Chapter 11

Gegen Abend des nächsten Tages schritt Frau Franziska über Gänge und Treppen des Vaterhauses denselben Weg, den Jung-Bertold zurückgelegt. Sie aber kannte jedes Winkelchen, und aus jedem Eckchen schaute sie die Erinnerung an.

Gegen Abend des nächsten Tages schritt Frau Franziska über Gänge und Treppen des Vaterhauses denselben Weg, den Jung-Bertold zurückgelegt. Sie aber kannte jedes Winkelchen, und aus jedem Eckchen schaute sie die Erinnerung an.

Das ernste Zürnen von Großtante Adelgunde hatte ihr schmerzlich weh getan, kaum wollte sie die liebe, freudige Botschaft aus dem Munde ihres Jungen als richtig ansehen.

So klopfte sie nur zaghaft an, aber auch ihr erschien der Ruf des grauen Papageis als eine günstige Vorbedeutung. Still öffnete sich die Tür, so als ob jemand schon lange, lange dahinter gestanden und auf ihren Schritt gewartet habe, – still öffneten sich zwei alte Arme, und das alte, dazugehörende Herz hatte wohl schon längst offen gestanden und sich nur nochetwas gewehrt, das auffordernde »Herein« laut zu rufen.

Die Liebe zu Jung-Bertold überbrückte auch lückenlos die große Kluft, welche die Flucht der Nichte vor Jahren gerissen, Tante Adelgunde dachte nicht mehr an Unrecht und Schmach, sie dachte nur an das Leid, das Frau Franziska getroffen, und das wollte sie jetzt mit ihren schwachen Kräften in Sonnenschein wandeln.

»Von gestern ab gehört der Junge mir mit,« rief die alte Dame in ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, »er selbst hat mein Reich erobert.«

In all den Tagen, die nun folgten, sah Frau Franziska ihren Vater wenig oder gar nicht, und Fräulein Adelgunde mußte es erleben, daß der Schachtisch und das Schachbrett völlig verwaist blieben.

Das war etwas Unerhörtes, und die Schwester nahm sich vor, dem Oberhaupt vom Eichenborn einmal wieder gründlich ihre Meinung zu sagen; als sie aber durch Zufall ihm begegnete, erschrak sie vor dem finsteren, gequälten Ausdruck in seinem Gesicht und verlor den Mut, ihn nach der Ursache zu fragen. Herr Baldamus von Eik war verreist.

Frau Franziska freute sich dieser Tage, – man hörte sie sogar mit ihrem Knaben lachen, und ihre Wangen bekamen einen Anflug feiner Röte, so daß sie oft wie ein junges Mädchen aussah.

So gern hätte sie nun recht gemütliche Mittagstunden mit ihrem Vater genossen, aber sobald sie mitJung-Bertold das große Eßzimmer betrat, meldete ihr der Diener, daß Herr Eik von Eichenseniorheute allein zu speisen wünsche. Dies »heute« bezog sich nun aber schon auf viele Tage. –

War es der junge Diener, der die Meldung machte, dann begnügte sich Frau Franziska mit einem Kopfnicken, – als aber Hieronymus Teichmann bei Tisch aufwartete und sie wieder nur zwei Gedecke erblickte, da trat sie rasch auf den alten Getreuen zu.

»Hieronymus, was ist’s mit dem Vater? Irgend etwas bedrückt ihn schwer, – ich sorge mich. Und du scheinst es zu wissen, Hieronymus, was hier vorgeht.«

Der Diener wich ihrem forschenden Blicke aus.

»Da ist nichts zu raten und nichts zu sagen,« murmelte er. »Haus Eichen hat einen guten Magen, und wenn wir dem lieben Herrgott trauen, kann der Eichborn auchdasverdauen.«

»Ist es etwas sehr Schweres, Hieronymus?« fragte Franziska, ängstlich geworden, – – »ich kann es mir gar nicht zusammenreimen. Sind es etwa gar – Zahlungsschwierigkeiten?«

Ein leises Lächeln trat auf das gute, alte Gesicht des Faktotums.

»Du liebe Zeit, – so Schwierigkeiten, was habendiefür Haus Eik zu bedeuten? ’s sind weiter nichts als Mückenstiche. – Aber es gibt soandereSchliche, – – die sich nicht ziemen für Eichenborn – die bringen Herzweh und heiligen Zorn. Ich bin nurein Diener und hab’ nichts zu sagen, aber der Herr sollt’ dazwischen schlagen mit Knüppeln – und mit eisernem Besen auskehren all das schlimme Wesen.«

Er hatte sich in Zorn geredet, der Alte, und nun erschrak er, daß sowohl Frau Franziska, als auch Bertold die Suppe völlig unberührt gelassen hatten, und daß beide mit traurigen, ängstlichen Augen zu ihm aufschauten.

»Ich bin ein Schwätzer, Fräulein Franziska,« stotterte er, denn diese Bezeichnung gebrauchte er immer für seine liebe Herrin; sie sah so mädchenhaft aus, und der fremdländische Name, der ihr zukam, wollte nicht über seine Lippen.

»Vorhin ging der alte Valentin die Treppe hinunter,« nahm Bertold das Wort. »Er grüßte mich gar nicht, ich glaube, er war sehr krank und sah aus, als ob er geweint hätte.«

»Der alte Valentin?« fragte lebhaft Frau Franziska. »Ich war lange nicht bei ihnen, das ist eine häßliche Unterlassung von mir. Hat das hübsche Jettchen genug zu tun immer? Ich will ihr gern wieder Aufträge für Wäschesticken zuwenden – – –«

Hieronymus antwortete nicht, er hatte sich plötzlich zur Tür gewendet und war mit dem großen Präsentierbrett hinausgeschritten in unziemlicher Hast, die er sich noch niemals sonst hatte im Beisein der Herrschaft zuschulden kommen lassen. Mit bangen Blicken schaute ihm Frau Franziska nach.

Als er mit dem zweiten Gang herein kam, winkte ihm die junge Frau, damit er recht leise hantiere.

Im Nebenzimmer, dem Arbeitsgemach des alten Herrn von Eichen, hatten sich laute Stimmen erhoben, die sich immer mehr steigerten. Bekümmert und verständnislos sah Frau Franziska drein.

Jetzt nickte Hieronymus gleichmütig.

»Das ist die Arbeiterdeputation,« meinte er. »Wenn doch da unser Herr nachgeben wollte. Sie verlangen nicht zu viel, die Leute, es ist eben alles teurer geworden, und die Eiksche Fabrik sollte lieber mit gutem Beispiel vorangehen, als im alten Schlendrian verbleiben. Es gärt schon allzuviel unter den Böswilligen, aber das sind alles junge, verführte Leute, –unsereArbeiter sind gut, – nur besser möcht’s eben jeder haben.«

»Ihr irrt euch,« tönte von drüben scharf und laut die Stimme, »zu mir kommt nur nicht mit so hirnverbrannten Ideen. Ob ich euch aufbessernkann, habe ich allein zu entscheiden, jedenfallswillich es nicht, weil die letzte Aufbesserung erst vor Jahresfrist erfolgte und ich eine neue noch nicht für nötig halte; zwingen lasse ich mich nicht, das wißt ihr ja.«

Man konnte die Erwiderung nicht verstehen, aber jedenfalls wurde sie von einem Einzelnen in heftigem Ton gegeben.

»Der Heinrich Liebetraut ist’s,« murmelte Hieronymusängstlich. »Nur beim Reden tut der Kerlnichtfaul, – ich wollt’, er hielte jetzt – den Mund.«

Dem treuen Hieronymus versagte plötzlich der beabsichtigte, kräftigere Reim, denn drüben hatte Herr von Eik mit seiner kräftigen Faust auf den Tisch geschlagen. »Hinaus!« brüllte er, »macht, daß ihr hinaus kommt!«

Dann ein nicht eben sachtes Türenschlagen, das erregte Sprechen von drei oder vier Menschen auf dem Hausflur und hastiges Entfernen stark und polternd auftretender Männerfüße.

Mit klopfenden Herzen standen Franziska und Bertold nebeneinander, während Hieronymus leise das Zimmer verlassen hatte. Er konnte es nicht mit ansehen, wie eine Speise nach der anderen unberührt stehen blieb, und er konnte auch nicht der verehrten Tochter seines Herrn ganz genau Rede und Antwort stehen, konnte vor allen Dingen ihren ernsten, reinen Augen gegenüber nicht der Aufklärende sein, der ihr sagte, daß ihre letzte Zuflucht, ihre geliebte Heimat, in welche sie sich aus Unehre und Schmutz gerettet, längst eines eisernen Besens bedürfe, der viel Fäulnis, viel böse Stoffe herauskehren müsse.

Als Hieronymus die Tür öffnete, steckte Herr Eik von Eichenseniorzur gleichen Zeit den Kopf aus seinem Zimmer herein, und der Diener erschrak, so grau und verärgert sah das Gesicht aus, so zornig die Augen zwischen den starken Brauen.

»Ich bin fürniemandzu sprechen,« rief der alte Herr ihn an, »für niemand, weder jetzt, noch nachher, noch heute abend. Sorge dafür, daß keine Menschenseele auf diesen Flügel kommt, – meine Tochter und ihr Sohn sollen anderswo essen.«

»Sehr wohl, Herr von Eichen!« war die leise Antwort des bestürzten Hieronymus, und dann war er auf leisen Sohlen zu Frau Franziska zurückgekehrt, um ihr Bescheid zu bringen. Sie entfernte sich traurigen Blickes mit Bertold, – gar zu gern hätte sie mit ihrem Vater alle Vorgänge besprochen, wäre ihm so gern eine verständnisvolle Gefährtin gewesen in all diesen Wirren einer neuen Zeit, die den patriarchalischen Zuschnitt vom Hause Eichenborn längst nicht mehr verstand.

Aber Franziska wußte, daß ein Hereinreden in den väterlichen Zorn ihn nur noch mehr schüren und zur lodernden Flamme anfachen würde.

Mit mächtigen Schritten durchmaß der alte Herr sein Riesenarbeitszimmer. Beide Hände hielt er geballt, – ein schweres Stöhnen, unartikulierte Laute, die beinahe nichts Menschenähnliches hatten, entrangen sich seiner heftig atmenden Brust. Ein Jähzornanfall schlimmster Art hielt ihn gepackt, dabei schlug sein Herz hart und schmerzhaft gegen die Brust, und kalter Schweiß bedeckte seine Stirn. Immer wieder nahm er die Wanderung auf, der dicke Teppich minderte nur wenig das Dröhnen seiner Schritte.

Wütende Flüche und eine Flut von Schmähungen ergossen sich aus seinem Munde, er tobte in wilden Drohungen, bis er sich erschöpft niedersetzen mußte. Aber auch jetzt noch umkrampften seine großen Fäuste die Lehnen des tiefen Sessels, als wollte er sie zerdrücken. – – –

»Da bist du ja!« tönte ein durchaus tapferes, selbstbewußtes Stimmchen durch die schwüle Zornatmosphäre des großen Raumes. Liselotte Windemuth schloß sorgfältig die Tür wieder, legte beide Händchen auf den Rücken und schritt ruhig zum Arbeitssessel des alten Herrn. »Wo hast du Puppe Emmy?« fragte sie energisch.

Herr von Eik griff mit beiden Händen nach seinem Kopfe. Es sah aus, als glaubte er eine Erscheinung vor sich zu haben. Dann wich allmählich dieser Wahn von ihm, um einem erneuten Wutanfall Platz zu machen. Beide Hände hob er, als wolle er diese unglaublich freche, kleine Person da vor ihm niederschlagen.

Liselotte fing aber die Hände unterwegs auf und hielt sie fest. »Was machst du denn?« fragte sie unwirsch. »Du hast wohl Angst, ich tu’ dir nun was? – Ich will bloß mein Kind wieder haben. Auch wenn’s noch krank ist. Macht nichts! Gib’s her!«

»Ich habe es nicht,« stotterte Herr von Eik verblüfft. Ja, es muß gesagt werden, der grimmige, jähzornige, gegen jegliche Gefühlsduselei abgehärtete Herr von Eik war verlegen diesen blauen, unerschrockenen Kinderaugengegenüber, besonders weil noch etwas anderes aus ihnen sprach, eine wirkliche, mütterliche Angst um ihr Puppenkind.

Und der alte Herr war all sein Lebtag ein zu gewissenhafter Mensch und Geschäftsmann gewesen, als daß er jetzt nicht eine Art unbehaglicher Beschämung empfinden sollte, weil er das Eigentum eines anderen verschleppt hatte. Wo in aller Welt hatte er Puppe Emmy gelassen?

Ob er diese Frage laut getan hatte? Jedenfalls zog sich Liselotte Windemuth einen der großen Sessel herbei, lehnte sich behaglich hinein und meinte: »Besinn dich nur, – ich habe Zeit!«

Dieses Wort hatte sie öfters von ihrem Väterchen gehört, wenn sie irgendeinen wertvolleren Gegenstand verschleppt hatte und sich nicht erinnern konnte, wohin er gekommen war. –

Bei Herrn von Eik war dies Verfahren aber doch nicht angebracht. Denn beim Besinnen kam ihm auch wieder der Zorn über den Eindringling, kam ihm das Bewußtsein, daß der Wertgegenstand eine abscheuliche, zerschlagene und zerrissene Puppe sei, und daß er über dem für ihn unwürdigen Forschen nach ihrem Verbleib eine Menge wertvoller Zeit vertrödele.

»Du mußt jetzt gehen,« beschied er die Kleine. »Die Puppe wird sich finden.«

Liselotte setzte sich noch etwas fester zurück. »Wo ist sie denn?« fragte sie ungerührt.

»Ich weiß es jetzt nicht, du hörst es ja.«

»Du hast sie jetzt schon viele, viele Tage, Herr von Eik. Hast du sie immer gut gefüttert?«

»Wen? Die Puppe? – Nein!«

»Nicht gefüttert? So lange nicht? Du hast sie hungern lassen?«

»Ach, Dummheiten! Puppen hungern nicht.«

Liselotte war starr über diese vermessene Behauptung. Aber sie hielt sich nicht dabei auf, sondern setzte streng das Verhör fort.

»Hast du sie gebadet?«

»Nein.«

»Trocken gelegt?«

»Nein.«

»Hast du ihr Geschichten erzählt und sie abends mit in dein Bett genommen?«

Liselotte hatte den Bogen zu straff gespannt. Die letzte Zumutung brachte dem gestrengen Herrn von Eik seine unwürdige Lage diesem Dreikäshoch gegenüber besonders zum Bewußtsein.

Mit einem energischen Ruck hob er das kleine Mädchen aus dem Sessel hoch, es wehrte sich kräftig und stieß und schlug um sich, verschlechterte aber dadurch nur seine Lage. Denn der Griff, der sie umklammert hielt, wurde nun fester und äußerst schmerzhaft, sie wurde von dem jetzt sehr aufgebrachten Herrn einfach zur Tür hinausgeworfen, die er dann unbarmherzig hinter sich abschloß. Liselotte wußte zuerst kaum, wasihr geschehen war, sie strich ihr zerknülltes, weißes Röckchen glatt und schüttelte die zerzausten blonden Locken, dann aber begannen ihre kleinen Fäuste energisch an die verschlossene Tür zu schlagen und zu pochen, – ein ohnmächtiges Beginnen diesem schweren Eichengefüge gegenüber. »Gib mir Puppe Emmy her! Ich will meine Emmy wieder haben!« schrie und schluchzte in Zorn und Verzweiflung das kleine Ding, daß das Echo gellend von den hohen, hallenden Gängen wiederkam. »Du da drinnen! Du großes Ungetüm! Du schlechter Kerl! Ich will meine Emmy ohne Kopf wiederhaben!«

Und als dieser Ausbruch nichts nützte, – ach so ganz und gar nichts, und nichts in dem weiten, unheimlichen, einsamen Gebäude sich rührte, niemand sich blicken ließ, der ihr Antwort auf ihre tobenden Fragen geben konnte, da brach Liselotte in ein schluchzendes, bitterliches Weinen aus, dann lief sie die Treppe herunter, durch das Grasgärtchen, zum Tor hinaus, durch die Straßen an schwatzenden Kindern, an neugierig stehen bleibenden Leuten vorüber, und in jammervoll hohen Tönen schrie sie: »Der schlechte Kerl! O der schlechte Kerl!« bis sie das Haus Windemuth erreicht hatte und Base Juliane das aufgeregte Kind in Empfang nahm. –

Der Spätabend war hereingebrochen, als Herrvon Eik sich von seinem Sessel erhob und auf ein sachtes Pochen an der Tür diese öffnete.

Stundenlang hatte er allein gesessen, er hatte auch hin und wieder einen leichten Schritt sich nahen hören, und einmal hatte auch eine bittende Stimme gerufen: »Vater, willst du nicht wenigstens etwas zu dir nehmen? Ich ängstige mich.«

Aber er hatte mit finster gefalteter Stirn geschwiegen, und die leichten Schritte hatten sich wieder entfernt. Dann wieder nach Stunden hatte Schwester Adelgunde sich energisch gemeldet: »Bruder, – das ist ja Torheit, du wirst uns ja krank!« Aber auch sie war ohne Erfolg in ihre Gemächer zurückgekehrt.

Auch Hieronymus war zur Tür gekommen und hatte sich in wohlgeformten, etwas unsicher hervorgebrachten Reimen zur abendlichen Kammerdienstleistung gemeldet und durch die unerbittlich verschlossene Tür den Bescheid bekommen, daß sie alle der Teufel holen solle, als endlich ein bekanntes, etwas zögerndes Schreiten draußen vernehmbar wurde und auf das vorsichtige Klopfen die Tür sich öffnete.

Baldamus Eik von Eichen glitt in das Zimmer.

Es war erhellt von einer hohen, altertümlichen Öllampe, die auf dem Schreibtisch stand. Herr von Eik haßte Gaslicht und ebenso elektrische Beleuchtung, er war ganz und gar altmodisch vom Kopf bis zu den Füßen und stach gar nicht so sehr von seinem Pflegesohnab, der in neuester Biedermeiertracht sich äußerst würdevoll präsentierte.

Nicht vereinbaren mit dieser äußeren Würde ließ sich der flackernde Ausdruck in seinen Augen, das verlegene Vorbeisehen an der imposanten Gestalt des Greises, der ihn düster und scharf ansah.

»Du hast mir hübsche Neuigkeiten zutragen lassen, Baldamus,« begann der alte Herr ohne Umschweife.

Dieser zuckte die Achseln. »Willst du es nichtmeineAngelegenheit bleiben lassen, Pflegevater? Wir werden uns darüber nicht verständigen können und –«

»Allerdings nicht.« Man hörte in der Stimme des alten Herrn den aufsteigenden Sturm. »In derartig schuftigen Dingen habe ich keine Erfahrung.«

»Ich muß doch bitten – Pflegevater!« fuhr Herr Baldamus auf, aber er sah dem Alten nicht in die Augen. »Es istmeineAngelegenheit,« setzte er trotzig hinzu.

»Nein, die ist esnicht.« Herr von Eikseniorwar einige Schritte näher getreten. »Der alte Valentin Erkner ist seit vierzig Jahren an unserer Fabrik, er und seine alte Frau sind ganz gebrochen von der Schande ihrer Enkelin.«

Herr Baldamus zuckte unbehaglich die Achseln. »Laß uns doch nicht darüber sprechen! Ich werde alles mit ihnen abmachen.«

»Du willst sie heiraten, Baldamus?«

Ein häßliches Lächeln trat auf das Gesicht desjüngeren Mannes, – es verschwand aber sofort wieder und machte einem harten, wilden Ausdruck Platz. »Ich heirate niemand undwillniemand heiraten, als die eine, die du mir einst fest versprachst. Hörst du, Pflegevater, –festversprachst,« zischte Herr Baldamus. »Weiß Gott, ich bin ein geduldiger Warter gewesen, – – – hilf mir, Pflegevater!« Diese letzten Worte wurden mit völlig veränderter Stimme gerufen, er schien in großer Aufregung zu sein, ein ganz ungewohnter Anblick bei dem sonst so glatten, ruhigen, gesetzten Manne, den ja auch die Schwarzhausener gerade wegen dieser Ausgeglichenheit so sehr schätzten. Der alte Eik sah seinen Pflegesohn zornig und ungläubig an.

»Du weißt wohl nicht mehr, was du sprichst, Baldamus.Ich– soll Franziska zureden? Ich? Nachdem ich dies weiß? Und nachdem mir schon jahrelang der Anblick von Hieronymus Teichmann unerträglich war – – –«

»Laß doch die uralten Geschichten, Pflegevater.Ichwärme ja auch nicht auf – – –«

Lauernd richteten sich seine Augen auf den alten Herrn, der plötzlich müde und verfallen aussah. »Du weißt ja selbst, Pflegevater,« fuhr er langsam und streng betonend fort, »wie schwer es wird, immer und immer den Schein zu wahren, – – deine ganze Lebensarbeit hast du daran gesetzt, und die sittenstrenge Kleinstadt lohnt dir nicht einmal deinen einwandfreienLebenswandel. Mehr als einmal schon – – –« er lachte hölzern und meckernd, »hörte ich, wie mandicheinen ›schlechten Kerl‹ nannte.«

»Schweig!« rief Herr Eikseniorheftig, und die Adern auf seiner Stirn schwollen an.

»Gut, ich schweige! Aber dann erzähle auch du keine ollen Kamellen und – – – sprich mit Franziska.«

Herr von Eikseniorantwortete nicht, er ließ sich schwer in den Sessel fallen, und man sah, wie die furchtbare Aufregung in ihm arbeitete. Erst als er bemerkte, daß Baldamus das Zimmer verlassen wollte, beruhigte er sich etwas und rief mit heiserer Stimme seinen Pflegesohn an.

»Bleibe noch, Baldamus! – Ich habe noch etwas mit dir zu besprechen. Wie kommst du dazu, den Leuten zu sagen, daß ihre höhere Lohnforderung von mir berücksichtigt werden würde? Die Arbeiterdeputation war heute bei mir, der Heinrich Liebetraut war der Sprecher, – er ist ein Stänker, behauptet aber, von dir besonders ausgesucht worden zu sein.«

»Damit hat er recht,« meinte Herr Baldamus gelassen. »Ich wollte durch diesen verbissenen Krakehler, dem beinahe einzigen Wühler in unserem kleinstädtischen, biederen Betriebe den Worten der Arbeiter etwas mehr Nachdruck geben, falls du etwa zögern solltest, ihren unverschämten Forderungen nachzugeben. Du hast bewilligt, Pflegevater?«

»Bewilligt? Ich denke nicht dran. Du nennstja selbst ihre Forderungen unverschämt. Besonders sind sie es deshalb, weil ich erst vor Jahresfrist erhöhte.«

»Du wirst sie wohl annehmen, Pflegevater. Es ist besser, wir wenden bei diesen Leuten Vorsicht an, als daß wir merken lassen, daß wir ihre Nachsicht brauchen. Die Eiks wirft die Mehrbewilligung nicht um, den Leuten wird der Mund gestopft, und sie trotten in ihrem Schlendrian weiter, ohne Verlangen zu tragen, uns etwas am Zeuge zu flicken.«

Es sah aus, als striche wieder eine Hand über das Antlitz des alten Herrn und ließe es grau und verfallen erscheinen.

»Baldamus, ichkannnicht. Ich helfe ihnen, wo es nur möglich ist, offen oder heimlich, aber nachmeinemWillen und Gesetz. Lasse ich mir jetzt plötzlich von ihnen vorschreiben, dann bin ich nicht mehr der alte Eik, und sie schieben mich zu den Fabrikbesitzern, die vor ihren Arbeitern zittern, und ich bin bei ihnen drunter durch, denn für Ertrotztes sagen sie mir keinen Dank.«

»Meinst du, sie danken dir, wenn du ihnengar nichtsgibst?« fragte Baldamus heftig; innerlich dachte er, daß sein Pflegevater jetzt doch recht alt würde und sich mit einem Male durch verrückte Empfindungen leiten ließe. Dieser starre Eiksche Ehrbegriff mußte etwas ins Wanken gebracht werden.

»Ja, das meine ich,« stieß Herr Eikseniorhastig heraus. »Die meisten von unseren Leuten hängen anunserem Hause, wissen, daß sie es gut haben, daß sie nicht gedrückt werden. Ihre Forderungen sind ihnen von den paar jungen Kerlen, die frisch von der Walze kommen und unverdauliches Zeug gehört und gelesen haben, aufgeschwatzt worden. Ich werde ihre Entlassung verfügen, mit den Alten dann noch ein vernünftiges Wort reden und – – –«

Herr Baldamus lachte laut und erbittert.

»Und Heinrich Liebetraut wird Herr der Situation sein.« Baldamus legte schwer die Hand auf den Arm des Pflegevaters. »Dumußtnachgeben,« sagte er hastig. »Dumußt. Heinrich Liebetraut ist gefährlicher, als du ahnst. Er hat viel gelernt, ist mit der Feder gewandt und lauert darauf, uns einen Knüppel in den Weg zu werfen.« Herr Baldamus dämpfte jetzt seine Stimme. »Er ist außerdem Jettchen Erkner nachgestiegen, – – ahnt aber noch nichts. Bewilligen wir die Zulage, so geht er als Agitator fort, denn in Schwarzhausen ist ihm der Horizont zu eng, – bewilligen wir sie nicht, so bleibt er als unser Feind und wird nicht ruhen, bis er alles herausgebracht hat. Dann ist aber auchdeinKönigtum von Schwarzhausen vorbei, und du bist nichts als – – –«

»Ein schlechter Kerl,« lachte der alte Eik bitter-schmerzlich auf. »Das meintest du ja wohl. –Ich werde bewilligen!«

Das Letzte kam so unvermittelt heraus, daß Herr Baldamus über den plötzlichen Sinneswechsel ganz verblüfftdastand und auf seinen Pflegevater starrte, der jetzt mit gebietender Handbewegung nach der Tür zeigte. Und wenn sein Königtum auch auf tönernen Füßen stand, wenn es auch etwas im Leben dieses starren, unzugänglichen, finsteren Mannes gab, das einen schweren, tiefen Schatten auf die Eik-Ehre warf, – – Herr Baldamus fühlte doch, daß er dieser gebietenden Hand, die ihm die Tür wies, zu gehorchen habe. –

Ruhelos wanderte der alte Herr in seinem Zimmer umher. Ein paarmal griff seine Hand nach dem altmodischen Klingelzug, der den Diener herbeirufen sollte, aber er ließ sie immer wieder sinken.

Bis wieder ein leichter Schritt heran kam und auf sein müdes »Herein!« Frau Franziska sich im Türrahmen zeigte.

»Endlich, Vater! Ich habe Angst um dich gehabt! Seit deinem Frühbrot hast du nichts genossen. Denke doch auch ein wenig an dich selbst – – –«

»Ich habe mit dir zu reden, Franziska.«

Seine Tochter sah erstaunt-forschend zu ihm auf. Die Stimme des alten Herrn klang sonderbar rauh, gebrochen und müde, und er sah die junge Frau nicht an.

»Ich höre, Vater!«

Lange Pause. – – »Baldamus Eik hat heute wieder um deine Hand angehalten.«

»Ich trage noch Trauer, Vater – – –«

»Ich weiß es, – und drängen wird dich Baldamus nicht, er will wohl nur Gewißheit haben.«

»Ich begreife Baldamus nicht, Vater. Was mir vor Jahren unmöglich war, – ist es auch heute noch. Erwillmich nicht verstehen.«

»Franziska, – bist du ganz von Grund aus mit dir zu Rate gegangen, und – bist du dir klar, was du aufgibst? – Das große Vermögen würde in einer Hand bleiben und dein Knabe einmal alles bekommen. Baldamus liebt dich – – –«

Frau Franziska schauerte zusammen. »Laß mich bei dir bleiben, Vater,« bat sie müde. »Ich habe so überreichlich zum Leben durch deine Güte, und mein Junge soll werden wie du, so einfach – und so aufrecht.«

Der alte Herr Eik zuckte zusammen, aber er litt es still, daß die Tochter seine Hand an ihre Lippen zog.

Sie wußte, wie er an dem Gedanken hing, sie mit dem Pflegesohn eins zu wissen, sie wußte, daß sie ihm auch heute wieder weh tat, wie sie ihm vor Jahren den bittersten Schmerz seines Lebens zufügte, und daß nun wieder eine Kluft zwischen Vater und Tochter sich auftat, die sich nie mehr überbrücken ließ – – –

»Du weinst, Franziska?«

Sie schluchzte weh auf.

»Daß ich dir so wenig zeigen kann, wie lieb ich dich habe, Vater – – –«

Er strich ihr sacht über das dunkle, wellige Haar mit einer scheuen, verlegenen Bewegung, der man wohl anmerkte, daß Liebkosungen etwas Seltsames für ihn bedeuteten.

Franziska hatte ihren Kopf tief geneigt, und der alte Eik schaute über sie hinweg durch das Fenster in die grünen Parkwipfel hinein in ernstem Sinnen.

Franziska fühlte ihr Herz hart und schwer klopfen. »Wie wird alles werden,« dachte sie, »was wird er bestimmen, was wird er mir sagen, wenn diese Pause vorüber ist?«

Herr von Eik richtete sich hoch auf.

»Ich habe eine Bitte an dich, Franziska, – eine seltsame – – –«

»Wenn ich sie erfüllenkann, Vater, – – –« entgegnete sie zögernd.

Da zog es wie ein Lächeln über seine ernsten, finsteren Züge, – und Frau Franziska meinte, ihr eigener, lieber Junge schaue sie auf einmal aus diesem erhellten Antlitz an.

Es fiel dem Alten schwer, seine sonderbare Bitte in Worte zu formen: »Franziska, – bringe mir, – – besorge mir aus der Stadt eine Puppe – – eine große, schöne Puppe, – – hörst du, – die schönste, die das Nest hat.«


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