Chapter 13

Am nächsten Abend war alles vorüber. – – –

Am nächsten Abend war alles vorüber. – – –

Der junge Bertold konnte sich später, als er zwischen seinen beiden treuen Begleitern im Arbeitszimmer zu E. saß, nur weniger Einzelheiten erinnern, so rasch war alles gegangen. Aber die wenigen Einzelheiten saßen um so fester, teils weil sie so schrecklich und traurig und teils, weil sie so wunderlich süß waren.

Der Abschied von seinem Mütterchen, das war das Herbste an dem Ganzen und der Knabe konnte nicht einmal darüber weinen. Denn in seinem tiefen Empfinden und frühreifen Nachdenken meinte er, er müsse all seine eigenen Tränen noch für sein Mütterchen aufheben, die sonst am Ende mit heißen, trockenen, brennenden Augen dasäße, – soviel weinte Mütterchen jetzt.

Aber Bertold wußte wenigstens seit seiner Abreise, daß Mütterchen nicht über ihn selbst weine, über seinen greulichen Jähzorn und seine unheilvolle Tat, sondern hauptsächlich über die schlimmen Menschen, die ihn dazu gebracht und nun so häßlich und verstockt und richtend dastanden.

Auch der letzten Unterredung mit dem Großvater erinnerte er sich. Man konnte dies Beisammensein wohl eigentlich nicht »Unterredung« nennen, es war mehr ein Kampf gewesen. Wer war der Unterliegende darin? Der junge Bertold wußte es nicht. Vielleicht war er es selbst, denn man hatte ihn ja nach E. geschafft, und hier mußte er nun bleiben, – ohne Mütterchen. Aber in den Augen des harten Großvaters hatte etwas gelegen, – Bertold wußte es nicht sicher zu deuten, etwas Müdes, etwas, das den jungen Enkel beinahe veranlaßt hatte, zu sagen: »Stütz’ dich auf mich, Großvater, ich bin stärker als du!« War man aber unterlegen, wenn man sich so stark fühlte? –

»Wir müssen den Jungen auf andere Gedankenbringen,« meinte Rektor Tüllen und sah sorgenvoll auf Bertold Eik. »So sieht doch kein Kind aus! Kein Zehnjähriger! Lieber Brennstoff, wir haben eine schwere Verantwortung!«

»Das weiß ich, Rektor! Aber ich glaube, dies verträumte Hinstarren hat einen Grund, der uns keine Sorge zu machen braucht. Er denkt an Beethoven! Welch ein Umschwung seiner Verhältnisse! Aus der Wüste des musik- und geigen-, kurz des tonlosen Daseins, plötzlich in eine Oase des ungestörten Harmoniegenusses versetzt zu werden, muß ja etwas Überwältigendes haben.«

Aber Rektor Tüllen teilte nicht die Ansicht des poetischen Brennstoffs, und sein Antlitz blieb sorgenvoll.

Bertold aber sann weiter, und wie er alle Erlebnisse in seine Herz- oder Gehirnkämmerchen verteilte, trat ein gespannter, frühreifer Ausdruck auf sein schmales Jungengesicht.

Wie sie alle entsetzt gewesen waren im Eichenborn, als der Onkel Baldamus starb. Und er selbst, Bertold, hatte nureinenGedanken gehabt und ihn auch gleich ausgesprochen: »Mütterchen, nun kann er dich nicht mehr quälen!«

»Still, o still!« hatte die Mutter erwidert, aber in ihrem ganzen Wesen lag doch etwas wie aufatmende Zustimmung. O Bertold sah viel, – sah mehr, als andere sahen. Und sein Ohr war scharf, schärfer als das der anderen, hätte es sonst wohl den halbersticktenHilferuf vernommen, der damals aus Mütterchens Zimmer kam? Wie der Wind war er aus seinem Bette gesprungen und von dort gleich durchs Fenster auf das platte Dach, und von dort hatte er durch das offene Balkonfenster in Mütterchens Zimmer geschaut. Sie hatte noch Licht gehabt, – mitten in der Nacht. Armes Mütterchen, gewiß las sie wieder stundenlang in des verstorbenen Vaters Briefen – – –

Aber das Licht stand nicht an ihrem Bett – das flackerte auf dem Ofensims nahe der Tür und – Mütterchen rang mit jemand – rang mit Onkel Baldamus.

Oh – jetzt in der Ruhe kam die Erinnerung wieder klar über Bertold, – damals ging alles so furchtbar schnell. Der Jähzorn war über ihm zusammengeschlagen, als er sein Mütterchen in Gefahr sah. Als ihm die volle Besinnung wieder kam, da hatte ihn Onkel Baldamus schon vor den Großvater geschleppt, und da sollte er angesichts des heftig blutenden Baldamus Eik gezüchtigt werden. Warum hatte Großvater es nicht getan?

Mütterchen hatte sich zwischen ihn und Großvater geworfen und ihn verteidigt, – o wie seltsam hatte Mütterchen ausgesehn! Viel weißer und starrer und seltsamer, als damals, da man Bertolds Vater tot ins Haus brachte.

Und Onkel Baldamus hatte auf einen gebietenden Wink des Großvaters das Zimmer verlassen müssen, und Bertold hatte ihn nicht wieder gesehen.

Dann schlich man auf leichten Sohlen durch den Eichenborn, denn Onkel Baldamus war todkrank. Und auf alle seine, Bertolds, Fragen an das Mütterchen: »Ist er von dem kleinen Biß krank, Mütterchen? Der so blutete? Bin ich schuld? Was wollte er dir tun?« da hatte die Liebste immer nur geantwortet: »Still, o still! Nicht fragen, mein Liebling!« Und sie hatte ihn auf die Augen geküßt, daß er sie schließen mußte und seiner Mutter blasses Antlitz nicht mehr sah. –

Dann waren seine Koffer gepackt worden, und Frau Thereschen Teichmann hatte Betten verschnürt, und sein ganzes Jungenzimmer war auf einen Wagen geladen worden und stand nun hier in der fremden Stadt E.

Wenigstens hatte man ihn nicht allein ziehen lassen.

Zwei so gute, treue Freunde, Mütterchens Freunde, waren mit ihm gegangen. Und sie sahen ihn nicht mit häßlichen, beobachtenden Augen an, wie alle die andern Leute in Schwarzhausen, sie redeten lind auf ihn ein, daß er nicht schuld sei an Herrn Baldamus’ Tode – – sie waren gut, – gut. –

Und noch jemand war gut. Ein kleines, blondlockiges Mädchen, das er, Bertold Eik, bestohlen hatte. Ja, es nützte gar nichts, daß er sich vor sich selbst entschuldigt hatte: »ich habe sie jagefunden,« oder, »es ist janurPuppe Emmy ohne Kopf,« er war doch ein ganz abscheulicher Junge, er war wirklich ein »schlechter Kerl«.

Aber er hätte Puppe Emmy um die Welt nicht herausgeben können, – etwasmußteer sich aus dem Eichenborn hinüber retten in die fremde Stadt.

Und nun, – als er am Bahnhof in Schwarzhausen mit seinen beiden Beschützern aus dem Eikschen Wagen gestiegen war, hatte sich im Gedränge der Reisenden die Liselotte an ihn gedrängt, – gute Liselotte! – und hatte ihm hastig und sprudelnd zugeraunt: »Ich darf ja nicht mit dir reden, – aber ich tu’s, weil du doch so weit fortgehst. Da – nimm! Es ist mein Bild. Steck’s ja nicht ins Verbrecheralbum, sonst schimpft die Base Juliane. Dies hat mir der Photograph geschenkt, – weil’s verdorben war, – ich habe gewackelt, es kam gerade Musik vorbei. Ade, ade, ade!«

Oh, Bertold wußte noch Wort für Wort. Dann war sie davon gesprungen, aber ihr Händchen hatte ihm wohl zehnmal noch zugewinkt, und er selbst war wie angewurzelt auf einer Stelle stehen geblieben, bis ihn Rektor Tüllen aus seiner Versunkenheit rüttelte.

Wie im Traum war er in den Zug eingestiegen und hierher gefahren. Zu tiefst in seinem Reisekoffer ruhte Puppe Emmy, er hatte sie gleich hervorgeholt und unter sein Kopfkissen gelegt, dort hatte sie Rektor Tüllen gefunden.

Aber Bertold verriet mit keinem Wort, woher das kleine, unförmige Bündel stammte, und man ließ es ihm stillschweigend.

Jetzt holte er es plötzlich sacht hervor und legtees vor sich auf den Tisch. Und aus der Brusttasche holte er das Bildchen der Jugendgespielin, legte es daneben und betrachtete es aufmerksam. Ja, Liselotte hatte wohl gewackelt. Er nickte dem Bildchen ernsthaft zu und fand es ganz in der Ordnung, daß eszweiKöpfe zeigte, denn Puppe Emmy hatte jagarkeinen. Und plötzlich raffte er Puppe und Bild an sich und legte seinen schwarzen Lockenkopf fest – fest darauf.

»Er weint,« sagte Rektor Tüllen leise und winkte dem Organisten.

Dann war der Junge allein mit seinem tiefen, tiefen Heimweh. –

In Schwarzhausen waren alle Fenster der kleinen und großen Häuser besetzt, die an der Hauptstraße standen. Es lohnte sich wohl, heute einmal alles stehn und liegen zu lassen und nur zu schauen. – Was nicht an den Fenstern stand, das kam aus den Nebenstraßen herangeschritten und stellte sich dicht an die Häuser in langen Reihen. Die Mütter hatten ihre kleinen Kinder auf dem Arm und die größeren an der Hand. Wo ein Prellstein an der Ecke stand, hob man eine kleine Person hinauf und besonders wagehalsige Buben saßen sogar in den Bäumen.

Herr Baldamus Eik von Eichen wurde zu Grabe getragen. –

Das war draußen auf dem neuen Friedhof für ihnausgeschaufelt, wo es noch recht kahl und unwirtlich aussah; aber er hatte es verschmäht, als der »Frömmsten und Gerechtesten einer« in das Erbbegräbnis der Eiks aufgenommen zu werden, wo gar zu viel wilde Gesellen drin moderten und sogar ein paar heidnische Urnen standen; denn drei seiner Vettern hatten sich in Gotha verbrennen lassen und der alte Eik hatte bereits dieselbe Bestimmung getroffen, wenn er einmal mit Tode abgehen würde. Aber das heutige Begräbnis war wirklich etwas für Herz und Gemüt. Dieser prachtvolle, gelbe, silberbeschlagene Eichensarg, der beinahe verschwand unter Lorbeer und Rosen, die Träger nebenher bis an die Nasen in teuren Krepp gewickelt und mit Zitronen in den Händen, die Kirchenjungen in schwarzen Mäntelchen, die Stadtkapelle mit Hofmusikus Kniller an der Spitze, dessen rote Nase heute das einzig Leuchtende in dem schwarzen Zuge darstellte. Und die ungeheure Menge Leidtragender! Und die stattliche, unabsehbare Reihe leerer Staatswagen hinterher, deren Kutscher sämtlich florumhüllte Peitschen trugen.

Man mußte selbst als unbeteiligter Zuschauer herzbrechend weinen, denn so ungeheure Liebe und Verehrung für den hochangesehenen Toten können und müssen überwältigen – – –

Hinter dem Sarge fährt ein einzelner Wagen und nach diesem kommen erst die Verwandten, die Geschäftsfreunde und Angestellten der Eikschen Fabrik, dann die lange Reihe der Arbeiter, der »Porzelliner«. Der einzelneWagen ist die alte Staatskarosse der Eiks und in ihr sitzt Bertold Eik von Eichensenior. – »Ganz allein,« raunt man sich zu, »Franziska Malcroix geleitet den Pflegebruder nicht zur letzten Ruhestätte.«

»Das kann sie doch gar nicht. Wo ihr Junge, der schlechte Kerl, dran schuld ist.«

»Weiß man das denn so genau? Er war doch immer leidend, der Herr Baldamus, und sah aus wie Braunbier und – – –«

Schreinermeister Hellwig muß verstummen, denn man dreht ihm entrüstet den Rücken. Es spricht ja auch nur der Ärger aus ihm, weil der Sarg nicht bei ihm bestellt ist, sondern in der Residenz. Im übrigen wollen sich die Schwarzhausener auch nicht ihren Prügeljungen nehmen lassen. »Na überhaupt der junge Bertold Malcroix! Ein Glück, daß man ihn los war, – der hätte noch mal die Stadt an allen vier Ecken angezündet.« –

Die Glocken läuten, und der Zug zieht langsam zum Kirchhof – – –

Im Eichenborn ist es auch still und leer. Sie sind alle zum Begräbnis mit Ausnahme des alten Fräuleins Adelgunde, der Frau Franziska und Hieronymus Teichmann. Der letztere hat einen Augenblick am Fenster gestanden und hinabgeschaut auf die vielen Kränze und Blumen und hinausgehorcht auf das mächtig tönendeGeläute, und ein bitteres Lächeln hat dabei auf seinem Antlitz gelegen. –

Tante Adelgunde sitzt in ihrem großen, weiten, behaglichen Zimmer, aber nicht auf dem Fenstertritt, wo das Spinnrad steht, sondern weit ab vom Lichte in einem der großen, tiefen Sessel. –

Sie will den langen, ehrenden Leichenzug nicht sehen und nicht den blumenüberdeckten Sarg, sie will auch die Staatskarosse der Eiks nicht sehen, worin der einsame Mann sitzt, der allzeit so aufrecht ging …

Wie eigen mag ihm zumute sein, daß er jetzt in dem langsam fahrenden Wagen drüber nachsinnt, wie blind die Menschen doch sind.

Fräulein Adelgunde will auch die Musik nicht hören, die so aufdringlich laut mit Pauken, Drommeten und Schalmeien verkündigt: »Horcht alle auf! Hier wird etwas ganz Besonderes zu Grabe getragen, der Gerechtesten einer …«

Sie liest laut aus der großen, alten Familienbibel, die in ihrem Schoße ruht: »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich tönendes Erz oder klingende Schelle«, und sie meint, solch tönendes Erz und solch klingende Schelle sei allzeit der Baldamus gewesen und seine Leichenmusik das Sinnbild seines Lebens.

Aber Tante Adelgunde liest auch in der Bibel: »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet«, und ihr Haupt neigt sich tiefer herab auf das Buch derBücher, und sie betet zum erstenmal seit dem Tode des Neffen: »Herr, nimm ihn gnädig in dein himmlisch Reich!«

Auch Frau Franziska sitzt allein und auch sie liest, – aber nicht in der Bibel. Ein kleines Lederbuch liegt in ihrer Hand, abgegriffen und viel benutzt. Vergilbte Blätter bilden seinen Inhalt, und sie sind bedeckt mit den feinen Schriftzügen einer Frauenhand.

Dieses Buch hatte Baldamus Eik ihr vermacht.

Sie war, – der Schmach nicht mehr denkend, die er ihr hatte antun wollen, – in sein Sterbezimmer geeilt, da man ihr sagte, der Kranke versuche unablässig ihren Namen zu formen, er könne nicht leben und nicht sterben, wie es scheine, ohne daß er sie noch einmal gesehen.

Als sie zu ihm trat, war ein Lächeln über sein Antlitz gegangen, – ein fürchterliches Lächeln, vor dem ihr graute.

Aber sie hatte sich selbst gescholten und war zu ihm getreten. Und weil sie das Nahen des Todes spürte, beugte sie sich tief über den Kranken und sagte laut: »Ich will vergessen und verzeihen.«

Da war wieder das fürchterliche Lächeln gekommen, und die matte Hand hatte sich gehoben und nach dem Schreibtisch gezeigt. Dort lag das Buch, umwunden mit Seidenband und mit dem großen Wappen der Eiks versiegelt. Die Aufschrift lautete: »Mein Vermächtnis für Franziska Malcroix, geb. Eik von Eichen.«

Erst als sie das Buch in Händen hielt und sich ihm so zeigte, – da wurde er ruhig und legte sich zum Schlafe hin, aus dem er nicht wieder erwachte. Und auf seinem toten, starren Gesicht lag der Ausdruck gesättigten Behagens.

Franziska hatte das Büchlein in ihr Zimmer mitgenommen und das Siegel dort gelöst.

Und wie sie sah, daß der Umschlag ein Buch enthielt, das ihrer eigenen Mutter gehört hatte, als sie die geliebten Schriftzüge erblickte von der treuen Hand, die schon so lange moderte, – da war das Verzeihen für die Schuld des Toten bewußt in sie gekommen, – er hat mir Gutes tun wollen, er wollte sühnen, indem er mir als letzte Gabe das Liebste reichte, was es für mich geben konnte.

Und sie hatte gelesen, was die teure Mutter in dem kleinen Buche niedergelegt – – –

Aber das Haupt der Medusa konnte nicht schrecklicher blicken, als dies kleine Buch mit den zarten Schriftzügen; und langsam, langsam erstarrte das Herz der Lesenden. –

Eichenborn, den 17. Mai …»Nun bleiben aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.«Das war unser Trauspruch.»Und nun frage ich dich, Carola Dannenstein, willst du diesen gegenwärtigen Bertold Eik von Eichenlieben und ehren, und ihm treu sein, bis der Tod euch scheidet?«»Ja!« rief ich hell und freudig, »ja!«Die Schwarzhausener haben darüber gelacht und getuschelt, es ist nicht Sitte hier, daß eine Braut so laut das »Ja« herausjubelt, man darf es schon auf der ersten Kirchenbank nicht verstehen. Nur der Bräutigam darf es laut sagen.Was kümmert’s mich? Ich komme aus der freien Reichsstadt Bremen und – wenn mein Herz »ja« jubelt, dann tut mein Mund es freudig kund.Wie gern hätte ich mich in Bremen trauen lassen, in derselben alten, lieben Kirche, da ich getauft und konfirmiert wurde, – aber mir lebt niemand mehr dort, – so ganz verwaist bin ich. Da bin ich vom Hause meiner Schwiegereltern in das meines Gatten getreten, – es ist ja im Grunde ein und dasselbe, – der schöne Eichenborn. Aber der Flügel, da ich mit meinem Bertold hausen soll, ist hell und licht, – – die Zimmer der andern sind umschattet von hohen, dichten Eichen.»So ganz verwaist bin ich?« Lieber Herrgott, vergib mir dies Wort, da mich doch der Eine, der Einzige, der Herzliebste heute an sein reiches Herz genommen hat, das vor mir noch keine geliebt, und das mir Vater, Mutter, Bruder und Schwester sein will. – Nein, ich bin wahrlich nicht verwaist.Frau Therese Teichmann, die runde, stattliche Frau unseres Dieners und Faktotums, hat mir geholfen, den Brautstaat abzulegen und mir das Strumpfband gelöst, – eine alte, uralte Sitte im Hause Eichenborn. Bertold und ich wollten nicht in die Welt hinaus fahren, sondern die ersten, seligen Stunden des Vereintseins in unsern vier Wänden genießen.Jetzt umfängt mich das traute Wohnzimmer mit lauter lieben, alten Möbeln aus meinem Vaterhause, dem alten Bremer Patrizierheim. Nebenan liegt der ungeheure Saal, weit und dämmrig tut er sich auf und die vergoldete Stukkatur seiner Decke leuchtet matt zu mir herüber. Prunkvoll ist er eingerichtet, – die Eiks sind ein reiches Geschlecht. – An den Saal reiht sich Zimmer an Zimmer, ich habe sie alle an Bertolds Hand durchschritten.Nur das eine nicht, das neben diesem, meinem Wohnzimmer liegt. – Aber heimlich, ganz heimlich hab’ ich hineingesehen, – dort stehen zwei ungeheure Riesenbetten, und schneeiges Linnen bauscht sich in ihnen unter rotleuchtenden, seidenen Decken. Eine herzbeklemmende, süße Angst befällt mich, wenn ich an das Stübchen denke – – – Herzliebster! Herzliebster! Herzliebster!Mein Ruf holt ihn nicht herbei, – – er ist fortgeholt worden zu einem Schwerkranken, zu einem Sterbenden.Das war recht seltsam für mich, und HieronymusTeichmann, der die Botschaft überbrachte, sah mich mit mitleidigem, ernstem Blicke an. Er wollte sich wohl überzeugen, wie tapfer oder untapfer ich sei an meinem Hochzeitstage.Aber das liebe ich ja gerade so an meinem Bertold, daß er in dem großen, ihm unterstellten Getriebeallesist, Herr und Arbeiter, Freund, Bruder, Körper- und Seelenarzt. Und so trete ich willig zurück, da man ihn an ein Sterbebett ruft.Ach, – nicht nur das Ziel, auch der Weg dahin ist schön.Könnte ich wohl dies kleine Buch mit meinen tiefinnersten Gedanken füllen, wenn mein Bertold neben mir säße?Er würde mich stürmisch in seine urgewaltige Liebe reißen und mich ersticken mit seinen Küssen.Es ist süß, darauf zu warten und in diesem kleinen Buch von ihm zu träumen. –Eine Stunde später.Die Nacht, die stille Mainacht ist hereingebrochen.Vor dem geöffneten Fenster schluchzt klagend eine Nachtigall.Frau Therese Teichmann hat mir die Lampe gebracht und nach meinen Befehlen gefragt.Ich habe keine Befehle, ich habe nur den tiefen Wunsch, mein liebster Bräutigam möchte endlich bei mir sein, – er zögert lange. – Die Dienerin sahmich an, genau so seltsam ernst wie vorhin ihr Mann. Dann wollten wir beide scherzen, aber es gelang uns nicht.Sacht strich sie mir über das Haar und die gefalteten Hände, die auf diesen Blättern ruhten. Sie hat etwas Mütterliches an sich, ich werde diese Dienerin sehr lieb haben.»Eine ernste, stille Brautnacht!« meinte sie leise.»So wird unser Leben hoffentlich um so froher,« rief ich dagegen, vielleicht lauter als nötig, – ich hatte viel Bangigkeit zu verscheuchen.»Gott walt’s!«Zwei Stunden später.Ich bin schon ein paarmal aus dem Schlafe aufgeschreckt, der mich im Sessel überfallen hatte. Alles ist so totenstill um mich. Ich wage nicht die Tür zu dem großen, gähnenden Saal zu schließen und wage nicht, jene zu öffnen, welche das heimliche Gemach, das liebe, traute auf der anderen Seite für mich verbirgt.Soll ich mich allein niederlegen? Der Schlaf wird mich fliehen, wenn er auch jetzt in öder Stille versucht, meine Augen zu schließen.Bertold! Bertold! Komm! Ach komm! Ist denn niemand bei dem fremden Sterbenden, der dich ablösen könnte? DasLebenruft dich, das süße, beglückende Leben. Dein junges Weib ruft dich und die Sehnsucht meines Herzens. Komm, ach komm zu mir!Eine Stunde später.Was ist dir jener Sterbende, Bertold? Warum findest du nicht ein paar karge Minuten Zeit, um zu mir zu eilen und mir ein liebes Wort zu sagen? Wie bin ich einsam!Drei Stunden später.Langsam dämmert der Morgen. Bleischwer liegt es in meinen Gliedern. Schon sendet die Sonne den ersten Schein über die dunklen Thüringer Berge, die von nun an meine Heimat sein sollen. – Meine Heimat ist Bertold.Weh, ich bin heimatlos – – –Den 19. Mai.Soll ich die ersten Blätter mit ihren Seufzern und Tränen herauslösen aus diesem kleinen Buch? – – Ich will sie darinnen lassen, – sie sollen der Ring des Polykrates sein, die Opfergabe, den Göttern dargebracht.Kann es nur so viel Glück auf dieser armen Erde geben?Nicht nur in dem köstlichen Rausche der hingebenden Liebe liegt und leuchtet es, – – für mich ruht es weit mehr in dem Lächeln, das auf dem ernsten Antlitz meines Gatten erstanden ist, seit wir vereint sind.»Der düstere Eik«, »der grimmige Eik!« Es paßt gar nicht mehr auf ihn.So nannten sie ihn in Bremen und auch hier in seiner Heimat sind es seine Übernamen.Er hat mir schon in unserer Brautzeit bekannt, daß der Jähzorn ein Erbteil der Eiks sei und daß seine Vorfahren ihn ganz besonders belastet hätten, aber er schreckte mich nicht mit diesem Geständnis.»Jähzornige sind immer auch gut,« gab ich ihm zur Antwort und er küßte mich dafür.Freilich ist seine Güte nicht augenfällig, – seine Augen schauen dreuend unter dichten, schwarzen Brauen hervor, sein Mund ist herb geschlossen und kein Bart verdeckt den verächtlichen Zug, der um die Winkel liegt.»Wo hast du die Welt so verachten gelernt?« fragte ich ihn sinnend-neckend und strich mit meiner Hand sacht über die beiden Fältchen, die seinen schönen, großen Mund mit den eisenfesten, blitzenden Zähnen leicht herabziehen.Eine feine Röte stieg in sein Gesicht.Dann aber blitzten seine dunklen Augen mich an, sein dürstender Mund lag auf dem meinen, und wir tranken aus dem Becher der Seligkeit.»Ich liebe die Welt, seit sie dich trägt,« flüsterte er mir zu. –»Seit zwanzig Jahren?« fragte ich zweifelnd. »Wann kam denn das Verachten?«»So lieb’ ich die Welt, seit du mein eigen bist!«»Alsoimmer!« rief ich jubelnd und schmiegte mich an sein Herz.Den 22. Mai.Eifersüchtig bin ich. Wer hätte das gedacht! Ich am wenigsten von mir selbst.Ich hatte es ja nie gespürt, – wie sollte ich auch? Er liebte mich, er wählte mich, und aus den Wonnen eines kurzen Brautstandes, in welchem er nur für mich und ich für ihn lebte und webte, holte er mich in den Eichenborn, in das stille, düstere Haus seiner Väter.Und hier auf einmal tritt das Gorgonenhaupt des grüngeäugten Scheusals vor mich hin.Ich kann es nicht bannen, ich kann es nicht nehmen, fassen und unschädlich machen. Es ist ein Schmerz, der immer mit mir geht. Es ist klein und unvornehm von mir. Denn ich habe keinen Grund zur Eifersucht. Und mir schwebt auch keine bestimmte Person, keine Frau, kein Mädchen vor, – mir ist, als sei ich eifersüchtig auf alles, was den Einzigen von mir fern halten könnte, auf seinen Beruf, – – ja auf die Luft, die er fern von mir atmet. Es ist ein so öder Gemeinplatz: »Eifersucht ist Mangel an Vertrauen.« Und dieser Gemeinplatz lügt.Eifersucht ist Liebe, höchste Liebe. Und Eifersucht ist Angst. –Auf die Stunden, die uns in der Brautnacht trennten, bin ich nie wieder zurückgekommen.Er war so blaß und verstört, mein armer Liebster, als er heimkehrte zu seinem jungen, wartenden Weib.»Ist er tot?« fragte ich.»Ja, Liebste.«»War er es wert, daß du mir fern bliebst?«»Ja, Liebste.«Das war unsere Unterredung.Im August.Heute führte uns der Weg nach dem kleinen, alten Friedhof. Man kommt zuerst an das Mausoleum mit untermauertem Grund, in welchem seit Jahrhunderten die Eiks von Eichen schlafen.Ach, bei solch einer Anhäufung von Särgen, da kann ich nie an Schlaf denken, sondern nur an Moder. Im grünen Wald oder im dichtverwachsenen, kleinen Totenhain, unter Efeu und Immergrün, umrauscht von alten Bäumen, da kann man schlafen. Vom Mausoleum ab führen die stillen moosbewachsenen Pfade nach den Gräbern der andern, die aber immer mit dem Hause Eik in irgendeiner Verbindung standen: Angestellte und Arbeiter der Fabrik, Gutsleute und ihre Kinder.»Warum ruht ihr Eiks nicht hier?« fragte ich, »o wie es hier nach Rosen duftet und Jasmin, nach Jelängerjelieber und Jesuskraut. Die Zypresse im Erbbegräbnis schaut so streng und traurig.«»Die Eiks sind ja auch ein strenges und traurigesGeschlecht,« meinte mein Liebster ernst. »Außerdem,« setzte er kurz auflachend hinzu, »wollen sie selbst im Tode noch etwas Besonderes sein und getrennt von den übrigen Sündern.«»Da liegt auch ein Sünder!« rief ich lebhaft und zeigte auf ein ziemlich neues Grab, dem mein Bertold den Rücken kehrte. Dünne Grashälmchen wuchsen darauf, durch welche man die kahle Erde überall hervorblicken sah. Ein kleiner, düstergrauer Stein schmückte die Stelle, – nein doch, erschmücktesie nicht, er zeigte sie drohend dem Beschauer. »Gott sei mir Sünder gnädig!« stand mit großen, schwarzen Buchstaben auf dem Stein.Mein Bertold hatte sich herumgedreht, und sein braunes Gesicht war blaß, als er die Worte las.»Wie furchtbar!« stieß er hervor. »Wie konnte der Alte das tun!«»Wer ist der Alte?« fragte ich.Bertold biß sich auf die Lippen. Vielleicht war ihm der Ausruf nur so entschlüpft, doch entgegnete er ruhig: »Der alte Hörschel. Sein Kind – – – es war ein Selbstmörder.«»War es dein Freund?«»Nein.«Dann zog Bertold meinen Arm rasch und fest durch den seinen und schritt mit mir fort aus dem Reiche der Toten in unser lebendiges Heim. –Ein Jahr später.Schwer habe ich gelitten. So schwer, daß ich nicht dazu kam, mein Wohnzimmer zu betreten, viel weniger, dies Buch aufzuschlagen.Eine Fehlgeburt brachte mich nahe an jenes dunkle Tor, das zum Erbbegräbnis der Eiks führt.Und nun eröffnen mir die Ärzte, daß ich nie mehr ein Kind zur Welt bringen würde – – –.Warum legte Gott solche tiefe Muttersehnsucht in mein Herz? Warum gab er tausend und abertausend vornehmen Frauen Kinder, die doch von den Müttern vernachlässigt und den Dienstboten übergeben werden? Warum sandte er tausend und abertausend siechen, verderbten, armen, hungernden Müttern und Vätern dies Gottesgeschenk und versagt es gerade mir so grausam? Warum, warum? Verlorene Frage! Aber sie verläßt mich nicht, sie wird zum Hammer und schlägt immerfort auf mein armes Herz. Warum? Warum? All mein Kinderglaube, mein starker Glaube, zerbricht, ich hadre mit Gott und nenne ihn nicht mehr den Allgütigen, Allweisen, nur noch den Allmächtigen, der mein Glück in Trümmer schlug. – – –Ein Jahr später.Wenn ich mein ganzes Leben lang so selten in diese Blätter schaue, – dann wird das Büchlein hundert Jahre aushalten. Und wer trägt die Schuld, daß die gern plaudernde Carola Eik verstummt ist? Verstummt? Kommt ins Kinderstübchen und lauscht demsprudelnden Quell der Worte und Lieder, die ich meinem Kleinchen darbringe.Meinem Kindchen? – – Muß man denn immer Unmögliches haben wollen? Immer wie unmündige, törichte Kinder nach den Sternen langen?Mein Bertold wurde mein Arzt. Unter seinem guten, ernsten Zuspruch wurde ich ruhiger, wurde Trostgründen zugänglich, und er eröffnete mir das reiche Feld der Armen- und Krankenpflege, er schickte mich mit reichlichen Summen in die Wohltätigkeitsanstalten ringsum, damit ich mit eigenen Augen sähe, wo es not tut, mild und werktätig einzugreifen. So braucht der Liebesquell in meiner Brust nicht zu versiegen, täglich erneut er sich, und sein Reichtum wird größer, je mehr ich davon abgebe. –Und als ich eines Abends zu ihm sagte, ganz leise in sein Ohr flüsterte: »Bertold, – für ein süßes Kindchen hätte ichdochnoch Zeit bei all meiner Arbeit und vor allen Dingen, du großer Bertold brauchst so wenig Pflege, und ich habe solch einen Überschuß an Liebe in mir, – – es braucht doch nicht eineigenKind zu sein – – –«Da – – am andern Tag lag’s in dem blau seidenen, weiß verschleierten Himmelbettchen, so recht mitten in den Thüringer Landesfarben. – Und es war ein süßes, holdes, zweijähriges Mägdelein, das mich zur Mutter begehrt, weil seine eigene, gute, treue Mutter tot ist. – Es heißt Franziska.Ein halbes Jahr später.Ei du kleine Franziska, – wie schwingst du dein winziges Machtzepterchen über den Eichenborn. Alles ist dir untertan, vom Vater an bis herunter zum kleinsten Küchenmädchen und Stiefelwichsjungen.Du hast auch gar zu liebe, blaue Augen, gar so ein feines Näschen, du siehst eigentlich aus, wie eine echte Eik von Eichen. Das macht unsere Pflegeelternliebe, die dich geboren hat, zu einem neuen Leben im Hause Eik. – O ich könnte eifersüchtig werden, jetzt mehr denn je, ja jetzt sogar mit Berechtigung, denn mein Bertold liebt das Kind, – beinahe hätte ich geschrieben: »überalles!«Aber das wäre Sünde, das darf ich meinem Liebsten nicht antun.Und es ist eigen, – er kann nicht die zarteste Anspielung auf seine zärtliche Neigung zu Klein-Franziska vertragen. Er wird nicht heftig oder mürrisch oder abwehrend, – er wird so tief ernst und traurig, daß mir das Wort, kaum dem Munde entflohn, schon leid tut und ich mir immer mehr vornehme, diesen Fehler meines Herzens zu bekämpfen. – Eifersucht! Es ist ja auch zu häßlich, auf ein kleines, schönes, liebes Kind von zwei Jahren eifersüchtig zu sein. –Manchmal meine ich, Franziska gehöre mir, und ich sei seine Mutter. Meine Phantasie arbeitet dann so stark, daß ich mich in die Schmerzen noch einmal hineinträume, die ich um mein totes Glück erlitt, unddann träume ich weiter, daß diestoteGlück nur ein Traum sei, – daß es in Wahrheit lebe und Franziska Eik heiße.Kleines, liebes und geliebtes Fränzchen! Nie sollst du fühlen, daß ein andrer Schoß, als der meine, dich getragen – –meinKindchen bist du! – – –Ein halbes Jahr später.Gestern sah ich die Großeltern von – meinem Kindchen. Das ist doch ein seltsames Gefühl. Mir war mit einemmal das Fränzchen fremder geworden, – Das sollte doch nicht sein. – Es war auf dem Friedhof, wohin ich so gern gehe, weil er so tief verwachsen die heiligste Ruhe predigt. Aber gestern war auch der Geburtstag der Urahnin und Stammutter der Eiks, und nach alter Familienüberlieferung pilgert an diesem Tage Herrschaft und Dienerschaft nach dem Mausoleum, um Blumen und Kränze niederzulegen. So auch gestern. Ich blieb dann mit Fränzchen noch etwas zurück, trotzdem mich mein Bertold gern mitgenommen hätte. Aber ich hatte zwei Charakterköpfe entdeckt, zwei alte Leute, die an dem Grabe beschäftigt waren, das mir von allen Gräbern am interessantesten dünkte, am Grabe des Selbstmörders: »Gott sei mir Sünder gnädig!«Bertold zog den Hut, als wir an dem Grabe vorbeischritten, aber die beiden Alten erwiderten seinen Gruß nicht.Nachdem wir den großen Kranz im Erbbegräbnis niedergelegt, nahm Bertold einen anderen Weg, um heimzugelangen, mir aber war Klein-Franziska entwischt, die sich gern zwischen Eibenhecken versteckt, wenn wir hier weilen. Dem Kinde dünkt der Kirchhof der liebste Spielplatz. – –Klein-Franziska stand bei den beiden Alten, die so ernsthaft und düster dreinschauen, als habe der Tod des Sohnes jede Sonne von der Erde fortgenommen. Das Kind plauderte lieblich und hielt die Alten bei den Händen, – es ist ein rechtes Sonnenscheinchen und meint, daß jeder Mensch sein bester Freund sei. Beide Altchen sahen unverwandt das Kind an, und dann rang es sich schwer von den Lippen des Alten: »Es gleicht Zug für Zug meiner Tochter,aber es hat die Eikschen Augen«.»So sindSiedie Großeltern?« fragte ich leise und befremdet, denn Bertold hatte mir gesagt, das Kind sei ohne Anhang, seit seine Mutter gestorben. Über den Nachsatz machte ich mir keine Gedanken, – ich wußte, daß alle mir, der kinderlosen Frau, gern etwas Liebes sagten, und Fränzchens Augen paßten ja auch wirklich in das Eikgeschlecht. Ich grüßte die beiden und schritt tief nachdenklich nach Hause.Am nächsten Tage.Wie mit unsichtbaren Händen zog es mich heute wieder nach dem kleinen Friedhof. – – –»Gott sei mir Sünder gnädig.«Da waren die beiden Alten wieder, und mir war es, als winke mir der Mann. Ich hatte die Kleine wieder mitgebracht, – sie weicht ja nicht von meiner Seite, wenn sie sieht, daß ich einen Ausgang habe, und ihre »Mutti« dünkt ihr alles – – –Ich schritt auf das Grab zu und reichte beiden die Hand, als könne es nicht anders sein.»Hören Sie nicht auf ihn!« raunte die alte Frau leise, »er soll nicht reden und darf es nicht. Wir leben jetzt schuldenfrei auf eigenem Grund und Boden, seit das Kind da ist, das vergißt er immer und ist undankbar.«Und dabei vergaß die alte Frau, der jetzt, während sie Fränzchen anschaute, die helle Güte aus den Augen sprach, völlig, daß sie doch wohl auch nicht reden durfte. Mich fröstelte inmitten der warmen Sommersonne. Aber ich konnte mich nicht vom Platze rühren.»Warum gaben Sie Ihrem Sohne solch’ einen traurigen Spruch?« fragte ich, um etwas zu sagen.»Unserm Sohne? Hier liegt unsere Tochter, die Fränze, die Schande auf uns brachte.«»Nicht Schande!« schluchzte die alte Frau, »sie war gut, – so gut.«»Jazugut war sie!« lachte der Alte heiser und dann loderte es in seinen Augen auf und er trat vor mich hin und zeigte auf die kleine Franziska: »HütenSie das Mädchen! Es ist Zug um Zug mein Kind, aber es hat die Eikschen Augen! Hüten Sie es«. –Das andere verlor sich im Murmeln, die Frau nahm den Arm des Mannes und zog ihn rasch vom Friedhof fort, sie weinte jetzt laut und bitterlich.Und ich war wissend geworden!O über jenen Augenblick, da mir so grausam die Augen geöffnet wurden!Nun ist etwas zerrissen in mir, was sich nie wieder heilen läßt. –O ich weiß, daß die Welt mich nicht verstehen wird. Es ist ja so etwas Alltägliches! Man kann darüber hinweggehen und lächeln. ›Man‹, aber nicht ›ich‹! Mir ist über dieser alltäglichen Geschichte das Herz gebrochen.Als Bertold mich zum gemeinsamen Mittagsmahl aus meinem Zimmer abholte, da sah er, daß sein Glück zertrümmert am Boden lag.Doch stand ich ganz ruhig vor ihm, – mir war’s, als sei ich gealtert um viele Jahre in den wenigen Stunden.»Nicht deineSchuldtrennt uns,« sagte ich ihm mit beinahe tonloser Stimme, so daß er sein Haupt zu mir neigen mußte, um mich zu verstehen, »uns trennt deineLüge!«»Du willst von mir gehen?« fragte er heiser, und seine Augen, seine lieben, dunklen Augen sahen mich wie erloschen an.»Nein, – nicht von dir gehen, – nicht äußerlich – ich habe ja das Kind, – ich will ihm weiter Mutter sein.«Kein Wort wurde sonst zwischen uns gewechselt. Bertold ging aus dem Zimmer und ließ sein Pferd satteln. Dann ritt er stundenlang in der Weite herum, und als er wiederkam, sah ich, daß er nicht mehr der »aufrechte Eik« war.Nun soll das Leben so weiter gehen. –Das Vertrauen zum liebsten Menschen ist dahin und das Kind? – – Ich sehe an ihm nur immer die Eikschen Augen und sehe Zug um Zug das Antlitz des unglücklichen Mädchens, das mein Bertold verdarb. Wo soll ich die Kraft hernehmen, weiter zu leben? Wie ein Gralskelch leuchtete mein Glück, – jetzt liegen die Scherben, ein billiger Tand, staubbedeckt zu meinen Füßen. – – –Aber das Kind soll es nie erfahren. In jeder einsamen Stunde will ich mich stärken zu dem schweren Missionswerk, – – – hilf mir, – hilf mir, Allerbarmer, der du diese Last auf meine Schultern legtest.

Eichenborn, den 17. Mai …

»Nun bleiben aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.«

Das war unser Trauspruch.

»Und nun frage ich dich, Carola Dannenstein, willst du diesen gegenwärtigen Bertold Eik von Eichenlieben und ehren, und ihm treu sein, bis der Tod euch scheidet?«

»Ja!« rief ich hell und freudig, »ja!«

Die Schwarzhausener haben darüber gelacht und getuschelt, es ist nicht Sitte hier, daß eine Braut so laut das »Ja« herausjubelt, man darf es schon auf der ersten Kirchenbank nicht verstehen. Nur der Bräutigam darf es laut sagen.

Was kümmert’s mich? Ich komme aus der freien Reichsstadt Bremen und – wenn mein Herz »ja« jubelt, dann tut mein Mund es freudig kund.

Wie gern hätte ich mich in Bremen trauen lassen, in derselben alten, lieben Kirche, da ich getauft und konfirmiert wurde, – aber mir lebt niemand mehr dort, – so ganz verwaist bin ich. Da bin ich vom Hause meiner Schwiegereltern in das meines Gatten getreten, – es ist ja im Grunde ein und dasselbe, – der schöne Eichenborn. Aber der Flügel, da ich mit meinem Bertold hausen soll, ist hell und licht, – – die Zimmer der andern sind umschattet von hohen, dichten Eichen.

»So ganz verwaist bin ich?« Lieber Herrgott, vergib mir dies Wort, da mich doch der Eine, der Einzige, der Herzliebste heute an sein reiches Herz genommen hat, das vor mir noch keine geliebt, und das mir Vater, Mutter, Bruder und Schwester sein will. – Nein, ich bin wahrlich nicht verwaist.

Frau Therese Teichmann, die runde, stattliche Frau unseres Dieners und Faktotums, hat mir geholfen, den Brautstaat abzulegen und mir das Strumpfband gelöst, – eine alte, uralte Sitte im Hause Eichenborn. Bertold und ich wollten nicht in die Welt hinaus fahren, sondern die ersten, seligen Stunden des Vereintseins in unsern vier Wänden genießen.

Jetzt umfängt mich das traute Wohnzimmer mit lauter lieben, alten Möbeln aus meinem Vaterhause, dem alten Bremer Patrizierheim. Nebenan liegt der ungeheure Saal, weit und dämmrig tut er sich auf und die vergoldete Stukkatur seiner Decke leuchtet matt zu mir herüber. Prunkvoll ist er eingerichtet, – die Eiks sind ein reiches Geschlecht. – An den Saal reiht sich Zimmer an Zimmer, ich habe sie alle an Bertolds Hand durchschritten.

Nur das eine nicht, das neben diesem, meinem Wohnzimmer liegt. – Aber heimlich, ganz heimlich hab’ ich hineingesehen, – dort stehen zwei ungeheure Riesenbetten, und schneeiges Linnen bauscht sich in ihnen unter rotleuchtenden, seidenen Decken. Eine herzbeklemmende, süße Angst befällt mich, wenn ich an das Stübchen denke – – – Herzliebster! Herzliebster! Herzliebster!

Mein Ruf holt ihn nicht herbei, – – er ist fortgeholt worden zu einem Schwerkranken, zu einem Sterbenden.

Das war recht seltsam für mich, und HieronymusTeichmann, der die Botschaft überbrachte, sah mich mit mitleidigem, ernstem Blicke an. Er wollte sich wohl überzeugen, wie tapfer oder untapfer ich sei an meinem Hochzeitstage.

Aber das liebe ich ja gerade so an meinem Bertold, daß er in dem großen, ihm unterstellten Getriebeallesist, Herr und Arbeiter, Freund, Bruder, Körper- und Seelenarzt. Und so trete ich willig zurück, da man ihn an ein Sterbebett ruft.

Ach, – nicht nur das Ziel, auch der Weg dahin ist schön.

Könnte ich wohl dies kleine Buch mit meinen tiefinnersten Gedanken füllen, wenn mein Bertold neben mir säße?

Er würde mich stürmisch in seine urgewaltige Liebe reißen und mich ersticken mit seinen Küssen.

Es ist süß, darauf zu warten und in diesem kleinen Buch von ihm zu träumen. –

Eine Stunde später.

Die Nacht, die stille Mainacht ist hereingebrochen.

Vor dem geöffneten Fenster schluchzt klagend eine Nachtigall.

Frau Therese Teichmann hat mir die Lampe gebracht und nach meinen Befehlen gefragt.

Ich habe keine Befehle, ich habe nur den tiefen Wunsch, mein liebster Bräutigam möchte endlich bei mir sein, – er zögert lange. – Die Dienerin sahmich an, genau so seltsam ernst wie vorhin ihr Mann. Dann wollten wir beide scherzen, aber es gelang uns nicht.

Sacht strich sie mir über das Haar und die gefalteten Hände, die auf diesen Blättern ruhten. Sie hat etwas Mütterliches an sich, ich werde diese Dienerin sehr lieb haben.

»Eine ernste, stille Brautnacht!« meinte sie leise.

»So wird unser Leben hoffentlich um so froher,« rief ich dagegen, vielleicht lauter als nötig, – ich hatte viel Bangigkeit zu verscheuchen.

»Gott walt’s!«

Zwei Stunden später.

Ich bin schon ein paarmal aus dem Schlafe aufgeschreckt, der mich im Sessel überfallen hatte. Alles ist so totenstill um mich. Ich wage nicht die Tür zu dem großen, gähnenden Saal zu schließen und wage nicht, jene zu öffnen, welche das heimliche Gemach, das liebe, traute auf der anderen Seite für mich verbirgt.

Soll ich mich allein niederlegen? Der Schlaf wird mich fliehen, wenn er auch jetzt in öder Stille versucht, meine Augen zu schließen.

Bertold! Bertold! Komm! Ach komm! Ist denn niemand bei dem fremden Sterbenden, der dich ablösen könnte? DasLebenruft dich, das süße, beglückende Leben. Dein junges Weib ruft dich und die Sehnsucht meines Herzens. Komm, ach komm zu mir!

Eine Stunde später.

Was ist dir jener Sterbende, Bertold? Warum findest du nicht ein paar karge Minuten Zeit, um zu mir zu eilen und mir ein liebes Wort zu sagen? Wie bin ich einsam!

Drei Stunden später.

Langsam dämmert der Morgen. Bleischwer liegt es in meinen Gliedern. Schon sendet die Sonne den ersten Schein über die dunklen Thüringer Berge, die von nun an meine Heimat sein sollen. – Meine Heimat ist Bertold.

Weh, ich bin heimatlos – – –

Den 19. Mai.

Soll ich die ersten Blätter mit ihren Seufzern und Tränen herauslösen aus diesem kleinen Buch? – – Ich will sie darinnen lassen, – sie sollen der Ring des Polykrates sein, die Opfergabe, den Göttern dargebracht.

Kann es nur so viel Glück auf dieser armen Erde geben?

Nicht nur in dem köstlichen Rausche der hingebenden Liebe liegt und leuchtet es, – – für mich ruht es weit mehr in dem Lächeln, das auf dem ernsten Antlitz meines Gatten erstanden ist, seit wir vereint sind.

»Der düstere Eik«, »der grimmige Eik!« Es paßt gar nicht mehr auf ihn.

So nannten sie ihn in Bremen und auch hier in seiner Heimat sind es seine Ãœbernamen.

Er hat mir schon in unserer Brautzeit bekannt, daß der Jähzorn ein Erbteil der Eiks sei und daß seine Vorfahren ihn ganz besonders belastet hätten, aber er schreckte mich nicht mit diesem Geständnis.

»Jähzornige sind immer auch gut,« gab ich ihm zur Antwort und er küßte mich dafür.

Freilich ist seine Güte nicht augenfällig, – seine Augen schauen dreuend unter dichten, schwarzen Brauen hervor, sein Mund ist herb geschlossen und kein Bart verdeckt den verächtlichen Zug, der um die Winkel liegt.

»Wo hast du die Welt so verachten gelernt?« fragte ich ihn sinnend-neckend und strich mit meiner Hand sacht über die beiden Fältchen, die seinen schönen, großen Mund mit den eisenfesten, blitzenden Zähnen leicht herabziehen.

Eine feine Röte stieg in sein Gesicht.

Dann aber blitzten seine dunklen Augen mich an, sein dürstender Mund lag auf dem meinen, und wir tranken aus dem Becher der Seligkeit.

»Ich liebe die Welt, seit sie dich trägt,« flüsterte er mir zu. –

»Seit zwanzig Jahren?« fragte ich zweifelnd. »Wann kam denn das Verachten?«

»So lieb’ ich die Welt, seit du mein eigen bist!«

»Alsoimmer!« rief ich jubelnd und schmiegte mich an sein Herz.

Den 22. Mai.

Eifersüchtig bin ich. Wer hätte das gedacht! Ich am wenigsten von mir selbst.

Ich hatte es ja nie gespürt, – wie sollte ich auch? Er liebte mich, er wählte mich, und aus den Wonnen eines kurzen Brautstandes, in welchem er nur für mich und ich für ihn lebte und webte, holte er mich in den Eichenborn, in das stille, düstere Haus seiner Väter.

Und hier auf einmal tritt das Gorgonenhaupt des grüngeäugten Scheusals vor mich hin.

Ich kann es nicht bannen, ich kann es nicht nehmen, fassen und unschädlich machen. Es ist ein Schmerz, der immer mit mir geht. Es ist klein und unvornehm von mir. Denn ich habe keinen Grund zur Eifersucht. Und mir schwebt auch keine bestimmte Person, keine Frau, kein Mädchen vor, – mir ist, als sei ich eifersüchtig auf alles, was den Einzigen von mir fern halten könnte, auf seinen Beruf, – – ja auf die Luft, die er fern von mir atmet. Es ist ein so öder Gemeinplatz: »Eifersucht ist Mangel an Vertrauen.« Und dieser Gemeinplatz lügt.

Eifersucht ist Liebe, höchste Liebe. Und Eifersucht ist Angst. –

Auf die Stunden, die uns in der Brautnacht trennten, bin ich nie wieder zurückgekommen.

Er war so blaß und verstört, mein armer Liebster, als er heimkehrte zu seinem jungen, wartenden Weib.

»Ist er tot?« fragte ich.

»Ja, Liebste.«

»War er es wert, daß du mir fern bliebst?«

»Ja, Liebste.«

Das war unsere Unterredung.

Im August.

Heute führte uns der Weg nach dem kleinen, alten Friedhof. Man kommt zuerst an das Mausoleum mit untermauertem Grund, in welchem seit Jahrhunderten die Eiks von Eichen schlafen.

Ach, bei solch einer Anhäufung von Särgen, da kann ich nie an Schlaf denken, sondern nur an Moder. Im grünen Wald oder im dichtverwachsenen, kleinen Totenhain, unter Efeu und Immergrün, umrauscht von alten Bäumen, da kann man schlafen. Vom Mausoleum ab führen die stillen moosbewachsenen Pfade nach den Gräbern der andern, die aber immer mit dem Hause Eik in irgendeiner Verbindung standen: Angestellte und Arbeiter der Fabrik, Gutsleute und ihre Kinder.

»Warum ruht ihr Eiks nicht hier?« fragte ich, »o wie es hier nach Rosen duftet und Jasmin, nach Jelängerjelieber und Jesuskraut. Die Zypresse im Erbbegräbnis schaut so streng und traurig.«

»Die Eiks sind ja auch ein strenges und traurigesGeschlecht,« meinte mein Liebster ernst. »Außerdem,« setzte er kurz auflachend hinzu, »wollen sie selbst im Tode noch etwas Besonderes sein und getrennt von den übrigen Sündern.«

»Da liegt auch ein Sünder!« rief ich lebhaft und zeigte auf ein ziemlich neues Grab, dem mein Bertold den Rücken kehrte. Dünne Grashälmchen wuchsen darauf, durch welche man die kahle Erde überall hervorblicken sah. Ein kleiner, düstergrauer Stein schmückte die Stelle, – nein doch, erschmücktesie nicht, er zeigte sie drohend dem Beschauer. »Gott sei mir Sünder gnädig!« stand mit großen, schwarzen Buchstaben auf dem Stein.

Mein Bertold hatte sich herumgedreht, und sein braunes Gesicht war blaß, als er die Worte las.

»Wie furchtbar!« stieß er hervor. »Wie konnte der Alte das tun!«

»Wer ist der Alte?« fragte ich.

Bertold biß sich auf die Lippen. Vielleicht war ihm der Ausruf nur so entschlüpft, doch entgegnete er ruhig: »Der alte Hörschel. Sein Kind – – – es war ein Selbstmörder.«

»War es dein Freund?«

»Nein.«

Dann zog Bertold meinen Arm rasch und fest durch den seinen und schritt mit mir fort aus dem Reiche der Toten in unser lebendiges Heim. –

Ein Jahr später.

Schwer habe ich gelitten. So schwer, daß ich nicht dazu kam, mein Wohnzimmer zu betreten, viel weniger, dies Buch aufzuschlagen.

Eine Fehlgeburt brachte mich nahe an jenes dunkle Tor, das zum Erbbegräbnis der Eiks führt.

Und nun eröffnen mir die Ärzte, daß ich nie mehr ein Kind zur Welt bringen würde – – –.

Warum legte Gott solche tiefe Muttersehnsucht in mein Herz? Warum gab er tausend und abertausend vornehmen Frauen Kinder, die doch von den Müttern vernachlässigt und den Dienstboten übergeben werden? Warum sandte er tausend und abertausend siechen, verderbten, armen, hungernden Müttern und Vätern dies Gottesgeschenk und versagt es gerade mir so grausam? Warum, warum? Verlorene Frage! Aber sie verläßt mich nicht, sie wird zum Hammer und schlägt immerfort auf mein armes Herz. Warum? Warum? All mein Kinderglaube, mein starker Glaube, zerbricht, ich hadre mit Gott und nenne ihn nicht mehr den Allgütigen, Allweisen, nur noch den Allmächtigen, der mein Glück in Trümmer schlug. – – –

Ein Jahr später.

Wenn ich mein ganzes Leben lang so selten in diese Blätter schaue, – dann wird das Büchlein hundert Jahre aushalten. Und wer trägt die Schuld, daß die gern plaudernde Carola Eik verstummt ist? Verstummt? Kommt ins Kinderstübchen und lauscht demsprudelnden Quell der Worte und Lieder, die ich meinem Kleinchen darbringe.

Meinem Kindchen? – – Muß man denn immer Unmögliches haben wollen? Immer wie unmündige, törichte Kinder nach den Sternen langen?

Mein Bertold wurde mein Arzt. Unter seinem guten, ernsten Zuspruch wurde ich ruhiger, wurde Trostgründen zugänglich, und er eröffnete mir das reiche Feld der Armen- und Krankenpflege, er schickte mich mit reichlichen Summen in die Wohltätigkeitsanstalten ringsum, damit ich mit eigenen Augen sähe, wo es not tut, mild und werktätig einzugreifen. So braucht der Liebesquell in meiner Brust nicht zu versiegen, täglich erneut er sich, und sein Reichtum wird größer, je mehr ich davon abgebe. –

Und als ich eines Abends zu ihm sagte, ganz leise in sein Ohr flüsterte: »Bertold, – für ein süßes Kindchen hätte ichdochnoch Zeit bei all meiner Arbeit und vor allen Dingen, du großer Bertold brauchst so wenig Pflege, und ich habe solch einen Überschuß an Liebe in mir, – – es braucht doch nicht eineigenKind zu sein – – –«

Da – – am andern Tag lag’s in dem blau seidenen, weiß verschleierten Himmelbettchen, so recht mitten in den Thüringer Landesfarben. – Und es war ein süßes, holdes, zweijähriges Mägdelein, das mich zur Mutter begehrt, weil seine eigene, gute, treue Mutter tot ist. – Es heißt Franziska.

Ein halbes Jahr später.

Ei du kleine Franziska, – wie schwingst du dein winziges Machtzepterchen über den Eichenborn. Alles ist dir untertan, vom Vater an bis herunter zum kleinsten Küchenmädchen und Stiefelwichsjungen.

Du hast auch gar zu liebe, blaue Augen, gar so ein feines Näschen, du siehst eigentlich aus, wie eine echte Eik von Eichen. Das macht unsere Pflegeelternliebe, die dich geboren hat, zu einem neuen Leben im Hause Eik. – O ich könnte eifersüchtig werden, jetzt mehr denn je, ja jetzt sogar mit Berechtigung, denn mein Bertold liebt das Kind, – beinahe hätte ich geschrieben: »überalles!«

Aber das wäre Sünde, das darf ich meinem Liebsten nicht antun.

Und es ist eigen, – er kann nicht die zarteste Anspielung auf seine zärtliche Neigung zu Klein-Franziska vertragen. Er wird nicht heftig oder mürrisch oder abwehrend, – er wird so tief ernst und traurig, daß mir das Wort, kaum dem Munde entflohn, schon leid tut und ich mir immer mehr vornehme, diesen Fehler meines Herzens zu bekämpfen. – Eifersucht! Es ist ja auch zu häßlich, auf ein kleines, schönes, liebes Kind von zwei Jahren eifersüchtig zu sein. –

Manchmal meine ich, Franziska gehöre mir, und ich sei seine Mutter. Meine Phantasie arbeitet dann so stark, daß ich mich in die Schmerzen noch einmal hineinträume, die ich um mein totes Glück erlitt, unddann träume ich weiter, daß diestoteGlück nur ein Traum sei, – daß es in Wahrheit lebe und Franziska Eik heiße.

Kleines, liebes und geliebtes Fränzchen! Nie sollst du fühlen, daß ein andrer Schoß, als der meine, dich getragen – –meinKindchen bist du! – – –

Ein halbes Jahr später.

Gestern sah ich die Großeltern von – meinem Kindchen. Das ist doch ein seltsames Gefühl. Mir war mit einemmal das Fränzchen fremder geworden, – Das sollte doch nicht sein. – Es war auf dem Friedhof, wohin ich so gern gehe, weil er so tief verwachsen die heiligste Ruhe predigt. Aber gestern war auch der Geburtstag der Urahnin und Stammutter der Eiks, und nach alter Familienüberlieferung pilgert an diesem Tage Herrschaft und Dienerschaft nach dem Mausoleum, um Blumen und Kränze niederzulegen. So auch gestern. Ich blieb dann mit Fränzchen noch etwas zurück, trotzdem mich mein Bertold gern mitgenommen hätte. Aber ich hatte zwei Charakterköpfe entdeckt, zwei alte Leute, die an dem Grabe beschäftigt waren, das mir von allen Gräbern am interessantesten dünkte, am Grabe des Selbstmörders: »Gott sei mir Sünder gnädig!«

Bertold zog den Hut, als wir an dem Grabe vorbeischritten, aber die beiden Alten erwiderten seinen Gruß nicht.

Nachdem wir den großen Kranz im Erbbegräbnis niedergelegt, nahm Bertold einen anderen Weg, um heimzugelangen, mir aber war Klein-Franziska entwischt, die sich gern zwischen Eibenhecken versteckt, wenn wir hier weilen. Dem Kinde dünkt der Kirchhof der liebste Spielplatz. – –

Klein-Franziska stand bei den beiden Alten, die so ernsthaft und düster dreinschauen, als habe der Tod des Sohnes jede Sonne von der Erde fortgenommen. Das Kind plauderte lieblich und hielt die Alten bei den Händen, – es ist ein rechtes Sonnenscheinchen und meint, daß jeder Mensch sein bester Freund sei. Beide Altchen sahen unverwandt das Kind an, und dann rang es sich schwer von den Lippen des Alten: »Es gleicht Zug für Zug meiner Tochter,aber es hat die Eikschen Augen«.

»So sindSiedie Großeltern?« fragte ich leise und befremdet, denn Bertold hatte mir gesagt, das Kind sei ohne Anhang, seit seine Mutter gestorben. Über den Nachsatz machte ich mir keine Gedanken, – ich wußte, daß alle mir, der kinderlosen Frau, gern etwas Liebes sagten, und Fränzchens Augen paßten ja auch wirklich in das Eikgeschlecht. Ich grüßte die beiden und schritt tief nachdenklich nach Hause.

Am nächsten Tage.

Wie mit unsichtbaren Händen zog es mich heute wieder nach dem kleinen Friedhof. – – –

»Gott sei mir Sünder gnädig.«

Da waren die beiden Alten wieder, und mir war es, als winke mir der Mann. Ich hatte die Kleine wieder mitgebracht, – sie weicht ja nicht von meiner Seite, wenn sie sieht, daß ich einen Ausgang habe, und ihre »Mutti« dünkt ihr alles – – –

Ich schritt auf das Grab zu und reichte beiden die Hand, als könne es nicht anders sein.

»Hören Sie nicht auf ihn!« raunte die alte Frau leise, »er soll nicht reden und darf es nicht. Wir leben jetzt schuldenfrei auf eigenem Grund und Boden, seit das Kind da ist, das vergißt er immer und ist undankbar.«

Und dabei vergaß die alte Frau, der jetzt, während sie Fränzchen anschaute, die helle Güte aus den Augen sprach, völlig, daß sie doch wohl auch nicht reden durfte. Mich fröstelte inmitten der warmen Sommersonne. Aber ich konnte mich nicht vom Platze rühren.

»Warum gaben Sie Ihrem Sohne solch’ einen traurigen Spruch?« fragte ich, um etwas zu sagen.

»Unserm Sohne? Hier liegt unsere Tochter, die Fränze, die Schande auf uns brachte.«

»Nicht Schande!« schluchzte die alte Frau, »sie war gut, – so gut.«

»Jazugut war sie!« lachte der Alte heiser und dann loderte es in seinen Augen auf und er trat vor mich hin und zeigte auf die kleine Franziska: »HütenSie das Mädchen! Es ist Zug um Zug mein Kind, aber es hat die Eikschen Augen! Hüten Sie es«. –

Das andere verlor sich im Murmeln, die Frau nahm den Arm des Mannes und zog ihn rasch vom Friedhof fort, sie weinte jetzt laut und bitterlich.

Und ich war wissend geworden!

O über jenen Augenblick, da mir so grausam die Augen geöffnet wurden!

Nun ist etwas zerrissen in mir, was sich nie wieder heilen läßt. –

O ich weiß, daß die Welt mich nicht verstehen wird. Es ist ja so etwas Alltägliches! Man kann darüber hinweggehen und lächeln. ›Man‹, aber nicht ›ich‹! Mir ist über dieser alltäglichen Geschichte das Herz gebrochen.

Als Bertold mich zum gemeinsamen Mittagsmahl aus meinem Zimmer abholte, da sah er, daß sein Glück zertrümmert am Boden lag.

Doch stand ich ganz ruhig vor ihm, – mir war’s, als sei ich gealtert um viele Jahre in den wenigen Stunden.

»Nicht deineSchuldtrennt uns,« sagte ich ihm mit beinahe tonloser Stimme, so daß er sein Haupt zu mir neigen mußte, um mich zu verstehen, »uns trennt deineLüge!«

»Du willst von mir gehen?« fragte er heiser, und seine Augen, seine lieben, dunklen Augen sahen mich wie erloschen an.

»Nein, – nicht von dir gehen, – nicht äußerlich – ich habe ja das Kind, – ich will ihm weiter Mutter sein.«

Kein Wort wurde sonst zwischen uns gewechselt. Bertold ging aus dem Zimmer und ließ sein Pferd satteln. Dann ritt er stundenlang in der Weite herum, und als er wiederkam, sah ich, daß er nicht mehr der »aufrechte Eik« war.

Nun soll das Leben so weiter gehen. –

Das Vertrauen zum liebsten Menschen ist dahin und das Kind? – – Ich sehe an ihm nur immer die Eikschen Augen und sehe Zug um Zug das Antlitz des unglücklichen Mädchens, das mein Bertold verdarb. Wo soll ich die Kraft hernehmen, weiter zu leben? Wie ein Gralskelch leuchtete mein Glück, – jetzt liegen die Scherben, ein billiger Tand, staubbedeckt zu meinen Füßen. – – –

Aber das Kind soll es nie erfahren. In jeder einsamen Stunde will ich mich stärken zu dem schweren Missionswerk, – – – hilf mir, – hilf mir, Allerbarmer, der du diese Last auf meine Schultern legtest.


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