Chapter 3

Aber ich hab’ Euch kein Wort von EuererStrafegesagt? Unsere Strafe sollte bis heut nochRacheheißen, denn Strafe alsStrafeist Rache; wahre Strafe ist aus der mildesten Liebe fließende Warnung, Führung zum Rechten und Guten, wenn auch auf rauhen Wegen, durch bittere Mittel. So strafet selber die Gottheit, und der Gestrafte wird bei ihm der Gesegnete vorzugsweise. Drüben auf den Sandwich-Inseln opfern sie ihren Götzen Menschen. Wir: alten fratzenhaften Gesetzen. Sind die Worte: „Beispiel, Strafe, Sicherheit,“ etwas Anderes als Götzen, mexikanische, unchristliche Götzen! Gestehen wir nur, es ist selbst in Altengland noch ein gut Theil jüdischer Rache, aus den Zeiten der Wüste, darin erscholl: Auge um Auge! Zahn um Zahn! Keine Vergebung! Keine Menschlichkeit, keine Göttlichkeit! Und wie Mühl-Rosse konnten die Rechtsgelehrten ausihrerMühle: demRechtekeinen Ausgang finden, weil barbarische Römer, Republik-Männer ohne Herz und christliche Liebe — die sie noch nicht haben konnten bis Christus erschienen, aufihnen schädlicheVerbrechen den Tod gesetzt; weil Jemand schlecht geboren: ihn zu hängen, weil er schlecht erzogen: ihn zu rädern, weil er verführt, verwöhnt, verloren: ihn zu köpfen. Da erschien fortan und auf immer die Quelleallermenschlichen Gesetze. Wen hat, oder wen hätte Christus kreuzigen lassen, wenn Er am Palmensonntage König der Juden geworden? Selbst keinen Juden! Keinen Pharisäer — erlehrtesie, denn Er war Christus undist noch Christus, der Herr aller Herren auf Erden. Und Wer sich zu Ihm bekennt —ein Jeglichersollgesinntsein, wie Jesus Christus auch war! Also doch wohl vor allen andern: Papst und Jesuiten, Könige und Räthe,GesetzgeberundRichter. Unfehlbar! unerläßlich! Furchtbar, wenn nicht unfehlbar! Unerläßlich, wenn nicht unerläßlich! Wann wird Petrusaufhören, Christum zu verleugnen? oder wer stattPetruses thut! Wann werden Christen anfangen: Christi Gesetze zu Gesetzen zu machen, da doch das schauderhafte Parlament in Frankreich durch einen eigenen Beschluß Gott erlaubte: Gott zu sein! und dieser Gott sprach: Dieser ist mein lieber Sohn, Den sollt Ihr hören! und dieser sein Sohn sprach: Was heißet Ihr mich aber Herr! Herr! undthut nichtwas Ich Euch sage? — Jetzt aber kniet Alle nieder, und betet ein inbrünstiges Vaterunser für Alle, welche — sie wußten nicht was sie thaten — Menschen hängen, köpfen, rädern, spießen, mit glühenden Zangen zwicken, mit Pferden zerreißenließen, oder selber zerrissen, es war nun zur Ehre Gottes, oder zur Rache für Menschen. Kniet und betet! ich bete still mit Euch! — — — — Und nun hört das Göttlichste, was auch Christus gesagt hat, als das Furchtbarste in dieser Welt; hört, was Er sprach: „Wenn aber des Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle heilige Engel mit ihm; dann wird Ersitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit. Und werden vor ihm alle Völker versammelt werden — (auch Jene, welche die armen sündigen Menschen enthaupten, verbrennen und mit Pferden zerreißen ließen). Und Er wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Und Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, und die Böcke zur Linken. Da wird denn derKönigsagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das Euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.Denn ich bin hungrig gewesen, undIhrhabtmichgespeiset.Ichbin durstig gewesen, undIhrhabtmichgetränket.Ichbin ein Gast gewesen, undIhrhabtmichbeherbergt.Ichbin nacket gewesen, undIhrhabtmichbekleidet.Ichbin krank gewesen, undIhrhabtmichbesuchet.Ich bin gefangen gewesen, und Ihr seid zu mir kommen. Dann werden ihm dieGerechten(oderGerichten) antworten, und sagen: Herr, wann haben wirDichhungrig gesehen, und habenDichgespeiset? Oder durstig, und habenDichgetränket? Wann haben wirDicheinen Gast gesehen und beherberget? oder nacket, und habenDichbekleidet?Wann haben wir Dich krank oder gefangen gesehen, und sind zu Dir kommen?Und der König wird antworten und sagen zu ihnen: Wahrlich, ich sage Euch:Was Ihr gethan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr Mir gethan.— Und nun seht, auch Jene, die geköpft oder köpfen lassen, verbrennen, rädern, mit glühenden Zangen zwicken, mit Pferden zerreißen. — — Wem, ich frage, und Gott sagt es: Wem haben Siedasgethan? mir schaudert die Wahrheit zu legen! aber mit Schaudern sag’ ich die Wahrheit: sie haben es Gott gethan, dennMirhabt Ihr es gethan, spricht Christus.Ihr aber verstummt vor Entsetzen, und betet noch ein inbrünstiges Vaterunser! — — — — Und nun steht auf von Eueren Knieen! denn —

Zehntens, begrüße ich Euch: So seid denn aufgenommen durch die Gnade des Königs in diese große, freie Lancaster-Schule! Er läßt seine christliche Gnade über das alte heidnische Gesetz walten, an denen, diedas Gesetznicht, sondern die Menschheit beleidigt haben; in ihrem Namen hat Er Euch vergeben, und ließ Euch nicht an einem — wohlfeilen — Stricke in eine andere Welt fahren, nein, im Schiffe in das neue Leben, wohl versehen, wohl bewirthet, wohl empfangen und eingerichtet, in ein schönes Land wie Elysium, einen einsam gelegenen blühenden Genesungsgarten. Daß er Millionen kostet, bedauert Er nicht, dadas kranke Kinddem guten Vater Ersparniß zum Verbrechen macht, da Ihr dieVerwundetenim Kriege des Lebens seid, in dem das Menschengeschlecht wie ein unermeßliches Heer in ewigen Kämpfen dahin zieht, die eben so viele unsterbliche Siege sind. Daran erfreuet Euch hier, einsam genesend und lernend, aus der Ferne. Die Erde ist das echte Vorbild auchdieserLancaster-Schule, wo ja Einer den Andern erzieht, lehret, pfleget, warnet, heilet, ernähren hilft, und wieder von ihnen beschützt, genährt und geliebt wird. — Die Erfindung lag so nahe! Aber sie war zu einfach und groß, und das Nächste ist oft das Fernste, weil reine helle Augen dazu gehören, es zu schauen, und eine vorurtheilsfreie Seele, von keiner Gewohnheit, von keiner Furcht, nur von Liebe eingenommen. Benutzt diese Schule wohl! Duldet, ehret, warnet, lehret, liebet einander. Gleicht nicht dem übrigen Menschenvolke, wo Einer den Andern vor einer ihm oder den Nebenmenschen schädlichen Thatnichtwarnt, ihm zu einer gutennichthilft, ihn durch Handel und Wandel, durch Streitund Rache in Krankheit, Armuth und Elend, in Haß und Verachtung rennen läßt, wenn er ihm vielleicht nicht die Grube selber gräbt! Welche aber das wissentlich thun oder auch nur geschehen lassen, denn die Sünde derGleichgültigkeit gegen BösesundGutes, und die daraus quillende Unterlassungssünde ist die unverzeihliche Sünde gegen den heiligen Geist —diewird der Gewissensrichter dereinst aus dem Himmel in die Hölle exportiren lassen, wie Diejenigen von EuchDeportirten, die unverbesserlich sich stellen oderscheinen— das sag’ ich der Menschheit und Gott ihrem Künstler zu Ehren —Exportirtewerden, Verlassene, Ausgesetzte ohne Weib und Kind, ohne Rath und That, auf wüstem Eiland! Aber weilGottwill, daß Allen Sündern geholfen werde, darum —

Eilftens, stelle ich Euch Euer Ziel: Sittlich, und bürgerlich frei und selbstständig sollt Ihr werden — statt furchtbar: fruchtbar, statt ehrlos: ehrbar, statt nichtswürdig: vielwerth! Mein Gott! Ihr sollt ja Nichts, als Euch den Hudeleien der Menschen entziehen durch gehaltenes Leben; den Plackereien der Richter, Constablen und selbst der Gesetze, durch Schuldlosigkeit; den bösen Gläubigern und unbarmherzigen Mahnern durch Schuldlosigkeit; allen Zwischenhändlern zwischen Menschen und Satan, die das Himmelreich aufhalten sich niederzusenken, wie die glühende Wüste die fruchtbare Wolke über sich weg jagt, durch stillen Wandel nach menschlichem Ziel. Und verlangt keinen Lohn dafür: daß Ihr gut seid; der Strebende wäre unvernünftig und vorlaut, der richtig Wandelnde unbescheiden, ja frech, nicht klar über sein Glück im Herzen und durch sein Herz! O Himmel! der Himmel hört es und sieht es: Der schönste Lohn des Lebens ist das Leben, das reine menschliche Leben, und ferner sich liebend undglücklich zu fühlen. Das macht die Menschen geringe, wiemansie vielleicht haben will, legt sie an irdische Ketten, und prägt ihre unsterbliche Seele mit dem Bilde des Kaisers, nicht Gottes, daß sie wegen ihrer Pflicht gelobt und belohnet — abgelohnet — werden, und mit Dingen, die kein Lohn, sondern oft nur Fröhnung der Eitelkeit und Verführung des Sinnes vom Leben sind, zu stolzer Erhebung über den Bauer im Kittel, der statt des Ordens darauf, ein redliches Herz darunter trägt und mit herzlicher Gnüge arm und ungeachtet ist. Aber — ein Feld es zu bauen, ein Haus zum wohnen, ist nur der Ort und das Mittel zu leben und zu wirken, und das gönnet Se. Majestät Jedem von Euch, der es aus reinem Drange zu echtem Leben, bedürftig, der mündig ist, und frei vom Gesetz. Die es aber noch nicht fähig sind, diese leben bei Andern, welche sie getreu zu leben lehren. Das ist eineStrafe, die den Menschen besser macht, das ist ein Lohn, der dem Menschengeschlecht ertheilt wird in Euch. Denn wasschadendenn eigentlich alle Vergehen und Verbrechen, warum sind sie so nachtheilig, daß man glaubte, sie sogar mit dem Tode, dem ganz außer Thätigkeit Setzen des Fehlenden bestrafen zu müssen? (denn dem zu schwer Bereuendendie Last des Lebensabzunehmen, ihm aus Liebe, aus Hülfe für seine zerrüttete Seele den Tod und den Himmel zu geben, ist wohl in keines Henkers Herz gekommen;) — Das schaden Vergehen: der Verbrecher raubtsichund Anderndie Zeitund dieMittel zum wahren Leben, zum arbeiten, froh und gut zu sein. Denn die Zeit ist das unschätzbareste Material dessen wir bedürfen, und nichts anderes als Zeit, wenn wir es recht verstehen, bedarf die ganze Welt! und auch Ihr nur: Euch zu bessern, ich: Euch zu lehren. Wenn aber Andere meiner Amtsgenossen ein halbes Stündchen am Sonntag lehren,und die übrige Woche die Menschen wenig erbauen, und wie unsichtbar sind, so will ich alle Werkeltage über von Morgen bis Abend bei Euch sein, daß Christi Wort Euer täglich Brot wird, und am Sonntage wollen wir unser Herz und unsern Sinnerbauen, als den Tempel Gottes und der seid Ihr!

Zwölftensbete ich: Der Herr segne Euch und behüte Euch! Er sei Euch gnädig, und gebe Euch Frieden!“ —

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Das war eine Casualpredigt, ganz ad homines! Zu Anfang einschneidend, wühlend wie nach der Kugel in der Wunde, nach dem Pfahl im Fleisch; dann schmerzlindernd, tröstend, erhebend, zuletzt Balsam aus Mekka, Wein aus Bethlehem. Es war große Bewegung unter den Deportirten! Der Geschworne, Herr Wardrop, gab Zeichen großer Herzensangst von sich. Der Fleischhauermeister Cornbull griff mit der Hand in die Tasche; sein blinder John rollte die Augensterne, und wollte gern den Prediger sehen! Limmerik nannte ihn einen Mammuths-Pfarrherrn! Herr Tydal blickte gerührt auf meinen Hund Phylax, der auch nicht fehlen wollen. Alle waren bewegt, nur die Weiber waren — geputzt; wie die Weiber sind.

In der Kirche hatte Clarke seinen Vetter, den Maler Tydal herausgefunden, und sie gingen dann beide Hand in Hand hinaus in die Gefilde, um die schönsten Aussichten für ihre Landschaften aufzusuchen. Sie wollten sich nach acht langen Tagen wieder genießen, und ihre Leiden klagen, sagte Herr Tydal mir lächelnd, worüber Clarke die Augen niederschlug. Ich konnte dawider nichts haben, und blieb allein mir selbst überlassen; aber es that mir weh. O, was ist ein Freund in der Fremde für ein Schatz! Mittheilung des Neuen, Erinnerung des Alten, Vergleichung derHeimath und der Fremde, und jeder Genuß wird durch ihn erst recht lebendig. Einen Freund in der Ferne neben uns — und wir sind nicht entfernt, nur wie entzaubert auf einen Tag! Und wieder in der Heimath haben wir an ihm die Fremde! Er hat ihren Duft eingesogen, wie die Veilchensteine auf den Gebirgen; er glänzt von ihrer Sonne, wie der Bononische Stein. Er hat gesehen, was wir gesehen; und wenn wir ihn daheim betrachten, können wir wähnen, er sehe das Alles noch, und wir stünden nur abgewendet, mit dem Rücken gegen die sonnige Landschaft. Aber mit einer Geliebten reisen, dächt’ ich, müßte dasselbe, und noch ganz etwas Seligeres sein, vorzüglich, wenn sie dann in der Heimath unser Weib ist. — Armer Lambton! es giebt so viel reine Seligkeit in der Welt zu genießen, die so heimlich, und doch so gewiß vorhanden ist — wem sie gewährt wird. Aber die Gesegneten beschreiben sie nicht einmal uns andern armen Menschen — sie genießen sie nur. Ich denke immer: noch kein Glücklicher hat einBuchgeschrieben, höchstens einen Brief. Darum machen die Bücher auch nicht glücklich, sie zerstreuen bloß die Gleichgültigen oder Unglücklichen; nur dasLebenbeseligt. Wer nur recht leben könnte! Oder wem nur das beste Glück des Lebens gewährt würde — wenn Ich es nennen sollte, ich nennt’ es nach meiner Art: Lisanna! Hätt’ ich dann nicht Alles, was Ich mir wünsche? und ich weiß ja die Stelle auswendig:

Der, wer des Lebens beste Güter hat,Begehre nicht die kleinen auch zugleich!Im Großen und im Ganzen segnet’ ihnEin Gott; und macht die Sonn’ ihm hellen Tag,Was soll ihm all’ der kleinen Kerzen Schein!

Der, wer des Lebens beste Güter hat,

Begehre nicht die kleinen auch zugleich!

Im Großen und im Ganzen segnet’ ihn

Ein Gott; und macht die Sonn’ ihm hellen Tag,

Was soll ihm all’ der kleinen Kerzen Schein!

Des Armen bestes Gut ist Wünschen und Hoffen. Hab’ ich dochnun mein eignes Bett: von Lisanna berührt, und kann unbemerkt und ungestört träumen und weinen — wenn Clarke die Nacht seufzt, ja stöhnt. So lange Er seufzt, bin Ich glücklich! Wenn er nur auch weinen wollte! dann könnt’ ich lachen — aber ich würde nicht!

Weihnachts heiliger Abend 1820.

In Altengland ist heut’ Christbescherung, und die Christkinder — — wer sie wohl eigentlich sein sollen! wohl gar — — oder doch Engel — sie schweben mit ihren großen goldenen Flügeln und Kronen in dem sternehellen, blinkenden Winterabend, wie von den Sternen hernieder, um die Hütten der Menschen, und treten mit ihrem himmlischen Gruß hinein zu den Kindern, mit ihrem Körbchen mit Geschenken voll eigenen Duftes; und die Kinder weinen vor heiliger Scheu, und verstecken sich hinter der Mutter. Auch die arme Lady Theano wird vor dem Christbaum sitzen und weinen und Marion wird ihr Alles bescheren — nur ihr Kind nicht, das arme schöne Kind! Daniel ließ sich niemals nehmen, den Knecht Ruprecht zu machen, so gern ich es neben Marion gewesen — gewesen! Nun hat er freien Platz. Nun freut Euch nur in Rowlandhill mit Schneebällen — hierblühendie Schneebälle, hier stehen die Gefilde in voller Pracht; ja, das Jahr schickt sich gemach zur Ernte. Auch diese Vergleichung mit Sommer und Winter, dieß süße Wissen, daß beide zugleich sind, dieß Hinüberempfinden und Herziehen im Geist, ist eine von den so heimlichen, und doch so gewiß vorhandenen Freuden in der Welt. Ich muß mich auch an solche halten. Andere habe ich keine erlebt. Doch stille Wunder giebt es hier viel. Wenn ich hier wieder durch Blumen und blühende Pflanzen ziehe, die mir bis an den Gürtelreichen, wähn’ ich wieder: ich bin ein Kind, wie einst, als sie mir um die Brust leuchteten! Aber sie waren mir nur so groß, weil Ich so klein war. Denn, wenn ich neben meiner Mutter einzigen Ziege stand, war sie höher als ich; selbst die Lilie war größer als ich, ich mußte sie beugen, um in den Kelch zu sehen, und zu riechen. Es ist ganz richtig, daß jeder glaubt, eine Welt verloren zu haben, wenn er kein Kind mehr ist; ich glaubt’ es auch, und konnte sie nie vergessen. Das zog mich auch so zu den Kindern, daß ich lieber nicht mochte Vicar werden. Und einen Schulmeisterposten sollte man im Grunde theurer verkaufen, als eine Stelle im Parlamente; denn sie erhält uns das Paradies um uns. — Hier nun mitten in den hohen Blumen auf den unabsehlichen Wiesen fand ich, Kinderloser, jene erste, liebliche Welt nun wieder; ich bin wieder im Jugendlande, im Paradiese. Froh in ihm wandelnd, habe ich ein Herbarium vivum angelegt, und nicht aus dem Grunde, aus welchem mir Doctor Toland freundlich dazu gerathen, scilicet in England ein groß Stück Geld dafür zu lösen! Ich lege die Blumen und Pflanzen nur sauber in die Bogen, schreibe die Zeit dazu: wann, und die Gegend, wo sie blühen, ob hoch oder niedrig, feucht oder trocken, und sammele ihren Samen unter Nummer einer jeden. Den Namen weiß ich kaum von Einer; ich glaube, sie haben auch keinen, wie Findelkinder; wer sie findet,benenntsie. Aber das untersteh’ ich mich nicht, weil ich es nicht verstehe. Es muß aber nicht gut sein, die Namen schöner Blumen zu wissen; denn wenn ich welche bringe, und Dr. Toland Eine oder die Andere sieht, sagt er nur: Aha, das ist diese oder jene — — perennis, diese oder jene palustris; dann hat er Alles gesagt, und läßt die Blume Blume sein! Mir aber stehen noch die Augen auf ihr fest, und gehen mir über. Behüte doch Gott jede Blume voreinem Namen! Ich glaube, es wäre auch besser, wenn die Menschen keine hätten, besonders keine Titel, z. B. Schulmeister. Die Leute sprechen dann nur wie Doctor Toland: Ah, das ist der und der — und kehren Einem den Rücken, wie Mistriß Distreß, ohne zu denken, daß man ein Mensch ist,zuerstundzuletzt!Und die Rücken gefallen mir einmal nicht, weder an Frau noch Mann; sie sehen alle aus, wie Bracteaten auf einer Seite geprägt.

Clarke hat Sir Samuel gemalt, und so getroffen! Die hohe gefurchte Stirn, die zusammengezogenen Augenbraunen, das düstere und doch feurige Auge, den Mund so bitter lächelnd. Das Bild ist darum fast ganz Sir Samuel, weil es auch nicht spricht. Ich dächte, man könnte nur einen Todten im Bilde ganz ähnlich finden, weil er uns in der Erinnerung lebt, und das Bild auch nur Eine Miene, Einen Augenblick darstellt. Das ist das Elend der Bilder! Man sollte tausend von jeder Landschaft, von jedem Menschen haben, nur ein Jahr betrachtet, wenn sie noch hinreichten! Auch die alte Russel hat er verdoppelt, und nennt sie einen schönen Kopf! Wenn man sie lieber könnte ein gutesHerznennen, wär’ es für uns Alle besser; und doch versteht sich die alte Hexe auch auf Malerei, und giebt ihm Rath; und als ich mich mußte malen lassen, gab sie mir die Stellung, und ich mußte sie beständig ansehen, während sie strickte. Ich konnte den schönen Kopf nicht an ihr, oder auf ihr finden, besonders da Lisanna hinter ihr stand, wie die Rose auf dem Dornstrauch. Doctor Toland hat die Bilder in der Stadt gezeigt, und Clarke’s Glück ist gemacht. Alles will sich malen lassen, und den Seinigen nach England senden. Die Hoffnung bezahlt der Mensch am theuersten, und so verdient er viel. Sir Samuel hat ihn auch von den Lämmern genommen, und ich weide allein meine Unverbesserlichen. Clarke hat Lisanna’sBild, das er noch vollenden zu müssen vorgiebt, auf unser Zimmer genommen. Es hängt über seinem Bett! Dadurch seh’ Ich es freilich besser — ach, und seh’ auch, daß es sein ist, und Sie vielleicht bald dazu. Denn Sir Samuel befördert nicht ihr Beisammensein, das sei ferne — er kümmert sich so gut wie gar nicht um das Glück oder Unglück des armen Kindes; und die Russel — verkaufte sie sogar, wenn van Diemensland von französischen Schiffen besucht würde! Am Ende muß ich Lisanna’s Schicksal segnen, wenn sie nur noch Clarke’sWeibwird! O Himmel, Lambton! Letzthin besah’ ich Clarke’s Blätter in seiner Mappe während seiner Abwesenheit, und fand zwei Gedichte hineingeschoben. Wer malen kann, kann am Ende auch dichten, oder vielleicht gar schon vor dem Malen. Ich trau’ es ihm zu: denn welche schöne Hand schreibt er, so gleich und leicht, als wenn er nie einen Apfel aufgehoben hätte. Ich schrieb sie mir ab. Das Erste „Gemeinsamer Stoff“ überschrieben, lautet — ja wirklich, es lautet mir immer in den Ohren:

Wenn ich die Rosen seh’ im MondenscheinSo dämmernd blühn wie Er, und ihr GedüftMich würzig anhaucht, so wie seines — wennDie Stillgeliebte mir so sanft daherkommt,So Licht-beglänzt, wie Nachtgewölk am Himmel,Mir ihre Stimme bang und reizend klagt,Wie Nachtigallen im Gebüsch; wenn IhrIm schwarzen Haare nun Johanniswürmchen,Die Ich Ihr in die Locken eingestreut,So golden schimmern, wie die goldnen Sterne,Wenn Ihr die Thränen auf den Wangen schimmern,Die sie um mich geweint, wie Thau auf Lilien —Dann scheinet mit Entzücktem Alles, Alles,Die Rosen und der Mond, die Nachtigallen,Die Feuerwürmchen und die Sterne, jaDie schlummernde Geliebte, und ich selbstMir nur aus Einem Stoff gewebt, und AllesScheint mir so selig, wie ich selber bin!Ich küsse dann die Rosenknospen, stattDer Lippen meiner hold Entschlummerten!Küß’ Ihre sanftgeschloßnen Augenlieder,Wie das Gewölk, das leicht den Mond bedeckt!Und wenn Sie mich an ihren Busen drückt,Geschieht mir, als umarmte mich BeglücktenDie heil’ge Nacht! die schöne Frühlingserde!

Wenn ich die Rosen seh’ im Mondenschein

So dämmernd blühn wie Er, und ihr Gedüft

Mich würzig anhaucht, so wie seines — wenn

Die Stillgeliebte mir so sanft daherkommt,

So Licht-beglänzt, wie Nachtgewölk am Himmel,

Mir ihre Stimme bang und reizend klagt,

Wie Nachtigallen im Gebüsch; wenn Ihr

Im schwarzen Haare nun Johanniswürmchen,

Die Ich Ihr in die Locken eingestreut,

So golden schimmern, wie die goldnen Sterne,

Wenn Ihr die Thränen auf den Wangen schimmern,

Die sie um mich geweint, wie Thau auf Lilien —

Dann scheinet mit Entzücktem Alles, Alles,

Die Rosen und der Mond, die Nachtigallen,

Die Feuerwürmchen und die Sterne, ja

Die schlummernde Geliebte, und ich selbst

Mir nur aus Einem Stoff gewebt, und Alles

Scheint mir so selig, wie ich selber bin!

Ich küsse dann die Rosenknospen, statt

Der Lippen meiner hold Entschlummerten!

Küß’ Ihre sanftgeschloßnen Augenlieder,

Wie das Gewölk, das leicht den Mond bedeckt!

Und wenn Sie mich an ihren Busen drückt,

Geschieht mir, als umarmte mich Beglückten

Die heil’ge Nacht! die schöne Frühlingserde!

Es trifft Alles zu: Lisanna’s schwarze Locken, die großen Blumenglocken-artigen Augenglieder, die Lippen wie Rosenknospen, und auch die Johanniswürmchen fliegen jetzt! Aber das folgende Gedicht zeigt schon von früherer Vertraulichkeit: denn der Nordschein blühte ja gleich die ersten Wochen, als wir hergekommen. Ach, wehe Dir, Lisanna, wenn es nur nicht auch von genauerer, vielleicht sogar verbotener zeugte. Aber, daß sich die Verliebten solche Gedichte geben! Ich schämte mir die Augen aus. Aber Clarke malt auch Manches als von hier, was ich doch nirgendshiergesehen habe. Doch ach, Lisanna spinnt ja, sie hat ein kleines Stübchen! Der feine Flachs, der Berg, die alten Weiden — o es trifft Alles! Ich will es mir zum Jammer herschreiben, das Gedicht, wenn es eins ist, — vielleicht auch nicht!

Wir mochten endlich eingeschlummert sein —Doch Traum und Schlaf sind göttlicher Natur,Und kennen selig nicht das Maß der Zeit! —Da stieß mich leise die Geliebte an,Und zeigte mir der Morgenröthe Glanz,Die wallend in das freundliche GemachWie eine Rosenflut vom Himmel floß;Und blinkend schien das reinliche GefäßVom Simms der Wand und schattete sich ab;Und glimmend, und doch nicht entlodernd, schwammIm kühlen Feuerglanz der feine FlachsGeröthet, und die Spindel eingetaucht,Womit die Liebliche des Abends spann,Und jedes Eckchen glomm von Licht erfüllt,Daß selbst die Spinne an zu weben fing,Ihr Tagewerk beginnend, und der HahnErregte laut die ganze NachbarschaftUnd alle krähten rings den Morgen an.Da trieb Sie mich mit bangen Küssen fort,Und ich, der ich nicht bleiben konnte, ging,Noch oft zurückgewandt zum kleinen Haus.Der Sonne wartend, steh ich auf dem Berg’Nun einsam hier, und sehe ganz erstauntDas Morgenroth erbleichen und gemachUnd allgemach erlöschen, aber nichtUnd immer nicht die Sonne mit dem Blitz’Erscheinen! ja dagegen treten leis’Die größeren Gestirne wieder vor,Und selbst der kleinen Silberflimmer blinktAus lichter Bläue; rauschend flammt der Wald,Denn feurig geht der Vollmond gar nun auf!Die Lerche, die schon an zu singen fing,Steigt wieder stumm, getäuscht und wie beschämtVom Himmel nieder in die junge Saat!Bang ächzend schwirrt die Eule wieder um,Die alte Weide leuchtet wie ein Geist,Und nach der Sterne Stand ist’s Mitternacht!

Wir mochten endlich eingeschlummert sein —

Doch Traum und Schlaf sind göttlicher Natur,

Und kennen selig nicht das Maß der Zeit! —

Da stieß mich leise die Geliebte an,

Und zeigte mir der Morgenröthe Glanz,

Die wallend in das freundliche Gemach

Wie eine Rosenflut vom Himmel floß;

Und blinkend schien das reinliche Gefäß

Vom Simms der Wand und schattete sich ab;

Und glimmend, und doch nicht entlodernd, schwamm

Im kühlen Feuerglanz der feine Flachs

Geröthet, und die Spindel eingetaucht,

Womit die Liebliche des Abends spann,

Und jedes Eckchen glomm von Licht erfüllt,

Daß selbst die Spinne an zu weben fing,

Ihr Tagewerk beginnend, und der Hahn

Erregte laut die ganze Nachbarschaft

Und alle krähten rings den Morgen an.

Da trieb Sie mich mit bangen Küssen fort,

Und ich, der ich nicht bleiben konnte, ging,

Noch oft zurückgewandt zum kleinen Haus.

Der Sonne wartend, steh ich auf dem Berg’

Nun einsam hier, und sehe ganz erstaunt

Das Morgenroth erbleichen und gemach

Und allgemach erlöschen, aber nicht

Und immer nicht die Sonne mit dem Blitz’

Erscheinen! ja dagegen treten leis’

Die größeren Gestirne wieder vor,

Und selbst der kleinen Silberflimmer blinkt

Aus lichter Bläue; rauschend flammt der Wald,

Denn feurig geht der Vollmond gar nun auf!

Die Lerche, die schon an zu singen fing,

Steigt wieder stumm, getäuscht und wie beschämt

Vom Himmel nieder in die junge Saat!

Bang ächzend schwirrt die Eule wieder um,

Die alte Weide leuchtet wie ein Geist,

Und nach der Sterne Stand ist’s Mitternacht!

Ist’s nicht genug, daß Menschen LiebendeSo oft beleidigen? — Nun fängst du selbst,O Himmel, sie zu täuschen an, und schickstAls Irrlicht gar das schöne Nordlicht mir?

Ist’s nicht genug, daß Menschen Liebende

So oft beleidigen? — Nun fängst du selbst,

O Himmel, sie zu täuschen an, und schickst

Als Irrlicht gar das schöne Nordlicht mir?

Das war ein Schweres! Ja „Nordlicht“ ist es auch überschrieben. Aber ich stehe mit meinem Kopfe für Lisanna, daß sie ein Engel ist, an Reinheit und Liebe. Ach, ich hab’ es da selbst gesagt: an Liebe! Auch die Engel lieben, und sollen ja lieben! Wenn man nur nicht auch die Engel lieben müßte! — Doch dabei will ich ein redlicher Schulmeister bleiben, und ihr in der Sonntagsschule das sechste Gebot so treulich erklären, als wenn sie mein Weib werden sollte. Und wenn mir Gott Kinder und Halberwachsene genug zuschickt, nimmt mir Sir Samuel auch das liebe Vieh und die Kälber ab, wie Clarken die Lämmer, was wohl darum geschah, weil er sie immer nur hingejagt, wo schöne Aussicht war, bis auf die höchsten Berge, wo Tydal saß. Aber auch auf Clarke möcht’ ich trauen! Ich seh’ und hör’ ihn selber so gern! Er ist lange in London gewesen, und weiß tausend Dinge Lisannen und den malayischen Mädchen zu erzählen, und ich nicht einmal viel von Rowlandhill, wo ich nur erst zwei Jahre Schulmeister war. Was erfährtderin der Schule? Die Kinder wollen vonihmerfahren, und das Wenige, was ich von Lady Theano und Sir Horazio etwa weiß, hatte mir die Russel in einigen Abenden schon abgefragt. Ja Clarke gefällt auch den Männern durch sein feines Aussehn, welches sie ihm doch nicht beneiden! Er ist so gewandt, so angenehm, und mischt, mit ungewöhnlicher Höflichkeit vonMann gegen Mann, oft sogar kleine Schmeicheleien für sie mit ein. Freundlich gegen den Geringsten, hülfreich selbst den Weibern in der Küche, und Miß Lisannen beim Sticken einer Geburstagsweste für Sir Samuel, wozu er ihr Blumen gezeichnet, ist er der Liebling im Hause. So rohe Scherze wir anfangs von den Hausgenossen, vor allen aber von dem frechen kleinen buckligen Hobday über die Mädchen, und selber Lisannen, anhören mußten, und so sehr ich mich bestrebte, in ihrer unvermeidlichen Gesellschaft nichts aufkommen zu lassen, was mich als Schulmeister oft zwang, brummend fortzugehen: so muß ich doch Clarke die Ehre geben, daß Er durch seine glückliche Unterhaltungsgabe, durch die Gegenstände seines Gesprächs, durch Abbrechen desselben und Hinwerfen eines neuen, endlich — wenn auch nicht das schöne Gefühl der Schamhaftigkeit in Hobday und Consorten erweckt, doch eine gewisse Scheu in seiner Gegenwart ihnen aufgelegt hat, deren Gewohnheit sie bändigt, auch wenn er nicht da ist. Das freut mich um Lisanna’s willen, die ganz unglücklich wäre, wenn Sir Samuel und Frau Russel nicht beständig wegen ihr uneins wäre, so daß Eines von ihnen sie immer niederdrückt, wenn das Andre sie aufrichtet. Was ich mich nicht getraue, aus falscher Schamhaftigkeit, thut Clarke: er tritt auf ihre Seite! Dafür segnet ihn der Herr sichtbar. Er ist ordentlich dick und fett geworden, als sollt’ er hier Mayor werden. Ich würde es dem gesunden Klima zuschreiben, wenn Ich nicht hagerer und blässer würde! Aber auch Er sieht dabei blässer und bekümmerter aus. Auf einem dicken Bauch steht alsonicht immerein fröhliches Haupt. Er läßt sich auch verlauten, er wolle sich in der Stadt wo einrichten. Frau Russel, der er gefällt — und wer der Mutter gefällt, den soll gewöhnlich die Tochter heirathen — hat ihm, horribile dictu,Lisannen angetragen! Und er macht Ausflüchte! Sie ist ihm wahrscheinlich zu arm. Mir sollte sie das versuchen! Ach, und doch wie unglücklich würd’ es mich machen, wenn mich Lisanna liebte — dann ginge erst meine Noth an. — Sprachbemerkung: „Anna“ darf in Compositis niemals voran stehen, denn wie schön klingt Marianna! und wie häßlich Annamarie! wie hübsch, wenn Rose vorn steht, und Anna hinten: Rosanna! und wie garstig Annarose! Wie lieblich Lisanna, und wie abscheulich . . . . . ! und so ruft doch die Russel Lisannen, wenn sie ihre Laune gegen sie hat, und sie ist doch immer so schön, so geduldig, mit Einem Wort: Lisanna!

Osterfeiertage 1820.

Was ich heut’ einzutragen habe, das geht zu weit! und kann doch noch weiter gehen! Es waren Handelsschiffe angekommen, um Producte von van Diemensland zu laden. Da hatten wir denn viele Tage Schlachtvieh und Schafe herbeizutreiben und zu schätzen, Wolle zu wiegen, Häute zu zählen, Schinken und geräucherte Zungen aus der großen Rauchkammer zu holen und einzupacken, und Mehl zu messen. Darauf war Sir Samuel, der sich immer Geschäfte macht, um nur nicht an sich zu denken, auf den Seekalbfang in die Bassestraße geschifft; auch Tydal war mit seinem Schutzherrn fort, und Doctor Toland regierte das Haus. Clarke hatte eine bestellte Landschaft: die Gegend um einen Meierhof, und ich begleitete ihn Sonntags nach Mittage dahin, als grade wieder solche Beleuchtung war, wie er brauchte. Das Haus stand noch unbewohnt, rings umher war mit leichter Mühe und ohne Kosten der fruchtbare Boden urbar gemacht, indem man nur das wuchernde Gras und die köstlichen Blumen abgebrannt!Das macht mir den Ort schon verdrüßlich. Er malte auf einem großen, aber eben nicht hohen bemoosten Steine. Ich sah in die Gegend. Ganz von weitem erblickt’ ich Lisanna und Doctor Toland, welche kamen — Herrn Clarke zu besuchen. Ich hatte nun freilich keine Augen für sein fertig werdendes Bild.

Nach ziemlich langem, verdrüßlichem Schweigen sprach er zu mir: „Freilich, wenn man die beste, gelungenste Landschaft, die der Geist der Erde, wie Tydal sagt, durch die Maler gleichsam ein zarteres kleineres Mal nachgeschaffen hat, mit diesen natürlichen Landschaften hier vergleicht, so kann man nur unsern Herrgott für einen Meister halten! Menschliches Wesen ist Schülerwerk; und doch versteht man nur diese schöne Welt als ein großes Kunstwerk, vollendet ausgeführt bis auf die feinste Ader im kleinsten Blatte, und das schimmernde Sandkorn, wenn man versucht, durch Kunst das so nachzumachen. Die Kunst schließt den Künstlern den Geist auf, und die Natur; Kunstwerke aber dann wieder den Menschen. Damit muß ein Vernünftiger zufrieden sein, wenn auch keins seiner Werke nur die entfernteste Aehnlichkeit mit den lebendigen leuchtenden Werken der Natur hat — in denen man spazieren gehen kann — keins seiner Marmorbilder dem Meisterstück der Natur, dem schönen Menschen, gleicht — das mit uns reden, uns lieben kann — nicht das wärmste frischeste Gemälde seinem Urbilde. Dazu sind sie auch nicht; sie stellen nurvor, was man in sich tragen muß, um sie nur zu erkennen. Denn auf dem Bekannten beruhen sie, gleichsam in den Himmel aus einem Prisma hinausgestellt, wie der Regenbogen beruht auf Wolken und Sonne.“ —

Dabei that er etwas stolz. Ich fragte ihn nur in aller Unschuld: Hat denn nur der die Gabe, die Natur zu verstehn, dersie wieder darstellen kann, der Künstler? Sind nur die Künstler die Glücklichen? Aber ich kunstloser Mensch verstehe doch Gedichte, auch zur Noth ein Gemälde, und wer Kunstwerke versteht, sollte doch die Natur weit leichter verstehen, Clarke! — Das kommt mir vor, sprach er, wie einen Goldfasan mit Federn eher essen zu können, als einen gebratenen, Lambton! —

In der Rede sieht man kein Komma, und sie klang mir gar zu besonders! Doch sagt’ ich ihm nun, wie ich denke: Ich halte den Menschen für unglücklich, der keinen Sinn, keine Fähigkeit hat, Gottes Werke selbst aufzufassen, und so arm ist, ihren Anblick, ihre Fassung zu betteln beim Künstler. Liebe als das Mittelbare ist mir das Unmittelbare, das allen Menschen unendlich schöner, reicher, neuer und umsonst Gegebene, nur um den Gang, nur um ein Weilchen Harren! Und erst die stillen Wunder der Pflanzenwelt, nur die Staubfäden, den Staub, den Schimmer und Glanz! Wie Wenige sehen, was Allen da ist! Von Felsen stürzen, schäumen, oder hoch ragen, ja Feuer speien muß, was sie locken und rühren soll. Eine einzige Blume ist ein Weltwunder — aber sie ist vielmal, ist immer wieder da, sie kostet kein Geld, der Mensch hat sie nicht gemacht, sie ist nicht — gemalt! —

Man will also doch auch gemalte Natur, spitzte mich Clarke, und von diesem Wahne leben wir Maler! Es muß etwas dahinter sein, sonst verhungerten wir!—

Aber ich hoffe von den Menschen, versetzt’ ich ihm, wenn Jederman: Hausflur, Saal und alle Zimmer bis auf den Boden wird voll Gemälde haben, daß er sich dann wieder hinaus in’s Freie begeben wird, um das ihm selten Gewordene zu sehen. Ich — ich bleibe gleich lieber draußen! —

„Freilich, wer mit der Natur selbst verkehrt, wer ihre Morgenröthen,ihre Abendscheine, die Frühlingserde, die bunte Herbstlandschaft oft bestaunt, als Gotteswerk, wie Ihr, guter Gottesmann Lambton, und dabei ein armer Schelm ist, für den mal’ ich keine Gemälde.“ —

Ihrentwegen, sprach ich über die Anspielung auf meinen Beutel ärgerlich, miß’ Ich wenigstens niemals den Sonnenaufgang, oder das unheimliche Helldunkel der Sonnenfinsterniß, die selige Ahnung bei Mondverschattung — oder das feurige „Nordlicht!“ Ich verließe gern die kleine Hütte des Nachts um — — — „Das Nordlicht!“ wiederholte Clarke, und erröthete, als wenn es ihn eben anglüh; ach, das Nordlicht! seufzt’ er, und senkte sein Kinn auf die Brust. —

Getroffen! dacht’ ich, und fuhr fort: Nicht um alle gemalten St. Johannes- und Christus-Kinder, wollte ich missen, Ein lebendes kleines schönes Kind zu betrachten, besonders, wenn es mein eigenes wäre. —

Mein eigenes! wiederholte Clarke unruhig, und hörte auf zu malen.

Nun mußt’ ich das Schreckliche wagen und sagen: Nicht um alle Magdalenen, Marien, Annen und Lisen wollt’ ich nicht mehrLisannasehen! —

— „Auch Sie hab’ ich getäuscht, was wird Sie sagen? und erst Sir Samuel, Roßborn und — Patrik!“ sprach Clarke, nur eben noch verständlich vor sich hin. —

Das war die bitterste Stunde meines Lebens! Es gab mir einen Stich in’s Herz, und der helle blaue Himmel ward mir dunkel und schwarz. Unfähig, mich sitzend zu erhalten, sank ich mit dem Gesicht in das grüne Moos auf dem Felsen und athmete kaum.

Das war wohl ein Jammer! — Nach einiger Zeit hörte icheine Stimme rufen: Clarke! Herr Clarke! — und nach einer Pause erst wieder: Lambton! Herr Lambton! o lieber Lambton! Es war Lisanna unten am Steine. Ich regte mich nicht, und nun erst brachen die Thränen mir aus, daß ich schluchzte. Endlich kam sie herauf und stand vor mir und klagte: Mein Gott, bester, einziger Lambton, was ist geschehen? Wie seht Ihr aus, blaß und außer Euch. Ihr weint!

Sie kniete zu mir, und beugte sich über, daß ihre Locken meine Stirn berührten. O! seufzt’ ich, und wollte sie wegdrängen von mir — aber sie hing mit ihrem Engelsgesicht über meinem, ihre großgeöffneten Augen schwammen in Thränen, ihr Gesicht war lilienblaß, und ihre Züge sprühten doch gleichsam Angst, Hast und Zärtlichkeit, indeß ihre Lippen bebten! Und so voll unendlichen Mitleids mit ihr, sagt’ ich nur leise: „Gehe zu Clarke!“ —

Von dem komm’ ich ja! erwiederte sie — der liegt unten am Felsen und regt sich nicht. Ermuntere Dich — ! — lieber Lambton, komm’, hilf ihm, o komme, wenn Du — — mich lieb hast — ! —

So eilte sie vor mir hinunter. Als ich ihr nachkam, kniete sie schon bei Clarke, und hielt seine rechte Hand in ihren; seine linke hielt noch den Malerstock. Gewiß war er, von Gefühlen überwältigt, rücklings übergesunken, und an dem langen grünen Grase hinunter geglitten. Mich jammerte sein und Lisanna’s! Es that ihm ja leid! —

Wo ist Doctor Toland? fragt’ ich sie, mich besinnend. —

Er ist nach Hanse gegangen. —

Hol’ ihn! mein Mädchen! —

Sie eilte fort, wie mit Flügeln.

So blieb ich allein mit Clarke, und wußte nicht, was ich anfangen sollte, ihm Hülfe zu leisten. Aus Mitleid und Angst umarmt’ich ihn, drückte ihn, und küßte ihn auf die Stirn, auf die Lippen; mit ward so eigen! Ich band ihm das Halstuch ab — er schlug die Augen auf, und wollte mich abwehren. Ich schöpfte nun Trost und riß ihm die Weste auf, ihm Luft zu schaffen. Da fiel er wieder in Ohnmacht. AberErnicht — so viel sah’ ich — o Gott! ich schäme mich noch, und halte mir die Augen zu —Siefiel in Ohnmacht, Sie, Miß Clarke — Clarke war einWeib!Das Blut schoß mir in’s Gesicht vor Erstaunen. Dann stand ich auf, rieb mir die Hände wie thöricht — ich wusch sie mir gleichsam, um so zu sagen, in Unschuld, und vor unaussprechlicher Freude fing mein Lambton an — was er, in seinem Leben nicht gethan hat — zu tanzen. „Ho! ho! ho! Jetzt ist mit geholfen!“ rief er aus, jetzt bin ich glücklich! Gestern war das Jahr um, von dem meine Mutter sagte „wenn Du das überstanden hast — dann — dann — dann!“ — Nun! nun! nun! rief er aus, ist es überstanden. Victoria! —

Dann aber schämte er sich, Clarken so zu vergessen — ach, und das Erste, das Unerläßlichste war — er mußte ihm die Weste wieder zuknöpfen. Sie konnte erwachen und sehen, daß sie verrathen sei! ach Gott, daß er knöpfte! Lisanna konnte jeden Augenblick kommen, und sehen, was er, und daß er gesehen habe! Jeder, der jemals in eine so unglückliche Lage gerathen ist, wird seine Angst begreifen. — Aber — und so ein Aber giebt es nicht mehr in der Welt — aber wollte er Sie nicht beschämen, nicht auf immer vor Clarke beschämt stehen, mußt’ er sich entschließen. Er nannte sich zu täuschen, zu betäubst, zu beruhigen, sie seinenClarke! Clarke!Er band sichClarke’sHalstuch breit über die Augen, und wie er die Soldaten gesehen hatte ihre Knöpfe auf dem Knopfholz putzen, schob er Clarke’s Malerstock in die Weste, und knöpftesie hochgehoben eilend und mit zitternden Händen zu. Das Sprichwort „was man selbst thut, ist gleich gethan,“ traf nicht bei Lambton ein. Denn er hörte schon Stimmen und Tritte sich nahen. Das war das schwerste Werk in seinem Leben, die sauerste Weste, die er zugeknöpft.

Da kam der Doctor Toland, Lisanna voraus, ihm die Stelle zeigend, und hinter ihnen, von Neugier gelockt, die malayischen Mädchen und Hobday. Lambton sagte nur eilig noch Toland, daß sie — — daß Clarke die Augen aufgeschlagen; — und als sie sich um Sie bemühten, lief er in die Felder, froh wie der König von Ulimaroa!

— Ich habe dieß Alles in tertiâ personnâ von Lambton erzählt — ganz natürlich ist mir das eingekommen, da ich es von mir per Ich! Ich! Ich! aus bitterer Scham doch unmöglich konnte, unmöglich Mich zu dem närrischen Menschen bekennen, der ich, oder er, da war; denn ich bin’s ja nichtmehr, und war es vorher nicht! „Ich“ wird siebenzig Jahr alt — der Mensch sollte alle Tage anders heißen, oder kurz weg: Anders! Immeranders! — Und doch war das der Wendepunkt meines Lebens.

Aber die Verlegenheit war damit nicht aus! Die Verwirrung ging nun erst recht an! Daß ich erst spät, spät nach Hause kam, war natürlich. Daß ich bloß an unserm Stübchen horchte, war natürlich. Daß Hobday mich anlachte und sagte: „Der Maler Clarke ist in die Wochen gekommen, und hat den Schulmeister Lambton um die Kinderruthe und die Schule gebracht“ — natürlich! so entsetzlich ehrenrührig es auch war — das heißt, Gott sei Dank nur für mich armen Schulmeister sein sollte. Aber meine Unschuld war — natürlich; Kindergeschrei — natürlich. Daß Lisanna die Hände rang, sich einschloß und schluchzte, daßich es unter ihrem Fenster hören konnte — gleichfalls natürlich — wenn sie mich liebte! scilicet. Und daß die alte Russel alle Hände vollauf zu thun, und nicht Beine genug zu laufen hatte, war Alles natürlich! Aber unnatürlich, daß sie mir nachschrie „Ein schöner Schulmeister! ein schöner Maler! Es ist nur noch ein tausendes Glück, daß wir dahinter gekommen sind, ehe unsre Lisanna den Clarke geheirathet hat! Was daraus Alles hätte entstehen können! Nun Gott sei ewig gedankt! Man denkt, man ist in van Diemensland, in Hobarttown, wo altes Elend bloß abgebüßt wird! Aber, du lieber Himmel, es ist hier wie in Rowlandhill, in London, in England, in Europa, in der ganzen Welt!“

Ich ließ sie hausen, lief in die Nacht und in das Freie hinaus und dachte: Iliacos muros intra peccatur et extra! Aber Wer gesündigt hatte, und vielleicht extra, sc. muros schon — das wird schon zur Welt kommen, wie das unschuldige, liebe Neugeborne. Und doch that ich die ganze Nacht kein Auge zu, bloß um Lisanna, die Ich erst so ungerechter Weise mit Clarke beeifersüchtigt hatte, — besonders zuletzt auf dem elenden Steine — so gewiß es an sich möglich war! — — Aber o Gott, wenn sie nur auch wirklich über mich weinte! seufzt’ ich — Dann ist mir geholfen, und Ihr zu helfen. Ueber was weint sie denn aber sonst, und worüber kann sie weinen? Ueber — die Ausnahme von der Regel, die heut zu Tage bald die Regel ist? Ueber ein neugebornes Kind? Mein Gott, das weint ja selber genug! Aber, aber wenn Sie so schlecht ist, von mir, von Lambton, so schlecht zu denken — ach, wie ich doch schlecht genug gewesen war, von Ihr zu denken, einen Augenblick einen bösen, den elendesten Augenblick meines Lebens — wie sollte ich ihr da am Morgen vor die Augen treten? Wie sollt’ Ich ein Wort herausbringen, mich zu entschuldigen, wenn es nichtClarke that — oder vielleicht der — Vetter Tydal! Da ging mir ein Licht auf, grade mit der Sonne, und so froh, wie sie, daß ich endlich einschlief, wie die Menschen in England, bei denen sie jetzt unterging. Man wird ganz confus in diesem Lande! Dort gehen sie schlafen, hier wachen sie auf! Ich möchte wohl wissen, wer eigentlich Recht hat?

Nun in dem kummervollen Schlafe in der Morgenkälte hatte ich wunderliche Träume auf meinem Steine; aber ich war auch wieder in England, in Rowlandhill! Ich sahe einmal die alte Anna, und die Schulkinder, und freute mich, daß mir die Glieder zitterten, und die Zähne klappten. Sir Horazio besuchte mich in der Schule, und ich machte ihm lauter gehorsame Diener. Das mußte mir wohl von dem öfteren Nicken und plötzlichen Vorfallen des Kopfes im Schlafe, im Traum einkommen! denn mich erweckte mit einem tüchtigen Stoße vor die Stirn unser großer Ziegenbock, der an mich gewöhnt, jetzt früh zu mir gekommen, mich nicken gesehen, und geglaubt hatte, sein Präceptor wolle sich heute einmal zu ihm herablassen, und sich mit ihm stoßen; und auf meine wiederholten Aufforderungen: „Butz! Butz!“ hatte er es gewiß erst mit schwerem Herzen gewagt und gestoßen! und ganz freimüthig, also tüchtig und derb-gehorsam als tüchtiger Ziegenbock. Er hatte mich auch überwunden, und stand über mir wie ein vierbeiniger Triumphbogen, mit seinem Bart, und leckte mir nun mitleidig das Gesicht, und funkelte mich mit den Augen an. Ich war ganz naß vom Nachtthau und zitterte noch vom Morgenfrost, und hatte Ohrenklingen, wie das Bild Memnonis beim Aufgang der Sonne. Daß ich meine Linden, meine Kinder, meine Anna wiedergesehen, hatte mich heiter gestimmt; daß mein untergebener Bock mich so subordinations- und respect-widrig behandelthatte, brachte mich zum Lachen! und wer in irgend einer Lage lacht, der lacht; und der lacht, er mag wollen oder nicht, versteckt zugleich über seine ganze Lage; denn der ganze Mensch lacht, und auch weinen kann man nicht mit Einem Auge. Ich lachte und ärgerte mich dann wirklich weit weniger. Dennoch ließ ich mich nicht sehen. Denn man konnte ja — da man mich einmal schuldig glaubte, mich nun noch gar für schamlos und frech halten, wenn ich kam! und ach, auch wiederum für hartherzig, daß ich nicht nach Mutter und Kind sahe; wie es bloß die vornehmen Herren können, wenn sie ein armes Mädchen unglücklich gemacht haben. Darum wäre ich bald hingegangen! Aber Lisanna, Lisanna! Ich war so böse auf sie, daß ich sie auch bald Anneli — — gescholten hätte. Mich für so schlau, so versteckt und so verstellt zu halten, daß ich unter dem Deckmantel der Liebe zu ihr — — Aber war der Schein nicht wider mich, und Clarke’s Schönheit? Und in dem Liebes-Rechtshandel trat ein vierbeiniger hölzerner Zeuge, der für zwei lebendige Zweibeinige gelten konnte — das frühere Eine Bett — gegen mich auf; das Zusammensein, das Schwatzen mit Clarke bis tief in die Nacht. Doch that er mir leid — wie mußte ihm zu Muthe sein! Und nur das Vertraun auf Doctor Toland denMenschenfreund, und auchmeinen, beruhigte mich über seine Behandlung, wenn etwa das Mädchen oder Weib — ja jaWeib, das ist mir eine Herzstärkung von ihm zu vermuthen — nun büßen sollte, was Clarke der Maler durch seine Kleidung verschuldet. Vielleicht auch nicht.

Nur die schöne Talo war mir ein lächerlicher Trost. Hatte sie sich nicht in Clarke verliebt? und hatte Clarke das sinnige arme Kind nicht manchmal mitleidig sogar umfaßt und geküßt, um sie mit geistigem Zuckerbrot zu nähren wie einen Canarienvogel mit dem wahren leiblichen vom Zuckerbäcker. Das gefällt mir jetzt allerdingsvon ihm. Doch verrieth ich es auch damals nicht, so sehr ich zürnte über allen Scherz in der Liebe, und warnte bloß die kindgute Talo in Lisanna’s Gegenwart, vielleicht etwas zu schulmeisterhaft; zu sehr überzeugt, daß der Scherz in der Liebe der bittersüßeste Ernst sei; denn alle großen Leidenschaften spielen mit dem Leben, und Scherz, Herz und Schmerz reimt jedes Kind zu leicht! Denn Talo, die treue Seele, fing — damals — an zu weinen! und auch Lisanna — als wenn ich Sie auch mit ihm verdächte. Und ich will mich von dem Doppelsinn meiner Warnung nicht frei sprechen! Ich hätte Talo vielleicht — schändlicher Weise — gar nicht oder doch nicht so gewarnt, wenn ich nicht Lisannen warnen wollte! Ach, die Liebe ist wohl der Grund von allen guten und bösen Gedanken und Werken in der Welt! Aber das Böse ist nur der Schatten der Liebe! manhaßtden Einen nicht, manliebtnur den Andern; wie der arme Vater Brotnimmt, und seinen hungrigen Kindernbringt!Mir kommt es immer so vor, als wenn er es nurbrächte; nurbringen, nicht nehmen wolle. Ich kann auf keinen Menschen böse sein, höchstens thut mir einer leid, recht leid, noch ohne daß er einmal ein Vetter von mir ist! Was muß also nicht erst der fühlen, der ihr Vater ist? Wenn Er immer die Liebe ist: Liebe! Ich getraue mich hierin Recht haben zu wollen. Mir thut es bitterlich weh, daß ich mich auf dem Steine so abscheulich mit Clarke gezankt hatte, oder, daß ich ihn doch hatte so angreifenwollen, und er es sich so zu Gemüthe gezogen, daß er sich sogar entpuppt hatte; was freilich wohl Alles auch ohne mich, vielleicht zu selbiger Stunde, geschehen wäre. Ich hatte das Heimweh so arg, wie eine Krankheit; ich durfte es haben, denn das Patrik’sche Patent-Mittel dagegen, wuchs ja für mich in Altengland nicht — vielleicht auch ja!

Ich sahe in meiner Angst schon am Morgen von der Höhe im Felde in das Meer hinaus, sahe Schiffe kommen, und erkannte zuletzt das meines Herrn Samuel! Mir klopfte das Herz; ich trieb in den dunkelsten Wald. Spät nach Mittage hört’ ich Talo’s Stimme mich rufen. Ich war in keiner geringen Verlegenheit, als ich vor Sir Samuel erscheinen sollte! Aber zur Abendmahlzeit! Was sollte das bedeuten? Talo sagte mir weiter kein Wort, denn sie schämte sich vor mir, wie ich mich vor ihr, und eilte mir voraus. Ich trieb meine Schüler nach der Hürde, langsam und zögernd. Dann schlich ich nach dem Wohnhaus. In der Hofthür begegnete mir Lisanna. Wir standen beide, stumm uns ansehend, vor einander; die Füße versagten mir den Dienst. Ich lehnte mich mit dem Gesicht an die Wand und hielt mich fest mit flachen Händen; sie schlich nur an mir vorüber. Als ich mich umsah, war sie verschwunden. Ich bedauerte herzlich, und mit gefalteten Händen, daß man die Unschuld, die Gedanken, die Liebe nicht sehen kann! Das wäre doch viel besser, und ersparte tausend, ja alle Mißverständnisse, Spione, Foltern, Inquisition und Justizmorde. Auch die Gesandten hätten es leichter. In Summa: dadurch würde eine neue Welt, eine neue Sprache, ein neues Menschengeschlecht, ja ich behaupte: Engelsgeschlecht! Dem Herrn, der so viel Wunderbares eingerichtet, der das Johanniswürmchen erleuchtet, den Diamant durchsichtig geschaffen, war die Kleinigkeit auch noch eine Kleinigkeit! Wie gute Wege den Verkehr verkürzen, so würde, wenn jede Brust ein illuminirter Telegraph wäre, jedes Geschäft viel kürzer, das Leben also viel länger sein. Auch viel süßer und sicherer! denn Jeder kennete seinen Mann, und seine Frau, Notabene. Und wie keine Frau, ja kein Mann mit Flecken im Kleide gehen will, so müßten dann Alle mit reiner Seele erscheinen. Das wäre wohl Manchemund Mancher ein Schweres, es gäbe dann wohl so viele arme Seelen — wie jetzt arme Schelme in Lumpen. Und wenn der Mensch einmal durchsichtig wäre, dann sähe man auch, was jeder im Magen hätte; und welcher Schulmeister ließe gern alle Tage dreimal seine richtigen Kartoffeln darin bedauern? Ich schon nicht! „Das allzuschwere Fleisch,“ wie Hamlet sagt, ist also recht weise den armen Seelen zum Kleide gegeben, wie die Kleider eine Wohlthat für die Häßlichen und Alten sind. Man sieht doch ein Halstuch mit Spitzen; einen seidenen Rücken, feine Casimirhosen und blanke Schuhe, statt magerer Beine &c.; wie man nun feine gefällige Rede hört, statt List und Trug. — „So“ ist gut! sagt ja Crabbe. —

Ich hatte kaum seiner gedacht, als mich der leibhafte Crabbe, wie der Wolf in der Fabel, umarmte! Ich traute meinen Augen kaum.

Ja, ja, sagt’ er lachend, Wir sind die Seekälber, die Herr Samuel das Mal mitgebracht hat! Das war ein wüstes Leben in der Wüste, wo wir mit dem Boot in der Wasserhosennacht gestrandet! —

Phylax, der mir nachgekommen, sprang an Crabbe in die Höhe, und grüßte ihn mit Gebell. Nun herein! rief Crabbe, hinein! Dabei drängt’ er mich so in das Zimmer, daß ich sehr uns schicklich und plötzlich vor der Gesellschaft darinnen erschien, und der freundliche Stoß sie um meinen gehorsamen Diener brachte. Capitain York bewillkommnete mich schon von weitem, Stephan und William hingen an meinem Halse, und selbst Mistriß Distreß freute sich, daß sie mich wieder sahe. Das konnt’ ich ihr glauben. Wer sich freut, daß er einen Andern wiedersieht, der lebt ja selber! Mich aber freut’ es am meisten, auch um meinetwillen, den VetterTydal zu sehen! Auch der gute dicke Roßborn fiel leicht in die Augen, und die Stimme des braven Predigers Patrik war nicht zu verhören. Heut, hier, lernte ich mir ihn nun ordentlich auswendig: Ein sehr schöner, hoher, hagerer Mann mit schwarzem kurzem Haar, schwarzen glühenden Augen und länglichem edlen feinen Napoleonfarbigem Gesicht; ein Napoleon an Freimuth und Kraft und durchdringendem Verstand, mein unvergeßlicher Patrik, redlich und offen, furchtlos und kindgut, wie kaum ein Mensch jemals wo und mehr in der Welt. Jeder König hätte Muth bedurft ihn zu hören, ja jeder Geistliche; den allergrößten Muth aber hätte der Papst zu einem öffentlichen Colloquio mit ihm bedurft. Denn Er, nämlich, versteht sich Patrik, leuchtete ganz vom Geiste der Wahrheit und brannte freileuchtend, wie ein großes stilles Gestirn — am nächtlichen Himmel. Und mir war er — Freund. Es ging gleich zu Tische. Auch Lisanna war dabei; und jedes Wort, das Capitain York sprach, mich zu legitimiren, war mir in Ihrer Gegenwart eine Guinee werth. Doch als man zuletzt Herrn Tydal eine Gesundheit „auf die Bevölkerung von van Diemensland“ zutrank, als der Vetter zum Vater ward, da ertrug es das gute Kind nicht länger, und ging vom Tische. Sie sprang auf Talo zu, schien ihr etwas zu sagen und hielt sie dabei umarmt. Sir Samuel schien noch etwas ungehalten, aber er hielt sich doch, und Frau Russel war am meistendarüberunwillig, daß sie sich mit all’ ihrer Klugheit doch getäuscht hatte!

Doctor Toland besänftigte Beide und sprach: Die Deportirten kommen ja nicht ohne Fehler hierher, sondern grade sieabzulegen; und der kleine lebendige Fehler der MißClaraist so munter und holdselig, daß wir ihrer Schamhaftigkeit schon vergebenmüssen, wenn sie lieber länger das Ansehen eines lobenswerthen Jünglings, als eines tadelnswerthen Mädchens haben wollte! —

Auch ist sie ja Herrn Tydal nur aus Liebe hieher gefolgt, nahm Herr Roßborn das Wort; und um das Glück ihrer Verbannung mit ihm zu erlangen, täuschte sie nur mit schwerem Herzen! und langte nur mit ihren sehr niedlichen Fingern in Strandstreet im Laden nach dem — freilich nicht ihr gehörigen — unbedeutenden Malergeräth, das ihr aber ganz Hobarttown werth war! Auch ist sie selbst so darüber erschrocken, und wie versteinert stehen geblieben, daß die schwerste That — sich selbst zu verrathen, ihr leicht gemacht ward von ihrem reinen Gefühl. Herr Prediger Patrik wird sie dann trauen, und ein Viertelstündchen nachher das Kind taufen, damit doch einigermaßen die Ordnung hergestellt werde, was unsere Pflicht ist! —

Ich ward bald blaß bald roth, und herzte die Knaben links und rechts. Am meisten beschämte mich Capitain York’s Toast auf mein-Wohlergehn. Er dankte mir, zur Rede aufgestanden, „daß ich das Schiff Sr. Majestät durch meine Bemühung erhalten“ — ohne auf das Wunder Rücksicht zu nehmen, das uns gerettet. — Er sagte „ich hätte das Wort Gnade noch einmal über 100 Menschen ausgesprochen.“ — Ist mir ganz unbewußt! — „Und es müsse und werde mir hier und dort wohlgehen.“ In van Diemensland und in England! dacht’ ich bei mir; dennDerin dem wahrenDortweiß Alles das ja besser. — „Unterdeß wird sich Sir Samuel für uns Alle abfinden.“ — So kann es Einem gehen, wenn man nicht ertrinken will! dacht’ ich bei mir; und wenn ich recht gehört, so weinte Lisanna in dem Jubel. Herr Roßborn erklärte mich für frei, und dankte gleichfalls, bat aber nicht um Verzeihung. „Ich habe meine Schuldigkeit gethan, sagt’ Er, und Sie,Herr Lambton, sind so ein pflichtdurchdrungener Mann, daß ich mir von Ihnen meine Pflicht nicht darf vergeben lassen! Ich werde mit dem Gouverneur Macquarie sprechen, der dieser Tage hier ankommen wird, und einen guten Gehalt als Lancaster- und Sonntagsschulmeister, wenn Ihnen Beides nicht zu viel ist, kann ich Ihnen im voraus versprechen — wenn Sie bleiben wollen. Aber Sie wollten doch nur gute Menschen aus Kindern bilden in ihrem Rowlandhill — und hier sind Kinder! und hier ist Rowlandhill!“ — Ich konnte für so viel Glück und Gnade gar keine rechte Worte finden, und bat nur Sir Samuel mit Thränen, mich in seinem Hause zu behalten! — „Ist denn mein Haus Ihr Glück? oder in meinem Hause?“ sprach er, mich lächelnd von der Seite anblickend, und dann sich im Zimmer umsehend. Lisanna verbarg sich hinter Talo, welche für sie und für sich ein gleichsam doppelt lächelndes Gesicht annahm, und nach Sir Samuel sah. „Daß ich gut gegen Sie denke, sollen Sie erfahren, Herr Lambton;“ fuhr er fort. „Ein Schulmeister muß eigene Kinder haben, wenn er Anderer Kinder lieben soll. Die Liebe zu Andern ist bloß eine Uebertragung unserer Liebe zu den Unsern: auf Andre. Aber als diese Versetzung oder Phantasie ist sie noch alles, und alles von Allen zu fordernde Mögliche, jedem nun klare wohlthät’ge Himmlische; und zu Kindern gehört, meines Wissens, eine Frau nothwendig; und für diese Noth hab’ ich Rath und That. Moses hat bei Jethro Schafe gehütet, und ist Moses worden. Jacob hat um Rahel 7 Jahr gedient, und gewiß allerlei Vieh gehütet, und auch wohl mit dem Bieseln der Kühe seine tausendste Noth gehabt, wie Sie! und die rothe Brausche auf Ihrer Stirn, die Ihnen heut’ Morgen der Bock gestoßen, wird sich auf einige Weinumschläge verziehen, noch ehe Sie ein Bräutigam werden, wie man sagt. Uebrigens pflegeich Jeden, den ich in mein Haus nehme, zuerst an Gehorsam und Arbeit zu gewöhnen, welche nicht nur verstatten „ein Mensch zusein,“ sondern erst recht zuwerden. Auch Lisanna erzieh’ ich nach alter Weise, welche die einzig wahre bleibt, um sie glücklich zu machen! Denn die alten Königstöchter trugen Wasser vom Brunnen, spannen und webten — und liebten, daß sie vor Freuden vom Cameele fielen, wenn sie ihren Bräutigam sahn, und waren glücklicher als die neuen. War ich oft hart gegen das liebe Kind, so hatte das seine Ursachen, die an Ihr und Mir nicht liegen, deren Wirkungen wir Beide nur dulden — um der argen Welt willen, um nicht zu sagen der „schönen Welt.“ —

Darauf schwieg er mit finstrem Gesicht. Herr Prediger Patrik nahm in dieser Frist das Wort und sprach: Ja, Gehorsam und Arbeit sind die beiden Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft und des allgemeinen Glückes! Wehe denen, die sie nie gekannt, nie gelernt haben und an sie nicht gewöhnt sind! Jeder Mensch darf nur arbeiten, wozu er Neigung hat; und aus den verschiedenen Neigungen, welche weise von der Vorsehung allen verschieden zugetheilt sind, entsteht doch ein mit Allem wohlversorgtes, wohl in Ordnung gehaltenes Ganze. Und jeder Mensch darf nur so viel arbeiten, als die Bedingung gesund zu bleiben erfordert. Faulheit ist die Quelle aller mit Recht so genannten Unthaten; und die Quelle der Faulheit ist die Unkenntniß des wirklich Guten. Denn Jeder ist eifrig, ja unermüdlich nach dem, was Er für reizend und strebenswerth hält. — Und den Gehorsam, die Gewöhnung einem fremden, ja nur dem eigenen Willen unterthan zu sein, o mein Gott, wenn ich diese nur mit Engelszungen predigen könnte! Allen Müttern und Vätern zuerst, die ihn das Volk der Kinder lehren sollen! Denn im Leben verlangt ein Gottden unverbrüchlichsten, ruhigsten, immergleichen Gehorsam gegen die Gesetze seiner Welt von jedem, der glücklich sein will. Er läßt dagegen denken und handeln — aber die Gesetze walten allmächtig und eisern fort, und zermalmen den ohn’ Erbarmen, der sich nicht fest an sie anhält. Denn so nur besteht seine Welt, und gehen seine Sterne so richtig. Welcher Sohn seinem Vater nicht gefolgt, der wird ein Ungehorsamer bleiben gegen Gott und Menschen; und welche Tochter ihrer Mutter nicht Arbeit abgelernt, die wird ihrem Manne und ihren Kindern verderblich sein. Denn wo das Gute nicht ist, da ist das Böse! Wo Frühling ist, da hat der Winter die Macht verloren, und das Menschengeschlecht darf nicht das Böse ausrotten, nur das Gute pflanzen. Deßwegen muß die Schule eine ernste, kirchenheilige Anstalt sein! Ein guter Lehrling wird ein guter Meister, ein guter Schulknabe ein guter Bürger. Denn im Leben ändern sich nur die Gegenstände, die uns beschäftigen — das Gemüth, der Eifer, der Sinn, die Thätigkeit sollen dieselben bleiben. Nur andere Zwecke, so ist die Schulstube das Vaterland und die Welt für den Menschen. Wie dasVaterhausIhr Vaterhaus war, muß dasHaus(Parlament) Ihr Haus — wie derVaterIhr Vater war, derKönigIhr König sein, die Gesetze Ihre Gesetze, und seine Diener im ganzen Reiche Ihre Diener, Alle Menschen umher ihre Gehülfen, Lehrer oder Lehrlinge und Ordner, wie in der Lancasterschule. Wie schon als Kind findet sich dann im Leben jeder berechtigt, zu helfen, zu lehren, zu warnen und abzuwehren! Wenn Menschenliebe, das heißt also menschliche Liebe, in ihnen lebt und strebt, dann bedarf es keiner Gesetze; denn die Gesetze überflüssig machen, allmälig alle einschlafen lassen bis auf das Eine, das Selige: die Liebe zu den Unsern und durch sie zu den andern Bildern des Menschen — das ist derTriumph des Volkes, und der Beweis seiner Bildung. Der Liebe fähig, beladen von ihr ist die ganze Welt; auf Erden haben sie alle Gebilde, alle — niederträchtig oder unbedacht sogenannten Thiere, von Maus bis Elephanten, von Wallfisch bis Biber. Aber die Thiere haben keine Phantasie, und lieben aus eingeborener Kraft und Macht nur sich und die Ihren, aber sie sind furchtbar allen Andern, eben nur ohne die einzige wahre Mittlerin: die Phantasie. Fähig der Phantasie ist auf Erden nur der Mensch, — der Mann, das Weib, die Jungfrau, der Jüngling, schon das Kind mit seiner eingeborenen Liebe, und durch sie folgsam jedem Gesetz Gottes oder der Menschen, wenn es außer Ihr noch Eines gäbe! Der Mensch voll Liebe und, wohlgemerkt, voll aufgethaner Phantasie — der Einbildungskraft, der heiligen Kraft sich in Andere einzubilden, und somit Andere, alle Anderen so treu und lieb zu empfinden wie sich —derMensch wird kein Gesetz übertreten, Keinen beleidigen, sondern Jedem helfen, wo und was er kann, und unendlich mehr thun, als man ihm vorschreiben könnte. Und wo, wandte sich Herr Patrik an mich, wo werden solche Menschen gebildet, durch Gottes in allen Menschen bereite gestaltete Kraft? Schüler, die einst Führer der Andern zu sein verstehen, künftige Armenpfleger, Vormünder der Waisen, Beistände der Wittwen? Wo, Herr Lambton? — Ich antwortete fragend: Wohl in der Lancasterschule! — Wo, fuhr er fort, hat man nur Eine Tafel mit dem Ordnungsgesetz, und nur Eine mit dem Sittengesetz? Wo lehrt man Einen den Andern lehren, sein Leben ordnen, und es Andern ordnen? Wo, mein Lambton? —

Wohl in der Lancasterschule! versetzt’ ich.

— Ja, wohl, sehr wohl, am besten da! sprach Er. Und wo wird dem Könige, dem Richter, dem Prediger ein gehorsamesarbeitsames, wohlgesittetes und belehrtes Volk zugebildet, und dadurch wieder dem Volke wohlgesittete, wohlbelehrte, arbeitsame, getreue Richter, Prediger, und dadurch endlich eine glückliche, selige Menschheit, ein Reich Gottes — Lambton?

In der Lancasterschule! bestand ich mein Examen. —

Und das wollen Sie bei Uns, nach allen Ihren Kräften, allem Ihrem Verstande treu und fleißig thun, lieber Lambton? frug mich Herr Patrik gerührt, und reichte mir seine Hand dar.

— Ich schlug ein, und unter einer rauschenden Gesundheit „Lancaster für immer!“ weinten wir Beide.

Da ging die Thür auf, und blieb offen stehn, es schallte Gescharr und Wirwarr herein. Was war zu sehn? — Hobday hatte Crabben vorher schon weggewinkt, und Crabbe wiederum Stephan und William. Und wahrlich nunmehro ganz zur Unzeit brachten sie lärmend den von den Lichtern geblendeten stutzigen Bock, als Sieger bekränzt, hereingeführt und nachgestoßen an unseren Tisch, wo ihn jeder besah, am Barte bezupfte und mit Dessert fütterte. An Mistriß Distreß stieg er, unter einem lächerlichen Hurrah! auf die Hinterbeine, und ließ sich ihren Blumenstrauß schmecken. In dem Aufruhr schlich ich in die Küche, wo Lisanna beschäftigt stand, ein Häutchen aus einer Eierschale zu schälen. Schweigend sah ich der Schweigenden zu. Kein Wort, kein Blick. Dann trat sie vor mich, strich mir die Haare aus der Stirn, und ein wenig auf die Zehen gestellt, legte sie mir es auf, mit einigem sanften Schlagen wohl mehr als nöthig war. „Das hätte eigentlich gleich geschehen sollen!“ sprach sie. Ich aber, um indeß nicht die Hände steif am Leibe hinunter zu halten, und die schlank Ausgedehnte im Gleichgewicht zu erhalten, daß sie mich nicht berühren müsse, nicht an meine Brust antreffen — legte meine Hände sanft in ihre Seiten,hielt den Athem an, und schloß die Augen. Aber ich fühlte doch Ihren Hauch — ach, wenn Sir Samuel Sie mit dem Glücke gemeint hätte, was ich ganz leise leise in meinem dunkeln seligen Kopfe meinte! Und ich weiß nicht, sie lächelte doch horchend, als ich sie wieder ansah, stand noch ein Weilchen — erröthete, und schwebte dann von der Flamme des Herdes beglänzt hinaus. — Denn Doctor Toland kam — und gab mir — was gab er mir wieder — mein Tagebuch! Heben Sie es besser auf! sprach er zu mir. Doch werden Sie mir vielleicht und dem Schicksal danken, daß ich es fand, und als das beste Recept für Lisanna’s Krankheit, es ihr verschrieben. Denn die Russel, gestern Abend, um den leidenden Zustand des lieben Kindes ernstlich besorgt, hatte mich zu ihr geschickt, und als ich leise zu ihr eingetreten, verrieth sie sich selbst durch schwere Seufzer und Klagen über einen gewissen Lambton! Ich schlich wieder aus dem dunklen Stübchen hinaus, holte Licht und kam nun laut geschritten, und setzte mich zu Ihr, um etwas vorzulesen. Sie ließ Alles geschehn. Ich las, sie ward still; sie setzte sich auf in den Kleidern; sie sank wieder hin, und weinte wieder, aber Freudenthränen, Reuethränen — ich las nun von Ihr — dann sprang sie auf, sie! mir um den Hals — ja sie küßte mich sogar still und fest, und versiegelte mir Lippen mit Lippen, und lachte und jammerte und war zornig auf mich und Euch. Sagt was Ihr wollt, aber jede Verwirrung ist eine Krisis, je ärger, je kräftiger! kürzer! Die krumme Linie ist auch ein Weg! der Gestirne Weg durch den Himmel! Alles verdankt Ihr Clarken! Verdankt es ihm auch! Sie, die nunmehrige Clara Tydal, läßt Euch bitten, ihr Kind aus der Taufe zu heben. Das Heft hatt’ ich in Miß Clara’s — und Eurem Zimmer gefunden, — auch Sir Samuel hat heute schon darin geblättert und die Russel mitder Brille ihm über die Achsel gesehen. Nun, werden Euch auch Sir Samuel’s, Roßborn’s und Patrik’s Tischreden verständlich sein! und wer das Gedicht an das Nordlicht gemacht hat — Ihr ließet Euch ja nicht sehn. Nun frisch, angezogen, und Pathegesessenmeinetwegen, wenn Ihr vor Freude und Scham nichtstehnkönnt. Talo wird auch getauft! —

Ich glühte über und über! Er war wie verschwunden, während ich auf mein Heft sah!

In meinen Rock war bald gefahren, und mit erleichtertem Herzen ging ich die Treppe wieder nach unserem Stübchen. Darin fand ich die ganze untere Gesellschaft schon versammelt, den Bock ausgenommen. Miß oder in Wahrheit und Ehren: Mistriß Clara, in dem weißen Sonntagskleide der Lisanna, sehr blaß und lächelnd, hieß mich willkommen, wie einen bekannten Freund, oder Bruder. Sie putzte an dem Kinde, welches Talo auf den Atmen hielt; und diese schien nun, anstatt in Clarke, in das Kind verliebt! — Wunderbar! — Tydal machte den Kindtaufen-Vater, stellte den Tisch in die Mitte, half ihn mit dem weißen feinen Tuche behängen und die 4 Zipfel aufstecken, stellte das silberne Becken darauf, und die gefüllte silberne Kanne darein, und fühlte noch mit dem Finger nach der Wärme des Wassers. Lisanna nahm nun das Kind von Talo’s Armen, und die schöne, vor heiligem Zagen blasse Talo trat nun mit dem sinnigen, friedevollen Gesicht als Taufkind vor den Tisch. Herr Roßborn, Doctor Toland und Mistriß Distreß, stellten sich als Pathen um sie, dieß Mal alle Drei der unmöglichen Mühe überhoben, das Taufkind zu halten, und für dasselbe dem Teufel zu entsagen. Nach einer schönen Rede, die ich leider nicht erhalten konnte, weil sie Herr Patrik aus dem Kopfe, nein, aus demHerzensprach, tauft’ er die rührend Hingebeugte.Sie weinte in Einem fort, nur nicht störend, wie ein kleines Kind; aus ihren Augen tröpfelte der fromme Thau in das ausgegossene Wasser, und sie ward mit ihren eigenen Thränen getauft. Dann trat sie zurück, sahe Alle mit himmlischem Lächeln an; fiel mir als ihrem Lehrer in die Arme, und wollte mir danken, aber sie schluchzte nur. —

Herr Patrik stand indeß mit gefalteten Händen, und erwartete das Brautpaar. Bei der Trauung von Tydal und Clara hörte ich mit Erstaunen ihren wahren Namen. Welch vornehmes Kind! welcher reichen Eltern! Ob aber der Malerkunst wegen in Tydal verliebt, oder Tydal’s wegen in die Malerkunst, das ließ mir ihr unwidersprechliches Talent zu lieben und zu malen, nur zu errathen übrig.

Talo war deßwegen zuerst getauft worden, daß Sie — zugleich mit Lisanna und mir, nun bei Clara’s Kinde Pathe stehen könne. Frau Russel bemerkte halbleise gegen Sir Samuel: „der Taufstein trennt! Sie dürfen nicht zusammen stehn!“ — Er zuckte die Achseln, aber, sich fügend, winkte er Herrn Patrik auf die Seite, und sprach heimlich und lächelnd mit ihm; dazwischen ließ er ihm etwas Goldfunkelndes — gewiß zwei Ringe, in die Hand fallen, und sie klangen leise! — In Gottes Namen, sagte nun dieser ganz laut, trau’ ich sie erst. — Wen konnt’ er meinen? War Talo einMann, wie Clarke einWeib!und wollt’ er Talo und Lisanna trauen? — das wäre herzbrechend! — Oder war garLisannaein Mann? — das wäre entsetzlich! wenn sich gleich Talo darein gefunden und ergeben, daß ClarkeClarawar! — Ich sahe sie an — nein, sie war ein Weib! in vollem Wuchse, voller Schöne, in der Halle der Jugend, mit einer Hand noch die Jungfrauen, ja die Kinder haltend, mit der andern vonden Weibern gefaßt und gezogen, ihre Königin zu werden. — Oder wollt’ er mich und die Talo traun? WarSiedas Glück in Sir Samuel’s Hause? Ach, Talo hatte ja vorhin ihm zugelacht und genickt! Mein Gott — und Talo sahe mich jetzt auch lächelnd an! Um Gotteswillen, was wird daraus werden? Muß ich mir denn geradezu Alles gefallen lassen, weil ich — Lambton bin! Doch so schön auch Talo war, ich hätte am Altare, denn das bedeutete nun der Tisch abwechselnd mit Taufstein, am Altare noch Nein! Nein! Nein! um Hülfe gerufen! Herr Toland aber, der Menschenfreund! faßte meine linke Hand und — Lisanna’s rechte — ja die rechte! und führte uns, die wir uns ansahen, anglühten — zögern wollten, nein, nicht wollten, nur vor Entzücken scheuten, und doch führen ließen vor den Tisch des Herrn. Frau Russel, deren Fortschleichen ich gar nicht bemerkt, kam jetzt leise hinter Lisanna getreten, und setzte ihr einen grünen Jungfraunkranz von den schon schlafenden Myrten leicht in das Haar. Sie ahnete ihn mehr als sie ihn fühlen konnte, und erröthete rosig im Antlitz, und rosig über, Nacken und Brust. Herr Patrik nahm das sechste Gebot zu seinem Text, als Casualprediger, und bearbeitete ihn so, wie ich es in meinem Leben nicht gehört. Und doch weiß ich die Worte nicht mehr, ich fühle sie nur, ihre Glut durchrollt mich warm, wie ein Fluß, von der Sonne erwärmt, die schöne Sommernacht noch lieblich dahinfließt, wenn nur der safranfarbige Nachtschein in ihm glänzt. Trauen sehen, und getrautwerden, ist doch ein Unterschied! Das kleine Zimmer war mir nicht allein eine Kirche, ach, der Himmel! Mutter und Vater erschienen mir im Geiste, und der Großvater stand hinter ihnen mit einem Heft Lieder mit goldenem Schnitt, wie Hochzeitgedichte unter dem Arm — aber er stand da in seinem abgetragenen, braun gewordenen grauenRocke, seine alte Mütze in der Hand, daß es recht gut war, daß er unsichtbar war! Sogar die alte Anna erblickt’ ich; sie hielt die blaue Schürze vor die Augen und weinte, und wandte den Kopf seitwärts und horchte auf die Traurede. Auch Marion stand vor mir da, und beurtheilte Lisanna, und Sir Horazio, und seine Theano mit dem Kopf auf seine Schulter sich lehnend — und über Alle sahe der rothe Daniel hinweg, und kümmerte mich wenig. Nun war Ich so weit, wie viele Tausende vor mir. Nun sollt’ Ich die Erde füllen, so sprach Gott zu mir und meiner Lisanna, das erste Wort, was er zu Menschen geredet. Meinetwegen hatt’ Er von Adam die Ribbe genommen, der gute Vater! Meinetwegen hatte Lisanna’s Mutter Schmerzen ertragen, Nächte durchwacht. Die gute Mutter! Gott segne sie! Wer und wo sie sei! — Aber Lisanna blieb — Lisanna! Ihre Elternunbekannt, und ich mußte sie nehmen, und nahm sie voll Freude, wie eine köstliche Blume voll Pracht des Wuchses, der Bildung und der Farben, nur unbenannt. Sir Samuel weinte laut während der Trauung, und ich hörte ihn sogar seufzen: „O wie glücklich könnt’ ich sein!“ Nach der Einsegnung schloß er Lisanna in seine Arme, und mich Frau Russel in die ihren! Polizeidirector Roßborn, Capitain York und Steuermann Crabbe unterschrieben sich unter Patrik’s Trauschein als Tranzeugen. Ich weiß nicht, was ich geredet, gehört und gesehen habe, und was geschehen, bis Tydal’s Kind — das Gott sei ewig Dank, nicht Lambton hieß! getauft wurde. Ich war so von Kräften, daß ich wirklich nicht stehen konnte, und mußte Pathe sitzen, wie es mir Doctor Toland vorausgesagt. Er hatte also auch alles Andre vorausgewußt, und vielleicht, o gewiß, mir bereiten helfen! Der Menschenfreund! Gott segne ihn, und Sir Samuel, und sogarauch die böse Russel! Sie bedarf Gottes Segen am ersten, am meisten. So betet’ ich im Herzen. Denn ich war ihr nun Dank schuldig, so schönen Dank, wie Lisanna!


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