Chapter 4

Lisanna schwebte dann leise hinaus, hinab, hinüber in den Garten unter die duftenden Brotfruchtbäume. Es war später Abend, oder frühe Nacht, und von dem Tage im Vaterlande schimmerte nur ein Safranschein, wie der Rand eines goldenen Tellers herauf. Aber ich war ihr nahe gefolgt, auch sah sie sich heut’ nach mir um! ja unter den Cocospalmenerwartete sie mich. „Nun muß ich Dir um den Hals fallen!“ sprach sie feurig. „Nun muß ich Dich an das Herz drücken!“ sprach ich. Das war unsre ganze Rede. Dann setzten wir uns in die Blumen, und hielten uns umarmt: Sie lehnte das Köpfchen an meine Brust; ich sahe hinaus über das murmelnde Meer, daraus silberner Duft aufstieg, und in dem Dufte strahlte das schönste Sternbild, das ewige Kreuz, golden hervor mit seinen ewigen Lampen, und stand wie ein Geist, herauf getaucht, auf den Wassern, bis es unsichtbare Engel schienen in den Himmel zu heben. Ueber uns in den Zweigen ließen junge Vögel im Nest ihre zarte Stimme hören, und Mutter und Vater redeten ihnen zu, und zwitscherten sie in den Schlaf. Sterne fielen von Zeit zu Zeit, und drunten im Flusse sprangen die Fische plätschernd aus der schimmernden Flut; in die laue Nacht. — So saßen wir, wer weiß wie lange! denn der Mond ging nun auf, und beleuchtete uns. Darum schlichen wir nach dem Hause. Ich nahm an der Thür zu Lisanna’s kleinem Zimmer gute Nacht mit einem Kuß, und immer wieder; und sie küßte mir gute Nacht, und entließ mich doch nicht, noch nicht! Drinnen aber hatte sich der Mond schon auf ihr Bett gelegt! Und heut’ bedeutete mir sein feuriger Schein des Nordlichts Glanz:

Der wallend in das freundliche Gemach,Wie eine Rosenflut vom Himmel floß,Und blinkend schien das reinliche GefäßVom Simms der Wand und schattete sich ab;Und glimmend, und doch nicht verglimmend, schwammIm kühlen Feuerglanz der feine FlachsGeröthet, und die Spindel eingetaucht,Womit die Liebliche des Abends spann,Und jedes Eckchen glomm von Licht erfüllt —— Da hielt sie mich mit langen Küssen fest —Und ich, der ich nicht gehen mußte — blieb!

Der wallend in das freundliche Gemach,

Wie eine Rosenflut vom Himmel floß,

Und blinkend schien das reinliche Gefäß

Vom Simms der Wand und schattete sich ab;

Und glimmend, und doch nicht verglimmend, schwamm

Im kühlen Feuerglanz der feine Flachs

Geröthet, und die Spindel eingetaucht,

Womit die Liebliche des Abends spann,

Und jedes Eckchen glomm von Licht erfüllt —

— Da hielt sie mich mit langen Küssen fest —

Und ich, der ich nicht gehen mußte — blieb!

Am Morgen erschrak ich natürlich nicht wenig, daß ein schönes, glühendes Mädchen, mit weißen, vollen Armen, inmeinemBette lag! Entsetzt darüber, wollt’ ich hinausspringen — noch einen Blick forschend über sie hin — das Herz pochte mir laut, und die Sonne, die ihr Licht über sie ausgoß, sagte mir: es sei Lisanna! und mein Gewissen sagte mir: Lisanna sei mein Weib! Und nun bestaunt’ ich sie lange, und dankte Gott für sie, und betete laut; im Bett aufsitzend. Davon erwachte sie, schlug ihre Augen auf, erröthete holdselig, setzte sich auf und verbarg sich verschämt an meinem Halse! Nur Eins fühlt’ ich, was Patrik in unserer Trauung gesagt:„Muß denn der Mensch Böses thun, um selig zu sein? Anderen rauben, um zu haben? Alle seine Kräfte zerstreuen, oder sammeln, um reich zu werden? Sein Leben an Vieles, oder an Eines setzen, um das Leben zu gewinnen! Nur auf dem Wege zum Himmel wandelt der Mensch in Blumen, und der einfache, reine Weg ist der reichste, der seligste! Wenn er auch nicht so reich, so selig wäre, daß das Herz in voller Gnüge schwelgt“ — und fast zerspringt, wie mir! setzt Ich hinzu. Das war wohl kein Jammer!

Hobarttown, Pfingsten 1820.

Seit Ostern hätte ich nichts einzutragen gehabt als: Arbeit und Freude! Freude und Arbeit! Arbeit und Freude! Ich hatte meine Schule und mein Weib, meine Arbeit und meine Freude. Ich denke immer: der Ehestand ist der Stand, wo man sich nicht etwa das Leben unangenehm machen, einander verbittern soll! Nein: angenehm und süß! Eines dem Andern! Und so thaten wir einander. Wer nur wenigstens die Seinigen immer so höflich, so liebreich behandelt, wieFremde, die einen Augenblick in das Haus treten — wie freundlich behandelt Der sie schon! Aber hat, wasmeinist, dem Ich angehöre, mit dem ich immer leben soll, nichtmehrverdient? ja Alles, mich selbst, meine größte Sorgfalt, unwandelbare Freundlichkeit und Liebe? Ich weiß nicht — ich denke mir immer, wenn ich aus Gewohnheit, daß Lisanna — der Engel — mein ist, einen Augenblick ihr nicht zulächle: daß sie ein Engel sei, der vorher nie gesehen und fremd, mir vom Himmel in das Haus gesandt ward — und gleich ist es gut! Und so denk’ ich auch von den Kindern: sie sind Engel! die nicht erst längst auf der Erde sind, und bald wieder fortwandeln; und rechne mir es zur Ehre, daß ich sie lehren kann von ihres Vaters Reich! Manchmal denk’ ich auch: es sindmeineKinder, und nun lehr’ ich mich warm und satt, daß ich ganz das Essen vergesse, bis Lisanna geduldig nur leise winkt! Ja ich glaube: daß der Herr 40 Tage gefastet hat, daß man 7 Körbe voll Brot nach der Bergpredigt aufgehoben! Ein voller Geist fühlt keinen leeren Magen. Das müssen die Obern in England auch wissen, da sie die Prediger und Schullehrer so dürftig abspeisen! Aber man hat ja Frau und — — — — Kind! siehe mir nicht in’s Buch! das schreibe ich, daß Du es lesen sollst, Lisanna!

Schiff Argo, am Johannistage 1820.

Ach, was soll ich sagen? Ach, meine Schule hab’ ich nur gegründet! Von meinen Kindern hab’ ich mit Thränen Abschied genommen, und sie von mir! Ich schreibe schon im Schiffe auf der Fahrt in das Vaterland, und Lisanna begleit’ ich, und Toland begleitet uns. Sie sitzt und weint; aber ich kann mir nicht helfen. Warum ist sie nicht Lisanna! Warum bin ich Lambton, und bleib’ es vielleicht, vielleicht auch nicht! Sir Samuel hat nicht wohlgethan!

Aber warum kriecht auch die alte Russel immer in die Rauchkammer? nach Zungen, die Leckerzunge! Warum fällt auch die Thür hinter ihr zu? Warum fällt uns keinem die Rauchkammer ein, wo sie weinen, dursten, husten und niesen sitzt, zwei lange Tage lang. Denn wir suchten sie außer dem Hause und überall, nur nicht, wo sie war, und hörten ihr Gedonnere nicht auf dem Boden noch obendrein in dem Sturme, der so wüthete, daß Hobday sagte: die Russel hat sich gehangen! was Sir Samuel gar nicht bezweifelte. Der deportirte Phylax war ihr Retter, der, immer von ihr gefüttert, nun hungrig, sie gesucht und gefunden, kam und unsanboll, zerrte und voran lief. Und als wir sie endlich erlöst, von allem Jammer sterbensmatt, von all’ den aus Hunger gegeßnen geräucherten Würsten sterbenskrank, und vor Durst ganz verlechzt, von dem unendlichen Husten ganz aufgedunsen, mit ganz roth-gebeizten Augen, und die Thränen und den Rauch im ganzen Gesicht herumgewischt, — da war sie fast selbst geräuchert, und sah’ aus wie eine schwarze so genannte ägyptische Marie. Warum stellte sie Doctor Toland doch wieder her! Er war ja kein Arzt, kein Carrhadis unter van Diemensländern, welche ihn zur Dankbarkeit mit der Lanze erstechen,wenn der Kranke stirbt. Wir Europäer bezahlen den Tod ja mit schwerem Gelde, sonst lernte auch keiner mehr curiren. Und was bezahlt’ ich nicht erst für der Russel ihren! Warum gaben die hängenden Schinken ihr nicht ein schweigendes Beispiel? Warum war ihre Zunge wenigstens nicht geräuchert, verzeihe mir Gott die Sünde, daß sie Herrn Patrik beichten konnte; daß dieser Herrn Roßborn verlangte, daß Beide schrieben, Zeugnisse aufnahmen, und selbst Sir Samuel in die Enge trieben mit lauter Menschenliebe! Denn, obgleich Sie nun besser ist, so ist mir doch schlimmer! Sie hat nur den Rauch des Fegefeuers gekostet, mich hat sie wirklich hineingestoßen!

Acht Tage nach ihrer Erlösung, aus der Marterkammer nämlich, besuchte mich Sir Samuel des Abends, und lud mich zu einem Gange in’s Freie ein. Wir gingen schweigend und weit hinaus, und lange stumm wie unsere Stöcke. Es war bald lächerlich — nein, sehr bald zum weinen! — Herr Lambton, sprach er endlich, was ich Ihnen zu sagen habe, ist ein Glück für Sie und Lisanna! —

Ich verlange kein größeres, noch Lisanna; unterbrach ich ihn nicht grade, denn er hielt von selbst inne, und wußte nicht recht anzufangen, und kämpfte mit sich selbst. —

Freilich! begann er wieder: wer ein Glück nicht begehrt, den macht es nicht glücklich; es ist ihm fremd! Jeder kann nur in der Lage glücklich sein, die ihm natürlich ist. Denn jeder Mensch, ja jegliches Wesen hat sein eigenes Glück, das in dem allgemeinen beruht, was der Welt überhaupt, und seinem Geschlechte in’s Besondere zugetheilt ist. Nur durch Vertauschung unserer angeborenen Zustände werden wir unglücklich! — Der Esel im Pallaste, der Lachs im Punsche befänden sich beide schlecht.Dem Biber ist in seinem Häuschen wohl, der Spinne in ihrem Netz. Aber wer die meisten, die Edelsten Bedürfnisse hat, die er befriedigen kann, ist der Glücklichste, und diese hat vorzugsweise derMensch. Ein sicherer, bequemerer Platz auf Euere Art in’s Größere zu wirken, reicher bewußt zu leben, kann Euch nicht schaden, und ich bin gezwungen, Euch in denselben zu verpflanzen! —

Zu was ist das die Vorrede? Sir Samuel! fragte ich traurig.

Zu großem Vermögen, und hohem Stand; sagt’ er, nicht ungerührt. Wer immer reich war, an dessen Glück verzweifl’ ich; wer arm, glücklich war,kannauch reich glücklich bleiben! und das hoff’ ich von Euch, und wünsch’ ich.

Aber was haben Sie mit uns vor, Sir Samuel! fragt’ ich ganz erschrocken. So viel haben ist genug, als man selbst bewalten kann! Alles dieß schon, jedes Einzelne, sei es nun ein Kind, ein Lamm, ein Pflug, macht uns Sorge, es zu erhalten, und beunruhigt uns schon genug, wenn es nicht in dem Stande und Gange ist, wie wir es brauchen und wünschen. Diese Sorge aber wohnt dem menschlichen Leben unabänderlich und nothwendig bei, und Jeder muß sie ertragen. Haben wir aber nunmehr, alswir selbstbewalten können, selbst bedürfen, dann wird unsre Sorge so groß, so vielfach, als sie der Mensch eigentlich nicht haben soll,wennwir unssodarum kümmern, wie es Dinge, die wir besitzen, doch immer erheischen! Kümmern wir uns aber nicht um dieselben, sind sie unsern Gedanken nicht täglich da, bilden sie nicht den Kreis, in welchem wir uns bewegen: sobesitzenwir sie wiederum nicht, und sind so arm, wie die Uebrigen — und die Hoffnung des täglichen Brotes, der Erlösung von dem Uebel, hat jeder täglich, der das Vaterunser betet. — Verschonen sie uns also, verschonen Sie uns, Sir Samuel!

Sie sprechen fast wörtlich aus Patrik’s Predigten, bester Lambton! Aber hören Sie! und wenn Sie Lisanna lieben, werden Sie um Ihres Glückes willen Ihr eigenes Glück mit in den Kauf nehmen.

Selbst um mein Unglück! sprach ich hastig. Es wird wohl so sein! —

Hören Sie ruhig zuerst mein Unglück! und wer ein größeres kennt, als ein treuloses Weib, dem will ich nachstehen; sprach Sir Samuel. Doch nach und nach gewöhnt sich der bessere Mensch, nur das für Glück oder Unglück anzusehen, was Er Gutes oder Böses thut, nicht was ihm gethan wird. Ich habe 15 Jahre nicht geweint, bis zu Ihrer Trauung; denn Lisanna konntemeinsein, meine Tochter sein von meinem Weihe. Aber als ich erst unglücklich ward, war ich das Unglück nicht eben gewohnt; das ist das Unglück des Unglücks; und leider wird man erst besser durch schlechter sein, als gut ist. Das mag mich im Voraus entschuldigen! Jetzt bin ich im Klaren, und wenn ich Allem nachdenke: so fehlt’ ich zuerst gegen die alte Regel, und glaubte nicht, daß eine Tochter so wird, wie die Mutter gewesen ist. Das Schicksal begünstigtemichwenigstens mit keiner Ausnahme. Mir hatten Canova’s glatte Weiber und die Venus von Medicis den Kopf verwirrt — mich reizte nur die schöneForm, ohne mit Augen zu sehen, daß man sie auch dem Marmor aufdrücken kann. Die schönsten Blumen riechen nicht, die schönsten Vögel singen abscheulich; Ihr Schmuck ist ihr Werth, und die Schönheit ist gewiß das Anlockendste für den Liebenden. Aber das Weib muß mild sein, schweigsam gleich der Natur, sich immer gleich, wohlthätig, uneigennützig, ja großmüthig; sie muß den ewigen Sinn der Natur, so weit ihn eine menschliche Seele fassen kann, aus sich kund geben,das heißt:lieben!— Daß davon Gelehrsamkeit, — nicht weiser Sinn; Schautragen von Schönheit und Reizen, — nicht Schönheit und Reize; Werthlegen auf weltliche Güter, — nicht ihr Besitz selbst,ganzausgeschlossen sei, ist eine Bedingung, die unerläßlich ist, wenn der Mann nicht bloß Menschliches, Weibisches, Gemeines in ihr erkennen, und — Sie fliehen soll! nicht sehen soll, daß sie Viele, oder nur Zwei liebe, also Ihn nicht, und überhaupt nicht liebe. Denn die Liebe ist das Erfülltsein von Einem, die Liebe liebt Eines, das Einzige, Schönste für sie. Deßwegen sind Schönheit, Rang und Gold auch wiederum nicht im Stande, so die Jungfrau zu gewinnen, als die süße Sprache des Herzens, voll Gefühl, Tapferkeit, kurz alles dessen, was überhaupt den Mann sie ahnen läßt. Feigheit — nicht Versöhnlichkeit, Verschwendung — nicht Armuth, kaltes oder gar schlechtes Herz — nicht ein begrabenes, und vollends Lächerlichkeit, die Travestie der Menschenwürde, zersetzen gewiß, und oft plötzlich, die Liebe auch in den vorher befangensten Jungfrauen. Wir sahen daher so viele, schöne, reiche und vornehme Männer, die nie geliebt waren, weil ihnen Eines fehlte: das Gemüth! der Sinn zur Natur, zu welcher das Weib auch dann, und dann erst eben recht und weiblich hinstrebt, wenn sie dem Manne sich ergiebt. — Mein Vergehen, das mich hieher geführt, auf meinen und meines Weibes Fehler gegründet, liegt in diesen Worten eingehüllt. Es half mir nichts, daß ich mein schönes Weib liebte, unaussprechlich liebte! Sie wissen, Lambton, um mich Ihnen verständlich zu machen: wenn Zwei Substantiva zusammenkommen, so steht das Eine im Genitiv, oder: die Liebe hat auch das mit dem Magnet gemein, daß sie positiv und negativzugleichin den Liebenden ist, wenn auch die Pole wechseln.Ganz gleichlieben sich nie zwei Liebende,oder Eheleute, und wenn sich auch beide noch so sehr lieben! Ich liebtemehr— und stand also im Genitiv! Daß wir kein Kind, zu unserem Erbe hatten, war ein Antrieb für ihre ausgelernte, weltlichgesinnte Frau Mutter, dem Verführer eine Brücke zu ihr zu bauen, und für Sie selbst — sie zu halten. So thöricht macht ein großes Besitzthum die Menschen: sich Erben für dasselbe zu ersündigen, oder einzuschwärzen — die doch dannIhreErben nicht sind! Und wenn auch alles Andere ungewiß ist, was die Weiber sind, so sind sie doch kinderliebend gewiß; und was man liebt — begehrt man. Indeß wäre meine Theano so schnell nicht gefallen!

„Theano!“ rief ich, und schlug vor Erstaunen die Hände zusammen. Doch erzählte er eisern fort: Aber Sir Horazio, mein Freund auf Reisen, lud uns nach Schloß Rowlandhill.

„Rowlandhill! — Horazio!“rief ich nun wieder. Nun war es richtig! Da sanken mir die Arme wie gelähmt. Mir war, wie gewissen Abergläubigen, denen ihre Götter und ihre Göttin in den Koth gefallen — und Ich sollte sie aufheben, rein waschen und allen wieder als ungefallene Götter aufstellen! Doch er erzählte eisern fort: Ich jagte sein Wild im Walde, Er indeß das meine im Hause. Er feierte Feste und Bälle . . . . und die Lust ruft die Lüste, die Lüste die Laster. Alle sanften Vergnügen und Empfindungen erweitern das Herz, alle rauschenden verengen, bedingen es. Der Mensch steht dann dem bloß sinnlichen Geschöpf, dem Thier, näher als der Gottheit; und ein leises Uebergewicht, so sinkt er zu ihm hinab. Die rauschenden Feste und Lüste sind furchtbarer, als man glaubt, oder aus Drang dazu sich gesteht; sie lösen das Herz auf; über alle süße und gewohnte Bande fühlt sich der Mensch emporgetragen, sein Sinn taumelt und raset über die schon bedingenden Schranken; er fühlt sich frei! Scham undSitte stehen im Hintergrunde, die Frechheit naht sich wohlbekannt, und gern verkannt; das Ohr hört günstig den Verführer, der Mund lächelt wenigstens selbstzufrieden über die gepriesenen Vorzüge, wenn er auch nichts erwiedert — und das geduldete Böse wird das verschuldete. Alle Sünden desHerzenswerden durch auflösende Lust begründet, alle Verbrechen dersanftenLeidenschaften begangen. Nur die ungeheuern Verbrechen des Verstandes kommen nicht aus der Lust, als Verrath und Meuchelmord. Sie werden in der Stille, im giftigen Winkel neben der Kreuzspinne ausgebrütet und angeknüpft, aus vergällter — Lust, und vergifteter — Liebe. Und so war auch das meine! Ich will mir nicht wieder das Herz zerreißen durch Nachgefühl des Jammers bei meinen Entdeckungen. Vielleicht war ich zu rasch, zu rachsüchtig, zu gewaltthätig, zu guter Kenner böser Weiber und Männer, und trieb mein Weib durch meinen Verdacht, durch meine Veranlassung erst zu dem Verführer, dann in das Verbrechen, erst als sie sich aufgegeben sahe von mir. So schmeichelt es mir noch heute zu muthmaßen — doch es wäre zum Verzweifeln, wenn ich Unrecht gehabt, wenn Theano unschuldig, nur FreundinmeinesFreundes — wenn Horazio ein ehrlicher Freund gewesen und also Lisanna dochmeineTochter wäre! Denn auch — bei Weibern ist nichts unmöglich. Aber — an den Weibern muß man denVerdachtstrafen, den sie erregen; so thut schon die Welt — und ich wollte nicht klüger sein, als sie. Weibliche Sünden sind unsichtbar, und Geister fängt man nicht. Darum verlangt das kein Richter. Ich konnte Horazio nach unserm Gesetz am Beutel strafen; aber was half es mir, ihm zu nehmen, was er genug hatte, Geld! Weibertreue ist unschätzbar, und Untreue hat keinen Preis, wie eine zerbrochene Perle. Eine untreugewordene Frauist schon zuvornichts für uns werth gewesen — als unser zerflossene Wahn. Und welche Schande für ein Weib sich mit Geld ersetzen zu lassen. Die frechste Strafe ist immer und überall die Geldstrafe: der Reiche lacht dazu, — was er eben wohl nur soll, muß man wirklich glauben; den Armen beraubt sie.Geldpaßt nur als Ersatz für das, was Geld Alles vorstellen kann, selbst Arbeit und Zeit. Für alle Seelenleiden, alle Ehrenkränkungen, für verlorene Freiheit, verlorenes Weib und Kind, kurz für alles, was derSeeledes Menschen verdienttheuerzu sein, als ein unschätzbar Gut, dafür mit Geld zu bezahlen, es bis auf denBajochauszurechnen, und das empörendste der Werke herauszugeben, dazu gehört das ausgebrannte Gemüth eines armen Italieners — wie heißt doch schon der Mann? Und doch verkaufte auch Ich mein Weib, nach unserm Gesetz, dem Horazio, aber Ihr, der Verliebten, zum Schimpf nur für Ein Pfund —Sterlinge.Ihnkonnte ich nicht strafen, als dadurch, ihm wieder an’sHerzzu greifen, wie er mir gethan, — und an Einer Stelle ist Jeder verwundbar, von Achill bis auf den gehörnten Siegfried. Die Gelegenheit fand sich erst nach 5 Jahren. Denn dem Horazio ward seine junge süße Tochter Elisa auf dem Christkindmarkt in London geraubt, während er einen Freund begrüßte, und sie von der Hand gelassen. Unrecht Gut gedeiht nicht! Die bestrafte Theano versprach die lockende, für ein Kind wie Elisa noch immer erbärmliche Belohnung von 10,000 Pfund, nebst Interessen — jetzt 15,000 Pfund — au porteur! Aber wer sie geraubt, brachte sie nicht aus Furcht der Strafe; das Mädchen mußte von Andern erkannt und verrathen werden — nur vonMirnicht! Denn in einem begonnenen Gemälde meines Freundes, des berühmten Malers L . w . . . ce, erkannte ich Elisa in dem Mädchen Maria, welchesdie Stufen zum Tempel hinaufging, um dem Hohenpriester vorgestellt zu werden, der sie oben mit ausgebreiteten Armen erwartete. In der Ecke, welche die Treppe mit der Mauer bildet, saß ein altes Weib und verkaufte Maria’s Mutter junge Tauben zum Opfer. Das ganze Bild erinnerte fast zu sehr an Tizians „Präsentation der Maria“ in der Carità zu Venedig. Ich ließ das Werk vollenden, nur bat und bewog ich meinen Freund, dem angelegten Hohenpriester meinen Kopf zu geben, und Maria’s Mutter das Gesicht der Theano, deren schönes wohlgetroffenes Portrait ich von seiner eigenen Hand, noch in meinem Schlosse gemalt, besaß. Ich wollte das Bild Lady Theano in die Hände bringen, abwechselnd aus Mitleid und Wiedervergeltung. Ich sahe hinter einem Vorhange verborgen die Scene, fast meine Eifersucht verwünschend, und das Weib in der unbeschreiblichen Mutter vergessend, als Theano Elisa erkannte. Sie rief nach ihr, wollte in ihrer Betäubung sogar den Fuß auf die gemalte Treppe setzen, ihr Kind herabzuziehen, und glühte und starrte in der Unmöglichkeit, es in dem Bilde, wie in dem Spiegel eines See’s zu erreichen, indeß das Kind, ihre jammervolle Klage überhörend, den nach ihm ausgestreckten Armen schweigend entgegen ging! — Ich hatte längst Bekanntschaft mit der Russel gemacht, welche die Taubenhändlerin im Gemälde, und die Modell-Zuführerin des Malers war, die er ihr ohne Weiteres nannte. So ward denn dieser der Raub des Kindes zugeschrieben. Nicht mir — dem Erkäufer der Russel. Ich brachte Elisa in Sicherheit. Meine Russel leugnete kalt und störrisch, obgleich die Mutter sich ihr im Gericht zu Füßen warf, und sie um des letzten Gerichtes willen beschwur. Sie leugnete — nicht mehr: sie sprach gar nicht mehr, auch überwiesen, und ward zur Deportation verurtheilt. Theanoward ohnmächtig hinweggetragen. Ich saß unter den Zuschauern. Ein hartes Wort machte mich zum Ableiter ihres innern Grimms und verdächtig; aber nur verdächtig. Doch kam nun meine bisher verschwiegene — Scene zur Sprache; und als ich dafür zumDeportirtenernannt (eine Stelle, die ich mit Freuden annahm, um meinen Raub zu vollenden) — in van Diemensland eingetroffen, mit der, einem auswandernden Freunde anvertrauten Elisa — Ihrer Lisanna, bester Lambton, vergalt ich der Russel, wie ich konnte, und wie sie fähig war. So hatte denn Ich etwas gethan, was kein Gesetz im Stande ist, nämlich eine unsittliche Handlung bestraft durch eine unsittliche Handlung, und zugleich den Beweis für die Welt, wenigstens meiner Seele gegeben, daß man Unrecht nur durch Unrecht strafen, durch Strafwürdiges Strafwürdiges ausgleichen kann, was nur der Gottheit zukäme, wenn sie nicht die Gottheit wäre. Seit der Zeit ist mir Strafe als Strafe ein Unding, ein Verbrechen. Der Mensch, der strafen will, unterfängt sich Unmögliches, oder Teuflisches. Sieben Mal siebenzig Mal soll Jeder dem Andern täglich Alles, Alles vergeben! Vergebet also auch, Lambton, der Russel und mir!

Ich mußte mich vor Wehmuth wegwenden. Doch hatte ich die Hand schon gleichsam vorräthig in der Tasche — zur Vergebung.

„Und er sprach: Ich will Euch noch mehr Stoff zur Vergebung sagen: Manchmal wollt’ ich das Kind verderben, verwahrlosen! an Geist und Körper zerrüttet seinen Eltern wiederschicken, mit dem ärgsten Verbrecher durch Verbrechen verbunden — wenn der Engel nur das leiseste Versehen hätte begehen können! Wenn ich es nur über ihre Schönheit, ja über die treuen jungen Züge ihrer einst geliebten Mutter vermocht! Denn ich hatte docheinenErsatz: ich hatte mein Weib wieder — als Kind! als zartes Mädchen— als rosige Jungfrau! Wie ich Jene nie gesehen, wie selten ein Mann seine Frau schon gesehen hat: in ihren Spielen, in ihrer Unschuld, ihrer Entwickelung zur reizendsten Jungfrau — so sah ich Sie! Und, Lambton, ich gönne Euch dasselbe Glück: einst Elisen so zu sehen in ihrer — Eurer Tochter. Es ist gar so süß! Und so muß sich der Mensch das Leben zusammenstellen, wenn er Alles haben will, was es nicht zu enthalten scheint, und doch so wunderbar, so lieblich enthält! Auch ohne daß sich die Russel an Patrik verrathen und dieser sie und mich an Roßborn, der nun auf Wiedersendung des Kindes an seine Eltern dringt, hätte ich Euch eines Tages gewiß zu ihnen geführt; denn meine Zeit hier ist zwar aus, aber nicht mein Ehrgefühl, und die Scham vor den — eingebildeten — Guten und Glücklichen. Wie mein Auge den Thränen, ist meine blasse Wange dem Blute verschlossen, um vor jedem Menschen immer wieder zu erröthen; und man möchte mich für verstockt, für aus- — geschämt halten. Das hält die meisten Entlassenen hier, wie die Gewohnheit den Genesenen im Bett. Hier: bin ich ein Fürst, der Schlangenkönig! der ohne Gift ist, wie der Weisel ohne Stachel. Indeß wird Doctor Toland mit Euch gehen. Elisa’s Anerkennung kann nicht fehlen; es ist Alles dazu eingeleitet. Nur an Elisa — Eure Lisanna — verrathet nicht, wer, wie reich und vornehm ihre Eltern sind! es soll sie überraschen. Doch, daß sie mich leichter vergißt, und selbst die alte Russel, die sie, wie das Kind die häßliche Ziegen-Amme, die es gesäugt, unglaublich liebt; daß sie mit Hoffnung nach England zieht sagt ihr, Ihr führet sie zu ihren wiedergefundenen Eltern. Das erlaub’ ich Euch; denn, wie sie fromm gesinnt ist, nähme sie Tagelöhner mit Freuden dafür an. In England aber sagt nicht, am wenigsten ihren Eltern, daß Ihr Elisa’sGatteseid, so lieb EuchElisa ist! AuchSiesoll nicht offenbaren:daß sie Euere Gattin ist, so lieb ihr Lambton ist, bisTolandes Euch Beiden gestattet. Nur das sind meine Bedingungen, die Ihr mir mit Handschlag gelobt! Das Schiff geht Montag; die Argo, worauf Ihr Euch das goldene Vließ in die Heimath führt. Gut’ Nacht!“ —

Er ließ mich stehen. Er schied; und was schied alles mit ihm von mir! Was war alles über mich gekommen! Was war alles schon um mich und für mich vorhanden gewesen! Welche Riesenhand vorräthig —wie meine Hand in der Tasche— zur Vergebung. Was wolltemirdie große Geisterhand ausihrerTasche —der Welt— reichen?Doch nicht bloß die Hand!Wie Ich sogar nicht! — Mein erster Blick war zum Himmel; er war mir auf einmal fremd, so fremd geworden! Die Sterne zogen hoch und glänzten hell. — Ich ging ihnen nichts mehr an, wie ein Sterbender! Die dämmernden Berge, die säuselnden Cocos, die geschlossenen Blumen — sie waren mir gleichsam vom Herzen gefallen! Sie gehörten nun Andern, mir nicht mehr! — die Hügel, die Bäume, der Fluß und die Felsenhatten mir die kurze Scene gebildet, aus der ich — hinausging. Und Lisanna! — Mir war so Angst, als sollt’ ich vom Felsen in’s Meer springen, wie die verlassene wahnsinnige Herzogin! Mir fiel aller Muth. Denn SirSamuelschien mir immer noch etwas, wie Rache, im Schilde zu führen, ja gerade dadurch, daß er an SirHoraziound LadyTheanodie Tochter zurückgab — jetzt erst, undverheirathet!undmit wem?wenn auch mit keinem Verbrecher, aber doch mit einem Schulmeister; welcher sonst höchstens eine ruinirte, und ihn vollends ruinirende Kammer-Jungfer, so zu sagen, zur Frau erhält, so zu sagen! Ach, ach! ja in der Eltern Sinn und Glauben nicht einmal verheirathet — wie Lisannenund mir bei dem äußersten Verluste zu sagen verboten war! — und doch, ach, ach, war sie gewiß dort Mutter von einem, ach, ach, Kinde! — Und sollt’ Ich der Giftbaum sein, welchen Sir Samuel in den Park des Horazio pflanzte? Das Gespenst des Schlosses Rowlandhill? der Nagel zum Sarge für Lady Theano? und der Schminktopf der zu Miß Elisa erhobenen Lisanna? Und wie paßte zu allen ihren hohen Namen — zu dem classischen:Horazio!zu dem Homerischen Namen der:göttlichen Theano!— wie zu dem Virgilisch-Carthagischen Königinnamen:Elisa!wie paßte da mein geringer Name:Esau Lambton!der mich an den Verlust meiner Erstgeburt jetzt erinnerte, und mich sauer, wie Linsen anroch. Ich sahe Elisa im Geiste sich schon vor mir auf dem Absatz umkehren, wennsie sichkannte, wie Mistriß Distreß, da siemichkannte, und höchstens sprach sie nur auch: Schade! Schade! ja sie ward mir die wahre Mistriß Distreß, meine „Frau Unglück.“ — Kurz, mein Entschluß war gefaßt, mich von ihr zu scheiden, bei Ehren zu bleiben — und selber nach Bedlam zu gehen, ehe man mich dahin brachte.

So stand ich vor meiner Schule; ich hörte Lisannen draußen im Hause frisch gebackenes liebes Brot mit anklopfendem Finger prüfen, ob es wohl gerathen sei — o wie dauerte sie mich bei solchen Geschäften armer Leute, mit ihren weißen Armen im Backfaß zu kneten, mit den vornehmen Händchen zu wirken! statt Spitzen und Hauben! Und wie man sonst mit dem Finger nur an die Stubenthür anklopft, klopft’ ich schon an der Hausthür an. Sie glaubte, ich wollte sie necken, und ihr antworten auf das Brotanklopfen, und sie klopfte wieder, die arme Seele! und trug es hinein. Dann blieb ich an der Stubenthür stehen, wie man bei vornehmen Leuten steht. Lisanna war mir auf einmal eineRespectsperson geworden, und ich blinder Thor, ich sahe nun wirklich erst, daß sie die, — nur junge, kummerlose, schöne Lady Theano war! Sie stand so hoch, so blendend über mir, daß ich nicht wagte, sie anzuschauen, mich demüthig vor ihr verbeugte, und wehmüthig die Hand küßte, aber die Augen nicht zumachte, damit die Thränen ihr ja nicht darauf fielen. Ach, sie glaubte, ich scherze, verneigte sich, küßte Mir die Hand und sprach: „Ihre Dienerin, mein Herr Schulmeister!“ — Das waren lauter Dolchstiche! Nun ging es zum Abendbrot, das heißt: Brot des Abends. Gott, wie schonte sie für sich die Butter, wie bestrich sie mir es fett; wie geduldig, wie munter aß sie, mit welchem geringen Messer; wie bald war — die Tafel — und das Brot aufgehoben! Nur dieBananasin ihrer Hand freute mich, die ganze! in England bekäme sie nur ein Schnittchen! Vor ihrer Zärtlichkeit, ihren Küssen blieb kein Mittel, als mich vom heutigen Abend an, auf das liebe neugebackene Brot, Gott verzeihe mir die Sünde! das mir von ihrer Hand sonst immer so wohl, so süß, aber wirklich heut’ etwas bitter geschmeckt —mich krank zu stellen!Wenn ich nur vorher nicht immer so ein rüstiger Mann Gottes gewesen! Sie wollte die Nacht noch im Regen zu Doctor Toland. Ich heuchelte nach einander nun Chiragra und Podagra, Gesichtsschmerz und Schmerzen an allen Gliedmaßen, daß sie nur von fern um mich schleichen, mich nicht anrühren durfte! Ich that ihr so leid, so leid! und sie mir, wenn sie nahe vor mir kniete, zu mir herauf sah, oder die Haare auf meiner Schulter doch in ihre Hand nahm, und sie streichelte und küßte statt meiner! Das war wohl ein Jammer! —

Doctor Toland hatte sie unterrichtet, sie gehe zu ihren Eltern; sie hatte beschworen, nicht vor der Zeit zu verrathen, ich seiihr Lambton. Aber sie wollte nicht reisen, weil Ich krank war — und: Ignoti est nulla cupido, auch wennCupidoselbst, oder Vater und Mutter die Unbekannten sind. So mußt’ ich dennan mir selbst ein Wunder thun, was noch kein Wunderthäter gethan noch vermocht, und mich gesund machen, was spottleicht war — um Ihr das ihr zuständige Glück zu verschaffen. Es that mir wieder wohl, ihr nahe zu ruhen, und mich mit dem Hirten Anchises zu vergleichen, der das himmlische Kind Aphrodite in seine sonnenbraunen tüchtigen Arme — wie meine — geschlossen. Nun erst fühlt’ ich die sammet-weiche Haut an Schulter und Nacken Elisa’s, ganz heimlich und leise, wenn sie schlief! Nun erst sah ich das erhabene Gesicht, auf dem der Adel ihrer Familie lag; sahe die zartgebildete Hand, vornehm und fein, und feiner bis auf die Nägel an ihren Fingern, und das rosige Roth, wie der rosenfingrigen Aurora, wenn sie eben draußen am Himmel die Nachtgewölke zu Taggewölken färbte und die Spitzen der Berge berührte! Dann blickt’ ich wehmüthig zum goldenen großen Morgenstern, und war doch selig und selbst zufrieden darüber,wasich, unddaßich esbesessen!um dieß niedrige Wort zu gebrauchen. Ach, dacht’ ich, es ist doch ganz ein anderes Ding um ein vornehmes Kind! Doch, wenn ich nun gar an mein Anchisesloos dachte, dann kann sich kein Grieche so vor dem großen Aeneas, dem Hasenfuß, gefürchtet haben, als ichvor einem kleinen!Der brachte mich um! —

Toland, der Menschenfreund, glich aus, was auszugleichen war, und trösteteLisannaund mich. Sein Wort: „Elisawird keines Trostes mehr bedürfen!“ war mein Trost und Gram. Denn, daß ich doch etwas Uebles von ihr sage, muß ich gestehen, daß sie sich nicht wenig darauf einbildete, des Lancaster-Schulmeisters —Lambton — Ehefrau — zu sein! Darin lag gar viel Samen des Unglücks für mich, und Alles kam darauf an, wie sie in ihrem Herzen den Ton auf die Worte legte, ob aufSchulmeister?oderLambton!ja, ach, ach,Ehefrau!Denn vonLancasterwußte sie so viel, wie die großen Herrn von mir! Ich hoffte wirklich manchmal noch, daß Sie mein bleiben werde, oder dochwollenwerde, wenn auch die Eltern nicht — und dann lächelte ich sie an, wie mein! nicht bloß wie eine Fremde, nach meiner Ehestandsregel. Sie erinnerte sich meiner doch — und

Frei ist die Zunge genug, der man — zu schweigen vergönnt!

Frei ist die Zunge genug, der man — zu schweigen vergönnt!

sagt Owen, dacht’ ich!

In den letzten Tagen vor unserer Abreise aus dem nie wiederzusehenden schönen unvergeßlichen Lande — meinem Paradiese — lief ich auf jeden Hügel, schaute in jeden Quell; ging die Wege, die ich sonst gegangen, und rührte doch noch einmal die Bäume an, in deren Schatten ich gesessen, ja selbst von meinen Rindern, meinem Bocke nahm ich Abschied. Das Leben scheint uns eine Vorbereitung, ein geschäftiger Sonnabend. Mit dem Gefühle, als werde man Alles immer wieder thun und schauen, als sei aller Reichthum der unwandelbaren Natur Uns unwandelbar und immer gegenwärtig bei der Hand — schaut und thut und liest man dieß und das, als einen Versuch, im Scherz — und kaum ist es gethan, so ist es unwiderruflich und ein rechter Ernst:es war die Sache selbst!— So war es auch hier mit meinem Aufenthalt, — so war er, so blieb er! Wenn nur auch mit meiner Ehe! — wehe! — Mit allem Nothwendigen versah uns Sir Samuel reichlich, und die Russel schickte noch ein Fäßchen, ein Päcktchen, ein Fläschchen, eine Kiste, ein Täschchen, einen Topf, einen Korb nach dem andern für uns in’s Schiff mitsüßen Pataten, herrlicher Schafbutter, Blumenkohl, Broccoli, Schinken, geräucherten Fettgänsen, frischen Austern, Eiern, frühen Kirschen, grünen Mandeln, Ananas, Bananas, Cananas — das ganze Alphabet von Früchten durch, bis auf die Yamswurzeln und den Apricosen-Zider, den sie mit dem Z. auf den Zettel geschrieben, so gut wie das Co in „Cocosmilch“ mit Cow, als wenn sie von der Kuh käme; aber ganz frisch war sie! Wie schwer schied die Russel von Lisanna! und Lisanna dankte ihr noch tausend Mal für alle Liebe, alles Gute, und küßte ihr die kinderräuberischen Hände! Ich wußte das freilich besser, aber ließ ihr auch die süße Wehmuth zu scheiden ungetrübt. Wie glücklich macht die Unwissenheit, die so gut wie Dummheit ist, und die Dummheit so gut wie Unwissenheit; darum dringen die großen — Gelehrten so darauf. Wissen macht ein schweres Herz; der Glaube macht selig! aberwassteht dahinter! Ach, ach!

Sir Samuel, Tydal, Roßborn und Patrik begleiteten uns in das Schiff; Mistriß Clara führte die weinende, nur zur Erde sehende Lisanna. Der Maler Clarke, ihn noch einmal so zu nennen, gab mit zum Andenken für mich und Lisanna eine kleine Mappe mit Ansichten von Hobarttown und Sir Samuel’s Besitzungen, dem Park und den Weideplätzen. Der Schalk, der bucklige kleineHobday, brachte mir selber die getrocknete Haut von dem armen Ziegenbocke mit nunmehr ihren, nicht seinen großen herrlichen Hörnern „weil erausgemeckert, ausgestoßenhat“ wie er sagte. Die guteOfabrachte mir heimlich auch meinenRinderhirtenstab, den ich küßte! Und was, was that mein Lambton da, aus Ueberstürzung von seinem genossenen und verlorenen Glück — — er küßte Ofa dazu! Die einzige, erste und letzte Ueberraschung, diemeinem Lambtonje geschehen! —Aber er weinte dazu — und unter reinen andächtigen Thränen geschieht nichts Arges. — Und war er nicht ganz voll Thränen? Hatte nicht Homer, wie von der heißen und kalten Quelle, von seinen Augen gesagt „er weinte mit einem Auge süße Thränen mit dem anderen bittere.“ Ja bittere! Denn wem sein Vaterland zum Unglücksort werden soll durch dumme — verzeihe mir Gott — Menschen, wem sein Vaterland schlechter, verwünschter sein soll als ein, wenigstens freies Verbrecherland, der möchte wohl aus einem Auge sogar Göttergalle weinen, aus dem andern vom zerrissenen Herzen heraufstürzendes Herzblut.

Doch, was red’ ich von mir! Ich verging fast ganz und gar in meine blasse ernsteLisanne, die sich in eine fremde Gestalt, inElisaverwandeln sollte, und leis verwandelte, aber ihres Lebens Kern und Gehalt in die neue Gestalt mit hinüber nahm, ihre Liebe! Ihre Liebe zu mir. Wie ihr aber dabei zu Muthe war, das träumt nur eine Chrysalide, sogar meine Liebe nicht aus. Die herzige Talo war untröstlich von ihrer Gebieterin zu scheiden. Sie mußte zurückgeführt werden. Doch litt sie es nur bis hinter die ersten Gebüsche — um doch nachzusehen!

Am Ufer umgaben uns Matrosen aus Capitain Yorks Themis, die noch ausgebessert ward. Manche von ihnen hatten sehr anziehende, aber nur nothdürftig angezogene malayische Weiber mitgebracht, ihre schwarzen Haarflechten mit rothem Ocker gepudert. Herr Patrik schalt die Matrosen: Weiberräuber! „Wollt Ihr Europäer nur Europäer für Menschen ansehen, denen Ihr Rechte schuldig seid, aber in allen andern vier Welttheilen macht alle Welt was sie will? Man kann auch Leuten Unrecht thun, die kein Gesetz haben, die uns nicht vor dem unseren belangen können. Aber das ist eben das himmelschreiende Unrecht!Ist nicht Ulimaroa und alle Welt so gut doch wie Neuseeland, wo für jeden Raub, jede schlechte Behandlung imvoraus Cautiongestellt werden muß? Doch man glaubt das nicht im Hause, wie es in der Welt zugeht!“ Die Weiber starrten ihn an, die Matrosen schlichen sich fort. Das schlägt in mein Fach, sagte Roßborn, ich werde mit dem Gouverneur sprechen. — Wir waren indeß eingestiegen, der Anker war aufgezogen unter dem taktmäßigen Geheul der Matrosen. Da kniete im Sande des Ufers noch ein alter Mann, der seine Zeit der Verbannung ausgestanden. „Ich habe nichts verdienen können, ich war fast immer krank!“ rief er zum Capitain; „ich kann England nicht bezahlen, und mein Weib, und meine Kinder möcht’ ich doch nur noch einmal sehen in dieser Welt.“ — Ich fühlte nach den 100 Pfund der Marion, auch die Interessen, die ich mir erübrigt hatte, waren dabei. Aber es rief in mir: nicht Unrecht thun und könnt’ ich der ganzen Welt die Heimkehr erkaufen! So straft’ ich mein blutendes Herz. Lisanna zählte ihr armes Beutelchen durch. Immer kniete der Mann das Schiff noch an, wie der erste Mexikaner das erste Roß. Sir Samuel nahte ihm sanft und schob ein kleines Blatt in seine Hand. Endlich sah der Alte es in seiner Verzweiflung an, erkannte die Banknote, sprang auf, um nach dem Schiffe zu stürzen, aber that mit einsinkenden Knieen immer kürzere Schritte, bis er lang hinfiel, und doch nicht aufstand, und still war. Und so blieb er, als man ihn umwandte; denn die Freude hatte ihn getödtet. Er hielt die Banknote noch immer in seiner Hand. Patrik segnete ihn ein, daß wir Alle weinten von seinen Worten, dann nahm er sanft und selber weinend das Blättchen von ihm, gab es Sir Samuel zurück und sprach: „Der Himmel wird Euch danken; denndahinhabet Ihr ihm die Ueberfahrt bezahlt! Er ist im Vaterlande!Grämet Euch nicht, daß Ihr so gewirkt. Wir Menschen wissen nicht, was wir ernten, nur was wir säen; nichtwaswir thun, nurwiewir thun.“ — Sir Samuel nahm die Banknote, legte noch eine dazu, und übergab sie Herrn Roßborn, der sie dem Capitain übergab fürWeib und Kinderdes armen Seligen, der auf dem Rücken liegend, so unbeschreiblich in den blauen Himmel hinauf lächelte, als lachten ihn sein Weib und alle seine Kinder an, ja selbst der göttliche Vater, wie die stille Sonne.

Durch seinen Anblick schieden wir Alle ernster und gefaßter, und nur still weinend; und indeß unsere Blicke an den hohen Platanen und Cocospalmen um Sir Samuel’s Wohnung hingen, wandte sich das Schiff aus dem Derwent um das Vorgebirge nach Morgen, und Hobarttown verschwand allmälig immer weiter in die Bai geschoben, wie Kinder langsam ihre bunte Stadt zusammenrollen. Dann zerschmolz gleichsam die nächste Küste im Meere, der niedrige Gürtel Heidelandes; dann die höhere Ebene mit ihren Eichenwipfeln bis an die Hügel; dann auch die ewiggrünen Hügel, die Berge, der letzte schneeige Gipfel. Dann sanken die Wolken am Horizont herab, und deckten das Land zu; und wie wir von ihnen herauf höher und höher bis zu denen sahen, die über uns hoch in der Bläue schwebten, erhoben sie unsre Gedanken zugleich in den Himmel. Während uns so van Diemensland, das Land ohne Mißwachs, ohne Ueberschwemmung, in ewigem Ueberfluß, wie das Paradies untersank, stand Doctor Toland mit dem Capitain der Argo zurückgewandt und sprach: „Ein Land für tausend Städte und hunderttausend Dörfer! und hat nur zwei bis drei! Wenn man sieht, wie ich gesehen habe, daß aus Mördern und Räubern sich und andern nützliche Menschen werden, ja sittliche, welche durch Warnung und festen Sinn sogarein besseres Geschlecht erziehen, als andere Eltern, die theils nicht wollen, theils nicht können, und selber gemächlich, gemächliche Menschen der Welt zum Glück oder Unglück überlassen, so dächt’ ich: es wäre doch Schade, wenn man sie gehangen hätte, oder Andre, die thaten, wie sie, und wie ich. Der Mensch ist doch keine Maschine, die immer dasselbe thun muß, bis sie zerbricht. Der Todtschläger keine Guillotine; der falsches Banknotenmacher keine Kupferstichpresse; der Dieb kein Rabe, wie Patrik sagt, sondern es sind gerade die ärmsten unglücklichsten Menschen, die gleichsam in der sinkenden Wagschale der Fortuna stehen, damit die Andern oben schweben.“ — „Am Ende wird man noch jeden, der einen Frevel begangen hat, beklagen, trösten, beschenken und lieben sollen!“ entgegnete ihm der Capitain. — „So ungefähr mein’ ich’s! versetzte Doctor Toland, und so meint es unseres Königs Majestät. Wie viele sind zuvor nur in 20 Jahren in England hingerichtet worden! wie viele in ganz Europa! — alle nach dem Gesetz, aber nicht durch das scharfe Gesetz, sondern durchscharfe Richter. Gewiß eine halbe Million Unglücklicher mit Weib und Kindern, welche, statt sich selbst ohne Nutzen und der Welt zum Gräuel — wenn sie ihn empfindet — zu Grunde gegangen zu sein, jetzt schon die hundert Städte van Diemenslandes mit einer Million ehrlicher Leute erfüllen würden! O! was ist den Völkern heilsamer, als die unbeschränkte, über allem Gesetze waltende Macht, die sie unbeschränktliebt!Gott segne die Monarchen, die nicht am Historischen hängen, sondern an Gott, bloß an Gott.“ — Die Thräne, die ihm dabei im Auge stand, war gewiß Cleopatra’s Perle werth, ja alle Perlen in allen Kronen.

„Ich will nicht nach Europa!“ bat Lisanna, sich fest an mich schmiegend, und einen ängstlichen Blick nach Morgen richtend.

Ist Toland nicht auch aus Europa, und Er ist ja ein Menschenfreund, und dort sind ihrer noch viele, wenn sie auch nicht Toland heißen! tröstet’ ich sie.

Und Lisanna sprach beschämt: und Du ja auch, Lambton und Sir Samuel, und die gute Russel! Gott segne sie! Und Du ziehst ja mit und Doctor Toland.

„Zieh nur hin, mein Kind,“ sagte er; „dort ist Alles prächtig, Alles spricht schön, dort sind Millionen Kirchen, die zum Ersticken voll sind alle Sonntage, und man betet dort das Vaterunser zu Dutzenden in einer Viertelstunde.“ —

Lisanna freute sich holdselig, und lächelte vor sich hin. Und ich, der ich mich schon vor englischer Rang- und Titelschaft genug zu fürchten hatte, sprach in mir leise: o selige Unwissenheit!

SteinkohlenwerkAloa, in Südschottland,den 1. Advent 1820.

Dießmal segelten wir nach Morgen, der Passatwinde wegen, in die Heimath. Zuerst um Südcap auf Tawai-Poenamu mit seiner Bergkette und dem Pic Egmont, frei, hoch und schön, wie — Egmont. Dann um Cap Horn. In Rio Janeiro, wo wir acht Tage lang gleichsam Mittag machten auf unserer Reise, war Elisa krank, aber nicht seekrank, sagte mir Doctor Toland, nicht von Amphitrite, sondern von Aphrodite. Ach, ach! Ich war beständig um sie, und sahe auch hier wiederum nichts von allem Schönen — als Sie! Ach, und alles Andere konnt’ ich vielleicht wiedersehen, immer sehen — Sie hatt’ ich ja nur, so lange das Schiff uns trug! Ich wünschte, die Fahrt dauere ewig; ewig daure die Hoffnung, nach dem Vaterlande zu steuern, und nimmer anzukommen; wie man von bezauberten Schiffen erzählt,die endlos auf dem Ocean umhersteuern, voll Freunde, die nie sterben. Sonst hatten wir keine Beunruhigung als von den Ratten, für welche der Stewart, wie er sagte, eineLectürehinlegte, um daran zu lecken und einzuschlafen.

Aber was mußt’ ich von Doctor Toland hören, dem Menschenfreunde! Der Capitain fragte ihn eines Tages, ob er in Hobarttown nichts von der Geschichte gehört, die sich in London zugetragen? von einem Doctor, Apotheker und wüthigen Hunde? Toland ließ sich erzählen, daß ein junges Weib von einem läufischen Mops leicht geritzt worden sei, und daß sich darauf selbst bedenkliche Folgen gezeigt. Der Doctor, ihr Mann, habe vergebens die bekannten Mittel dagegen angewandt, und daher den Wirth seines Hauses, einen Apotheker, um das Arcanum gebeten, weßwegen dieser eben mit der Regierung um eine große Leibrente in Unterhandlung gestanden. Der Apotheker habe es ihm zu geben verweigert, um es durch seine, dem Doctor leicht erkennliche Substanz nicht zu verrathen. Der Doctor habe an den Sheriff geschrieben, um den Apotheker zur Herausgabe des Mittels zwingen zu lassen. Dieser aber habe geantwortet: „das Gesetz kann keine sittliche Handlung gebieten, noch alle unsittlichen verbieten; Ihnen nach ist nurdasPflicht, was sie erzwingen können; unrecht und ungesetzlich ist daher zweierlei. Der Apotheker kann nicht gezwungen werden; auch kein Doctor.“ — Aber zwingen kann er! habe der Doctor gesagt, den Apotheker mit dem Mops in Ein Zimmer gesperrt, in welchem er ihn zur Beobachtung aufbewahrt. Von dem nun auch verletzt, habe der Herr Apotheker endlich das Recept für sich und des Doctors Frau gemacht, es ihr selbst eingegeben, was ihm gleich hätte einfallen können, und Apotheker und Frau leben heute noch. Der Apotheker aber habe geklagt,und sei als „unschuldig“ freigesprochen, der Doctor aber nach Hobarttown deportirt worden. — Haben Sie den Doctor nicht etwa gesehen? fragt er. „Der Doctor bin Ich!“ sprach Toland lächelnd. Der Capitain und, wir Andern traten einen Schritt von ihm weg. Er aber sagte mit Nachdruck: „Nur aus Pflichten, die sich auf menschliche, körperliche und geistige Anlage gründen, kann das Haus ein Gesetz machen; und das soll das Haus aber auch. Sittliche Freiheit besteht darin, das Gutenichtthun zu können, Tugend darin, es zuwollen, und bürgerliche Freiheit darin, es thun zudürfen. Aeußere und innere Gesetzgebung sind daher Eine und dieselbe, obgleich die äußere, das Gesetz, nur die bürgerlichen Pflichten des Menschen gegen seine Mitbürger in Betrachtung zieht und wägt. Aber die Sittlichkeit, die einzig göttliche Kraft der Religion, ist die QuelleallerPflichten, auch derer, die ich im Gegensatz adlige trennen möchte; und jeder Gesetzgeber im Hause muß die Gesetze ausihrherleiten, sie immer vor Augen und im Herzen haben, bei Beurtheilung und Unterlegung von Handlungen unter das Gesetz. Denn Sittlichkeit und Unsittlichkeit erscheint auch schon in äußeren Handlungen unverkennbar. Zu diesen äußeren, hülfreichen, mit Einem Worte, guten Handlungen muß auch das Haus zwingen können, auch schon als bloße gemeinschaftliche Sicherheitsanstalt. Denn es ist einerlei, jemanden ermorden, oder nicht das Leben retten. Der Hauptzweck des Hauses aber muß sein, eine sittliche Ordnung einzuführen; das ist Gottes Wille, darum Volkswille. Auch das Strafrecht nimmt sich ja schon die Freiheit, auf die Triebfedern zu wirken. Wer aber den Menschen in die Seele greift, der braucht ihnen nicht in den Arm zu greifen; wo die sittliche Ordnung herrscht, kann die bloß rechtliche, auch Kirchen-rechtliche aufhören, hörtmit jedem Gebildeten auf, und hat bei Vielen schon aufgehört.“ — Der Capitain warf ein: „das Haus trägt aber nicht die Schuld, daß wir lieben Menschen noch nicht so gebildet sind, das Gute aus freiem Willen ohne Gesetz zu thun“ — — „das Böse nicht ohne Strafe! wollen Sie sagen;“ unterbrach ihn Doctor Toland. Der Capitain fuhr fort: „und wenn wir keine das Gute gebietende Gesetze haben, so liegt es daran, daß sie sich höchstens geben, lehren, verbreiten lassen; aber Sie wissen ja, es fehlt das eilfte Gebot, dieKraftund derZwang:du sollst die zehn Gebote halten!“ —

Ich, als von geistlichem Stande, der von dem Hause im Collegio Stipendien genossen, nahm aus Dankbarkeit nun das Haus in Schutz, und sprach endlich auch mit darein, also: das Gesetz, welches das Gute gebietet, ist da! es ist Religion! und da es eben so viele Geistliche, Pfarrherrn, Schullehrer und Vicare giebt, als Richter und Polizeimeister, für welche das Haus sorgt, und die geistlichen Rechte für die höchsten hält, so ist das Haus entschuldigt!

— „Ich entschuldige auch das Haus!“ schloß Doctor Toland. „Nur daß es trennt, was es zusammennähen sollte, ist der Fehler. Die Religionsgesetze sollen die Staatsgesetze allein, und ganz allein sein, was man noch nicht einmal versucht hat! Das Haus soll nicht unterscheiden: Religion und Recht, sondern Wollen und Thun. Das Thun aber wenigstens muß gleich sittlich sein, und nicht nach dem Recht, dem todten Buchstaben des Gesetzes, sondern nach dem lebendigen Wort gerichtet werden, wie es aus ihm geboten ist. Wenn Einer von uns beiden nach Botanybai wandern mußte, so war es — der Apotheker! Dixi!“ — Dabei kehrt’ er sich um. Der Capitain raunte mir in’s Ohr:er glaubt gewiß das Hosenband verdient zu haben für seinen Apothekerzwang! Der ist von der Pfahlwurzel der Radicalen! ein Unverbesserlicher, der glaubt, er denke und lebe recht.

— So Gott will! seufzte ich aus tiefer Brust. Wie Gott will! —

Ich sah eben England! und konnte nichts als weinen, weil ich da meine Lisanna verlieren mußte! Wir segelten an der Küste hinauf bis an den Meerbusen vonForth, in den Hafen vonAloa. —

Im Gasthause schrieb Doctor Toland sogleich einen Brief an Sir Horazio, den Baronet, nach Rowlandhill; und ich überschickte heimlich Marion sogleich ihre 100 Pfund nebst Interessen 6 pro Ct. richtig, nur mit der Bitte, es Niemandem zu sagen, bis ich entschuldigt wäre in Aller Augen. Denn, daß man selbst eine Pflicht nachholt, giebt uns gerade den Schein einer Pflichtverletzung. Ich war freilich ein besserer Bote nach dem Tode, als nach Gelde, doch ein ehrlicher, der nur einen kleinen Abstecher von 18,000 Seemeilen gemacht. — Sir Horazio antwortete, daß er nach Aloa kommen würde, und bestimmte den Tag.

Je näher nun dieser rückte, je ängstlicher ward mir; ich hätte mich lieber in die Erde verborgen! Und so that ich auch wirklich. Denn als Elisa, Toland und ich, uns die ungeheuern Steinkohlengruben besahen, welche 2000 Fuß tief sich unter dem Schwalle des Meeres hinausziehen, faßt’ ich den Entschluß, mich zur Ruhe zu setzen und Steinkohlen zu graben. Meine Schulmeisterstelle war besetzt; an andern Orten fehlten mir die Gönner; ich schämte mich vor allen Menschen, aber am meisten Sir Horazio und Lady Theano vor Augen zu treten, deren einzige Tochter ich so herabgewürdigt hatte. Aber hier unter der Erde und unter dem Meerezugleich, mein Schachtlicht vor der Brust, wußte ich nichts von der Welt und ihrem Geräusch und Treiben — nicht, ob über mir Schiffe fahren im Sonnenlicht oder im Mondenschein, ob der Donner rollt, Blitze ein Schiff zerschmettern, ob es sinkt und versinkt über meinem Kopf — mich kümmert es nicht, mich trifft es nicht — unwissend sing’ ich mein Abendlied, und verdiene mir morgen es wieder zu singen! Ach, wäre ich nur eher hierher gegangen, als nach Hobarttown! Wie selig könnt’ ich hier leben! — Doch war es hier noch am besten; ich ließ mich zu der Arbeit dingen und verschwand den Tag vor Sir Horazio’s Ankunft. Denn die letzte Nacht fragte Elisa mich noch, so ganz im sorgenlosen Flusse des Gesprächs: „wie ich wohl würde einen Knaben nennen?“ und ich sagte, nichts ahnend, und wie einen Spruch betend: „Er soll Aeneas heißen!“ — bis mir die Frage auffiel, centnerschwer. Nun war kein Bleibens mehr! Ich schied selbst ohne Kuß von ihr — ohne mehr sie anzusehen. Das war ein Jammer! — Nun Gott segne Sie, Sie! für sich und mich, für Sir Samuel und die Russel! für Horazio und Theano, für die ganze Welt! — Das fleht’ ich im Fortwanken und Weinen. Wo ich hinging, hatte ich auch dem Doctor Toland verschwiegen. Nur bat ich ihn, mir Nachricht zu geben von Lisanna, vom Ausgange der Schlacht des Weibes, wie Euripides sagt, — und ließ ihm meine Adresse. Denn eines Tages, als ich mit Lisanna die Stadt, ihre Glas-, Tauwerk- und Segeltuchfabriken und die Schneidemühlen besah, traf ich den alten Kleinhändler Oldham aus der Taverne im Hafen zu Portsmuth, hier an seinem Wohnorte wieder an. Er erkannte mich, führte uns in sein Haus, zeigte mich seiner Frau, und dankte mir, daß ich ihren Augen hätte geholfen, den Staar stechen! Ich verneinte das; er bejahte es und erklärte,daß ein geiziger Arzt es nicht habe umsonst, noch auch nur ein Auge um weniger Geld als seine Taxe, thun wollen; darum habe er die Häfen durchstrichen, wo die Matrosen gewöhnlich das Geld wegwerfen, um es nur los zu werden. — So waren meine Leidenthaler Freudenthaler geworden! Nun wußte Lisanna, was ich damals selbst nicht wußte. Diesem dankbaren alten Oldham entdeckt’ ich nun auf sein Gewissen, wo ich zu finden sei; und an diesen wies ich den Doctor Toland, den Menschenfreund, wenn er mir einmal schreiben wolle. Dazu lacht’ er nur, und sagte: Wir müssen uns freilich trennen; wir werden Euch aber schon zu finden wissen! Gebt die Adresse! Gedenkt an Euere Zeilen von der Geduld, und kommt uns ja nicht nach! —

Das war doch gewiß keine Einladung, mit nach Rowlandhill zu gehen, noch Sir Horazio abzuwarten! Er zwingt ja sonst die Leute zum Guten, also muß es wohl etwas Böses sein, daß ich dort erscheine! Aber hat doch Elisa die große, wundervolle Gruft gesehn, worin Ihr Lambton sich selber beigesetzt! Doch ach, Ich lebe! und Sie unter dem Himmelsgewölbe ist für mich todt! Ich kann mich gar nicht mehr satt an dem Morgenstern sehen, wenn ich meine Nachtschicht abgefahren habe und hinaustrete unter das Firmament, und wenn Er mich noch immer ansieht, wie damals an Lisanna’s Seite! Mstr. Oldham hatte ein Lied unter seinen Liedern „Der Morgenstern,“ das ich einsteckte. Das Lied spricht mir ordentlich aus dem Herzen, und das sollen die besten Lieder sein, die allen Leuten gleichsam aus dem Herzen sprechen und singen. Das Lied sing’ ich dann in der Frühe:


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