Chapter 10

In dem ausgedehnten Parke hinter Eichenborn ging der alte Eik von Eichen täglich eine Stunde spazieren.

In dem ausgedehnten Parke hinter Eichenborn ging der alte Eik von Eichen täglich eine Stunde spazieren.

In früheren Zeiten, die aber weit, weit zurücklagen, hatte das Herrenhaus ganz einsam dagestanden, nur Wald und Wiesen, Sträucher und Hecken waren seine Nachbarn gewesen, und ganz am Ende der Besitzung, die sich weithin ausdehnte, schlängelte sich die wilde Gera wie ein silbernes Band.

Genau so entfernt, wie Haus Eichenborn vomOrtSchwarzhausen lag, war auch die seelische Entfernung der aristokratischen Bewohner von den Bürgern des Städtchens. Kaum einer fühlte das Bedürfnis, die lange und langweilige, schnurgerade Allee zu durchwandern, um das langgestreckte düstere Haus Eichen aufzusuchen, das wie ein verwunschenes Märchenschloß in seinem Eichendickicht lag, in welchem nur ruhig-ernsthafte oder boshaft-jähzornige Menschen wohnten, auf manchesGlied waren auch beide Eigenschaften zusammengefallen.

Nur die jeweiligen Pfarrer hatten seit Generationen treu zu den Eichens gehalten, weil sie sich allzeit als ein frommes Geschlecht auszeichneten, zu denen auch die Kirche immer mit ihren Wünschen und Bedürfnissen kommen konnte, ohne Gefahr zu laufen, abgewiesen zu werden. Knauserei gehörte jedenfalls nicht zu den vielen Untugenden, die den Eik von Eichens mit Recht oder Unrecht nachgesagt wurden. Im achtzehnten Jahrhundert ward ein ganz besonders tatkräftiger Bertold Zacharias Eik von Eichen Erbe des Eichenborns, und er war es, der auf seinem eigenen Grund und Boden Reichtümer in Gestalt von Feldspat entdeckte. Er war der Begründer der großen Eikschen Porzellanfabriken und zugleich der festgegründeten Wohlhabenheit des Hauses Eichenborn.

Beziehungen mit Frankreich wurden angeknüpft, und der Gatte von Franziska Malcroix war der Urenkel jenes Mannes, der durch die erste Lieferung von weichem Frittenporzellan mit Haus Eichen in Verbindung trat.

Schwarzhausen fing an, sich zu dehnen und zu strecken, Fabrikgebäude, Schmelzöfen und Ziegeleien wuchsen auf, alle unter der Firma: »Eik«, und um das düstere Haus selbst lagerten sich wie ein Kranz die roten Ziegeldächer der schmucken Häuschen, in denen die Angestellten wohnten.

Es hatte in merkwürdig genauer Abwechslung immer einen streng gewissenhaften, fleißigen Eiksohn gegeben, der das Besitztum mehrte, und dann wieder einen genialen Feuerkopf, der sich nicht in Schablonen pressen ließ, und der in einem selbstgewählten Berufe genügend Zeit fand, aus dem Geleise der Eiks zu weichen und das reichlich vorhandene Vermögen auch nützlich oder unnützlich zu verbringen. Ein solcher Feuerkopf war Lorenz Eik von Eichen, der Vater des Herrn Baldamus gewesen.

Bertold Eikseniorhatte diesen jüngeren Bruder sehr geliebt, aber das Drohnenleben, welches Lorenz führte, war allezeit der Gegenstand heftigen Unfriedens zwischen ihnen beiden gewesen.

Durch die vom älteren Bruder und Chef des Hauses förmlich aufgezwungene Ehe mit einer stillen, demütigen Frau, die sich später als eine im ärgsten Muckertum steckende Seele entpuppte, wurde Lorenz zur Verzweiflung getrieben, – er nahm sich das Leben. – Bertold Eik holte den verwaisten Baldamus zu sich und führte einen jahrelangen erbitterten Kampf mit der Mutter des Knaben, bis auch diese starb. Baldamus war das getreue Ebenbild seiner Eltern. Vom Vater den Hang zum Leichtsinn, ohne die geniale Offenheit und Frohmütigkeit dabei, die ersetzt wurde von der glatten, gesellschaftlichen Miene des Scheines. Von der Mutter den Hang zum Duckmäusern. – »Laß dich nicht erwischen!« war ein Gebot, das obenan im Katechismusdes Baldamus Eik stand, und da er es verstand, diese Lehre mit dem, was Kirche und Schule von ihm verlangten, in Einklang zu bringen, so fand sich niemand genötigt, seinem Pflegevater die Augen zu öffnen, ausgenommen der junge Hauslehrer vor vielen Jahren, der denn auch umgehend »flog«.

An all dieses dachte Herr Bertold Eik, wenn er in der Mittagsstunde seinen Spaziergang machte. Er schlief trotz seines hohen Alters niemals nach Tisch, wie er auch Schlafrock und Hausschuhe verachtete und wegen seiner immer noch scharfen, alles Ungehörige sofort entdeckenden Augen in Haus und Fabriken sehr gefürchtet war.

Heute dachte er noch an etwas anderes.

Seit fünfzig Jahren spielte er mit seiner Schwester Adelgunde jeden Abend eine Stunde Schach.

Die Schwarzhausener irrten sich sehr, wenn sie glaubten, Fräulein Adelgunde hätte keine weiteren Interessen als ihre Häkelspitze, die allerdings beinahe um das Fürstentum herumreichte, – sie hatte nur kein Interesse für Kaffee- und Teegesellschaften, für Skandalgeschichten und fahrlässige Verleumdungen, sie besaß aber eine tiefe Heimatliebe, einen Lokalpatriotismus, der weit über alles Maß hinausging, und der sie einst in jungen Jahren alle Bewerber ausschlagen ließ, – sie wollte ihre Geburtsstadt nicht verlassen. Sie liebte Schwarzhausen, wie eine Mutter ihr ungeratenes Kind liebt, denn als solches hatte sich dasStädtchen ihr gegenüber immer bewiesen, freilich ahnte es ja auch nicht, wem es sein Krankenhaus, sein Säuglingsheim, seine schönen Anlagen und den bedeutenden jährlichen Zuschuß zum Damenstift verdankte.

Fräulein Adelgundes rechte Hand wußte niemals, was die linke tat, aber das war in Schwarzhausen nicht wohl angebracht. Deshalb liebte Fräulein von Eik mehr als die Mitbürger die Heimaterde, das heilige Fleckchen, darauf sie geboren und darinnen ihre Ahnen schlummerten, sie liebte die dunkeln Tannenwälder und grünen Fichten, die geheimnisvollen Waldwiesen und rauschenden Waldbäche und die muntere, glänzende, heiter-geschwätzige, wilde Gera.

Fräulein Adelgunde zählte fünfundachtzig Jahre, aber ihr Geist war klar, ihre Augen waren durchdringend und scharf, und wenn sie abends dem Bruder zurief: »Schach dem König!« dann klang ihre Stimme beinahe jugendlich und hell.

Hatte sie Herrn Bertold dann, wie es gewöhnlich geschah, matt gesetzt, dann warf sie froh-geschäftig die Figuren zusammen und äußerte wohl: »Gott Lob und Dank! Wenn ich heute nacht sterbe, so habe ich wenigstens die letzte Partie gewonnen!«

Und einmal hatte der Bruder darauf geantwortet: »Dievorletzte! Ob man dieletztePartie gewinnt, das weiß kein Mensch!«

Jedenfalls war dies Schachspiel allabendlich, wenn nicht unaufschiebbare Geschäftsreisen oder ernste Krankheitendazwischen gekommen waren, seit fünfzig Jahren so wiederkehrend, wie das Amen in der Kirche, und deshalb hatte es denn auch Herrn von Eik stark verblüfft, daß gestern abend die Schwester weder die Figuren aufstellte, noch, als er ihr diese Obliegenheit abgenommen, irgendeinen Schachzug tat.

Tief nachdenklich hatte sie im Sessel gelehnt und zum ersten Male in ihrem Leben statt des Spieles ein absonderliches Gespräch eröffnet.

»Das istsehrunrecht von dir, Bruder Eik!«

Daß irgend jemand es wagte, ihn, Bertold Eiksenior, zur Rede zu stellen, war jedenfalls neu, und deshalb erregte es das Interesse des Alten.

»Wasist unrecht?«

»Ich kenne ja das Kind nicht,« fuhr Fräulein Adelgunde jetzt mit etwas belegter Stimme fort. »Ichwilles nicht kennen, wie ich auch deiner Tochter noch meine Schwelle bis jetzt verweigerte. Sie hat das ehrenhafte Haus Eichen durch Flucht verlassen, und ich bin zu alt, um Eichenborn als ein Gasthaus ansehen zu lernen, in das man beliebig zu jeder Stunde kommen oder aus dem man ohne Gottbehüt gehen kann. Das müßt ihr erwachsenen, denkenden Menschen mit euch selbst ausmachen. Aber ich bin Mitglied vom Tierschutzverein, und ebenso hilfsbedürftig, wie die stumme Kreatur, dünken mich Kinder. Und hier bei uns im Eichenborn wird eins gequält, –dasist sehr unrecht von dir, Bruder.«

»Ich quäle keine Kinder,« war die rauhe Erwiderung.

Mit einem einzigen Griff hatte Fräulein Adelgunde alle aufgestellten Figuren umgeworfen. Damit zeigte sie, daß das Spiel ihr heute völlig verleidet sei.

»Du tust es!« entgegnete sie fest. »Nie kommt ein anderes Kind in unser stilles Haus, dein Enkel hat keinen Umgang als seine Mutter, die mehr Tränen als Lachen kennen gelernt hat. – Du hältst dem Knaben kein Pferd, und nie sah ich ihn im Hofe turnen oder spielen oder auf dem See rudern; die Schwimmanstalt am Ende des Parkes ist verfallen, weil Baldamus ein Weichling und du zu alt bist, – – hast du dir denn schon einmal überlegt, Bertold, daß dieses Kind derLetzteunseres Stammes ist? Weißt du etwas von ihm? Was hat er für Anlagen? Was für Eigenheiten? Hat er das Talent seines Vaters geerbt? Oder nur schlechte Anlagen von ihm? Liebt er dich und die Familienüberlieferungen unseres Hauses? Wird er in unser ehrbares, philisterhaftes Gefüge passen, oder –«

Wie scharfe Hiebe waren diese Fragen der alten Schwester auf den Herrn des Hauses gefallen und hatten einen seiner heftigsten Zornanfälle hervorgerufen. Aber dieser Anfall hatte gar keinen Eindruck auf Fräulein Adelgunde gemacht, – sie legte die Schachfiguren in den alten, wunderbar eingelegten und geschnitzten Kasten, und dann war sie mit der eindringlichen Mahnung:»Besinne dich, Bruder – – auf dich und unser altes Haus!« in ihr Schlafgemach gegangen.

Das fand Herr Eik von Eichen abscheulich von der Schwester, denn er selbst hatte natürlich kein Auge zugetan, und die ganze Nacht hindurch wie auch den heutigen Tag hatte ihn die Frage verfolgt: »Denkst du daran, daß er der Letzte unseres Stammes ist?«

Über Baldamus, der ja noch in den besten Jahren stand, war die Schwester einfach hinweggegangen.

Er war ihr sein Leben lang unsympathisch und fremd geblieben, und manchmal hatte auch Herr Bertold Eik an ein Kuckucksei denken müssen, denn die Vereinigung von böser Lust und Muckertum war bisher unbekannt in der Geschichte des Hauses gewesen.

Und daß niemand aus der weiteren Verwandtschaft, niemand aus seinem Fabrikbereich, niemand von den maßgebenden Persönlichkeiten in der Stadt selbst ahnte, daß Herr Baldamus nicht ganz der Erzengel Gabriel war, für den man ihn hielt, – das hatte den alten, grimmen Eik oft höhnisch und überhebend lachen lassen. Er war sich ja über sich selbst nicht klar.

Er wußte nicht, daß er selbst den einst so geliebten Pflegesohn noch immer viel zu hoch einschätzte, – wie hätte er sonst auch nur einen Gedanken an seinen ehemaligen Plan verschwenden können, seine Tochter Franziska mit seinem Neffen Baldamus Eik zu vermählen, – eine Hoffnung zu nähren für seineletzten Tage, daß der Name Eik von Eichen in aller Reinheit der Rasse neu erstehen könne.

Mit schweren, wuchtigen Schritten ging der Greis den schmalen, tannenbestandenen Weg entlang, der zu einem kleinen Tempelchen führte, von welchem man einen schönen Blick auf die Berge, Wiesen, Wälder und den Fluß hatte. Dieser steinerne Tempel hatte auf die Kinderspiele von Generationen Eiks hinabgeschaut, – die Chronik erzählte von Kinderbällen und Theateraufführungen, von Festgelagen der Stadt- und Dorfjugend, sogar von dem Besuche eines jungen königlichen Prinzen bei den Eiks, und so wenig sentimental der grimme Bertold Eik auch veranlagt war, er wußte, daß bei diesem altersgrauen Tempel immer etwas wie Heimatgefühl über ihn kam, weil seine Kindheit sich unter den Augen einer guten, sorglichen Mutter dort abgespielt hatte.

Ein schmaler Weg mündete von den Anlagen des Damenstiftes her an dem Tempel, aber er wurde beinahe nie begangen, denn die adligen Jungfrauen hatten eine wahre Dornröschenhecke um ihre Burg wachsen lassen, und nur wenige von ihnen wußten noch um den Weg, den einst Adelgunde von Eik und Hermine von Windemuth, eine Großtante der kleinen Liselotte, angelegt, als sie noch junge, reizende Mädchen voll glühender Freundschaftsgefühle gewesen waren. Jetzt war der Weg moosbewachsen und durch überhängende Zweigebeinahe unkenntlich geworden, nur sehr schmale Füßchen konnten ihn durchwandeln und sehr schmale Persönchen: wie es auch damals die feingliedrige Hermine von Windemuth gewesen, der die erste, bewundernde Liebe des Bertold Eikseniorgegolten.

Schmal und fein war auch das goldlockige Mädchen, das heute diesen Weg entlang geschlüpft war und – nun auf der Korbbank des Tempels saß, mit großen, trotzigen Blauaugen auf ein Bündel schauend, das in seinem Schoß lag.

Liselotte bemerkte kaum das Herannahen des alten Herrn, der unhörbar auf dem weichen Moose daherschritt, und als sein großer Schatten in den Raum fiel, erhob es erschrocken den Kopf.

»Achdubist’s,« meinte Liselotte dann aber ganz ruhig, »ich glaubte schon, es sei der schreckliche Kerl.«

»Wer ist denndas?« fragte Herr von Eik und wunderte sich selbst, daß er sich mit der Kleinen in ein Gespräch einließ, aber dies Kind hatte die Windemuthschen Augen, und er sah gern in sie hinein.

»Eigentlich bistdues ja,« entgegnete Liselotte gleichmütig, »aber ich nenne den Herrn Baldamus so.«

Eikseniorlachte heiser. »Und wer nenntmichso?« fragte er rauh.

»O – alle! Die Base Juliane und die Trine und die Frau Postverwalter und die Eiermale und der Briefträger und – –«

Liselotte streckte ihm plötzlich die Hand hin. »Ichhab’ dich nie so genannt,« versicherte sie treuherzig, »ich fürchte mich auch gar nicht vor dir, du darfst dich gern neben mich auf die Bank setzen, du störst mich nicht.«

Eikseniorsah mit einem Gemisch von Zorn und Humor auf das kleine Ding hin, das ihm auf Eikschen Grund und Boden gnädigst erlaubte sich zu setzen. Aber zu seinem eigenen großen Erstaunen setzte er sich wirklich.

»Wo kommst du eigentlich her, Hermine?« fragte er weiter.

»Liselotte heiße ich. Hermine ist ja meine Großtante drüben im Damenstift, und die habe ich eben mit Base Juliane besucht. Es ist furchtbar langweilig bei ihr, und denke dir, – sie kann Puppe Emmy nicht leiden. Deshalb zwängte ich mich durch die Dornenhecke und lief hierher.«

Voll Entrüstung sagte es die Kleine, und gleichzeitig hob sie das Bündel von ihrem Schoß auf und drückte es in den Arm des neuen Freundes. »Ist sie nicht süß? Leider immer krank!«

Herr von Eik beschaute sich das grau-schmutzige Bündel, ohne sich zu rühren. »Ich kann den Kopf nicht finden,« meinte er unbehaglich.

»Den kann auch kein Mensch mehr finden,« berichtete Liselotte entsagungsvoll. »Weiß Gott, wo er sein mag. Das ist ja eben ihre schwere Krankheit. – Bitte, rühr’ dich nicht,« bat sie eindringlich, als Herrvon Eik Miene machte, seine unbequeme Stellung als Kinderwärter aufzugeben, »Puppe Emmy mag gern so liegen, es beruhigt alle ihre Nerven so.«

Die Windemuthsaugen sahen vertrauend in die strengen, von buschigen Brauen umrahmten Eiksaugen und übten seltsame Macht. Herr Bertoldseniorrührte sich nicht. –

»Sprechen kannst du gern,« ermunterte ihn Liselotte nach einer Weile. »Auch lachen, wenn es dir Spaß macht.«

»Ich wüßte nicht, worüber,« war die kurze Antwort.

»Ich meine auch bloß so.«

»Woher kennst du denn diesen Platz?« fragte der alte Herr, und da er ein leises Kribbeln in seinem linken Arm wahrnahm, bettete er Puppe Emmy in seinen rechten, welche Tätigkeit ein ganz süßes, mütterliches Lächeln auf Liselottes Gesichtchen zauberte.

»Diesen Tempel? – Da hat mir zuerst Großtante Hermine davon erzählt,« beantwortete sie jetzt die Frage. »Auch von dir hat sie mir erzählt, lauter so gute, schöne Sachen, wie du früher warst vor hundert Jahren, und dann brachte ich ihr auch mal den Bertold. Da meinte sie, das wäre auf und nieder dein Ebenbild, – sie hatte auch so’n närrischen Namen für ihn, den lernten Bertold und ich auswendig: ›Schewalliee ßang Pör ang Minniatür‹.«

»So? Hm!«

»Ja und dann fragten wir sie, was das aufDeutsch wäre, – ein Ritter ohne Furcht und Tadel, aber nicht so’n großer, wie du, sondern ein winziger. Das war doch nett von ihr, nicht wahr, Herr von Eik? Ich habe ihr auch nicht erzählt, daß du dem Diener manchmal die Feuerschaufel an den Kopf geworfen hast und so viele Gläser.«

Mit einem einzigen Ruck stand der alte Herr auf, und Puppe Emmy flog auf den Boden. Ein Wehschrei ertönte, und jetzt sah ein blasses, zorniges Gesichtchen den Schloßherrn an.

»Du hast es wohl gar mit Willen getan?« fragte ein ungläubiges, bebendes Stimmchen. »Ja, ist denn das möglich? So ein armes, krankes Emmylein auf die Erde zu ballern? Mit ohne Kopf und Sägspänenentzündung? I, da glaub’ ich aber nunauch, daß du ein – – –«

Herr von Eik sah mit unbeschreiblichem Ausdruck auf das Kind nieder, und in seinem Blick mußte etwas liegen, was dieses unerschrockene Persönchen zwang, seinen Satz unvollendet zu lassen. Hastig nahm es die mißhandelte Puppe auf den Schoß und begann, sie kunstgerecht aufzuwickeln. »Natürlich,« – meinte Liselotte verlegen-sachverständig, »naß ist sie auch, – natürlich, bei der Aufregung, – sie tut es sonst nie.«

Rasch wurde dem Puppenwagen anderes Weißzeug entnommen und das Püppchen trocken gelegt.

Wie lange war es her, seit Herr von Eikseniorsolch weiche Kinderlaute gehört, solch zarte Fingerchenhantieren sah! – Seine Franziska, ja die war auch solch Puppenmütterchen gewesen, und hier am Tempel hatte sie halbe Tage lang gespielt und mit der eigenen Mutter ihre kleinen Sorgen und großen Freuden besprochen. Nie mit ihm, dem Vater. Er hatte immer nur zürnend oder spöttisch ihr gegenüber gestanden und kein Verständnis für Kinderlachen und Kindertränen gezeigt. Und als die Mutter starb, da lag alles kindliche Vertrauen mit in dem schwarzen Schrein, darin man sie begrub, und Vater und Kind waren arm und einsam. Zwar kam die Liebe und das Vertrauen wieder, aber das wurde dann dem fremden Manne geschenkt, mit dem sein Kind entfloh.

Vielleicht waren es alle diese schweren, so plötzlich auf den alten Eik hereinstürmenden Gedanken, daß er einen Schritt näher herantrat, den blonden Scheitel der kleinen Zürnenden sacht berührte und mit guter, sanfter Stimme sagte: »Gib her, ich will dein Kind wieder gesund machen.«

Liselotte sah ihn prüfend und forschend an.

»Aha,« meinte sie verständnisvoll, »du willst nun gewiß Doktor sein, weil du so’n schlechter Vater bist. Na dann nimm sie, aber – vooorsichtig – ohhhh vooorsichtig – – –«

Als trüge er seltenes Glas oder Porzellan, so besorgt schritt Herr Eik von Eichen den Waldpfad zurück nach Haus Eichenborn mit einem wunderlichen, nie gekannten Gefühl im Herzen.

Vorsichtig schaute er sich um, ob ihn auch niemand sähe, wie er das kleine, unförmliche Bündel auf seinem Arm hütete.

Es war niemand Störendes zu sehen, nur die blondlockige kleine Gestalt stand unbeweglich im Tempelchen und blickte ihm mit großen, vertrauenden Augen nach.

Da winkte er mit der Hand, und das Mädelchen zog ein winziges, arg schmutziges Taschentüchlein hervor und winkte auch.

So schaute er sich wohl dreimal um, blieb auch dabei stehen und hörte die klare Stimme rufen: »Komm bald wieder, hörst du? Morgen, oder übermorgen, – ade, ade!«

Dann kam eine Wegbiegung und entzog ihm den lieben, ungewohnten Anblick.

Auch im Herrenhause selbst begegnete dem alten Herrn niemand, aber es fiel ihm heute zum ersten Male auf, wie öde und einsam die großen, weiten Hallen und Gänge waren.

Ordentlich unheimlich kamen sie ihm vor, aber weil er sich doch nicht gut fürchten konnte auf seine alten Tage, so zog er es vor, ärgerlich zu werden. Schon wollte er mit Stentorstimme nach Hieronymus oder sonst einem dienstbaren Geist rufen, doch da war etwas, das hielt ihn vor solch rücksichtslosem Gebaren ab.

Vor seinem geistigen Auge gaukelte immer nochdas kleine, zierliche Mädchen mit den mahnenden Blicken: »Vorsichtig, damit Puppe Emmy nicht aufwacht!«

Mit einem Male stand der alte Herr still und horchte.

Es klang wie unterdrücktes Weinen an sein Ohr, jedoch er konnte keine Menschenseele entdecken.

Wieder ging er ein paar Schritte vorwärts und blieb dann abermals lauschend stehen.

»Ist jemand hier?« fragte er halblaut.

Keine Antwort, doch drang das Schluchzen deutlicher zu ihm, was ihn plötzlich veranlaßte, den mächtigen Kleiderschrank zu öffnen, der ihm selbst in seiner fernen Knabenzeit als Unterschlupf gedient hatte. Er fand eine zusammengekauerte Gestalt in der Schranktiefe, und nach ein paar Sekunden stand sein Enkel Bertold vor ihm, und ein vom Weinen verschwollenes Gesicht schaute zu ihm auf. Der Junge sah nicht sehr schön aus in diesem Augenblick, sondern recht gedrückt, kläglich und verzweifelt, und sein Anblick erbitterte den Alten, der gerade eben das hübsche, unerschrockene Mädchen vor sich gehabt hatte.

»Warum heulst du?« fragte er barsch.

»Ich – ich weiß nicht,« – lautete die verzagte Antwort, verbunden mit einem verlegenen Schulterziehen.

»Jammerlappen!« stieß Herr von Eik rauh hervor. Die Abneigung gegen seinen Enkel übermannte ihnförmlich und er fühlte, wie ein sinnloser Zorn in wilden Wogen über ihm zusammenschlagen wollte. Als sei er selbst nicht fünfundsiebzig, sondern fünfundzwanzig Jahre alt, mit solcher Kraft hob er den Knaben hoch und schüttelte ihn derb und ungestüm, so daß die schlanke Gestalt hin und her taumelte. »Jammerlappen! Deiner Lebtage wirst du kein Kerl, – kein Eik von Eichen! – Und sowas ist mein Erbe!«

Der junge Bertold hatte die Lippen zusammengepreßt und sah dem Großvater starr und groß in die Augen.

Da ließ ihn Herr von Eik los und stampfte mit schweren Schritten und keuchendem Atem davon; an Bertolds Kopf aber flog ein Bündel, im höchsten Zorn geworfen, und dann fiel die Eichentür hinter dem alten Herrn ins Schloß und der Knabe stand allein. Mechanisch hob er das Bündel auf, – er zitterte vor Angst, Zorn und Weh.

Herrgott, was war er für ein unglücklicher Junge!

Wie verloren kam er sich vor in dem großen, weiten Hause, – es litt ihn nirgends.

»Sei doch tapfer!« hatte ihn die Mutter ermahnt, mit der er die Aufgaben für Rektor Tüllen zu lösen versuchte, – – doch konnte er nicht sehen noch lesen vor den verdunkelnden Tränen. »Sei doch tapfer, was fehlt dir denn?«

Und zu wem er auch kam, – sei es im Stübchen des Hieronymus oder in der Wohnung des OrganistenBrennstoff, – überall ermahnte und fragte man ihn: »Wer wird denn so weinen, – so ein großer Junge!«

O wie er sich schämte! Wie die Schmach brannte, gleich einem Bündel hin und her geschüttelt zu sein, er meinte, ersticken zu müssen vor Zorn über die brutale Behandlung. Aber größer als der Zorn und die Scham war das Weh in seiner Brust, – das wunderliche Etwas, – wie nannte er es? O wenn er doch seine Geige hier hätte! Daß er seinen Jammer in all den Melodien vergessen könnte, die in den Saiten schlummerten, und die er so oft geweckt hatte, wenn er sich einsam fühlte. Aber die Geige war dauernd zu dem Organisten gebracht worden, und nur in dessen Zimmer durfte er spielen, – nie allein mit ihr sein, nie. Wie furchtbar weh das tat! Aber war es die Geige allein, die ihm so schmerzlich fehlte? Wirklich ganz allein die Geige?

Wie aus weiter Ferne hörte Bertold die Laute einer zornigen Kinderstimme: »Nie spiele ich wieder mit dir,nie!«

Daswar es. – – –

Mit einem Wehelaut warf sich Bertold auf den harten Fußboden und stöhnte in das Bündel hinein, das ihm der harte Großvater in ausbrechendem Jähzorn an den Kopf geworfen hatte.

Aber von dem Bündel ging etwas Seltsames aus, ein Duft, den der Knabe kannte und den er jetzt spürend und begierig einsog. Alle Arzeneien undBelebungsmittel, deren Liselotte in ihrem jungen Leben habhaft werden konnte, besonders Baldriantropfen, Kamillentee und Eau de Cologne, hatte sie verschwenderisch über Puppe Emmy ausgegossen, und an diesem Duft erkannte Bertold mit einem Schlage, was da vom Himmel herunter gefallen war.

Ja, vom Himmel. – Vergessen war der Großvater und sein Jähzorn, vergessen die schmähliche Behandlung, vergessen selbst die Geige – – »Puppe Emmy!« sprach der Junge laut, und eine heiße Zärtlichkeit lag in den zwei Worten verborgen und eine feste Zuversicht, als ob ja nun alles gut werden müsse.

Er erhob sich vom Boden, versicherte sich noch einmal am hellen Fenster, daß er wirklich das liebste Eigentum der verlorenen Gespielin in seinen Händen halte, schob dann die Puppe in seine weite Knabenbluse und atmete tief auf.

Wo sollte er das Kleinod verbergen? Denn daß er es nicht wieder heraus gab, stand ganz fest bei ihm. Er fragte sich gar nicht, wie das Bündel in seines Großvaters Hand gelangt war, – – es war ihm in seiner weichen Stimmung lieb, an ein Wunder zu glauben. –

Aber er zermarterte nun seinen Kopf, ein dauerndes Versteck ausfindig zu machen, wo er doch ab und zu hingelangen konnte, um das Bündel zu sehen. Der Boden! Das war ein Gedanke! Auf seinen Streifzügen war er in die verschiedensten Regionen gekommen,aber vor dem Boden hatte er sich immer noch etwas gescheut. Denn an der Bodendecke prangte ein unheimliches, mächtiges Bild in düster-bunten Farben, den großen Christopher darstellend – – er sah das Bild, wenn er den Kopf weit zurückbog und in die Höhe blickte.

Heute fühlte er keine Angst.

Puppe Emmy war wie ein Talisman, – ein Amulett, das ihn vor allem Bösen schützen mußte.

Sinnend, lächelnd und glücklich stieg der Knabe die Treppen in die Höhe, aber er erreichte den Oberboden nicht, er verirrte sich in andere, weite Gänge, in nie zuvor gesehene Säle und Zimmer, auf hallende, von schön und seltsam geschnitzten Geländern umgebene Treppen und in unzählige geheimnisvolle, dunkle Winkel.

Endlich geriet er auch wieder auf weiche Teppiche, die seinen Schritt dämpften, er sah lichte Fenster- und dunkle Türvorhänge und entdeckte schöne, farbenprächtige Bilder an den Flurwänden. Eine große, weiße Katze strich an ihm vorbei, und als er sie anrief, rieb sie sich zärtlich an seinem Körper. Das Wunderbarste aber war, daß ihm jemand aus einem der verschlossenen Zimmer »Bertold! Bertold!« zurief.

Er klopfte bescheidentlich an und trat ein.

Zuerst sah er nur einen großen, grauen Papagei, der sich schwatzend und kreischend in seinem Ringe schaukelte, dann gewahrte er in dem behaglichen Raume einen teppichbelegten, altmodischen Tritt, auf diesemein in voller Bewegung befindliches Spinnrad, und davor – – – das konnte nur die alte Spinnerin aus Dornröschens Zauberschloß sein. Etwas wie Furcht beschlich ihn, aber er bezwang sich tapfer. »Haben Sie mich gerufen?« fragte er höflich und mit tiefer Verbeugung. Die graue, etwas gebückte Gestalt, die so eifrig spann, sah ihn forschend an. –

»Bertold, Bertold!« krächzte der Papagei, und nun lachte der schlanke Junge, lachte so herzhaft, so klingend, so musikalisch, so aus dem Innersten heraus, daß es tönend von den Wänden zurückkam.

Da stand das Spinnrad plötzlich still, und der Stuhl, worauf die graue Gestalt saß, wurde polternd zurückgestoßen. Trippelnde Schritte näherten sich dem Knaben, dann umschlangen ihn zwei Arme, und er sah in ein gutes, altes Gesicht, dessen blaue Augen voll Tränen standen.

»Du Junge! Du Bertold! Du echter Eik mit deinem Eikschen Lachen! Willkommen bei Großtante Adelgunde!«

Es mußte ja ein Märchen sein. Bertold rieb sich immer wieder die Augen, aber der Papagei und das Spinnrad blieben und die graue Gestalt blieb auch leibhaftig vor ihm, nur daß sie jetzt geschäftig im Zimmer herumlief und kleine Kuchen, Obst und feine Schokolade vor Bertold hinsetzte mit der Aufforderung, tüchtig zuzulangen. Das tat der Junge gern, denn in seinem großen Kummer war er nicht dazu gekommen,sein Vesperbrot zu genießen. Nun saß er neben der plötzlich entdeckten Großtante, die wohl hundert Jahre nach seiner Schätzung zählte, und sie nötigte ihn immer wieder liebevoll zum Zulangen, bis auch kein Stellchen in seinem Magen mehr frei war.

»Jetzt erzähle!« bat die alte Dame.

»Warum ruft der Papagei immer Bertold?« wollte der Junge gern noch wissen, »er kennt mich ja gar nicht.«

»Das gilt deinem Großvater,« lachte leise die Großtante. »Früher war der Papagei immer bei ihm, – – aber er ist so sehr gelehrig und gewöhnte sich alles an, was dein Großvater rief – – hm, – das war oft lästig – wenn er es so unablässig wiederholte. Jetzt habe ich ihm alles bis auf den Namen seines früheren Herrn abgewöhnt, – – der ja auch der deine ist, mein kleiner Bertold!«

Sie war so vertrauenerweckend, die Großtante Adelgunde!

Weit tat sich Bertolds Herz auf und erzählte ihr alles, seine Freuden, seine Leiden, seinen ganzen letzten Kummer.

»Du stehst jetzt unter meinem Schutz,« bedeutete ihm die alte Dame. »Und du wirst nicht mehr heimlich beim Organisten Brennstoff spielen, sondern du wirst hier laut und deutlich bei mir üben, und ich werde nach E. schreiben und den besten Lehrer für dich bestellen. Du wirst gleich heute noch deine Geige holen und siezu mir bringen, – du lieber Herrgott, ich soll wieder einmal eine Amati in den Händen halten – und vielleicht können wir beide sogar zusammen musizieren.«

Die Achtzigjährige wurde ganz lebhaft, – sie trippelte zu dem hellen Mahagonispinett und öffnete es feierlich. »Mach’ noch einmal eine tiefe Verbeugung, kleiner Bertold, denn auf diesem Instrument hat – Beethoven gespielt.«

Der Junge atmete tief auf. Immer noch meinte er, alles müsse vor seinen Augen plötzlich verschwinden, – es war zu wunderseltsam, was er erlebte. Ungestüm warf er beide Arme um den Hals der alten Dame, daß sie sogar ein wenig taumelte.

»Ei, ei,« mahnte sie, »du ungestümer Eik! So sind und so waren sie ebenauchalle. Aber ungestüm und musikalisch darfst du sein, wenn du nur nicht jähzornig bist,« setzte sie leise hinzu, indessen doch laut genug, daß Bertold sie verstanden hatte. Er erblaßte bis in die Lippen. »Schließ das Beethovenspinettchen!« bat er schmerzlich. »Ich – ich verdiene nicht, drauf zu spielen.« – – –

Der Abend brach herein. Mit einem zärtlichen »Gott behüt« wurde der Junge entlassen unter dem feierlichen Bedeuten, sein Mütterchen aufzufordern, sie möchte Großtante Adelgunde besuchen. Dann schritt er all die Gänge, Treppen und Treppchen wieder zurück bis zu dem Seitenflügel, den er und seine Mutter bewohnten.

Lange saß er noch mit Mutter Franziska in eifriger, zärtlicher Zwiesprache zusammen, und dann brachte sie ihn zu Bett und betete dankbar mit ihm. Unter seinem Kopfkissen aber lag, ohne daß es eine Menschenseele außer ihm selbst ahnte, ein schmutzig-weißes Bündel, und vielmals in der mondhellen Sommernacht zog er es hervor, um die geliebte Puppe Emmy ohne Kopf anzuschauen und sich zu vergewissern, daß dieser Gruß und Augentrost wirklich bei ihm sei. – Bis ihm nach all den aufregenden Sachen am heutigen Tage die müden Augen zufielen. –


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