allen Dingen die Pferde besorgt werden, und nachher — ach was, nachher ist Feierabend und morgen noch ein Tag!« — und damit hakte er sein Tragband wieder ein und zog den Karren pfeifend die Straße hinauf und der Stelle zu, wo er ihn gewöhnlich unterstellte — in einem von Bohlos' Schuppen. — —
Oben vor seinem Hause stand Justus Kernbeutel, und zwar heute, mitten in der Woche, in seinem Sonntagsstaat, einem blauen Frack mit gelben Knöpfen, einem Paar großcarrirter Hosen, gelber Piquéweste, einer hellblauen seidenen Halsbinde und einem zwar etwas abgetragenen, aber doch wieder sorgfältig abgebürsteten Hut auf, ein kleines spanisches Rohr mit einem großen geschliffenen Glasstein als Knopf unter dem Arm, und jedenfalls gerade im Begriff, irgend einen wichtigen Besuch zu machen — denn zu einem Spaziergang brauchte er sich nicht so anzuziehen.
Die Straße herauf kam ein junger Mann im Schritt angeritten; er war in die gewöhnliche Tracht der dortigen brasilianischen Farmer gekleidet, mit breitrandigem Strohhut auf, und gerade als sich Justus zum Gehen wandte, rief er ihn an: »He — holla — halt, Freund!«
Justus drehte sich um und wartete auf ihn, und als er herankam, sagte er weiter Nichts als: »Und?«
»Ihr wollt ausgehen?« fragte der junge Mann — »da komme ich gerade zur rechten Zeit. Ist mein Rock fertig?«
»Morgen,« sagte Justus in größter Gemüthsruhe — »nur noch die Knöpfe anzusetzen.«
»Ei zum Henker, Mann, das hättet Ihr dann aber auch noch vorher thun können! Ich brauche den Rock heute Abend und werde nun schon drei Wochen immer von Tag zu Tag darauf vertröstet. Wenn Ihr nicht arbeiten wollt, so sagt's doch lieber gleich heraus und habt die Leute nicht zum Narren.«
»Hoho,« rief Justus, »nur nicht so vornehm, Herr Köhler — hier in Brasilien thut Jeder, was ihn freut, und ein Künstler läßt sich nun einmal gar keine Vorschriften machen.«
»Ach was, Künstler,« rief Köhler ärgerlich, »wenn die Schneider auch noch Künstler werden, nachher hörts auf!«
»Ich verbitte mir alles Schimpfen!« rief Justus und wurde ganz roth im Gesichte.
»Holla, zankt Euch nur nicht,« lachte ein Vorübergehender, der Wirth Buttlich; »Ihr Deutschen sollt jaeinigsein, wißt Ihr denn das nicht? Ist ja eine ganz alte Geschichte —« und vergnügt vor sich hinpfeifend, schlenderte er in eine Nebenstraße hinein.
»Zanken,« brummte Justus vor sich hin, »wer zankt sich denn? Ich will ja gern meine Kunden befriedigen, wenn sie nur höflich sind. Das ist das Wenigste, was ein Künstler außer der Bezahlung verlangen kann.«
»Und wann soll ich den Rock haben?«
»Morgen früh bestimmt, auf Ehre!« rief Justus; »mehr kann ich nicht sagen, das ist mein höchster Schwur.«
»Und um wie viel Uhr kann ich herunterschicken?«
»So früh Sie wollen, und wenn's um neun Uhr ist.«
»Gut; aber was ist denn das, Kernbeutel, seid Ihr irgendwo zu Gevatter gebeten, daß Ihr Euch so furchtbar herausgedonnert habt? Ihr glänzt ja ordentlich wie ein neuer Knopf.«
»Hm,« schmunzelte Justus, an seinen carrirten Beinen hinuntersehend, »heute istThé dansantund Concert bei Zuhbel, zur Feier des neuen Directors — wenigstens dazu, daß wir den alten los sind, und da muß man sich doch anständig anziehen.«
»Hm, da hättet Ihr auch etwas Besseres feiern können,« meinte der junge Mann. »Der alte Director war ein Ehrenmann, und ich will zu Gott hoffen, daß der neue eben so gut einschlägt, glaub's aber nicht. Wenn Ihr übrigens nach Zuhbels hinaufgeht, so haben wir, wenigstens ein kurzes Stück,einenWeg, denn ich will nach Barthel's Chagra hinüber.«