10.Kirchliche Personennamen als Familiennamen.

10.Kirchliche Personennamen als Familiennamen.

Die Personennamen der zweiten Schicht, die kirchlichen, mußten eben als fremde Namen noch stärkere Umwandlungen erfahren wie die einheimischen. Aufgenommen sind sie zunächst in der griechisch-lateinischen Form, wie die Kirchensprache (nach dem Vorgang der lateinischen Bibelübersetzung, der Vulgata) sie bot. In dieser vollen Form jedoch erscheinen sie als Familiennamen, einige kürzere wieThomas,Lucasausgenommen, fast nie; — es verbietet das schon ihre Länge, da sie meist 4–5silbig sind.

Es mußte also eine Kürzung erfolgen. Dabei kam alles auf die Betonung an. Im Althochdeutschen wurde bei den Fremdwörtern der Ton zurückgezogen, er strebte noch über die drittletzte Silbe nach vorn hin, auf die erste Silbe, die im Deutschen in der Regel als Stamm den höchsten Ton trägt, z. B.Antichristus—Ántichristo,Constántia—Chóstanza,Mathaéus—Mátheus.

Die Sprache hatte sich so gewöhnt, den Hochton auf den Anfang des Wortes zu werfen, daß in den Fällen, wo dies aus irgend einem Anlasse nicht geschehen war, der nun tonlose Anfang wie mit Mißachtung behandelt und durch eilendes Drüberhingehen des einen oder anderen Lautesberaubt, ja gänzlich abgeworfen wurde, z. B.apostolus— althochd.postul,Hispanus—Spân.

Später freilich wurde durch romanische Einflüsse die echtdeutsche Betonung der Fremdwörter mehr und mehr verdrängt zu Gunsten einer anderen, welche den Ton auf den Ausgang der Wörter wirft. Es ist dies die französisch-neuhochdeutsche Betonung, die, schon im Mittelalter beginnend (s. die zahlreichen Hauptwörter aufîe, jetztíeoderei), nunmehr leider zur Herrschaft in unserer Sprache gelangt ist.

Länger als in der Schriftsprache behauptete sich jene ursprüngliche, umdeutschende Betonung im Volksmunde, besonders den fremden Eigennamen gegenüber. Bei denselben wird noch heute der Ton auf die erste Silbe zurückgezogen, was dann Kürzungen am Ende (Apokopen) zur Folge hat:Andres,Béndix, d. i. Benedictus,Chrístian(Chrísten),Níclas[35]usw. Oder falls diese Zurückwerfung des Tones unterblieben ist, treten vorn Verkürzungen (Aphäresen) ein: Joachim —Achim, Erasmus —Rasmus,Asmus. Häufig ist beides, Aphärese und Apokope, vereint, wie Bonifacius —Fazi, Dionysius —Nis, wo von 5 Silben nur eine, die Tonsilbe selbst, übrig geblieben ist.[36]

Hinsichtlich dieser weitgreifenden Aphäresen treten die fremden Namen den deutschen gegenüber, bei welchen Kürzungen zu Anfang des Wortes durch die Betonung gehindert werden.

Aus diesen mannigfach gekürzten und umgewandelten Taufnamen ist nun eine verhältnismäßig bedeutende Zahl Familiennamen erwachsen, teils mit einer Kürzung am Ende:MáthiesundMathes, teils mit einer solchen am Anfang:Alexander—Xander. Vielfach treten an demselben Namen wechselnd beide Erscheinungen hervor, wie von demselben Stamm eines Baumes Äste nach entgegengesetzten Richtungen ausgehen, und es entstehen Formen, die keine Ähnlichkeit mehr miteinander haben. So wird

Mitunter haben diese verschiedenen Sproßformen keinen Buchstaben des Stammes gemein, z. B.BarthelundMewesaus Bartholomäus.

Wie das letzte Beispiel beweist, findet neben der Kürzung bisweilen Zerdehnung statt, indem zwischen zwei Vokale sich einwodergeinschiebt. Dies ist auch der Fall beiPaul, woraus sichPawelundPagelentwickelt hat.

Nicht selten gehen diese Kürzungen, Zusammenziehungen und Umbildungen so weit, daß die ursprüngliche Namensform vollkommen unkenntlich geworden ist.Lexaus Alexius,Xanderaus Alexander ist schon ziemlich gewaltsam; doch wird auch dies noch überboten. Wer würde z. B. denken, daß der FamiliennameGilleaus Aegidius entstanden ist, daßGrolms(der Bauer in der bekannten Fabel),RohnerundMussein und derselbe Name und daß alle drei aus Hieronymus entstellt sind?[38]Und doch beweisen dies die Formen, welche in den alten Schriften und Urkunden sich finden, nebst den lebenden der Volksmundarten. Bei fremdsprachigen Namen dürfen solche Erscheinungen nicht überraschen.

In betreff dergenetivischenAbleitungen ist Vorsicht vonnöten; namentlich ist dasskein sicheres Kennzeichen, da es vielfach nur von dem Nominativ her stehen geblieben, z. B.Staats(aus Eustathius),Mews; auchMarx, aus Marcus. Das gilt besonders von der Endungies(zweisilbig zu sprechen), die aus dem lat. Nominativiusentstanden ist:[39]Borriesaus Liborius,Plönnies,Lönniesaus Apollonius. Ganz unzweideutig genetivisch sind fast nur die mit fremden (lateinischen) Genetivendungen auftretenden Namen aufi,ae,is:Pauli,Matthiae,Michaelis.

Zusammensetzungen mit „Sohn“ sind häufig, und dabei ist mehrfach der volle Vokal bewahrt:Andersohn,Matthisson,Petersson, während allerdings in der Mehrzahl auch hier die Abschwächung inseneingetreten ist.

Verkleinerungsformen dagegen sind im ganzen seltener:Köbke(aus Jakob) undJahnke(aus Johannes), denenJäckelundHenselgegenüberstehen, weisen die Hauptform des niederdeutschen Deminutivs (mit dem Charakterlautek) und des oberdeutschen (mitl) auf, währendzbei den Fremdnamen überhaupt nicht vertreten ist.

Außer dem Genetiv und der Zusammensetzung mit Sohn wird das patronymische Verhältnis auch durch Vorsetzung von Jung oder Klein bezeichnet. Hieß der Vater z. B. Andreas, so wurde der Sohn, welcher denselben Namen in der Taufe erhalten hatte,Jungandresgenannt, oder Michel:Kleinmichel, und zu den Zeiten der Söhne trat eben das Festwerden der Familiennamen ein, so daß nunJungandresundJunghans,KleinmichelundKleinpaulauch der ganzen Nachkommenschaft des eigentlichen Jungandres usw. zuteil wurden. Übrigens scheinen es hauptsächlich nur die FremdnamenAndreas,Johannes,Michael,NikolausundPaul, sowie die einheimischenKonrad(Kurt, Kunz) undHeinrich(Heinz) zu sein, welche Patronymika mit Jung und Alt, Klein und Groß bilden.

Aus einigen dieser Namen hat sich solchergestalt durch Kürzung, Ableitung, Zusammensetzung eine Menge Familiennamen gebildet; man sehe das Lexikon unterAndreas,Nikolaus,Matthaeus.

Alle überbietet jedoch der NameJohannes. Wie dieser als Taufname jederzeit einer der beliebtesten gewesen, so hat er auch als Familienname die weiteste Verbreitung und mannigfachste Gestaltung erfahren, so daß sich mehr als 100 Familiennamen aufzählen lassen, die sämtlich ausJohannesgebildet sind (s. dasLexikon). Wir haben hier wieder das Bild eines Waldes, der allmählich aus einem einzigen Baum entstanden ist.

Indessen sind es nur einzelne unter den fremdsprachigen Namen, welche eine solche Fruchtbarkeit entwickeln. Im allgemeinen können dieselben, schon als Fremdlinge, nicht eine so vielseitige Bildsamkeit besitzen wie die einheimischen, von vornherein in deutschem Sprachgrunde wurzelnden. Es bleibt daher die Zahl der von kirchlichen Taufnamen stammenden Familiennamen im ganzen eine beschränkte im Vergleich mit den Gebilden altdeutschen Ursprunges.


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