12.Familiennamen der dritten Schicht.
Wie aus der Geschichte bekannt ist, wurden hervorragenden Personen, namentlich fürstlichen Standes, in früheren Zeiten häufig Beinamen gegeben, mit welchen der Deutsche in diesem Falle sehr freigebig war. So finden wir schon im 9. Jahrhundert unter den Karolingern einenKarl den Dickenund einenKarl den Kahlen, später unter den sächsischen Kaisern einenOtto den Rotenund einenHeinrich den Heiligen. Was letzteren Namen betrifft, so kennt die Geschichte außerdem noch Heinrich denStolzen, denSchwarzen, denZänker. Und wie hieraus ersichtlich, gab man nicht immer ehrende Beinamen, sondern auch tadelnde und spottende, und das Mittelalter war darin durchaus nicht blöde. So hieß Kaiser Wenzel der „Faule“, Landgraf Ludwig von Thüringen der „Unartige“, Eberhard von Württemberg der „Greiner“, d. i. Händelsucher.[52]
Zu diesem Zwecke werden zunächst und am einfachsten verwendetEigenschaftswörterselbst, die mit dem Artikel dem eigentlichen Namen nachgesetzt werden: Otto der Rote, Friedrich der Lange usw. Aus diesen Zusätzen entwickelten sich dann dauernde Bezeichnungen der Familie, wobei der Umstand zu Hülfe kam, daß eben die Eigenschaften des Vaters vielfach auf die Kinder vererben. Dabei fiel der Artikel vor dem Zusatze fort;[53]doch blieb trotzdem sehr oft die gebogene Form des Eigenschaftswortes stehen:KlugenebenKlug,WeißenebenWeiß,Grote(Große) nebenGroth(Groß), und in manchen Fällen ist es sogar die herrschende Form geblieben, wenigstens in Norddeutschland, wie inKrause,Lange.
Die Zahl der einfachen Namen dieser Art vermindert sich übrigens bei näherer Untersuchung sehr. Einmal finden sich viele davon schon im Altdeutschen, gehören demnach — wenn auch vielleicht nicht in allen Fällen — zur ersten Schicht; so die NamenGuth,Fromm,Jung(schon im 6. Jahrhundert einGoda, im 10. einJungo). Dann sind manche auch nur scheinbar Eigenschaftswörter, z. B. istVollschwerlich einer, der immer „voll“ ist, sondern es ist das altdeutscheFulko(vgl. Volkbrecht und Vollbrecht). AuchRohdekann zwar die niederdeutsche Form des Eigenschaftswortes rot sein — auf das Haar bezüglich, wie schon Krause; gewiß aber mindestens eben so häufig ist es das altdeutscheHrodo(zu dem Stammehrod„Schall, Ruhm“).
Sicherer sind Zusammensetzungen, wie
Viel seltener finden sichHauptwörterzur Bezeichnung einer Eigenschaft oder charakteristischen Tätigkeit, wie Becker aus Köln (12. Jahrhundert) anführt:Fraz(Fresser),Schad(Räuber),Slevere(Schläfer); aus Zürich (13. Jahrhundert):Manesse(Menschenfresser),Boneze(Bohnenesser). Letzteren stellen sich zur Seite von neueren Namen:FleischfressernebstHoltfreter(niederd. = Holzfresser) undSpeckäter— insbesondere aber gehören hierher manche Zusammensetzungen mit Mann:Biedermann,Großmann; auch Abstrakte wieFrischmuth,Sanftleben, und präpositionelle Zusammensetzungen:Ohnesorge,Woltemate(wohl zu Maß).
In bildlicher Weise wurden auch Namen vonTieren, an denen man bestimmte, stark hervortretende Eigenschaften fand, in diesem Sinne verwendet. Bekannt sind aus der GeschichteHeinrich der LöweundAlbrecht der Bär. Noch häufiger waren wohl spottende Zusätze der Art. So wird in der Lübecker Bürgermatrikel von dem Jahre 1322 der eine von zwei Brüdern Johannesde rode, der andere RichardVosgenannt, offenbar nach derselben Ursache.[54]
Die bisher angeführten Namen dieser Gattung beziehen sich, wie leicht zu erkennen, teils auf geistige, teils auf leibliche Eigenschaften. Familiennamen der letzteren Art sind nun mit Vorliebe von einem Körperteilehergenommen, der eben von hervorstechender Eigentümlichkeit sein muß, um Anlaß zur Benennung der ganzen Person zu geben. Darum eignen sich allgemeine und einfache Bezeichnungen wieHaar,Hand,Finger,Mundwenig zu Familiennamen, weil sie als solche meist zu nichtssagend wären.
Die Namen dieser Art, die sich dessenungeachtet finden, sind verdächtig und bedeuten offenbar großenteils etwas ganz anderes. So istMundsicher meist das altdeutscheMunto(von althochd. munt d. i. Schutz, vgl. Vormund),Haardas altdeutscheHaro(von hari d. i. Heer).[55]Andere bedeuten allerdings Körperteile, sind aber durch Häuserzeichen vermittelt (s. weiterhin).
Mit viel größerer Sicherheit gehören hierher die zusammengesetzten Benennungen, unter denen besonders häufig sind die Komposita mitHauptundKopf, mitHaarundBart, mitBeinundFuß. Die Beschaffenheit und Form des Kopfes, wie anderseits die des Fußes, die Farbe und Beschaffenheit des Haares und Bartes, weil ja am meisten in die Augen fallend, wurde vorzugsweise bezeichnet.
Wie sehr Bezeichnungen dieses Schlages sich zu Familiennamen eignen, geht daraus hervor, daß manche derselben noch jetzt appellativ gebraucht werden. So reden wir von einem „Flachskopf, Rotkopf“, einem „Großmaul“, nennen einen Invaliden mit hölzernem Bein „Stelzfuß“ usw.[56]
Hier, bei den von körperlichen Eigenschaften entlehnten Namen, verrät sich eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit der Seite 11 geschilderten römischen Namengebung, in der Art, daß die Namen beider Sprachen sich vielfach decken:
Doch sinkt das Deutsche auch hier nicht zu der geistlosen Einförmigkeit und Äußerlichkeit der lateinischen Namengebung hinab. Das verhindern vor allem die
eine besonders anziehende und reichhaltige Gruppe.
Die Eigentümlichkeit, kurze Sätze, namentlich befehlender Art, zusammenzuschieben in uneigentlicher Komposition und daraus Hauptwörter zu bilden, erscheint innerhalb der deutschen Sprache zuerst im Mittelhochdeutschen, wo Gebilde wiehabedanc(Danksagung),rûmelant(räume das Land, ein Landflüchtiger) und einige andere auftreten. Diese Bildungsweise scheint dann besonders in der volkstümlichen Literatur des 15.-16. Jahrhunderts geblüht zu haben. So finden wir unter anderem im Liederbuch der Klara Hätzlerin, welches zahlreiche lyrische Stücke, größtenteils aus dem 15. Jahrhundert, enthält: „Vergiß mein nitdas plümlein, das krauttdenck an mich“ — in Sebastian Brants Narrenschiff:Füll den mag,schmirwanst(Namen von Fressern) — bei Fischart:Hebdenmann, ein rechterJag den Teuffel,Reckdendegen,Streichdenbart(lauter Personennamen); DörfleinBeiteinweil(d. i. Wart ein Weilchen),Trotzdenkaiser(N. einer Burg),Luginsland(N. eines Turmes)[57]— dann besonders in Rollenhagens „Froschmeuseler“ bezeichnende Tiernamen wieBlehebauch,Ruerdendreck,Rufflaut(Frösche);Beißhart,Luginsloch,Spahrkrümlein(Mäuse). Niederdeutsche Bildungen dieser Art bietet Reineke de Vos in den TiernamenMerkenouwe(Merke genau, die Krähe), nebst dem KrähensohnSlindepier(schlinge den Wurm);Pluckebudel(pflücke den Beutel, die räuberische Natur der Raben bezeichnend).
Diese Fähigkeit ist allerdings im Neuhochdeutschen, je mehr dasselbe Buchsprache wurde und an lebendiger Beweglichkeit einbüßte, desto mehr erloschen; trotzdem läßt sich auch jetzt noch eine ziemliche Reihe solcher Bildungen zusammenbringen:Habenichts,Störenfried(störe den Frieden),Wagehals,Thunichtgut—Lebewohl,Stelldicheinu. a., wozu noch die BlumennamenVergißmeinnichtundGedenkemeinzu rechnen. Auch die BüchertitelTrösteinsamkeit,TrutznachtigallundWendunmutherklären sich hieraus. Manche unter diesen Ausdrücken sind allerdings weniger schriftgemäß als volkstümlich, und begeben wir uns ganz von der einförmigern Landstraße des Schriftdeutschen herunter auf die Nebenpfade volkstümlicher, mundartlicher Rede, so können wir noch manches Blümchen dieser Gattung pflücken.[58]
In ganz besonderem Maße hat diese Zusammensetzungsweise ihren Tummelplatz im Bereiche der Personennamen. Bekannt sind unter den VornamenLeberecht,Fürchtegott,Traugott— auch wohlKreuzwendedich(hin und wieder einem Kinde gegeben, wenn schon mehrere vor ihm gestorben). Weit größer aber ist die Zahl unter den Familiennamen.Vilmar hat drittehalbhundert zusammengebracht, eine Zahl, die sich noch erheblich vermehren läßt.[59]
Es finden sich unter diesen Namen, die vorwiegend wohl in den Kreisen lustiger Gesellen, Waffen- und Zechbrüder entstanden sind, die lebendigsten und launigsten Bezeichnungen, Scherz- und Spottnamen.
Betrachten wir nach diesen allgemeinen Vorbemerkungen die Satznamen genauer, und zwar zunächst hinsichtlich derForm, so haben wir unter ihnen
Deminnern Gehaltenach bezeichnen diese Namen zum Teil gute, rühmliche Eigenschaften, überwiegend aber, wie nicht anders zu erwarten, Schwächen und Untugenden. Unter den ersteren steht auch hier wie bei den altdeutschen Namen obenan dieTapferkeitin Namen wieHauenschild(Hauschild),Klubeschedel(klöbe d. i. spalte den Schädel),Schüttesper(schüttle den Speer, englisch Shakespeare),Zuckseisen(zücke das Eisen), wohin auch die Zusammensetzungen mit Teufel gehören:Fressenteufel,Jageteuffel,Schlagenteufel,Bitdendüwel(niederd. = beiße den Teufel) — Leute, die sich selbst vor dem Gottseibeiuns nicht fürchten.[60]
Einzelne dieser Namen mögen auch schon ein gewisses Übermaß von Tapferkeit, eine übermäßige Kampfbegier,StreitsuchtundRaufsuchtbezeichnen. Deutlich tritt letzteres hervor in Namen wieRaufseisen,Haberecht,Hebenstreit(der den Streit anhebt). Unter solchen Spottnamen ragen vor allen diejenigen hervor, welche den übermäßigen Durst, die leidigeTrunksuchtder Deutschen geißeln:Kehrein,Suchenwirth,Findekeller, (der den Keller zu finden weiß),SchmeckebierundSchluckebierund manche andere, denen nur vereinzelt einHaßenkruggegenübersteht.
Kann es nun wohl bezeichnendere Namen geben als diese imperativischen? Kräftigere als Hauenschild und Schüttesper, neckischere als Findekeller und Greifentrog, schwungvollere als Fleugimtanz?