5.Weiterentwickelung der altdeutschen Personennamen. Ihre Lebenskraft.
Wie sehr diese Namengebung aus dem innersten Leben und Wesen des deutschen Volkes hervorgewachsen, das erweist sich durch die Zähigkeit, mit welcher lange Jahrhunderte hindurch an ihr festgehalten wird. Die Stürme der Völkerwanderung brausen dahin, die verschiedenen Stämme der Germanen lassen sich in den Provinzen des ehemaligen römischen Reiches nieder und bauen die Erde sich neu. Die staatlichen Verhältnisse ändern sich, das Christentum stürzt den alten Götterhimmel — doch die Namen bleiben und blühen ohne wesentliche Veränderung weiter auf einem vielfach umgestalteten Felde.
Die Beweise liegen zu Tage. Man werfe nur einen Blick auf die Namen der deutschen Könige und Kaiser! Ihre Reihe ist von Karl dem Großen an sechs Jahrhunderte lang rein deutsch: Karl, Ludwig, Konrad, Heinrich, Otto, Friedrich sind die herrschenden Namen. Unterbrochen wirddiese Reihe erst durchWenzelaus dem lützelburgisch-böhmischenHause 1378 und später durchMaximilianden „letzten Ritter“ 1493. Ebenso ist es im Kreise der Reichsfürsten.Albrechtder Bär hatte sieben Söhne:Otto,Hermann,Sigfrid,Heinrich,Adelbert,Dietrich,Bernhard— kein undeutscher Name findet sich darunter, ein Fall, der sich jetzt schwerlich wiederholen würde.
Selbst im Stande derGeistlichen, wo das Eindringen fremder Namen am ersten zu erwarten wäre, behauptet sich die deutsche Namengebung überraschend lange. Bischöfe und Erzbischöfe, Klosteräbte und Mönche erscheinen fort und fort als Träger der altgermanischen Krieges-, Sieges- und Ruhmesnamen. Man denke anAdalbertvon Prag, den Apostel der Preußen, anOttovon Bamberg, den Pommern-Apostel, anWillegisvon Mainz,Adalbertvon Bremen.
Ähnliches gilt von den romanischen Ländern. Trotz der fortwährenden Berührung mit der römischen Welt und dem teilweisen Aufgehen in dieselbe behaupten sich die alten Namen nicht bloß im eigentlichen Deutschland, sondern auch in Frankreich, Spanien, ja selbst in Italien. Nachdem die Sprachen längst romanisch geworden, erhalten sich noch die fränkischen, gotischen, langobardischen Namen in überraschender Weise. Man braucht sich nur die Führer des ersten Kreuzzuges zu vergegenwärtigen:Gottfriedvon Bouillon,Robertvon der Normandie,Raimundvon Toulouse,Boemundvon Tarent usw., um dies bestätigt zu finden. Fügen wir noch ein Beispiel aus Frankreich, eins unter vielen, hinzu! Im Jahre 991 versammelten sich zu Reims die Bischöfe der Diözese:Guidovon Soissons,Adalberovon Laon,Heriveusvon Beauvais,Godesmannvon Amiens,Ratbodvon Noyon,Odovon Senlis; außerdem ErzbischofDaibert(Dagobert) von Bourges, aus der Lyoner Synode die BischöfeWaltervon Autun,Brunovon Langres,Milovon Maçon; endlich der ErzbischofSiguinvon Sens mit den Bischöfen seines SprengelsArnulfvon Orleans undHerbertvon Auxerre. Unter diesen dreizehn geistlichen Würdenträgern findet sich keiner mit nichtdeutschem Namen; nur sind einzelne dieser Namen oberflächlich romanisiert, wieGuidoaus altdeutschWido, oder latinisiert, wieHeriveusausHeriwic.[13]
Geschichtliche Erinnerungen und mehr noch Familienüberlieferungen kamen der Erhaltung der Namen zu Hülfe. Im karlingischen Geschlechte waren Karl, Ludwig, Lothar zu Hause, bei den Württembergern Ulrich und Eberhard, bei den Schwarzburgern Günther usw. Aber auch Stammesüberlieferungen machten ihren Einfluß geltend; noch jetzt läßt sich erkennen, wie einzelne Namen bei gewissen Stämmen besonders gebräuchlich waren. So kommen Friedrich, Rudolf, Albert vorwiegend in Schwaben, Luitpold, Dietpold bei den Bayern, Heinrich, Ludwig, Konrad bei den Rheinfranken vor. Wie beliebt der Name Wilhelm noch im 12. Jahrhundert bei den Normannen war, davon zeugt die Erzählung eines Zeitgenossen. Als nämlich Weihnachten 1171 der junge König Heinrich (Sohn Heinrichs II. von England) bei Bayeux ein großes Fest gab, kamen zwei Wilhelme, der Seneschall von der Bretagne und der Verwalter von der Normandie, auf den Einfall, es sollten in ihrem Saale nur Wilhelme sein dürfen. Wer einen anderen Namen führte, mußte hinaus, und als man zählte, waren noch 117 Ritter da, die alle Wilhelm hießen, ungerechnet die vielen andern, welche in des Königs Halle speisten.[14]
So behaupteten sich die Namen, nur daß sie mit der Entwickelung der Sprache im wesentlichen Schritt hielten und daher mancherlei Abschleifungen und Zusammenziehungen erfuhren. AusRaganhar, wie es im 6. Jahrhundert gelautet hatte, entwickelte sichReginher,Reginerund schließlich (im 10. Jahrh.)Reiner; ferner aus
Nun liegt es aber in der Natur der Sache, daß Eltern ihre Kinder mitabgekürztenNamen rufen. Solche Kürzungen, zunächst für den Hausgebrauch und vertraulichen Verkehr, kannte die alte Zeit auch schon, und sie waren regelmäßiger gebildet als die jetzt üblichen. Da nach deutscher Grundregel der erste Teil der Zusammensetzung betont ist, so behielt man diesen bei und ließ den zweiten fort, an dessen Stelle einotrat, erwachsen aus dem im Gotischen und Altsächsischen noch haftendena, z. B.God-beraht:Godo;Kuon-rat:Kuono;Sig-bert:Sigo.[15]Dies sinddieeinstämmigen gekürzten Formen. Häufig wurde jedoch der zweite Teil nicht ganz abgeworfen, sondern sein Anfangskonsonant blieb erhalten, und so entstand einezweistämmige gekürzte Form, z. B.Rat-poto:Ratpo;Sig-bert(Sibert):Sibo;Thiet-mar:Thiemo.
Natürlich istGodoAbkürzung nicht bloß fürGodberaht, sondern für alle Vollnamen, d. i. unverkürzte Namen, deren erster TeilGodist, wieGodebald,Godofrid,Godomarusw., ebensoSigoauch fürSigibrand,Sigifrid,Sigimarusw.,Sibowenigstens fürSigibertundSigibrand.
Diese verkürzten Formen erlitten nun noch weitere Veränderungen, indem manVerkleinerungssilben an sie hängte. Die einfachste Art der Verkleinerung wird durchibewirkt:Sigi,Kuni. Wichtiger jedoch sind die konsonantischen Suffixek,l,zin den Endungeniko,ilo,izo. So entstanden Bildungen wie:Godiko,Godilo,Godizo(vonGodo);Sigiko,Sigilo,Sigizo(vonSigo) — ebenso zweistämmig:Sibiko;Oppilo,Oppizo(vonOppo=Otbert).
Aber damit war man noch nicht zufrieden. Kann doch die elterliche, besonders die mütterliche Liebe sich in zärtlichen Benennungen nimmer Genüge tun. Man verband die Verkleinerungssilben, so daß dann doppelt verkleinerte Formen entstanden:ikilo—iliko—iziko,izilound mit Zuhülfenahme des demlso naheverwandten Suffixesn:ikîn—ilîn—izîn.[16]
Dies sind die Verkleinerungsformen, die liebkosenden Deminutiva oder Schmeichelformen[17], mit welchen wir aus dem Hochwald der altgermanischen Namengebung (s.Kap. 3) nunmehr in den Niederwald eingetreten sind, der, was ihm an Mächtigkeit der einzelnen Stämme abgeht, durch ihre Menge und dichtes Wachstum zu ersetzen sucht.
Staunenswert ist die Vermehrungskraft, die in diesen alten deutschen Personennamen liegt. Einem einzigen können tausende entkeimen. Siekönnenes — denn freilich sind nicht alle Keime fruchtbar geworden, wie nicht aus jeder Eichel im Walde ein Baum entsteht; aber die Möglichkeit ist vorhanden. Dies weist sehr anschaulich Pauli an einem Beispiele nach, wozu er den NamenGodeberahtwählt.[18]
Aus ihm entstehen zunächst die einstämmige gekürzte FormGodound die zweistämmigeGodbomit ihren NebenformenGobboundGobo. Daraus entstehen an einfach verkleinerten Formen mittels der Endungenilo,izoundiko21 Namen; hieraus durch doppelte Verkleinerung 49 Formen (s.Beilage 1).
Das sind 75 Grundformen, deren weitere Entwickelung Pauli mit Rücksicht auf das Neuhochdeutsche folgendermaßen berechnet. Jede dieser 75 Formen hat zunächst mindestens eine mundartliche Nebenform, indem fürdaucht, fürbauchp, fürzniederdeutscht, fürkhochdeutschcheintreten kann. Das gibt also 75 neue Formen, zusammen 150. Nun wechseln fernergundjhäufig in Namen, und dadurch erhalten wir 150 weitere Nebenformen, zusammen 300. Der althochdeutsche Vokaloerscheint neuhochdeutsch bald also, bald alsö, verdumpft auch alsuundü. Es ist demnach jede der 300 Formen in vier Variationen möglich — zusammen also 1200. Doch wir sind noch nicht zu Ende! Jede der obigen 1200 Formen kann die drei Arten Patronymika bilden, auf -ing, auf -senund rein genetivische. Das gibt 3600 Formen, also zusammen bis jetzt 4800. Fast wie eine Laune der Sprache erscheint es, wenn sie an den Namen, der ja schon die Personen als solche bezeichnet, noch ein -mannanhängt. Dadurch ergeben sich schließlich noch 1200 Namen, in Summa also alles in allem 6000 Namen, die auf die eine alte FormGodeberahtzurückgehen.
So zeigt auch die Sprache, was wir an der Natur so sehr bewundern, eine unendlich reiche Entfaltung eines einzigen Keimes, und zwar mit verhältnismäßig geringen Mitteln.