Franziska Malcroix wußte nicht, wie lange sie gelesen hatte, – waren es Stunden, waren es Jahre? Sie strich mit der Hand über das kleine Buch, dasdie liebste Mutter geschrieben, welche es auf Erden gegeben hatte. –
Franziska Malcroix wußte nicht, wie lange sie gelesen hatte, – waren es Stunden, waren es Jahre? Sie strich mit der Hand über das kleine Buch, dasdie liebste Mutter geschrieben, welche es auf Erden gegeben hatte. –
Dann schritt sie langsam, – o so langsam die gewundene Treppe hinunter in ihres Vaters Zimmer.
Der alte Eik saß an dem wuchtigen Schreibtisch und schrieb und rechnete, aber mitten in die Belege seines Reichtums kam die Störung, und auf den Zahlen, die sich im letzten gesegneten Jahre wieder um eine Null vergrößert hatten, lag plötzlich das kleine Buch, das er einst vor so langen Jahren seiner jungen Braut geschenkt, damit sie ihre beiderseitigen, glückseligen Erlebnisse darin verewige. – – –
Er hatte das Büchlein zuerst wiedergesehen, damals als sein Weib starb. Von einem Eik konnte ja niemals Glück ausgehen, und so waren auch diese Blätter erfüllt von Leid, erfüllt von jener häßlichen Schuld und einzigen Lüge seines ehrenhaften Lebens. Er hatte das Buch am Todesabend seines Weibes gelesen und war von jenem Augenblicke an der düstere, grimme Eik geworden, der sich ganz in Schmerz und Bitterkeit versenkte und kaum noch seines Kindes achtete.
Aber die kleine Franziska trat mit sicherem Schritt in die Fußstapfen ihrer geliebten Mutter, deren Hinscheiden sie zuerst beinahe verzweifeln ließ.
Als das Kind damals die tiefe, wortlose Trauer des Vaters gewahrte, raffte es sich auf, und tausend kleine Aufmerksamkeiten, welche die Verstorbene für den Gatten gehabt, die übernahm nun das Fränzchen miteiner sicheren Liebe, welche den grimmen Eik rührte und zugleich erstaunte. Ganz eng schlossen sich Vater und Tochter aneinander an, und der alte Eik hatte nur die eine Sorge, das Buch, das kleine Buch mit den feinen, zarten Schriftzügen, die doch so furchtbar beredt von seiner Schuld erzählten, vor dem jungen Mädchen zu verbergen. Jahrzehnte lang hatte es in der Schublade seines festen dunklen Schreibtisches geruht, zu dem niemand gelangte, als er allein. Und nun lag es plötzlich vor ihm, und seine Franziska stand so blaß und mit so wehen, anklagenden Blicken im Zimmer, wie einst sein Weib. –
»Wer gab dir das Buch, Franziska?«
»Baldamus Eik.«
Der alte Eik stöhnte auf. »Dieb!« – murmelte er, »Dieb!« Und dann schüttelte ihn der Jähzorn, und wilde, schreckliche Worte und Flüche kamen aus seinem Munde.
»Was siehst du mich so an, Franziska? Was forderst du von mir? Deinen Namen? Deine Mutter? Deine Pflegemutter? – Herrgott, ich habe nichts, – nichts, – ich bin arm, arm – – –«
Franziska sah ihn an, – nicht anklagend, nicht scheu, nicht verachtend. Es wuchs etwas in ihr und blühte auf, etwas, das stärker war als die Schmach und Bitterkeit jener Minuten, da sie das Büchlein las – – ein tiefes, erbarmendes Mitleid mit dem armen Reichen vor ihr.
»Ich will nicht meine Mutter und nicht meinen Namen,« sprach sie leise, aber fest. »Ich will nur endlich meinen Bertold an dein Herz legen und dich bitten: ›Hab uns lieb‹!«
Da schlang der alte Mann beide Arme um sein Kind, und im schweren Weinen löste sich jahrelanges Leid.
Der junge Bertold Eik war fleißig.
Er lebte nicht gerade als Bücherwurm, aber er betrachtete es auch nicht als Vorrecht des Begabten, bummelig und nachlässig zu sein.
Für die Bezeichnung »Streber« und »Musterknabe« hatte er sein wohllautendes, klingendes Lachen, das ihm manchen Freund schuf. Aber es waren Schulfreunde, – keine Lebensfreunde.
Es war etwas Knappes und Stolzes an ihm, das mit Unrecht von manchen Lehrern mit Hochmut bezeichnet wurde. Denn Bertold hatte nie lange bei dem Gedanken geweilt, daß er einem reichen und alten Geschlecht zugehöre, sondern weit eher darüber gegrübelt, warum er seines eigenen Vaters Namen nicht tragen dürfe. Und aus den vielen Bitterkeiten, die sein junges Leben schon aufzuweisen hatte, aus den unschuldig erlittenen Kränkungen entstand und wuchs ein ernster Stolz. Seine beiden Begleiter waren wie zwei gute Gluckhennen, die Entlein ausgebrütet haben und nunsorgenvoll am Ufer stehen. Aber es warenverständigeGluckhennen, die es sofort einsahen, daß Bertold sich nicht zum Küchlein eigne, sondern unter allen Umständen schwimmen müsse.
Manch spottendes Wort fiel aus Schülermund über die beiden »Kindermädchen«, ohne deren Begleitung Bertold nie in den Freistunden zu sehen war, aber so lange der Spott harmlos blieb und sich mehr auf Bertold, als auf die beiden Getreuen bezog, lachte Bertold sein liebes Lachen und versöhnte die Spötter damit. Übelwollende aber banden nicht mit ihm an, denn der junge Eik hatte eine kräftige Faust, und viel Gras wuchs nicht mehr dort, wo er hinschlug.
Sein Geigenspiel aber war der Stolz aller.
Ganz unerwartet trat ein neuer Musikdirektor an die Spitze des Gesangvereins in E., und dieser war ein feinsinniger Geiger, der selbst einmal den glühenden Wunsch in sich getragen hatte, als ein heller Stern am Kunsthimmel zu glänzen, aber durch das harte »Muß« der Mittellosigkeit nach einer Brotstelle getrieben war.
Zu diesem Lieblingsschüler Meister Joachims kam nun Bertold Eik, und nicht nur in seine Hände nahm der Alte den Jungen, nein er zog ihn gleich in und an sein Herz.
»Dersoll das erreichen, was mir das Schicksal versagte,« rief er nach der Prüfung den beiden Getreuen zu, »das ist einer von Gottes Gnaden. Und er soll sein bißchen Geld zusammenhalten, damit eszum ernsten Studium ausreicht, und er soll sich nicht verplempern mit irgend einer Hanne oder Suse, sondern nur zur heiligen Cäcilie beten. Zwei Jahre will ich das Büblein lehren, was ich selbst kann, dann soll er mir nach Berlin.« –
Organist Brennstoff hörte dies alles mit wahrer Vaterwonne und nickte begeistert dem Musikdirektor zu, aber Rektor Tüllen setzte gleich einen Dämpfer auf die Geige, auf welcher so hochtönend musiziert wurde.
»Bertold Eik wird nach uralter Familienüberlieferung der Eichens zuerst sein Abiturium ablegen, dann zwei Jahre die Universität Bonn beziehen und darauf ins Ausland gehen. Nach seiner Rückkehr übernimmt er dann Eichenborn und die übrigen ausgedehnten Besitzungen der Eiks – – –«
»Amen!« schrie der aufgeregte Direktor. Er dachte aber nicht »amen«, sondern: »Der Teufel hole diese Familienüberlieferungen!« Mit beiden Händen fuhr er sich durch seine Künstlermähne. »Da schafft nun unser Herrgott mal was nach seinem Herzen, und bläst diesem Goldjungen einen besonders musikalischen Odem in die Nase, – – nützt alles nichts, die Familientradition verhunzt ihm sein Kunstwerk, – ihm, dem großen Schöpfer. Es ist, um gleich aus den Stiefeln zu springen! Wenn der alte Banause von Großvater diesen Jungen durch’s Humanistische schleppt und ihn dann noch die besten Jahre verkneipen läßt, – – dann hätte er ihn gleich zu Anfang seines Daseins versaufen lassen sollen,– wie’n jungen Hund. – Denn der Junge verfehlt seinen Beruf, und sein Beruf ist: Sonne zu geben, Feuer zu entfachen in kalten Herzen, Himmelsfunken zu senden in das dürre Stroh der Verstandsköpfe. – Alles muß brennen, leuchten, glühen, wenn ein wahrer Künstler von Gottes Gnaden geigt, alle Zuhörer müssen durch himmlisches Feuer geläutert werden und geheiligt, Frau Musika aufzunehmen.«
»Amen!« rief Brennstoff und meinte es nun wirklich so und drückte die Hände des Musikdirektors, der noch ganz wild um sich blickte.
An demselben Tage noch ging ein langer Brief an Frau Franziska Malcroix ab, der recht beweglich darstellte, wie es am besten wäre, den lieben Bertold entweder gleich zu Meister Joachim zu geben, oder ihn auf eine andere Schule zu tun, damit er in zwei Jahren, wenn auch keine humanistische, so doch eine andere abgeschlossene Bildung erhielte, die er später als Künstler auf seinen Reisen erweitern könne. Sie schrieben alle Vier. – Der Musikdirektor herrisch in kategorischen Imperativen, denn hinter ihm stand die heilige Cäcilie mit göttlichen Forderungen; der Organist als Kenner der Verhältnisse in Eichenborn um eine Schattierung gedämpfter, aber immer noch beredt genug, um seinen Namen nicht zu verleugnen; Rektor Tüllen mit warmer Bitte, die vielleicht am eindringlichsten in ihrer Schlichtheit war. Bertold fügte nur eine kurze Nachschrift hinzu: »Liebes, liebes Mütterchen,es wäre schön, wenn Großvater und du ›ja‹ sagen möchtet. Aber nur, wenn du es richtig willst, mein Mütterchen!«
Acht Tage warteten die vier Verbündeten in Spannung und Sorge auf die Antwort, und dann kam nur ein kurzer, wehmütig-stiller Brief von Bertolds Mutter zurück:
»Mein Junge! Wenn es dein Beruf ist, Sonne zu geben, so teilst du ihn mit den andern Menschen. Wir sind alle dazu in die Welt geschickt, diese kalte Erde zu durchsonnen. Tut dies ein Jeder auch nur mit dem kleinen Teil, dem heiligen Heimatfleckchen, auf welches Gott ihn gestellt hat, so wird schon viel Wärme geschaffen. Laß uns Deinem Großvater Sonne geben, mein Junge! Dein Wunsch, schon jetzt die Geige als Beruf in die Hand zu nehmen, würde tiefer Schatten für ihn sein. Ich komme bald zu dir! Gott behüte Dich!«
Bertold steckte den Brief ruhig in seine kleine Brieftasche, die er immer auf dem Herzen trug, und zu seinen beiden Freunden, welche mit erwartungsvollen Mienen das Lesen des Schriftstückes verfolgt hatten, sagte er nichts als »Nein«.
Dies tapfere »Nein« wurde von Brennstoff dem Musikdirektor überbracht, der sich darüber weidlich austobte. –
Dies Toben hinderte ihn aber nicht, mit feinstemVerständnis den Knaben weiter zu führen, ihm alles zu geben, was er selbst besaß an technischem Können und tiefer Auffassung, und so reifte Bertold Eik zum Künstler heran, ohne daß man in Schwarzhausen eine Ahnung davon hatte, ja ohne daß er selbst es wußte. Auf diese Weise gab er reiche Sonne in die Herzen der drei alten Hüter seiner Jugend, und seiner Mutter ernste Augen lernten das Lachen. Die Musik und die Natur, – das waren Jung-Bertolds Zerstreuungen, beide gaben ihm Reichtümer und blieben doch selbst unerschöpflich reich und groß.
Die beiden alten Freunde führten ihn mit sorglichen Händen, auf daß Seele und Körper zugleich gediehen, und so kam es, daß gute Schulzeugnisse und schöne Prämien für Bertolds Wohlverhalten nach Schwarzhausen geschickt wurden, von denen aber nur der Großvater etwas erfuhr. Für die Schwarzhausener war und blieb Bertold der geheimnisvolle Tunichtgut und manchesmal des Abends, wenn die Bürger vor ihren Türen saßen und über das Wohl und Wehe der Stadt berieten, legten sie den Finger an die Nase und versuchten ein weises Gesicht zu machen: »Der alte Eik wird immer reicher. Aber ins Grab kann er nichts mitnehmen! Was wird aus dem vielen Gelde, dem großen Besitz und den Fabriken, wenn der schlechte Kerl, der junge Bertold, einmal alles bekommt?«
In den Ferien kam Bertold nicht nach dem Eichenborn und nicht nach Schwarzhausen. Sobald der Schulschlußda war, erschien sein Mütterchen und reiste mit ihm. Sie zeigte ihm das Thüringerland mit all seiner schlichten Schönheit, sie lehrte ihn die Heimat lieben und feste Wurzeln in ihr schlagen. Sie gab ihm hohe Vorbilder in guten, großen Menschen, die alle der Thüringer Mutterboden getragen und genährt, und stählte in ihm den Willen, diesen Großen nachzueifern. – Die Bücher, von Rektor Tüllen und Brennstoff sorglich ausgewählt, wurden nicht mit auf Reisen genommen, – Frau Franziska liebte nicht dies bequeme, elterliche Mittel, Störenfriede auf längere Zeit unschädlich zu machen, – sieerzähltedem Knaben. Durch scharfe, feine, kluge und gute Mutteraugen hindurch lernte er die Märchengestalten, die Helden der Sage und die Großen der Gegenwart, betrachten. Kehrte er dann in die Einsamkeit der großen Stadt und in die seines Studierstübchens zurück, im Herzen noch das Trennungsweh vom Mütterchen, dann holte er sich ein gutes Buch, schaute seine geliebten Helden mit geschärftem Verständnis und ließ sich von ihnen wieder zur Mutter führen. Für Bertold war ja sein Mütterchen der größte und liebste Held. Sie litt körperlich viel und sah oft leidend aus, aber sie klagte nie, sie litt seelisch unter dem gewiß oft harten Großvater und schien viele, ach so viele trübe Erinnerungen zu haben, aber immer erzählte sie Gutes und Liebes vom Eichenborn und seinen Bewohnern, so daß Bertolds Heimatliebe wachsen und erstarken konnte. Die Mutterpredigte nicht langweilige Moral, sielebtealle ihre Ermahnungen und guten Worte selbst vor, – wie hätte ihr Junge da nicht nachleben sollen? Und wie die Mutter so gehorsam gegen Gott war und sich beugte unter seinen Willen, so lernte Bertold nach diesem Vorbilde Gehorsam und straffe Selbstzucht. – – –
Innerlich unendlich reich kehrte Frau Franziska immer heim und ließ ihren Knaben gewachsen und reifer zurück. –
Trotz alledem behaupteten die Mitschüler in E.: »Der Eik hat was zu verbergen«.
Der Jähzorn war’s, den er verbarg, der ihn noch oft peinigte und quälte, den er doch Mütterchen zulieb als erstes bezwingen wollte.
Viele Anfechtungen hatte er durch ihn noch zu bestehen, und besonders bei rohen Handlungen seiner Mitschüler, bei Tierquälereien und häßlichen Lügen geriet er noch immer außer sich.
Und die tägliche Übung der Selbstüberwindung nahm ihm viel Kraft fort, er blieb schmal und mager, und trotz sorgsamer Pflege schauten seine großen, dunklen Augen ernst und viel zu düster aus seinem jungen Gesicht.
Aber Bertolds Körper war sehnig dabei, nicht schlaff, et turnte gut und gern und hob große Lasten ohne besondere Anstrengung. –
»Der Eik hat was zu verbergen.«
Dies war das einzige, was von allen Dingen, dieBertold tat oder versäumte, nach Schwarzhausen gelangte, und es wurde in allen Kaffeegesellschaften erzählt, besprochen, weise belächelt und als bestehende und längst bekannte Tatsache angesehen.
Und er hatte in Wahrheit etwas zu verbergen, drei Dinge: Den Jähzorn, Puppe Emmy und einen Brief, einen langen, einzigen Brief der früheren Gespielin, die er nun sechs Jahre nicht mehr gesehen hatte. Das Papier mit der festen Kinderhandschrift war nicht mehr ganz sauber, es war ja schon mehrere Wochen alt und vielfach von Bertold selbst aufgeplättet worden, wenn er es verknüllt unter seinem Kopfkissen hervorgezogen hatte. Die gute Hauswirtin, welche ihre fünf möblierten Zimmer noch nie so vorteilhaft vermietet hatte, wie diesmal an die beiden ruhigen Herren Lehrer und den braven, stillen, blassen Zögling, wußte schon immer Bescheid, wenn der Junge mit seinem immer dunkler werdenden Papier in ihre Küche kam: »Wenn ich bitten dürfte um ein Plätteisen!« Die brave Frau glaubte freilich, es sei mindestens ein wertvolles Dokument, das der »Jungherr« nicht von sich ließ, und hatte sich eine ganze Legende selbst gedichtet um dieses Papier, Testament oder unersetzliche Urkunde.
Den Jähzorn und Puppe Emmy kannten seine beiden Erzieher, aber diesen Brief kannte nur Liselotte, der liebe Gott und er, Bertold: »Lieber Bertold, ich soll fort in Pension, weil Base Juliane nicht mehr mit mir fertig werden kann. Sie kann schon, aber dieSchwarzhausener wollen es. Es geht mir nun wie Dir, und deshalb schreibe ich Ihnen. – Ich soll nämlich ›Sie‹ zu Dir sagen, sagt die Gouvernante, und ich hatte es wieder vergessen. Nämlich ich habe eine Gouvernante, und wir sind nun fünf Frauenzimmer und nur der eine Papa. Die Gouvernante sagt, Du würdest jetzt auch im Gymnasium ›Sie‹ genannt mit fünfzehn Jahren und Sie müßten jetzt auch ›Sie‹ zu mir sagen. Ich hoffe, daß Du das nie tun wirst, ich würde es gemein finden. Wie siehst Du jetzt aus? Es ist schon wieder vor acht Tagen ein neues Bild von mir gemacht worden, und ich hätte es Ihnen gern geschickt, aber die Gouvernante sagt, es wäre der Gipfel der Pöbelhaftigkeit, wenn ein Mädchen einem Jungen ein Bild von sich schenkte. – Du siehst daraus, daß sie überhaupt sehr viel sagt. Aber ich will nichts über sie sagen, denn es soll edle und wohltätige Gouvernanten geben, meine ist es noch nicht. Lieber Bertold, wenn Sie es keinem Menschen und sonst auch niemand wieder erzählen, dann möchte ich es Dir allein kund tun, daß ich meine alte Puppe Emmy nicht wiedergefunden habe. Ich habe viele Jahre so gespielt, als ob sie von Zigeunern geraubt wäre, weil sie so schön und gut war. Aber es ist mir ein Rätsel. Dein Großvater ist ja auch eigentlich kein Zigeuner. – Ich mochte ihn auch beinahe immer so gern wie Dich, aber wir kommen nie mehr zusammen. Niemand hier versteht meinen Schmerz. Und nun soll ich in Pension, – von meinem Väterchen fort, undkein Mensch beschützt mich, sondern Papa steckt sich Watte in die Ohren, wenn ich tobe, und die Base und die Gouvernante blasen in ein und dasselbe Horn. Die Gouvernante will nämlich ihre letzten Nerven noch in Ruhe genießen, so ähnlich hat sie sich ausgedrückt. Wir haben immer sehr schöne Ferien gehabt und der Hans von Windemuth, – nein, ich glaube – ich darf Dir nichts darüber schreiben, denn sie sind alle noch genau so böse wie vor sechs Jahren auf Dich und höchstens noch mehr. Aber Hans’ Wunden von Dir sehen schneidig aus, wie’n Korpsstudent.
Und indem ich noch zum Schluß mit einer Kusine zusammen in die Pension komme, bleibe ich Deine
Liselotte Windemuth.
P.S. Es ist niemand gestorben in Schwarzhausen, und ich weiß meine neue Adresse nicht richtig, und ich grüße Dich! –«
O gewiß, es war nur ein dummer Brief eines kleinen Mädchens, aber er war so ganz aus der echten Liselotte heraus geschrieben. Mit diesem Briefe in der Hand träumte sich Bertold in die kargen Freudenstunden seiner Kindheit zurück, und all das Trübe und Häßliche versank in den äußersten Winkel des Erinnerns.
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