Am fünften Abend erblickten wir die Mündung eines Flusses, und er mußte der Derwent sein. Der Rauch stieg aus Hobarttown auf! Mit großem Ungeschick warfen wir den schweren Anker aus; aber er wurzelte doch, und eben so gut, als wenn ein lahmer Gärtner einen Ahorn setzt. Mich wunderte es ordentlich; aber Alles in der Welt, und die Welt selber ist und wird schon so eingerichtet, daß sie, wie das Sprichwort sagt: mit weniger Weisheit regiert wird. Und erst als wir sicher waren, fiel mir die Heimreise wieder auf’s Herz, Rowlandhill, die Schule, und meine verlassene Taube, die Anna! Ich glaube, ich weinte gar.
Bis spät in die Nacht hielten die Deportirten Rath, ob sie nicht eine Colonie auf eigene Hand anlegen wollten. Mit leerer Hand? fragte Clarke’s Vetter, Herr Tydal. — Oder mit Gemeinschaft aller Güter, wie die am Wabash? setzte der Sprecher fort. Und Tydal widerlegte ihn wieder: Wo Keiner nur etwas Gutes um und an sich hat, da ist auch keine Gemeinschaft der Güter! Nichts läßt sich schwerlich theilen und gemein haben. — Aber wir sind doch frei! fügte ein Dritter; der Capitain hat uns mit sammt demSchiffe aufgeben müssen, und ob er gleich sich selbst und die Seinen uns zum Frommen als Ballast auswarf, so hat uns doch nur ein Wunder erhalten. — Richtig! schnarrte einer mit heiserer Stimme, mein Hals steht noch schief vom Hängen; aber ich ward wieder lebendig, und keine Seele, geschweige der Henker durfte mir wieder an den Hals. Aber du bist doch hier, Limmerik, warf ihm ein Bekannter ein. — Leider! schnarrte Limmerik, aber für etwas Anderes! Auf Halssachen ließ ich mich nicht mehr ein, sondern speculirte nur auf solche, worüber ich mit drei oder vier Jahr „auswärts“ weg kam. Versuchen wollen wir doch, sprach Herr Tydal, Clarken die Hand reichend, ehrliche Leute zu scheinen, und so Gott will, zu bleiben! — Darauf wird doch keine Strafe stehen! schnarrte Limmerik. Alle lachten, und billigten den von Tydal vorgelegten Plan: sich für Colonisten auszugeben, die nur das Unglück gehabt, Geld, Pässe und Capitain zu verlieren. — Wenn der nur auch wirklich verloren wär’! bemerkte Limmerik. Das Bedenken aber wurde im Punsche vertrunken, über alle Lebensmittel das Testament gemacht, und wir beerbten uns selbst bei lebendigem Leibe, und zehrten Alles rein auf wie vor dem jüngsten Tage.
Wir erwachten Alle erst, als die Sonne schon lange unsichtbar arbeitend am Himmel stand, und Stimmen von Außen uns zuriefen, aus einem Boot, das gewiß schon dreimal um unser Wrack gerudert war. Ich hatte die Schläge mit den Ruderschaufeln daran zuerst vernommen, und als ich mich ankleiden wollte, vor ehrlichen Leuten sehen lassen sollte, bemerkt’ ich den Zustand meiner Kleider, die durch Arbeit, Regen und Gewalt der Anstrengung verdorben, geplatzt, zerrissen, kurz recht jämmerlich waren. Clarke hatte ein wohlverwahrtes Pack mit einer neuen vollständigenCanonier-Offiziersuniform gefunden, mir längst schon hingelegt, und ich konnte nicht lange Bedenken tragen, sie anzuziehen. So nobel-militairisch gekleidet stieg ich auf das Verdeck. — Es war die Hafenwache von Hobarttown, die angeklopft. Nach und nach füllte es sich mit Deportirten. Nach einigen Begrüßungen und Verhandlungen, nahm sie so viele in’s Boot, als es faßte und fuhr ab, mit dem Versprechen mehrere Boote zu schicken. Ich stieg indeß in den Mastkorb, der wie ein Storchnest auf dem Hauptmast stehen geblieben war. Der Maler Clarke war mit seinem Vetter Herrn Tydal schon droben, sie sahen sich um und in das herrliche Land hinein. Mir klopfte das Herz! Wohin sollt’ ich die Blicke wenden, was zuerst begrüßen, nachher bewundern, worauf verweilen? Ich sahe nichts vor lauter Entzücken, ich fühlte nur die blaue Blendung des Himmels in den Augen, Frühlingswärme um mich her! Ich hörte ein Rauschen von den Bergen, ein Wehen in den Wäldern, ein Schwirren und Girren um die Felsen. Oben flatterten eilende Wölkchen, und auch drunten im Wasserspiegel; und der Fluß kam so ruhig mitten hindurch und störte das stille Gemälde nicht. Jetzt war Herbst in Altengland! Die Bäume hatten ihre Früchte getragen, das Feld seine Aehren; dort hing nun Reif um die Berge, Nebel in den Gründen; Spinnen hatten ihr unabsehliches Gewebe über die Fluten und Anger gesponnen, und Thau hing daran und flimmerte, und was kommen sollte, war — der Schnee auf den weißlichen Wolken, und die langen Abende und der kürzeste Tag! Hier kam ich gleichsam in eines andern Meisters Werkstatt, der eben Frühling machte, und doch war es derselbe Meister! Die Theemyrte grünte, die Sprossentanne blühte, junger Mais, selbst junger Lein, war schon so hoch, daß die Lüfte ihn bewegen konnten. Mit leichter Täuschungwähnt’ ich, hier sei es ewiger Frühling, unter den Cocospalmen, den Brotfruchtbäumen das Paradies! Und wie friedlich ruhten die Hütten der Menschen! Wie wuchsen die Kohlbäume, Papierbäume, Cedern und Pisang, da, wo der Mensch sie gepflanzt! Wie bewegte der Wind die Windmühlflügel, wo der Mensch sie ihm, wie einem himmlischen Kinde, zum Spiel hingestellt; wie führt’ er den Rauch von den Hütten, wie Kreisel treibend hinauf in den ewigen Himmel, wo der Rauch zum Wölkchen ward, und fortschiffte mit Wölkchen, still wie ein Lamm, das neu gekauft zu der Heerde läuft. Die Sonne bleichte Leinwand, wo sie die Mädchen hingebreitet und eben begossen, und der Hauch der Luft wehte mir ein Wort, eine Strophe aus ihren Gesängen zu, die mir vorkamen, wie das Athmen der Erde selbst, voll Wohlklang! Weiter hinaus aber weideten Heerden, und die Lämmer fraßen sich satt an Blumen, die Ziegen an Blüthengesträuch, und die Rinder wandelten langsam nach und verloren sich in den Thälern. Dort zogen Schützen in die waldbewachsenen Berge, und über diesen erhoben fernere Gebirge ihre beschneiten Scheitel, wie Greise über junges Volk hinwegragen. Glückseliges Land! rief ich aus. Ja wohl, glückseliges Land! sprach Herr Tydal; hier sind die Kinder Israel nicht in der Wüste umhergerannt, und doch wird Moses und David unter Euch wandeln! Hier haben die Juden Jesum nicht gekreuzigt, und doch wird sein Evangelium zu Euch kommen! Hier ist Cäsar nicht ermordet worden, und doch werdet Ihr frei sein! Hier hat kein Mönch einen Kreuzzug gepredigt, und doch werdet Ihr Bäume, Künste und Gelehrsamkeit des Morgenlandes haben! So alles Frevels, aller Verbrechen, alles Blutvergießens überhoben, werdet Ihr die Ernte von Europa gesammelt, gedroschen, geworfelt und rein genießen! — Glückseliges Land, rief ich darein, sei gesegnet,wenn ein Schulmeister auch segnen, oder Segen erbitten kann. — Und ernster fuhr Herr Tydal fort: ich habe dich gesehen, Ulimaroa, das Land, wohin Alles sich hinüber retten wird, was bei uns gedrängt fliehen wird; wo auskeimen wird, was bei uns verweset. Nun ist mir schon wohl, und freudig kehr’ ich einst wieder selbst zu der vorher ausschweifenden, nun dafür zu Tode curirten alten Betschwester Europa, und sterbe noch im Vaterlande, und bleibe dort in die Erde gesenkt bei den Meinen! —
Clarke schwieg und hatte nur seine Freude an dem schönen begeisterten Mann, den er seinen lieben Vetter nannte, umarmte und zärtlich küßte. Auch ich war so begeistert, daß ich glaube, ich hätte hier müssen mein erstes Gedicht machen. Mir war in meinem Leben zuvor nie so leicht, so frei, so wonnig zu Muthe, und auch nicht so schwer, so beklommen; die Gedanken drängten sich mir gewaltsam auf, und nahmen mich ein — aber sie überwältigten mich. So ist der Mensch! Heut hab’ ich Mühe, sie nur nachzudenken; und wenn ich auch einige wiedererhascht, so fehlt mir schon das Gefühl, das sie begleitete; doch bin ich noch davon gestärkt. So wächst ein Baum von dem zurückgelassenen eingedrungenen Wasser aus sanften befruchtenden Gewitterwolken, die mit ihren Schauern, ihren Rosenblitzen längst entwandelt.
Nun kam das Boot, auchunsabzuholen. Wir wunderten uns nicht wenig, daß keine neugierige, müßige, lumpige Menge am Ufer stand, uns zu betrachten; nicht ein Kind! Ganz Hobarttown war still, wie eine Kirche. Auch das mußte mir gefallen. Als ich ausstieg, präsentirte eine Wache an einem schönen öffentlichen Gebäude vor mir das Gewehr, und ich legte die Hand verkehrt an den Hut — in meinem Leben mein erster Betrug! Ich war gewiß roth geworden, das Gesicht war mir warm. MeineGefährten fand ich in einer Art Börsenhalle, umhergehend, und nicht recht wissend, was sie thun oder reden sollten. Ich hatte ihren Steuermann vorgestellt, und Ein Dienst, oder Ein Amt macht ja Collegen! Indeß die meisten einige Erfrischungen, ohne Zweifel auf Credit, zu sich nahmen, trat ein Herr aus Hobarttown unter uns, den ich nur von den Füßen aufwärts bis an die Herzgrube anzusehen wagte; aber auch so schon vermuthet’ ich, daß er ein heitrer rothbackiger Mann sein mußte, denn auf einem dicken Bauch steht ein fröhliches Haupt. Er hatte sich an einige Frauen gewendet und erfahren, daß wir mit dem Schiff Themis, Capitain York, gekommen wären. Er nahm einige Prisen Tabak hinter einander, während er einen bekümmerten Blick umher that, und sagte: Ja, den erwarten wir! Clarke klagte ihm mehr unser Unglück, als er es erzählte. Also der Capitain und die Mannschaft fehlen! wiegte der dicke Herr mit dem Kopfe — und die Deportirten! setzte ein sonst ehrwürdiger Herr hinzu, der uns Alle für rechtschaffene Auswanderer gehalten wissen wollte, indem er der Frage nach jenen, welche dem dicken Herrn auf der Zunge schwebte, vorzubauen gedachte. — Capitain York ist zwar ein höchst braver Mann, und verbirgt seine Menschenliebe gern unter seinem barschen Wesen; aber daß er die Deportirten eher geborgen, als Sie, verehrte Herren, scheint mir zu unhöflich von ihm, sagte er lächelnd; darf ich um ihre Pässe bitten? — Unsere Pässe! schnarrte Limmerik. — „Die meine ich, ja!“ —
Wir sind Ausgewanderte! sprach Herr Tydal. Die Lasten und Laster sind in Europa zu groß; Kinder kann man nur mit Zagen der Zukunft überlassen; zuletzt will man auch noch England die Schlinge über den Kopf werfen; die Nebelkappe tragen wir schon. Kein Pächter besteht mehr; die Dampfmaschinen richtendie Armen, die nur Arme haben, zu Grunde — so wollen wir frei von all’ dem Unsinn, der sich wieder emporhebt, wie der alte Löwe, den der Esel doch noch nicht recht getroffen hatte, unbekümmert um Alles, was dort noch geschehen kann, wenn Gott nicht Gott ist, hier eine Colonie gründen. —
Ihre Klagen sind allgemein, sprach unser ungebetener Gast; jedes Schiff bringt neue mit; aber hier verhallen sie, und sprechen nicht an. Freilich scheinen die Dampfmaschinen nur wohlthätig in einem Staate, der mit ihnen groß wächst, wo Land genug ist, wie in Amerika und hier. Jedoch sind wir in Hobarttown schon so weit in Cultur und Sitten, daß unter die vormaligen Verbrecher sogar nicht einmal Auswanderer aufgenommen werden, die nicht treffliche Zeugnisse ihrer vortrefflichen Aufführung im allervortrefflichsten England aufzuweisen haben. Haben Sie also wenigstens Pässe, so weisen Sie mir nur diese gefälligst auf — ich bin nicht zudringlich, noch unverschämt — ich bin hier Polizeidirector. —
Polizeidirector! schnarrte Limmerik — wenn ich Dich nicht gleich erkennte, Roßborn, Dich, den — Du weißt schon — Du wirst es gleich wissen, wer Du bist, wenn ich Dir sage, Roßborn, ich bin Limmerik mit dem schiefen Halse; Du weißt schon, wovon er schief ist! Ein Glaube ist des andern werth! Soll ich Dir allein glauben, Du seist Polizeidirector, so sei so gütig, uns Allen zu glauben: Wir sind Ausgewanderte! —
Der Polizeidirector, der nur ein wenig röther geworden, und werden konnte, als er war, sagte jetzt unbeleidigt und lächelnd: Wenn Du hier bist, Limmerik, weiß ich, wer die Herren und Damen alle sind! Auch seh ich keine Kinder, und die sind oft das Einzige, was Colonisten bringen; der Capitain wird schon die Rechtengeborgen haben! Doch seid Alle willkommen, Ihr Linken, wer Ihr auch seid, auch Du Limmerik! War ich wie Du, so werde nun wie Ich; der steife Hals und die heisere Sprache werden sich unter unserem reinen Himmel schon verlieren! —
Nimmermehr! schnarrte Limmerik. O bald! widersprach ihm Herr Roßborn, recht tröstlich und freundlich; zuerst vergißt man England, ist frei von aller Verleitung durch Umstände und Menschen, in die man dort wie gebannt ist; dann wird man ruhig, darauf umsichtig, geschäftig, dadurch reich, wenn man will, und zuletzt dick, wenn man muß. —
Limmerik schüttelte sonderbar mit dem schiefen Halse den Kopf. Sprich, Limmerik, fuhr Herr Roßborn fort, warum bekehren sich in Altengland die alten Sünder, selbst die jungen, wenn sie — sterben? Weil sie glauben, in den Himmel zu wandeln, wo Alles ehrliche Leute sind, wo Lug und Trug durchschaut wird, wo man zuerst Jedem das Beste zutraut, und Er sich selbst dann alles Gute. Hier ist so eine Art Himmel! Limmerik, hier nutzt es nichts, böse zu sein, und was das Vortrefflichste ist, man hat es nicht nöthig! Wer nur genug zu essen und trinken, alles Nöthige zum Leben hat, der sündigt nicht grob. Jesusheiltezuerst die Lahmen und Gichtbrüchigen, machte die Kranken gesund, und speisete die Hungrigen,dann— lehrt’ Er sie. Das ist der Gang der Besserung.
Herr Roßborn sprach mit Willen so laut, daß wir Alle seine Worte hören konnten und sollten. Aber was führt Dich hieher? fragt’ er Limmerik näher. — Die Angst, die ich im Grabe ausgestanden, erwiederte dieser, als sie — nämlich die Ochsen unter den Menschen — mich als einenarmengehangenen Teufel ohne genauere Untersuchung und große Umstände, lebendig beerdigthatten, weil kein Hahn nach mir krähen würde; und als doch auf meinem Grabe Einer nach mir krähte — die Höllenangst verpflichtete mich (die 15 Guineen für Mann oder Frau nicht gerechnet), ein Auferstehungs-Engel zu werden! und da Zwei von meinen Erlösten wieder lebendig geworden, und mir eine Pension gaben, da schon Morde durch meine Erlösungen von den Todten zu Tage gekommen, bin ich belohnt genug! Ich werde auch wieder damit fortfahren, wenn ich nach Altengland gekehrt bin! Ich weiß die Patentsärge schon patent zu machen! Sage nun, Herr Roßborn, ob ich nicht unschuldig hieher gesandt worden bin, wo wahrscheinlich bessere Todtenschau ist, als bei den Juden. —
Du sollst hier dabei angestellt werden, versicherte ihn Roßborn.
Nun? wandt’ er sich gegen die Andern. Einige dreiste Männer behaupteten noch keck gegen den Polizei-Director, daß der Capitain, wie es gewöhnlich sei, alle ihre Legitimationen zu sich genommen habe und habe sie da, wo Er sei. So schafft den Capitain, entgegnet’ er ernst! wenn ich nicht schlimmer von Euch denken soll. — Er schnupfte dazwischen. — Dochdanachsehen Sie mir nicht aus, meine Herren, sprach er gelassen, ja verbindlich; die Herren Deportirten kommen immer besser; immer gebildetere, geschicktere Leute! Auch den Damen mache ich mein Compliment! Die Fäulniß, das Miasma muß dort sehr groß sein, daß man schon Kernobst auslesen muß, welches noch so frisch und schön aussieht! Mancher von Ihnen, hat kaum einen angelegenenFleck, meine Herrn Deportirten. —
Desto weniger wollten sich nun Einige gefallen lassen, Deportirte zu heißen, und protestirten feierlichst. Da trat mein lebenssatter Gehülfe am Steuerrade, Herr Wardrop der Geschworne,hervor und sprach: Ja, wir sind Alle Deportirte! Schonen Sie uns nicht, milder Herr Roßborn! Muß ich denn überall Gnade finden! — Er hielt jammernd inne; ich war erschrocken, daß er mich mit vermengte! Dann fuhr er fort: Fragen Sie die Uebrigen nach den Ursachen ihrer — Reise; die meiner Verweisung ist, daß ich Geschworener war, und über 10 Menschen nur mein noch fehlendes „Schuldig!“ nach einem Gesetz ausgesprochen hatte, welches den Tag nach ihrer Hinrichtung abgeschafft ward! Seit der Zeit hatte ich ein billiges Mißtrauen in mein Amt, in meine Befugniß, die so wandelbar war, und wünschte mir denTod. Aber das Gesetz hatte keine Ursache wider mich, bis ich denn Jemanden tödtete — um gerichtet zu werden. Aber das Gesetz läßt, und ließ mir in diesem Falle diese Wohlthat nicht angedeihen, ob ich mir gleich einen vornehmen reichen, aber verderblichen Mann ausersehen, um mir und dem Volke zugleich einen Dienst zu erweisen. So bin ich leider nun hier! Aber ich habe auch hier schon einen Kirchhof mit Gräbern gesehen, und diese lassen mich mit Grunde hoffen, daß die Menschen auch hier nicht unsterblich sind! —
Armer Alter! bedauerte ihn Herr Roßborn; und in die Vorstellung des Geschworenen eingehend, sprach er zu seiner Beruhigung: Freilich sind viele Gesetze nur versteinerte Meinungen alter, vorlängst versteinerter oder gleich steinharter Menschen; und nach Meinungen sollte man nicht verdammen, und auch Meinungen nicht; denn sie ändern sich. Kein einziges Verbrechen in der Welt, seit sie steht, ist zweimal begangen worden; jedes war anders: denn die Menschen waren immer Andre, die sie begingen; also dieGesinnung, und was den Hauptunterschied macht: die Veranlassungen, die Umstände! Es sind also noch nicht Gesetze genug; jeder Fall verlangt also ein neues — oder Alle verlangen: geschworeneRichter! Sie haben also einer ehrwürdigen Anstalt gedient — dabei nahm er seinen Hut etwas ab. — Aber, warf der arme Mann ein: der Richter ist vergebens weise, mild, menschlich, und ein Christ, wenn er nach alten, nach grausamen Gesetzen richten muß! — Dafür ist die Gnade des Königs, das einzige wahre Gesetz, das Gesetz der Liebe — sprach Herr Roßborn, und hier um uns sind hundert lebendige Beweise davon! — Dabei nahm er wieder seinen Hut einen Augenblick ab, und da er Zeit gewinnen zu wollen schien, und sich manchmal wie nach der Wache umsah, fragt’ er einen Blinden, warum er denn hieher gekommen? —
Fragt meinen Vater, Herr! antwortete er. —
Der bin Ich! sagte ein untersetzter starker Mann; ich, Meister Cornbull, der Fleischhauer. Mein John wollte sich das Stehlen nicht abgewöhnen lassen, so oft ich ihn auch nur durch schweres Geld gerettet. Und da ich Thor glaubte, die Augen verführten nur zum Bösen und fehlten nur, so macht’ ich — den Fehler gut! Dafür bin Ich nun hier! Bin ich nicht unschuldig? half ich nicht zur Ordnung? hatt ich nicht noch fünf Kinder, die mein Geld besser brauchten? Aber mein durch mich blinder Johnhörtenoch den Klang des Geldes, und fühlte das Gewicht, und stahl wieder, das Rabenkind! und darum ist Er hier. Aber hätt ich ihm auch die Ohren abgeschnitten, und die Hände salvirt, so hätt’ er noch Pech an die leeren Aermel gestrichen, die Zunge zum Diebe gemacht, oder einen Hund abgerichtet, wie wir einen mit haben, als Deportirten, indeß sein Herr Diebsmeister zu Hause sich gütlich thut und uns auslacht! Kurz, er ist mein Sohn nicht mehr! und ich hoffe, daß auch Sie ihn nicht bessern, sonst sollten mir seine pfiffigen Augen erst leid thun! —
Zwei andere verwogene, noch rüstige Männer traten indeßHerrn Roßborn an, und forderten gute Behandlung. Ich heiße Hogg, und mein Camerad Woost, sprach Hogg. Wir im Alter erst geizigen, armen Schelme hatten uns wegen Theilung unserer Beute bei einem Fange auf der Straße vor Gericht verklagt, und der Richter ließ uns Beide gefangen setzen! Ist das erhört? Waren wir verklagt wegen Diebstahls? Hatte man Zeugen? Darf man in Altengland nicht mehr treiben, was man will? Ueber meine Person und Thaten bin Ich Herr. Thue ich gegen das Gesetz, das kann nur heißen: sehen mich die Augen des Gesetzes die 24,000, der 12,000 Auflaurer in London; ergreifen mich seine Arme, die Häscher; verdammt mich seine Zunge, der Richter: dann verfall’ ich seinem Arm, dem Henker. Aber kein lebender Mensch hat Macht über mich; nur der Buchstabe, der todte Buchstabe, sag ich! Himmelschreiend ist’s, daß wir verwiesen sind, so gut, wie das halbe Dutzend, welches der Sheriff angewiesen hatte, mitzustehlen, um eine Bande zu ertappen; aber da es mit ertappt wurde, war der Sheriff todt, und nur aus Gnaden ist es lebendig; da steht’s! —
Herr Roßborn schnupfte wieder, und fragte dann die Beiden: Auf wie lange seid Ihr verwiesen? Woost antwortete: auf 40 Jahr zusammen; einzeln Ich 20, und 20 Hogg. Wie alt seid Ihr? fragte Roßborn weiter? — 130 Jahr zusammen, antwortete Woost, einzeln 67 Hogg, und 63 ich Woost. Also ungefähr 10 Jahr nach Eurem Tode können erst Eure Verwandten Eure freien Gebeine sich holen, versetzte Herr Roßborn; hütet Euch vor Ketten; denn wer in Ketten nur eine Prise Tabak stiehlt, wird gehangen. Dabei ließ er sie gefällig aus seiner Dose schnupfen. So werdet ihr alles Andere bekommen, was ein Mensch bedarf, sagt’ er.
Indeß waren einige sehr wohlgekleidete Herren hereingetreten, welche Roßborn höflichst begrüßte. — Nun? fragte der Eine, werden Sie dieß Mal Bedacht auf uns nehmen können? —
Zu dienen! antwortet’ er, sehen Sie sich um! Wessen Sie sich annehmen, für den mögen wir nur bei Zeiten ein Stück des schönsten Landes abmessen! —
Nach einem Gange durch die Halle kam der ernste, hagere Herr wieder in unsere Nähe, und indem er die Blicke auf mich und Clarke mit Wohlgefallen heftete, wobei er jedoch, wie falsche Menschen thun müssen, mit den Augen blinzelte, schien er Roßborn nach uns zu fragen. Clarke’s Vetter, Tydal, der es bemerkt, und bisher geschwiegen, trat zu Roßborn, und sagte bescheiden: ich empfehle Ihnen diesen jungen Mann zu guter Behandlung, er heißt Clarke und ist ein Maler. Seine Armuth und seine Kunstliebe und ein in Strandstreet ausgehangener illuminirter Kupferstich von dem reizenden Hobarttown, haben ihn zu der Habhaftwerdung von so wenig Farben und Malergeräth hingerissen, als ihm besonders dazu nothwendig waren, seine Deportation hierher zur Folge zu haben; sonst ist er unschuldig!
Clarke erröthete hoch. Und Sie, redete Roßborn mich lächelnd an, Sie haben gewiß auch nichts begangen? —
Ich? in der That aber gewiß nichts! erwiedert’ ich verlegen. —
Also wieder ein unschuldiges Kind! wie heißt es denn? —
Lambton! stammelt’ ich kleinlaut, meinen Namen unter so drückendem Verdacht zu nennen. Ich erzählte ihm darauf meine Geschichte, und Clarke wollte sie bestätigen. —
In der Ukraine, wie ich glaube, bemerkte ihm Roßborn, bedarf es Sieben Bauern, um gegen oder für einen Edelmann zu zeugen; hier ist noch mehr wie Ukraine! — Darauf wollt’ ichmein entscheidendes Zeugniß, vom Capitain, Steuermann und Stewart unterschrieben, hervorlangen, und suchte es dringlich, aber — vergebens! Das war wohl ein Jammer, und machte mich noch verlegener und verdächtiger! Der Capitain muß es haben, er wollte es noch untersiegeln! — entschuldigt ich mich ängstlich.
So warten wir auf den Capitain! morgen geht eine Golette ihn aufzusuchen; sprach Roßborn geduldig und ohne Bitterkeit. Wenn Sie Lancaster-Schulmeister sind, und nicht Canonieroffizier, Herr Lambton, kommen Sie uns wie vocirt! Wir wollen nicht hinter Georgtown, uns nördlich gegenüber, zurückbleiben, das schon seine Lancaster-, ja seine Sonntagsschule hat. Und wie noch keiner aus dem gefahrlosen Völkchen der Schneider hieher verwiesen worden ist, so fand ich auch noch nie einen einzigen Lancasterschüler, und deren Zahl muß doch Legion sein! Selbst nicht einmal vor Gericht erschienen ist noch je auch nur Einer. Sie sind also willkommen, Herr Lambton, und gehen indeß mit Herrn Clarke in das Haus des eben so angesehenen, als reichen Herrn Samuel. — Während er uns in seine Schreibtafel aufzeichnete, fragt’ er noch, wie alt ich sei. Ich sagt’ ihm: Sie erlauben, daß ich eigentlich erst 5 Jahr alt bin. — Das hieße richtiger 5 Jahr jung! Aber wie versteh’ ich das? sind Sie ein Riesenkind? — Das nicht, erwiedert’ ich; aber ich bin an dem raren 29sten Februar geboren, und Anno 1800 ist der Schalttag ausgefallen, so hab’ ich am letzten 29sten Februar 1816 erst meinen fünften Geburtstag gefeiert. — Sie sind also gegen 24 gemeine Jahr alt, nach gemeiner Menschen Rechnung! Ich wünsche Ihnen auch die Zahl der Lebensjahre gemeiner Menschen! Sie sind gewiß ein Glückskind! lächelte Roßborn. Alles Andere wird Ihnen Herr Samuel sagen und erklären, Arbeit und Gehorsam!
Er empfahl sich diesem, und wandte sich nun zur Versorgung der Andern. Tydal nahm mit Umarmung und Thränen von seinem Vetter Clarke Abschied. „Auf Wiedersehn alle Sonntage!“ versprachen sie sich. Darauf übernahm Herr Samuel mich und Clarke.
Da wir uns Beide, indem wir ihm folgten, noch oft mit bekümmerten Blicken nach den Zurückgebliebenen umsahn, was aus ihnen werden würde, tröstete uns Herr Samuel von selbst darüber und sprach: Seid ruhig, lieben jungen Freunde! Wer hier nicht in tadellose Familien als Hausgenosse und Arbeiter gegen einen mäßigen Lohn untergebracht werden kann, bekommt sogleich Mittel, das Geschäft, welches er versteht, anzufangen, bis er es auf eigene Rechnung vermag, und sein eigenes Hauswesen gründet. Arbeiten lernen, Menschen werden — ist ihre Strafe; durch Beleidigung Anderer sich nichts Böses thun, ihr Pensum. Wer so klug ist, das zu lernen, wozu doch wenig Kopf und Herz gehört, wird mit Ländereien belohnt, die er sich anbaut. Um ihm dabei an die Hand zu gehn, bekommt er Neuverwiesene zur Hülfe, die sich wieder bei ihm Haus, Ländereien und Gehülfen erwerben. Und das so fort. Die Uebrigen arbeiten für die Colonie. Aber man sollte aufhören, Uns immerfort neue — Colonisten zu schicken. Man schicke siedem Lande. Jeder bessert sich selbst am besten. Die neuen Brauseköpfe stören uns nur zu oft. Wir sind friedliche glückliche Bürger, unsere Herzen sind ausgeheilt und fest, ja wir deportiren schon selbst in die Inseln, und allemal steigt uns die Röthe in’s Gesicht, wenn wir ein neues Kronenschiff beilegen sehn. Aber das gehört noch mit zu unserer Strafe! Denn damit Ihr Euren neuen Hausherrn kennt, sag’ ich Euch unverhalten, daß Ich auch ein Deportirter war.War, wohlgemerkt!Einer von denen, die zuerst hier ankamen, und das Alles erst mit einrichten halfen, was ihr fertig seht. Ihr werdet es unvergleichlich besser haben!
Fast am Ende der Stadt gewahrt’ ich einen schönen Brunnen am Wege, und sah hinein, indeß Herr Samuel vorausging. Was erblickt’ ich! Tief und geräumig ausgemauert und reinlich, enthielt er eine niedrige Pumpe in seinem Grunde; aus dem vorüberfließenden Bache fiel ein abgeleiteter Strahl in denselben hinab. In dem davon unten gesammelten Wasser stand ein junger Mann schon bis an die Lenden umspült; es schwoll allmälig höher und höher, und ich sahe vor Augen, er mußte zuletzt ertrinken, wenn er nicht pumpte! Er stand mit übergeschlagenen Armen. Besorgt um ihn, rief ich ihm zu. Er sah empor, und ich traute meinen Augen kaum, als ich unsers alten ehrwürdigen Rectors Sohn, den falschen Spieler auf Jamesstreet in London, an dem Gesicht erkannte, das von der hinabfallenden Helle des Himmels erleuchtet erschien. Verlegen begrüßt’ ich ihn ehrerbietigst, und machte einen Diener nach dem andern hinab, und entschuldigte mich, ihn hier drinnen gesehen zu haben. Er aber griff zum Schwengel der Pumpe, und pumpte gelassen und träg, wie ein vornehmer Herr arbeitet, nur aus Noth, nicht zu ertrinken, mit den Händen, die vorhin nur Karten gehalten. Herr Samuel, der mich vermißt hatte, kam zurück, und da er mich neugierig sah, sagt’ er: Das ist der Appelmannsborn! Herr Lambton, worin die vornehmen Sünder an Arbeit gewöhnt werden. Und nach einigen Monden Uebung werden die Hände gangbar und geschmeidig; jede andere Arbeit wird ihnen auf diese leicht, und darum werden sie dann auch willig dazu, und ihr Lebensglück ist gegründet! — Im Gehen erklärt’ er uns weiter: Ich verschrieb gleich im ersten JahreSämereien aus Holland, und statt des Samens ist der Zettel aufgegangen, in welchem sich jener befand, und trägt nun gute Früchte! Das Blatt war Seite 302 und 3 aus Philippsvon ZesenBeschreibung der Stadt Amsterdam, wo 1595 unter den vier Bürgermeistern Reinier Kant, Balzar Appelmann, Bartel Krumhaut und Jakob Buhlensen das Clarissenkloster in ein Arbeitshaus verwandelt, und Isebrand Benne, Isebrand Harmann, und Heinrich Bauch zu Zuchtmeistern bestellt wurden, die alle verstellte Besessene, Taube, Blinde und Lahme von der Straße durch den segensreichen Appelmannsborn zur Arbeit brachten. Da war auch „das Zimmer der Unsichtbaren,“ als ungerathener Kinder und böser Weiber, welche der Mann zum Schein in das Bad schickte, die aber unterdessen hier gebessert wurden, ohne Schande davon zu haben. Ein solches Zimmer der Unsichtbaren ist nun zwar ganz van Diemensland, aber den Appelmannsborn können wir nicht entbehren, und mit gutem Gewissen ihn recommandiren!
Herr Samuel führte uns am linken Ufer des Flusses hinauf, während er uns die schönen Meiereien zeigte und ihre Besitzer nannte. Als wir unter Bewunderung der reizenden Lage bis dahin gekommen, wo der Derwent eine Wendung nach Morgen macht, wodurch gegenüber ein malerisches Vorgebirge entsteht, von den frischesten höchsten Platanen bewachsen, wendeten wir uns links in ein mäßig breites Thal, welches sich sanft nach Abend erhob, wie ein rückwärts hingelehntes Gemälde. Hier lag seine Meierei in einem großen Park. Ein klarer Kieselbach rauschte in mehrern kleinen Wasserfällen, die in der Sonne blitzten, uns entgegen, als wir den sanften Weg hinanstiegen. Unter blühenden Apfelbäumen standen kleine niedliche Tischchen, Bänkchen und Stühlchen, um welche viele kleine Mädchen und Knaben versammelt waren,eine kleine Schule voll, die unmöglich alle Herrn Samuel gehören konnten, und also Kinder aus der Stadt sein mußten, die hier spielten. Gleichwohl hatten sie sich allerhand herrliche Blumen und prachtvolle Blüthen abpflücken dürfen! Die Mädchen putzten sich mit den Granatblüthen, ließen einander — diese von ihrer Winterfeige, die andre von ihrer Orange essen. Die Knaben verfolgten sich mit blühenden Nectarinenzweigen; die größern liefen fliegenden Eichhörnchen nach; die kleinern kollerten abgefallene Cocosnüsse den Abhang hinunter, oder hämmerten daran. Jetzt kamen sie um Herrn Samuel und langten an ihm herauf, und hingen sich an ihn. Das ließ er zu ihrer Gnüge geschehen. Durch blühende Sträucher und üppige Baumgruppen, mit unzähligen Singvögeln und Papageien besetzt, kamen wir an eine Brücke, wo sich das Thal in zwei schmälere Gründe theilte, welche sich in der Entfernung immer weiter aus einander zogen. Aus jedem derselben rauschte ein Bach her, welcher sich hier mit dem andern in seiner Natursprache murmelnd begrüßte und, wenigstens doch vor seines klaren Laufes Ende mit ihm vereinigt, eilte, die Wasserfälle zu bilden, die uns geblinkt hatten. Jetzt betraten wir den mit einem sogenannten unsichtbaren Zaune umgebenen Ziergarten des Parks. Er nahm den Abhang der zwischen beiden Bächen hoch in der Mitte liegenden breiten Ebene ein, auf deren vorderem Raume ein einfach geschmücktes geräumiges Wohnhaus uns entgegen schimmerte. Als wir droben auf dem kostbaren Rasenstück vor demselben angelangt waren, wendeten wir uns erst, um die Aussicht zu bewundern. Denn wirklich war sie wundervoll. Uns gegenüber das Vorgebirge mit seinen Platanen; rechts und links zu unseren Seiten das fruchtbarste, sorgsamst bestellte Feld; vor uns im Thale der majestätische Fluß, in demselben hie undda kühn und hoch emporsteigende Felsen, wie Pfeiler einer uralten Riesenbrücke, oben mit überhangendem Gebüsch gekrönt, von girrenden Tauben bewohnt, und weißen Wasservögeln umschwärmt. Rechts weiter hinaus der Meerbusen von sanften Hügeln umlagert, voll immergrünender Bäume; in seinem Schooße die sicher ruhenden Schiffe von schwarzen Schwänen und Enten umsteuert; uns zu Füßen die wohlgebauete Stadt, jedes freundliche Haus in seinem Garten, in seinen Blumen! Und nun erst die röthlichen Ufer des Derwent hinauf; hier Cocospalmen, weiter hin einzelne Mahagonibäume, die, wie neugierige Kinder, sich bis an die steilen Abhänge gewagt, sich mit ihren Wurzeln anklammerten, um hinunter zu sehen; andere, die auf blumigen Hügeln, wie Wanderer vor Verwunderung, stehen geblieben zu sein, oder dem Fluße immer weiter entgegen zu gehen schienen, bis wo er in Nordwest aus Marmorfelsen hervorglänzt.
Und doch bot sich die schönste Aussicht uns ersthinterdem Hause dar. In bequemer Nähe lag der reinliche geräumige Meierhof in Frucht- und Küchengärten; noch weiter hinaus die Schäferei, und hinter derselben die fette grüne unabsehliche Trift in immer blasserem Schimmer bis hin an die sonnigen Berge, von Thälern und Schluchten durchbrochen, durch deren Lücken die fernern Gebirge hereinsahen nach der nie gesehenen, reizenden Pflanzstadt. —
So sieht ein englisches Kind von 15 Jahren aus! bemerkte Herr Samuel, immer noch mit Vaterlandesstolz, als wir in die schöne Rundansicht versenkt schwiegen. Hier kann ein Engländer England vergessen! rief ich aus. Wenn er muß, und dann noch nicht, erwiederte Herr Samuel mit leisem Tone. — Wenigstens Rowlandhill mitten im Lande, schränkt’ ich ein. — Rowlandhill!wiederholt’ er. Ihr seid von Rowlandhill? Lambton! frug er mit einem düsteren Blicke, der keine Antwort begehrte. Er setzte sich auf eine Marmorbank und zeichnete mit dem Stocke ein T in den Sand, machte ein Ausrufungszeichen dahinter, und verzog Alles wieder. Wen er aber mit dem H gemeint, welches er aus Punkten in die Erde gestochen, den schien er gleichsam durch tiefes Einbohren mit der Spitze des Stockes erstechen zu wollen. Als er darauf in sich versunken lange sitzen blieb, gingen wir, schüchtern gemacht, indeß auf das Haus zu. Aus der Thür trat uns eine reinliche, braungekleidete Alte entgegen, welche mit scharfen Blicken ohne Gruß an uns vorüber eilte, da eben Herr Samuel rief: „Frau Russel!“ Dieß war also ihr Name, der mehr sagt, als wenn ich sie beschreiben wollte, und sagen, sie war eine halbe Kalmuckin, rauh, ja roth, hatte dunkelrothe Backen u. s. w. Nachdem sie mit Herrn Samuel einige Zeit vor ihm stehend gesprochen hatte, kam sie wieder zu uns und hieß uns willkommen, indem sie einen Schlüssel aus dem ihr anhangenden Bunde suchte. Wir freuten uns erstaunend, sie zu sehen, scilicet mit Worten; aber im Herzen war die Freude noch zu ertragen. Doch muß ich ihr nachrühmen, daß sie so viel Sittsamkeit besaß, die etwas steile Treppe nicht vor uns hinaufzusteigen; sondern sie commandirte uns im Rücken wie ein braver Offizier: vorwärts! — links! — über den Saal! — rechts in das kleine Giebelstübchen mit einem Bett, — welches sie mir und Clarken anwies. Clarke wollte einige Einwendungen gegen das Schlafen in Einem Stübchen und in Einem breiten Himmelbett machen mit bevorstehenden heißen Nächten, Enge des Bettes; aber sie entschied: Miß Lisanna könne erst in 14 Tagen mit den neuen Betten fertig werden, welche sie nähe und stopfe,da ihr die Sorge für den Garten obliege; und sie selbst habe Haus, Küche und Rauchkammer zu versehen!
Clarke war roth und verdrüßlich, worauf sie keine Rücksicht nahm. Sie sagte uns kurz und deutlich, wozu wir im Hauswesen bestimmt seien, nämlich zur Landwirthschaft! Clarke solle die einjährigen Lämmer hüten, ich aber, Lambton der Schulmeister, die Rinder! — Das edle Wort bubulcus, der Hirtenname Mopsus, das „Tityrus — sub tegmine fagi“ und das „o Corydon, Corydon!“ dienten mir jetzt gleichsam als eine trockene Magenstärkung oder als Geist gegen den Schwindel; ja ich sahe die geliebte Gestalt „des göttlichen Sauhirten Eumäus“ zu der offenen Thür hereintreten, und mir die braune magere Hand reichen.
Clarke war nun zufriedener; er wischte den Spiegel ab, stellte sein Malergeräth auf dem Tische darunter auf, besichtigte dann das Kamin und prüfte die blanken Zangen. Ich aber trat, während Frau Russel die Decke vom Bette nahm, manches Nöthige herbeitrug, manches Unnöthige aus dem Stübchen hinauspracticirte, an das geöffnete Fenster, und sah in den freundlichen blauen Himmel, und meine Seele sprach eine in ihrer Kindheit auswendig gelernte Stelle, wahrscheinlich im Vorbewußtsein, daß sie derselben einst bedürfen werde:
Geduld, die seligste der Tugenden,Ist nicht umsonst! Du kaufst sie nur durchDulden;Auch nicht aufeinmalwie ein andres Gut;Allmälig wird sie Dein durch StilleseinUnd Tragen, Lieben, Hoffen und Verzeihen.Der gute Mensch nur kann geduldig sein,Geduldig werdend, wird er gut zugleich.Drum, willst Du das, so lern’ ein wenig tragenUnd lieben, hoffen und verzeihn; dann immerUnd immer mehr, und immer lieber, bisDu dieß am liebsten, dieß allein nur thust;Und also gut geworden, Dir zugleichGeduld, die seligste der Tugenden,Erworben: tausend Schätz’ um Einen Schatz.
Geduld, die seligste der Tugenden,
Ist nicht umsonst! Du kaufst sie nur durchDulden;
Auch nicht aufeinmalwie ein andres Gut;
Allmälig wird sie Dein durch Stillesein
Und Tragen, Lieben, Hoffen und Verzeihen.
Der gute Mensch nur kann geduldig sein,
Geduldig werdend, wird er gut zugleich.
Drum, willst Du das, so lern’ ein wenig tragen
Und lieben, hoffen und verzeihn; dann immer
Und immer mehr, und immer lieber, bis
Du dieß am liebsten, dieß allein nur thust;
Und also gut geworden, Dir zugleich
Geduld, die seligste der Tugenden,
Erworben: tausend Schätz’ um Einen Schatz.
In der Ferne erblickt’ ich eine große Heerde Schweine, und die waren mein Augen- und Seelentrost! Denn wenn ich bedachte, daß mich Herr Samuel sogar zum Sauhirten hätte ordiniren können, so dankt’ ich billig Gott, welche unanständige Erinnerung er mir erspart hatte, wenn da droben auf unsern Anstand auf Erden gesehn wird, wie zu bezweifeln steht. Denn derselbe Dichter sagt ja schon die Worte, welche mir wieder einfielen:
Dem Menschen sei ein jegliches GeschäftSo leicht als gleich! Denn jedes gönnet ihmEin Mensch zu sein! Das ist die Sache. WerGelebt hat, der hat viel gethan, der war viel,Viel in der Halle dieser schönen Welt!Drum denket würdig von dem Menschenleben,Und würdig denkt von Euch, ihr Lebenden!Ein heil’ges Wesen ist, wer diesen AetherEinathmet! Unter diesen goldnen SternenIst Niemand groß noch klein, nur göttlich Alles!Und Niemand ist gering, wer dieß erkennt;Der Erde ew’gen Schätzen gegenüberIst Niemand reich; dem Himmel gegenüberIst Niemand arm! und Keiner ist verachtet,Den selbst Allvater für sein Kind erkennt,Wer ihn darf Vater nennen, und das hört erVon Allen gern.
Dem Menschen sei ein jegliches Geschäft
So leicht als gleich! Denn jedes gönnet ihm
Ein Mensch zu sein! Das ist die Sache. Wer
Gelebt hat, der hat viel gethan, der war viel,
Viel in der Halle dieser schönen Welt!
Drum denket würdig von dem Menschenleben,
Und würdig denkt von Euch, ihr Lebenden!
Ein heil’ges Wesen ist, wer diesen Aether
Einathmet! Unter diesen goldnen Sternen
Ist Niemand groß noch klein, nur göttlich Alles!
Und Niemand ist gering, wer dieß erkennt;
Der Erde ew’gen Schätzen gegenüber
Ist Niemand reich; dem Himmel gegenüber
Ist Niemand arm! und Keiner ist verachtet,
Den selbst Allvater für sein Kind erkennt,
Wer ihn darf Vater nennen, und das hört er
Von Allen gern.
Ich hatte heut mein Morgengebet nicht verrichtet, und ichbat den Himmel, jetzt diese apokryphen Worte dafür anzunehmen, nachträglich. So bedurfte ich nun kaum des Trostes, den mir die alte Russel einsprach: ich würde nicht so viel Noth mit dem wohlgewöhnten verständigen Viehe haben, als vielleicht mit mancher lieben Schuljugend! Es sei das schönste Vieh van Diemenslandes, und die Häute davon gingen bis Port Jakson, Ostindien, auf das Cap, ja bis Altengland. Selbst Se. Majestät könne vielleicht Stiefel davon tragen! vielleicht auch nicht! —
Alles das konnte mir so einerlei sein, wie den Häuten selber. — Sie eilte darauf, Clarke mit seinen Lämmern, und mich mit meinen gehörnten Zöglingen bekannt zu machen, die ihren neuen Präceptor anbrummten und berochen. — Das rothe Tuch Eurer Uniform macht sie nur scheu, belehrte mich Frau Russel; morgen sollt’ ihr einen ihnen bekannten Anzug, die Namensliste und Stammbäume des nobeln Viehes erhalten, damit Ihr Euch schätzen lernt. — Ich erwartete das. Clarken gefielen seine Lämmer, die sie durch die Beine herausließ und ihm vorzählte. Wir freuten uns auf die schönen Tage, die heitern Berge, und die stille Zeit des Hirtenlebens.
Ueber all’ dem Umsehn und Einrichten war die Mahlzeit herangekommen. In dem Unterzimmer war ein großer Tisch für Alle im Hause gerüstet, woran gewiß Herr Samuel präsidirte, für welchen der mit rothem Sammet und goldenen Zwecken beschlagene Sessel hingestellt ward. Aber er selbst erschien diesen Abend nicht. Dagegen begrüßten uns neugierig und schalkhaft ein Paar andere von dem Hausgesinde, wovon Einer, der Kleine, eine wahre Diamond-Edition von Spitzbuben schien! Noch trat Jemand zum Gebet mit an den Tisch, den Frau Russel unter dem Anruf „Herr Doctor Toland“ einlud, heut Abend denWirth zu machen. Sie beteten darauf das in Altengland gebräuchliche Gebet: von den jungen Raben, denen der Herr ihre Speise giebt zu seiner Zeit; und der kleine Dieb betete bei den abwechselnd einfallenden Stimmen, diese Worte grade allein. Mehrere schlanke, kernige, schöne Mädchen, sichtlich von dem schönen Malayischen Menschenstamme — „Race“ getrau’ ich mich von den lieblichen, edlen Geschöpfen nicht zu sagen — kamen noch während des Gebetes herzu, und trockneten sich die Hände. Zuletzt aber kam die wiederholt gerufene Miß Lisanna, leise wie eine Erscheinung, und darum uns so plötzlich, so überraschend! Hocherröthet, nach schüchterner Verbeugung setzte sie sich auch an den Tisch, mir und Clarken gegenüber — an ihre Stelle. Wie die Weiber sind, hätte sie uns gern angesehen, welches aber Clarke’s offenes lächelndes Gesicht ihr unmöglich machte, so oft sie es unternehmen wollte. Meine Augen fanden an Clarke den einzigen Haft und Trost. Als ich jedoch am Ende der Mahlzeit von dem Herrn Doctor Toland eingeladen ward, auf Sir — ich hörte recht — Sir Samuels! Gesundheit zu trinken, getraut’ ich mich Miß Lisanna anzusehen, die von meinen Blicken, wie ergriffen auf einem Verbrechen, überrascht zusammenschauderte, und eine Minute lang mit vergehenden Augen da saß, still und blaß wie ein schönes Marmorbild aus Sir Horazio’s Bibliothek. Clarke trat mir auf den Fuß — wie Mistriß Distreß im Schiffe, und trank mir zu. Dabei fiel mir der Schulmeister schwer auf das Herz! Ich hörte wieder das „Schade, Schade!“ Dennoch segnet’ ich meine glänzende Interims-Uniform, die mir doch wenigstens einen seligen Augenblick, die aufkeimende Neigung, das Sprengen der Knospe ihres Herzens, bei einem so schönen jungen Mädchen zu schauen vergönnt, wie Miß Lisanna! Denn aus Ovidius wußteich, daß eine gewisse allmächtige Leidenschaft mit Erschrecken und Zittern, mit Furcht und Beben beginnt. Auch aß sie keinen Mundbissen. Auch ich war satt, und wußte doch nicht von was. Ich vergab daher endlich auch ganz und gar der Marion, die selbst den rothen Daniel dem schwarzen Lambton vorgezogen, und wünschte ihr fröhliche Sechswochen. Nur die 100 Pfund! die 100 Pfund brannten mir auf dem Herzen! Besonders seit Roßborn meine Vollmacht, sie zu heben, kannte, und Ich die 100 Pfund redlich gezeigt, aber grade zum Schaden meiner Redlichkeit! — Miß Lisanna ging zeitig vom Tische, sagte leise gute Nacht, und sah sich selbst in der Thür nicht einmal um, so sehnsüchtig ich nach ihrem Blicke war! Denn — ach, sie ging! sie sahe nicht auf, mich nicht an! sie wird mich nie wieder ansehen! Heut ist mein letzter Ehrentag — morgen trag’ ich den Tityrus-Rock! stöhnt’ ich, und ballte die Faust in der Tasche. Wehmüthig ging ich mit Clarke zu Bett, der mich frug, was ich so verzweifelt aussehe! Er legte nur Rock und Stiefel ab, schlüpfte in das Bett, legte sich hart an die Wand und schlief seufzend ein. Vielleicht seufzt’ er gar auch nach Lisanna! Ein Maler versteht sich auf Schönheit, und schön ist er selber. Darum fühlt’ ich die schrecklichste Eifersucht und Todesangst im Voraus, als er im Schlafe näher und nahe an mich rückte, seinen Arm um meinen Nacken schlang, und mich, noch lange gedankenvoll Wachenden, drückte; ja er wollte mit seinem Lockenkopfe auf meiner Brust ruhen! Jetzt ward ich ernstlich böse — aber die Hand ließ ich doch dem armen Schelm in seiner. Er liebt ja Lisanna! — Also Lisanna! das arme Kind! du armer Lambton! unterbrach ich unwillkürlich mehrere Male mein Nachtgebet, bis Sir Horazio’s Marmorbilder, Lisanna, Theano, die alte Russel, die Wasserhose, der Gott Tangalon, Roßborn, Sir Samuel,Lämmer und Rinder mich in holder Verwirrung umgaukelten, und in den Schlaf brummten, blökten, blickten, erschreckten, und entzückten — jedes nach seiner Art. —
Sonnabend Abend.
Man soll nicht aus der Schule schwatzen, denn wie die Weiber sind; aber aus der Schule, die ich von dem andern Morgen an, den ganzen Tag über alle Tage mit dem lieben Viehe hielt, will ich gern kein Wort verrathen. Doch ging es im Ganzen besser, leichter und lustiger, als ich mir vorgestellt, und die bekannte Methode, mir Ordner, auch unter den Ochsen zu wählen, bewährte sich auch hier. Wenn nur die vermaledeiten Bremsen nicht waren! Denn es war zum Verzweifeln, wenn die Ordner an der Spitze, und dann die ganze Schule stückweise davon galopirte, durch allerhand Sorten Getreide, wie Hannibals Ochsen. Ich wartete es geduldig ab, ohne mich mehr, wie das erste Mal, in Galop zu setzen, wo ich gleichsam mitbieselte, mit aufgehobenem Stocke. Denn der deportirte Pudel, Herr Phylax, nahm sich darauf meiner an, wie ich mich seiner durch Crabben verlassenen Person angenommen, und sammelte wieder die keuchenden Schüler. Wenn nun die gewaltigen Thiere, wie so viel Joves, auf solche Ermüdung lange nicht fraßen, sondern sich hinlegten, so waren die Bremsen meine Götter, die mir diese Ruhe „machten.“ Doctor Toland gab mir endlich ein Kraut, es den Thieren anzuhängen. Er ist ein Menschenfreund!
Clarke sahe meine Angst jedes Mal von weitem, mitten unter seinen geduldigen Lämmern, und ich verstand an seiner Bewegung recht gut, daß er sich todt lachen wollte. Ich bedauerte ihn, und dachte; Schafe hüten ist keine Kunst, aber Rindvieh. —Lisanna brachte uns das Mittagsessen in’s Feld, und sie tröstete mich freundlich, ob sie gleich nur mit Mühe das Lachen verbiß; die Thränen aber standen ihr in den Augen. Betrübt und ernst, wie ich wohl Ursache hatte zu sein, sah ich vor mich nieder und hätte auch lieber geweint. Dann wußte sie es zu machen, daß sie beim Hinreichen des Korbes meine Hand berührte, oder ich die ihre mit faßte — darauf enteilte sie. Sie ist ein Engel, der Engel Tobiä! sprach ich zu mir, während ich mich in die Blumen zum Essen setzte und ihr nachsah, und sah — wie sie neben Clarke sich setzte! und lange mit ihm sprach! Das war auch ein Jammer. Doch wenn ich unterdeß im Grunde des Körbchens noch Orangen, Feigen und frühe Nectarinen fand, die sie mir versteckt: so wußte ich nicht, was ich denken sollte. So lieb mir sonst Clarke war, so verhaßt und täglich verhaßter ward er mir nun. Traf uns Lisanna zuweilen beisammen, setzte sie sich zu uns, so sprach sie mit Ihm, sahe Ihn an, während der Wind ihr das schwarze Haar über die Wange wehte, oder ein Wolkenschatten über uns hinflog, und sie wieder hervorglänzte, als verkläre sie sich und schwebe. Das Alles mußt’ ich mit ansehn! Und sie bemerkte, ohne herzublicken, daß ich sie ansah; und doch sahe sie mich nicht an, und sprach nur desto holdseliger mit ihm, und lächelte so hold, so lieb! Wenn Clarke nicht dabei gewesen, wäre ich ihr vielleicht um den Hals gefallen — vielleicht auch nicht, wie die Russel sagt. Und doch verdroß es mich von Ihm, wenn er so unbescheiden war, ihre Hand im Gespräch zu ergreifen, ja ihr die Locken aufzurollen, wenn sie zwischen uns saß, aber immer näher an seiner Seite. Erbittert stand ich dann auf, und schlug nun erst das Rind, das zu Schaden fraß, wozu ich vorher nicht Zeit gehabt; so pflichtvergessen konnt’ ich sein! Dann aber blieb auch Lisanna nicht beiClarke, und das war mein ganzer Trost. Kurz an meiner Eifersucht merkt’ ich, daß ich — daß ich — armer Lambton! Ich hätte das nie gedacht, ach — weil ich es nie gefühlt, ja nicht geträumt — das Wort, das umgekehrt Roma heißt! Mehr kann ich nicht sagen, ich schäme mich vor mir selber. Auch sucht’ ich mir nichts merken zu lassen. Aber Clarke hatte zu schlaue Augen, und lachte mich aus, wenn wir allein waren. Er versicherte mich, von Ihm hab’ ich nichts zu fürchten, und dabei sah’ er so ehrlich aus, daß ich ihm gern geglaubt hätte, wenn es ihm nur nicht wiederum auch lieb geschienen, daß ich eifersüchtig auf ihn war. Warum? war mir undeutlich. Er ist einmal ein eigner Mensch. Grade so wie er aussieht, liegt ein schöner marmorner Jüngling auf einem gesteppten Pfühl in Sir Horazio’s Bibliothek. Ich dächte, er nannt’ ihn einen Aphroditenhermes. So war’s doch; und so ist Clarke. Und hatte sich ihm Lisanna nicht halb vertraut? Denn er wußte und sagte mir: daß sie nicht Sir Samuels Tochter sei, daß sie der Frau Russel als ihrer Pflegemutter am nächsten angehe. Denn weder Findelhaus, noch Waisenhaus gebe es in Hobarttown. Was bedürfe aber eine Waise dringender, als Eltern, oder doch einer Mutter, so arm sie sei, und Pflege, Lehre und Liebe, so gering sie sei. So gäbe man Waisen an gute kinderlose Eltern, um Zweien so gut, wie möglich, zu helfen. Und mit schwerer Hand freilich, aber doch thu’ ihr Frau Russel alles Gute. Dagegen bleibe Sir Samuel so launisch gegen sie, daß sie ihn durch die größte Stille, den emsigsten Fleiß bis tief in die Nacht, doch nimmer zufrieden stelle. Es sei ihr drückend, daß er ihr Alles wie nur aus Erbarmen gewähre, ja zuwerfe — doch hasse er sie nicht! Er beweise ihr wiederum so viele, viele Güte, Zärtlichkeit, ja etwas Wehmüthigeres, als Liebe, ach, nur nicht lange! Er halteihr Lehrer — und schicke sie wieder fort! Er lasse sie sticken und zeichnen — und verderbe ihre Zeichnungen und Stickereien! Oft schenk’ er ihr schöne Kleider, und sehe sie gern darin; dann müsse sie sich einfach, ja schlechter tragen als die malayischen Mädchen Talo und Ofa, und sehe sich bloß in die Küche verwiesen, und dürfe selbst nicht am Tische erscheinen, woran doch sogar der kleine arge Hobday esse, und Talo und Ofa, und nun Herr Clarke — und Herr Lambton! — — Das Alles that mir zu hören noch mehr wohl, wie weh! Denn wie sich zur Liebe für dieß schöne gute Wesen noch Mitleid gesellte, dann schmolz mich gleichsam ein wehmüthiges Gefühl; und hatte ich sie bisher schon geliebt, jetzt hätte ich sie fast angebetet. Aber Sir Horazio sagte, wenn er von den schönen Madonnenbildern in Italien sprach: „Ein Weib werde mehr, wenn sie nur ein Bild erscheine! Denn das Vollkommene sei sich allein immer gleich, und darum auch in vollkommener Ruhe. Darum erlangten die Todten auch schon etwas Heiliges und Göttliches über uns, die wir mit zitterndem Herzen vor ihnen stünden, sie beweinen — und ahnen: daß vollkommene Ruhe vollkommene Seligkeit sei. Und der Todte sei ein göttliches Bild, und ein Bild ein göttliches Todtes. Wenn nun ein Weib uns anders nahe, als in der Gestalt, in welcher wir sie zuerst geliebt; wenn sie nun auch gehe, esse, schlummere, rede, nur ein anderes Kleid anlege, dann werde sie gleichsam so vielmal verdoppelt, als wir sie anders in anderen Tagen gesehen, und es fehle ihr die eine, die selige Gestalt; Deßwegen bete man jene Bilder wohl an, weil sie nur Bilder sind.“ — Sonst glaubt’ ich Ihm das fast; jetzt — jeden Tag weniger, da ich an Lisanna sehe, oder an meiner Seele, daß die Liebe ein immer Neues, Schaffendes, Belebendes ist — und die Liebe ist ja das Vollkommene! unddoch ist mir — mir Lisanna’s erstes Bild das liebste von allen, welche ich von ihr in meiner Seele, wie in meiner wahren ruhigen Wohnung aufstelle, oder wie in einem Rahmen an den Orten wieder erblicke, wo sie mir in andrer Gestalt erschienen. Und so habe ich schon eine Madonna mit dem Sympathievogel, eine mit dem Schnabelthier, eine mitdem Lamme, und eine mit Lambton; also vier Gemälde, so gut wie Sir Horazio, die ich mit seinen nicht vertausche; und vielleicht kommen noch mehrere hinzu — vielleicht auch nicht!
Sonntag Abend.
Unsere Englischen Geistlichen haben den Vers verkehrt verstanden: unser Herr Gott arbeitete sechs Tage an der Welt und ruhte Einen; sie arbeitenEinenund ruhensechs. Nur den armen Schulmeistern hat man den Text richtig ausgelegt. Immer freut’ ich mich daher auf denSonntag; und wenn ich ihn wieder herangelehrt und gekämpft, und noch müde vom Joche ihn früh für einen gewöhnlichen Tag hielt, bis ich den Küster hereintreten sah, den kind-hohen Kirchenschlüssel auf den Arm gehangen — dann ward mir gleich so wohl, so feierlich zu Muth! Himmel und Erde sahen mir auf einmal so geistlich, so geschmückt aus, und wenn es auch draußen neblig war, daß ich die Lindenstämme vor meinen Fenstern nicht sah. Heut’ ist mir wieder so wohl! Es ist Sonntag in der ganzen Welt, auch für Clarke und Lambton, und jeden geplagten Schulmeister, wie für die Ochsen und Schafe; und der Mensch läßt seinen frommen Sinn auch der Natur angedeihen, selbst dem fühllosen Pflug’ und dem bräunlichen Acker. So ist denn das Christenthum wahrlich auch denengegeben, die es nicht verstehn! nur genießen — der ganzen Welt. Also Sonntag!
Neue Verlegenheit! In meinem Bubulcus-Gewande konnt’ ich doch heute nicht hinunter zu Sir Samuel gehen, und in meiner Uniform — schämt’ ich mich. So saß ich allein auf dem Bett in allerhand Gedanken; denn Clarke war schon, dacht’ ich, bei Lisanna — als Frau Russel herauf kam, mich zu holen. Denn es sei Pflicht, daß jeder Deportirte zur Kirche der Deportirten gehe, Herrn Patrik zu hören; übrigens sei der Sonntag unser. So erschien ich denn in Galla. Alle saßen bereit in Sonntagskleidern. Lisanna stand auf und holte das Frühstück. Wie ihr das Leibband nachflatterte! wie lieblich ihr der englische Hut stand! wie freundlich Sir Samuel war, als er sagte: Sonntag mag Euer Rock passiren, Herr Lambton, dann hab’ ich Respect vor Euch; wochentags verlang’ ich ihn vormir. Das schien auszudrücken, daß, wie die heidnischen Römer bloß an den Saturnalien schon ihre Diener bedienten, Er als ein Christ alle Sonntage mich so gut hielt, wie sich, als wenn alle Menschen gleich wären! Gott segne ihn! Nur ob Lisanna nach meinem oder Clarke’s Bilde im Spiegel sah, das möcht’ ich wissen! Aber sie lehrte mich dadurch, sie unbemerkt anzusehen. Dann gingen wir Alle zur Stadt, und die malayischen Mädchen bewahrten das Haus. Denn sie beten noch den Donner an, aber Ofa nur dann, wenn es einschlägt; daher sagt Sir Samuel: sie haben keine Religion! Ich soll eine Sonntags-Schule anlegen, und Talo unterrichten, auch Lisanna soll zuhören! Wie wird Sie meine Seele erheben! —
Im Vorübergehn zeigte uns Frau Russel die Kirche, in die Ich und Clarke zu gehen hätten! Lisanna seufzte schwer — vielleicht über mich — wendete sich ab, und sah zu den Wolken. Dochmir ist diese gute List zu wohl bekannt: hinauf zu sehn, wenn man weinen möchte und nicht darf, und die Thränen Einem in’s Auge treten! sie verziehn sich dann, oder man kann sie der Blendung zuschreiben, oder niesen. Ach, wenn sie nur wüßte, nur glaubte, daß ichunschuldigbin! Brächte nur die Golette den Capitain York! das wünscht’ ich sehnlich.
In der Kirche fanden wir alle unsere Gefährten, die uns heimlich und freundlich grüßten. Ihre Gesichter schienen verwandelt, diese heitrer, jene ernster, aber alle gefaßter, ruhiger — sonntäglicher! Auch ihre sauberen Kleider erfreuten mich. Ich konnte mir gar nicht mehr einbilden, daß ich der einzige Unschuldige unter ihnen sei! Der englische Geistliche betete uns dann die Collecten, Psalmen, Bibelabschnitte, die Litaneien, die mosaischen Gebote und das Vaterunser mit Ausdruck zwar, doch mit unerhobener Stimme vor; denn er schien alle seine Kraft für die Predigt zu sparen, und dazu braucht’ er sie wirklich.
Denn diese „Verdammten-Predigt“ — (condemned Sermon) — die Uns zum Leben und nicht zum Tode bereitete, die ich mir darauf von Herrn Patrik in der Handschrift ausbat, und jetzt mir hier, hoffentlich zum Andenken, in mein Reisebuch einschreibe, lautete mit allen, von der Vernunft gezogenen himmlischen Glocken also:
„Meine Herren Deportirten! und Brüder in Christo! Vielleicht Handwerker, Pächter, Gentlemen, Esquires und was weiß ich . . . . . . aber gewiß: Spitzbuben, Mörder, Auferstehungs-Engel oder Teufel, falsche Spieler, Banknoten-Pfuscher, Brandstifter und Kinderräuber — — — — Ihr wundert Euch, daß ich Euch bei Eueren Namen nenne? Doch Ihr seid nur hier, weil Ihr Euch früher nicht selbst so genannt, noch ein Anderer! Darum muß ichEuch nun mit schwerem Herzen so nennen! Hier ist das Land, wo man die Menschen kennt, und Jeder sich selbst. Denn die Liste seiner Sünden kommt als seine Ahnentafel, sein offener Pathenbrief mit ihm in diese neue Welt. O daß er Euch so bei Eurer Geburt in die alte Welt wäre mitgegeben worden, Jedem so mitgegeben würde, dann könnten Eltern und Erzieher sich danach richten, dann kamet Ihr nicht hierher vor meine Kanzel! O Gott! o traurige Wallfahrt der Menschheit aus dem Paradies in das Himmelreich!
Nun laßt mich offen zu Euch reden! Und Ihr, höret mich offen an!
Erstens, verschreibe ich Euch das allervortrefflichste Mittel gegen das Heimweh. Es wächset im Walde und heißt — der Galgen, der Euch in der Heimath erwartet, wenn Ihr vor der Euch bestimmten Zeit zurück — flieht. Ihr könnt auch hier in die Berge fliehn zu den Wilden, wenn Ihr, die Ihr so lange gegessen habt, auch einmal wissen wollt, wie dem ist, der gegessen wird. Also bleibt in der Lehre und Zucht! entlauft nicht von der Bleiche, als halbe Mohren, als Seelen-Mulatten! —
Zweitens, erinn’re ich Euch und frage: haben Euch Euere Todfeinde je so viel Herzeleid und Schmach angethan, als Euere Laster? diese falschen Freunde und süßen Schmeichler des Bösen, die für Eine angstvolle Lust nicht unter Ein Hundert Schmerzen bereiten.Siesetzten Euch gefangen, sie brachten Euch Verwünschung und Verachtung, Enterbung und Verweisung; Sie machten, daß Ihr zum Weinen jämmerlich hier vor mit dasteht! Erkennt sie nun, und jagt sie aus Herzen und Haus! —
Drittens, vergleiche ich Euch mit jener Palme in Japan, die keine Nässe verträgt, sondern davon verdorrt. Nichts Andereshilft sie herzustellen, als sie auszureißen, sie dürren zu lassen, und dann in eine im Sande bereitete Grube zu setzen. Da, im Trockenen grünen ihre Zweige wieder saftig, und kräftig trägt sie auf’s neue die süße Frucht. Wieder vergleiche ich Euch mit dem Trauerbaum in Indien, der nur blüht, wenn die Sonne untergegangen, und vor dem Tage die Blüthen abwirft. Ich vergleiche Euch mit den Giftpflanzen, die meistens in sumpfigen Gegenden wachsen. Wenn man sie in reinen guten Boden versetzt und anbaut, verlieren sie ihr Gift. Der weise König Salomo sagt: sie schlafen nicht, sie haben denn Böses gethan; sie ruhen nicht, sie haben denn Schaden gethan — so sage ich Euch denn, die Ihr Beides: Uebels und Schaden gethan: so schlaft denn! so ruht denn! —
Viertens, dinge ich Euch, Ihr Tyburn entfloh’nes Gesindel,geweseneRäuber!geweseneMörder! Für Euch ist kein froheres, kein trostreicheres Wort, als das sonst so furchtbare, die ganze Natur zerstörende Wort:gewesen!Nach Allem was der Mensch gethan, gelitten, geliebt und gehaßt hat, bleibt er ein Mensch! Und was könnt Ihr mehr sein wollen, als: Menschen? Aber wollt auch Menschen sein! Nicht was Ihrbis hiehergewesen: Füchse, Luchse, Marder, Maulwürfe, Schlangen und Ottern. Streift alle die Häute ab, und verwandelt Euch in Menschen! Bildet Euch etwa nicht ein, daß eslebenslänglicheMörder, Ehebrecher und Diebe giebt, wie es Thiere giebt, die zeitlebens Hyänen, Böcke und Raben bleiben bis auf den letzten Pelz und die letzte Mauser. Bilder Euch also nicht ein, daß Ihr bleiben müßt, was Ihr vielleicht nur Eine Stunde waret! Denn welcher Mensch weiß am Morgen, was ihm des Tages über begegnen wird? Was er denken, empfinden, beschließen, welcher Mensch, welche Lust ihn reizen, welche Leidenschaft seine Seele empörenwird! Ach, — ich hoffe, ich wünsche es — Alle haben die Nacht zuvor in Frieden geschlafen, ihr Morgengebet verrichtet und auch die Worte gesprochen: Führe uns nicht in Versuchung! Aber die Leidenschaft ist wie der Wind, von dem Niemand weiß, woher er kommt und wohin er fährt, und Jeder hört doch sein Brausen. Doch sein Vorüberziehn richtet oft Grauses an, wirft um, was nicht mehr aufgebaut wird, wie ein Todter nicht wieder erweckt wird. Und so ist auch der böse Menschkein Fehler— er fehlt nur! ein Mensch fehlt! ein Mensch hat gefehlt. Die Menschen sind Raqueten, die gefüllt und trocken ruhig an dem Gerüst des Lebens hängen, bis ein Funke sie entzündet. Die Menschen sind Kanonen, die nur donnern und morden, wenn sie losgebrannt werden; sonst stehen alle umher und schlafen wie die Menschen — ach, und wer es sich nicht eingebildet, von wem man es nie gedacht hat, den führt man am Abend in Ketten herein, als leichten oder groben Verbrecher. — Ihr seid losgebrannt — entladen! Ihr seid hereingeführt. Wer wird nicht aufgeweckt aus seinem schläfrigen Lebensgange, wenn er einen Fehltritt that? etwa einen tiefen — von der Höhe der Menschheit plötzlich herab? Wem schlägt das Herz nicht, der geraubt und gemordet hat, wenn er auch nie mehr von dem schlafenden Engel in uns, von dem Gewissen gewußt hätte als seinen Namen! Wem droht dann nicht sichtbar ein Finger vom Himmel? Wer hört den Vater nicht, wenn er sich an dem Kinde vergriff? Wer erkennet den Gott nicht, wenn er des Teufels war? Glaubt mir, meine Brüder in Christo, immer noch von der Gesellschaft Jesu, Spitzbuben, Räuber und Mörder, Ihr habt hinfort mehr Anspruch und Hoffnung auf ein ruhiges, ja seliges Leben, als alle die MillionenSchlafwandler, die noch gut heißen, weil sie schlafen. Ja, sie sind darum vielleicht wertherund bedürftiger als Ihr, meine Predigt zu hören. Denn ich verbürge nicht hier mit meiner Sanduhr, daß in 8 Tagen auf der ganzen Erde nicht Hundert — eingeführt sind, die heut, jetzt noch sehr liebe Männer scheinen, und vielleicht sind. Ihr stahlet — dieweil Ihr schliefet! Ihr habt aber das ewige heilige Gesetz, Ihr habt den Gott in Euch erfahren, Ihr fühlt ihn noch und immer, der da heißt: Licht, Rath, Kraft, ewig Vater, Friedefürst! Das Herz des Menschen ist voll Irrthümer. Der Tag, wo Ihr keinen einseht, ist ein verlorner. Denn wenn Christus selber sagte: „was nennst Du mich gut? Gott allein ist gut,“ so kann unser Bestreben nur sein:besserzu werden, aber immer besser, ohne Ende, ohne Ermüdung, ohne müßige Zufriedenheit mit uns selbst; und in diese verfielen wir, wenn wir leidige Menschen je glaubtengutzu sein. Und wie sehr, wie rasch könnt Ihr Euch bessern! und wie viel Irrthümer habt Ihr abzulegen! Ich wünsche Euch Glück dazu! Der Wille besser zu werden, der ja ein guter Wille ist, wenn nicht mehr, vertilgt durch sich selbst alle Sünde, und Eine gute That aus vollester Seele ist allen guten Werken gleich. Denndas Guteumher in aller Welt schafft Gott. So ding’ ich Euch denn und geht Ihr spät zur Arbeit in den Weinberg — Ihr sollt auch noch eueren Groschen bekommen.
Fünftens, tröste ich Euch: Was Ihr auch gethan habt — Gott hat es ausgeglichen! Wenn den Menschen die Leidenschaft — der Teufel — ergreift, dann ergreift ihn ihrerseits der Gottheit Hand, damit er Andere und sich nicht ganz verderbe, im Gegentheil ihnen nütze. Der Mensch ist und wird so lange unmündig, als er seiner Vernunft nicht mächtig ist; und der Ober-Vormund Aller wird, bis sie wieder hell ihn erleuchtet, auch der seine. Die durch Euch Verarmten hat er wieder reich gemacht, wennsie nicht besser arm blieben! Denen Ihr die Tochter oder den Sohn geraubt, die hat er wieder mit Kindern gesegnet, wenn Ihr jene nicht raubtetzu ihrer Strafe, um Eltern und Kindern so auf besonderem Wege das ihnen von Gott zugedachte Gute zu thun. Die Ihr getödtet, sie schlummern ruhig in seiner Erde, und ihre Geister leben in seinem Geist. Und doch hat Er Euch dadurch aufgeweckt. EineSeeleauferwecken ist ein größeres Wunder, als einen todten Leib erwecken — sagt Augustinus recht sonderbar nun hier, nun heute durch mich und aus mir. Gebt in den Sarg der vergangenen Tage alle eure Werke mit! Seien sie todt und begraben. Ihr abererwacht! erwacht! erwacht!und wandelt in einem neuen Leben!
Sechstens, frage ich Euch, arme Sünder, wo ist ein Mann dem Gesetze verfallen, der eine Million Pfunde oder Menschen commandirt? Wann ist eine Prinzessin an den Pranger gestellt worden? Wo ist ein Königssohn gehangen worden? — außer in China. Ihr seht also, welche durchgängig tadellosen, welche vortrefflichen Leute die reichen Leute sind! wie leicht ihnen derAnstandwird; wie keck der Arme ist, weil er Nichts hat. Vor demGesetzesind Alle gleich, das ist die große Lüge in den Welt-Menschen, die die Welt-Menschen schon allein verdirbt. Geben die Georgen, unsere Könige, einem zudringlichen Bettler eine Maulschelle, das ist nur Rang- und Machtvollkommenheit; aber giebt ein beleidigter armer Schuster dem Bischof Eine dergleichen — welcher Gottesschänder! Aber ich sage Euch: Der Mächtige und Wohlerzogene, der Unrecht thut, ist doppelte Streiche werth; werth, doch bei dem Werthe verbleibt es. Der gemeine Mann, der arme Mann sollte, um pari zu wiegen, wenigstens tausendmal besser sein als der Reiche. Denn Netto und Sporco-Gewichtist erstaunend verschieden. O Brutto! O Tara! Ihr Netto-gewogenen, Ihr seid darum alle wahrscheinlich arm, und dumm, weil Ihr bös, und bös weil Ihr dumm war’t: Drei Fehler, wovon schon Einer den Menschen in der Gesellschaft zu Grunde richtet, aber alle Drei ihn gewiß aus Altengland nach Vandiemensland bringen. Darum werdet reich! Ich sage reich: an Verstand, klug im Sinn, gut von Gemüth — um keines Gesetzes, also auch keines Richters mehr zu bedürfen, als dessen — der im Verborgenen richtet; und Ihr — werdet die Wahrheit erkennen; unddie Wahrheitwird Euch frei machen. Also sonst Nichts, aber sie gewiß!
Siebentens, fordere ich nicht von Euch, daß Ihr Einen Fehler ablegen sollt. Denn die ganze Welt konnte es bis heute noch nicht. Und welche Veränderungen auf der Erde würd’ es hervorbringen, wenn alle Menschen nur Einen Fehler ganz ablegen wollten! zum Beispiel: nur den groben Mord, das Tödten! — Aus wäre Krieg und Streit, das Himmelreich begönne auf Erden, als da, wo es eben bloß nöthig ist, und nicht im Himmel. Was halfen bis jetzt alle spätere Propheten seit Moses, was selbst allein und für sich ohneThäterdes Wortes, die göttlichste Lehre. — Das Menschengeschlecht steht noch, Auge um Auge, Zahn um Zahn fordernd, am Berge Sinai, es ist in der Hauptsache: in der Menschen-Liebekaum einen Schritt aus seiner alten Wüste geschritten, trotz der unendlichen Mühe von hundert Orden (etwa von Malta) und tausend Klöstern, trotz redlicher Päpste und löblicher Clerisey, trotz Wiklef, Knox und Warden bis heute auf mich herab, der ich im Kehrwinkel der Welt hier stehe vor Mördern predigend! Untersteht Euch zu leugnen, was ich sage! Seid nur ruhig! Denn darum verlange ich nicht, daß auch IhrEinen Fehler ganz ableget — sie werdenalle zugleichnur seltener, nur schwächer — legt Alle nur erstein wenigab — ich meine: bezwingt sie, dämpft sie, leitet sie ab! Laßt den Mord — eine Ohrfeige werden — dann die Ohrfeige wieder ein sanftes Streicheln der Wange; den Ehebruch: ein Anlächeln, dann das Anlächeln ein Auslachen; den Raub: ein bloßes Handausstrecken, dann das Handausstrecken — ein Handeinstecken; den Verrath ein Lallen mit der Zunge, dann das Lallen: ein Schweigen. (Und das Alles als das halbe Werk, bis die ZungeGutesspricht, die Handgiebt, der Fuß zur Rettung eilt.) So wie Oben gesagt, so thut die Welt, so thun die Bessern selbst und heißen die Guten, bis siebesserwerden. Denn ohne Sünde ist Keiner! und auch nicht Einer!
Achtens, warne ich Euch: seid nicht so anmaßend zu glauben: Ihr leidet um Eurer eigenen Fehler willen! Dazu seid Ihr die Leute nicht! Ihre eigenen Fehler büßen nur die größten Männer aller Zeiten, und genießen ihres eigenen Guten. Das Menschengeschlecht ist so verwickelt, so in einander verwachsen, aus tausend Absätzen zu einem einzigen Rohre hinaufgeschosset, daß Eines für des Andern Verschulden leidet, das lebende Geschlecht für das vergangene, ja die vergangenen alle; die Kinder leiden für die Mängel und Versehen der Eltern, das Volk um — das Land, der König für das Volk. Ihr seid die verkörperten schlechten Seelen Euerer Eltern, die Spiel- und Weinsucht des Vaters, der Putz und die fette Küche der Mutter; Ihr seid die Dummheit Euerer Lehrer, die ferne und kalte Schule; Ihr seid die Saumseligkeit, die Hartherzigkeit, die Lieblosigkeit Euerer Nebenmenschen. Ihr seid der Beweis noch vielfach-irrenden mangelhaften Geschlechtes, die Opfer eiserner unddoch nichtbindender Gesetze. Ihr seid der Fensterladen eines Zahnarztes in England, dener mit allerhand bösen Zähnen geschmückt, zum Beweise: was für ein braver Ausreißer er sei, was er für Schmerzen gestillt und erregt. Ihr könntet euch freuen und stolz sein, wenn Ihr die Opfer für das Glück eueres Volkes wär’t, wenn um so viel schlechter Ihr seid, alle jene Zurückgebliebenen nun besser wären, so wie der Wein, der seine Hefen ausgestoßen. Aber — aber! ich höre von Schiffen die noch kommen sollen! Ich hörte Viele sich glücklich preisen, die — meine Rede hörten! Und wieder auch, daß sie kommen, ist der schönste Beweis für das freieste Land! den besten König! Darum segnet Ihn, und segnet Altengland, denn —
Neuntens, lehre ich Euch: Es hat Jemand ein Wort gesagt, das dem Jemand Ehre und Schande macht, so einfach und albern, so schlecht und gerecht, so erhaben ist es; der Jemand, der mit dem ersten Buchstaben — Robespierre heißt, sagte, als das seinem — Menschenköpfe liebenden Gemüth mit Himmelsgewalt abgepreßte Wort: „Das erste Recht des Menschen ist das Recht zu existiren.“ Und nur der Gegenhändler der Schöpfung, Satan, kann das bestreiten — wollen. Da aberder, welcher nun gütigst existiren darf, ein von Gott mit Geist begabtes, nie ruhendes rastlos vor und fortschreitendes Wesen ist, so ist ihm Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich mit der bloßen Existenz zugleich gütigst zugestanden. Mit Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich — das bekanntlich und lautausgesprochenermaßen nur in uns liegt, also in uns lebenden Menschen, also nicht künftig erst wo da draußen in der Luft voll Goldstaub, der Sterne heißt — mit Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich, ist dem Menschen, also allen Menschen, allem Volke auf dem Lande, in den Städten und Pallästen, summarisch: allem Pallast-, Stadt und Landvolke, der Weg und jedes Mittel zu Glück, Bildung,Tugend und Himmelreich zugestanden! Und da schon das bloße Himmelreich aus Friede, Freiheit und Gerechtigkeit besteht, so ist Allen alle Weisheit, alle Lehre, alle Kenntniß zugestanden — nicht bloß schändlicher Weise: dreißig Tropfen davon auf Zucker, mit dem alten Worte: Gott wird helfen! Und zu aller Weisheit und aller Lehre gehören allem Volke mit dem bloßen göttlichen Rechte der bloßen Existenz: alle Lehrer frei, alle Rede frei, alles Lernen frei, alle Schrift frei, in dem Hause Gottes, wie ja in jedem Hause der Menschen. Nun hört mich: Wer nun Einen oder Mehrere — Menschen — an der Existenz gefährdet, verliert der den Anspruch aufBildung, oder bekommt er Einenmehr?Hat er sich derselben als unbedürftig und unfähig gezeigt, oder hat er die unerläßliche Nothwendigkeit: ihrer theilhaft gemacht zu werden, grade durch seine schlechte That laut schreiend und unzweifelhaft an den Tag gelegt? Von der Masse des Volks, die so fort faselt, faselt man: sie sei auf dem Wege zum Guten, oder zum Bessern. Er, hat seine Unbildung, sein Herz, seinen Sinn verrathen! Seine Tyrannei! Er, er sei wer er sei — — Er muß also gebildet werden, fähig das Leben zu leben, und Andern zu helfen, diesen Schatz zu heben. Dazu nun darf der Mensch der menschlichen Gesellschaft, die ihn allein nur bilden kann, nie beraubt werden, am wenigsten aber — seines Kopfes, als welchen er eben am nöthigsten braucht. Christus hat zwar den Teufeln erlaubt: Säue in’s Meer zu stürzen, aber den Menschen nicht: Menschen vielleicht indie Hölle(und — „Viel besser ist nun ein Mensch denn ein Schaf;“ Matth. XII 12.), denn es wäre ein ganz unverzeihliches „dahero retour!“dem Himmelin Armesünder-Kleidern Kandidaten zu schicken — die der Erde zu schlecht sind, weil man glaubt: Gottmüsseverzeihen, die sündigen Menschenbrauchen es nicht; ja es wäre ein Mißbrauch der Unsterblichkeit, weil sie nur ewiges Leben ist, zu welcher auchdieses Lebengehört. Denn Lucä II. 35. steht ein gar bedenkliches Wort von denen: „Welche aberwürdigsein werden, jene Welt zu erlangen, und die Auferstehung von den Todten!“ Demnach kann und wird es also Viele geben — die da nicht würdig sein werden. Und man kennt sie schon hier. DerAbgethaneaber, wie man so bequem die so bequem gemachte Sache ausdrückt, ist verloren für seinen Zweck auf der Erde, für sich und die Menschheit. Wie der Baum fällt, bleibt er liegen. Wennmannun desBeispielswegen abthut, unbetrachtet: daßmanNiemandem die Nase abschneiden soll, um den Andern eine Maske zu machen — und jede Verstümmelung wird, — außer das Kopfabschneiden — mit dem Tode bestraft — istdasnicht im Gegentheil grade dasbesteBeispiel, welches man dem Volke geben kann: daß verwiesene Verbrecher gute Menschen werden, die ihren göttlichen Zweck noch erreichen! Was bedarf ein Gefallener eher als des Aufhebens, des Tröstens, nicht des in die Erde-Tretens! Was bedarf ein Böser mehr, als guter Menschen, daß er bei ihnen bleibe, bleibe wie sie, und nicht wieder falle. Manzähmtdas Thier, undlehrtden Menschen! — dann wehrt er dem Bösen selber. So wird edel und wahrhaft auch fürdie Sicherheitgesorgt — denn eben nicht die, welche Böses verübet, sind am meisten zu fürchten, sondern die Freiwandelnden, noch Unerkannten; und so gäbe es keine äußere gnügende Sicherheit, selbst wenn um jedes Haus eine wolkenhohe Mauer gezogen würde, und jeder Mann und selbst die Wiegenkinder schußfeste Harnische als Kleidung trügen. Aber — ein gutes Herz bewacht sich selbst, den Nächsten und ein ganzes Reich, ein guter Gott die ganze Welt.Also den Störer der Menschheit bilden, ihn seinen Zweck erkennen lehren, Gut und Böse unterscheiden, den Trieb zum Guten zur Blüthe bringen und dazu ihn der gewohnten Gesellschaft die nöthige Zeit lang entziehen, ihm mit den Mitteln, deren sein verstocktes, verworrenes, verdunkeltes und reuiges Herz fähig und bedürftig ist, ernst und stetig beistehen als Einem an dem Herzen oder dem GeisteKranken— und der Lasterhafte ist der leidendste Kranke — ihm Arzt und Pfleger verordnen; wenn er geneset, wenn er schwach noch schwankt, einen Führer zu geben,dashielt der Königliche Stifter von Bontanybay, von Georgtown und Hobarttown für seine königliche Pflicht. Denn wenn ein furchtsamer Hase trommeln lernt, der Canarienvogel eine Kanone abfeuern und ein Floh eine Kutsche ziehn — wenn ein Mensch sichdieMühe giebt, die Geschicklichkeit das zu lehren und die dazu erforderliche Geduld hat, dann soll ein Volk sich schämen, das mit seiner Männer Weisheit es nicht dahin bringt, daß ein Mordbrenner über die Brandstätte mit Kindergebeinenweint, und weint das Haus wieder aufzubauen, und weint, „daß diese Gebeine wieder lebendig werden!“ Aber freilich ist kein Ruhm und kein Verdienst dabei, als — eine Seele zu erretten. Und bessern schwere Ketten und dumpfe Mauern, schlechte Kost und harte Schläge, Zuchtmeister und Spießgesellen und Ränkemeister? oder — die Lehre und das Beispiel, der Umgang mit festen guten Menschen mit einem Worte: das Leben? Und so lernt Ihr hier leben! Euer Leben ordnen Männer, die gleichsam dieSeelenverwandlungdeutlich machen, die selbst wie aus Bären in Menschen gefahren sind, und die nun weder mehr zerreißen, rauben noch tödten wollen, sondern mit der Glut der Erkentniß warnen, bewahren, lehren und bessern. Niemand ist zuverlässiger als ein gebesserter Mensch. Er hat gelernt, ja erfahren, und er wird es nievergessen: daß das Böse bös ist, und das Gute gut, was jedes Kind begreifen sollte, und was einzusehen den Meisten doch so viel Leiden und Reue kostet. Darum ist Euer Kerker: das Wohnhaus des Gerechtwordenen, Euere Spießgesellen sind: gute Kinder und ein frommes Weib — Eure Ketten: Bande der Liebe! Euer Zucht- und Arbeitshaus: die schöne Natur, die Euch zuflüstert Worte des Vaters, und Nachts das Kreuz aus Sternen über Eueren Häuptern glänzen läßt, und Euch umfängt, trägt, segnet als ihre liebsten Kinder! Wenn Ihr das empfindet, ach, dann vergeht nicht in Reue — sie will Euch selbst mit ihrer Liebe nicht tödten, nein, erwärmen, beleben, wieder an’s Herz des Vaters ziehen.