Liselotte Windemuth führte ein recht einsames Dasein.
Liselotte Windemuth führte ein recht einsames Dasein.
Der Professor lebte mit seinen Büchern, Base Juliane mit ihren Kochtöpfen, und so kam es, daß Liselotte nur auf die Schule, auf Herrn Rektor Tüllen, auf ihre Schulkameraden und ihre Puppen angewiesen war.
Unter den Schulgespielen hatte sie keinen Freund und keine Freundin.
Sie war zu eigenartig, das kleine Ding, und nichts verzeiht eine Kleinstadt weniger als Eigenart.
Liselotte ließ sich in keine Schwarzhausener Schablone pressen, und niemand wußte etwas mit ihr anzufangen. Ihre unerschrockene Offenheit und Wahrheitsliebe, ihre wißbegierige Fragelust, – das waren lauter unbequeme Dinge für die Mitbürger und deren Sprößlinge. Man lachte wohl laut und anhaltend über ihre närrischen Einfälle und Fragen, aber weit öfter ärgerte man sich darüber und schalt; auch Base Juliane war mehr grillig und grimmig mit dem Kinde, als liebenswürdig.
Ab und an, wenn der Professor Windemuth in seinen Arbeiten auf einen toten Punkt geriet und eine kleine Rast halten mußte, fiel ihm wohl sein kleines Töchterchen ein. Befand es sich gerade in der Schule, so rief er Base Juliane und fragte, wie es dem Kinde ginge und ob es auch ja alles empfange an Körperpflege, wie es die verstorbene Mutter bestimmt.
Über diese Fragen empörte sich aber die Base immer weidlich.
»Wie eine Prinzessin hat sie’s,« – das war gewöhnlich die Antwort, »der Vetter braucht ja nur zu gucken, wie sauber und ordentlich ich das Kind halte, – eine leichte Arbeit ist’s nicht bei dem Quirlefitsch. Und gesund ist’s auch alleweil, – dafür bin ich da und der Herr Doktor.«
So war der Professor beruhigt. Doktor Hempel war ein Mann der alten Schule, recht für Schwarzhausen geboren. Er arbeitete mit altbewährten Mitteln, bei den Erwachsenen mit Schröpfköpfen, Aderlässen und Kamillentee, bei Kindern mit Wurmpulver und »Kurella«, und jedes Frühjahr, wenn die Hausfrauen »reinegemacht« hatten und auf ihren Lorbeeren ausruhten, benutzte Doktor Hempel diese Ruhezeit und unterzog sämtliche Mitbürger einer Reinigungskur, wonach sie sehr abgemattet und zahm wurden und manches für die Stadt bewilligten, was sonst noch gute Weile gehabt hätte. –
Ja, Professor Windemuth sah es, seine Liselotte war ein gesundes, blühendes, schönes Kind, und ihr lockenumrahmtes, blondes Köpfchen mit den blauen, tiefen Schelmenaugen, die doch auch wieder so ernst blicken konnten, wurde der verstorbenen Mutter immer ähnlicher.
Daß sein Kind geistige Nahrung entbehren könne, kam dem Manne nicht in den Sinn. Ja, wäre Liselottesein heißersehnter Knabe gewesen! – Aber Mädchen blieben ja zu Hause, kochten, strickten und – wurden geheiratet.
So stillte denn Liselotte ihren geistigen Hunger durch Lesen, und sie las bunt durcheinander, was ihr in den Weg kam, sie las aber auch hauptsächlich immer wieder, was in dem Bücherschränkchen der heimgegangenen Mutter steckte, und das war gut. Und sie las mit großem Eifer, was der sorgende, wachsame Rektor Tüllen in ihre kleine Hand legte, und das war noch besser. –
Was Liselotte gelesen, das erzählte sie gern wieder, und da Base Juliane und der Professor nie Zeit für sie hatten, so erzählte sie es ihren Puppen und wurde dadurch altklug und etwas selbstherrlich, denn die Puppen widersprachen ihr niemals.
Seit dem Erlebnis mit dem »schlechten Kerl«, wie sie innerlich den bösen, alten Herrn nannte, war Liselotte recht nachdenklich geworden, so daß es selbst Base Juliane auffiel.
»Ist dir nicht extra?« fragte sie das Kind wohl zehnmal am Tage, »du hast gewiß Würmer.«
»Es kann schon sein,« bestätigte Liselotte, denn sie aß Zitwersamen mit Sirup recht gern. Und während sie das Kindertäßchen mit dem braunen Saft auslöffelte, hatte sie eine eingehende Unterredung mit Base Juliane.
»Darf man Müttern ihre Kinder einfach wegnehmen, wenn man groß ist, Base Juliane?«
»Hm! Das ist eigentlich noch nichts für dich, Kind. Aber sowas gibt es. Die Leute haben sich dann lieb und heiraten sich.«
»Weißt du das ganz sicher, Base Juliane?«
»Freilich, du Dreikäshoch.«
»Warum hat dich denn niemand der Mutter fortgenommen?«
»Das sind sehr unanständige Fragen, Liselotte, du solltest dich was schämen. Es hat eben nicht jede Jungfrau das Glück – – –, ich meine, – nicht jede Jungfrau kann sich entschließen, ihr gottwohlgefälliges Leben aufzugeben.«
»Bitte, sag’ das noch mal langsam, Base Juliane, und erkläre mir’s recht ordentlich – – – so kann ich dich nicht recht verstehen.«
»Du schreckliches Kind! Nein, das ist nichts für dich. Durchaus nicht. Wo du nur immer die Fragen her hast!«
Liselotte saß tief nachdenklich da.
»Base Juliane, wenn nun aber der Mann alt und schrecklich ist und das Kind ganz kopflos – – –«
»Du gerechter Gott,« schrie Base Juliane, »wie kommst du bloß auf so was Fürchterliches! Das muß ich deinem Vater erzählen. Kind! Hast du etwa schlechten Umgang? Mit wem redest du so am Tage?«
»Nur mit dir,« meinte Liselotte harmlos. »Mit dir und den Puppen, aber sie wissen mehr als du undfahren mich nicht an und petzen nicht alles, was ich sage, dem Väterchen.«
»Nur zahm, nur zahm!« meinte Base Juliane und sah doch selbst aus wie ein geharnischtes Sonett. »Das ist längst nicht gepetzt, wenn ich so gefährliche Sachen dem Herrn Professor wieder erzähle. Weiß Gott, kein anderes Kind aus Schwarzhausen würde solche Dinge gefragt haben.«
In voller Entrüstung stand sie auf, räumte Zitwersamen und Sirup fort, und Liselotte wischte sich das klebrige Mäulchen ab, packte ihren Puppenwagen voll geliebter Babys und murmelte dabei unverständliche Worte, von denen die entsetzte, kopfschüttelnde Base nur immer wieder: »Alter schlechter Kerl« und »Kopfloses Kind« verstand.
Sie beschloß, umgehend dem Herrn des Hauses Mitteilung von dem eben Erlebten zu machen, während Liselotte eilig das Haus verließ und sich auf ihr stilles Plätzchen, zu dem Tempelchen im Park Eichenborn, begab.
Friedlich lag der Spielplatz da, – goldene Sonnenlichtchen tanzten auf den Zweigen der Tannen, und ein köstlich-herber Harzduft füllte rings den Platz. Liselottchen fuhr schnuppernd mit ihrem feinen Näschen in der Luft umher.
»O wie gut riecht es hier, wie gut!« meinte sie anerkennend zu sich selbst, und den Puppen rief sie zu: »Kinder, sperrt die Nasenlöcher auf, – es ist jazugesund!«
Rasch strebte sie der Steinbank zu, um ihre Kleinen darauf zu verteilen und eine große »Bettensömmerung« vorzunehmen, aber zu ihrem höchsten Erstaunen fand sie das Rundteil bereits von einer Persönlichkeit besetzt, die ihr mit weit aufgerissenen und doch ziemlich ausdruckslosen Augen entgegensah.
»Was ist denndas?« fragte Liselotte laut und sah sich nach allen Seiten um, ob wohl jemand zu der Balldame gehöre, denn als solche erwies sich die sehr große, majestätische Puppe, die da auf der Steinbank mit tief ausgeschnittenem und weit ausgebreitetem Staatskleide lehnte.
Niemand war ringsum zu sehen, nur Liselottes Puppenkinder schauten auf den fremden Eindringling hin.
»Kannst du nicht antworten?« fuhr Liselotte ihn an. – Auch nicht das geringste Gefühl der Zuneigung zog sie zu der feinen Dame hin, und so verschmähte sie es auch, auf ihre Frage selbst Antwort zu geben, wie sie es sonst immer mit ihren Lieblingen tat.
Am Staatskleide der Puppe steckte ein Zettel mit den Worten: »Diese Puppe soll Liselotte Windemuth gehören.«
Die Kleine entzifferte ihn mühelos, aber in ihrem Gesichtchen veränderte sich kein Zug. »Wer schickt dich?« fragte sie noch einmal, und als die Puppe nicht antwortete, sondern dumm weiter stierte, sagte ihr Liselotte ehrlich und zornig die Meinung:
»Du bist furchtbar häßlich. Ich mag dich gar nicht. O Gott, wenn ich denke, wie schön meine Puppe Emmy ohne Kopf war. Wie ihr alles gut stand! Wenn ich nur wüßte, was ich mit dir anfangen soll! Du versperrst nur den Platz, und ich will doch Betten sömmern. Pfui, was für ’n ausgeschnittenes Kleid! Ich hab’ mal heimlich zum Hoffenster reingesehen, wie Fräulein Ziddelmann auf den Ball ging. Base Juliane sagte, ein Christenmensch müßte sich tot schämen.Sosiehst du aus. So sprich doch! Kannst du nicht? Willst du nicht?Bistdu am Ende schon tot und willst es nur nicht sagen?«
Liselotte gab der Staatsdame einen derben Stoß, so daß sie auf die Bank polterte und mit geschlossenen Augen liegen blieb.
»Siehst du, daß du tot bist? Du konntest es gleich sagen, du arme, häßliche Person, dann hätte ich dich nicht erst so angefahren. Komm, ich will dich begraben, – ich habe es erst gestern gesehen beim Nachbar. Base Juliane nahm mich mit auf den Kirchhof, – ich weiß alles gut.«
Liselotte sah sich aufmerksam um. – Der Waldboden rings umher hatte lockere, weiche Erde, und mit einem flachen Stein und ihren eigenen, festen, kleinen Händen grub sie rasch und emsig ein genügend weites Loch. –
»Kinder, ihr müßt jetzt stark weinen, es kommt was Trauriges,« wandte sie sich an die anderen Puppenund fing sogleich selbst ein jammervolles Heulen und Piepsen an.
»So, und nun ein Choral! – Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren,« sang sie andächtig, und währenddem hob sie die Staatsdame vorsichtig auf und trug sie unter die Tannen hin, wo sie feierlich in die Erde gebettet wurde. Und da gerade die Sonne durch die grünen Zweige auf das Grab schien, gab Liselotte noch ein Lied zu: »Goldne Abendsonne, wie bist du so schön!«
Dann schickte sie sich an, das Grab zuzuschaufeln.
»Was spielst du denn da?« fragte eine tiefe Stimme hinter ihr.
Liselotte fuhr herum und starrte ihren größten Feind und Widersacher an.
»Beerdigen!« meinte sie kurz und ließ sich nicht weiter stören, sondern grub und schaufelte, bis auch nicht ein Schimmer des himmelblauen Seidenkleides mehr zu entdecken war.
Tief atmend sprang Liselotte auf und wischte sich mit den schwarzen, erdigen Händen die feuchten Locken aus dem erhitzten Gesicht.
»Wie du aussiehst,« rief Herr von Eik vorwurfsvoll, »die Base Juliane wird sich freuen – – –«
Liselotte sah ihn mürrisch an. »Nein, die freut sich nicht, wenn ich schmutzig bin,« gab sie zur Antwort.
»Du bist ein närrisches Ding!« meinte der alte Herr kopfschüttelnd. »Komm, setze dich zu mir aufdie Steinbank dort, da will ich dir etwas Schönes zeigen, – das soll dir gehören, – weil die Puppe Emmy verloren ist – weißt du – die alte, häßliche, kranke Puppe Emmy ohne Kopf – – – da, – ich habe dir eine wunderschöne, neue Puppe gekauft –«
Herr von Eik wandte sich sehr verlegen zur Steinbank, denn ihm selbst war seine Rolle als Beschützer und Beglücker kleiner, puppenspielender Kinder neu, – doch die Bank war leer, keine neue, feine, teure Puppe weit und breit, aber vor ihm stand mit schmerzlich verzogenem, schmutzigem Gesichtchen ein zartgliedriges, lebendiges Püppchen, das warf beide Arme über die harte Steinbank und verbarg laut weinend das Gesicht darein: »O meine Puppe Emmy, meine liebe, einzige, schöne Puppe Emmy!!!«
»Immer dasselbe Lied!« stieß Herr von Eik hervor. »Was bist du für ein sonderbares, unbändiges Kind! Wenn ich nur wüßte, wo die neue ist? Ich habe sie vorhin selbst hergesetzt.«
»Da!« schluchzte Liselotte und wies nur eben mit dem Kopf nach der Begräbnisstätte.
Herr von Eik ging mit schweren Schritten nach dem schwarzen Erdhügel, und sein wuchtiger Stock schaufelte und bohrte in der Erde, bis er nach einer Weile ein Stückchen blaue Seide entdeckte, – das arg zugerichtete Staatskleid der begrabenen Balldame. Rasch schaufelte er sie wieder zu und kehrte mit finsterem Antlitz zu der heftig Weinenden zurück.
»Warum tatest du das?« fragte er mit heiserer Stimme.
»Weil ich sie nicht lieb habe,« brach das Kind leidenschaftlich los. »Weil sie dumm und häßlich und tot war. O du hast mir meine schöne, süße, lebendige Emmy gestohlen und die garstige Balldame hingelegt! Tot und häßlich war sie und deshalb habe ich sie beerdigt.« –
In fliegender Eile raffte Liselotte ihre Püppchen zusammen, man sah es ihr an, ihr kleines Herz zitterte vor Angst, der große, harte, böse Mann könnte sich an ihnen vergreifen. Dann fuhr sie, immer noch bitterlich schluchzend, mit ihnen davon, ohne auch nur noch einen Blick zurückzuwerfen. Auch Herr von Eik schritt langsam den Weg nach seinem düsteren Hause zurück. Ein seltsames, bitteres Lächeln lag um seinen Mund. »Tot und häßlich« hatte dieses Kind sein farbenprächtiges, leuchtendes Geschenk genannt. Tot und häßlich hatte ihn auch gestern seine Vergangenheit angestarrt, – aber er konnte sie nicht so verblüffend einfach beseitigen und begraben, wie dies mutige, kleine Mädchen es vorhin getan, und für ihn gab es keine »goldene Abendsonne« mehr. – – –
Schwarzhausen schüttelte wieder einmal den Kopf.
Da lag das kleine Städtchen so recht warm eingebettetin den thüringer Bergen, durchduftet von Tannenluft, umrauscht von der lustigen, wilden Gera. Es war wohlhabend und stattlich gebaut, es hatte treue Väter, die sein Wohl zu dem ihrigen machten, aber es hatte Sorgen, und so kam es eigentlich nicht aus dem Kopfschütteln heraus.
Sorgen um das schwarze Schaf inmitten der reinlichen, frommen, guten und vor allen Dingen ach, so selbstgefälligen Schäflein, – Sorgen um den Eichenborn. Würde er das Städtchen nie zur Ruhe kommen lassen???
Nun hatte Schwarzhausen wohl einen treuen, guten Stadtvater, der sich mit gelegentlichem Kopfschütteln begnügte und wohlmeinend murmelte: »Wir verdanken den Eiks eigentlichalles, und wenn ich bloß reden dürfte – –« Aber es hatte keine milde, liebe, ältliche, rundliche Stadtmutter, sondern eine unendlich lange, hagere, spitze Frau Bürgermeisterin, die es sich nicht einfallen ließ, wie gute Mütter tun, sich von der mutmaßlichen Schlechtigkeit ihres Kindes persönlich zu überzeugen, sondern die in vielen, besonders zu diesem Zwecke anberaumten Kaffeegesellschaften die Abneigung gegen den Eichenborn und seine Bewohner noch schürte. Und wenn der Kaffee auch koffeïnfrei war, den die Frau Bürgermeisterin ihren Gästen vorsetzte, ihreRedenwaren es nicht, in denen saß das Gift und harrte seiner Bestimmung.
Schon nach der dritten Tasse waren beinahe alleDamen einig darüber, daß es so nicht weiter gehen könne.
Und daß Frau Pfarrer Klingenreuter und Frau Doktor Hempel so arg zugeknöpft taten und besonders die Pfarrerin so gar nichtsgegen, wohl aber manch mildes Wortfürdie Verurteilten einlegte, nun das war ihre eigene Sache und störte die bösen Zungen nicht im mindesten in ihrem Verdammungsgeschäft.
»Das ist nun eben Ihr Beruf, Frau Pfarrer,« meinte die Bürgermeisterin, »ich könnt’s nicht, meine Ohren und Augen sind zu offen dazu.«
Die Pastorin lächelte.
»Meinen Sie, daß ich Augen und Ohren von Berufs wegen schließe?« fragte sie mit feinem Spott. »Und sollte es nicht der BerufjederFrau sein, Gutes zu reden und erst einmal das Beste von jedem Menschen anzunehmen?«
»Bitte, Frau Pfarrerin, zeigen Sie uns bei dieser Geschichte das Gute!« rief die Bürgermeisterin aufgeregt. »Sie können es einfach nicht, denn es ist nicht vorhanden. Aus reiner Schlechtigkeit und Bosheit hat dieser Bertold Malcroix, genannt Eik, den von uns allgemein so verehrten Herrn Baldamus schwer verletzt – – –«
»Ich bitte mich von der Allgemeinheit auszunehmen, – ich verehre den Herrn nicht,« rief Frau Doktor Hempel kampfesmutig dazwischen.
»Und offenbare Schlechtigkeit gut nennen, das kann eben nur ein Pfarrer,« schloß die Bürgermeisterin.
Logik war nie ihre Stärke gewesen und bei dem hellen Ärger, in dem sie sich augenblicklich befand, besann sie sich überhaupt nicht auf ihre Worte.
Frau Pfarrer Klingenreuter war rot geworden.
»Ei ei,« meinte sie dann. »Ich glaube, wirklicher Schlechtigkeit und Bosheit gegenüber darf jeder Mensch, also auch jeder Pfarrer in ehrlichen, heiligen Zorn geraten. Hier handelt es sich aber gar nicht darum. Und das Gute kann ich Ihnen nicht zeigen, weil es nicht auf der Oberfläche liegt. Es ist aber tatsächlich vorhanden. Selig sind die, die da nicht sehen und doch glauben.«
Die Bürgermeisterin stieß unter dem Tisch die Frau Postverwalter an und beide Damen verbargen darauf ein überlegenes Lächeln hinter ihren Spitzentaschentüchern.
Natürlich, wenn die Pfarrerin mit Bibelsprüchen kam, – da mußte man schweigen. Man war ja freilich ein beglaubigter Christ, getauft, konfirmiert und kirchlich getraut, aber – – Bibelsprüche waren doch mehr für einfache Leute.
Die Unterhaltung ging weiter.
»Ist Herr Baldamus von Eik sehr krank?«
»Sehr.«
»Weiß man, was nun mit dem Bengel, dem Bertold geschieht? Kommt er nun endlich in Zwangserziehung?«
»Ich weiß es nicht. Jedenfalls nicht nach dem rauhen Haus, was doch das einzig richtige wäre. Für die Eiks wird ja aber immer eine besondere Wurst gebraten, und so soll Bertold Malcroix nach E. aufs Gymnasium kommen – – –«
»Aufs Gymnasium?« schrien sämtliche Frauen, mit Ausnahme von Frau Pfarrer Klingenreuter und Frau Doktor Hempel, welche still mit ihrer Arbeit beschäftigt schienen. »Das ist doch ganz unmöglich! Solch einen Buben in eine öffentliche Anstalt? Wenn er nun die Mitschüler massakriert? Das ist ja gemeingefährlich!!!«
Die Frau Bürgermeisterin antwortete erst eine Weile nicht. Sie war buchstäblich geschwollen vor Stolz und Mitteilungsbedürfnis. Denn sie wußteallesund noch ein bißchen mehr.
Erst nachdem sie sich zurecht gesetzt und eine tief heruntergefallene Masche ihres Strumpfes wieder auf den Pfad des Rechtes gebracht, kam sie mit dem Trumpf zum Vorschein.
»Unsere Rektorschule in Schwarzhausen verliert ihren Leiter,« sagte sie langsam, wichtig und betonend. »Rektor Tüllen geht als Aufpasser mit nach E., weil er den schlechten Charakter des Burschen kennt, und damit er selbst geschützt ist, wenn Bertold Malcroix seine zerstörenden Tobsuchtsanfälle bekommt, geht der Organist Brennstoff auch mit.«
»Herr du meines Lebens! Warum nicht noch zehnHofmeister und seine ganze Sippe dazu?« eiferte die Frau Postverwalter.
»Ja wahrhaftig! Da kann man auch sagen: ›Viel Lärm um einen Eierkuchen‹,« rief Frau Großschlachter und Hoflieferant Bentel. Sie konnte das Sprichwort auch französisch sagen und hätte es brennend gern getan, aber sie wußte nicht genau, ob es »un« oder »une omelette« hieß, und so unterließ sie es lieber. Manche Menschen waren so »penniebel« in so was, und sie wollte ihren Ruhm als gebildete Frau, die in »Penksion« gewesen, nicht einbüßen. –
»Und das sollen wir uns gefallen lassen?« Diesmal waren es mindestens sechs aufgeregte Damen, die Antwort auf diese Frage heischten.
Die Bürgermeisterin zuckte die Achseln.
»Was sollen wir tun?« fragte sie dagegen. »Die Rektorschule ist Privatsache, und der Organist sollte auf alle Fälle pensioniert werden, weil ein Bericht über ihn gekommen ist, daß er heidnische Gesänge in der Kirche spielt. Also, sagt mein Mann, wir täten klug, wenn wir ihn einfach gehen ließen. Solchen Musiknarren ist überhaupt nichts zu beweisen. Die halten manchen Kram für hochheilig, vor dem man sich eigentlich bekreuzigen sollte.«
»Was sagenSiedenn eigentlich zu dem allen, Fräulein Windemuth? und was sagt Ihre Kleine?« wandte man sich jetzt an die eifrig stickende und zählende »Base Juliane«, die sich noch mit keinem Wortean der Unterhaltung beteiligt hatte, teils weil sie für den Professor ein Paar Schuhe stickte mit schwierigem Muster, teils weil ihr der Vetter eingeschärft hatte: »Halt lieber den Mund in der Kaffeeschlacht. Es geht uns nichts an, und der Kleine war doch mal Liselottes Freund.«
Sie warf jetzt auch nur einen Blick gen Himmel und rief: »Ich sagegar nichts.«
Aber dieser Himmelblick und ihr übereifriges Weitersticken redeten ganze Bände und stellten sie sozusagen über die Parteien.
Wenn Base Juliane, die allzeit Redegewandte und Redelustige, schon schwieg, wie entsetzlich mußte da die Wirklichkeit sein, – und was mußte sie mit dem altklugen, kleinen Mädchen erlebt haben, das von allen Schwarzhäuser Kindern das einzige war, das sich nicht entblödet hatte, mit Bertold Malcroix zu spielen.
Aber Base Juliane empfand mit einem Male ihre Schweigsamkeit als etwas Entehrendes. Wo jeder seinen Senf dazu gab, sollte sie, die Base des angesehenen und gelehrten Professors, alle schmackhaften Gewürze für sich behalten? Sie grübelte und grübelte, welche von den vielen pikanten Geschichtchen aus dem Hause Eik, die sie als verbürgt von maßgebender Seite vernommen, sie wohl zum besten geben könnte, aber immer sah sie die ernsten Augen des Vetters Windemuth vor sich und begnügte sich deshalb mit der Bemerkung: »Ihr Bild wollte sie ihm durchaus zum Abschiedschenken, – die Liselotte nämlich, – wir waren beim Photographen gewesen und gestern kamen die Bilder, – sie hat ’n weißes Spitzenkleidchen an mit rosa Schärpe, – bildschön – und auch teuer genug – die Bilder nämlich, aber das Kleid auch – und da sagte ich: ›Um Gottes willen, Liselotte, doch bloß so was nicht tun, da kann man ja wohl noch mal ins Verbrecheralbum kommen mit dem Jungen‹.«
Das war stark! Aber Base Juliane war als furchtlos bekannt, und man freute sich, von angesehener Seite etwas gehört zu haben, was Hand und Fuß hatte, und das man abends überall wiedererzählen konnte, ohne das bekannte Siegel der Verschwiegenheit zur lästigen Bedingung zu machen. –
Es war wirklich nicht nett von der Frau Pfarrer, daß sie so einen Aufstand um diese Bemerkung machte und mit so tränendurchzitterter Stimme rief: »Tut denn niemandem von Ihnen der arme Junge leid, der im Jähzorn fehlte? Wollen wir ihn mit so lieblosen Worten ziehen lassen?«
Und die sanfte Frau hatte mit flammenden Augen die ganze Kaffeegesellschaft angeschaut, und als auf ihre Frage sich niemand meldete, war sie ohne Abschied fortgegangen und Frau Doktor Hempel mit ihr.
Das sah beinahe ein bißchen wie Verachtung aus, aber man war viel zu sehr überzeugtes »weißes Schaf«, als daß man so etwas auf sich bezogen hätte.
Mindestens aber war es ärgerlich.
Doch konnte ja die Frau Pfarrer tun, was sie wollte. Man würde sie eben so bald nicht wieder einladen und ihretwegen sich gewiß nicht scheuen, seine eigene Meinung über die Eiks zu haben und auch auszusprechen. –
Frau Doktor Hempel ging direkt von der Kaffeeschlacht heim und in die Studierstube ihres Gatten, während Frau Pfarrer noch einige Schwerkranke besuchte, um »ins Gleichgewicht zu kommen«, wie sie meinte.
Doktor Hempel war noch auf Praxis, aber seine Frau nahm sich gar nicht Zeit, sich bis zu seiner Ankunft ihres seidenen Kleides zu entledigen und sich’s hausfraulich bequem zu machen, – ja sie setzte sich nicht einmal, – sie war zu aufgeregt dazu. Wie der förmlichste Besuch wartete sie in Hut und Mantel auf ihren Mann, und auf ihrem offenen, energischen Gesicht lag ein Ausdruck von Zorn und Trauer.
Da kam Doktor Hempel schon über den Platz in heftigen Schritten, er grüßte die ihm Begegnenden nur mit einem Handwink und zerstreuter Miene, und die Schwarzhausener sahen ihm nach und tuschelten miteinander. Er kam ja vom Eichenborn. –
Als Doktor Hempel in sein Zimmer trat, kam ihm seine Frau entgegen und forschte angstvoll in seinen Augen.
»Nun?«
»Es geht zu Ende. –«
»O derarmeJunge!« rief sie aus, »der arme Junge!«
Der Doktor war zu seinem Schreibtisch gegangen, um die eingetroffene Post nachzusehen, jetzt drehte er sich schroff um.
»So ein Unsinn! Was hat der Junge damit zu tun? Das heißt, ja – – natürlich, –etwasschon, – aber was will das besagen? Für den Arzt gar nichts.«
»Aber für die Schwarzhausener,« fiel seine Gattin erregt ein und erzählte ihm alles, was das Kaffeekränzchen an Gift entwickelt hatte.
»Verdammte Klatschweiber!« fluchte Doktor Hempel. – »Jawohl, ich höre sie ordentlich reden: ›Der allgemein verehrte Herr Baldamus!‹ So’n Kerl! Pfui Teufel! Jetzt kann ich ja noch schimpfen. Du bist ja meine liebe, dienstlich vereidigte Alte. Und wenn er erst tot ist, dann halte ich’s mit dem Wort: ›De mortuis nil nisi bene‹.«
»Wird er wirklich sterben?« fragte sie bang.
Er nickte ernst. »Ich bitte dich, – zuckerkrank in diesem Alter, außerdem verseucht bis oben hin, – herzleidend, – – nun ist eine Fußwunde aufgebrochen und – der heftig blutende Biß dazu – – –«
»Sie werden alle, alle dem letzteren die Schuld geben,« meinte Frau Doktor Hempel traurig.
»Aber das ist Unsinn, – verrückter Blödsinn,« fuhr der Doktor auf. »Unsere verehrten Mitbürger sindHornochsen, besonders aber die Ehehälften. Ein paar vernünftige Kerle hielten heute Kriegsrat mit mir, der Postverwalter und der Apotheker. Den Rektor Tüllen wollten wir mit zuziehen, um dann dem alten Eik vorsichtig beizubringen, daß es das beste wäre, den Jungen erst mal aus Seh- und Hörweite der lieben Schwarzhausener zu bringen. Aber siehe da, der Alte war schon von selbst so weitsichtig gewesen, – die Übersiedlung des Bertoldjuniornach E. war schon beschlossene Sache. Herr von Eikseniorist vernünftiger als alle Schwarzhausener zusammen.«
Doktor Hempel schüttelte sich.
»Gib mir’n Kognak, liebe Alte! Brrr! Ich muß gleich nachher wieder hinüber. Jetzt ist der Pfarrer dort. Aber dem wohnten auch ›zwei Seelen, ach, in seiner Brust‹, – – ich möchte nicht die Beichte des Herrn Baldamus abhören – – –.« Und der Doktor schüttelte sich noch einmal.