Chapter 15

Schwarzhausen alterte nicht. Es blieb jahraus, jahrein das hübsche, schmucke Städtchen, dessen äußere Schäden sofort von einem aufmerksamen Magistrat ausgebessertwurden. Und innere Schäden wurden überhaupt selten bemerkbar, nur einem Fremden hätte es auffallen müssen und auch dann nur, wenn er sich allsonntäglich in der Stadtkirche die Predigt des alten Pfarrers Klingenreuter angehört, daß das Thema vom Balken und Splitter, vom Zöllner und Pharisäer und von den neunundneunzig Gerechten gar so oft wiederkehrte. Aber Fremde setzten sich nicht in die Stadtkirche, sondern stiegen zu den Bergen und Wäldern empor, und die Einheimischen hörten die Predigt, weil die gute Sitte es wollte, und bezogen die Pharisäer nicht auf sich. Denn es war ja des Pfarrers Beruf, von der Sünde zu reden, auch wenn diese nirgends vorhanden war. Also blieb Schwarzhausen leichten Gemütes, hatte ruhige Nächte, führte eine gute Küche und erhielt sich jung. Irgend ein moderner Leichtfuß war zwar einmal nach Schwarzhausen gekommen und hatte im großen Saale des Gasthauses zur Thüringer Edeltanne viel hohe Worte von Luftkurort und Sanatorium geredet und sich erboten, Bohrungen auf Solequellen vorzunehmen, aber er war bald wieder mit »dickem Kopfe« abgezogen, trotzdem er schwindelnd hohe Zahlen vor den Augen und Ohren der Zuhörer aufgebaut hatte. Nicht niedergeschrien wurde er, denn die Schwarzhausener waren durchaus nicht für Schreien und Lärmen, sondern einfach niedergeschwiegen. Erst nachher hielt noch der wohllöbliche Magistrat eine Sitzung ab und verständigte sich mit ein paar Wortensofort, daß sie die gute Thüringer Luft selbst brauchten, daß sie auch ohne Solbäder gesund seien und daß sie wohlhabend genug wären, um keine Sommerfremden zu brauchen. Dann redete man noch ein Weilchen über den Brief, der vom alten Herrn von Eik eingegangen war, und worin er der Stadt einen bedeutenden Zuschuß anbot, falls die Bohrungen vorgenommen würden, kopfschüttelte, zuckte die Achseln und legte den Brief zu den Akten. –

Schwarzhausen alterte nicht. Es blieb jahraus, jahrein das hübsche, schmucke Städtchen, dessen äußere Schäden sofort von einem aufmerksamen Magistrat ausgebessertwurden. Und innere Schäden wurden überhaupt selten bemerkbar, nur einem Fremden hätte es auffallen müssen und auch dann nur, wenn er sich allsonntäglich in der Stadtkirche die Predigt des alten Pfarrers Klingenreuter angehört, daß das Thema vom Balken und Splitter, vom Zöllner und Pharisäer und von den neunundneunzig Gerechten gar so oft wiederkehrte. Aber Fremde setzten sich nicht in die Stadtkirche, sondern stiegen zu den Bergen und Wäldern empor, und die Einheimischen hörten die Predigt, weil die gute Sitte es wollte, und bezogen die Pharisäer nicht auf sich. Denn es war ja des Pfarrers Beruf, von der Sünde zu reden, auch wenn diese nirgends vorhanden war. Also blieb Schwarzhausen leichten Gemütes, hatte ruhige Nächte, führte eine gute Küche und erhielt sich jung. Irgend ein moderner Leichtfuß war zwar einmal nach Schwarzhausen gekommen und hatte im großen Saale des Gasthauses zur Thüringer Edeltanne viel hohe Worte von Luftkurort und Sanatorium geredet und sich erboten, Bohrungen auf Solequellen vorzunehmen, aber er war bald wieder mit »dickem Kopfe« abgezogen, trotzdem er schwindelnd hohe Zahlen vor den Augen und Ohren der Zuhörer aufgebaut hatte. Nicht niedergeschrien wurde er, denn die Schwarzhausener waren durchaus nicht für Schreien und Lärmen, sondern einfach niedergeschwiegen. Erst nachher hielt noch der wohllöbliche Magistrat eine Sitzung ab und verständigte sich mit ein paar Wortensofort, daß sie die gute Thüringer Luft selbst brauchten, daß sie auch ohne Solbäder gesund seien und daß sie wohlhabend genug wären, um keine Sommerfremden zu brauchen. Dann redete man noch ein Weilchen über den Brief, der vom alten Herrn von Eik eingegangen war, und worin er der Stadt einen bedeutenden Zuschuß anbot, falls die Bohrungen vorgenommen würden, kopfschüttelte, zuckte die Achseln und legte den Brief zu den Akten. –

So fand der junge Bertold Eik von Eichen ein ganz unverändertes Bild, als er nach neun Jahren zum erstenmal seine Heimat wieder betrat.

Nur er selbst war anders geworden. Hochgewachsen und gut gebaut, überragte er seine Altersgenossen weitaus. Das zielbewußte Arbeiten, das Vertiefen in gute Musik und das anstrengende Üben hatten ihm etwas Vergeistigtes gegeben, das gut zu seinem scharf geschnittenen Gesicht paßte. Von Traumseligkeit war nicht mehr viel zu entdecken in seinen dunklen Augen, – etwas nachdenklich konnten sie blicken, waren aber sonst scharf und sogar ein wenig spöttisch. Frau Franziska hatte leicht ihre kühlen, weißen Hände auf diese Augen gelegt bei der ersten Begrüßung.

»Was ist denndahineingekommen?« fragte sie forschend.

»Nun, – was sieht mein Mütterchen darin?«

»Zuerst mich selbst, Gott Lob und Dank!« meinte die Mutter, »aber dann noch tausend Teufelchen.«

Da war das alte, echte Knabenlachen erklungen, das sie so sehr liebte, und welches sie gleich beruhigte.

»Mütterchen, kam dir Schwarzhausen nicht heute etwas wie eine Humoreske vor?«

Sie hatte wohl dasselbe gedacht, aber doch schmerzte sie der Ausspruch aus seinem Munde. »Sahst du nichts anderes in deiner Heimat?« fragte sie mit leisem Vorwurf.

»Mütterchen, ich sah zuerst nurdich,« entgegnete er frohmütig und umschlang sie mit beiden Armen, »du wirst bei jedem Wiedersehen schöner!«

Frau Franziska lachte nun doch ein wenig. »Und was sahst du dann, du Schelm?«

»UnseraltesSchwarzhausen! Das aussah, als hätte man es vor neun Jahren in eine Spielzeugschachtel gelegt, den Deckel fest draufgedrückt, damit kein Staub darauf falle, und es nun herausgeholt frisch und neu zu Ehren des Herrn Abiturienten Bertold Eik.«

»War es ein gutes Examen, Bertold?«

»Ja, Mütterchen! Nicht mit Befreiung vom Mündlichen. Weißt du, das litten Johann Sebastian Bach und der alte Musikdirektor nicht; beide wollten mir die Chaconne einverleiben, die ich vor Meister Joachim spielen soll, ehe ich nach Bonn gehe. Im übrigen war ich ja nie ein Musterbub’ und hab’ mich auch in Mathematik und Geschichte elend verhauen. Da hieß es denn: ›Antreten zum Mündlichen‹. Aber oberfein war’s. Da konnte man erst zeigen, was manintushatte. Wir kreuzten nicht schlecht die Klingen, die Herren Schulmonarchen und wir sieben.«

»Sind alle durchgekommen?«

»Freilich, Mütterchen! Wir gaben ihnen aber Nüsse zu knacken!«

Frau Franziska lachte. »Oder sie euch, mein Junge.«

»Ergo, es war famos.«

»Und wie nahmen die Lehrer deinen Entschluß auf, später dem Eichenborn vorzustehen?«

»Mütterchen, – der prächtige Doktor Gabriel war eigentlich der einzige, der so mit mir drüber sprach, wie es nottat. Im ganzen finde ich’s ja nett, daß es in E. noch so patriarchalisch zugeht und die Tyrannen der Schulbank so gemütlich mit den Mulis zusammenkommen, – aber nur Doktor Gabriel sprach mir ernstlich zu, bevor ich zur Universität gehe, noch mal vor den Großvater zu treten, ihn zu bitten: ›Laß mich Musiker werden!‹ Und dabei das stramme und doch gütige Wort: ›Kopf hoch, Eik!‹ Das tat mir wohler, als die Moralpauke über das vierte Gebot, die mir Doktor Mops und die Schildkröte hielten. Ebenso gaben der Patagonier, der Gesprächsgegenstand und der Schreibkrampf noch ihren Senf dazu. Ach, und mir nützt das so gar nichts!«

Bertold sah mit einem Male sehr bekümmert aus. »Ich weiß nicht, Mütterchen, ob du mich verstehst, wie mir zumute ist, so abseits zu stehen, wenn die andern mit tausend Masten segeln.«

»Hat Doktor Gabriel keinen Spitznamen?« fragte Frau Franziska, sehr beflissen, Bertolds Gedanken von seinem letzten schmerzlichen Ausruf fortzulenken.

»Freilich, Mütterchen, – Erzengel heißt er, und – und er möchte so gern mit Großvater sprechen – –«

»Bertold! Wenn du ihm und uns doch das ersparen könntest! Kannst du dem Großvater nicht wenigstens deinen guten, ehrlichen Willen zeigen?«

»Mütterchen, ichhabehierin keinen guten ehrlichen Willen. Sieh’, ich würde ja gern die Universität beziehen, wenn ich Arzt werden dürfte. Lieber als alles aber ist mir die Musik. Darf ich weder Arzt noch Musiker werden, dann ist mein Platz auf Eichenborn, wo junge Kräfte unbedingt nötig sind. Für Frau Musika und für Eichenborn sind die zwei Universitätsjahre vergeudete Zeit.«

»Und für dich?«

»Für mich auch, – – das heißt – – Mütterchen, – ich habe nun mal kein Verständnis für Familienüberlieferungen, die einen so dingfest machen, wie mich jetzt eben.« Bertold lief im großen Zimmer auf und ab, genau wie es der Großvater tat, wenn er erregt war.

»MeinJunge!« – Frau Franziska streckte ihm bittend die Hände entgegen, und er hielt in seinem Sturmschritt inne. »Gott weiß, ob ich dich verstehe. Aber, – was wir haben und sind, verdanken wir deinem Großvater. Ich – – ich – sieh’, Bertold, – ichwüßte gar nicht, wo wir die Mittel zum Studium hernehmen sollten, wenn wir uns gegen meinen Vater vertrotzten.«

»Das verstehe ich nun wieder nicht,« fiel Bertold erregt ein. »Soviel ich weiß, war deine Mutter doch, wie alle Dannenbergs, sehr reich, – – hat denn mein Vater alles – – ich meine – – –«

Frau Franziska war sehr blaß geworden. »Das war ein Irrtum, Bertold, Mutter war nicht reich, nicht einmal wohlhabend, – – ich bin ganz arm – –«

Bertold schüttelte den Kopf und seufzte. »Der ganze Eichenborn ist ein Geheimnis,« meinte er sinnend. »Es müßte schön sein, Mütterchen, wenn man einmal alles wüßte und Unrecht von Recht sondern könnte. Und dann allen Menschen klar in die Augen sehen. Manchmal habe ich schon gedacht – – es klebe unrecht Gut –«

»Bertold! Nein, nein! Sieh’ auf deine Worte! Wenn dich der Großvater hörte!« Franziska zog ihren Sohn neben sich auf das niedrige Sofa. Da hatte sie oft mit ihm gesessen, als er noch ein kleiner Junge war, – Bertold liebte das alte Möbel mit seinen vielen Erinnerungen. »Nein, mein Junge, – unser Eichenborn trägt kein unrecht Gut. – Viel, viel Schuld und Fehle anderer Art wohl – – verjährte Geschichten, aber die sollen meines Bertolds Augen nicht verdunkeln.« Sie küßte ihn, und er atmete erleichtert auf.

Frau Franziska lehnte ihren Kopf an Bertolds Schulter. »Wie gern hülfe ich dir! Ich leide am meistenunter meiner Armut und – daß ich meinem Einzigen nicht helfen kann.«

Bertold umschlang sie fest mit beiden Armen. »Dusollst nicht leiden, Mütterchen,« rief er zärtlich und küßte sie knabenhaft stürmisch. Dann bettete er sie wieder sorglich an seine Brust und sah auf den lieben, schönen Kopf herunter. War es denn möglich, daß sich schon so viele weiße Fäden durch das dunkle Gelock zogen? Wie er seine Mutter liebte! Wie viel sie gelitten haben mußte! Durch ihn, Bertold, sollte ihr nur Freude und Gehorsam kommen, das war sein Entschluß.

»Jetzt sage ich zudir: ›Mütterchen, Kopf hoch!‹« versuchte er zu scherzen. »Wir wollen nachher zum Großvater gehen und alles Nötige wegen Bonn besprechen. Vielleicht kommt ihm auch selbst der Gedanke, daß ich hier am nötigsten bin.«

Frau Franziska sah halb zweifelnd noch in das liebe, ehrliche Gesicht ihres Jungen. Aber darin war nur ein fester Entschluß und mannhafte Entsagung zu lesen. »MeinJunge!«

»Mütterchen?«

Sie sahen sich beide wieder froh in die Augen und dachten nur daran, daß sie beisammen waren.

Nach einer langen Weile des Schweigens meinte Frau Franziska: »Sahst du die Liselotte Windemuth, als wir an der Kirche vorüberfuhren?«

»Ja, Mütterchen.«

»Sie ist groß geworden und sehr hübsch, Bertold.Das lange, schwarze Kleid veränderte sie heute etwas, und die Feierlichkeit der Konfirmation lag noch ganz auf ihrem Schelmengesicht.«

»Wie ist sie innerlich, Mütterchen?«

Die Frage klang seltsam, und ein Ton schwang mit – Franziska hätte keine Frau sein müssen, um die Worte nicht sofort als etwas Besonderes aufzufassen. Sie hob den Kopf von der Schulter ihres Jungen und sah ihn prüfend an. Da wurde er rot bis unter den dunkeln Lockenschopf.

»Deine erste Liebe, Bertold,« neckte die Mutter zärtlich. »Wie sie sich entwickelt hat, die kleine Liselotte? Nun, wie ein Mädchen, das keine Mutter hat und sich immer im Kampf mit halbgebildeten Hausunken befindet. Wie ein Mädchen, das einen Vater hat, der in ihr den ersehnten Buben vermißt und sie mit Gelehrsamkeit vollpfropft, – einen Knopf wird sie sich wohl nicht annähen können.«

»Mir schien, sie hatte heute alle Knöpfe am Kleidchen,« bemerkte Bertold mit leisem Humor, und die Mutter lächelte.

»Willst du damit sagen, daß sie sehr ›zugeknöpft‹ war?« neckte sie. »Aber ich will Liselotte nicht verkleinern, Bertold. Sie ist anders als die Schwarzhausener Mädchen, und das kann ihr ja nur zum Vorteil gereichen. Und aus der Pension, wo das arme Geschöpf sechs Jahre verbleiben mußte, ist sie verändert wiedergekommen.«

»Verbildet? Mütterchen?«

»Nein, im Gegenteil. Das ›arm‹ bezog sich auf die Tatsache, daß man so ein Mutterloses zu lange dem Vaterhause entfremdete. Aber dem alten Jüngferchen, das dem Institut vorstand, verdankt Liselotte viele unvergängliche Werte. ›Mütter werdengeboren‹, sagt irgend ein Großer, und diese alte Jungfer war eine echte Mutter!«

»Woher weißt du das alles, Mütterchen?« Bertold drückte die Erzählende plötzlich zärtlich an sich, so als wäre der Ausspruch über jenes alte Jüngferchen überaus beglückend für ihn.

»Von Liselotte selbst. Wir treffen uns manchmal am Tempel der Geselligkeit unten im Park. Ich las diesen Namen in der Eikchronik. Es waren damals wohl andere Zeiten für die Eiks, – jetzt könnte man ihn Tempel des Schweigens nennen.« Frau Franziska seufzte.

Sie löste sich leicht aus den Armen ihres Sohnes und strich sich Haar und Kleid glatt. Denn es hatte an die Tür geklopft; der junge Diener meldete irgendeinen Namen, und vor Mutter und Sohn stand gleich darauf eine hochgewachsene, schlanke Mädchengestalt.

»Ich wollte meinen Dank für die Blumen selbst bringen,« sagte Liselotte Windemuth.

Die Einleitung war nicht sonderlich geistreich oder verblüffend, aber Bertold wußte nicht ein Wörtchen zu entgegnen oder sich selbst mit irgendeiner passendenRedensart nach neun Jahren wieder vorzustellen. Er, der den Herren Examinatoren »Nüsse zu knacken« gegeben, stand blöde und stumm vor der Jugendgespielin.

Liselotte sah nicht gerade freundlich auf ihn hin. Sie hatte sich von den Gratulanten fortgestohlen und selbst dem amüsanten, strahlenden Leutnant Hans von Windemuth den Rücken gekehrt, um Bertold in der Heimat willkommen zu heißen. Er war ihr ja fremd geworden, aber es war so eine Art heißer Trotz gewesen gegen den moralischen Dünkel der Schwarzhausener, sich plötzlich zu den Eiks zu bekennen, gerade als man den heimgekehrten Bertold wieder einmal zwischen die Scheren nahm.

Und nun tat der einstige Freund nicht dergleichen, stand abseits mit seinem düstersten Gesicht und schaute sie an, als empfände er ihre Störung höchst lästig, ja als wollte er sie beinahe verschlingen. Von beidem war ein Körnchen Wahrheit vorhanden, – dem Bertold war unglaublich beklommen zumute, und dabei fand er doch die erwachsene Liselotte mit dem Mozartzopf und den großen Schleifen so wunderniedlich, daß er sie nur immer und immer anschauen mußte. Es war ja die alte Liselotte, und sie war es auch wieder nicht. In die Augen des jungen sechzehnjährigen Menschenkindes war etwas getreten, ein Ausdruck, den sich der Achtzehnjährige nicht zu deuten wußte. Denn er sah beinahe wie »Hunger« aus, und wonach hätte die Liselotte wohl hungern sollen?

Sogar eine große Erbschaft hatten die Windemuths gemacht, und Liselotte plauderte sehr unbefangen über ihre veränderten Verhältnisse, daß sie nun mit dem Vater reisen wolle durch das In- und Ausland, erzählte auch, daß ihre Konfirmation eine Art von Familientag bedeute, denn durch die Erbschaft seien die adligen Windemuths arg benachteiligt worden, und da sollte nun ein Vergleich geschlossen werden.

Aber was sie auch plauderte, es riß Bertold nicht aus seinem schweigenden Anstarren, denn weit interessanter als die Erbschaft dünkten dem Jungen die blonden, eigensinnigen Löckchen, die sich so lieblich über der weißen Mädchenstirn krausten, und die trotzigen, stahlblauen Augen, in die richtig hineinzuschauen er sich doch nicht einmal getraute. – Zwei Dinge, zwei sonst so sehr wichtige, waren überhaupt im Gespräche nicht berührt worden: die Geige – und Puppe Emmy.

»Du warst nicht höflich zu Liselotte,« meinte Frau Franziska nachdenklich-vorwurfsvoll zu ihrem Jungen, als der Besuch sich entfernt hatte.

»Höflich? Zu Liselotte?Höflich???« fragte Bertold verblüfft. Er hätte am liebsten den ganzen Tag immerfort gestaunt und hätte es für das einzig Richtige gehalten, mit diesem kleinen, süßen Mädchen gar kein einzig Wort zu reden, es nur immer anzusehen und zu bewundern. Höflichkeit war für irdische Menschen, aber nicht für den ersten Engel, der zum Eichenborn herniedergestiegen war.

Tief enttäuscht schritt Liselotte heim.

Ihr Hinüberlaufen in den Eichenborn war ganz impulsiv gewesen. Sie hatte den Jugendfreund sofort erkannt, als sie aus der Kirche trat. Er saß neben seiner Mutter im Eikschen Viktoriawagen mit den stadtbekannten schönen Apfelschimmeln, und die festen hellen Koffer mit den leuchtenden Messingbeschlägen schienen vom Kutschbock herunter zu lachen: »Bertold kommt wieder.« Und nun war ersowiedergekommen.

So düster und ungesellig wie nur je. Steif und fremd hatte er dagestanden, – oh und sie hätten sich doch eine Menge zu erzählen gehabt! Liselotte dachte gar nicht entfernt mehr daran, daß sie ja ursprünglich das »Karnickelchen« gewesen war, sie tobte sich rechtschaffen aus und arbeitete sich in einen tiefen Groll gegen den »Unnahbaren« hinein.

Wäre sie doch nur nicht zuerst in den Eichenborn gegangen!

Hätte sie doch lieber erst Vetter Hans ins Vertrauen gezogen!

Neun Trennungsjahre hatten doch wohl eine zu tiefe Kluft gerissen, und ihr lebhaftes Temperament hatte diese zu rasch überbrücken wollen. Nie, nie würde sie wieder ungebeten den Eichenborn aufsuchen, nie!

Und sie, Liselotte Windemuth, glaubte nun auch, was sich alle von Bertold erzählten: Düster und greulich und hochmütig war er und – – –

So kam es, daß, als Bertold sich in seinen Träumenrecht eng mit der Jugendgespielin verknüpft fühlte, er in Wirklichkeit weit – weit ab von ihr weilte. –

Haus Eichenborn versank nach Bertolds Abgang zur Universität noch ein wenig mehr in Dornröschenschlaf.

Von außen und in einzelnen Teilen auch von innen, hätte man es mit Recht für ein verwunschenes Schloß halten können, besonders, wenn man Fräulein Adelgundes graue Gestalt am Spinnrade erblickte, oder wenn man die alte Dame vor Beethovens Spinettchen sitzen sah, das unter dem weichen Anschlag ihrer runzeligen Hände zitternde Klänge hinaussandte durch das rosen- und efeuumrankte Fenster in den stillen verwachsenen Park.

»Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten, Adelaide – –«

Und von Beethoven, dem alten Meister, war es der Spielenden nur ein kurzer Gedankensprung zu dem lieben Jungen, dem die Musik eine Kapelle und Beethoven der Heilige darin dünkte. Tante Adelgunde hatte es dem Knaben nie vergessen, daß er sich einst nicht würdig genug befunden hatte, die Tasten auf dem Spinett zu berühren, das Beethovens Hände gemeistert.

Mit klaren Augen und scharfen Ohren, zu denen sich ein junges, warmes Herz gesellte, verfolgte die beinahe Neunzigjährige den Lebenslauf des Großneffen.

Seine Briefe aus Bonn waren stärkender Wein und heilkräftige Arzeneien für sie; Frau Franziska mußte ihr jede Epistel des Fernen bringen und ihrvorlesen, dann wurde sie abends vor dem üblichen Schachspiel dem Bruder noch einmal laut verlesen, hierauf nahm Tante Adelgunde den Brief mit in ihr Schlafgemach und plauderte noch mit Frau Therese Teichmann, während diese ihr kleine Handreichungen verrichtete, über den Studenten, der beiden so sehr ans Herz gewachsen war. Die Ferien führten Bertold nur auf kurze Tage in den Eichenborn, die übrige Zeit dagegen hinaus in Gottes weite Welt. Und auch hier war wieder seine Mutter sein treuer Reisekamerad, der mit so feinem Verständnis dem Jüngeren sich anpaßte. Frau Franziska hatte auch an manchem Kommers, sowie an einigen Ausflügen teilgenommen und die Kommilitonen verehrten die schöne, ernste, jugendliche Mutter des Eik und achteten das enge, innige Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. –

Freundschaften wurden geschlossen und begeisterte Berichte hierüber von Bertold heimgesandt, die die Vortrefflichkeit des Erkorenen in begeisterten Worten schilderten, nie aber spielte irgend eines der schönen, lebhaften, übermütigen, rheinischen Mädchen eine bedeutendere Rolle in Bertolds Leben, so scharf auch Frau Franziska beobachtete, wenn sie ihn in Bonn besuchte, und so aufmerksam sie auch zwischen den Zeilen seiner Briefe las.

Trotzdem munkelten alle Schwarzhausener Bürger von einem tollen Liebeshandel, als Bertold ein Säbelduell mit einem blutjungen Husarenoffizier austrug.

Bertold lag sehr lange in der Klinik, und dann hatte er eine tiefe Narbe über der Stirn von der dunkeln »Tolle« bis zur kühngezeichneten, dichten Augenbraue des linken Auges … das war wieder einmal etwas für das Städtchen.

Dieses letzte hatte ja noch gefehlt zur Charakteristik des bösen Buben: »cherchez la femme!« Noch so jung – und schonsoEtwas.

Was dies Etwas gewesen war, wußte man nicht genau, aber man redete doch laut und zischelte leise über das schwarzhaarige, junge Ding in Bonn am Rhein, das den jungen Eik betört, um derentwillen der Zweikampf mit dem Offizier stattgefunden hatte.

Auch Base Juliane verfehlte nicht, den interessanten Fall dem Professor Windemuth mitzuteilen und Liselottes Gesicht überflog jedesmal eine brennende Röte, wenn sie den Namen des Jugendgespielen nennen hörte, beinahe immer mit einem Zusatz, von denen noch der mildeste war: »Kind, den jungen Eik guck’ nur nie wieder über’n Weg an. Wiedersich aufführt! Wenn wir noch nicht genau wußten,werder schlechte Kerl in Eichenborn ist, jetzt wissen wir’s.«

Professor Windemuth schüttelte in ehrlichem Bedauern den Kopf. »Schade, schade um den Jungen! Ein begabter Mensch! Ein hübscher Kerl! Ein musikalisches Genie, und nun will er sich zum Raufbold auswachsen? Schade um die nutzlos vergeudete Kraft!«

Liselotte war und blieb ein wunderliches Ding. Sievergoß sogar heimliche Tränen über den Bertold Eik, trotzige Tränen, über deren Ursprung sie sich gar nicht klar wurde. Sie führte auch immer noch gelegentliche Selbstgespräche, was sie bei Base Juliane erst recht in den Geruch einer »überspannten Lise« brachte, und da Puppe Emmy schon so lange tot und verschwunden war, hielt sie Zwiesprache mit Bäumen und Blumen und irgendeiner unsichtbaren Person, zu welcher sie ehrlich sagte: »Pfui schäm’ dich, Bertold!«

Als Bertold nach der Verwundung übersiedlungsfähig war, holte ihn Frau Franziska nach dem Eichenborn, um ihn gesund zu pflegen. Noch ein anderes Geschöpf kam ebenfalls zur Pflege nach Eichenborn, ein unglaublich häßlicher Pudel, der genau so verklebt und verbunden war wie der junge Herr von Eik, und von dem man munkelte, daß er dem »jungen, reizenden Ding vom Theater« gehört habe.

Bertold war ziemlich matt von Stubenluft und Blutverlust, er konnte wohl schon auf Stunden aufstehen, aber er streckte sich noch immer mit ganz besonderem Wohlgefühl in seinem Bette aus; vielleicht war ihm auch der Anblick seiner sorgsamen Pflegerin, Mütterchen genannt, ein ganz besonders lieber, den er auszukosten wünschte. Er brauchte nicht mehr so streng mit Gesprächen und Aufregungen verschont zu werden, sondern konnte schon wieder einen Puff vertragen und dieser Puff war ihm auch von Tante Adelgunde nicht vorenthalten worden.

»Schlachtergesellen sind vom Eichenborn seiner Lebtage nicht zu seinesgleichen gerechnet worden«, hatte sie mit ihrer feinen, dünnen, alten Stimme zu Bertold gesagt. »Und ihr Raufbolde habt euch wie Schlachtergesellen verhackstümmelt. Schäm’ dich! Der liebe Gott hatte dich als hübschen Jungen erschaffen, jetzt gibt dir kein einigermaßen hübsches Mädel je wieder einen Kuß.«

Wahrhaftig, der Junge konnte noch lachen, – nicht mal verlegen, sondern frisch, frei, frohmütig, so, wie nur er es verstand, echt aus dem Herzen heraus. »Wieder? sagst du? Wieder? Tante Adelgunde? Meiner Seel’, ich hab’ noch nie einen Kuß von einem Mädel gekriegt.«

Ganz ehrlich klang es, aber er brauchte doch nicht so krebsrot und verlegen hinterher zu werden, – es war also geschwindelt und Tante Adelgunde verließ ärgerlich und aufgeregt den Kranken.

Frau Franziska hantierte ruhig und ernst im Krankenzimmer und bereitete alles für die Nacht vor, die Bertold nun nicht mehr mit einem gelernten Wärter, sondern nur noch unter Obhut von Hieronymus Teichmann zubrachte, der im Nebenzimmer sein Lager aufgeschlagen hatte.

Bertold betrachtete sein Mütterchen mit einem humorvollen Lächeln.

»Wie schlecht du dich verstellen kannst, Liebstes«, meinte er leise und ergriff ihre Hand, die ein Glasfrischen Wassers auf das Nachttischchen setzte. »Deine Augen fragen den ganzen Tag und ebenso dein Mund, trotzdem er nur das Notwendigste mit deinem bösen Buben spricht. Soll ich nun jetzt antworten, Mütterchen?«

Frau Franziska beugte sich über ihren Sohn, sah ihm ein Weilchen in die Augen und küßte ihn dann auf die Stirn.

»Hast du esdochgemerkt, du Siebengescheidter?« lachte sie leise und verlegen auf, während helle Röte über ihr Gesicht flog. »Schön und gut, ich erwarte deine Beichte. Aber gleich eins sage ich dir vorher.« Frau Franziska reckte sich hoch auf. »Ich glaubenichtsvon dem Unsinn, den die Schwarzhauser über dich verbreiten und ich werde dir selbst nicht glauben, wenn du mir jetzt etwa tolles Zeug vorreden willst.MeinJunge bist du und ich bin dein treuer Kamerad. Unbesonnen und jähzornig kannst du handeln, aber nicht niedrig oder unritterlich, es ist einfach nicht möglich – und auch mit dem Mädel – ich glaub’s nicht, – mein Bub ist höchstens inmichverliebt, – gelt, Bertold?«

Ein wahres Leuchten zog über des jungen Burschen Gesicht. »Gibt es nun wohl nocheinesolche Mutter?« lachte er glücklich. »Wie du mich kennst, deinen wilden Jungen! Komm her, Altchen, ganz nahe zu mir.«

Er zog die Mutter auf die Bettkante, wo sie sichmöglichst bequem hinsetzte und schmiegte sich in ihren Arm. »Also nur neugierig ist meine kleine alte Dame?« fragte er zärtlich, – »kein bißchen mißtrauisch, trotz Schwarzhausen und angrenzender Raubstaaten? Aber ehe ich dir mein kurzes, gar nicht sehr interessantes Erlebnis schildere, muß ich erst von dir hören, wie rabenschwarz man mich in unserer lieben Vaterstadt anstreicht.«

Frau Franziska erzählte ruhig und sachlich. Es wurde ihr nicht ganz leicht, denn die Schwarzhausener waren hart und bös mit ihrem Jungen verfahren, und sie vermochte es nicht über sich, vor Bertold das ganze Gewebe von Häßlichkeiten auszubreiten. Immerhin blieb noch ein großer Teil unguter Verleumdungen übrig und Bertold mußte erst ein paar Mal rasch und heftig aufatmen und tapfer tausend Bitterkeiten hinunterschlucken, ehe er antworten konnte.

»Armes Mütterchen!« sagte er zuerst nur. Dann legte sich ein altmachender, verächtlicher Zug auf sein offenes Knabengesicht, so daß Frau Franziska sacht glättend mit der Hand über seine Stirn strich. Gerade diesen Zug mochte sie am wenigsten an ihm sehen, er tat ihr mehr weh, als irgend sonst etwas.

»Es ist eigentlich schade, daß die Leute ihre Phantasie an eine so kleine, unbedeutende Tatsache hängen,« meinte er spöttisch. »Du wirst lachen, mein Liebes, wenn du siehst, was für ein harmloses Mäuslein der kreisende Berg zur Welt bringt.«

»Je weniger es ist, desto lieber ist’s der Mutter von Bertold Eik,« erwiderte sie einfach, »erzähle mir alles.«

Nun ja, der Jähzorn war wieder einmal mit ihm durchgegangen, aber Mütterchen würde sich wahrscheinlich auch nicht beherrscht haben in solch unwürdiger Sachlage.

Bertold schmiegte sich wie ein Kind behaglich in den Mutterarm:

»Ein schöner, sonniger Morgen war’s,« erzählte er, »und ich wollte mir einen kleinen Brummschädel wegbringen durch rasches, kräftiges Zuschreiten. In der Nähe vom Münsterplatz, ich nicke immer gern dem Beethoven erst mal zu, ehe ich an mein Tagewerk gehe. – Da höre ich ein Jammergeschrei und Jammergeheul gleichzeitig von Mensch und Vieh und finde ein scheues, sich bäumendes Pferd, an dem ein Pudel unaufhörlich schnappend in die Höhe springt, und finde meine kleinefilia hospitalis– Mutterle, du kennst ja die schwarze Gretel – die hat die Leine verloren, an der sie den Pudel halten soll, und wie sie mich sieht, schreit sie wie besessen »Herr von Eik, Herr von Eik!« und fällt mir beinahe um den Hals. Helfen konnte ich gar nichts, der Offizier brachte sein Pferd selbst zur Ruhe, sprang ab und übergab es seinem Burschen, der hinter ihm ritt.

Aber nun nahm er den Pudel vor, der ja wohl auch Prügel verdient hatte, aber – – – brrr!« Bertold schüttelte sich. »Na Mutterle, du weißt ja, was fürein sieches, krüppeliges Jammergestell aus dem Pudel Fidelio geworden ist – – ich riß ihn dem Leutnant aus den Fäusten – – es war nicht schön, Mütterchen – – ja – so kams.«

»Ihr wurdet handgreiflich?« fragte Frau Franziska leise.

»Was heißt da handgreiflich – Mutterchen – zwei neunzehnjährige Kerle, denen beiden der Jähzorn im Nacken sitzt. Am andern Tag war das Duell – ich habe für mein Leben den scheußlichen Schmiß weg, der mir noch genug Kopfschmerzen machen wird, und dem Leutnant von Senz habe ich die Nase gespalten – – Tante Adelgunde hat ganz recht: ›Schlachtergesellen!‹«

»Du böser Wilder!« Frau Franziska strich sanft über die rote Narbe; »du wirst dich nun umlegen und ganz ruhig schlafen viele Stunden lang, damit das Fieber nicht wiederkommt.«

»I, das ist ja schon da, Mütterchen,« lächelte Bertold matt, »und da schadet es nichts, wenn ich dir noch rasch sage, daß die schwarze Gretel mir den zerschlagenen, geschundenen Pudel samt seinen gebrochenen Rippen schenkte, weil sie meinte, ich hätte ihr und ihm das Leben gerettet – – –«

»Schlaf, mein Junge!«

Frau Franziska erhob sich und verließ sacht das Zimmer. Vor der Tür lag Fidelio. Trotz seiner Schmerzen schleppte sich der kluge, häßliche Hund immer wieder in die Nähe Bertolds, und Franziska ließ denPudel gewähren, dessen Tage trotz guter Pflege gezählt waren – man hatte dem armen Tier gar so bös mitgespielt.

Sie dachte an die kleinefilia hospitalis, die ihre Nelken und Geranienstöcke am Fenster plünderte, damals als der Bertold in die Klinik kam – die Mutter mußte ihm jede Blüte mitgeben. So ein gutes, kleines, dankbares Ding! Und aus dem mageren, verwachsenen Persönchen, das im Theater in dem Garderoberaum mithalf, weil es zu schwerer Arbeit zu schwach war, hatten die Schwarzhausener ein »üppiges, tolles, schwarzes Theaterfräulein« herausphantasiert!

Gottlob, daß es Phantasie war. Sie tat ja weh, doch das würde vorübergehen – ihr Junge gehörte noch ihr, der Mutter, und das war für das Mutterherz die Hauptsache. –

Der Großvater sah Bertold erst, als er sich schon wieder zur Abreise nach der »Universität« rüstete. Diesmal setzte er sich selbst die Gänsefüßchen in Gedanken vor das Wort. Denn er mußte erst einmal drei Monate auf eine andere Art studieren, aber auch sein Mütterchen vermied das Wort »Festung« und sprach immer nur von der Universität Bonn.

Nun hatte Bertold sich noch durch Teichmann in einer kleinen Privatangelegenheit beim alten Herrn melden lassen und das Gespräch zwischen Großvater und Enkel war sonderbar genug.

»Ich hatte dir deinen Wechsel schon durch deineMutter zustellen lassen« – empfing Eikseniorden Enkel.

»Es bedarf nicht noch eines besonderen Dankes, Bertold. Was wünschest du sonst?«

»Die Erlaubnis, meinen Hund Fidelio im Park beerdigen zu dürfen, Großvater.«

»Deinen Hund? Ist es der schauderhafte Pudel, den du aus Bonn herschlepptest?«

»Jawohl, Großvater.«

»Man sagt – – hm – er hätte einem Frauenzimmer gehört? Ist’s so?«

»Ja Großvater.«

»Die dir wert war? Du fängst früh an, Bertold, ich wünschte, du ließest dir zu derartigen Sachen noch Zeit.«

»Mir war das Mädchen fast unbekannt. Ein armes, verwachsens Geschöpf, älter als ich – –«

»Du sprichst die Wahrheit? – –«

Diesmal folgte als Antwort nur ein fester Blick.

»Also wieder einmal Schwarzhausener Geträtsch?«

»Ja Großvater.«

Laut und bitter lachte der Alte auf. –

»Bertold, dein Weg wird wahrscheinlich noch rauher, als der meine es war. Verstehst du das, mein Junge?« Es war das erste Mal, daß eine so gütige Bezeichnung erfolgte und Bertold empfand es mit dankbarer Freude. »Du hast das unglückliche Temperament der Eiks, daneben aber noch einen ganz unvernünftigenIdealismus, der dir – hm – wohl von anderer Seite vererbt ist.«

Herr von Eikseniorschritt jetzt im Zimmer auf und ab, man sah, daß ihm die Trennung vom Enkel zu schaffen machte.

»Sich für ein unbekanntes, häßliches Weib aus dem Volke zersäbeln und außerdem drei Monate aufbrummen zu lassen, ist der Gipfel der Dummheit; auch für das Hundewrack, das du mit herschlepptest, fehlt mir das Verständnis, obwohl wir Eiks alle Ursache haben, die stumme Kreatur der schwatzenden, hechelnden, verleumderischen, hetzenden vorzuziehen. Deinen Begräbnisplatz für das Vieh sollst du haben, komm mit.«

Bald darauf standen Großvater und Enkel vor dem Gesellschaftstempelchen im Park, und Bertold sah sich nach einem geeigneten Platze um. Das tote Tier lag, in ein Leinentuch geschlagen, unter der Tannengruppe; Bertold hatte Schaufel, Hacke und Rechen mitgenommen.

»Hier!« rief der Großvater rasch und lebhaft und bezeichnete seinem Enkel die Stelle, wo dieser graben sollte. Bertold war es froh ums Herz, wie seit langer Zeit nicht. Er fühlte zum erstenmal bewußt, daß er dem alten Eik verwandt war und die Zukunft, in der er mit dem Großvater gemeinsam arbeiten sollte, sah ihn nicht mehr so fremd und kalt an. Mit jedem Spatenstich, den er tat, wurde es ihm freier ums Herz;es war ihm, als seien in dem verhüllten Bündel alle seine und Mütterchens Sorgen verborgen, die er nun für immer verscharren wollte.

Vielleicht bewegten den alten Eik ähnliche Gedanken, er erschien dem Enkel aufgeräumt und munter wie nie zuvor. Mit Interesse verfolgte er das Ausschaufeln der Grube, half dann dem Enkel die Last hineinzusenken und setzte sich beschaulich auf die Bank des Tempelchens. Als Bertold die Öffnung zuschaufelte, fiel ihm etwas auf.

»Großvater«, rief er lebhaft, »hier daneben ist noch ein Grab, – da liegt gewiß schon ein vierbeiniger Eichenborner Hausgenosse.«

Wie sonderbar doch der Großvater war! Er lachte mit einem Male rauh und schallend auf und schaute den Enkel belustigt mit wetterleuchtenden Augen an.

»Nein Bertold, da ruht eineStaatsdame«, rief er zurück, und dann sah ihn Bertold mit wuchtigen Tritten nach dem Herrenhause schreiten.

Kopfschüttelnd blieb der Enkel zurück.

***


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